“ Mitteilungen
Zitanifhen Litterarifchen Geſellſchaft.
a
Dritter Band.
(Heft 13—18.)
Heidelberg.
Carl Winters Aniverfitälsbuchhandlung.
(In Eommiffion.)
1893.
Inhalt.
I. Zur Geſchichte der Geſellſchaft.
Nr. Seite.
1b..u. 11. Sahresberichte für 1886/87 u. 1887/88. Bon Hoffheinz. . 94. 193
ic. 12. 18. 23. 30. 46. Raffenberihte. . . . . 99. 196. 315. 407, 466. 554
10. Sitzungsberichte über das Jahr 1887/88 . FE Ge es: 7°
19. 24. 31. 47. Zur Gefchichte der Gefelihaft . - . . . 816. 408. 467. 555
II. Leribaliſches und ——
15. Litauiſche Arzneinamen. Bon J. Sembriydi.. 249
28. Pruſſica. Von & €. Uhlenbeck. u 4149
38. Urfprung des Namens der Stadt Libau. Yon J. Koncewiez—. 538
43. v. Zur jemaitifchen Dialektologie. Von E. Wolter 546
III. Mythologifches, Sagen und Märchen.
2. Berichtigungen zur Überfegung der Fragmenta mythologiae bon Baffa-
nowicz (Bd. 2, Nr. 46, ©. 310. Bol. u Nr. 26, ©. 177). Bon
A. Kurſchat Gh u een 0
4. Der Tod und die Schafldere. on 3 J. ® ——— 116
5. Ködel driab apusès läps ir be an (nebit N Überfegung)
Bon demfelben. i 117
6. Wie die Menjchen anfıngen Bromniiein. zu Anker: Über. aus 2». 2,
Nr. 58, ©. 417). Bon demjelben : ; 118
37. Zwei litauijche Erzählungen Bon demjelben. 597
IV. Bolkslieder, Rätfel und Sprüche.
27.1. Sprichwörter und Neime aus dem Kirchſpiel ae Kreis
Snfterburg. Von $. Sembriydi... . . — 446
39. IH. Drei Dainamelodieen. Bon 9. Bessenoeroee una 534
41. Ein litauifches Gedicht zum 18 Januar 1704. Mitget von A. Rurf Hat 540
42. Sechzehn litauiſche Sprichwörter. Bon Rezat. . ee. DAL
43. 1. Eine lit. Daina über den Brudermord. Don ©. Bolten. s 542
V. Ethnographiſches, hiſtoriſches und Archäologiſches.
1a. Die wirtſchaftlichen Zuſtände Oſtpreußens und Litauens am Anfange
dieſes Jahrhunderts. Bor E. Knaake.. i
9. 14. 20. Hochzeitsbräuche der Wieloniſchen Litauer von a Zuftieiwich,
Überf. von A. Petry unter der Redaktion von J. Baudouin
de Courtenn. . > 2. oo nn... 134 201. 321
Nr.
40. Berichtigungen dazu von Penczuts.. . .
3. 16. 29, Litauiſche Schriftiteller des 19. Jahrhunderts.
21.
22.
26.
27,
34.
35.
48.
43.
33.
36.
Dowkont, Ugianski, Zelvovicz, Stanewiez).
Ein Bericht über Reſte lettiſchen Heidentums.
Zur Geſchichte der litauiſchen Geſangbücher.
Golonczewsti,
Von E. Wolter.
Mitget. dv. K.Lohmeyer.
Bor AR Schwede .
101. 260.
Geſchichte der Wafferftraßen in der Memel-Niederung. Bon TH. Breub
1-IV. Slleinere Mitteilungen. Bon J
Zur Geſchichte der Litauer in Oftprenfen.
Litauiſche Feitgebräude. Bon S. Dembowski.
I. Zur volkswirtſchaftlichen Statiftif Litauens.
IV. Satwingifche Altertümer. Von demjelben.
Zur litauiſchen Litteraturgejchichte.
Rambaud, Geihichte Rußlands.
VI. Litteratur.
25, 32. 48. Litteraturberichte .
.‚ Semdriydi. —
Von A. Kurſchat.
+
+
+
Bon U. Bezzenberger.
Beiprohen von K Lohmepyer. .
197.
Bon E. Wolter. .
410. 476.
.2. Eine neue Fitauiiche Schuigrammatit, Beiprogen von E. Wolter..
Zur litauifchen Bibliographie vom Jahre 1891/92. Von demielben
Stanislam Mitudi.
Alexander Potebnia.
VII. Vermiſchtes.
Von E. Wolter.
Von demſelben
. Ritauifhe Bücher und Editionen. Von demielten .
Seite
538
451
384
396
425,
447
497
505
543
546
121
130
563
542
548
550
490
510
Mitteilungen
der
‚Litanischen Jitterarischen Gesellschaft:
13. EJIesftt.
(111. 1.)
Inhalt:
| Nr. 1. Achte Generalversammlung: a) Die wirtschaftlichen Zustände Ost-
preussens und Litauens am Anfange dieses Jahrhunderts — mit besonderer
Rücksicht auf die Familie von Schenkendorf von Emil Anaake; b) Jahres-
| bericht von Hoff'heinz-Tilsit; ec) Kassenbericht von Dr. F, Siemering: d) Ge-
ı schäftliches. — Nr. 2. Berichtigungen zu Heft 12 von 4. Aurschat.
Heidelberg.
Carl Winters Universitätsbuchhandlung.
(In Commission.)
1888.
ie „Mitteilungen“ der Litauischen litterarischen Gesell-
D schaft erscheinen in zwanglosen Heften und gehen den
Mitgliedern kostenfrei zu, im Buchhandel sind sie von Carl
Winter’s Universitätsbuchhandlung in Heidelberg zu
beziehen.
die wirtichaftlichen Zuftände Oftpreußens und Kitauens am
Unfange diefes Jahrhunderts — mit befonderer Rückficht auf
die Samilie von Schenfendorf.
Qortrag
bon
Oberlehrer imil Kinaake,
gehalten in der General-Berfammlung am 13. Dftober 1887.
AS das achtzehnte Jahrhundert zur Rüſte ging, reichten Die
Srenzen Preußens infolge der zweiten und Dritten Teilung Polens oſt—
värts bis an die Memel, den Bug, die Weichjel und Pilica. Nach der
Krönung zu Königsberg empfing Friedrich Wilhelm IH. auch in Warſchau
die Huldigung. Die neue Provinz Neu-Oſtpreußen Hatte zwar eine
vorwiegend litauiſche und polnische Bevölkerung, trug aber zur Hebung
des MWohlitandes der bisherigen Grenzprovinzen Litauen und Dftpreußen
wejentlich bei. Das Diesfeitige und jenjeitige Litauen wurden wieder
vereinigt, und der Handel aus dem fehönen Hinterland nahm einen neuen
Auffhwung. „Auch der polnische Erwerb war an fich ein großer Ge—
winn fire Deutichland, denn erjt durch ihn wurde ein Schuß gegen da3
ungeheure Anwachſen Rußlands gewonnen, die Dftgrenze Preußens
militärisch geſichert.) Die vortrefflihe Schule des altpreußijchen Be-
*) Guſtav Freitag: Bilder aus deutſcher Vergangenheit. 4. Band. Aus
neuer Zeit. 5. Aufl. Leipzig 1867. ©. 361.
1
a
amtentums bewährte fich gerade damals. Überall wurde mit Eifer und
Erfolg organifiert; ſchöne Talente, große Kräfte entfalteten ſich in
diejer Arbeit.” *)
Die heutige Grenzprovinz Dftpreußen bildete zu jener Zeit zwei
Provinzen: Oftpreußen und Litauen, an deren Spitze je eine Kriegs—
und Domänenfammer (zu Königsberg und Gumbinnen) ftanden. Ur-
Iprünglich gehörten zur Gumbinner Kammer nur die vier Hauptämter
Sniterburg, Ragnit, Tilfit und Memel, zu denen feit 1747 noch Oletzko,
Lyck, Sohannisburg, Rhein und Löten, 1766 auch Angerburg und
Seheften famen.**) Jede Provinz war in Kreije geteilt, an deren Spitze
Landräte ftanden. Litauen hatte 3 Kreiſe: Inſterburg, Seheften und
Dlegfo, DOftpreußen zählte 8: Brandenburg, Barten, Schaafen, Tapiaı,
Braungberg, Heildberg, Mohrungen und Neidenburg. Neben den Land-
räten waren auch die Domänenpächter und Steuerräte Unterbeamte der:
Kriegs- und Domänenfammern. Die geiftlichen und Schulangelegenheit
wurden für beide Provinzen gemeinfchaftlich von der Kriegs- und Do-
mänenfammer zu Königsberg verwaltet, welche daher „Königl. oſtpreuß.
und lit. Kriegs- und Domänen-Kammer“ unterzeichnete.
Die Städte ftanden in Finanz, Gewerbe- und Polizeilachen unter
den Kriegs- und Domänenfammern und waren zu Diefem Zwecke in
8 jtädtiiche Kreiſe geteilt (2 für Gumbinnen, 6 für Königsberg), denen
ein Kommiſſarius loci ala Steuerrat vorgefebt war.
Die Landgüter zerfielen in adlige, föllmiiche und abhängige Bauern-
güter. Adlige Güter durften nur von Adligen erivorben werden, Denn Bürger—
liche fonnten fein Rittergut, jondern nur eine köllmiſche Beſitzung kaufen.
Die Köllmer hatten wie die adligen Rittergutsbejiter ihre Grunditücke
erb- und eigentümlich, nur daß einige einen Domänenzind und Burg-
fuhren jowie Borjpann für die Reifen des Königs zu leilten hatten.
Derartige Güter wurden gegen Ende des 18. Jahrhundert? häufig von
Adligen aufgefauft und meiſtens vom Hauptgute aus bewirtjchaftet und
*) Ebendu ©. 360.
**) Albert Weiß: Preußiſch⸗Litauen und Maſuren. Rudoljtadt 1878. Erfter
zei. ©. 108 ff.
Eu a
‚öchftens mit einem Inſtmann bejegt, während ein Köllmer weit mehr
Berfonen auf feinem Gute hielt. Um. die Zahl der Befiger und damit
en Wohlitand des Landes zu vermehren, hatte daher der König
Friedrich Wilhelm IL. am 27. Dezember 1792 verordnet, daß ein
Ndliger, der noch fein adliges oder anderes Gut bejige, ein köllmiſches
But zwar erwerben dürfe, doch nur unter der Bedingung, daß er «3
iefbft bewohnen oder, falls‘ er in füniglichen Dienften ftehe, durch einen
ındern bewirtichaften laſſe. Beim Erwerb mehrerer köllmiſcher Be—
figungen müſſen die zuletzt Dazugelommenen innerhalb Dreier Jahre
wieder, verfauft werden. Im Jahre 1793 waren in Oftpreußen allein
189 köllmiſche und Freigüter in Händen adliger Gutsbeſitzer.“)
Bei den Bauern, die nur zu einem geringen Zeil erbliche Befiter
waren, beitand noch die „Unterthänigkeit;” nur auf den Domänen, wo
fie dem Pächter dienten, da die bäuerlichen Dienfte ihm mitverpachtet
waren, war eine gewiſſe Freizügigkeit, denn jchon Friedrich Wilhelm I.
hatte alle Leibeigenjchaft und Erbunterthänigfeit oder Gutspflichtigfeit
auf den Domänen aufgehoben. Da aber bisweilen der Verjuch gemacht
war, den Dienſtzwang wieder einzuführen, ſo wurde am 29. Dez. 1804
die perſönliche Freiheit der königlichen Unterthanen in den oſtpreußiſchen
und litauiſchen Domänen ausdrücklich anerkannt. Von der Lage der
Scharwerksbauern, zeugt folgende Urkunde:**)
Annehmungs-Brief für den Schaarwerks-Bauern Hans Kurſchis
zu Tauroggen Bendig Amts Althofmemel.
Nachdem eine Königliche Preußiſche Hochverordnete Litthauiſche
Kriegeg- und Domainen-Kammer unterm 24. Dezbr. 1803 genehmiget,
daß dem Hans Kurſchis der Schaarwerks-⸗-Hof im Dorfe Tauroggen
Bendig, welchen der dejertirte Schaarwerfsbauer Adam Scheska bishero
bewirthfchaftet, wobey in Ruſch und Buch
An Ader 1 Huben 6 Morgen 141 Ruthen
oder 2 „22 „. 100 , Magdeb.
*) Georg Friedrich Knapp: Die Bauern-Befreiung und der Urjprung der
Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens. Leipzig, 1887. 2. Teil. ©. 86 ff.
*6) Ich verbanfe dieſelbe der Güte des Herrn Gymnaſiallehrer sun zu Tilſit.
Zu
und das Recht der Hütung mit dem Dorfe gemeinschaftlich, nachdem der
vorige Wirth folche bis hiezu bemuget, überlaſſen werde, als übergiebet
das Amt Althofmemel gedachten Hans Kurſchis bi auf höhere Ston-
firmation fothanen Schaarwerk3-Hof in jeinen Reinen und Grenzen, wi
der vorige Befiter jolchen bisher genußet, um ein Schaarwerksbau
auf diefem Königl. Smmediat-Erbe der Wirtbichaft gebührend vorzuftehen;
hiernächft aber auch auf demjelben
1 Haug,
1 Scheune,
| 1 Stall,
ferner an Bela, und zwar
I. An Pferde und Vieh:
2 Pferde,
II. An Ader und Wirthichaftsgeräthe:
1 Wagen,
1 beichlagenen Schlitten,
1 eijerne Egde mit 32 Zinken,
1 Zoch mit allem Zubehör.
III. An Getreide :
1 Scheffel Weiten,
15°... Roggen,
8 u. Gerfte,
8 Ri Haaber,
verfpricht auch dem Annehmer, daß bei Unglüdzfällen, die bei Schaar-
werfs-Bauern gewöhnliche Vergütung,‘ nad) borhergegangener Unter:
fuchung, ihm angedeyhen joll. |
Dahingegen übernimmt und verbindet ſich Annehmer |
1. Den auf diefem Erbe haftenden Zins mit 9 Rthlr. 64 os
16 Pf. dem Amte jährlich prompt und ſpätſtens bis Martini zu entrichten.
2. Das Ader- und Wiefen-Schaarwerk bey dem Vorwerk Althof-
memel nad) dem neu gefertigten und allerhöchſt approbirten Plan, die
Anfuhr des Deputat-Holzes zur Amts-, Brau- und Branntwein-Brennerey,'
und der Amt3-Wirthichaft, die feſtgeſetzte zwey Königsbergſche Reiſen,
— —
a I
nit den auf den Vorwerkern erbauten Getreyde, desgleichen die Burg-
Dienste nach dem Reglement vom 10. Januar 1778, die Mühlen-Fuhren
tach dem Kal. Reſeript vom 12. Septbr. 1777, die Schlagung, Flöffung
ınd Anfuhre des Holzes zu den Königlichen Holz-Gärten gegen Bezahlung,
vann und wie jolche erfordert wird, die Paß-Fuhren, Wege-Befferung,
Dienfte und Fuhren zu den Neparatüren und Neubauten der Kirchen
ınd Schulen, auch deren Bedienten-Gebäude, und was jonjt nad) denen
ieferhalb gemachten Einrichtungen und ergangenen Verordnungen, feine
Nachbaren zu leijten jchuldig, dieſen gleich und zwar fleißig und treu
‚u leiften.
3. Dem Förſter zu Klooſchen jährlich 30 Gr. Holz und 10 Gr.
Stamm-Zettel- und Anmweije-Geld zu entrichten, und fich hierin ſowohl,
als überhaupt nach der Forft-Ordnung vom 3. Dec. 1775, zu achten.
4. Der Kirche zu Memel jährlid) 12 Gr. Decem*) und 8 Gr.
Banken-Geld, deögleichen dem Pfarrherrn dajelbit Y/. Scheffel Roggen
oder Gerſte, 3 Angden Flache. |
Nicht weniger dem PBräcentor (Rector) Y/s Scheffel Gerſte, 1 Knocken
Flachs und 12/2 ©r. Gelb,
wie auch dem Schulmeifter zu Plucken wie bishero
15 Gr. zum Gehalt 20 Pfd. Heu
4 Scheffel Rogfen 40 Pfd. Stroh
2 Scheffel Gerſte 1 Fuder Strauch)
zur gehörigen und nach der Obſervanz des Orts üblichen Zeit, in guter
Dualität und Duantität, ohne Betrug abzutragen, und zur Anfuhr des
Veputat-Brennholzes gleich den übrigen Eingemidmeten zu concurriren.
5. Die Fourage an die Cavallerie nach der confirmirten Repar—
tition gegen Bezahlung zu Tiefern.
6. Wo e3 nöthig, das zugefchlagene Quantum an Getreyde ad
pia Corpora für Bezahlung abzuführen.
7. Das Vieh- und Feld-Inventarium zu vermehren, und den Ader
immer mehr und mehr in Cultur zu bringen.
*, Am Rande fteht „auch den Perfonal-Decem."
— ——
8. Die Gebäude in baulichem Stande zu unterhalten, und ohn
Conceſſion, bey Verluſt der zu erhaltenden Frey-Jahre, feine neue zu bauen.
9. Denen ſchon ergangenen und noch zu emanirenden Ber:
ordnungen, in specie der Dorf3-Ordnung vom 22. Novbr. 1754, un
der Feuer-Löſch-Ordnung vom 3. Julii 1770 genau nachzuleben
und fich überall treu, und bey Vermeidung der empfindfichften Strafe;
durchaus dem Amte und deſſen Unterbedienten gehorjam und gewärti
zu bezeigen. | |
10. Nicht minder ift der neue Annehmer verbunden, daß, wenn
auf dem Hofe noch" nicht Hinlängliche Obft-Bäume und Hopfen:
Stühle vorhanden, per Hube 10 Obſt-Bäume und wenigftens
50 Hopfenftühle anzuflanzen, und wie folches gefchehen, binnen einer
Friſt von 2 Jahren nachzumeifen, auch jährlich 200 Stüd Lehmpage
zu fertigen und zum allgemeinen Dorfs-Vorrath abzuliefern, auch 100
dergleichen Lehmpatzen bey Übernahme des Erbes gleich abzuliefern.
In foferne nun Hans Kurſchis allem Ddiefem- gehörig nachleben
und Praestanda präjtiren wird, Joll er bey diefem Annehmungs-Brief
fräftig gejchüßt werden, ala womit folcher bis zu höherer Confirmation
gejchloffen wird. So geichehen Amt Althofmemel den 24. Januar 1804
Dallmer.
Borjtehender Annehmungs-Brief wird hiemit confirmirt.
Signatum Gumbinnen, ben 18. Febr. 1804.
(2. ©.)
Königl. Preuß. Lithauifche Krieges- und Domainen-Kammer.
Bu denjenigen Adligen, welche vor 1793 ein köllmiſches Gut
Eenlouſchten bei Tilſit) beſaßen, gehört George Heinrich Ferdinand
von Schenckendorff, der Vater unſers Dichters Max von Schenkendorf.“)
Derfelbe wurde im Jahre 1744**) geboren und trat als Knabe während:
des fiebenjährigen Krieges in das Kadetten-Corps zu Berlin ein. . Als
die Ruſſen im Sahre 1760 Berlin überrumpelten, wurde er mit feinen
*) So ſchreibt er fih.in Urkunden wiederholt.
**) Nach dem Trauregifter zu Tilfit und dem Totenbuche zu Quednau.
Be. I a
Kameraden gefangen nad) Königsberg geführt, aber bald nach dem Tode
der Raiferin Elifabeth ausgewechjelt*) und beim Regiment von Blaten**)
in Infterburg angeftellt. Als nun nach) dem Frieden zu Hubertsburg
das preußiiche Heer teilweiſe aufgelöft wurde und Jahre des ungejtörten
Friedens folgten, dauerte e3 ſehr Lange, big die Offiziere in die höheren
Stellen aufrüdten. Daher war er nad) etwa 20 jähriger Dienftzeit erſt
Premier-Lieutenant und nahm feinen Abjchied, während „fein jüngerer Bruder
al3 Oberjtlieutenant und Flügeladjutant & la suite von Sr. Majeſtät
ſpeciell gefannt war, denn er hatte dag Glück, bei Höchitdemfelben in den
Sünglingsjahren die Stelle eined Gouverneurs eine geraume Zeit und
nachher auch bei Höchſtdero Herrn Bruder, dem hochjeligen Prinzen
Louis zu befleiden.“***)
Daß der ältere Bruder nicht länger Offizier blieb, lag auch daran,
daß er feine Gefundheit durch den Tritt eines wilden Pferdes eingebüßt
und nur nach zwei höchjt lebensgefährlichen Operationen ein kränkelndes
Dafein führte.) Aus Patriotismus verzichtete er auf die ihm zuftehende
Benfionzz) und erhielt eine Civilanftellung als Salzfaktor in Tilfit,
wo er fich im Alter von 39 Jahren mit Charlotte Luiſe Karrius am
18. Februar 1783 vermählte. FF7) Seine Gemahlin, die einzige Tochter des
Prediger Karrius zu Tilfit, war am 1. Dftober 1761 zu Tilfit
geboren, wo ihr Vater feit dem Jahre 1759 feines Amtes waltete, nachdem
er borher zu Wologda in Rußland 6 Jahre lang eine Anftellung
gehabt Hatte. Am 11. Dezember 1783 ſchenkte fie ihrem Gemahl ihren
*) Schreiben der Kriegsrätin von Schendendorff an den Wirkt. Geheimen
Rat und Oberpräfidenten von Schön — 1. Dez. 1825, in den Alten des Königl.
Oberpräſidiums von Preußen betreffend Unterftüßungsgefuche der Frau Kriegsrätin
v. Sch. auf Lenkoniſchken bei Tilfe 5730. Litt. ©. Blatt 9.
**) Dem heutigen Weſtpreußiſchen Kürafjier-Regiment No. 5.
*xx) Schreiben der Sriegsrätin v. Sch. an den Herrn v. Schön vom 5. Dez-
1825 in Alten des Oberpräfidium3 von Preußen u. |. w. Blatt 16.
+) Schreiben feiner Frau vom 25. Dez. 1825. a. a. DO. Blatt 21.
Tr Schreiben feiner Frau an Se. Majeftät den König Friedrich Wilhelm IIL
— Lentoniichten den 26. September 1825. a. a. O. Blatt 28.
trr Trau⸗Regiſter der deutfch-Iutherifchen Kirche zu Tilfit, wo allerdings durch
einen Schreibfehler fein Alter auf 82 Yahre angegeben ift.
——
älteſten Sohn, der in der Taufe am 23. Dezember die Namen „Gottlob
Ferdinand Marimilian Gottfried“ erhielt,*) am 27. Juni_1785 abermals
einen Knaben „Hans Karl Ludwig Tugendreich“ und am 5. November
1789 eine Tochter „Karolina Ludovica Euphrofyna.“ |
Da ein Salzfaktor die Kaffe der Salzfaftorei zu verwalten Hatte,
jo mußte er eine Kaution von 1000 Thalern ftellen, welche jein Freund
(der Bate feines älteften Sohnes) Juftiz-Direftor von Aweyden mit
jeirtem adligen Gute Alliſchken ficher ſtellte, bis der inzwilchen zum
Kriegsrat ernannte George Heinrich Ferdinand von Schendendorff am
2. März 1789 das Mälzenbräuerhaus Tilfit 175 (Hohe Str. 39) vom
Grafen Leopold Auguft Wilhelm Friedrich von Schlabrendorf durch deffen
Bevollmächtigten Lieutenant von Kyckbuſch kaufte. Das Grundſtück Hatte
ein Wohnhaus von zwei Stockwerken, dazu gehörige Stallungen, eine
Wagen-Remije und ein altes Brauhaus, dann ſechs Morgen Wiefer,
einen Morgen Säeland diesſeits des Memelſtromes und eine Scheune
und koſtete 3333 Reichsthaler und 30 Groſchen in Courant = 10000 ME.
Angezahlt wurden bar 1666 Thaler 60 Grofchen, eine gleiche Summe
blieb zu 40/0 verzinzlich vier Jahre ſtehn.*) Die nötigen Mittel zum
Kaufe des Grundſtücks Hat der Prediger Karrius feinem Schwiegerjohne
gegeben, denn die Kauf-Urkunde ift unterjchrieben: George Heinrich
Ferdinand von Schendendorff, Charlotte Louiſe von Schendendorff,
geborne Karrius, Friedrich Wilhelm John (Poftmeifter) ala Curator der
Frau Krieggrätin von Schendendorff.***) |
Der Kriegsrat von Schendendorff feste dem Wohnhaus ein drittes
Stocdwerf auf, verwandelte da3 Brauhaus in einen Speicher und Tieß
nun das ganze Grundjtüd im Jahre 1790 gerichtlich abjchägen, um die
Kaution für die Salzfaktorei zu bejtellen. Er überreichte zugleich den
Nachweis, daß die Einkünfte 440 Thaler betrugen.
*) Taufbuch der deuiſch⸗ lutheriſchen Gemeinde zu Tilfit. Vergleiche auch einige
Briefe der Kriegsrätin von Schendendorff aus dem Jahre 1825 und 26. a. a. ©.
**) Grundbuchakten Tilfit 175.
***) Vergleiche auch das erite Teltament der Kriegsrätin von Sch. Seite 15.
m.
Die Tare der Handwerker belief fih auf. . . 5685 Thaler 80 Gr.
6 Morgen Villen . . . 22... 300 ua
1 -; altes Säeland. . . . 5 — „
1 . neue? R ae 20 —
1 Garten beim Hauſe. 00 u —
l „beider Scheune . . . 0 — „
zuſammen 6305 Thaler 80 Gr.
Die Friedensjahre hatten in allen Provinzen des preußiſchen
Staates die Wunden geheilt, welche der ſiebenjährige Krieg dem Lande
geſchlagen hatte. Der Handel iſt im Aufblühen, der Wohlſtand vermehrt
ſich. Der Grundbeſitz wirft eine gute Rente ab, und ſo iſt es des
Edelmannes heißeſtes Streben, ein Gut ſich zu erwerben, wo er über die
Scharwerksbauern und das Geſinde wie ein kleiner Fürſt gebieten konnte.
Auch der Kriegsrat von Schenckendorff glaubt neben ſeiner Stellung als
Salzfaktor für die Bewirtſchaftung eines Gutes in nächſter Nähe ſeines
Wohnortes die nötige Zeit zu erübrigen und fauft daher aus dem Ver—
mögen feiner Frau dag unter der. Gerichtsbarkeit des Domänen-Zuftiz-
Amtes Ballgarden belegene Erbfrei-Gut Lenkonijchten am 30. November
1790 für 7333 Thaler 30 Groſchen — 22000 Marf vom Dberft-
Wachtmeifter (-Major) von Forjelius, der e8 als einer der Erben der
dafelbft verftorbenen Frau Kriegsrätin von Rochow jeit Dezember 1787
beſaß. Die ganze Befigung beftand aus vier Teilen:
1) Lenkoniſchken-Köllmiſch 8 Hufen 5 Morgen
2) Lenlomfchlen - Ef 7 „ — u
3) Szameitiehmen . . 3 un 6 u
4) Bamletten . . .. 3 m „
554 Morgen 108 Ruthen zu köllmiſchen und 1035 Morgen 19 Ruthen
preugisch zu erblichen Rechten, zujammen 1590 Morgen 17 Ruthen
preuß. Maß. Die Grunditeuer betrug 139 Thlr. 5 Ser. 1 Pf.
Das Gut beftand zu einem großen Teile aus Sümpfen und Brüchen,
die der neue Befiger mit vielen Koften urbar gemacht und bebaut Hat.
Die Mittel zur Aufbefferung feines Gutes erlangte er dadurch, daß
— 40 —
er dag ſtädtiſche Grundftüd am 21. September 1799 an den Holz
rendanten. Johann Gottfried Ruſt für 7500 Thaler nebft 25 Dufaten
Schlüſſelgeld verkaufte, von welcher Summe er fogleich 3500 Thaler
und das Schlüffelgeld angezahlt erhielt, jo daß er nur 4000 Thaler zu
5% ftehen ließ. Die auf dem Grundftüdf für die General: Salz- Kaffe
eingetragene Kaution von 1000 Thalern blieb wie bißher jtehen.
In wie angenehmer Vermögenzlage ſich die Familie von Schendendorff
damals befand, das zeigt auch der Krieggrätin
Teftament.
Da die Stunde meined Eintritt? aus diefer Welt ungewiß tft,
jo will ich auf den Fall, daß felbige eintritt, verordnen, wie es mit
meinem Nachlaß nad) meinem Tode gehalten werden joll.
Mein Vermögen befteht gegenwärtig darinnen, was ich meinem
Ehemanne, dem Kriegsrat von Schendendorff jowohl bar als in
Mobilier und Effeften in die Ehe gebracht. Die bar eingebrachte
Summe beträgt nach der dieſer Dispofition beiliegenden Nachweifung
20333 Rthlr. 30 Gr, und nad) dem Tode meiner Mutter dürfte.
eine gleiche Summe Hinzufommen.. Im Befige ſowohl dieſes gegen: |
wärtigen . baren Vermögens und der Mobilien als deifen, was mir, |
im alle ich meine Mutter überlebe, noch zufallen wird, joll
Ehemann bis an jeinen Tod ungeſtört verbleiben, da ich von feiner,
guten Haushaltung und reellen väterlichen Vorſorge für unfere gemein- |
ichaftlichen Kinder zu jehr überzeugt bin, als daß Ieteren diefe An— Ä
ordnungen nachteilig jein könnten. |
Sollten aber die Gejee meinem Manne den ungeftörten Befik
de3 Nachlaffes nicht geitatten und er mit feinen Kindern nach meinem
Tode zu teilen verbunden fein, fo erhält er zubörderft den ihm nad)
den Gefegen gebührenden vierten Teil. Sodann beerbt jeder meiner
zwei Söhne | |
Gottlob Ferdinand Marimiltan Gottfried und
Hana Karl Ludwig Tugendreich
mich in einem Dritteile als dem gejeglichen Pflichtteile; und was
alsdann noch übrig bleibt, Fällt auch meinem Ehemanne eigentümlich zu.
— —
=
u ———
Mein Ehemann’ ift der natürliche Vormund feiner Kinder.
Dahero wird es der Bevormundung derjelben bei feinem Leben nicht
bedürfen, und ich entbinde ihn auch von aller obervormundichaftlichen
Aufficht und ſonſtigen in den Gefegen vorgefchriebenen vormundfchaft-
lichen Einjchränfungen augdrüdlich.
Über dag Bermögen meiner Kinder, injofern es von mir her-
kömmt, es beſtehe in gefeglichen Pflichtteilen oder, im Fall ich meinen
_ Mann überleben follte, in dem, was alsdann nach meinem Tode zu
ihrem ganzen mütterlichen Erbteil gehört, wie auch in dem, wag, wenn
ih vor meinem Mann fterben ſollte, demfelben zum Iebenslänglichen
Befite von mir aelafjen ift, mithin über ihr jämtliches künftig von
mir herfommendes Vermögen, fie mögen e8 nad) meinem Tode oder
nad) dem Tode meines Mannes erhalten, verorbne ich, daß die Ver-
waltung desjelben meinen Kindern, fie mögen ‚noch minderjährig oder
ſchon volljährig fein, nicht eher ala im ſechsunddreißigſten Jahre ihres
Alters, wenn ſie ſich erheblich bis dahin als gute Wirte bewähret und
dieſes durch ſechs angeſehene, wohlhabende und glaubwürdige Männer,
die von ihrer guten Haushaltung Kenntnis beſitzen und auf Pflicht und
Gewiſſen Zeugnis darüber ablegen können, die aber in Hinſicht auf
meinen jüngſten Sohn aus dem Kommandeur und zwei Stabsoffizieren
des Regiments und drei Perſonen aus dem Civilſtande fein müſſen,
nachgewiejen Haben, jedoch nur zur Hälfte überlafjen werde. Die
Verwaltung der andern Hälfte joll ihnen nicht eher als im vierzigiten
Jahre anvertraut werden; jedoch müſſen fie’ alsdann auch Diejelbe
Nachweilung beſitzen über ihre gute Wirtſchaft und darüber, daß jie
‚die erfte Hälfte ihre Vermögens Eonjervieret haben.
Sollten fie in beiden Fällen diefe Nachweifung nicht leiſten
fünnen, welches der gewilfenhaften Beprüfung der unten benannten
Bormünder und des vbervormundſchaftlichen Gericht? überlaffen bleibt,
fo bleibt ihr Vermögen fo lange unter der Verwaltung dieſer Vor—
münber, bis fie gute Haushälter geworden und dieſes in der vor-
geichriebenen Art darzuthun imftande find, und bis dieſes gejchehen
ft, erhalten fie nım die Zinfen ihres Vermögens zur Dispoſition.
— 11 —
ED
Diefe follen ihnen bis zum 24ten Jahre monatlich, nach Verlauf
derjelben aber vierteljährlich vom Vormunde ausgezahlt werden. Bis
zum 24ten Jahre beftimmt der Vormund, wieviel. davon jährlich zu
ihrem jtandesmäßigen Auskommen notwendig ift, und dag übrige wird
zum Kapital geichlagen; nach dem 24 tem Sahre werden ihnen ſämtliche
Zinſen ausgezahlt.
Zu dieſer Verfügung fordert mich ächte mütterliche Vorſorge
auf, da die Jugend der Gefahr der Verſuchung ausgeſetzt iſt, auch
mein älteſter Sohn ſchon frühe Geringſchätzung des Geldes und
Neigung zur Verſchwendung marquiert, und der jüngſte hiezu in ſeinem
Stande vörzüglichen Anlaß finden dürfte. Und da hiernach dieſe
Anordnung bloß das zeitliche Wohl meiner Kinder bezweckt, ſo habe
ich auch zu ſelbigen das Zutrauen, daß ſie dieſe gute Abſicht, wodurch
ich ihrer Schwäche zu Hülfe zu kommen ſuche, nicht verkennen und
ſich überzeugen werden, daß meine mütterliche Vorſorge ſowie ſelbige
im Leben für ſie ſtets thätig war, auch nach meinem Tode gern
wirkſam für ſie ſein möchte. Ich wünſche und hoffe, ſie werden
meiner Erziehung keine Schande machen, ſich als rechtſchaffen gute
Menſchen der Welt einſt zeigen, dieſes auch durch kluge und haus—
hälteriſche Verwaltung ihres Vermögens darthun, und das, was von
ſorgſamen Vorfahren durch Thätigkeit und gute Haushaltung für fie
erſpart iſt, nicht verpraſſen, welche Pflicht ich ihnen hierdurch zum
letzten Male dringend an das Herz lege.
Zu Vormündern meiner sender ernenne ich nal meinem und
meine Mannes Tode:
a) den Herrn Ober-Secretaire und Juſtiz⸗ Commiſſarius
Wannowius. Nach dem Tode desſelben
b) den Herrn Suftiz-Direftor v. Aweyden auf Inkeln und
nach dem Tode dieſes, wenn alsdann nach meiner An-
ordnung eine Bormundichaft oder Kuratel noch notwendig
fein ſollte, |
c) den Herin Pfarrer Hennig in Schmaud).
— 13 —
Diejen übertrage ich nach der Reihenfolge die Verwaltung des
Vermögens meiner Kinder jo lange, bis jelbige eritere nach meiner
gemachten Verfügung anvertraut werden kann. Ich habe zu dieſen
Männern das Zutrauen, daß fie diefem Auftrage fich unterziehen und
gewiffenhaft dabei ‚zu Werfe gehen werden.. Jeder erhält für Die
Verwaltung des ſowohl von mir als von meinem Chemanne her-
fommenden, mithin des fjämtlichen Vermögen? meiner Kinder ein
jährliches Honvrarium von einhundert Reichsthalern während der Zeit
jener Adminiſtration, und ich lege jedem’ die Pflicht auf, darauf zu
halten, daß von meiner Verordnung über die Einfchränfung meiner
Kinder in der Verwaltung ihres Vermögens nicht abgegangen merde.
Den erjten von ihnen erfuche ich, wie er zur Administration kömmt und
alsdann noch eine Fremde Verwaltung des Vermögens meiner Kinder
notwendig jein jollte, auf den Fall jeine® Todes einen andern recht:
ſchaffenen, gewifjenhaften und wohlhabenden Mann, der jedoch fein
Kaufmann fein muß, mit Zuziehung und: Einwilligung des obervor-
mundichaftlichen Gericht? auszufuchen, weil alsdann ſchon wichtige
Gründe vorhanden jein müſſen, aus welchen meinem Kindern die eigne
Verwaltung ihres Vermögens noch nicht anvertraut werden Tann.
Über das Mobiliar-Vermögen verordne ich, daß nach meinem
und meines Mannes Tode, wenn alddann meine Kinder das 24fte
Jahr noch nicht erreicht haben follten, ein Inventarium aufgenommen
und ihnen davon jo viel vom Bormunde audgehändigt werden foll, ala
nad) ihren Verhältniffen und nach ihrem Stande erforderlich ift. Nach
Ablauf des 24ten Jahres wird felbiges au gleichen Teilen nach dem
Loſe unter ihnen verteilt.
Auch verordne ich noch ausdrüdlich, daß jo wenig etwaige
gegenwärtige als zufünftige Gläubiger meiner Kinder fich an die
Subftanz ihres Erbteild, es mag in Pflichtteile oder in mehrerem
beftehen, wenn fie auch in freiem Befige desfelben find, jemals zu
halten berechtiget fein follen.
Dieſes iſt mein leßter freier Wille; es foll jelbiger, wenn er
nicht als ein Teftament jollte beftehen fünnen, als ein Kodicill oder
— WAL as
ala jede andere Dispofition von Todeswegen zurechtbeſtändig ſein.
Ich habe ihn dahero, nachdem ich ihn ſelbſt durchgeleſen, nachſtehend
eigenhändig unterſchrieben und unterſiegelt und will ihn auch gerichtlich
niederlegen.
Königsberg den 28ten Juli 1802.
(L. ©.) Charlotte Louiſe v. Schenckendorff,
geborene Karrius.
Nachtrag.
Vorſtehende Dispoſition finde ich noch dahin zu ergänzen für
notwendig, im Fall die Gelee meinem Marne den Befig meines |
Nachlaſſes nicht gejtatten follten,
1. daß auch mein Ehemann als beftellter Vormund meiner Kinder
das ſämtliche Vermögen derjelben, es bejtehe, worinnen es wolle, |
eben fo, wie dem nad) unſerm beiderfeitigen Tode ernannten Vor-
munde zur Bflicht gemacht ift, verwalten joll.
2. Sollten meine Kinder fich dieſe zu ihrem zeitlichen Wohl gereichende,
in meiner vorftehenden Dispofition befindliche Einſchränkung nicht
gefallen laſſen wollen, deshalb auf rechtliches Gehör dringen, und
die Gejege ihnen durch rechtliche Entjcheidung darüber‘ hierinner
beitreten, jo ſoll dennoch die Verwaltung ihres ſämtlichen Ver—
mögen? bis zum 30. Jahre ihres Alters unter der angeordneten
Einſchränkung bleiben; nach dem 30. Jahre mag alsdann ihnen
der Pflichtteil ausgeantwortet werden; das übrige ihres Vermögens
aber bleibt unter dermaler Dispofition bejtimmten Verwaltung, jo
wie jelbige daſelbſt feſtgeſetzt ift.
Vorſtehender Nachtrag joll ebenjo zurechtbeitändig fein, als
wenn er in meiner Dispofition jeldit enthalten wäre; dahero ich felbigen
gleichfalls nad) eigener Durchlefung unterjchrieben und unterfiegelt habe.
Königsberg den 30. Juli 1802.
(2. ©.) Charlotte Louiſe v. Schendendorff,
geborene Karrius.
2 A
Noch finde ich in Anfehung der nach meinem und meines
Mannes Tode ernannten Bormünder zu ‚erinnern für nötig, daß
jelbige auch nach erlangter Volljährigkeit meiner Kinder dem vormund-
Ichaftlichen Gerichte nachzumeijen verbunden jein jollen, wo ſich das
Vermögen meiner Kinder befindet, und daß, in fofern es in baren
Kapitalien bejteht, nicht davon ohne Approbation des vormund-
Ihaftlichen Gericht3 und nicht anderd als auf fichere Hypothet und
zur erſten Stelle ausgethan werden ſoll.
Auch dieſe Dispoſition habe ich durchgeleſen und eigenhändig
unterſchrieben. |
Königsberg den 30. Juli 1802.
(8. ©.) Charlotte Louiſe v. Schendendorff,
geborene Karrius.
Nachweiſung
des meinem Manne in die Ehe gebrachten Vermögens.
1. Eine Schenkung von meinen Eltern von . 6666 Thlr. 60 Gr.
2. Aus dem Teftament meiner Tante Demoifelle
Bol . ... 20.0. 7000 — un
3. Aug dem Nacaf meines Waters . 2.6666 „ 60 „
Summa 20333. Thlr. 30 Gr.
Gejchrieben: Zwanzig au breygunbert drey u. dreyßig Thlr.
30 Gr.
Dieſe Nachweiſung habe ich eigenhändig unterſchrieben, und ich,
der Kriegsrat v. Schenckendorff, bezeuge deren Richtigkeit auch durch
meine nachſtehende Unterſchrift.
Königsberg den 28. Juli 1802.
Charlotte Louiſe v. Schenckendorff,
geborene Karrius.
George Heinrich. Ferdinand v. Schenckendorff.
Actum Königsberg auf dem Sackheim in der Behauſung der
Kriegs-Rätin von Schendendorff den 30. Juli 1802 nachmittags
um 5 Uhr.
DEE, |
Sie übergiebt ihr Teſtament den von feiten der Königl. Regierung
ernannten Kommiljarien. „Teſtatricin verficherte, daß darinnen ihr freier
unüberredeter legter Wille jei, daß fie das Teftament zwar nicht Jelbit
gejchrieben, wohl aber durchgelefen und eigenhändig unterfchrieben, aud
jelbft in den Umschlag eingeftegelt und dadurch fich überzeugt habe, daß
in diefem Umſchlag ihr Letter Wille befindlih je. Die Teſtatricin
erflärte noch, daß fie, auf den Fall fie nach ihrem Ehemann, Dem
Kriegsrat dv. Schendendorff, veriterben jollte, den Ober-Sekretarius
Wannowius zum Exekutor dieſes ihres legten Willen? hiemit ernenne.“
Bon der Blüte der Landwirtichaft zeugen die etreidepreife im
Anfange des 19. Jahrhunderts. In dem dem unglüdfichen Kriege vor-
angehenden Jahre 1805 Eofteten zu Tiffit: |
Januar. Februar. März. April. Ma. Juni.
Weizen 727 M. 830 M. 9,— M. 927 M. 927 M. 9, — MM.
Roggen 4,80 „ 520 „ 520 „ 520 „ 520 „ 530 „
Gerste 320 „35050 350 52 Ann An Ann
Hafer 2 „220 „220 „240 „ 240 „Bu
Ehen L— „ — , 450, nn nn
Juli. Auguſt. Septbr. Oktbr. Novbr. Dezbr.
Weizen 10,— M. 9,50 M. 10,— M. 10,— M. 9— M. 8— M.
Roggen 680 „m 6&— „ 650 „650 „650, 6—,
Gerſte 450 „ 450 „ 450 „: 5,— u 450 „ 450 „
Hafer 3,50 4,— " u " 4,— " 3 — 3,— n
Erbin 6,— „ — on re
Neben dem Getreidebau beitand jchon damals der Hauptreichtum
der Provinzen in Pferden und Rindvieh. Auch wurden Merinoſchafe
gezüchtet. Oſtpreußen hatte im Jahre 1805 209382 Pferde.) Das
„Roſſe nährende" Litauen wird im Verhältnis feiner Größe eher mehr als
weniger aufzuweiſen gehabt haben. Noch zahlreicher weideten Rinder in
den wieſenreichen Provinzen.
*) Schmidt: Oſtpreußens Schickſale im Jahre 1812. Königsb. 1825. S. 271.
ER
Dem ganzen Wohlitande der Landwirtſchaft bereitete aber der un—
glückliche Krieg von 1806 und 1807 ein jähes Ende Friedrich
Wilhelm ILL. hatte jo lange ald möglich den Kampf Hinausgeichoben,
weil er der Schlagfertigfeit feines Heeres mißtraute, denn feit Friedrich
des Großen Zeiten waren feine Fortjchritte in der Ausbildung der Truppen
gemacht worden. Die Änderungen in der Kriegsführung der Franzoien
beachtete man troß ihrer großen Erfolge nicht.
Troß alledem und alledem hätte nach dem Unglüdstage von Sera
und Auerſtädt jo jäh nicht Preußens Sturz erfolgen können, wenn
mcht infolge der unerwarteten Zertrümmerung des preußiſchen Heeres
die altgedienten Offiziere das Vertrauen zur Rettung des Vaterlandes
verloren hätten. So erfolgte durch die an Feigheit Itreifende Kopflofigfeit
der altersichwachen Kommandanten die Übergabe faft aller Zeftungen,
beſonders von Erfurt, Hameln, Magdeburg, Küftrin, Stettin, Glogau,
Schweidnig. Vergeblich waren die Bemühungen Blüchers, durch feinen
Marſch nad) Lübeck die Franzojen auf fich zu Ienfen, um den Trümmern
des geichlagenen Heeres zu einer neuen Sammlung Zeit zu gewähren:
er fonnte nur die Waffenehre retten. Das bei Jena befiegte Hauptheer
löfte fich in einzelne Abteilungen auf und jtredte bald die Waffen.
Fürst Hohenlohe ergab fich bei Prenzlau. Die Folge war die Bejegung
Preußen bis zur Weichſel (Warſchau verließen die Preußen am
27. November, am 29. rüdten die Franzoſen ein). Mit Mühe rettete
Treiherr dv. Stein die Kriegskaſſe nach dem Oſten, wo nun der Wider-
ftand in Dftpreußen Die Baterlandgliebe und Anhänglichkeit an das
Königshaus in hellem Licht erftrahlen Tief. Bei Pr.-Eylau entrifien
die Preußen unter l'Estocq den Franzofen den Sieg — es mar die
erſte Schlacht, die der bi dahin für unüberwindlich gehaltene Napoleon
nicht gewann. ine allgemeine Erjchöpfung zwang jedoch Preußen,
Auffen und Franzofen zunächjt eine Pauſe im Kampfe eintreten zu
laſſen. So fam der Kampf zum Stehen, und die Franzoſen, nicht minder
die mit Preußen verbündeten Ruſſen hauften erbarmungslos im Lande.
Das ruffifche Heer wurde von einer Viehſeuche begleitet, welche in nie
gefannter Weife die heimatlichen Viehherden vernichtete. Was von
| 2
— 18 —
dieſen übrig blieb, verzehrte die franzöſiſche Armee. Die Pferde wurden
den Beſitzern genommen und erlagen unter den Anſtrengungen der
Truppen-, Munitions- und Fourage-Transporte. Auf den Dem
Nittergutsbefiter von Oldenburg gehörenden Beisleider Gütern — eine,
Meile von PBr.-Eylau — befand fich nach dem 8. Februar weder ein
Pferd, nod) ein Stück Nindvieh, noch ein Schwein oder Schaf. Die
Dächer der Wirtſchafts- wie der meiften Wohngebäude,. aus Stroh
bejtehend, waren zur Streu für Menfchen und Vieh abgededt. In dem
herrſchaftlichen Wohnhaufe zu Beigleiden ward ein großes Lazarett ein-
gerichtet, alle Räume wurden mit verwundeten Preußen, Ruſſen um
Franzoſen, ſowie deren Berbündeten, den Süddeutichen, Stalienern u. ſ. w.
belegt, welche nebeneinander auf dem Fußboden liegend bei dem Mangel
an Ärzten und Pflege bis auf eine geringe Zahl verbluteten, verhungerten,
um in ein großes gemeinjames Grab des Gartens zu Beißleiden gebettet
zu iwerden.*) Das Mobiliar des geräumigen Haufes wurde. meiftens
zur Erwärmung des Lazarett oder in den Lagerplägen der feindlichen
Truppen verbrannt. Died möge als ein Beijpiel für die Not der ganzen
Gegend gelten. Noch vier Wochen nad) der Schlacht, berichtet ein
Augenzeuge,**) bewegten ſich auf den durch einen gelinden Froſt noch
fahrbar erhaltenen Wegen nur ruffiiche Truppenabteilungen, Transport-
fuhren oder Wagen mit Beriwundeten oder Kranken, die nach Lazaretten
gebracht wurden. Die ganze Landichaft war in eine Wüſte verwandelt,
öde und menſchenleer, die Häufer abgebrochen, mindeſtens der: Dächer,
Thüren und Fenſter zum Behuf der Wachtfeuer beraubt. Hin und
wieder ließ fich an diefen verlaſſenen menjchlichen Wohnungen eine
Kate ſehen. Man war beichäftigt, die Toten in geräumige Gruben zu
bringen, in andere Die tierischen Kadaver, von denen noch eine große
Menge umberlag. In der Nähe der Stadt und auf deren Straßen
höäuften ſich die liegen gebliebenen Waffen und Kleidungsſtücke, Tagen
ruſſiſche, preußiiche und franzöſiſche zerichlagene Gewehre und Säbel.
*) Diefe Nachricht verdanfe ic) Herrn von Oldenburg, Mitglied des Herren= |
hauſes und Rittergutsbefier auf Beisleiden.
**) F. Reuſch: Über das Erlöfchen hiſtoriſcher Erinnerungen in „Neue Preuß.
Provinzialblätter“, herausgegeben von Dr. A. Hagen. Königsberg 1848. ©. 48.
a — —
Unter manchem Kehricht hatten eine abgeſchlagene Hand oder ein Fuß
Stellen erhalten. Die Einwohner waren noch bleich und fieberhaft von
den erlittenen Schreckniſſen und unfähig, an die Herſtellung ihrer Lage
zu denken. Keller waren ihre Zufluchtsſtätten geweſen, als Kanonen- und
Gewehrfeuer in den Straßen den Beſitz der Stadt entſchieden.
Die Schlacht bei Pr.-Eylau hatte Napoleon gezeigt, daß der alte
Geiſt und die Tüchtigfeit den preußischen Truppen nicht abhanden
gekommen war. Daher bot er dem Könige Waffenftillftand und Frieden
an in der Hoffnung, Ruſſen und Preußen zu trennen. Friedrich
Wilhelm III. lehnte ab, um feine ruffifchen Verbündeten nicht zu ver-
lafjen und zu verraten. Während Napoleon fich nun zum neuen Kampfe
fräftig rüftete, Verſtärkungen an fich zog, feine Truppen rückwärts
gelegene Winterquartiere beziehen ließ und nur Danzig während des
Winters belagerte, damit er bei fernerem Kampfe feine Feſtung in jeinem
Rüden zu fürchten habe, thaten die Ruſſen wenig, ihre gelichteten Reihen
wieder zu füllen, hauſten aber in Oftpreußen wie in yeindesland. Die
Einwohner von Darfehmen, die bereit? auf Knochenſuppe angewiejen
waren, baten Ende Mai um ein preußifches Militärfommando zum
Schuß der Stadt gegen die Erpreffungen und Gewaltthätigfeiten der
ruffiichen Truppen.*) Man hegte bald den Argwohn, daß fie das Land
in eine Wüfte verwandeln wollten, um durch diejelbe ihr eigene Land
zu jchügen. Die Rufen hauften ſchlimmer als die Sranzofen. Lebtere
„nahmen, brühten und Fochten, fagten aber doch: „Bauer, haft Hunger,
fomm, iß!“ Der Ruſſe fraß aber wie ein Wolf alle® auf, gab den
Bauern nicht, jondern warf den Reft auf die Höfe und Milthaufen,“
erzählten die Landwirte nach) dem Kriege. Die Leute in den meilten
Dörfern wurden derartig ausgeplündert, daß fie fich ihren Färglichen
Lebensunterhalt erbetteln mußten. Viele ftarben vor Hunger, und ihre
Leichen blieben unbeerdigt in den Häufern liegen. Es gab bald fein
Dorf, in welchem nicht viele oder gar alle Häufer abgededt waren.**) Die
*) Rogge: Geihichte der Diöceſe Darkehmen. ©. 191.
**) Häußer: Deutjche Gefchichte vom Tode Friedrich d. Gr. bis zur . Gründung
des deutſchen Bundes. A. Aufl. 3. Band. ©. 91 und 9.
2%
2 SD: u
beifpiellojen Plünderungen und Gewaltthaten der Ruſſen rührten daher,
daß die Petersburger Verpflegungs-Kommilfion dag Geld für fich behielt
und der Soldat daher am Nötigiten Mangel litt.
Die Verftärfungen famen bei den weiter Entfernungen aus dem
Innern Rußlands ſehr langfam an. Zum Entjage Danzigd wurde nur
ein unvollfommener Verſuch unternommen, und jo mußte General
Kalkreuth troß tapferfter Gegenwehr die Feſtung am 26. Mai übergeben;
die Belagung erhielt freien Abzug mit allen militärischen Ehren nad)
Pillau. J
Um Königsberg und die Verbindung mit der See den Verbündeten
zu entreißen, überſchritt Napoleon anfangs Juni die Paſſarge und ließ
Bennigſen am 10. Juni bei Heilsberg angreifen, der ſich erfolgreich in
jeinen Stellungen behauptete! aber gegen den Rat der preußiſchen
Offiziere den Erfolg nicht ausnußte, fondern fich nach dem regel
hin zurückzog. Am 13. Juni erreichte er nach angeftrengten Märjchen
Friedland, wo er feinem erjchöpften Heere. einen Ruhetag gönnen wollte.
Hier aber ließ er ſich am nächſten Tage zu einer Echlacht verleiten
und wurde geichlagen. Er zog jich nun nach der Memel zurüd. Daher
mußten die Preußen Königsberg verlaffen, um nicht abgefchnitten zu
werden. Napoleon verlegte fein Hauptquartier nah Tilfit, wo feine
Truppen Aufitelung nahmen und raubten, was die Ruffen übrig gelaffen
hatten, jo daß eine Teuerung entitand. Der Scheffel Roggen koftete
6 Thlr., 1 Pfund Butter 20 Sgr., 1 Stof (wenig mehr als ein Liter)
Kornbranntwein 1 Thlr, 1 Pfund Aindfleifch 12 Grofhen
Der Krieggeifer der Ruſſen war längſt verraucht; der Kaiſer
Alexander Hatte feinen Treueid vergefjen, auch ein Teil der Umgebung
Friedrich Wilhelms fah fein Heil im ferneren Widerftande So wurde
zur Freude der Franzoſen, denen eine Fortſetzung des Kampfes
in den Wäldern und Sümpfen Litauend zuwider war, am 25. Juni
der Waffenitillftand unterzeichnet, und Die beiden Kaiſer hatten in
einem Pavillon, der auf zwei miteinander verbundenen Fahrzeugen
erbaut war, eine Beiprehung, die ein Bündnis und eine Teilung
Europas einleitete.e Der Weiten follte dem franzöfiichen, der Diten
mit Einſchluß Finnlands und der Donaufürftentümer dem ruffifchen
Meachtbereich gehören‘) Am 7. Juli jchloffen Rußland und Frankreich
srieden, zwei Tage jpäter Preußen und Frankreich. Der König mußte
alles Gebiet weftlich der Elbe mit Einſchluß Magdeburgs und im Dften die
polnifchen Provinzen und Danzig abtreten. Vergeblich hatte die preußifche
Friedenspartei die allverehrte Königin Luiſe zu einer Unterredung mit
dem hartherzigen Sieger von Jena gendtigt, um wenigſtens Magdeburg
zu erbitten. Die Unterredung am 6. Juli zu Tilfit, welche ihr große
Überwindung foftete,**) war umſonſt. Daß Napoleon Preußen noch
teilweiſe bejtehen ließ, geichah nur „aus Achtung für den Kaifer aller
Reußen“ und „aus Gnade”.
Über die Räumung der dem Könige verbliebenen Provinzen enthielt
der Triedensvertrag vom 9. Juli nicht. Darüber ſchloß erſt am
12. Suli zu Königsberg General Kalfreuth eine „Konvention“, nach
welcher bis zum 20. Auguft Preußen bis zur Weichjel und am 1. Nov.
bi3 zur Elbe geräumt werden follte, falls rechtzeitig, d. h. vorher, alle
Kontributionen, welche während des Krieges den vom Feinde beſetzten
Zandesteilen auferlegt waren, bezahlt oder genügende Sicherheiten geftellt
würden, über deren Gültigkeit der Generalintendant der franzöfijchen
Armee Daru befinden follte Dann erit jollten die Landegeinfünfte für
den König wieder erhoben werden, bis zur Entrichtung aber das Land
von franzöfifchen Truppen beſetzt bleiben, die auf Landesfoften zu ver-
pflegen waren.
War ſchon diefer Vertrag überaus drüdend für das von Freund
und Feind ausgeſogene Land, jo wurde die Berechnung, welche Daru
anftellte, geradezu verhängnisvoll für unjer Vaterland. Als nämlich
bon preußifcher Seite die zu zahlende Kriegskontribution auf 19,830,432 Tr.
11 Cts. angegeben wurde, rechnete der franzöjiiche Generalintendant
154,505,497 Fr. 18 Ets. heraus, nachdem feine erfte Berechnung
des Sahresertrages auf 33 Millionen von Napoleon verworfen war,
und erflärte, e8 würde ihm ein leichtes fein, feine Forderungen auf
*) Nach Häußer a. a. O. ©. 110 ff.
**) Auguſt Kluckhohn: Luiſe, Königin von Preußen. Berlin 1876. ©. 3.
— 22 —
200 Millionen zu erhöhen. Auf der verlangten Summe müſſe er be—
ſtehen, weil der Kaiſer aus politiſchen Gründen ihm befohlen habe, davon
nicht abzugehen. Es war klar, Napoleon wollte das verhaßte Preußen,
das er trotz feiner Niederlagen und Zerſtückelung noch fürchtete, aus—
ſaugen bis aufs Blut, jo daß es an eine Erhebung in alle Ewigkeit
nicht denken konnte.
Preußen ſeufzte unter dem Drucke der Fremdlinge und der mit
ihnen verbündeten Rheinbündler, am meiſten Oſtpreußen und Litauen,
welche als, Kriegsſchauplatz mehr als die übrigen Provinzen gelitten
und geduldet hatten. An Vieh und Pferden war nur noch der zwanzigfte,
ja in manchen Gegenden der fünfzigfte Teil vorhanden. Folgende Bei-
jpiele*) mögen ung dies veranjchaulichen. In Johannisburg, welches
jeitt November 1806 von Ruſſen beſetzt war, lagen vom 31. Dezember
1806 bis 7. Sanuar 1807 24000 Mann, deren Berpflegung eine Teuerung
hervorrief. Mit den Ruſſen zogen aber — was jchlimmer war — ver-
heerende Krankheiten ein. Im Angerburg verwandelten dieje preußiſchen
Bundesgenoffer auf Koften der Stadt das Königliche Schloß in ein
Militärlazarett, was der Bürgerfchaft 3000 Thaler Toftete; jpäter zogen
die Feinde ein, polnische NReiterei, plünderten das Königl. Salzmagazin,
worin fich 2092 Tonnen Salz im Werte von 20920 Thalern befanden
und nahmen den baren Kafjenbeitand (2858 Thaler) an fih. Die nach-
folgenden Franzoſen zwangen die Stadt zur Lieferung von Lebensmitteln,
Pferden und Wagen, die auf 6000 Thaler gefchägt wurden. Senzburg
erlitt Berlufte im Werte von 16192, Lyd von 7000 Thalern. Was
die Feinde übrig gelaffen Hatten, fiel zum großen Teile der Rinderpeſt
anheim, durch welche z. B. das Städtchen Sensburg 26000 Thaler
eingebüßt haben fol. In Gumbinnen**) nahm Ney bei feinem Einmarfch die
baren KRafjenbeftände der Kammer im Betrage von 30000 Thalern. Am
27. Juni 1807 waren von der nur 5000 Einwohner .zählenden Stabt
81881 Thaler gezahlt worden. In Angerburg und Darfehmen koftete
ſchöpft hat.
**) Albert Gelleßun: Ehronit der Stadt Gumbinnen. Gumb. 1887. ©. 25.
*) Nach Albert Weiß, a. a. O. S. 97—99, der aus Stabtehronifen ges -
Damals eine Ziege 12 bis 16 Thaler. Die Milch derjelben verwendete
man nur für Kinder und Kranke. In Iehterem Orte“) waren ſämtliche
Wieſen abgemäht, die Felder und Saaten zertreten. Von der hinter den
Kaſernen errichteten Schlächteret zog ein Höllifcher Geſtank durch die
Stadt und erzeugte eine Seuche, der das wenige, noch übrig gebliebene
Vieh erlag. An barem Gelde wurden die Einquartierunggfoften vom
23. Suni bis 25. Juli auf 16418 Thaler 10 Sgr. abgeſchätzt. Cbenjo
traurig jah es auf dem Lande aus. Im Amt Gudwallen bei Darfehmen
beſaßen viele Wirte höchſtens noch ein Pferd. Gailboden bewirtichaftete
jeine 63 Hufen mit 10, Alt-Ragaiſchen 77 Hufen mit 14 Pferden.
Sehr günſtig war Notrienen weggefommen, welches auf 7 Hufen 3 Pferde
behalten hatte. — Löten**) Hatte befonder3 über die Lieferungen von
Pferden und andern Bedürfniffen, welche den Wert von 20000 Thalern
überftiegen, und den Verluft faft alles Viehes durch die bösartige Seuche
zu Hagen. Weil aber damals der größte Teil feiner Einwohner aus
Acerbürgern beftand und weil ferner auch der Handel und das Gewerbe
der Stadt ind Stoden geraten war, fo ftieg die Not der Bevölkerung
aufs höchſte. Die meisten der blieben unbeftellt Tiegen. — In
. Soldap***) rafften anjtedende Krankheiten 349 Perſonen von den
2652 Einwohnern hinweg und 299 von der Landgemeinde. Auch die
ganze jtädtiiche Herde von mehr ald 800 Stüd ging durch die Viehſeuche
verloren. Die Kriegsſchäden betrugen für die Kleine Stadt 10716 Thlr.
— Gtallupönen,}) mit wenig mehr als 2200 Einwohnern, hatte Lie-
ferungen im Betrage von 8852 Thalern leijten müſſen. An Kriegs—
fontribution mußte die Stadt 4750 Thaler zahlen. Schlimmer war,
daß unter den Bürgern die rote Ruhr und unter dem Vieh die Rinderpeft
zahlreiche Opfer heiſchte. — Schwer zu leiden hatte auch Infterburg,Ff)
*) Rogge. Geſchichte der Diöceſe Darfehmen. S. 192.
**) Gerß, Chronik von Lößen in „Neue Breußifche Provinzialblätter“ 1852. ©. 152.
»**) Chronik von Goldap in „Preußiſche Propinzialblätter” 1832. ©. 433 ff.
+) Chronik von Stallupönen in „Preußiſche Provinzialblätter” 1836. ©. 154.
++) Infterburger Kirchen⸗Nachrichten. Mitgeteilt von Otte van Baren,
Landgerichta- Präfidenten in Inſterburg. (Altpreußiſche Monatsſchrift. Kgsb. 1886.
©. 47 ff.)
— 24 —
welches nach der Schlacht bei Br.-Eylau Sammelplatz der ruſſiſchen
Truppen war. Die zu Lazaretten eingerichteten PBrivathänfer, Daß ganze
Schloß, ſämtliche Schulgebäude umd die reformierte Kirche waren mit
franfen Ruſſen überfüllt, die zum größten Teil jtarben. Bald wütete
auch unter den Einwohnern eine peftartige Krankheit, jo daß die Sterb-
lichkeit um */s ſtärker war als ſonſt; ja es ftarben einige Häuſer beinahe
ganz aus. Als die Franzoſen einrücten, mußten zur Abwehr der Plün—
derung 63650 Thaler gezahlt werden. Die Feinde nahmen außerdem
alle Kafien, aus dem Depoſitorium des DberlandesgerichtS 1125 Thaler,
aus der Salarienkaſſe desfelben 151, aus dem Depofitorium des Königl.
Stadtgericht® 14336 Thaler, aus der Königl. Salz-Kaſſe 1868 Thaler
und verfauften dag ganze Salzlager. Um wenigſtens das Vermögen Der
Unmündigen zurüdzuerhalten, das größtenteil3 in Documenten im De—
pofitorium des Stadtgericht3 gelegen hatte, jandte die Stadt Abgeordnete
an den Intendanten Daru nach Königsberg: Daru verſprach alles und
— hielt nicht Wort. In der Nähe Infterburgs biwalierten 10000 Mann
vom Bernadottefchen Corps, die alles nahmen, um das Lager wie durch |
einen Hauberjchlag in wenigen Stunden zu einer hübjchen Stadt umzu—
wandeln, Thüren, Fenſter, Stühle, Bänfe, Spiegel, Betten und Hausgerät.
Noch Härter wurde Tilfit*) mitgenommen. Nach der Schlacht bei
Friedland hatten die Durchzüge der Preußen und Rufen Tag und Nacht
nicht aufgehört. Am 19. Juni waren die legten (Baſchkiren und Koſaken)
zur Schiffsbrücke gejprengt, denen die Franzoſen auf dem Fuße folgten.
Da ließ Bennigſen die Pontong, zu welchen Pechkränze, Teer und
36 Fuhren (10 Schod) Stroh die Stadt notgedrungen zuvor hatte an-
fahren müffen, in Flammen aufgehen. Die Dörfer am rechten Ufer
verblieben alfo den Ruſſen, deren Hauptquartier zu Baubeln (1 Meile
von Tilfit) fic) befand; am linken Ufer lagerten die Franzojen. In
Tilfit, dag damals nur 10000 Einwohner Hatte, quartierten fich die
Garden und 1000 Offiziere ein, jo daß alle Häufer überfüllt waren und
die Vorräte faum hinreichten, die Gäſte zu befriedigen. Napoleon war
*) Nah den Alten des MaaiftratS zu Tilſe, betreffend die Anfertigung und
Führung der Stadt-Chronik. (Ungedrudt; eine Chronik ift nicht angefertigt worden.)
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een, SO
ſeit dem 19. Juni im der Stadt, die für die kaiſerliche Küche, Die
Bäckereien, Zazarette, Truppen u. f. w. forgen mußte. “Der Geldeswert
dieſer Zwangslieferungen betrug 46071 Thaler 23 Gr. 1Pf. In ge
wohnter Weife hatten die Franzoſen gleich nach dem Einmarſch die Kaffen
und das Salzmagazin mit Beichlag belegt, welches letztere die Stadt für
54173 Thaler 23 Sgr. 9 Pf. zurückfaufte.
Nicht minder Hatte das Land zu leiden, da die Feinde mehrere
große Läger bei Moritzkehmen und Berneiten aufgeichlagen hatten. Am
Abend des 5. Juli durchritt Napoleon mit dem Kaiſer Alerander und
dem Könige Friedrich Wilhelm das Lager zwilchen Moritzkehmen und
Eropmeiten, welche® von Baumeiftern und Kunſtgärtnern bergeftellt zu
fein ſchien. Breite Straßen führten durch die Baraden; Badöfen und
Schlachthäufer waren nad) Bedarf vorhanden. Überall hatte man
niedrige Herde von Ziegelſteinen in einiger Entfernung Hinter den
Baraden angelegt. Beim Eintritt in diefe Baracken überrafchte die große
Reinlichkeit, Ordnung und Ausstattung. Jeder Beſuch im Lager wurde
freundlich empfangen, beſonders Damen und ruſſiſche Offiziere. Lebtere
entließen die artigen Franzoſen nie ohne eine Mahlzeit, wie fie in der
Stadt für fchweres Geld faum zu haben war. Fragt man aber, woher
alle diefe Reize des Lagers entftanden waren, fo antworten die Thränen
der Bewohner der Umgegend. Die noch unreifen Saaten waren ab-
gejchnitten worden, um den Plab zum Lager zu gewinnen, Zäune und
Ställe abgebrochen zum Bau der Baraden, die Wohnungen und Gärten der
Gutsbeſitzer geleert, um hier zum Schmud und zur Bequemlichkeit zu dienen.*)
Dem Beliter der Falkenapotheke, Apotheker Michalowgti, wurde ein großes
Weinlager entivendet, das von der Stadtbehörde auf 22000 Marf ab-
geihäßt wurde”) Während bei Morigfehmen 15000 Dann lagerten,
war ?/sa Meile von der Stadt für 25000 und 1 Meile von Tilfit für
30000 Mann ein zweites und Dritte Lager angelegt. Tilſits Kriegs—
jchäden während des Jahres 1807 beliefen fich nach amtlicher Schägung
auf 766418 Thaler 25 Sgr. 4 Pf.
ü *) F. Schneider: Tilfit von der Gründung der Schalauerburg bis zum
Sabre 1813. ©. 121 und 122.
**) Akten des Magiftrats.
_ 6 —
Nach einem Bericht des Grafen zu Dohna, des Civilgouverneurs von
Preußen, betrugen die Kriegsfchäden Oſtpreußens während der Jahre 1806
und 1807 65659392 Thaler, diejenigen Litauens nach Mitteilung des
Negierungspräfidenten von Schön 12808486 Thaler 55 Grojchen.*)
Darf man fich wundern, wenn in diefer Not manchen wacern
Mann die Verzweiflung padte, daß er das Baterland verließ, um dem
furchtbaren Elend zu entfliehen und in der Fremde ein beſſeres Daſein
"zu fuchen, zumal da, wo der Kampf getobt und das Land in eine Einöde
verwandelt war? Wohl dem, der neben einem jchuldenfreien Beſitztum
noch ein Barvermögen bejeffen und es vor den gierigen Händen der
Feinde geborgen hatte oder von wohlhabenden Familien für die Fort—
führung der Wirtjchaft die nötigen Gelder erhielt. So erhielt der Be—
fißer der Beigleider Güter, Herr v. Oldenburg, von feinem Schwiegervater,
dem Geheimen Rat von Billerbed, einige Taufend Thaler, um die Land⸗
wirtichaft wieder etwas in Gang zu bringen. Da die Arbeiterfamilien
auf feinen Gütern der notwendigen Milch für ihre Familien entbehrten,
jo ließ er in Polen Biegen für fie kaufen. Meilenweit gingen rauen
und Kinder diefem Biegentransport entgegen und fielen beim Anblid
degjelben auf die Kniee und danften und priefen Gott.
Die meiften GutSbefiger verarmten, felbjt jolche, welche bis dahin eine |
jchuldenfreie Bejigung gehabt hatten. Unter ſchweren Opfern nahmen fie |
Hypotheken auf, jahen fich aber nicht imftande, die Zinſen, geſchweige die |
nötigen Abgaben zu zahlen. Wer ichon vor dem Kriege Schulden gehabt |
hatte, mußte zujehen, wie das Gut feiner Väter zur Subhajtation fam und ;
für einen Spottpreis in: fremde Hände überging. Die Treforjcheine '
fielen derartig im Werte, daß Scheine über 5 Thaler für 1 Thaler 4 Sgr.
zu haben waren, weil die Staatskaſſen -jeit dem Kriege fie gegen bares
Geld nicht einmwechjeln fonnten. ntiprechend ſank der Kurs aller
Staat3papiere. In diefer Not berief der König den Freiheren dv. Stein
im September 1807 in die oberjte Leitung aller Civil-Angelegenheiten
*) Vergleiche Dr. W. Töppen: Nachweiſung der Hriegslaften und Kriegsſchäden
Preußens von 1806-1813 in „Altpreußiiche Monatsichrift. Neue Folge.“ 8. Band.
Königsberg 1871. ©. 47.
ei HE
nach Memel. Auf der Reife durch DOftpreußen und Litauen fand er Die
Kräfte des Landes erichöpft, den Vieh- und Pferdebeſtand zerjtört, viele
Dörfer und mehrere Städte abgebrannt, viele Taujend Familien ing
Elend getrieben, jo daß in einem einzigen Orte 500 Kinder armer ver-
ſchollener oder am Faulfieber geftorbener Eltern durch Sammlungen
und auf öffentliche Koften ernährt werden mußten.
Die Anträge, welche Stein dem Könige unterbreitete, gingen bon
dem Grundgedanten aus, den jittlichen, religiöfen und vaterländifchen
Geiſt der Bevölferung zu heben, ihr wieder Mut, Selbftvertrauen, Be-
reitwilligfeit zu jedem Opfer einzuflößen und die erjte günjtige Gelegenheit
zu ergreifen, um den blutigen, wagnisvollen Kampf für die Freiheit zu
beginmen.*) Um dies zu erreichen, mußten alle Kräfte, die in der Nation
Ichlummerten, gewedt werden. Anteil an den Angelegenheiten ihrer Ge-
meinde und auch des Staates jollte den Gemeingeift und die Vaterlands-
liebe weden. Einer auf dem Recht und Gefet beruhenden Freiheit im
Gegenſatz zur gejeßlofen Zügellofigfeit der franzöfiichen Revolution
jollten fich alle Preußen, ob vornehm, ob gering, erfreuen. Daher mußte
die Erbunterthänigfeit aufgehoben werden, denn ein gejunder Fräftiger
Bauernftand ift die Grundlage jedes tüchtigen Volkes. Der König geht
gern auf dieſe VBorjchläge ein. Er äußerte bei der Beratung über die—
jelben, die Aufhebung der Erbunterthänigfeit jet feit feinem Negierung3-
antritt fein unverrücktes Biel gewefen, welches er allerdings allmählich
habe erreichen wollen; ein fjehnellerer Schritt werde jetzt durch die un-
glückliche Lage des Landes zugleich gerechtfertigt und abgenötigt.**) So
erließ Friedrich Wilhelm das „Edit“ vom 9. Oftober 1807, betreffend
den erleichterten Befig und den freien Gebrauch des Grundeigentums
ſowie die perfönlichen Verhältnifje der Landbewwohner. Shn befchäftigte
vor allem die baldigite Wiederherftellung des gejunfenen Wohlitandeg,
und er beichloß, alles zu entfernen, was den einzelnen bisher Hinderte,
den Wohlſtand zu erlangen, den er nach dem Maß feiner Kräfte zu
erreichen fähig war. Daher hob er die Vorrechte des Adels im Erwerb
*) G. S. Berk: Das Leben des Minifter8 Freiherrn vom Stein. Band. 2. ©. 10.
**), Ebenda ©. 17.
der Rittergüter auf. In Zukunft follten Adlige, Bürger und Bau
ohne Einschränkung alle Arten von Gütern erwerben und alle Gewerb
ohne Nachteil ihres Standes betreiben dürfen. Die Befiter veräußer-
licher Grunöftüde dürfen Teile derfelben veräußern oder können auch
einzelne Bauernhöfe, Krüge, Mühlen u. ſ. w. ſowie Vorwerksland ganz
oder in beliebigen Teilen vererbpachten, können mehrere Höfe in eine
bäuerliche Beſitzung oder zu einem Vorwerk zuſammenziehen. Die wich—
tigſte Beſtimmung aber war die Aufhebung der Guts-Unterthänigkeit.
Es hört mit dem 9. Oktober 1807 das Unterthänigkeitsverhältnis der⸗
jenigen Bauern auf, welche ihre Bauerngüter erblich oder eigentümlich
oder erbzinsweiſe oder erbpächtlich beſitzen. Mit dem Martinitage 1810
hört überhaupt alle Gutsunterthänigkeit auf. Nach dieſem Tage giebt‘
es aljo nur nod) freie Zeute (wie es auf den Domänen Preußens jchon
der Fall war), bei denen aber natürlich alle Verbindlichkeiten in Kraft
bleiben, die ihnen als freien Leuten vermöge des Beſitzes eines Grund: |
jtücles oder vermöge eines befondern Vertrages obliegen.
Hieran Schloß fi) das Edikt vom 29. März 1808, betreffend Die |
Mühlengerechtigfeit und Aufhebung des Mühlenzwanges in Oftpreußen,
Litauen, Ermeland und dem Marienmwerderjchen Kreiſe.
Um die durch den Krieg beſonders hart mitgenommenen Grund—
befiger in ihrem Beſtreben auf Erhaltung ihrer Güter zu unterjtüßen,
wurde ihnen am 24. November 1807 ein außerordentlicher Indult oder
Moratorium, d. h. eine Zahlungsftundung, bis zum 24. Juni 1810 geſtattet,
ohne daß fie die Notwendigkeit vor dem Richter nachweilen brauchten.
Hypotheken- und Pfandgläubiger müfjen fich während der Dauer dieſes
gefeglichen Indult3 mit der durch die Hypothek oder das Unterpfand
einmal erhaltenen Sicherheit begnügen. Während der Dauer dieſes
Sndult3 findet feine Execution wider den Schuldner Statt, er iſt aber
auch Ichuldig, innerhalb dieſer Zwiſchenzeit die Zinjen der gejtundeten
Rapitalien bei Berluft des Moratoriums pünktlich zu bezahlen. Während
der Imdultzjahre können dem Schuldner feine Kapitalsaufkündigungen
geichehen und die etwa früher ſchon erfolgten verlieren ihre Wirkung,
jo daß fie nach Ablauf des Indults wiederholt werden müffen. Während
;
4
— 9 —_
>er Dauer dezjelben joll in der Regel feine notwendige Subhaftation
ined Grunditüdg verfügt werden, nur die bereit3 jchmwebenden dürfen
'ortgejeßt werden und neue eingeleitet werden, wenn beide Teile darauf
ıntragen oder die Schuld nach dem 19. Mai 1807 erhoben ift, als der
König von Bartenjtein aus die erjte Verordnung wegen eines den Grund-
seljigern zu bewilligenden General-Indults erließ.) Damit war nicht
aur dem Schuldner, fondern auch manchem Gläubiger geholfen, weil
bei dem großen Angebot von Lanöbefig der Grund und Boden
entwertet wurde und bei dem jchon recht fühlbaren Mangel an
Geld beim Zwangsverkauf jo manche Hypothek ausfallen mußte.**)
Salt alle Gutsbeſitzer des Oſtens jahen jich im Laufe der nächiten
Sahre genötigt, Moratoriengejuche einzureichen, zumal da der König
zur Aufbringung der an. Frankreich zu zahlenden Kontributionen große
Anforderungen an Stadt und Land ftellen mußte. |
Sm März 1808 war e3 nämlich Stein gelungen, mit dem fran-
zöfiichen Generalintendanten Daru einen Bertrag abzujchliegen, worin
diefer fich zur Annahme von Wechjeln und Pfandbriefen für den Betrag
der Kontribution bereit erflärt hatte. So fchien die drückende Verpflegung
der 157000 Franzoſen, welche das Land bejegt hielten, endlich aufzuhören;
aber Napoleon zügerte mit der Zuftimmung, da ihm nur die völlige Ohnmacht
Preußens am Herzen lag, bis Die Erhebung der Spanier und Die dadurch in
Ofterreich hervorgerufene Gährung ihn zu einem Abkommen mit Preußen
zwang. Stein jelbit hielt den Augenblid für günftig zum Losichlagen gegen
den Feind. Solche Gedanken jprach er in einem Briefe aus, den er
an den Fürften Wittgenftein nad) Doberan jandte. Diejes Schreiben
wurde dem Überbringer zu Spandau abgenommen und nach Paris
gefandt. Nun mupte Stein feine Entlaffung nehmen, und der König
ihloß zum großen Leidwejen der Kriegspartei nach dem zu Erfurt
erneuten Bündniſſe Napoleons und Alexanders im Herbſt 1808 den
Barijer Vertrag, nad) welchem Preußen fich verpflichtete, 120 000 000 Fr.
Kriegskontribution innerhalb 20 Tage zu zahlen und zwar zur Hälfte
*) Novum corpus constitutionum etc. 12. Band. Berlin 1822. ©. 264 ff.
*x) 8,9. Pertz: a. a. DO. Band 2. ©. 47.
=.,:80:
i
bar oder in guten Wechfeln, zur Hälfte in Pfandbriefen auf die königlich
Domänen, welche in 1bis 11/s Jahren zahlbar fein jollten. Die —
Glogau, Küſtrin, Stettin behielten jedoch 10000 Mann franzöſiſche
Beſatzung auf preußiſche Koſten. Nach Zahlung der Hälfte der Sur
tribution ſollte Glogau, die beiden andern erſt nach Zahlung der ganzer
Summe geräumt werden. In einem Nebenvertrage verpflichtete id
Preußen, nur 42000 Mann ımter den Waffen zu halten.
Bei der Lage des Staates waren die Gelder geradezu unerjchtwinglid,
Die Kontribution betrug dag Zweieinhalbfache des damaligen reinen Staat
einfommend.*) Das Land hatte zwei Jahre unter dem Drud der franzöfilche
Bejagungen geſeufzt und über eine Milliarde (1129 374217 Fr.) bis dahu
gezahlt.**) Dftpreußen und Litauen hatten bis Ende 1807 245312 Pferk
137616 Ochſen, 206109 Kühe, 878719 Schafe verloren.***) Am
zahlte Rußland einige Entjchädigung für die Lieferungen der beide
Provinzen, aber diefe reichte faum Hin, um den nötigften Viehbeſtand
aus dem füdlichen Rußland. wieder anzufaufen. Die Sommerfeld
waren nicht gehörig bejäet, von den Winterfeldern blieben auf den Bor
werfen die Hälfte, auf den Bauernhöfen zwei Drittel unbeftellt, Da
Zinsfuß ftieg daher auf 10%.) Drüdend war neben den übriga
Zahlungen die Berproviantierung der Oderfeftungen. Auf dem Landtag
vom 1. bis 7. Mai 1809 fuchen daher die oftpreußifchen und litauiſche
Stände fich hiervon ganz frei zu machen, indem fie darauf hinweiſen
daß fie jeit langen Jahren zum Graudenzer und Pillauer Feſtungsba
beigetragen hätten, ohne daß die anderen Provinzen ihnen zu Hülfe ge
fommen wären.}}) Deshalb könnten nun wohl die einheimijchen Provinzer
die Koſten allein tragen, da fie bei weitem nicht fo viel gelitten hätte
*) Erwin Raffe: Die preußiiche Finanz« und Miniſterkriſis i. 3. 1810 unt
Hardenberg Finanzplan in Sybels hiſtoriſcher Zeitichrift. Band. 26. S. 285.
**, Mar Dunder: Eine Milliarde, welche Preußen Frankreich zahlen mußte
Beitichrift für Preußiſche Geichichte und Landeskunde 1871. S. 219.
+) Droyſen: Leben des Feldmarſchalls York von Wartenburg. Berlin 1852
Band. 2. ©. 2.
) G. H. Bat: a. aD. Band 2. ©. 52.
tr) Bujad:: Der Landtag vom 1. biß 7. Mai 1809. Protokoll mit Beilagen. S.15.
9,
ala Oſtpreußen und Litauen. Aber der König lehnt; die Bitte, „daß
dieje Provinzen vom den Beiträgen zum approvisionnement gnädigit
und gänzlich verjchont werden“, mit dem Hinweiſe ab, daß dieſe Kon-
tribution eine allgemeine, alle Provinzen verpflichtende Staatzfchuld fei.**)
Der Landtag erhält zwar auf feinen Antrag die Erlaubnis, den Beitrag
für Die Unterhaltung der Oderfeftungen bei dem Mangel ar barem
Gelde in Naturalabgaben zu entrichten, lehnte aber am 29. Sept. 1809
die Forderung ab und erklärte, daß es nicht geraten jei, einen Natural-
Beitrag zu fordern.*) Daher zahlte man i. 3. 1809 121981 Thaler, wovon
Königsberg 40000 Thaler übernahm. Aus Königsberg zogen die Franzofen
jo jpät ab, daß der Hof erit am 18. Januar 1808 dorthin von Memel
überjiedelte, wo die Königin Luiſe 14 Tage darauf von der Prinzeſſin
Luiſe entbunden wurde. Aber das namenloje Elend jener Tage hatte
den König und dag Land nicht entfremdet, nur enger aneinander geknüpft,
was fich unter anderem auch darin zeigte, daß Friedrich Wilhelm die
Stände von Dftpreußen zu Paten feines jüngſten Töchterchens nahm,
Ausſchließlich Steins Verdienſt iſt es, daß beim Abjchluß des Parijer
Vertrages die erjten Anzahlungen auf die geforderten Kontributionen
gemacht werden fonnten. Durch Erjparungen in den höheren Gehalt3-
itufen der Beamten, im Heer, der Hofhaltung, welche die ganze Fünigliche
Familie auf das einfachſte einſchränkte, die Ausprägung des großen
goldenen Tafeljerviceg aus dem Nachlaß Friedrichs des Großen, den
Reſt des nach Königsberg geretteten Staatsfchages, ein Anlehen bei den
reichen Holländern, Erhöhung der Abgaben und Veräußerung der
Domänen gedachte er die 120 Millionen zufammenzubringen. Die
Kaufmannſchaft der größeren Städte traf bereitwillig Fürjorge für Die
fofortige Überweifung der Taufmännischen Promeffen, von welchen
50 Millionen der Kontribution entrichtet werden jollten. An Kriegs—
Steuern waren 12 Millionen Fr. von Oftpreußen und Litauen
*) Ebenda S. 2.
**) Dos erfte Triennium des Comités der oftpreußifchen Stände Don
Dr. Bujad, Königsberg 1887. ©. 28.
aufzubringen und zwar 8 Millionen in barem Gelde vom ganzen Lande
die von Königsberg vorſchußweiſe entrichtet waren, und 4 Millionen in
Waren von der Stadt Königsberg allein. |
Es fam nun darauf an, der Stadt auch die Möglichkeit zu ge
währen, ihre übernommenen Berpflichtungen abzutragen. Deshalb wurde
eine allgemeine Einfommenfteuer für die ganze Provinz beantragt, umd
die Stadt erhielt das Recht, für die nächjten zwingenden Abgaben eine
Anleihe von 3700000 Thalern aufzunehmen. Dieſe fünfprozentigen
Stadtobligationen jollten durch die Einfommenfteuer vom Militär umd
Civil bis zum Juli 1814 eingelöft werden. Der durch Herrn v. Auerswah
ausgearbeitete Entwurf der Einfommenjteuer wurde Durch einen General:
fandtag begutachtet, zu dem auch köllmiſche Outäbefiter zugezogen wurden.
Außer den Wechjeln der Kaufmannfchaft im Betrage von 50 ill.
wurden 70 Millionen Staats- wnd landfchaftliche Obligationen an
Frankreich übergeben. Dieje mit barem Gelde einzulöjen, blieb fein
anderes Mittel übrig, als an den Verkauf der Staatsdomänen zu gehen.
Schon Stein hatte diefen Gedanken angeregt, und deshalb erließ der
König am 6. November 1809 von Königsberg aus das Edilt und Haus:
gejeg über die Veräußerlichfeit der Königlichen Domänen, welche durch
ein Geſetz Friedrich Wilhelms I. bisher unveräußerlich geweſen waren.
Der jedegmalige Souverän it Dadurch befugt, die zu den Domänen
gehörenden Bauerngüter, Mühlen, Krüge u. a. zum vollen Eigentum
oder zur Erbpacht zu veräußern. Sodann wurden durch ein Edikt vom
30. Oftober 1810 jämtliche geiltliche Güter in der Monarchie eingezogen,
da die pünktliche Abzahlung der Kontribution an Frankreich nur dadurd)
möglich wird. | I
Der Berfauf der Domänen und geijtlichen Güter brachte aber
nicht den Erwartungen entfprechende Summen ein, denn e8 fehlte an barem
Gelde, welches durch die bisher bezahlten Kontributionen und die Weg—
nahme aller öffentlichen Kaſſenbeſtände durch die Franzoſen ind Ausland
gegangen waren, während wenig einging. Schuld Daran trug beſonders die
Rontinentalfperre gegen England, zu welcher auch Preußen von Napoleon
geziwungen worden war, der dadurch das verhaßte Injelreich an den Rand
_ 3 —
des Verderbens bringen wollte, während in Wahrheit die Staaten des
Feſtlandes zu leiden hatten. Troß des Schmuggels ftiegen Die
Preiſe aller bisher aus England und den Kolonieen eingeführten Waren
zu einer gewaltigen Höhe Für Oftpreußen und Litauen aber wurde
die Sperre geradezu verhängnispoll, weil bisher das Getreide aus—
ſchließlich nach England ausgeführt war. So ſank denn der Preis
für Weizen, Roggen, Gerſte und alle Bodenerzeugniſſe immerwährend.
Die Kaufleute konnten kein Getreide kaufen, weil ihnen ein Abſatzgebiet
fehlte. So litt mit dem Beſitzer auch der Handelsſtand, und die Not
wurde immer größer. | |
Für Getreide zahlte man im Sahre 1808 in Tilfit folgende Preife:
Weizen, Roggen, Gerſte, Hafer, Erbſen.
Jan. 5 Thlr. 10 Sgr. 4 Thlr. — Sgr. 3 Thlr, — Sgr. 1Thlr. 15Sgr. 4 Thlr. — Sgr.
Febr. 5 — 4 nn 3 n 2) ” 1 n 5 n 4
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Dsbr.2 10 „ 1, BB,» 1. I a BB — —
Sobald die Ernte beendigt war, zeigte ſich alſo dem Landmanne
in feiner ganzen Furchtbarkeit der Einfluß der Kontinentalſperre.
Das Sahr 1809 war noch troftlofer als das vergangene, denn
die Preiſe ſanken
für Weizen von 2 Thlr. 20 Sgr. bis auf 1 Thlr. 20 Sgr.,
„ Roggen von 2 Thlr. bis 22 Sgr.,
„ Gerite von 1 Thlr. 10 Sgr. bi8 20 Sgr.,
„ Safer von 24 Sgr. bis 12 Sgr.,
„ Erbien von 2 Thlr. bis 22 Sgr.;
„ Kartoffeln zahlte man im Frühjahr 14 Sgr., im Dezember 5 Sr.
für den Scheffel. :
_ 14 —
Sm Sahre 1810 ſchwankten die Preiſe
für Weizen von 1 Thlr. 15 Sar. bis 1 Thlr. 5 Sgr.
„ Roggen von 24 big 14 Sgr.,
„Gerſte von 20 bis 12 Sgr.,
„ Safer von 14 big 11 Sgr.,
„ Erbfen von 24 bis 14 Sgr.,
„ Kartoffeln von 6 bis 5 Sgr.
Zu den niedrigen Getreidepreijen fam als ein neuer Notjtand die
Berjchlechterung der Scheidemünge, welche den Handel mit den Nachbarn
ftörte. Der Mangel an barem Gelde erreichte eine ſolche Höhe, daß
der Staat die laufenden Zinſen und die Gehälter an ſeine Beamten nicht
mehr zahlen konnte.
Auch die reichſten Gutsbeſitzer ſahen ſich genötigt, Kapitalien auf—
zunehmen, die ihnen bei unpünktlicher Zinſenzahlung von den Gläubigern
aus Furcht vor Verluſten ſogleich wieder gekündigt wurden. Die
Moratorien-Geſuche wurden deshalb immer zahlreicher. Sogar Friedrich
Wilhelm von Farenheid, vor dem Kriege einer der reichiten Großgrundbeſitzer
des Dftens, fah fi) im Jahre 1809 genötigt, beim Oberlandes-Gerichte
ein mehrjähriges Moratorium nachzujuchen,*) da er durch den Krieg
die Haupteinfünfte ſeines Vermögens verloren hatte. Derjelbe befaß in
Weſtpreußen einen Flächenraum von gegen 11 Duadratmeilen, Darunter
die Herrichaft Flatow, nebjt andern Gütern in Polen; in Oftpreußen
und Litauen reichte fein Bejig von der Südjeite des Darkehmer Kreifes,
den Ungerburger und Infterburger Kreis berührend, durch den nördlichen
Teil des Gerdauer Kreijes big zur Mitte des Wehlauer Kreijes hinauf.
Dazu gehörten die Güter Angerapp, Meduniſchken, Groß- und Klein—
Beynuhnen, Wilalbuden, Auerfluß, Dombrowfen, Launinken, Gurten,
Illmen, die Gnieer Güter, Nagurren, Glashütte, Mauen, Mauentalde,
Kopperöhagen, Nuhr, Kugladen, die Eiferwagenfchen und Aſtrawiſchker
Güter u. a. |
*) Brief Friedrich Wilhelms von Fahrenheid vom 10. November 1809 aus
Orlowo in Polen an jeinen Sohn Friedridy Heinrich Johann v. F. in „Altpreußiiche
Monatzichrift. Neue Folge.“ 2. Band. Königsberg 1872. ©. 434 und in Rogge:
Geihichte der Diöceſe Darkehmen. ©. 173. |
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Die Bevölkerung Oſtpreußens hatte um Ye, die Pommern? und
Brandenburgs um "/ss abgenommen. Um nun den Wohlſtand der Provinzen
wieder herzujtellen und mit demſelben die Steuerfraft zu heben, Hatte
der König am 29. März 1808 . den Mühlenzwang aufgehoben, der Haupt-
fächlich die unteren Volksklaſſen gedrücdt Hatte. Gegen Entrichtung der
Mühlengewerksſteuer darf hinfort jeder auf feinem Grund und Boden
Mühlen aller Art anlegen, falls nicht dem Eigentümer einer jchon vor-
handenen Mühle dadurd) das zu feinem Betriebe erforderliche Waffer
entzogen oder zu ſeinem Nachteil zurüdgeftaut wird. Die mit dem
Beige einer Mühle verbundene Befugnis, andere zu zwingen, daß fie
ſich derjelben allein bedienen, hört in Oftpreußen und Litauen mit dem
1. Dftober 1808 gänzlich auf. Unter Teinerlei Vorwand darf der Müller
dazjenige Getreide, mit dejjen Abmahlen jchon der Anfang gemacht ift,
liegen laſſen, jondern er muß dasſelbe fchlechterdings völlig abmahlen,
bevor er fich auf etwas Anderes einläßt. Zur Kontrolle erhält ein jeder der
Reihe nach eine Blechmarfe und den Namen ſeines Bordermanne2.
Da nad) dem erften Erlaß des Königs der allgemeine Indult
Johanni 1810 ablief, jo bejchließen die Gutgbefiger auf dem General-
Landtage zu Königsberg am 4. Mai 1809 auf Antrag der Deputierten
des Inſterburgiſchen Kreijes, den König zu bitten, den bemwilligten Ge-
neral-Indult zu verlängern.*) Städte und Land ftanden hierbei im
Gegenſatz. Die ftädtiichen Deputierten, die Minderheit der Landtags:
abgeordneten, „wagen daher über dieſen Gegenftand ehrerbietigit ihr
Botum zu den Akten des General-Landtages einzureichen in der Hoffnung,
daß des Königs Majeſtät auch auf das Intereſſe der Städte huldreichſt
herabfehen werden.” Sie erflären:**) 1) Der bewilligte General-Sndult ift
fein. Mittel, einen ruinierten Grundbeſitzer zu „Tonjervieren“, denn wenn
ein Grundbefiter ohne fein Verſchulden ſich nur in augenblicklicher Ver-
legenheit befindet, ſo kann er nad) der A. ©. D. auf den allen Schulönern
zuftehenden Indult Anipruch machen. Kein Kapitaliit wird den Gut»
*) Bujad: Der Landtag vom 1.7. Mai 1809. ©. 26.
**, Ebenda ©. 59-61. (Im Tert iſt allerdings durch einen Druckfehler
595—57 numeriert.)
3*
ER:
befigern zur Aufbeiferung ihrer Lage Geld borgen, wenn er fürchte
muß, durch einen General-Indult die Dispofition über fein Vermögen
zu verlieren. 2) Diefer General-Indult fommt auch dem unmwürdigiten zu
Itatten, weil auch derjenige Grundbefiger dieſe Wohlthat genießt, welchen]
nach dem Anfauf von Grundjtüden mit fremdem Gelde fich Tein Gewiſſen
daraus macht, auf Koften feiner Gläubiger jein Geld und Gut zur ve
ſchwenden. Zu den unmwürdigen gehören aud) die rechtichaffenen Leute
welche bei überbürdeter Verſchuldung von dem Moratorium Gebrauch
machen und fich doch nicht in ihrem Beſitztum erhalten fünnen, alla
nur ihrem Gläubiger Schaden bringen. 3) Der erwähnte Indult if
ein Ruin für jeden Kapitaliften, denn die jegigen Zeiten find wegen dei
Kontribution und anderer Ausgaben von der Art, daß er mit feinen
Binfen nicht ausfommt. Da er über fein Kapital nicht verfügen kann,
muß er felbft Not leiden oder ungeheure Zinſen und Abzüge bezahlen;
vermindert aljo fein Kapital, damit ruinierte Gutsbeſitzer auf jeine Kofterf
erhalten werden. 4) Der erwähnte Indult iſt eine Ungerechtigkeit gegeifi
alle Erwerbsftände, denn jeder kann in feinem Erwerbe Unglüd Habe
und doch rettet Fein Gejeß den Kaufmann oder Handwerker, welchen
durch Unglüdsfälle ruiniert ift und erhalten werden würde, wenn man
ihm zum Nachteile der übrigen Staatsunterthanen eine jo bedeutend
Rechtswohlthat geben wollte 5) Sener Indult ift ein Ruin des Landes,
denn das Land ift durch den Krieg ruiniert und kann nur durch Kraft-
anftrengung in den vorigen Zuſtand Hergeftellt werden. Dieje kann
der Schon ruinierte Gutsbeſitzer nicht leijten, und deshalb wird das
Elend des Landes täglich größer. Obwohl der Krieg ſchon zwei Sabre,
beendet ift, finden fich Felder, welche nicht beftellt find, Gegenden, wo
die Menſchen dem Hungertode nahe find. Treten aber an die Stelle
der ruinierten Gutsbeſitzer andere mit neuen Kräften, jo werden die Güter:
bald wieder ihre frühere Blüte erhalten. |
Aus allen diefen Gründen wiederholen die 12 ftähtijchen Depu⸗
tierten ihren Antrag, den General-Indult nicht über die Zeit —
Johanni 1810 zu verlängern nme die Freiheit des Zinsfußes nicht
zu bejchränfen. |
zu a Be
Für eine Verlängerung des außerordentlichen Moratoriums ftimmten
ıber alle Gutöbefiger, auch die Köllmer, die fonft nicht immer mit den
RittergutSbefigern Hand in Hand gingen. Es machte fih bei ihnen
in Streben nach Gleichherechtigung geltend, und die Föllmischen Guts—
befier des Inſterburgiſchen Kreifes beantragen auf ebendiefem Land-
tage, „daß eine der Zahl der Grundftüde angemeffene Repräjentation
zwiſchen den adligen und köllmiſchen Gutsbeſitzern Tonftitwiert werde”,*)
und begründen ihren Antrag damit, daß in dieſem Kreiſe wenigſtens noch
einmal jo viel köllmiſche oder andere bürgerliche als adlige Güter und
Grundſtücke vorhanden feien, mithin die Repräjentation zwiſchen beiderlei
Gütern in feinem Verhältnis ftehe. Der Antrag der Köllmer fällt aber
mit 9 gegen 19 Stimmen.
Dem einmütigen Wunfche der Landleute giebt der König nad),
indem er den am 24. Juni 1810 ablaufenden Indult zwar nod auf
ein Bahr verlängert, aber durch) Verordnung vom 20. Suni 1811
dauernd aufhebt. „Obwohl die Bewegungsgründe in mehrerer Rüdficht
und zum Teil fogar in verftärktem Grade noch obmwalten, jo können
Wir Tegteren doc) nicht fortdauern laſſen, da gewiſſenloſe Schuldner ihn
mißbrauchen konnten.“
„Der Comité“ der oſtpreußiſchen und Titauischen Stände Hatte
allerdings am 14. März 1811 erflärt, daß der Indult vorjegt nicht
aufgehoben werden fünne, aber der Oberbürgermeifter Heidemann pro-
teftierte im Namen der Stadt Königsberg, bejonder3 aller Witwen,
Waiſen und Stiftungen auf das feierlichjte gegen die Herabjegung Des
Kapital3 oder der Zinjen aus dem Grunde, weil niemand dem andern
da3 Seine nehmen künne.**)
Ein Moratorium fonnten die Gutsbeſitzer auch jeßt einreichen wie
die Kaufleute, aber es traten wieder die allgemeinen gejeßlichen Be—
ſtimmungen der Gerichtverordnung in Kraft:
*) Ebenda ©. 20.
**) Bujad: Das erfte Triennium des Comités u. |. w. S. W.
— 38 —
Die Rechtswohlthat des Moratoriumd*) oder Indults kommt nur
ſolchen Echuldnern zu gute, welche an fich noch ſoviel Vermögen haben,
ihre Gläubiger befriedigen zu können, die aber durch vorübergehende
Umftände berhindert find, ihnen fofort bar und auf einmal Zahlung zu
leiften. Sie findet aljo nur gegen Geldzahlungen Statt. Wer ein Mo:
ratorium nachjucht, muß nachweiſen,
1) daß er an und für fich Hinlängliches Vermögen befißt, um den
Anforderungen feiner Gläubiger Genüge zu leijten,
2) daß Umftände vorwalten, welche es ihm unmöglich. machen,
ohne feinen Ruin jogleich bare Zahlung zu leiften,
3) daß gegründete Hoffnung und Ausfichten vorhanden find, durch
Geitattung des Moratoriums ſowohl feine Gläubiger befriedigen
als auch fich in ſeinem Nahrungsjtande erhalten zu Können.
Wenn demnach jemand mehr Schulden hat, als fein Vermögen
beträgt, jo kann er zum Moratorium nicht zugelaffen werden. Wird
nun dieſe Rechtswohlthat nur gegen einen Gläubiger angewandt, jo heißt |
fie Special-Moratorium, gegen mehrere dagegen General-Moratorium. -
Während des Moratoriengefuches muß die Erefution ausgeſetzt
bleiben.
- Bei einem Special-Moratorium weift der Schuldner dem Gläubiger
ein Objeft an, durch welches ihm für jeine Forderung Sicherheit gewährt
wird, nämlich entiveder ein unbewegliches Grundftüd oder eine gewiſſe
jährliche Hebung oder ein ausftehendes Aftivfapital oder ein beiwegliches
Unterpfand oder die Beitellung gewiffer Bürgen. Der Wert eines un-
beweglichen Grundſtücks wird durch einen Hypothekenſchein nachgewieſen
und Dabei auf den Erwerbspreis des Grundftüds Rückſicht genommen.
Sicherheit wird bei Landgütern innerhalb der erften zwei Drittel umd
bei jtädtiichen Befigungen innerhalb der eriten Hälfte angenommen.
Der Regel nach ſoll ein Spectalindult nicht leicht auf länger als
Sahresfrift zugeltanden werden.
*) Allgemeine Gericht3ordnung für die preußiihen Staaten. Eriter Teil.
Prozeßordnung. 47. Titel. ©. 660 ff.
— 39 —
Wenn ein Schulöner ohne rechtlichen Grund bloß aus Chifane
ınd zum Berjchleif der Sache ein Moratoriengefuch einreicht, fo ift er
>esjelben für unwürdig zu erklären und den Umftänden nach in eine
zambafte Geldjtrafe zu verurteilen. Während des Indults findet Feine
Exekution gegen den Schuldner jtatt, er muß aber die Zinſen bei
Verluſt des Moratoriums pünktlich bezahlen.
Wer ein Generalmoratorium nachjucht, muß bei dem Oberlandes-
gericht ein vollitändiges Verzeichnis jeined® Vermögen? und fämtlicher
Schulden angeben und um einen Gericht3deputierten bitten, der zu prüfen
Hat, ob er fich zu einem Moratorium eignet. Iſt gegen das Geſuch
nichts zu erinnern, jo werden die Gläubiger vorgeladen und die gegen
den Gemeinſchuldner ſchwebenden erelutiviichen Verfügungen ausgeſetzt.
Während des Moratoriums darf der Gemeinfchuldner weder feine
Srundftüde veräußern, noch fein Mobiliarvermögen vermindern, noch
Aktivfapitalien erheben und zu feinem Nuten verwenden, noch Schenkungen
machen oder auf irgend eine Art den Betrag feiner Schulden vermehren.
Wenn die Gläubiger fich untereinander oder mit dem Gemein-
ſchuldner nicht einigen können, jo bleibt e8 dem Gericht überlaffen, dem
Gemeinſchuldner in der Berwirtichaftung des Gutes einen Aufjeher zu
beftellen oder die Wirtjchaftsbeamten oder Pächter zu vereiden, daß fie
die Einkünfte an den Auffeher oder in das gerichtliche Depofitum ab-
liefern jollen. Sn legterem Falle erhält der Schuldner aber zur Er—
haltung jeiner Familie eine beftimmte Summe nad) billigem Exrmeffen.
Auch ein Generalmoratorium fol nicht länger als auf ein, zwei
bi3 höchſtens drei Sahre zugeftanden werden. Während der Indult—⸗
jahre können dem Schuldner weder Kapitalgauffündigungen gejchehen
noch Exefutionen wider ihn veranlapt werden. Das Moratorium ſchützt
jedoch nicht
1) gegen verfeffene und fortlaufende öffentliche Abgaben und ge-
meine Laften,
2) gegen das, was jemand einer öffentlichen Kaffe ſchuldig iſt,
3) gegen die laufenden Zinſen der ſchuldigen Kapitalspoſten und
gegen zweijährige Rückſtände,
— 40 —
4) gegen die laufenden jährlichen Renten und andere Hebungen,
5) gegen laufende Alimente,
6) gegen die laufenden Mieten und Pachten der Grundftüce,
7) gegen laufenden Gejindelohn und Deputat, LE und
Unterrichtzfojten der Kinder,
8) gegen Schulden, welche erft nach Einreichung des Moratorien-
gejuch® gemacht find. |
Damit nun aber nicht bei dem Mangel an klingendem Gelde viele
Grundbeſitzer bei der vorausſichtlich allgemeinen Kündigung ihrer Hypo—
theken in die bitterſte Not, ja um Haus und Hof kämen, verordnete der
König am 20. Juli 1811, daß es den Grundbeſitzern, welche bis zum
24. Juni Indult gehabt haben, verſtattet ſei, die hypothekariſch ver-
ſicherten Schulden in Pfandbriefen der Provinz nach dem Nennwerte
zurückzuzahlen. Außerdem ſoll dieſe Zahlung erſt nach Ablauf eines
Jahres, nach beſcheinigter Kündigung, gefordert werden dürfen ohne
Rückſicht darauf, ob in dem Darlehnsvertrage eine kürzere Kündigungs—
friſt bedungen iſt. Nur Zinſen und Koſten müſſen in barem Gelde
bezahlt werden. Bon der Zahlung mit Pfandbriefen werden jedoch aus—
geichlofjen
1) die jämtlichen Schulden eines Grundbeſitzers, wenn ſie ein—
ſchließlich der Perſonalſchulden !/s des Taxwertes aller feiner
Grundbeſitzungen nicht überſteigen,
2) diejenigen Darlehne, welche der Schuldner ſeit dem 1. Juli 1809,
zu welcher Zeit der Wert des Geldes bereits ſehr hoch ſtand,
von ſeinem Gläubiger in ausgeprägtem Metalle, ohne irgend
einen Abzug, zu 5 pCt. Zinſen empfangen hat, wobei es jedoch
nicht auf den Buchſtaben der Urkunde, fondern auf die Aus—
mittelung der wirklich bar und voll bezahlten Baluta ankommt,
3) die auf einem Grundftüde eingetragenen rüdftändigen Kauf-
gelder, wenn fie aus Verkäufen jeit Dem 1. Nov. 1806 herrühren.
Als Sicherheit für Kapital und Zinjen follen angenommen werden
bei ländlichen Grundjtüden der volle Betrag der Tare nad)
Iandichaftlichen Principien der Provinz, darin dag Grumdftüd
— 4 —
belegen ift, wenn eine folche Tare vorhanden oder der Schuldner
auf deren Annahme anträgt, — oder °/a des aus dem Hypo—
thefenbuch hervorgehenden legten Erwerbungspreifeg — oder der
Wert des Grundftücdes, der ſich aus dem Ertrage ergiebt, wenn
aus den Ertragsberechnungen der legten jech® Jahre vor dem
Kriege ein Gemeinjahr (eine Fraktion) gezogen und mit einem
Rückſchlage von Y/s die übrigen 2/s der Summe des jährlichen
Ertraged mit 4 pEt. zu Kapital erhöhet werden. |
Daß die Not im Lande ttotz aller Bemühungen des Königs nicht
abnahm, lag zum Teil auch daran, daß feit Ausbruch des ſpaniſchen
Treiheitsfampfes 1808 und des öſterreichiſch-franzöſiſchen Krieges im
Sohre 1809 auch für Preußen die Erhebung gegen die Fremdherrſchaft
bevorzuftehen fchien. Bei Pr.-Eylau hatte Napoleon zum erjter Male
nicht gefiegt, bei Aspern wurde er befiegt. Der Nimbus feiner Unbejieg-
barfeit war dahin, und mächtig ergriff die Gemüter der Freiheitäfampf
der Tiroler, welcher zeigte, wa3 ein begeijtertes Volk im Kampfe für
jein angeftammtes und geliebtes Herrjcherhaus und feine Unabhängigfeit
vermag. Doch über eine wohlwollende Neutralität kam Friedrich Wilhelm
nicht heraus, weil Dfterreich feine Ausdauer zeigte und England feinem
Verſprechen entgegen feine Waffen und Truppen an der Niederelbe landete.*)
Kriegsvorbereitungen wurden gleichwohl getroffen, fo daß die Zahlung
der Kontribution an Frankreich ind Stoden fam. Nach der Schlacht bei
Wagram und der völligen Demütigung Ofterreich® wurde infolgedeifen
die Sprache Napoleons twieder drohend. Der franzöfiiche Minifter des
Außern, Champagny, erklärte drohend, daß. Vreußen feine vertrags-
mäßigen Berpflichtungen erfüllen müffe, da man ja Geld genug gehabt
habe, um Soldaten auszuheben und Pferde anzufaufen. Wenn fein
Geld da jei, bleibe als einziges Mittel der Befriedigung die Abtretung
bon Land übrig.
Um Stapoleon zu beruhigen, wurde der Tugendbund zu Königsberg
aufgelöft, und die königliche Familie fiedelte nach Berlin über, wo fie
*) Mar Dunder: Preußen während der franzöfiichen Okkupation. Zeitſchrift
für Preußiſche Geſchichte und Landeskunde 1871. ©. 661 und 662.
— 42 —
ſich unter dem Drucke der Franzoſen befand. Weinend hielt unter ſolchen
Umſtänden die hartgeprüfte Königin Luiſe ihren Einzug in die Haupt—
ſtadt. Als aber Steins Nachfolger, der Miniſter Altenſtein, zur
Befriedigung der Franzoſen die Abtretung Schleſiens vorſchlug, wandte
der König ſein Augenmerk auf Hardenberg. Altenſtein wurde entlaſſen,
und Hardenberg erhielt im Juni 1810 als „Staatskanzler“ die Leitung
ſämtlicher Staatsangelegenheiten. Einen ſchweren Schlag erlitt der
König und das ganze Vaterland durch den Tod der Königin Luiſe, die
am 19. Juli 1810 aus Gram über das Unglück Preußens zu Hohen—
zierig bei ihrem geliebten Vater, dem Großherzog von Mecklenburg—
Strelit, ſtarb. Ste hatte bisher den Männern der That, einem Stein,
Scharnhorſt u. a, die Wege am Hofe geebnet, Schwierigkeiten, Hinder-
niſſe und Vorurteile, mit denen fie zu ringen hatten, binweggeräumt.*)
Der Heimgang der hochleligen, innig verehrten Königin war für alle
Patrioten ein unerſetzlicher Berluft.
Die Hauptthätigfeit Hardenbergd mußte natürlich darauf gerichtet
jein, Geldmittel für die Befriedigung der Tranzojen zu gewinnen. Im Sinne
Stein wollte er dem Staate durch große Reformen neues Leben ein-
flößen und mit Umgehung des Adels das allgemeine Wohl befördern.
Darauf zielten nicht nur das Edikt vom 27. Dftober 1810, fondern auch
‚die vom 7. September 1811 über die Finanzen des Staates und das
Abgaben-Syfitem — und vom 14. September 1811 zur Beförderung der
Landeskultur.
In dem Edikt vom 27. Oktober 1810 über die Finanzen des
Staates und die neuen Einrichtungen wegen der Abgaben u. ſ. w. erklärte
der König zunächſt, daß er unabläſſig damit beſchäftigt ſei, dem durch
den Krieg gejunfenen Wohljtand des Staates wieder herzuftellen, den
Kredit zu heben und die Verpflichtungen zu erfüllen, welche der Staat
gegen feine Gläubiger hab. Mit dem Ende des Sahres werde Die
Hälfte der Kriegsfontributionen abgetragen fein. Er fährt dann fort:
„Mit Rührung haben wir die Beweiſe von Anhänglichkeit aller Klaſſen
Unferer getreuen Unterthanen an Unfere Berfon, Unjer Haus und Unjere
*) Kluckhohn: Königin Luiſe. S. 35.
ar A,
Regierung bemerkt, infonderheit auch die Hülfe erfannt, welche Uns bei
der Sicherftellung der gedachten Kontribution und bei der Aufbringung
der einjtweilen nötigen Fonds von Unjern getreuen Ständen und von
dem Handelsftande mit größter Bereitwilligfeit geleiftet worden iſt. Die
Schwierigkeiten, welche wir noch zu überwinden haben, find beträchtlich
und erfordern noch zu Unferer Bekümmernis nicht geringe Opfer. Wir
vertrauen aber auf die Vorjehung, die Unfere nur auf die Rettung des
Staates und auf das Wohl Unjerer Unterthanen gerichteten Beftrebungen
jegnen wird, und auf Die patriotiichen Gefinnungen Unſeres treuen
Volkes. In diejer feſten Zuverficht wollen Wir hier die Beichlüffe
befannt machen, welche Wir gefaßt haben, um den Zweck zu erreichen.
Die dringendfte Angelegenheit ift die gänzliche Erfüllung Unferer
Berpflichtungen gegen Frankreich und die dadurch zu bewirkende Befreiung
des Landes von der großen Laft der Unterhaltung fremder Truppen in
den Dderfeftungen.
Wir jehen uns genötigt, von Unfern treuen Unterthanen die
Entrichtung erhöhter Abgaben, Hauptfächlich von der Konfumtion und von
Gegenständen des Luxus zu fordern. In den Gegenden, welche durch
den Krieg ganz vorzüglich gelitten haben, beſonders im Königreich Preußen,
wollen Wir Bedacht nehmen, durch außerordentliche Hülfsmittel die Laft
zur erleichtern, welche aus jenen neuen Konſumtionsſteuern entjteht.
Es jollen in Zukunft die von der Grunditeuer befreit gebliebenen
Grundftüde ohne Ausnahme damit belegt werden, auch die föniglichen
Domanial-Befigungen. Dagegen hört vom 1. Sanuar 1811 ab Die
BVBerpflihtung zum Vorſpann für Civil-Beamte und einzelne reijende
Militär- Berjonen gänzlih auf. Für den bleibenden Vorſpann bei
Märchen ganzer Truppenabteilungen und großer Transporte von Militär-
bebürfniffen werben ſechs gute Grofchen für jedes geftellte Pferd bezahlt.
Mit dem 28. Dftober 1810 Hört auch der Bier- und Branntweinzivang
auf, mit dem 1. Januar 1811 die Natural-Fourage-Lieferung und Die
Getreidelieferung zur Verpflegung des Militärs mit Brot, mit dem
27. Februar 1811 der Borjpann für die Land» und Kreis - Feuer:
Sozietät3-Direftoren zu ihren Geſchäftsreiſen.
— HE
Bon größter Bedeutung find dann die beiden Edikte vom 7. und
14. September 1811 geworden, welche auch die bäuerlichen Shall]:
und die freie Benugung des Grundeigentumg betrafen.
Da der Staat mit der Aufhebung der Erbunterthänigfeit den
Bauernſchutz aufgegeben Hatte, hatten viele Großgrundbefiter die Bauern
durch unbillige Behandlung genötigt, ihre Güter zu verlaffen und Tage-
löhner zu werden. Daß das Bauernland nicht ganz verſchwand, bewirkte
die Verordnung vom 14. Tebruar 1808, wonach die Gut3herren Bauern⸗
land nur dann einziehen durften, wenn fie einen ebenjo großen anderen
Teil des Bauernlandes zu erblichen Rechten austhaten. Die Ländereien
der eingezogenen Bauernhöfe wurden den großen Gütern zugejchlagen, und
die aus Bauernland neu einzurichtenden Stellen machte man jo groß al3
möglich, jo daß die Zahl der Bauernitellen fich erheblich verminderte. Die
Bertilgung der Bauernftellen wäre wohl noch viel größer geworden, wenn
die großen Gut3bejiter über gemügendes Kapital verfügt hätten, um
das Bauernland der Verordnung gemäß umwandeln zu können.“) Viele
Großgrundbefiger hätten es am liebiten gefehen, wenn fie jo viel Bauern-
ftellen hätten einziehen können, als fie wollten, und wenn der frei ge—
wordene Bauer ihr Tagelühner geworden wäre. Auf dem Landtage im.
Mai 1809 beantragen fie nämlich, daß es ihnen verjtattet fei, Die
bleibende Hälfte des Bauernlandes wie bisher in Zeitpacht den Bauern
zu überlaffen,**) daß da, wo die Befier durch den Krieg gezwungen ihre
Höfe verlaffen hätten, das ganze Land zum Vorwerk geichlagen oder
auf Erb- oder Zeitpacht an neue bäuerliche Familien überlaffen werde,
wie fie es für gut halten, daß da, wo die Familien fich als Inſtleute
erhalten haben, zur Wiederherjtellung als Bauern eine geräumige Zrijt
geitattet werde, jchließlich daß bei bäuerlichen Bererbpachtungen nicht
mehr das Dominium, fondern ſchlechthin das Grundſtück für alle öffent-
lichen Leiſtungen verpflichtet jei.
Füur die Erhaltung eines freien Bauernftandes, der Grundlage jedes
guten Staates, trat endlich erfolgreich Hardenberg ein in den Edikten vom
*) Knapp: Die Bauernbefteiung. 1. Band. S. 148.
**) Bujack: Der Landtag vom 1.7. Mai 1809. ©. 38.
— 45 —
7. September 1811 über die Finanzen des Staates und das Abgaben—
Syſtem und vom 14. September 1811 zur Beförderung der Landes-
kultur. Da es dem Meinifter nämlich bejonders auf die Abzahlung
der Kriegsfontribution an Frankreich anfam, wozu fteuerkräftige Leute
gehörten, jo wurde es bei dem Einziehen der Abgaben bald fühl-
bar, daß mit dem Schwinden des Bauernftandes auch die Gteuer-
erträge geringer wurden. Der König bemerkt zunächjt im Edikt vom
7. September, daß bei den Störungen des Handel und nachbarlichen
Verkehr? und dem gejunfenen Wert der Landesprodufte die Auf-
bringung der Abgaben erjchwert ſei. Daher wolle er gerne Die-
jenigen Abgaben mildern oder ganz abftellen, die am drüdendften er-
icheinen, und dafür andere anordnen, von denen man glaube, daß jie
e3 weniger jeien. In den Heinen Städten und auf dem platten Lande
wird die Mahlaccife vom ungemälzten Getreide gänzlich aufgehoben;
verringert wird Die Abgabe vom Getreide zur Bier- und Eſſigfabrikation
und die vom Branntwein; die Schlacht-Accife wird ohne Unterjchied des
Gewichts feitgefeßt; für die Provinzen Oftpreußen, Litauen und Weit-
preußen werden die Mühlenzwangsbefreiungsgelder, welche daſelbſt von
den Domänen-Unterthanen übernommen waren, erlafjen; das Verbot der
Hand» und Roßmühlen wird aufgehoben. Zur Dedung der daraus
entjtehenden Ausfälle ſoll jedoch eine. Verfonenjteuer von jeder Perſon
vom vollendeten 12. Jahre an ohne Ausnahme mit zwölf guten Grofchen
jährlich entrichtet werden. Die Gutsherren und anſäſſigen Gemeinde-
glieder haften nach) dem Verhältnis ihrer Beſitzungen und der Grund:
jteuer für die Ausfälle und Reſte dieſer Perſonenſteuer. Wo fein Privat-
gutsherr ift, trifft diefer Übertrag die Gemeinde. — Zum Schluß verheißt
der König, daß in Bezug auf die Aufhebung des Indults und die Er-
haltung der Grundbefißer ſowie wegen der Verhältniffe der Gutsherren
zu den Bauern und des Eigentumsrechts, dag diejen zu erteilen ift,
befondere Beftimmungen ergehen werden. Dieje erfolgten in dem Edikt
vom 14. September 1811 zur Beförderung der Landezkultur,*) das in
feinen Hauptbeitimmungen folgendermaßen lautet:
*) Geſetz⸗Sammlung 1811. ©. 300.
u
Das platte Land Unjerer Monarchie befand fich bisher im ganzen J
in einem ungünftigen Zuftande. Um ihn zu verbeifern, haben’ wir die
Unterthänigfeit aufgehoben und die große Laft des Vorſpanns und der
Fourage⸗Lieferung erlaſſen. Dieje Wohlthaten reichen aber noch nicht Hin,
das Wohl der Landbewohner gründlich und dauernd zu befördern, denn
e3 fehlt dem größten Teil derjelben das Eigentum.
Die durch Unfer Edift vom 9. Dftober 1807 und 27. Dftober 1810
gegebene Verheigung wegen allgemeiner Verleihung des Eigentums geht
= —
durch das Edikt vom heutigen Tage wegen Regulierung der gutsherr-
fihen und bäuerlichen Verhältniffe in Erfüllung. Auch werden Be-
jtimmungen gegeben, wie die Abhängigfeitsverhältniffe der bäuerlichen
Grundbejiger abgelöjet und die Servituten, welche der Kultur hinderlich
find, ausgeglichen werden fünnen.
Um nun die noch übrigen Hinderniffe völlig aus dem Wege zu
räumen und Unfere getreuen Unterthanen in Die Lage zu jegen, ihre Sträfte
frei anwenden und Grund und Boden, jo weit jolche reichen, nach beiter
Einficht benutzen zu können, verordnen Wir,
8 1. daß jeder Grundbejiger ohne Ausnahme befugt jein joll, über
jein Grundftüd in fo fern frei zu verfügen, als nicht Rechte, welche dritten
darauf zuftehen, und aus Fideikommiſſen, Majoraten, Lehnsverband,
Schuldverpflichtungen, Servituten u. dergl. herrühren, dadurch verlegt
werden.
Demgemäß kann mit Ausnahme dieſer Fälle jeder Eigentümer
jein Gut oder jeinen Hof durch Ankauf oder Verkauf oder fonjt auf rechtliche
Weiſe willfürlich vergrößern oder verkleinern. Er Tann die Zubehörungen
einem oder mehreren Erben überlaffen. Er kann fie vertaufchen, verichenfen
oder ſonſt nach Willfür im rechtlichen Wege damit fchalten, ohne zu
einer diefer Veränderungen einer bejonderen Genehmigung zu bedürfen.
Diefe unbeichränfte Dispofition hat vielfachen und großen Nuten.
Sie ift das ficherite und bejte Mittel, die Grundbefiger vor Ver—
ſchuldungen zu bewahren, ihnen ein dauerndes und lebendiges Intereſſe
für Verbefferung ihrer Güter zu geben und die Kultur aller Grundftüde
zu befördern.
— —
—
—
— AT —
Erſteres geſchieht dadurch, daß bei Erbteilungen oder Geld—
bedürfniſſen des Abnehmers oder Beſitzers eines Hofes ſo viele einzelne
Grundſtücke verkauft werden können, daß derſelbe ſchuldenfrei bleibt
oder es wird. |
Eltern. fünnen ihr Grundeigentum unter ihre Kinder verteilen.
Die Kultur endlich wird eben hierdurch und zugleich dadurch ge-
fichert, daß die Grundftüde, welche in der Hand eines unvermögenden
Beſitzers eine Verſchlechterung erlitten hätten, beim Verfauf in bemittelte
Hände geraten, die fie im Stande erhalten. Ohne diejen Verkauf wird
der Beſitzer jehr oft tiefer verjchuldet und der Acker entkräftet.
Durch die Veräußerung wird er jchulden- und forgenfrei, und er-
hält Mittel, das ihm verbleibende Land gut zu fultivieren. Es bleibt
alſo alles Land bei diefem beweglichen Beſitzſtande in guter Kultur,
und deren einmal erreichter Punkt kann durch Induftrie und Anftrengung
wohl noch höher gebracht werden; ohne äußere ftörende Einflüffe aber
iſt ein Zurückſinken nicht leicht zu beſorgen.
Aus der Vereinzelung entſpringt noch ein anderer ſehr beachtenswerter
Vorteil, der Unſerem landesväterlichen Herzen beſonders angenehm iſt. Sie
giebt nämlich den ſog. kleinen Leuten, den Kätnern, Gärtnern, Büdnern,
Häuslern und Tagelöhnern Gelegenheit, ein Eigentum zu erwerben und
ſolches nach) und nach zu vermehren. Die Ausſicht hierauf wird dieſe zahl-
reiche und nügliche Klaſſe Unferer Unterthanen fleißig, ordentlich und ſparſam
machen, weil fie nur dadurch die Mittel zum Landankauf erhalten können.
Viele von ihnen werden fich emporarbeiten und dahin gelangen,
fig durch anjehnlichen Landbefig und Induſtrie auszuzeichnen. Der
Staat erhält aljo eine neue, ſchätzbare Klafje fleißiger Eigentümer; und
durch das Streben, ſolches zu werden, gewinnt der Aderbau mehr Hände
und durch die vorhandenen infolge der freiwilligen, größeren Anftrengung
mehr Arbeit als bisher.
8 3. Auch die Staat3abgaben und Laſten follen niemal3 ein Hindernis
der Vereinzelung fen. Der auf dem Ganzen ruhende Vorſpann und
die Fouragelieferung haben aufgehört. Der Militärvorjpann wird von
allen Grundbejigern ohne Ausnahme nad) Maßgabe ihrer Anjpannung
u AB:
getragen. Die neuen Abgaben des platten Landes find entweder direkt oder
indireft bloß perjönlih. Die Grundfteuer fol bei der Beräußerung
repartiert werden.
8 4. Auch die PBrivat-Waldungen fünnen nach Gutfinden par:
zelliert oder urbar gemacht werden, wenn ihnen nicht Verträge mit dritten
oder Berechtigungen anderer entgegenstehen.
$ 5. Mit diefer Einfchränfung können auch landwirtjchaftliche benutzte
Grundjtüde in Forſt verwandelt und jolche jeder anderen beliebigen
Veränderung unterworfen werden. Grundjtüde dürfen daher (von nun
an) unbeftellt bleiben.
8 8. Die Verordnung, nach welcher feine Ausländer zu Guts—
und Amtspächtern zugelaffen werden follen, wird gänzlich aufgehoben.
& 11. Der dritte Teil der Aderländerei einer jeden in Weide-
fommunion befindlichen Feldmark foll von der Hütung befreit und der
privaten Benußung der Befiger überlaffen werden.
8 12. Das eine Drittel foll in der Nähe des Dorfes und womöglich
gleichmäßig von allen Feldern genommen werden, damit die Benutzung
der übrigen zwei Drittel derjelben unbejtellt bleibt.
$ 22. Die Trühjahrsbehütung der Wiejen ift in der Regel
überall ſchädlich. Ihre Aufhebung joll daher gegen billige Entſchädigung
bon jedem Bejiger gefordert werden können.
8 33. Es ſoll mit Strenge und Nachdrud auf die Refpeftierung der |
Schonungen gehalten und alles entfernt werden, wodurd fie beichädigt
werden fünnen. Wir verordnen deshalb die genaue Befolgung der polizei-
lichen Borichriften: a) daß da, wo ganze Kommunen dag Weiderecht haben,
nicht einzelne Mitglieder ihr Vieh in die Forſt ſchicken dürfen, jondern
ſolches von gemeinschaftlichen Hirten eingetrieben und gehütet werden
muß, b) daß noch viel weniger das Vieh einzeln ohne Hirten in die
Wälder gejagt werden darf, c) daß es da, wo es über Nacht bleibt,
in Buchten oder eingehegte Koppeln getrieben werden muß.
8 34. Bon noch größerer Wichtigkeit als für die Forsten iſt Die VBe-
wahrung der Felder und Wiejen vor Beichädigungen. Sie finden an vielen |
Orten in jo bedeutendem Grade Statt, daß die Kultur wefentlich darunter _
=, A0,
leidet und mande nügliche Anlagen bloß darum unterbleiben. Zur
Abftellung diefer Mängel und Frevel wird mit Bezug auf $ 33c.
a) die Verordnung, nach welcher fein Vieh ohne Hirten herumlaufen
darf, hiemit erneuert; b) auch das einzelne Hüten auf ſonſt gemeinjchaft-
lichen Weideflächen, zwischen den Getreidefeldern und an den Wieſen mit
Pferden, Ochfen und anderem Vieh, felbft wenn eigene Hirten dabei
find, ift nicht erlaubt, indem dadurch viel Schaden geichieht und einer
zum Nachteil des andern zu hüten jucht.
Sn jedem Dorfe joll, jo viel möglich, ein verpflichteter Feldwärter
angejegt werden, der über die Befolgung der Feld-Ordnung wacht.
8 35. Die Strafen gegen Übertretungen diefer Art, gegen Baum-
frevel und elddiebjtähle jollen geichärft und unnachfichtlich vollſtreckt
werden. Ganz vorzüglich ſtrenge werden Wir die Beichädigung der
Alleeen und fonftigen Baumanlagen ahnden laſſen. |
8 36. Die legteren fünnen fowohl zum Nußen wie zum Vergnügen -
gereichen, wenn man die Wege und Felder mit Obftbäumen bepflanzt.
Wir wünſchen jehr, daß folches geſchehe, und machen darauf aufmerkjam,
daß bei Allgemeinheit jolcher Anlagen der Verluſt durch Diebjtähle ich
für den einzelnen vermindert, und daß die den Ertrag jo jehr ſchwächenden
Koiten der Bewachung zu einer Kleinigkeit herabjinfen, wenn man die
Anlage auf Obſtſorten befchränft, welche für Boden und Klima paffen
und zu gleicher Beit reifen.
8 37. Wir empfehlen nicht minder die kat Benugung der in
den Forſten und Feldmarken befindlichen kleinern Gewäſſer zur Filcherei.
$ 39. Es iſt Unſer Wunfh und Wille, daß erfahrene und
praftiiche Landwirte in größeren und Fleineren Diftrikten zufammentreten
und praftifche landwirtichaftliche Gefellfchaften bilden, damit durch folche
ſowohl fichere Erfahrungen und Kenntniffe als auch mancherlei Hülfs-
mittel verbreitet und ausgetaufcht werden mögen.
Wir werden ein Sentral- Bureau in Unſerer Reftdenz errichten,
welches dieſe verjchiedenen Afjociationen in Unjern ſämtlichen Staaten in
eine gewifje Verbindung jet, Berichte und Anfragen von ihnen fordert
und erhält, nicht nur Ratſchläge erteilt, jondern auch durch Beforgung
4
von Werkzeugen, Sämereien, Viehrafjen und in gewiſſen Geſchäften er-
fahrnen Arbeitern die gewünschte Hülfe leiftet. Auch wird dieſes Eentral-
Bureau gerechte und zwedmäßige Wünjche des Ländlichen Publikums,
die ihm durch die Afjociation zufommen, den oberiten Staat3behörden
vortragen und empfehlen.
8 40. .. Wir haben den nötigen Fond ausſetzen laſſen, um in
jeder Provinz einige größere und Heinere Verſuchs- und Muſterwirt—
Ichaften zu etablieren.
-8 45. (Schluß.) Es ift für Unfer Gefühl höchſt erfreulich, daß
Wir endlich dahin gekommen find, alle Teile Unfrer getreuen Nation in
einen freieren Zuftand zu verjeßen und auch den geringiten Klaſſen die
Aussicht auf Glück und Wohlitand eröffnen zu fünnen.
Wir erflehen den Segen der Vorſehung für Unſer braves Volt
und die Bemühungen, die Wir alle vereint ferner anwenden werden,
den Zuftand des Ganzen wie der einzelnen möglichit zu verbeifern.
Berlin, den 14. September 1811. |
Friedrich Wilhelm. v. Hardenberg.
Troß aller Bemühungen des Königs und feiner Räte gelang es
nicht, Die regelmäßig fälligen Monatsraten zu entrichten, gejchweige denn
die Rückſtände abzutragen. Big Anfang Mai 1810 (aljo in 19 Mionaten)
waren 41300000 Fr. entrichtet und bis Mai 1811 59043736 Fr.
davon allerdings über 5 Millionen durch die holländifche Anleihe. Es
war aljo mehr als die Hälfte der Kriegsfontribution gezahlt, und Glogau
hätte nach dem Vertrage von den Franzoſen geräumt werden müffen.*)
Seitdem ſich aber Napoleon mit der öſterreichiſchen Erzherzogin
Marie Luiſe verheiratet hatte, trat eine Erfaltung der freundichaftlichen
Beziehungen zwiſchen Frankreich) und Rußland ein, welches durch die
Bertreibung des Herzogs von Dldenburg gefränft war. Am meiften
hatte Preußen darunter zu leiden, da bei dem drohenden Kriege an feinen
Grenzen fich franzöfiiche Heere jammelten und die Bejagungen der Dder-
feftungen und Danzigs auf das doppelte, ja dreifache verftärkt wurden.
*) Erwin Naſſe a. a. O. ©. 341. !
ur HB ae
Neutral konnte e3 nicht. bleiben, e8 mußte geradezu erdrüdt werden:
Sp rüftete man auch in Preußen. Scharnhorft hatte durch dag Krümper-
Syſtem nad) und nad) 124000 Mann jchlagfertig gemacht. Gneiſenau
waurde nad) Berlin berufen, England fagte Hülfe zu. Man verftärkte
die Teitungen und befeitigte vier Läger von jeltener Haltbarkeit
bei Billau, Colberg, Spandau und in Schlefien.”“) Alles war zum
Kriege bereit. Nicht ohne einen rühmlichen und verzweifelten Wider:
ftand auf Leben und Tod wollte Preußen, der Vorfahren würdig, fich
vernichten laſſen. Scharnhorſt ging nach Petersburg, um mit Alerander
zu verhandeln, der fich aber zu einer Fraftvollen That für Preußen nicht
verpflichten wollte Ohne Beiftand, von allen Seiten von franzöfifchen
Truppen umjtellt, wollte indejfen der König den ungleichen Kampf nicht
aufnehmen und ſchloß daher am 24. Februar 1812 mit Napoleon jenes
Bündnis, Durch welches er für den ruffiichen Krieg die Hälfte feiner
Streitmacdht, 20000 Mann mit 60 Gejchügen, und den Durchmarſch
der Franzoſen durch fein Land und ihre Verpflegung unter Anrechnung
auf die noch zu zahlenden Kriegsfontributionen bewilligtee Da nehmen
300 Offiziere ihren Abjchied und eilen nach Rußland, um dort gegen
den verhaßten Landesfeind zu kämpfen.
ALS die Franzoſen fih Oftpreußen näherten, befand ſich das Land
in einer troftlofen Lage. Der Viehbeftand, der Reichtun der beiden SPBro-
vinzen, war jeit dem unglüdlichen Kriege noch nicht wieder ergänzt.
Sm Sabre 1809 beſaß Dftpreußen 143399 Pferde und Füllen,
131502 Ochſen, Kühe und Jungvieh, 118012 Schafe und Lämmer,
131 588 Schweine — Litauen 131948 Pferde und Füllen, 181002 Ochſen,
Kühe und Iungvieh, 162430 Schafe und Lämmer, 143097 Schweine.**)
Mit Einjchluß der Füllen beſaß Dfjtpreußen im Sahre 1811 fchon wieder
171942 Pferde, aber noch immer 37440 weniger als 1805. Der ganze
Aindviehbeftand zählte im Jahre 1810/11 225650 Stüd, nämlich
3755 Stiere, 51615 Ochſen, 97518 Kühe, 72752 Stüd Yungvieh.***)
GH. Pas aa. 0. 3. Band. ©. 14.
**) G. H. Verb a. a. DO. 2. Band. ©. 741.
**x) Schmidt a. a. D. ©. 272.
4*
52
3m Jahre 1811 war wegen anhaltender Trockenheit eine vollftändige
Der Boden zeigte (nach) Erzählungen der älteften |
Mißernte gemefen.
Gutsbeſitzer) weite Riffe, die dem Vieh häufig verhängnispoll wurden.
|
Die Wafjermühlen hatten meijteng ihre Thätigfeit einstellen müffen. Der
Wert der Bodenerzeugnifje ftieg daher in der zweiten Hälfte des Jahres
auf mehr als daS doppelte.
Es koſteten in Tilfit:
im Januar
„ sebruar
„ März
„ April
„ Mai
„Juni
„Juli
„ Auguft
— —
„ September 2
„ Lftober
„ November 2
„ Dezember 2
im Januar
„Februar
„März
„ April
„ Mai
„ Duni
„ Buli
„ August
„ September
„ LOftober
n November
„ Dezember
Weizen.
1 Thlr. — Ser.
1 „ 10 „
1 „ Di
1. , I: 4
SE er
„ 2 „
1 „ 8 „
I: u: 24:
2 „ 11 „
— 6
„1%,
Hafer.
Thlr. 11 Sgr.
» IE 5
„1 ,„
„1 „
„12%,
„1 „
„15 „
n„ 26 „
„ 2 „
„ 8 „
28
Roggen.
— Thlr. 16 Sgr.
Gerſte.
— Thlr. 15 Sgr.
6 „ — „158,
18, — „15,
J AR
BB „ — „14,
13 5 — „12,
20, — „15,
2ß6, I ame;
„1,8,
6 „1,9,
6, 1. 7,
8 „ 12.8,
Erbjen. Kartoffeln.
Thlr. 14 Sgr. 5 Sgr.
„235 „ 8 „
36 „ En
„ 1, 6
„1 _ 6 „
„. 18: 5 6 „
in 19, 5 =
i —2 17 „
" 1: .; 15 „
„ 10 „ 14 _”
u I8 = 16 „
„is, ı7_
— 53 —
In Darkehmen ſtieg der Weizen von 29 Sgr. auf 2 Thlr. 3 Sgr.,
Roggen von 12 Sgr. auf 1 Thlr. 10 Sgr., Gerjte von 7 Sgr. auf
1 Thlr. 10 Sgr. Hafer von 7 auf 28 Sgr., Erbſen von 16 Sgr. auf
1 Thlr. Infolge der ſchlechten Ernte ſanken die Pfandbriefe im Früh
jahr 1812 auf 50 pE&t.*) Ein Komet weisfagte der Landbevölkerung noch
böfere Zeiten. Dieje kamen mit den Durchzügen der Franzofen nach
Rußland. Keine Provinz hat durch fie jo gelitten als Oftpreußen und
Litauen. |
Schon am 1. April 1812 rüdten franzöfiiche Jäger und Hufaren
und polnische Wlanen in die Gegend von Soldau und Dfterode; am
13. April erjchienen Küraffiere in Saalfeld und polnische Ulanen in
Br. Holland. Nach und nad) rücdte das ganze Armeecorps des Marſchalls
Davouft, 60825 Mann, aus Wejtpreußen nach Djtpreußen vor, two
Mangel und Not herrjchte, da Saat und Brotgetreide fehlte und fein
Geld in den Kaſſen war. Alles erjchwingliche Getreide mußte in die
Magazine geliefert werden für die verhaßten „Bundesgenoſſen“. Die
erite Landlieferung Dftpreußens im Jahre 1812 Hatte den Wert von
1676687 Thalern, betrug folglich auf eine Hufe beinahe 21 Thaler.
Davouft ging von dem Grundfage aus, er habe in Preußen mit dem
böfen Willen der Behörden zu Tämpfen, welche alle feine Anordnungen
hemmen wollten. Daher ließ er zur Füllung der Magazine jeine
Truppen gewaltſame Maßregeln ergreifen und verlangte den Bau von
176 Badöfen in Dftpreußen und einer entjprechenden Zahl in Litauen.
Mit welcher Rüdfichtzlofigfeit bei ihrer Erbauung vorgegangen wurde,
beweift (nach den Inſterburger Kirchennachrichten) Davouſts Auftreten
in Inſterburg. Als er bier auf feine Frage, warum die geforderten
18 Badöfen noch nicht fertig feien, die Antwort erhielt, es fehle an
Biegeln, erwiderte er: „Sch jehe ja aber hier noch eine ganze Reihe von
Hänfern stehen; warum werden die nicht dazu gebraucht?“
Am 27. Mai verordnete er, daß binnen 4 Tagen fortwährend für
den Durchmarfch feiner Truppen in Königsberg 14 000 Scheffel Weizenmehl,
*) Robert Müller: Eine Denlihrift Schönd aus den Jahren 1811/12 in
„Altpreußiiche Monatsichrift.” 13. Band. ©. 655.
— 54 —
ebenſoviel Roggenmehl, 3350 Ochſen, 4160 Scheffel Gemüſe und 640 Ohm
Branntwein und entſprechend in allen übrigen Städten bereit ſeien. Den
bärtejten Stoß verjegte er dem Wohlftande der Provinz durch feine Forderung
auf Stellung von 2070 Fuhren, von denen Litauen 900 und Oftpreußen
1170 zu liefern hatte. Die Fuhren, welche fi in Königsberg jammelten
und angeblich nach 8 Tagen durch andere abgelöjt werden jollten, wurden
bis zum 14. Juni feitgehalten und folgten dem Davouftichen Heere nach
Litauen, wurden aber an der ruffiichen Grenze nicht entladen und zurüd- |
gefandt, ſondern mit nach) Rußland gejchleppt; von den Fuhrleuten kamen
nur wenige zurüd, die Gelegenheit zum Entfliehen gefunden Hatten.
Angeipann und Fuhrwerk gingen gänzlich verloren.*) Außerdem mußten
in Königsberg täglich) 50 vierfpännige Wagen und 100 Pferde bereit
itehen, um den Bedürfniffen der Durchmarfchierenden Truppen zu genügen.
Zu gleichem Zwecke ftanden auf allen Etappen unter Aufficht der
Kriegskommiſſäre beftändig Fuhren-Parke von 20 — 30 vierjpännigen
Wagen bereit, welche die Sreife zu jtellerf hatten. Außerdem befahl
Davouſt insgeheim feinen Dffizieren, bei ihrem Aufbruch für jede
Schwadron 3 vieripännige Fuhren, für jede Compagnie eine mit Gewalt
auszuheben und mitzuführen.
Dem erſten Armeecorp3 folgte das zmeite unter Beh Marſchall |
Oudinot über Mohrungen, Pr.-Eylau, Wehlau, 39450 Köpfe ftarf,
und zu gleicher Zeit das Dritte unter dem Marjchall Ney über Ofterode,
33500 Mann. Über Plod drängte fich auch das vierte Armeecorps,
42000 Mann, unter dem Bicefönig von Italien gegen Ditpreußen vor
und zog über Heilsberg, Raſtenburg und Löten nad) Rußland. Dem
4. folgte anfangs August das 11., 42000 Mann, unter dem Marfchall
Victor durch Königsberg. Das 6. Armeecorps, die Baiern, 309 durd)
die Gegenden von Willenberg, Ortelsburg, Amt Friedrichsfelde und
Paſſenheim, wo jte eine Zeitlang rajteten. Die Garde unter dem
Marihall Mortier nahm ihren Weg Mitte Juni über Saalfeld, Guttftadt,
Heilzberg, Friedland, Wehlau, Infterburg, Gumbinnen, Stallupönen nad)
Wilna. Das 10. Armeecorps unter dem Marihall Macdonald, welchem
* Schmidt a. a. DO. ©. 46.
|
— 55 —
auch der größte Teil des preußiſchen Corps unter York unterſtellt
war, jammelte fid) Anfang Mai bei Königsberg, Tapiau und Labiau in
der Stärke von 27500 Köpfen. Für die Verpflegung diefer Maffen war
von Frankreich jo gut wie nichts gethan. Bei dem Mangel an Kunjtitragen
famen die Rindvieh-Trangporte aus Illyrien, der Lombardei und andern
fernen Gegenden erjt jehr ſpät an und waren meiſtens jo abgetrieben,
daß fie in Oſtpreußen und Litauen zunächft auf die Weide geſchickt werden
mußten, bevor fie nad) Rußland gehen Tonnten. Die Franzoſen, welche
fi vor dem Einmarſch in Feindesland noch ordentlich pflegen wollten, -
blieben den ganzen Sommer hindurch. 333632 Mann find nicht nur
durch Dftpreugen Hindurchgezogen, fjondern haben 4A—5 Wochen im
Lande kantoniert. Wir wiſſen, daß das Land fich von den Schrecniffen
des Jahres 1807 noch nicht erholt hatte, daß im Jahre 1811 überall
Mißwachs eingetreten war, daß es im Frühjahr 1812 vielfach an Brot-
getreide, teilweile an Saat und an Futter für das Vieh fehlte Man
mifchte Kräuter und Baumrinden unter das Brotgetreide und deckte für
das Vieh die, Strohdächer ab.) Die Maffen der durch die immer-
währenden Kriege verwilderten, übermütigen und froßigen Truppen
nahmen den Einwohnern das Brot vom Munde weg und verforgten ſich
auf Napoleons Befehl bei ihrem Abmarjche nach Rußland auf 21 Tage
mit Qebengmitteln. So wurden ganze Gegenden, am meiften dag Obßer-
land, geplündert, ihres Angeſpanns, ihres PViehftandes, ihrer Vorräte
beraubt; ja, abgemähte Wiejen und Saatfelder ließen nicht einmal die
Hoffnung auf eine bejjere Zukunft übrige. Das Land Hatte bei dem
Aufbruch der Armeecorps allein 22772 Stüd des beiten Rindviehes
verloren und nichts übrig behalten als daS jchlechtefte, kleinſte und
magerſte, welches damals nicht annehmbar gefunden wurde. Pferde
waren 37714 geraubt, und 3776 gingen durch die Mitnahme des
Königsberger Fuhrenparfes verloren. Zur Ernährung des gejtohlenen
Schlachtviehe® und der Pferde wurden auf dem Marjche überall
die Saaten abgemäht und grün verfütter. Manche Brigade führte
1000 — 1500 Ochſen mit ſich, weil dieſe Verpflegung am leichteſten
*) Schmidt a. a. O. ©. 50 und 102 ff.
— 56 —
mitzuſchleppen war. 7953 Wagen gingen auf dieſe Weiſe in Oſtpreußen
verloren. Nachdem die Truppen abmarſchiert waren, ſorgten die fran—
zöſiſchen Beamten für Anlage von Reſerve-Magazinen. Zum Glück war
die Heuernte Anfang Juli gut ausgefallen, ſo daß der Reſtbeſtand don
Vieh nicht zu verhungern brauchte.
Die Verpflegung des franzöſiſchen Heeres in Oſtpreußen koſtete
den königlichen Kaſſen für gemachte Vorichüffe 2981205 Reichsthaler,
wozu die Forderungen der Einjaffen für BVerpflegungs-Naturalien im
Betrage von 4745036 Reichsthalern kamen.
Wie es in der Umgegend Darkehmens beim Durchzuge der Tran-
zojen ausfah, erhellt au einem Briefe des Amtmannd Quaſſowski in
Weedern:*) Die holländischen Huſaren haben jo gewirtichaftet, daß alle
Borräte aufgeräumt find. Was nicht zur Stelle verzehrt worden, tft
aufgeſackt und mitgejchleppt. Ich habe jebt 80 Wagen und 300 Pferde
aus dem Amte unterwegs, die noch nicht retourniert ſind. Den Ein—
ſaſſen iſt alles Brot und Mehl, jo ſie geholet haben, fortgenommen.
Ich habe mich dahero genötigt geſehen, jedem Wirt geſtern vom Magazin
einen Scheffel Roggen zu verabreichen. Auch kamen geſtern Abend noch
4 Huſaren, die mit Gewalt 10 Scheffel Hafer und 20 Scheffel Korn
mitnahmen und das letzte Fuder Heu aus meinem Vorwerk aufluden.
Mein ganzer Vorrat beſteht noch in 10 Scheffeln Roggen und 20 Scheffeln
Hafer, die der eben hier geweſene Adjutant-Major aufgeſchrieben und in
Beſchlag genommen hat. Die Einſaſſen haben nichts mehr, als was ich
ihnen geſtern Abend gegeben habe, und ſelbſt von dieſem Korn haben
die Huſaren geſtern Abend dem Bauern Plicat aus Halwiſchken den
erhaltenen Scheffel fortgenommen, und der Menſch muß nun ſelbſt hungern.
In dem Dorfe Kermuſchienen waren bei ſieben Wirten 4 Kom—
pagnieen einquartiert, welche alles nahmen, was fie fanden. Üüberall
wurden rohe Gewaltthaten verübt. In Chriſtiankehmen wurde ein wackeres
Mädchen, Maria Görlitz, welche Ihres Vaters Pferde nicht rauben
laſſen wollte, erſchoſſen. In Kelmienen waren auf dem Hillgruberſchen
*) Rogge a. a. O. ©. 198 ff.
Grundftüde zwei Ochſen zurücbehalten. Als der Wirt fich vor den
Stall jtellte, um diejelben vor den räuberifchen Händen der Franzoſen
zu retten, wurde ihm der Arm fo entzweigeichlagen, daß er amputiert
werden mußte.
Sm Amte Gudwallen war jchon am 12. Juni keine einzige Fuhre
mehr zu haben. Die Artilleriſten nahmen den Schmieden auch alle
Eiſen- und Kohlenvorräte. Allein der Wert der mitgenommenen
Wagen, Sielen, Sättel, Halskoppeln und Zäume wurde im Amte
Gudwallen auf 3593 Thaler, im Amte Weedern auf 1469 Thaler
65 Groſchen veranſchlagt. Am 18. Juni war in fämtlichen Dörfern
des Amts Gudwallen fein Pferd mehr aufzutreiben, und viele Wirte
im Amte Dinglaufen hatten am 21. Juni bereit3 ihre Höfe verlafien,
um den umerträglichen Pladereien und Requifitionen der Franzoſen zu
entgehen, jo daß Dieje feine Menjchen mehr aus den Dörfern heraus-
liegen. Ber oben erwähnte Amtmann Quaſſowski jchreibt am 22. Juni
an den Darfehmer Bürgermeifter: Sch habe fein einziges Pferd mehr;
alle meine Wiefen find verzehrt, meine Leute haben jchon jeit zwei Tagen
nicht einen Biſſen Brot mehr; alles muß verhungern.
Nächſt der Verpflegung der Truppen, ihre Transports und Füllung
der Magazine mußten Oftpreußen und Litauen Lazarette für die Kranken
und Verwundeten anlegen. In Königsberg waren 13, in Tapiau,
Wehlau, Heilgberg, Labiau und Dfterode je 1 Lazarett für 6050 Mann.
In Litauen Hatten die Städte Gumbinnen, Inſterburg, Stallu-
pönen, Angerburg, Darkehmen und Goldap für die Aufnahme von
1550 Kranken Vorkehrungen treffen müffen. Dieje zum Anfang ange-
legten Lazareıte wurden bald anfjehnlich vermehrt; auch Tilfit erhielt
1500 Kranke. Selbft viele Bürgerfamilien nahmen Kranfe und Per-
wundete auf, da dem Elend gegenüber doch Erbarmen und Mitleid das
Rachegefühl niederdrüdten.
In dem Bertrage, welchen Preußen mit Frankreich am 24. Febr. 1812
ſchließen mußte, waren die Feſtungen Spandau und Pillau nicht
. erwähnt. - Deshalb verlangte Napoleon auch Spandau und Pillau zu
Waffenplätzen, obwohl Berlin und Königsberg franzöjiiche Bejagungen
— 58 —
hatten. Die Danziger Garniſon beſetzte im Mai Pillau. Die großen
Lagerplätze und Schanzen bei Lochſtädt vor Pillau, welche die Preußen
im Jahre zuvor mit der größten Anſtrengung des Landes und bedeu—
tenden Koſten angelegt hatten, wurden zerſtört und abgetragen; dagegen
andere angelegt, welche gegen eine Landung von der Seeſeite her das
Land ſchützen ſollten. Die Materialien mußten vom Lande gegeben und
angefahren und 1000 Arbeiter zum Schangen geftellt werden.
Daß die in der Nähe Königsbergs und an der Hauptheerftcaße
nach Rußland gelegenen Güter unter allen diefen Umftänden wieder
furchtbar, mehr als alle übrigen zu leiden hatten, daß ihre Saaten und
Wieſen niedergehauen, Zäune und Scheunen niedergeriffen, die Herden
geraubt, die Arbeiter für die Fuhren und Arbeiten der Franzoſen
herangezogen wurden, ift Klar. Herr dv. Farenheid auf Angerapp erklärte
am 23. Suni, daß Die franzöfifchen Truppen feine Speicher gänzlich
geleert und die Kürafjiere eben das zu feinem perjönlichen Bedarf auf:
bewahrte Getreide mit Bejchlag belegt hätten. Auch die Familie von
Schenfendorf gehörte zu jenen unglüdlichen Gutsbeſitzern, die alles ver-
loren. Zu dem Gute Lenktonischten, welches 1807 und jebt wieder
geplündert war, Hutte die Kriegsrätin von Schenfendorf beim Tode
ihrer Mutter 1807. da8 Gut Neſſelbeck bei Königsberg geerbt, welches
ihr Vater am 26. Mai 1797 aus der „Kammer ziscal Yorckſchen Kon-
kurs⸗Maſſe“ für das Meiftgebot von 31000 Thalern gekauft Batte.
23000 Thaler blieben in A Hypotheken ftehen, den Reſt (8000 Thaler)
zahlte der Diaconus Karrius noch in demfelben Jahre. Seit 1795 war
ihm in Tilfit ein Adjunktus zur Seite gejeßt, und er fcheint ſeitdem
meiſtens in Königsberg gelebt zu haben, wo er 1802 ftarb.*) Da aljo
die Familie v. Sch. zwei Güter befaß, jo bemwirtjchaftete der Kriegsrat
fein Gut Lenkoniſchken, feine Gattin ihr Eigentum Nefjelbed. Bis zum
Unglüdsjahr 1807 war Lenkoniſchken jchuldenfrei, aber jeine Ausplünderung
und Verwüſtung nötigten den Kriegsrat, am 21. September 1808 von
Fräulein Philippine von Klingſpon und deren Schwefter, Landrätin
von Grabowsky, eine Hypothel von 4000 Thalern und am 1. No-
*) Thiel: Beichreibung der Stadt Tilfe, Königsberg 1804. ©. 124.
ss HG: —
vember 1809 zur zweiten Stelle 3000 Thaler zu 6 pCt. von dem
Ratsverwandten Herzog aufzunehmen „zur Aufhelfung meines Nahrung?-
Stande?” So juchte er die Not der Zeit zu überwinden, während
jeine Gemahlin durch den Verlauf von Sand und Torf in der nahen
Hauptitadt ihre Hauptnahrungsquelle fand. Aber die geringen Getreide-
preife, hervorgerufen bejonders durch die Kontinentaljperre, die wachjende
Abgabenlajt an den Staat zur Tilgung der Sriegsfontribution und der
Binfen an feine Gläubiger nötigten ihn, kurz vor dem ruflischen Kriege
ein Meoratorien-Gefuh für Lenkoniſchken, desgleichen feine rau für
Neſſelbeck einzureichen. Dieſes letztere Schriftftüc fpiegelt uns ‚wie fein
anderes die Not der Zeit wieder und möge daher hier wörtlich wieder-
gegeben werden.
Geſuch der Krieggrätin vd. Schenfendorf aus Neſſelbeck um
Geſtattung eines General-Moratorii gegen ihre Gläubiger.
Der Ober-LicenzsInfpector Cafimir hat wegen der von feinem
auf dem Gute Nefjelbed eingetragenen Kapital der 6000 Thlr. ſchuldigen
Binfen eine Zahlungsauflage nachgefucht und nach der Verfügung
Ew.p. vom 12. November v. J. joll er damit befriedigt, oder es jollen Die
damiderhabenden Einwendungen beigebracht werden. Die Unmöglichkeit,
diefe Befriedigung und noch die meiner mehreren Gläubiger für jebt
zu leiften, nötiget mich jowohl wider ihn als die in der Anlage ver-
zeichneten Gläubiger das in dem Edikt vom 20. Juni 1811 den Grund-
bejigern, deren Hypothek noch volle Sicherheit für ihre Schulden
gewährt, zuftehende General-Moratorium nachzufuchen. Der im Monate
November des an Unglüd für den preußijchen Staat ewig denfwürdigen
Sahres 1807 erfolgte Tod meiner Mutter der verw. geweſenen Diaconus
Karrius machte mich, als einzige nachgelafiene Erbin derjelben, zur Eigen-
tümerin des Gutes Nefjelbed, ald es durch den alles verheerenden
Krieg und feine unfeligen Folgen bereit? ganz verwüſtet, zerjtört
worden war. Seine Lage auf der Heerjtraße von Rußland und die
Nähe bei Königsberg machten, daß es fchon vor dem Einfall der
Feinde Durch umendliche Bequartierungen, Lieferungen. für ruffilche
Truppen, die Landwirtfchaft zu Grunde richtende Kriegsfuhren, mehr
— 0:
ala viele andere gelitten hatte und ſchon in diefem Jahre die Felder
faum zur Hälfte bejtellt werden fonnten.. Bei der feindlichen Invaſion
erlitt e3 durch die angrenzenden. franzöftichen Läger Raub und
Plünderung des fämtlichen Inventarii und Ruinierung aller Gebäude
bis zur gänzlichen Unmohnbarfeit.
Am eriten Tage der Plünderung wurde für 800 Thaler vor-
tätiger Branntwein teild ausgegofjen teild in die feindlichen Läger
geführt, und gleiches Schickſal Hatten alle damaligen Vorräte und |
alles, was an Sachen, Möbeln, Silber und barem Gelde vorhanden
war. ch, damals nur darauf wohnend, und jeder Einwohner des
Gutes mußten jelbige3 zur Rettung des Lebens fo fchleunig als
möglich verlaffen, und jo ftand es einige Wochen lang menjchenleer
und dem Raube eines jeden Preis gegeben. Eine Ausſaat von
200 Scheffeln Kartoffeln, damals in dem Hohen PBreife von 8 Sgr.
pro Scheffel, erjticite deshalb im Unkraut, die Nugung von 60 Kühen
ging in der einträglichiten Jahreszeit ganz verloren, die Wiejen und
Felder wurden zertreten oder abgehauen, eine in dieſer Jahreszeit
gewöhnliche tägliche bare Einnahme für Sand und Milch von 30 bis
40 Sgr. ging darüber ganz verloren. Nach dem Abzuge der Feinde
nahm die damals im Lande eintretende Biehfeuche den Reit des
geplünderten Viehes bis auf eine Kuh, die gerettet wurde, weg. Aller
diejer zu Grunde richtenden Ereigniffe ungeachtet gingen die öffent-
fihen Abgaben, die Unterhaltung der Leute, die Kriegskontribu—
tionen und die Sinjenzahlungen von den auf dem Gute einge
tragenen 23000 Thalern ihren ungehemmten Gang fort, wodurch
dag übrige Vermögen meiner Mutter jo gejchmälert ward, daß «3
nach ihrem Tode bei weiten nicht mehr Hinreichte, die Kriegsfchäden
zu retablieren. Um nur oberflächlich diefes zu bewirken, mußte ich
nach und nach an 9000 Thaler aufnehmen. Aus meinem damals nod)
vorhandenen Vermögen habe ich die ingrofjierten Gläubiger in den
nach dem Kriege erfolgten ertragzlojen Jahren mit ihren Binfen bis
jest ftet3 befriedigt, und da, soviel den Umftänden nach möglich gewejen,
alles angewandt ift, dag Gut wieder in tragbaren Stand zu ſetzen,
se: 61 oe
jo würden die Zinjenzahlungen auch in diefem Jahre möglich geweſen
fein, Hätten nicht 4 Monate hindurch in der notwendigften Wirt-
Ichaftszeit wöchentlich 4 Pferde und 2 Mann zum Schanzenbau bei
Pillau geitellt und ſtets mit frifchen gewechtelt werden müſſen, wo—
durch nach und nach das ganze Angejpann des Gutes, welches
während der unglüdfichen 5 Sahre jchon mehr als zehnmal retabliert
worden war, bei der weiten Entfernung von Billau und bei der
überfeßten jchweren Arbeit zu Grunde gerichtet ward. Oft famen die
Pferde in Billau jo ermüdet an, daß fie am andern Tage die ſchweren
Schanzenfuhren nicht leisten konnten; alsdann mußten 4 Thaler per Tag
bezahlt werden, und da bei dem nachherigen übeln Wege dieje Fuhren
gar nicht mehr geleistet werden fonnten, habe ich fie mit 4 Thalern
per Tag bezahlen müſſen. Rechnet man hiezu die Unterhaltungstojten
der Pferde und der Menfchen am fremden Orte den ganzen Sommer
hindurch, jo kommt eine fehr anſehnliche Summe heraus, ohne noch
den Schaden in der Wirtichaft zu berechnen. Dieſer mag nun zwar
für jede Landwirtichaft höchſt drückend fein, aber für die, welche mit
ihren Pferden bei der Nähe einer großen Stadt jo viel an täglicher
barer Einnahme einbüßt, ift e8 zerftörend. Ich wurde Dadurch behindert,
ein Magazin von weißem Sande und nur in dieſem Jahre ftechbar
gemachten Torf bei gutem Wege in Königsberg anzufüllen, um auf
dem unfahrbaren Wege, alddann jolche Waren am meijten gelten, damit
verfehen zu fein. Der diesjährige ungewöhnlich lang gewährte ichlechte
Weg hat den Ausfall diefer gewohnten Einnahme noch empfindlicher
gemacht. Aus anderen Zweigen der Landwirtſchaft iſt bei totalem
Mißwachs dieſes Jahres, welches durch ein Atteſt dokumentiert werden
kann, wenn es nicht allgemein wäre, nicht das geringſte zu gewinnen,
da nicht einmal die Saat, nicht die Hälfte des ſonſtigen Heuertrages
gewonnen worden iſt. Den größten Teil meines Viehes habe ich
auf Ausfütterung gegen 12 Thaler pro Stück für die Wintermonate
weggeben müſſen, und Stroh, Hafer, Brot und Saatgetreide müſſen
nach den jetzt hohen Preiſen angekauft werden.
— 69. 2
Unter allen diefen der Wahrheit gemäß gefchilderten Umftänden,
die ich jeder Unterjuchung gerne unterwerfe, ift e8 mir länger völlig
unmöglich, die Zinjenzahlungen der ingroffierten ſowie meiner übrigen
Gläubiger zu leiften, und ich bin genötigt, gegen die in der Anlage
verzeichneten Gläubiger auf ein General-Moratorium anzutragen. Der!
Wert meines Gutes Neſſelbeck gewährt weit mehr als volle Sicherhen
für alle meine Schulden. |
Die nach landwirtichaftlihen Prinzipien aufgenommene Taxe
desſelben beträgt a 6 pCt., nach dem Ertrage vor dem Kriege berechnet,
ein Kapital von 48398 Thalern, wobei jchon das in Abzug gebradt
ift, was etwa noch nötig wäre, um den noch nicht kompletten Vieh;
ftamm, und was jonjt noch fehlen möchte, zu ergänzen. |
Da ich nun nach jo bittern Erfahrungen nicht weiß, inwiefern
ich bei dem noch immerfort währenden Druc der Zeit, bei der gänz-
lichen Stodung alles Handelöverfehr8 und den noch ſtets zu be
fürchtenden neuen Kriegsereigniffen der Hoffnung auf eine beffere
Bufunft trauen darf, fo muß ich zugleich bitten, mir dag General:
Moratorium bis zum 24. Juni 1815 zu geftatten. Sollte id
in diefer Zeit imftande jein, daS Gut wieder zu feinem ehemaligen
Ertrage zu bringen, jo ſoll hiezu weder Fleiß noch Mühe gejpart
werden; ich werde alsdann den verbeſſerten Zujtand desſelben ſogleich
anzeigen und um Aufhebung der Kuratel der Verwaltung zu bitten
nicht Anftand nehmen. Bis dahin aber müfjen meine Gläubiger fi
mit der Verficherung des hier jo gnädigen als gerechten Königs in
dem Edift vom 29. Juni 1811, daß, wenn die jüngjt eingetragenen
Gläubiger etwas einbüßen follten, jelbigen nach bejtimmten Grund-
fügen ab ſeiten des Staats möglichjt geholfen werden fol, beruhigen.
Ein einziger Menſch kann in der Dauer nicht imfjtande fein, die
Schläge des Schickſals, die das ganze Land zu Grunde gerichtet
und ihn jelbft Schon um feine ganze Wohlfahrt - und Ruhe gebradt
haben, auszuhalten.
Zum Kurator der Verwaltung fchlage ih den p. Wannovius
vor, welchem ich alle Revenüen des Gutes, jobald fie fich wieder ein-
68 —
finden, wöchentlich abliefern und die notwendigen Wirtſchaftskoſten,
wozu auch die Anichaffung des Brot-, Saat und Futter-Getreides
gehört, belegen werde. Zu meiner und meine? Mannes Subfijtenz,
welcher die Wirtichaft fürmich dirigiert, würden, da meine beiden Söhne
noch nicht dergeftalt angejtellet find, daß fie alle Unterftügung von
mir entbehren können, monatlich 50 Thaler bar und die erforder-
lichen Naturalien zur Unterhaltung der Hauswirtichaft und des Haus-
gejindes nötig fein. |
Sch glaube, daß Ew. pp. diefe Forderung nicht zu hoch finden
werden, da dem Sinne einer weilen und gerechten Staat3-Regierung
gemäß die nach jolchen Ereigniffen unauzbleibliche Zahlungsunfähigfeit
unglüdlicher Gutöbefiger, welche ihre Wohlfahrt dem Ganzen zum
Opfer gebracht, aus andern Gefichtspunften beurteilt wird als Die
eines jeden andern Schuldners.
Charlotte Louiſe v. Schenfendorf, geb. Karrius.
Neſſelbeck, den 18. Sanuar 1812.
Das Moratoriengefuch wurde abgelehnt und bei dem Durchzuge
der Franzofen im Juni 1812 ſowohl Neſſelbeck bei Königzberg als
Lenkoniſchken bei Tilfit völlig ausgeplündert.
Überhaupt betrugen fich die Sranzojen im Jahre 1807 als Feinde
befjer al® im Jahre 1812 als Verbündete. Ihre rückſichtsloſen Räube-
teien verurjachten eine Teuerung in einem Teile des Landes. In Dar-
fehmen*) fojteten im Juni 1 Scheffel Gerſtengraupen 6 Thlr. Geriten-
grübe 2 Thlr., Kartoffeln 20 Sgr., Linſen 2 Thlr., 1 Pfund Sped
12 Sgr., Schweinejchmalz 10 Sgr., Butter 10 Sgr., Salz 1 Ser.
8 Pf. Blättertabaf 2 Sgr. 8 Pf, 1 Tonne Bier 6 Thlr. 1 Stof
Branntwein 11 Sgr. 1 Huhn 16 Sgr., 1 Kurre 1 Thle, 1 Gang
16 Sgr., 1 Ente 15 Sgr. 1 Schod Eier 20 Sgr. Weizen ftieg von
1 Thlr. 2 Sgr. auf 2 Thlr. 8 Sgr., Roggen von 22 Sgr. auf 2 Thlr.
20 Sgr., Gerſte von 16 Sgr. auf 1 Thlr. 20 Sgr., Hafer von 10 Sgr.
auf 16 Sur.
*) Rogge a. a. O. ©. 19.
— 64 u
Zu Tilfit koſtete der Scheffel
Weizen Roggen Gerſte
im Januar 2 Thlr. 10 Sgr., 1 Thlr. 10 Egr, 1 Thlr. 10 Sgr.,
im Suni.. 3 Thlr. 20 Sgr., 2 Thlr. 20 Ser, 2 Thlr. 10 Ser.
Hafer Erbfen Kartoffeln
im Januar 1 Thlr, 2 Thlr. 10 Egr., 20 Sgr.,
im Juni.. 2 Thlr, 4 Thlr. 20 Sgr, 1 Thaler,
1 Tonne Bier 1 &entner Heu 1 Schod Stroh
im Sanuar 3 Thlr. 20 Sgr., 1 Thlr. 10 Sgr., 3 Thlr. 20 Sgr.,
im Sum.. 5 Thlr. 10 Sgr., 2 Thlr., 8 Thlr.,
1 Scheffel Graupen, 1 Stof Branntwein
im Sanuar 8 Thlr., 7 Sgr.,
im Suni.. 10 Thlr., 10 Sgr.
Daß Tilſit im übrigen beifer daran war, als die anderen
Städte Oſtpreußens und Litauen® lag bejonder® daran, daß im
Sahre 1812 das Hauptheer der Franzoſen über Infterburg, Gumbinnen,
Stallupönen marjchierte, wo die Preife mehr als das Doppelte betrugen,
und andererjeit3 daran, daß die eigenen Landsleute, das Yorkſche Corps,
über die Memel nordwärt3 gegen Riga zogen. Aber auch hier war
der Mundbedarf des Menfchen leichter zu erlangen als Hafer, Heu und
Stroh für dag Vieh.
Obgleich die Hauptmaffen der Franzoſen und ihrer Verbündeten
bis Ende Juni die Grenze überjchritten (Napoleon felbft kam am 24. Juni
in Stallupönen an), jo dauerten doch die Durchmärjche den ganzen
Sommer und Herbjt hindurch, wurden von den Nachzüglern Wagen und
Pferde und Lebensmittel aller Art mit Gewalt genommen, bis plößlich
die unerwartete Nachricht von dem Rüdzuge, von der Vernichtung der
großen Armee nad) Preußen gelangte. Nicht durch der Rufen Schwert,
durch) die Strenge des Winters, den Mangel an geeigneter Bekleidung
und Verpflegung auf der ausgeplünderten Heerftraße Hatte das ftolze
Heer im Eis und Schnee Rußlands ein jähes Ende erreicht. Mit
einem Trupp ausgehungerter, kranker, mit Lumpen bededter Soldaten
kam Murat am 16. Dezember in Gumbinnen an, am 19. zog er in
N
wi. Bu
Königsberg ein. Ney fam in einem polnifchen Schlitten mit 2 Pferden
durch Injterburg. Er gab jelbft den Pferden aus einem Schnupftuch Hafer
zu freflen; das ganze Fuhrwerk mit Pferden war nicht 5 Thaler wert.
Die Flucht der Franzoſen war jo eilig, daß manche 50—60 Thaler
für einen Schlitten bis Königsberg gaben, und der Zujtand der Sranzojen
jo jämmerlid, daß den meilten Najen, Ohren, Baden, Hände und
Süße erfroren waren.*) Die Verpflegung der Anfang Januar durch Oſt—
preugen flüchtenden Franzoſen fojtete dem Lande noch 82155 Thaler.
Jetzt oder nie jchien der Augenblid gefommen zu fein, wo man Die
Ketten brechen konnte, in welche der übermütige und harte Sieger das
heißgeliebte Vaterland gejchmiedet hatte. Gott ſelbſt Hatte daS Zeichen
gegeben. Mit innerem Widerftreben hatten die Preußen unter York in
Kurland und Livland gegen die ehemaligen Bundesgenojjen gekämpft.
Als nun aud dag Macdonaldiche Armeecorps infolge der Flucht des
Hauptheeres fich zurüdziehen mußte, ſchloß York mit dem ruſſiſchen
Generalmajor Diebitid am 30. Dezember 1812 in der Mühle von
Poſcherun bei Tauroggen den Bertrag, der ihn von den Franzoſen trennte.
Das preußiſche Heer jollte den Zipfel Oſtpreußens zwiſchen Tilfit und
Memel bejegen und fih am Kampfe nicht beteiligen, bis Die Befehle
de3 Königs eingegangen feier. Am 1. Sanuar 1813 bejeßten Die
Preußen Tilfit, welches wenige Stunden zuvor Macdonald verlafjen
hatte. Sofort nac) dem Abjchluffe des Vertrages meldete York jeinem
Könige den für Preußen enticheidungsvollen Schritt und bat um feine
Zuſtimmung. Was alle PBatrioten gedacht und gehofft hatten — York
hatte es zur That werden laffen. .
| Wären in diejem Augenblid die Ruſſen mit ganzer Macht jchnell
über die Feinde hergefallen, eine allgemeine Erhebung Deutjchlandg und
der Untergang der Franzoien wären die Folge geweſen. Aber den
Ruſſen war ein Krieg in Deutjchland noch zu neu; ihre Truppen hatten
ebenfall3 unter der jtrengen Winterfälte gelitten, ein großer Teil war
noch weit zurüd; den Führern fehlte e8 an Berjtändnis für die Lage
der Dinge. Ihr Auftreten in Memel und an andern Orten-erregte den
*) Sniterburger Kirchennachrichten. In „Altpreuß. Monatsſchrift“ I ©. 357.
Verdacht, daß fie Dftpreußen und Litauen für fich behalten wollten. So
ſchien der Augenblid nicht fern zu fein, wo die Franzoſen nach fchnelle
Rüftung wieder mit Macht vorbrechen, Preußen abermal3 verheeren,
ausjaugen und ihm für immer ein Ende bereiten würden. Da entjchloß
jih York aus feiner neutralen Stellung zu Tilfit Herauszutreten und)
jeine Stellung als General-Gouverneur wieder zu übernehmen, Die er
vor dem Kriege befleidet Hatte. Er verjtärkte jein Heer durch Einziehung
von 1050 Nemonten und ungefähr 9000 Refruten und Krümpern,
rüftete es mit allem Nötigen aus und erfchien zu Königsberg am 8. Januar
abends mit 50 Huſaren. Am 21. Januar brach ſein ganzes Heer von
Tilſit nach der Weichſel auſ. Um die Mittel zur Fortſetzung des
Krieges flüffig zu machen, war Stein in der Nacht zum 20. Januar 1813)
nah Gumbinnen geeilt, hatte am 21. mit Schön verhandelt und war
am 22. früh nach Königsberg weiter gereift, um hier am 23. Januar
von dem LZandhofmeifter und Oberpräfidenten v. Auerswald die Berufung
eines General-Landtages der oftpreußijchen, Litauifchen und weſtpreußiſchen
diesſeits der Weichjel gelegenen Kreife auf den 5. Februar und die Auf-
jtellung eines Landiturmg zu fordern. Aber durch ein Schreiben feines
Schwiegerjohnes Schön über die mit Stein zu Gumbinnen getroffenen Ab-
machungen unterrichtet,*) änderte er am 25. Sanuar feine erjte Verfügung
an die Landräte dahin ab, daß fein Landtag, fondern nur eine Verſammlung
bon Deputierten ftattfinden jolle, „um die Eröffnungen zu vernehmen und
darüber zu beraten, welche der Bevollmädhtigte Sr. Majejtät des Kaiſers von
Rußland, Herr Staatsminister Freiherr v. Stein Excellenz, machen werden.”
Gegen Steing Befehle blieben Auerswald, York und der Staatsminifter
Graf Alerander zu Dohna feit, um feinen Landesverrat zu begehen. Am
Abend des 24. Sanuar traf Schön in Königsberg ein. Der Anficht diefer
Männer ſchloß fich der NRegierungspräfident Wißmann zu Marienwerder
an, der die Berufung eines Landtages für inconjtitutionell hielt. |
Am 5. Februar verfammelten fich im General-Landihafts-Haufe
zu Königsberg die Deputierten der 8 Kreiſe des oftpreußiichen |
*) Robert Müller: Der 24. Januar 1813 in Königsberg. In „Altpreuß. |
Monatsichrift” 1877. ©. 306. Ä |
|
a —
Departements (Brandenburg, Barten, Schaaken, Tapiau, Braunsberg, Heils⸗
berg, Mohrungen, Neidenburg), der 3 Kreiſe des litauiſchen Departements
(Inſterburg, Seheſten, Oletzko) und der beiden Kreiſe Marienwerder und
Marienburg des weſtpreußiſchen Departements, im allgemeinen aus jedem
Kreiſe 2 Rittergutsbeſitzer, 1 Beſitzer von köllmiſchen Bauerngütern und
1Vertreter der Städte, außerdem noch 3 Vertreter der Stadt Königsberg,
2 aus Elbing, je 1 aus Memel, Marienburg und Grauden;. -
Der geheime Juſtiz-Rat v. Brandt leitete an Stelle des erkrankten
Landhofmeiſters dv. Auerswald die Verſammlung und verlas ein Schreiben
Steing, „daß er dieſe VBerjammlung veranlaft habe, um der Deliberation
der Herren Stände die Auswahl der Mittel zur allgemeinen Verteidigung
des Baterlandes anheim zu geben.” Die Deputierten waren einftimmig
der Anficht, daß ihre Beratungen nur von derjenigen Militärbehörde
geleitet werden dürften, welcher die Gefinnung Sr. Majejtät des Königs
und die Erforderniffe der Armee befannt wären. Daher begab fich
fogleich eine Deputation von 5 Mitgliedern zu York, welcher dem Rufe
des Landes gern folgte, ſich ſofort in die Verſammlung begab und, als
Gouverneur von Preußen und als der treueſte Unterthan Sr. Majeſtät des
Königs, die Provinz, von deren Treue und Anhänglichkeit er völlig
überzeugt ſei, zu einer kräftigen Verteidigung des Vaterlandes aufforderte.
Da jetzt die Kommunikation ſeines Truppen-Corps mit Sr. Majeſtät
gehemmt wäre, ſo würde er kraft der ihm als General-Gouverneur
erteilten Autorität wie bisher ſo auch ferner handeln. Seine Pläne
und Vorſchläge werde er einem aus dem Schoße der Verſammlung zu
wählenden*) Comité vorlegen. |
York Hatte allen aus dem Herzen geiprochen; lauter Jubel be-
grüßte ihn für jein mannhaftes Wort. Den legten Mann, das lebte
Pferd, den letzten Grofchen wollte Preußen und Litauen in unerjchütter-
licher Treue für König und Baterland freudig opfern. Indem die Ver—
ſammlung hoffte, feine Mikbilligung vom Könige zu erhalten, erklärte
*) Urkunden zur Geſchichte der ſtändiſchen Verſammlungen in Königsberg
von Rob. Müller. In „Altpreußiſche Monatsſchrift“ 1876. ©. 455, 456 und 622.
5*
fie, daß es der Vollmacht des Herrn Minifterd von Stein nicht bebürfe
da fie ihre Beratungen unter ber Autorität des Herrn Generallieutenamt'
v. York gehalten hätte.*)
Preußen, öſtlich der Weichjel, verpflichtete ſich 20000 Dann Lend
wehr und 10000 Mann in Reſerve aufzuſtellen. Am 8. Februar
forderte York auch die Errichtung eines National-Kavallerie-Regiments
von 1000 Mann und 1000 Pferden, und die Verſammlung verſprach
zu thun, was in ihren Kräften ftände. Zur Landwehr jollte die ganze
Mannſchaft von 18 bi8 45 Jahren dienjtpflichtig fein mit Ausnahme
der Geiftlichen und Lehrer jowie der Mennoniten, denen die Religion
das Tragen der Waffen verbietet. Lebtere ftellen als Erjag 500 gute
Pferde für das National-Kavallerie-Regiment oder zahlen für jedes
Pferd 70 Thaler; zur Augrüftung der Landwehr jteuern fie 15000 Thaler
bei. Die Grafen v. Lehndorff und v. Eulenburg erboten fich, Heine zur
Arbeit taugliche Pferde gegen Kavallerie-Pferde einzutaujchen und ärmeren
Freiwilligen dienfttaugliche Pferde zu liefern.**) Der Kaifer von Rußland
hatte York 15000 Gewehre gejchentt, wovon ein Teil an die Land⸗
wehr verteilt wurde.***) Die Kaufmannſchaft zu Königsberg, Memel
und Elbing zahlte eine halbe Million Thaler als Vorſchüſſe für die
Seezölle. Pillau, welches den Franzoſen glüdlich entriffen wurde, Tieferte.
Kriegsmaterial aller Art. Die verhafte, das Land verarmende Kon-!
tinentalfperre wurde zur Freude von Stadt und Land aufgehoben; alle
Landesprodufte außer Roggen und Hafer durften wieder ausgeführt
werden. Die Rejerve-Magazin-Borräte, welche die Franzoſen nach dem
Abmarſch der großen Armee nad) Rußland und Königsberg angelegt
hatten, dienten jeßt dazu, die Provinz zu unterjtüßen. |
Bei den großartigen Anftrengungen, welche Oſtpreußen und Litauen
für die Stellung der Krümper, Rekruten und Landwehr, bald auch des
Landſturms machten, war die Landwirtichaft ihrer beiten Kräfte beraubt.
Das gute Vieh war im Jahre 1812 geraubt, Wintergetreide war fo
gut wie gar nicht gejät worden, vielen Gütern gebrach es an Saat.
*) &bendafelbft S 458.
**) Ebendaſelbſt S. 629. .
+) G. H. Pertz a. a. O. 3. Band. ©. 293.
— 66:
Hatten bisher jchon die Grundbeſitzer fich vielfach außer Stande gejehen,
den Anſprüchen ihrer Gläubiger zu genügen, jo jchien nunmehr die Ver-
armung ber meiften Gutsbefiger unvermeidlih. Daher wurde am
8. Februar ein Komitee aus 5 Mitgliedern der ftändijchen Berfammlung
erwählt und beriet über die Erleichterungen, welche dem Gutöbefiger zu
gewähren jeien, welcher für die Landwehr Aufopferungen leiſte. Sie
beantragen: 1) Gegen folchen Gut3eigentümer darf fein Berfonalarreft wegen
Schulden verfügt werden; 2) es findet feine neue Subhajtation feines
Guts und feine Erefution gegen dag notwendige Mobiliar und das
Sutsinventarium ftatt; 3) es findet feine neue Sequeſtration ftatt;
4) Sequeftrationen, welche ſchon ſchweben, bleiben in ihrem Gange ſo—
wie auch ſchwebende Subhaſtationen (d. h. ſolche, bei denen die Ver—
kaufstermine ſchon öffentlich bekannt gemacht ſind). 5) Wenn die Land—
wehr gegen den Feind marſchiert, ſtehen jedem Landwehrmann die Be—
günſtigungen der Militärperſonen zu.*)
Mit dem auf dem ſtändiſchen Landtage gefaßten Beſchlüſſen ſowie
einem Schreiben Yorks reiſte am 13. Februar Graf Ludwig Dohna,
ein Neffe des Präfidenten, zum Könige nach Breslau. Diefer fchrieb
von Breslau am 17. März an die Stände von Preußen und Litauen:
„Sch erfenne die Treue meiner Stände in Preußen und Litauen darin,
daß fie freiwillig fich zur Verteidigung der Provinz erboten haben und
feine Aufopferungen zur Erreichung dieſes Zweckes ſcheuen. Sch will
aus diefen Gründen, daß Ihre getroffenen Anordnungen der Organifierung
der Landwehr nicht unterbrochen werden, troßdem fie von denen, welche
Ich für die übrigen Provinzen aufgefegt habe, abweichen.“ Und für-
wahr, Stadt und Land zeigten fich des Lobes und der Erwartungen ihres
Könige würdig. Eine General-Kommilfion von fieben Mitgliedern aus
dem Schoße der Stände-Verfammlung, beitehend aus drei adeligen und
einem köllmiſchen Gut2befiger jowie einem Vertreter der großen und
einem der Heinen Städte unter dem Vorſitze des Grafen zu Dohna,
hatte Die eriten Anordnungen getroffen, fo daß nach dem Eingange der
*) Urkunden zur Geſchichte der ſtändiſchen VBerfammlungen in Königsberg,
von Rob. Müller. In „Altpreuß. Monatsichrift.” 1877. ©. 122 und 123.
— 70 —
Zuſtimmung des Königs die Einberufung der ſchon ausgerüſteten Land—
wehrmänner erfolgen konnte. Überall zeigte ſich ein edler Wetteifer, für
den heiligen Krieg das letzte und beſte, Gut und Blut, einzuſetzen. Die
General⸗-Kommiſſion ordnete die Wahlen von fünf Special-Kommiſſionen
an für Tilfit, Rhein, Königsberg, Heildberg und Mohrungen, welche für
die umliegenden landrätlichen Bezirke wirken follten.
Die Seele der Erhebung war Dohna, der PBräfident der General: !
Kommilfion und bald auch Civil-Gouverneur. Ein edler Wetteifer be⸗
ſeelte Deutſche, Litauer und Maſuren. Die Stimmung kennzeichnet ein
Schreiben Schöns an Dohna vom 24. Februar, bevor die Antwort des
Königs eingelaufen war. „Der Geiſt iſt gut. Gumbinnen ſtellt und
equipiert 25 Kavalleriſten und 15 Infanteriſten (wahrſcheinlich Freiwillige
Jäger), und Inſterburg ebenſo. Aus Maſuren erwarte ich mehr.” *)
Die Chroniken der Städte, ſonſt ſo dürftig, ſind des Lobes voll
über die ſeltene Opferwilligkeit. Die Organiſation der Landwehr, ſagt
die Chronik der Stadt Stallupönen,**) fand mächtigen Anklang und ver-
lieh dem durch fremde Zwingherrſchaft lange niedergehaltenen Vaterlands⸗
eifer neue Schwingen. Es bildete fich ein Verein zur Unterftügung
der zurücdgebliebenen Familien der ins Feld gerücten hiefigen Vater—
Iandsverteidiger; außerdem wurden hilfsbedürftige Vaterlandsverteidiger
mit Geld und Wäſche ausgerüfter. — Darfehmen, welches nur 1709 Seelen
zählte, brachte 76 Thaler an patriotiichen Beiträgen zur Ausrüftung
einiger Sünglinge auf und gab am 13. April bei der Loſung 41 aftive
und 20 Referve-Landwehrmänner. Dann wurden nochmal® 70 Thaler
7 Grofchen zur Beitreitung der Landwehrkoften freiwillig gefammelt.***)
nfterburg jtellte mehr ald Schön erwartet Hatte, denn es rüjtete einige
60 freiwillige Jäger aus und zwar lauter Kavallerijten,; die Eltern
gaben ihre Kinder gern, und nur jehr wenige Ausnahmen fanden jtatt.7)
— — — — —
*) Gerwien: Errichtung der Landwehr und des Landſturms in Oſtpreußen,
Weſtpreußen am rechten Weichſelufer und Litauen im Jahre 1813. Beiheft zum
Milttärwochenblatt 1846. ©. 28.
**) Abgedrudt in den „Preuß. Provinzial» Blättern.” Königsberg 1836.
15. Band. ©. 386.
***) Adolf Rogge a. a. D. ©. 204 u. 205.
+) Infterburger Kirchennachrichten a. a. DO. ©. 359.
u
Sünglinge und Greife ftritten um den Vorzug, die Waffen für das
Baterland zu ergreifen, berichtet die Chronik von Lötzen.) Die Stadt
ftellte 70 Mann zum Heer. Bon dieſen rüjtete fie 24 Mann auf
eigene Koften aus. 22 Mann davon (darunter 10 Freiwillige) gingen
zur Landwehrinfanterie, 2 zur Landwehrfavallerie ab, die übrigen
wurden als Kantoniften zum jtehenden Heere abgegeben. Außerdem
hatten fich aber noch 4 Freiwillige aus eigenen Mitteln ausgerüjtet und
geftellt. Die Koften diefer Ausrüftung betrugen über 2000 Thaler. —
In dem Städtchen Angerburg trat zuerjt als Freiwilliger der Bürger:
meilter Moy vor. Die ganze waffenfähige Mannjchaft folgte mit Be-
geilterung feinem Beilpiel, jo daß jih 53 Mann zu Zub und 3 Reiter
mehr ftellten, als gefordert wurden. — In Zohannisburg meldeten fich
22 Freiwillige, jo daß nur noch 2 außgeloft werden durften. — Der
Stadt Sensburg Foftete die Errichtung der Landwehr 600 Thaler. —
Der Bezirk zu Rhein umfaßte die Kreife Seheften, Oletzko und Neiden-
burg mit 178000 ©eelen. Eine Stonferenz derjelben zu Rhein beichloß,
nach der Ortelsburger Chronik, fich von einem allgemeinen Verbande zur
Errichtung des Regimentes Infanterie und Kavallerie loszuſagen und
lieber ein volle® Bataillon von 800 Mann und eine Schwadron
anfzuftellen, obgleich dem Kreiſe weit weniger an Infanterie und
nur 60 Mann Kavallerie zu ftellen oblag. Auch wurde beichlofien,
die Truppen in blaue Litewkas zu Heiden, welche Tracht fchon im
30 jährigen Kriege bei den brandenburgijchen Truppen eingeführt mar,
während die übrigen Kreife graue Kleidung gewählt hatten. Auch der Kreis
Seheften entjchloß fich, ein eigenes Bataillon und eine eigene Schwadron
zu Stellen; ebenjo der Neidenburger. ‘Diefer ftellte 42, jener 30 berittene
Landwehrmänner über den Anjchlag.**) Memel hat 73 Freiwillige, dar-
unter 43 für die Kavallerie, ausgerüſtet. — Die Goldaper Chronif***) be-
richtet, daß am 10. Mai die Landwehr in der- Kirche vereidigt wurde
md am 14. Mai zur Armee abging. Die Stadt hatte 94 Mann
*) Neue Preußifche Provinzialblätter. Königsb. 1852. ©. 155 u. 156.
“r, Weiß: Preuß. Litauen und Maſuren. S. 102 u. 108.
++) Preuß. Provinzial-Blätter 1892. S. 483 ff.
u ID:
geftellt, obgleich jie nur 2675 Einwohner zählte Mit diefen Städten,
deren Bewohner zum größten Teil Aderbürger waren, wetteiferte die
Zandbevölferung an Opferfreudigfeit. Das Dorf Sorquitten im Sehefter
Kreiſe hatte 6 Landwehrmänner zu ftellen, aber es meldeten ji) 12 Frei-
willige, von denen feiner zurücdbleiben wollte, jo daß das Los ent-
icheiden mußte. |
In Tilfit, deffen Lieferungen und Leiftungen an die franzöfifchen
Truppen während des Jahres 1812 117530 Thaler 23 Sgr. 3 Bf.
betragen hatten, wurden im Februar 1813 namhafte*) Beiträge gefammelt
und damit 23 unbemittelte freiwillige Säger und 2 Train-Soldaten ausge⸗
rüſtet. Außerdem ſtellten ſich 19 Jäger, die ſich ſelbſt bekleideten, die
Einwohner gaben auch 4 Pferde und Waffen, verpflegten außerdem das
Yorkſche Corps, deſſen Kranke in der Loge und zwei benachbarten
Häuſern untergebracht waren. Landwehr ſtellte die Stadt 159 Mann
und 15 Pferde, die Augrüftung und Belleidung der Truppen Eoftete
1258 Thaler 27 Sgr. 8 Pf., wovon 447 Thaler 12 Sgr. durch frei-
willige Beiträge eingelommen, der übrige Betrag aber durch Repartition
aufgebracht ift. Am 2. April 1813 marfchierte die Echwadron frei-
williger Jäger ab, und im Sommer wurde durch) den wegen feines
Patriotismug wiederholt gerühmten Landrat Freiherrn von Lyncker Der
Landſturm aufgeboten, welcher aus drei Bataillonen Fußvolk und zwei
Schwadronen Reiterei beitand. Bis zum 4. Juni betrug die Zahl der
freimilligen Säger öftlich der Weichjel 8400 bis 8500.
Diefe Beijpiele mögen genügen, um die einzig daftehende Be—
geifterung Preußens recht? der Weichjel darzulegen. Was diejed Land
gelitten hatte, daß e8 den Becher der Trübſal bis zur Neige geleert
hatte, haben wir gejehen. Auch jegt noch litt eS an den Nachwehen des
ruſſiſchen Krieges, denn die aus dem Schnee Rußlands heimfehrenden
Tranzojen hatten wieder verheerende Krankheiten mitgebracht, die in
Litauen und Dftpreußen zahlreiche Opfer heiſchten. So erzählt die
*) Nach den Alten des Magiſtrats zu Tilſe, betreffend Die Anfertigung und
Führung der Stadt⸗Chronik, wo allerdings 4455 Thaler.angegeben ift, weldhe Summe,
unzweifelhaft zu hoch ift; vielleicht joll es heißen 455.
— —
Goldaper Chronik zum Jahre 1813: Auch in dieſem Jahre raffte das
Nervenfieber viele Menſchen fort; in der Stadt allein waren 198 Perſonen
geſtorben. — In Stallupönen ſind ſchon 1812 von 2500 Seelen
50 Perſonen am Nervenfieber geſtorben, 1813 gar 86. In Tilſit war
die Sterblichkeit unter den in den Lazaretten verpflegten Kranken der-
artig groß, daß der Marienkicchhof bald voll war und die verftorbenen
Soldaten in der Pufchtene, dem SKiefernwäldchen bei dem Luftort
Jakobsruhe, begraben werden mußten. Auch viele Einwohner, welche
fih als Wächter hatten anjtellen laſſen, ſowie der Kreis-Phyſikus und
ein Wundarzt erlagen den anftedienden Krankheiten.
Um fo ſtaunenswerter find Die Leiltungen dieſer Provinzen, welche
an Rekruten und Krümpern für das Bülowiche und Morkiche Corps,
zur Errichtung von 7 NRefjerve-Bataillonen, zu Erercier-Depot3 und
Garnijon-Bataillonen, zu Train, Artillerie, Pionieren u. |. w. 1916 Pferde
und 23996 Mann an Landwehr, den dreizehnten Menjchen oder unge-
fähr 7 Prozent der gejamten Bevölkerung waffnete — Dftpreußen mit
486 329 Seelen jtellte allein 34802 Mann, entiprechend Litauen — fo
daß fie alle übrigen Provinzen, die außerdem weniger gelitten hatten,
bei weiter übertrafenn.
Dürfen wir und wundern, wenn unter jolchen Umftänden die Be-
waffnung und Bekleidung am Anfange etwas mangelhaft war? Das
Menfchenmögliche wurde geleijtet, gleichwohl fehlten der Landwehr
während des Sommers: Tuchhojen und Mäntel, die den vor Danzig
liegenden Wehrmännern erft zum Herbite nachgeliefert wurden, jo daß
diefe unter Krankheiten zu leiden Hatten. Ein Teil der Landwehr, das
erite Glied, hatte feine Gewehre, jondern Lanzen. Die Ausrüftung der
Landwehr diesſeits der Weichiel Eoftete den Provinzen über 1 Million
Thaler, die Pferde allein Eofteten 157967 Thaler. Andere Ausgaben
erwuchlen noch) aus den Einguartierungen der durchziehenden Ruſſen.
Dabei waren die Getreidepreife während der Freiheitskriege recht niedrig,
denn im Jahre 1813 foftete der Roggen nach den Tilfiter Magijtrat?-
aften durchſchnittlich 291/3, Gerſte 24, Hafer 18 Sgr., Erbjen 1 Thlr.
22 Sgr., dad Heu nahe an 18 Sgr. Stroh 3 Thlr. 23 Sgr.,
in EL
Weizen 2 Thlr. 5 Sgr. 9 Pfennige. — 1814 foftete der Roggen 1 Thlr.
1 Sor. 3 Pf. Gerfte 20 Sgr. 10 Pf. Hafer 16 Sgr. 7 Pf. Erbfen 1 Thlr.
9 Sor. 3 Pf, Weizen 1 Thlr. 29 Sgr. 7 BE.
Aber alle Sorgen für des Leben! Nahrung und Notdurft waren
vergefjen; ein Gefühl „Mit Gott für König und Vaterland“ trieb alle
in den Kampf gegen den Landesfeind. Da blieb niemand daheim,
denn „Wehrlos Ehrlos” mar die Lofung.
Dad Morgenrot einer jchöneren Zeit ſah noch der Kriegsrat
von Schentendorf. Im Januar 1813 weilte er in Königsberg. Er
gewahrte noch den Abzug der Franzofen, die Ankunft Yorks in der Landes-
hauptitadt, die Vorboten der Erhebung; aber am 24. Januar ftarb er
zu Königsberg*) im Alter von 68 Jahren an Entkräftung. In Neffelbed
jollte im Frühjahr ein Erbbegräbnig der Familie von Schenfendorf ge-
baut werden, und deshalb führte feine Witwe feine Leiche am 29. Januar
nad) Quednau, zu welchem SKirchdorfe Nefjelbed eingepfarrt war, damit
der Sarg in dem dortigen Kirchen-Gemwölbe bis zu feiner Überführung
nach dem Erbbegräbnifje aufbewahrt würde.) Das Gewölbe neben Der |
Duednauer Kirche war 1744 von der Familie v. Rieger gegründet, aber
mit Zuftimmung der Regierung im Jahre 1782. Eigentum der Kirche
geworden, weil die Familie dv. Rieger fi nicht mehr um die Inftand-
haltung bekümmerte. Seitdem wurden hier Leichen reicherer Familien
beigejegt, welche die Dafür geforderte höhere Abgabe entrichteten,
3. B. v. Oldenburg, v. Sydow; und jo hat auch der Vater des Dichters
Mar von Schenfendorf hier feine legte Nuheftätte gefunden. ALS nämlich
im Frühjahr alle wehrhafte Mannjchaft zu den Fahnen eilte, unterblieb
der Bau des Grabmald. Seine beiden Söhne konnten nicht an jein
Totenlager eilen, denn der ältejte war feit dem 15. Dezember in Karls—
ruhe verheiratet, der jüngfte, 1803 Fähnrich, 1805 Lieutenant im Re—
giment Brünned, 1806 noch 23. Seconde-Lieutenant im Negimente
Nüchel zu Königsberg (jeit 1828 1. Regiment (Kronprinz) genannt) hatte
j *) Auguft Hagen: Gedichte von Mar von Schentendorf. 5. Aufl. Stuttgart,
Cotta, 1878. ©. 50, jagt fälihlih: Er ftarb fern von den Söhnen auf feinem Gut
bei Zilfit, während die Gattin auf dem Lande bei Königsberg lebte.
**) Totenbuch von Quednau.
— —
den Orden pour le merite während des unglücklichen Krieges erhalten,
weil er die Fahne feines Regiments, die ſchon verloren war, wiedergemonnen
hatte, und war daher am 5. April 1809 zum etatsmäßigen Lieutenant
ins Leibbatatllon Garde zu Fuß (heute 1. Garde-Negiment zu Fuß in
Potsdam) befördert worden, wo er am 24. Dezember 1810 zum Premier
Lieutenant, am 12. Februar 1812 zum Stab3- Kapitain und am
22. Wpril 1813 beim Ausbruch des Treiheitäfrieges zum Premier⸗
Kapitain und Chef der 6. Compagnie ernannt wurde.*) Auf feine und
jeines Bruders Abwejenheit beim Begräbnis des Vaters bezieht fich Die
Totenflage ded Dichters:
Schlaf in deiner engen Kammer,
Lieber, alter Vater, ſchlaf',
Südlich, dag nach langem Sammer
Koch dich Frohe Zeitung traf. .
Dane dir, daß in unſ're Herzen
Du der Ehre Mut gelegt,
Der wohl Hunger, Durft und Schmerzen,
Knechtſchaft nie und Schande trägt.
Wenn auch Fremde dich begraben,
Schlaf in freier Erde nun, *
Lieber Bater, fchau’, wir haben
Jetzt ein beßres Werk zu thun.
Dann erft, wenn die deutjchen Auen
Keine Feinde mehr entweihn,
Wollen wir dein Grabmal bauen,
Schreiben deinen Leichenjtein.
Oben in den blauen Hallen
Bei den Vätern weile du,
Unfer Waffenruf joll Ichallen
Bis in deine jel’ge Ruh.
An dem Freiheitsfampfe nahmen beide Brüder rühmlichen Anteil.
Der jüngere erwarb ſich in der Schlacht bei Lützen das eijerne Kreuz
und den ruſſiſchen Wladimir-Orden, wurde aber bei der Erjtürmung des
*), Geſchichte des erſten Garde⸗Regiments zu Fuß.
——
Dorfes Breititz bei Bautzen tötlich verwundet und ins Lazarett nach
Hirſchberg gebracht, wo er bald ſtarb. Der ältere trug durch ſeine
Kriegslieder weſentlich bei zur Begeiſterung der Freiheitskämpfer und nahm
bei den Truppen ſeiner Heimat an der Völkerſchlacht bei Leipzig teil.
„Daß ich Dein treuer Kämpfer bin,
Soll Schwert und Zither zeigen.“
Zum Offizier ernannt, wurde er bei der Bewaffnungskommiſſion der
deutichen Centralverwaltung zu Frankfurt a/M. angeftellt und Hatte
bejonder3 für die Ausrüſtung der Landwehr in Baden zu forgen. Nach
dem Friedensſchluſſe erfreute er fi) nur noch kurzer Zeit der ihm ver-
liehenen Stellung eined Regierungsrates zu Coblenz, denn infolge der
ungewohnten Kriegzjtrapazen war feine Gejundheit zerrüttet. Vergebens
juchte er Linderung in. den Bädern Baden und Aachen; an feinem Ge—
burtötage den 11. Dezember 1817 erlöfte ihn der Tod von feinen Leiden.
Während am Rhein jeine Witwe um den Entichlafenen trauerte,
weinte im fernen Oſten die betagte Mutter um die letzte Stübe ihres
Alters. Des Gatten und beider Söhne beraubt, kämpfte fie einen er-
folglofen Kampf gegen die Not der Zeit, denn die Landwirtichaft lag
auch nad) dem Kriege darnieder. Das überjchuldete Gut Neſſelbeck
fonnte die Kriegsrätin nur mit Müh und Not erhalten, da das ein-
gereihte Moratorien-Gefuch abgelehnt war. Lenkoniſchken war nach
dem Tode ihre® Mannes 1813 an ihre Söhne gefallen und Hatte
nad) amtliher Taxe damals einen Wert von 18534 Thalern und
57 Groſchen (= 19 Sgr.), obwohl es durh den Durchzug der
Franzoſen im Sahre 1812 faft jeines gefamten Inventariums beraubt
war. Einkünfte fonnte aber Mar von Schenfendof unter folchen Um—
jtänden aus jeinem väterlichen Erbe nicht ziehen. Mochte ihm das
väterliche Gut bei Tilfit auch noch jo freundlich winken, er jollte nicht
wieder in die liebe Heimat zurücdfehren.
„Was locket ihr, was winfeft Du,
D Vaters Hof und Garten?
Wie darf ih nun in fchnöder Ruh’
Der Stillen Felder warten?
er MT
Das wäre mir ein fchlechter Ruhm,
An Haus und Gut und Eigentum
In ſolcher Zeit zu denken.“
Da beide Brüder feine Kinder hinterlaffen hatten, fiel aus ihrem
Nachlaſſe das Gut Lenkoniſchken ihrer Mutter zu, die mit Hiülfe ihres
Better, des Kaufmanns Tichepius zu Königsberg, die Beſitzung wieder
in Stand jegte. Diejer lieh ihr nach und nach 10000 Thaler, ohne
jemal3 Zinſen zu nehmen. Um ihm die Summe zu fichern, ließ fie
Frau von Schenfendorf zur dritten Stelle auf Lenkoniſchken eintragen,
fo daß dieſes alfo mit 17000 Thalern belajtet war. Wie zerrüttet
ihre Vermögenzverhältniffe infolge der Unglüdszeit von 1806 an ge-
worden waren, zeigt recht deutlich ihr zweites Teſtament, das fie am
27. November 1819 bei dem Patrimonial- Gericht Schilleningfen (bei
Tilſit) einreichte.*)
Durch diefe Schrift, die meinen legten Willen über meine irdiſchen
Verhältniffe enthält, und von der ich will, daß fie als ein fürmliches
Teſtament gelten joll, jeße ich meinen lieben und werten Mutter:
jchwefterjohn, den Negocianten Herrn Auguft Jakob Friedrich Tſchepius
zu Königsberg, und im alle derjelbe vor mir verfterben jollte, deſſen
Erben zu Univerfal- Erben meines jämtlichen ne biemit
förmlich ein.
Diefen meinen lieben und werten Erben bitte ich folgende be-
zeichnete Stüde, wenn felbige fich noch alle in meinem Nachlaffe vor-
finden jollten, den hier benannten Perſonen gütigft zu überjenden.
1) Meiner lieben und werten Schwiegertochter, der Frau Re-
gierungs-Rätin Henriette Eliſabeth verwitwete von Schenkendorf,
geborene Dietrich, gegenwärtig zu Coblenz am Rhein, meinen großen
brillanten Ring und eine goldene Medaille mit der Devife:
Wie dieſe zwei, jey unjre Treu’
die fich in dem an meinem Bette ftehenden Heinen Kaſten in einer
roten, mit Silber gejtidten Taſche vorfinden wird, mit der Bitte,
*) Acta der PBatrimonial- Jurisdiction Schilleningken. In der Sriegsrätin
v. Schenfendorfihen Teſtamentsſache. Anno 1830. 8. 139.
a TB
beides als Verlobungs-Geſchenk der Eltern ihres letztverſtorbenen
Mannes, meines erftgeborenen Sohnes, zum Andenken an ihn und
fie zu tragen und aufzubewahren. |
2) Ihrer geliebten Tochter erjter. Ehe, der Demoijelle Henriette
Barkley, einen diamantenen Ring ‚mit einem violetten eingelegten Steine
gleichfallg als ein Andenken an meinen Sohn und einen Heinen Beweis
meiner Dankbarkeit für die ihm tet? bewieſene Liebe zu tragen.
3) Meiner geliebten Schwiegerin der Frau Hauptmännin
v. Burgsdorf, geborene von Schentendorf, zu Mühlbak in der Marf,
einige Meilen von Croſſen und Zielenzig wohnhaft, bitte ich die Zinfen
von den auf Adel. Groß-Schonau in der Neumark eingetragenen
2000 Reichathalern, die ich von meinem Manne ererbt, jo lange fie
febet, ziehen zu Lafjen, al einen Beweis meiner Dankbarkeit für die
meinem Manne und Sohne erzeigte Güte und Liebe.
4) Der Deutjch-Lutherifchen Kirche zu Tilfe bitte ich Die zwei
filbernen Kannen, die fich in Verwahrfam des Herrn Tſchepius für
jeßt befinden, von denen die eine mit Medaillen, die andere mit Sie-
gesmundes-Dittchen belegt ift, jedoch erft nach dem Tode des Herrn
Tichepius zum Gebrauche des Weines auf dem Altar unter der Be—
Dingung zu verabfolgen, daß der jedegmalige Pfarrer für das Hleinfte
Berjehen verantwortlich wird, wenn diejelbe Durch feindliche PBlünderung
oder auf andere Art fortfommen follten. Er ift daher verbunden fie
in feiner Wohnung ficher aufzubewahren.
5) Dem Herrn Juſtiz-Amtmann Arnoldt zu Königsberg bitte
ich meinen vieredigen Zucker-Kaſten als einen Beweis meiner Dank:
barkeit für die vielen mit meinen Angelegenheiten gehabten Bemühungen
zuzuftellen. .
Alles bitte ich den genannten Perjonen mit den: fie betreffenden
Auszügen aus diefem Tejtamente völlig pojtfrei zu überjenden.
Meinen Leichnam bitte ich meinen lieben Univerjal-Erben in
einem Notjarge von hier nach Quednau zu fahren und dort in dem
Gewölbe beifegen zu lajjen, worin die Gebeine meines verftorbenen
Mannes ruhn. Den Sarg, den ich erhalte, bitte ich ganz nach der
— —
Form, die der Sarg meines Mannes hat, dort anfertigen zu laſſen
und ſo die völlige Beſtattung zu beſorgen. Sollte die Thür an
dieſem Gewölbe noch nicht völlig neu gemacht fein, jo bitte ich, wenn
Neſſelbeck noch mein Eigentum wäre, dort eine Eiche fällen zu laſſen
und von diefer eine ganz neue Grabesthür, zwar einfach aber doc)
geichmadvoll, nebſt Gerüſte in Königsberg anfertigen, und (vor) dem Ge-
wölbe, mif einem guten Schloffe verfehen, aufrichten zu laffen. Wenn
Neſſelbeck nicht mehr mein wäre, jo bitte ich, von anderem gekauften
Eichenholze diefe Thür verfertigen zu laſſen. An jeder Ede Diejes
Gewölbes bitte ich gleichfalls eine Pappel, jo daß fie mit dem Bogen
eine Linie halten und vorne zu fehen find, einfegen zu laſſen und
für die Unterhaltung dieſer Heinen Anlage die möglichfte Sorge
zu fragen. |
Da die Legate nicht in Geld, jondern in bezeichneten Stüden
beitehen, jo geftatte ich meinem lieben Erben, daß er im Fall einer
etwaigen Unzureichendheit meines Nachlaſſes den daran fehlenden Be-
trag von diefen Legaten in Abzug bringe, und er die ihm alsdann
gejeglich zuftehende Duart von den_Legaten zurüdbehalten könne.
Sch bitte alle Hier benannten Freunde und Freundinnen, für
die Ruhe meiner Seele zu Gott zu beten, mich jtet3 einer gütigen
und freundfchaftlichen Erinnerung zu würdigen, und wünſche und hoffe,
fie alle einjt in reineren Elementen froh begrüßend wiederzujehen.
Charlotte Louiſe, verwittwete v. Schendendorff,
- geborne Karrius.
Gut Neu-Lenkoniſchken am 21. Dftober 1819.
Als die Freiheitstriege Dem Vaterlande der Frieden und eine geachtete
Stellung wiedergebracht Hatten, hoffte ein jeder, die blühende Zeit vor
1806 würde bald wiederfehren, da eine Kontinentalfperre die Ausfuhr
de3 Getreides nicht mehr verbot. Die erjten drei Sahre der TFriedens-
zeit waren auch einigermaßen erträglich, aber bald fanfen die Getreide-
preife infolge des Zolles, den England zum Schuge der heimiſchen
Landwirtſchaft einführte, außerordentlich. Um nämlich durch die Kon-
tinentalfperre nicht ausgehungert zu werben, . hatte England eine
1
— 0:
umfafjende Wirtfchaftsveränderung eingeichlagen. Die früher fat aus—
ichließlich zu BViehweiden und Maftungen benugten Aderflächen waren
zur Beichaffung des notwendigen Brotmaterial$ eingerichtet worden.
Hätte England nun wie früher das Getreide zollfrei aus den Oſtſee—
häfen einführen lafjen, fo wäre der Untergang der engliichen Land-
wirtjchaft unaugbleiblich gewejen. Es wurde daher vom Parlament ein
derartig hoher Zoll auf fremdes Getreide eingeführt, daß eine Einfuhr
aus den Dftjeehäfen entiveder gar nicht oder nur zu jehr niedrigen
Preiſen jtattfinden fonntee Die Folge davon war ein Sinken Der
Rornpreife, da der Abſatz fehlte Die Nahrungsmittel Eofteten nach den
Freiheitskriegen in Tilſit:
— eêâ—m
ihn u uni.
1821 1822
1817 | 1818 | 1819 | 1820
h A HP
Weizen (weiß.) Ä /-/— 1-/—--[ 1122] 4 [1 la8lı1Y,
Weizen (geib.) [2110| 7 Is! 4) 112 28 5 2 | ıl 6 Jı 1a 6118 2 Jı 18 —
Roggen 111] 3 1112511011 1231 2 J1| 7) 7 I— 1291 41-1271 711 1 11
Gerjte (große) I-129| 2 |1| 6 711 1111 [1 | 3 3 [—120| 2] -Iı6l 8 IJ—-121! 1
Gerſte (Heine) J—-I—|— I-!—! - 1-1 |— |-1—|— I-1—1—1-—-116|— [—|201| —
Hafer —I18| 3 |--127| 41 | 2— 1—-122| 7 I—-115| 21-118! 2 J—114 4
Erben (graue) [1 1831/21 2]111 1 268%} 1 111] 3 28 6-26 2 I1|8i 7
Erbfen (weiße) J1 1141 8 [2| 1lıılı 125) 2 [1 J11l9%/,| 1291101 — 25/91/11 Sl 7
Sartoffen I-817 I-.Iıel el--Iıs] 4 I-|1ıl— I-10l-1-| 9] 3 I-1-| —
1827 } 1828
*
—
Is 25
= a
Reizen (weiß.) 1! 3I-1—-129| 61—|29| 1] 1) 4) 1 I1 17) 712! 3—
Weizen (gelb.) 611 8I—1—-127| 61- 26111l 1! 2] 2 J1 117) 211128] 8
Roggen 11 8) 8I-|15| 8 I—|17/—1--|211 2[—-127| 7 25 7I—1|25|10
Gerfte (große) I-|25] 54—-11215 I— 12111] —116| 21-2111 16 6I— 18|—
Gerfte (Keine) |—|24| 8I-112] 4 |-|12) 61 —15l10|-la0 110 F-116—|—16| 5
Hafer —1171101—| 91 11—| 9 3[—!13!111]—|19/— |—)12110f—|11| 9
Erbſen (graue) [1 114 111J—117|3 |—117| 44—127| 5] 11151 2 | ı| 71 51 1 — 10
Erbjen (weiße) | 1115| 31 -[16] 1 J—\15| 3]—125| 3] 1] 15{11/J] 1] 5] 6-29 151,
Rartoffen 1-1 sl ıl--| als! al al-I 7) ıl-! sl 5 || sl ıl-| 8lı
— 81 —
Vergleicht man bie Preiſe, welche während der Friedensjahre
bis 1829 gezahlt wurden, fo ergiebt fich, daß die zwanziger Jahre ganz
beſonders troftlog für den Landmann waren, und daß unter dieſen twieder
1824 und 1825 die denkbar jchlechteften find. Kein Wunder, wenn
abermals eine große Zahl von Gutzbefigern bei aller Sparjamteit nicht
imftande war, die Zinſen ihrer eingetragenen Kapitalien zu erſchwingen,
und Daher zujehen mußte, wie ihr Hab und Gut öffentlich verjteigert
ward. Zu überaus geringen Preiſen konnten Güter erjtanden werden,
aber auch der neue Herr wußte frogdem nicht, wie er durchkommen
jollte. Um einige Echeffel Kartoffeln im Herbſte für 3—4 Silber⸗
grojchen zu verkaufen, mußte er häufig viele Meilen bis zu einer
größeren Stadt fahren, immer in Gefahr, in den grundlofen Wegen
jteden zu bleiben oder das Fuhrwerk zu zerbrechen. Um dag Getreide
103 zu werden, mußten die Befiter aus Mafuren und Litauen bisweilen
bis Königsberg fahren und danften Gott, wenn fie einen Käufer fanden,
der bar bezahlte. In diefem Falle jchien auch die längere Abweſenheit
von Haus und Hof noch immer ein Gewinn; der Unterhalt bon
Menschen und Pferden wurde für Die mehrwöchentliche Reife mitgenommen,
und man war zufrieden, wenn Hin und wieder ein Schnäpschen das
trodene Brot würzte. Auch auf den größten Gütern war Schmal-
hans Koch. Kaffee, Zuder und Thee famen nur bei Feittagen auf den
Tiſch. Wein war ein unbekannter Gegenstand, der nur auf Anordnung
des Arztes den Kranken verabreicht wurde. Dad Mobiliar bejtand
gewöhnlich aus unpolierten, von dem Dorftiſchler zujammengejchlagenen
Tiſchen, Bänfen und Stühlen. Aber auch bei diefer größten Einfachheit,
der möglichften Sparjamfeit und den denkbarſten Entbehrungen jahen
fi) die meilten Gutsbeſitzer zu neuen Kapitaldaufnahmen und jchlieglich
zur Subhajtation genötigt. Im Tilfiter Kreife blieben nur 3 Güter
in den Händen ihrer erften Befiger, im Pr. - Eylauer Kreife über-
‚ dauerten von den 84 Nittergütern die Drangjale der Jahre 1806—1830
je 6 Güter befeftigten Grundbeſitzes und 3 Allodial- Rittergüter.
7 Üpnlich ging es überall. Glücklich pries fich, wer im Beſitze mehrerer
Güter wenigfteng eins rettete.
6
— 82 —
Daß unter ſolchen Umſtänden eine verſchuldete Frau nicht zwei
16 Meilen von einander entfernte Güter erhalten konnte, leuchtet ein.
Daher verkaufte die Kriegzrätin v. Schenfendorf das Gut Neffelbed
bei drohender Subhaftation am 12. Mai 1822 an den Kaufmann
Salomon Leo in Königsberg für 26000 Thaler, jo daß noch 3000 Thaler
für fie ala Hypothek ſtehen blieben. Lenkoniſchken aber, wo ſie ihren
dauernden Wohnfig genommen Hatte, fuchte fie für fi) und ihren Erben,
den Kaufmann Tſchepius in Königsberg, zu erhalten. Die Mitte Der
zwanziger Jahre mit ihren niedrigen Korn- und Kartoffelpreiien bringt
jie jedoch an den Bettelftab. Die Einkünfte find jet jo gering, daß jie
nicht einmal die Abgaben und Unterhaltungskoften, geſchweige die Zinſen
bezahlen Tann, weshalb ihr die zweite Hypothek, 3000 Thaler (nad)
4000 zur 1. Stelle), gefündigt wird. Hierzu kam, daß die 64 jährige
Witwe fränflid und faft immer bettlägerig war, jo. daß auch dar—
aus viele Koſten entjtanden und „gewilfenlofe Wirtichafter Gelegenheit
fanden,. den geringen Nuten ihr zu entreiken.” In diefer Not wendet
fie fi) an das ebenjo edle als gerechte Herz des Landesvaterd mit Der
Bitte um eine Penſion, die aber abgelehnt werden muß, weil fie noch
ein Beſitztum hat. Deshalb ſchreibt fie abermals: *)
Allerdurchlauchtigſter Großmächtigſter König,
Allergnädigſter König und Herr!
Wenn von immer neuen, unaufhörlichen, harten Schlägen des
Schickſals gedrängten hülfloſen Witwen, verlaſſenen Müttern kein
anderer Ausweg übrig bleibt, als ſich um Gnade flehend zu den,
Füßen ihres Königs zu werfen, dann hoffen fie von der Vatermilde
des Allergnädigften Herrſchers wenigſtens Huldvolle Verzeihung bier
in ihrer großen Witwen-Not zu erhalten.
Die unglüdliche Lage des Landbeivohnerd hat in dieſen ZBeit-
räumen Die größte Höhe erreicht. Der geftörte Abſatz aller unjerer
*) Der gefamte folgende Bericht über die lebten Jahre der Frau v. Schentendo
iſt hauptſächlich geihöpft aus den „Acta des König. Oberpräfidii von Preußen
Unterſtützungs⸗Geſuche der Frau Kriegsrätin v. Schenkendorf auf Lenkoniſchken be
Tilſe. 5730. Lit. ©. (126 Fol.)“, welche mir Herr Oberpräſident Dr. v. Schliedman
auf meine Bitte bereitwilligſt zur Verfügung geſtellt hat.
Zur age
Erzeugnifje drüct die Preiſe von allen jo tief herunter, daß er wahrlic)
nicht mehr die Koften der ſchweren Wrbeit, viel weniger alle übrigen
unzähligen Laſten decken kann. Der Weizen gilt in Tiljit 24 Sgr.,
Roggen 10 bis 12 Sgr., Gerjte 10 Sgr. Hafer, der beite alte 8, der
friſche 6 Sgr., Kartoffeln im vorigen Winter und Frühjahr 2 bis
3 Sgr. Dieſe Situation mag für jeden Gutsbeſitzer jchredlich fein, aber
was fann ein ſchwaches hülfloſes Weib ihr länger noch entgegenstellen ?
Bon der Wohlthat des Königl. Geſchenkes der 3 Millionen zur
Aufhülfe der Gutsbefiter jchloß man mich einſt aus unter dem Vor—
wande, daß ich es nicht bedürfen folltee Ich fühlte tief dag Unrecht,
das mir geſchah, aber wo finden verlafjene Frauen Gehör! Ich hätte
mein Gut Nefjelbed durch die bezwedte Königliche Aushülfe erhalten
fönnen, indeß, von aller Unterjtügung verlaffen, ich e8 zur Subhaftation
fommen jehen mußte — wodurch denn wohl der Vorwand von meinem
Nichtbedürfniffe in die Augen fallend genug widerlegt ift.
In diefer meinen Wohlitand zerftörenden Subhaftationzfache,
die vor 6 Sahren gefchah, ſind die Gerichtd- und Stempelfoften und
andere daher rührende Prozefje mit den Gläubigen und Pächtern,
die feine Zahlung leijteten, fo viel mir bis jeßt befannt gemacht ift,
beim Suftizamt Neuhaufen bei Königsberg bis zu der Höhe von
204 Thalern aufgelaufen, 87 Thaler betrugen darunter allein
die Stempelfojten, wie beiliegende Rechnung zeigt.*) Demütigſt
wage ich die. Gnade des Königs anzuflehen, mir diefe zu erlafjen
und darüber an dag Juſtizamt Neuhaufen die gnädigen Königl. Ver-
fügungen zu erlaffen, weil dieje Kojten und der damit verbundene
*,Stempelgebübhren.
In Saden Doktor Jachmann wider Schentendorff . . . . 36 Thlr. 15 Ser.
An der Subhaftationd-Sade des Guts Neflelbed . . . . . 5 „ 20 „
An Sachen Schentendorff wider Kuott . . . 2 2 20. 2.4 WM;
s F — e ie a a ze ar 2.5: 185,5
zz > Ve 1,8.
Ser R „» Migeod......... 2 „BB,
ee ke ee 1, 20:5;
| An der Licitationsſache wegen des Neifelbedichen Sand Verlaufs 4
" 5 "
Summa 87 Thlr. 5 Ser.
—
Berluft meines Vermögens im hülflojen. Alter nur eine ganz natürliche
Folge davon find, daß ich alles, alles, was ein Leben, wie das in
den leßtverfloffenen 18 Jahren ung erträglich machen fonnte, in
meinem Gatten, meinen Söhnen und meinem Vermögen den Winfen
des Königs und den Bedürfnifien des PVaterlandes jo willig zum
Dpfer gebracht habe, alle Quellen des Wohlitandes bei mir nun
erichöpft find, ich unter Sorgen, Schulden und Laften ganz erliege.
Der erbarmenden Batermilde des gnädigften Beherrſchers gebe
ich zu erwägen, wie ein jo von allem Beiftande verlafjened Weib im
fiechen Alter wohl noch länger den Stürmen einer jo jchwer bewegten
Beit entgegenfämpfen fann, wenn nicht Allerhöchjt Derjelbe fich endlich
auch noch meiner Not erbarmen und mit rettendem Arme auch zu
mir einfehre, da mir Eeine jo gnädig beabjichtigte Unterjtügung auf
die gejchilderte Art jo graufam entzogen ift, mich wenigjtens für Die
gewiß nur noch kurze Zeit meineg jo unglüdlichen Lebens mit einer |
Benfion von einigen 100 Thalern der Verzweiflung zu ent
ziehen. Ew. Majeſtät hat mir zwar dieſe von der höchſten Not ab:
gedrungene Bitte aus dem Grunde abgefchlagen, daß es wider Die
Statuten fein fol, aber kann dag hohe menfchenliebende Herz unſres
Königs, das wir alle fennen, fie) von Statuten binden lafjen, wenn Ä
es darauf ankommt, Thränen verlafjener Witwen und Mütter der-
jenigen zu lindern, die ihr ganzes Leben Höchſt Ihm geweiht, GLüd,
Ruhe und Wohlitand der Zurücgebliebenen daheim ganz vergefjend,
Shm und dem Baterlande zum Opfer gebracht?
Erfreuen ſich nicht jo viele Witwen in Seinen Ländern der
anfehnlichiten Benfionen? Die Schweitern meines verſtorbenen Mannes,
verwitwete Hauptmännin dv. Burgsdorf und Hauptmännin v. Loſſow,
genießen durch die Gnade Sr. Majeftät noch bis auf diefen Tag an-
jehnliche Penfionen. Die Witwe des Prediger Wedele in Königsberg
genießt durch die Gnade Ew. Majeftät 400 Thaler jährlih. Wahrlich,
wahrlich bei feiner waltet auch nur ein einziger der Bewegungs—
gründe vor, al® ich
— 85 —
durch die 48 jährigen Militär- und Civildienſte meines verſtorbenen
Mannes, der von ihm in beſſeren Zeiten nicht angenommenen und
dem Staate alſo erſparten Penſion, |
die gewiß von Herzen gemeinten Dienfte meiner jo früh dahin-
gegangenen Söhne, deren Ausbildung und Equipierungen für den
Königlichen Dienft mir hohe Opfer in den Kriegszeiten abgefordert,
mei den Winfen Ew. Majeität und den Bedürfniffen des
Baterlandes zum Opfer gebrachtes Vermögen — und dennoch
dabei der fo gänzlichen Ausſchließung von der jo gnädig beabfich-
tigten Königl. Aushülfe, deren ſich fo viele erfreuten, die weniger
al3 ich verloren oder es bedurften,
demütigft vor Augen zu legen imftande bin, daher wohl um eine
gnädige Erhörung meiner nur von der gegenwärtigen Not abge-
drungenen fuhfälligen Bitte flehen darf.
Möchte es der Weisheit der hohen Vaterſorge des gnädigiten,
gerechteſten Königs doch bald gelingen, ein Mittel zu finden, die all-
gemeine Not des Landbervohnerd zu lindern und Seine treuejten
Dpfer zu retten, ehe es zu ſpät ift.
Sollte ein ſolches Mittel nicht in einem neuen Indult für
Kapitalzahlungen und Herunterfegung der Zinjen für Gutöbefiter zu
finden fein? Wenn ein Kapital nur nach dem Nuten, den es unter
obwaltenden Umftänden einbringen kann, gerecht verzinft werden darf
und hiernach fich der Zinsfuß regulieren jollte, wenn nicht das
Kapital jelbit durch zu hoch genommene Zinſen in Gefahr kommen
ſoll — fo. würde der jetzige Zuftand des Nutzens wohl bei ung dieſe
Herunterfegung noch notwendiger machen, als dies in andern Ländern
ſchon nötig befunden iſt. Gewiß ift der Nuten jet nicht mehr die
Hälfte von dem, als er war zu der Beit, da die Verpflichtung zu
höhern BZinjen eingegangen wurde.
Sollte nicht ein Verbot englifcher Fabrifate fie endlich als
Reprefjalie gegen ihre Getreide-Einfuhr-VBerbote zu deren Aufhebung
zwingen und uns jo die glücklichen Zeiten zurüdführen, deren wir
und bei ähnlichen. Verboten unter Sr. Majejtät Friedrich II. glor-
reichen Andenkens erfreut haben ?
= ;B6:
Da jebt Güter unter dem vierten Teil des Tarwerts bloß wegen
rücjtändiger Zinſen den unglüdlichen Eigentümern entriffen werden,
ſo habe ich aus Baterlandsliebe gewagt, Ew. Majeſtät diefen Zuftand
aufzudeden und für Höchft Ihre Getreueften um Gnade und Rettung
fußfälligft zu flehen, ehe e3 zu ſpät ift. — Schreiben Sie, Allergnä-
digſter Monarch, Huldreihe Verzeihung und Erhörung der unglüd-
lichſten Witwe, die in tiefjter Untermwürfigfeit erjtirbt
Em. Königl. Majeftät
allerunterthänigit gehorſamſte
v. Schenfendorff.
Lenkoniſchken, den 26. September 1825.
Der König erfucht nun zunächſt den Oberpräfidenten von Schön
um einen Bericht, ob der verwitweten Kriegsrätin von Schenfendorf,
als einer dem Anfcheine nach verarmten Gut3bejiterin, eine Penſion
aus den Zinſen des Retabliſſements-Fonds grundfäglich ausgejegt werben
fann. Schön beauftragt wieder den Landrat Dreßler von Schreitlaugfen,
die Bittjtellerin über ihre Vermögend- und Famtlien-Berhältniffe gerrau
zu vernehmen. Diefer meldet am 2. Dezember: „Es bleibt wohl richtig,
daß fie bei der Schufdenlaft, die auf ihrem Gute ruht, und bei den
jegigen jo jehr geringen Preijen aller Gut3-Erzeugniffe, welcher Umftand
den Landmann allgemein ſehr darniederbeugt, einer jehr traurigen Zu—
funft entgegenfieht; daher fie Hinfichtlich ihres Hohen Alter und Der
von ihrem Manne und ihren Söhnen geleifteten Dienfte einige Berück—
fihtigung verdient... . Das Gut Lenkoniſchken bewirtichaftet fie unter
eigener Zeitung, die aber höchſt mangelhaft zu fein feheint, weshalb auch
diefe Beſitzung fehr in Verfall geraten ift.“
Snzwilchen hat Frau von Schenfendorf den Oberpräfidenten am
28. Dftober gebeten, ihr aus dem Retabliſſements-Fonds zu mäßigen Be-
dingungen 7000 Thaler zu geben, damit fte die erite und zweite Hypothek
ihreg Gutes, die fie mit 6pCt. verzinfen müffe, an ihre Gläubiger
zurüdzahlen könne. Schon am 1. November erhält fie die Antwort,
die Unterftügung der Befiter ſei an folgende Bedingungen geknüpft:
— 87 —
1) Das Gut muß nach den jebt beitehenden Yandichaftlichen Tar-
grundjäten abgeſchätzt im und darf nicht über ®/a des Taxwertes ver-
ſchuldet jein.
2) Wenn der Beſitz durch Rapitalsfündigungen bedroht iſt, muß
zuerft der landichaftliche Kredit auf die Hälfte des Taxwertes benubt
werden. Der Unterftügungs-Fonds tritt in den Grenzen des dritten
Viertels des Taxwertes nur in joweit ein, als Diejes die Erhaltung im
Beſitz nötig mad.
3) Es ift eine genaue und zuverläffige Überficht des ganzen Ver—
mögensverhältnifjeg durch Angabe aller Zinſenreſte und perjönlichen
Schulden ſowie der dagegen ausſtehenden Forderungen vorzulegen.
Da nun auf Lenkoniſchken 17000 Thaler eingetragen waren, jo hätte
jein Tarwert mindeftens 21250 Thaler betragen müſſen, was damals nicht
der Fall war. Aus diefem Grunde erftattet nun Schön dem Könige dahin
Bericht, daß die Verſchuldung der Kriegsrätin weit über den Kaufpreis gehe
und aus dem Unterftügungs-Fonds Gelder auf Lenkoniſchken nicht her-
gegeben werden könnten. Da fie aber in Hinficht ihrer großen Verfchuldung
ihr Vermögen ihren Gläubigern werde abtreten müfjen, und da ihr Gatte
und ihre beiden Söhne, — von denen der ältefte Max („ale Dichter
befannt“) an den Folgen der Anjtrengungen im Freiheitsfriege, der
jüngere bei Bauten den ehrenvollen Tod im Dienfte ftarb, — um das
Vaterland ſich wohl verdient gemacht haben, jo jtelle er der Gnade des
Königs allerunterthänigjt anheim, der Frau don Schenfendorf aus den
Binfen des Nationalfonds eine jährliche Penfion von 200 Thalern auf
die Dauer ihres Lebens zu beiwilligen. Der König ermächtigt hierauf
unter dem 19. Januar 1826 Schön zu der Penſionszahlung, der ihr
‘hiervon am 26. Januar Mitteilung macht. Die Penfton foll fie aus den
von ben Wilfiehnfchen Gütern zu zahlenden Binjen in monatlichen Raten
“erhalten, jobald fie durch eine Bejcheinigung des Gericht? nachweiſen
farm, daß fie ihr Vermögen ihren: Gläubigern abgetreten und der Ber-
waltung des Gerichts überwieſen habe.
Wenn nämlich ein Schuldner ein zur Befriedigung feiner Gläubiger
hinreichende® Vermögen nicht nachweilen kann, jo ift er verbunden, ſein
ui 88
geſamtes Vermögen ſeinen Gläubigern zu überlaſſen, damit dieſelben
daraus ihre Befriedigung nehmen, jo weit es möglich iſt. Dieſe Rechts-
wohlthat jet voraus, 1) daB der auf eine cessio bonorum antragende
Gemeinſchuldner wirklich durch Unglüdzfälle in die gegenwärtige Abnahme
jeine® Vermögens geraten iſt, 2) daß er feinen Gläubigern fein ganzes
Vermögen getreulich anzeigt und überläßt, und 3) daß er fich durch fein
übriges Betragen des Schußes und der Wohlthaten des Staates ſowie
des Mitleides jeiner Gläubiger nicht unwürdig macht.*)
Da die Krieggrätin aber weiß, daB bei der Abtretung ihres Gutes
ihr Verwandter, der Kaufmann Tſchepius, alles was er ihr im Laufe
der Notjahre geliehen Hat, verlieren wird, jo jucht fie die läſtige Be—
dingung in einem Gnadengeſuch an den König rücdgängig zu machen.
Sn diefem Briefe vom 20. März 1826 jagt fie zunächit für die Be—
willigung der Penfion Dank und fährt dann fort: „Die Bedingung
des Wirkfichen Geheimen Rats und Oberpräfidenten v. Schön, das Gut
den eingetragenen Gläubigern abzutreten, kann ich nicht erfüllen: Es
iſt das Gut das einzige, was ich unter den drüdenditen Umftänden von
meinem ehemaligen Wohlitande bisher erhalten Habe. Es it das Land
meiner Jugend, wo ich Die froheiten Tage einjt im Kreife meiner liebenden
Familie durchlebt, wo mich einft muntere Knaben umhüpfeten, die früh
vollendet längjt unter Raſen jchlafen und, ich darf Hoffen, nicht ganz
zwecklos geopfert find. Es ift hier die einzige Stelle in der Welt, wo
die Erinnerung an die ſüße Vergangenheit die öde traurige Gegenwart
meiner düfteren Tage, wenn auch nur auf Augenblide manchmal ver-
jcheuchte. Doch alles diefes bei Seite, fo fürchte ich auch eine meinem
Herzen teure Pflicht zu verlegen, wenn ich jet, da die Güter allen
Wert verloren, zum hohen Nachteil des Tebteingetragenen Gläubigers
dieje Abtretung anbieten joll, die ihm durchaus nicht fonvenieren Tann.
Er müßte das Gut zur Subhaftation kommen laſſen und fo fein be:
deutendes Kapital von 10000 Thalern einbüßen. Er, der ung 20 Jahre
*) Allgemeine GerichtSordnung für die preußifchen Staaten. Erfter Teil:
Prozekordnung. (48. Titel: Vom Verfahren bei der cessio bonorum.) ©. 685
und 686. |
— 89 —
ſtets unterſtützt, handelt noch jetzt großmütig gegen mich, mir die Zinſen
bis zu meinem Tode friſten zu wollen.“ Sie bittet daher, ihr die ge-
fiindigten 3000 Thaler aus den Hülfsgeldern zufommen zu lafien, da
fie zu den Gutsbefigern gehöre, „die noch zu retten find.” Landichafts-
gelder fünne fie wegen des niedrigen Kurſes der PBfandbriefe nicht
aufnehmen, da ihre Gläubiger die Pfandbriefe nicht nach ihrem Nenn:
werte annehmen, jondern bare Zahlung fordern würden, fo daß ſie ftatt
7000 Xhaler mindejtend 8000 Thaler von der Landichaft aufnehmen
müſſe, um die eingetragenen eriten Hypotheken in Elingender Münze aus—
zahlen zu können. |
Da jedoch Schön nad) forgfältiger Prüfung der Anficht ift, daß
ſie in ihrem Beſitze nicht erhaltungsfähig ift, jo erhält fie einen ab⸗
ſchlägigen Beſcheid und wird nochmals aufgefordert, Lenkoniſchken ihren
Gläubigern abzutreten, damit ſie in ruhigen Beſitz der ihr zugedachten
Penſion von 200 Thalern treten könne. Obgleich ſie zur ſelben Zeit
(am 1. Dezember 1825) durch die Subhaſtation ihres Gutes Neſſelbeck,
welches für nur 17100 Thaler verſteigert iſt, auch der letzten Hülfsmittel,
der dort an vierter Stelle für fie eingetragenen 3000 Thaler, verluftig
gegangen ijt, treibt das Prlichtgefühl gegen ihren Better fie, Lieber zu
darben, zu hungern, um das Gut ihm zu erhalten, in der Hoffnung, daß
die troftlofe Lage der Landwirtichaft endlich fi) bejjern und mit dem
- fünftigen Steigen der Kornpreife auch der Wert der Güter in die Höhe
gehen werde. Es wirft diefe Entjagung ein helles Licht auf die religiöfe
Erziehung der Pfarrerstochter, die Lieber Not leiden als gegen ihren
- Helfer in der Not ein vermeintes Unrecht begehen will.
Noch einmal Fällt ein Hoffnungsſtrahl auf eine Befferung ihrer be-
drängten Lage in ihr Memmervolles Dafein, als fie vom Finanzminiſter
die Zuficherung erhält, daß einer Ausfpielung ihres Gutes Lenkoniſchken
durch eine Privatlotterie gejeglich nichts im Wege ftehe. Schon glaubt .
fie da8 Vermögen ihres Wohlthäterd dadurch retten zu können, daß fie
bei der Ausjpielung ihr Gut in Eleinere Teile zerlegt, wodurch auch der
Staat den Vorteil habe, daß viele Familien hier angefiedelt würden und
durch fie eine weite Strede Landes bei einiger Betriebfamfeit in gewiß
— 90
beſſere Kultur geſetzt werde, da erſcheint am 20. März 1827 eine
landesherrliche Verfügung, daß alle Ausſpielungen von Grundſtücken,
als in einem Privatzirkel unausführbar, unbedingt verboten ſind.
Faſt drei Jahre trägt ſie ihr trauriges Los und wendet ſich dann
wieder (am 29. Juli 1828) an die Gnade des Königs und bittet um
die ihr einſtmals zugeſicherte Penſion. Am 16. September fordert der
König einen gutachtlichen Bericht von Schön ein, der in der Erwiderung
die Befürchtung ausſpricht, daß Frau v. Schenkendorf, welche bisher die
geſtellte Bedingung nicht erfüllt habe, mit ihrem Antrage bei des Königs
Majeſtät nur eine Umgehung der geſtellten Bedingungen zu beabſichtigen
ſcheine, weshalb er allerunterthänigſt anheim ſtelle, den Antrag der Frau
v. Schenkendorf zurückweiſen zu laſſen.
Der König, der ſo gerne Milde und Erbarmen übte, erwiderte
jedoch Schön am 7. Dezember 1828:
„Aus Ihrem Berichte vom 23. September dieſes Jahres habe
ich erſehen, weshalb der verwitweten Kriegsrätin v. Schenkendorf die
ihr im Jahre 1826 bedingungsweiſe zugeſicherte jährliche Unterſtützung
von 200 Thalern nicht bezahlt worden iſt. Es ſcheint jedoch, als
habe ſie nur in der Hoffnung, durch das Ausſpielungsgeſchäft in eine
günſtigere Lage gegen ihre Gläubiger geſetzt zu werden, das ander-
weitige Arrangement mit denjelben unterlaffen, und als werde fie
nunmehr, nachdem fie die Ausfpielung aufzugeben genötigt it, um
jo mehr die Hand zu einer Abtretung ihres Vermögens bieten, als
fie ohnehin die Subhaftation des Gutes nicht länger wird verhindern
können. Jedenfalls autorifiere ich Sie, ihr die Unterftügung der
200 Thaler vom 1. Januar fünftigen Jahres an auf die Zinfen der
Unterjtügungs-Rapitalien anzuweiſen.“
Infolge Diefer Königlichen Enticheidung wird das Dominium
Lugowen angemwiefen, aus den Zinfen des Unterſtützungs-Fonds monatlich
16 Thaler 20 Sgr. gegen Quittung an die Kriegsrätin v. Schenkendorf
zu zahlen. |
Inzwiſchen waren teil3 durch böswilligen Vorſatz, teild durch Un-
vorfichtigfeit der Budeningichen Gärtnerfamilie nach viermaliger Feuer:
anlegung in Lenkoniſchken am 29. Auguſt drei Gebäude niedergebrannt,
wodurch ſechs Gärtnerfamilien mit 31 Seelen obdachlos geworden und
ihrer ganzen Habe beraubt waren. Leider hatte eine Gärtnerö-Frau bei
dem Nettungsverfuche jo erhebliche Brandwunden dabongetragen, daß
fte an denfelben im Sreislazarett zu Tilfit verſtarb. Alle diefe Armen,
die wenig mehr als das nadte Leben gerettet hatten, mußte die Kriegs⸗
rätin nun auf ihrem Hofe in unwohnbare Räume zujammenpreffen.
Ste erließ daher in dem Tilfiter gemeinnügigen Wochenblatte eine
- Aufforderung zur Mildthätigfeit.
Bei dem nach viermaliger Ferrer-Anlegung endlih ausgebro-
chenen Brande meiner Gärtnergebäude jind ſechs arme Familien, be-
ftehend in 31 Seelen, alles desjenigen beraubt, was fie ihr mühe-
volles Leben hindurch zu ihrer höchtten Notdurft und zu ihrer Nahrung
für den Winter eingefammelt hatten. Meine Hülfsquellen find durch
Das, was ich feit 22 Jahren in genug befannten Ereignifjen verloren
und erlitten, zu geringe geworden, als daß ich mir die Wonne ge-
währen fönnte, jo viel Not allein zu lindern. Ich muß daher edle
Menjchenfreunde nahe und ferne bitten, diefe Nackten nach echt hrift-
lichem Gebrauch Kleiden und nähren zu helfen. Nur das jedem Ent-
behrliche an Sachen, Geräte der fchlechtejten Art, wird hier — eine
Saat für den Himmel — großen Nuten tragen. Vorzüglich können
die Herren Holzhändler durch ihre wenig nützenden Schwarten viel
wirken, woraus dieje Leute fich ihre Gerätſchaften ſelbſt verfertigen
fönnen. Herr Superintendent Weber und Herr Diaconus Dreift haben
die ſchönſte Teilnahme jchon durch ihre Fürbitte und dadurch an den
Tag gelegt, daß fie fich zur Annahme der Gaben erboten. Gottes
Segen begleite fie und jeden edlen Wohlthäter.
Verw. dv. Schenfendorf auf Lenkonijchken.
Indem ihr die Penfion zugefichert wird, ſpricht Schön die Er—
wartung aus, daß ſie nun innerhalb dreier Monate ihr Gut ihren Gläubigern
abtrete, widrigens die Benfionzzahlung wieder aufhören werde. In einem
abermaligen Bitigefuche an den König, „den höchſten und einzigen Schuß
— 92 —
hier verlaſſener Witwen und Mütter“, weiß ſie es aber durchzuſetzen,
daß die Friſt ihr bis zum 1. Januar 1830 verlängert wird. „Aber
auch des Königs Majeſtät haben ausdrüdlich ausgeiprochen“, jchreibt
Schön am 28. April 1829, „daß diefelben als Bedingung der Fortdauer
der Penſion Ihr Vermögen überhaupt an Ihre Gläubiger abzutreten
hätten. Es fann auch nur durch eine folche gänzliche Vermögens-Ab—
tretung der Zwed, Ihnen den ungeftörten Selbftgenuß der Allerhöchiten
Königl. Unterftügung zu fichern, erreicht werden, denn bei einer bloßen
Beräußerung des Gutes Lenkoniſchken würden Sie den dabei mutmaßlich
zum Teil ausfallenden Realgläubigern perjönlich verhaftet bleiben, mit-
hin aus Ihrem verjchuldeten Zustande nicht herauskommen.“ Frau
von Schenfendorf bietet nun der Erbin des Ratsverwandten Herbog, die
ihr Kapital von 3000 Thalern gekündigt Hatte, das Gut jelbjt an. Der
Borihlag wird angenommen und da8 Gut im Wege der Sequeſtratior
jeit dem 11. Mai verpachtet. Damit iſt ihr jede Einnahme aus der
Befigung entzogen, „nicht einmal eine Weidefuh ihr gelaffen”. Der
Pächter, Major Wedelftädt auf Britannien, läßt ihr aber vor der Ham
ihre Wohnung, wofür fie ihm den Gebrauch ihrer Mobilien zur Er:
ſparung der Anschaffung neuer überlaffen muß.
Bor dem traurigsten Lofe, Lenkoniſchken verlaffen und die Penſion
auf den Fahrenheidichen Befigungen verzehren zu müfjen, bewahrte Die
franfe, hochbetagte Frau der Tod. Sie jtarb am 10. November 1830
arm und lebengmüde, nachdem fie des Lebens jchroffe Wechjelfälle wie
wenige erfahren Hatte Wegen ihrer vollitändigen Armut konnte ihr
heißer Wunjch, neben ihrem Gatten in Duednau beigejeht zu werden,
nicht in Erfüllung gehen, und fie wurde daher zu Lenkoniſchken begraben.
Bor dem unglüdlichen Kriege wohlhabend, glüdliche Gattin und Mutter,
jah fie fi) durch den Krieg 1806/7, die folgenden Notſtandsjahre vor
und nach den Freiheitfriegen nicht nur des Gatten, jondern auch beider
- blühenden Söhne im Kampfe für König und Vaterland und ihrer
gefamten Habe und Güter beraubt. Vergebens ringt die trauernde
Witwe gegen die eiferne Not der Zeit, biß fie Durch des gerechten Königs
Gnade vor dem Hungertode bewahrt wird. Kaum hat fie die müden
= — — — — — — — —— — — —
— — —
* —
— — —
Augen für immer gefchloffen, da folgt ihr nach ihr Wohlthäter, für den
fie die legten Sahre gedarbt hatte, um ihm jein ihr geliehenes Vermögen
zu erhalten, immer in der Hoffnung, e8 müßten bald beffere Tage
folgen. So litt jie ohne ihre Schuld durd) die Not der Zeit, wie
leider mit ihr jo viele Gutsbeſitzer unſeres Vaterlandes. Lenkonijchken
aber faufte im Jahre 1831 der Kaufmann Johann Wächter zu Tilfit
für 7051 Thaler, jo daß die Erben des Kaufmanns Tſchepius in
Köngsberg, die nächſten Verwandten der Frau von Schenkendorf, leer
ausgingen. Hätte letztere nur wenige Jahre länger gelebt, ſo hätte ſie
ihre Hoffnung auf eine Beſſerung der geſamten Verhältniſſe, die mit den
dreißiger Jahren eintrat, noch in Erfüllung gehen ſehen.
Ich kann meine Arbeit nicht ſchließen, ohne allen denjenigen
wärmſten Dank zu ſagen, welche mich durch Überfendung von bisher
ungedrudten Akten und Mitteilungen anderer Art wejentlich unterjtüßt
haben. Da es meine Abficht ist, auf diejem Gebiete weiter zu arbeiten,
jo erlaube ich mir zugleich an die Leſer der „Mitteilungen“ die ergebenjte
Bitte zu richten, mic) mit der Zujendung von ihnen zur Verfügung
ftehendem Material zu erfreuen. So mancher lebt noch, der die
zwanziger Jahre, die jchlimmer waren ala der Krieg, in ihrer ganzen
Furchtbarfeit Tennen gelernt hat, der über den Wert der Grunditüde in
jenen Tagen beredtes Zeugnis ablegen kann oder Aufzeichnungen feiner
Väter befit. Somit kann ein jeder helfen zu einer Gejchichte Djt-
preußens unter Friedrich Wilhelm IIL, unter dejjen Regierung die
Bewohner diejer Provinz Opfer für König und Vaterland gebracht Haben,
wie nie zuvor und wie feine andere Provinz. Emil Knaake.
Drudfehler- Berichtigung.
Seite 9, Zeile 5 und 6 von unten, lieg Nuten ſtatt Ruthen.
„ 12, „ 7 von oben, lied echte ftatt ächte.
„ 3, Note **), ſetz' hinzu „betreffend die ftädtiichen Kriegsſchulden aus den
Jahren 1806 bi3 1813.“
„ 3%, Note, Zeile 2 von unten, lieg 9. Band ftatt 2. Band.
ei GE
Sahresheriht des Borfißenden |
überdas Geſellſchaftsjahr 1886/87, erjtattet in der General:
Berfammlung vom 13. Dftober 1887.
Mit der heutigen General-Berjammlung treten wir, meine Herren,
in das 9. Sahr des Beſtehens unjerer Gefellichaft ein, und zum achten
Male fünnen wir mit Freude und Dank es ausjprechen, daß die Be-
mühungen derjelben, die alten geiftigen und litterariichen Schäße des
Ritauervolfes zu heben und der Mit- und Nachwelt befannt zu machen,
nicht ohne Erfolg geblieben find. — Wenn wir im vorigen Sahre Die
Veröffentlichung des erſten Bandes der Dainu balsai von Bartſch
mit Genugthuung hervorgehoben haben, jo fünnen wir heute mit Freude
ausſprechen, daß jenes Werk überall eine anerfennende Aufnahme gefunden
bat. Nicht nur die Kritif hat das Werk durchgängig freudig begrüßt
und fieht feiner Fortſetzung mit Spannung entgegen, auch der Berfauf
nicht weniger Exemplare hat uns einigen pefuniären Vorteil gebradit.
Dieſes Intereffe läßt ung hoffen, daß auch ferner alle auf Hebung der
Schätze litauifcher Volkskunde gerichteten Bemühungen unſerer geehrten
Mitarbeiter Beachtung, Unterftügung und Förderung finden werden.
Zunächſt gilt diejes für den zweiten Band jener Dainu balsai, deſſen
Veröffentlichung, jo Gott will, in diefem folgenden Gejchäftsjahre ftatt-
finden wird. Es wird dieſer zweite Band, Der bereits abgejchlojfen vor:
liegt, alles zujammentragen, was von litauiſchen Volksmelodieen zwar
jchon veröffentlicht ift, aber zerftreut in verfchtedenen Werfen jteht und
darum größteniteild unbefannt geblieben ift. Außerdem wird er die der
Geſellſchaft gütigft zur Verfügung gejtellte Handjchriftliche Sammlung |
des im Jahre 1840 zu Halle verstorbenen, früher in Königsberg wirkenden
Profefjord Peter v. Bolen zur Veröffentlichung bringen, welche mehr
als 70 bisher noch nirgend befannt gemachte litauiſche National-Melodieen
enthält. Wir glauben gewiß, daß dieje Veröffentlichung jedem Freunde
fitanifcher Studien und der engeren Provinzialgeſchichte, ſowol um des
reichen Stoffes willen als auch aus Pietät gegen den Hochgeehrten und |
weitberühmten Forſcher und Sammler, große Freude bereiten wird.
ne On
Sodann können wir fonftatieren, daß Die im vorigen Sahre an-
gefündigte Sammlung der originalen litauiſchen Choralmelodieen Naujieji
giesmju balsai, von denen eine Probe in dem lebten zwölften Hefte
vorliegt, nunmehr fertig abgefchloffen und drudreif if. Die Melodieen
find von bewährten Heimijchen Komponiften vierftimmig zum Kirchen-
gebrauch gejeßt und werden den litauifchen SKantoren und Organiften
jowie allen Freunden des Titauischen Kirchengejanges von bedeutendem
Nutzen und hohem Intereſſe fein. |
Bei den verhältnigmäßig beichränften Geldmitteln, über welche die
Geſellſchaft verfügt, würde neben dem Drude der „Mitteilungen“ die Aus-
führung der angedeuteten Arbeiten die pefuniären Kräfte derjelben fast
überjteigen; doch haben wir die Freude mitteilen zu können, Daß Der
Landtag der Provinz Oſtpreußen unjerer Gefellichaft in Anerkennung
ihrer der Wiſſenſchaft geleiteten Dienfte und als Aufmunterung im
treuen Ausharren in dieſem Dienſte auf 5 Jahre eine jährliche Sub—
vention von 300 Mk. hochgeneigteſt bewilligt hat. Wir können es nicht
unterlaſſen, auch an dieſer Stelle den hochverehrten Gebern unſeren
wärmſten Dank auszuſprechen. Dieſe Hilfe wird es uns ermöglichen,
unſern Plänen betreffs Förderung der hiſtoriſchen Kenntniſſe der Provinz
und vorzugsweiſe Litauens näher zu treten.
Wir haben in dem gegenwärtig vorliegenden Hefte eine Urkunde
vom Sahre 1613 zum Abdruck gebracht. Es find uns inzwiſchen ähn-
liche Urkunden älteren und jüngeren Datums zugegangen, die wir, ſoweit
fie unjere Intereſſen berühren, ebenfall3 zur Kenntnis bringen wollen.
Leider ift es uns nicht vergönnt geweſen, unfere Abjicht, das Königs—
berger Archiv in betreff der darin enthaltenen Urkunden zur älteften
Koloniſation Litauen? unter dem Drden augzubeuten, jchon in dieſem
Sahre durchzuführen. Der junge Hiftorifer, der ung verjprochen Hatte, in
der angegebenen Richtung thätig zu fein, hat jeine Arbeit einem andern
Gebiete zugewendet. Wir hoffen aber wohl nicht ohne Grund, in dieſer
Beziehung Erſatz zu finden. Bon einer Verdeutſchung ruſſiſcher Chro-
niken, fofern fie litauiſche Gefchichte enthalten, ift im vergangenen Jahre
aus zwingenden Gründen Abitand genommen worden. Doch machen
— 96 —
wir auf Die Seite 446 des joeben erjchienenen Heftes von Johannes
Koncewicz gemachte Mitteilung aufmerkſam, wonach in leßterer Zeit
eine Beichreibung der Bücher und Aften des alten litauiſchen Stop
fürftentums3 in ruſſiſcher Spradde von Ptaßycki in Petersburg gegeben
it, Daß eine Mitteilung des wejentlichen Inhalts dieſer Publikation
in. deutſcher Sprache allen Hiftorifern in Deutjchland erwünjcht fein
würde, dürfte wohl feinem Zweifel unterliegen. Hoffen wir, daß es |
unferer Gejellfchaft möglich jein wird, auch in diefem Punkte ihre. guten
Dienste zu leiften.
Die Kit. litt. Geſellſchaft Hat im verfloffenen Geihäftsjahre ſechs
Öffentliche Sigungen gehalten, auf denen meiſtens zwei bis drei das
Intereſſe der Gejellichaft berührende Gegenftände zum Bortrage und zur
Beiprechung gelangten; die innere Verwaltung wurde in acht VBorftands-
figungen erledigt. 1
Der Tod hat auch im letzten Jahre una jchwere Lücken geichlagen.
Verloren haben wir die Mitglieder Landichaftsrat Born-Neuhof:
Kaufehmen, Gutzbefiger Bender-Neu-Lenkonifchken, Superintenden:
Schrader-Ragnit, Pfarrer Strelies-Loadjuten, Pfarrer Sofepeit-
Dawillen und unfer Ehrenmitglied Geheimrat Brofeffor Dr. Bott in Halle _
——
Bezeugen wir unſer ehrendes Andenken dadurch, daß wir uns von
unſern Sitzen erheben. (Es geſchieht).
Freiwillig ausgeſchieden oder aus beſonderen Gründen geſtrichen
ſind im ganzen 9 Mitglieder, unſer Geſamtverluſt von 15 Mitgliedern
iſt durch den Zutritt von 15 neuen gedeckt worden, ſodaß unſere Ge—
ſamt-Mitgliederzahl 210 beträgt, darunter 7 Ehren-, 6 korreſpondierende
und 197 ordentliche, d. h. Beitrag zahlende Mitglieder.
Die Sammlung von Altertümern jit durch Zugang von Bronze:
tingen aus dem Memelgebiet, Pfeiljpigen aus Stein vom Diünenfelde
an der Smaluppe, verfchiedenen kleineren Gegenjtänden aus neuerer
Beit und diverfen Münzen vermehrt worden. Der neuejte Minifterial-
erlaß betreffend die Anzeigepflicht von Fundſachen und Einholung zur
Erlaubnis von Ausgrabungen ift auch uns zugeitellt worden.
2.0
Ein Bericht über unfere Sammlung ift durch Wermittelung des
bHiefigen Magiftrat3 der Königl. Regierung eingereicht, ebenjo ein Er—
ſuchen des Herrn Landrat? des Ragniter Kreiſes bezüglich unſerer
Kenntnis von dem in jenem Kreiſe gelegenen Schloßberge oder ſonſtigen
Altertümern entſprechend beantwortet worden. Direkte Ausgrabungen
haben in dieſem Jahre nicht ſtattgefunden. —
Die Bibliothek der Geſellſchaft enthält zur Zeit (Oltober 1887) in
463 eingetragenen Journal-Nummern ungefähr 550 Bände Im Laufe
des letzten Sahres find
I. aus Mitteln der Gejellichaft angeichafft:
1) der laufende Sahrgang folgender Litauijcher Zeitſchriften: Lie-
tuwiszka Ceitunga; Tilzes Keleiwis; Conzerwatywu
Draugystös Laiszkas nebft dem Beiblatt Keleiwis; Paka-
‚jaus Paslas; Niamuno Sargas. |
2) Zelewel, Histoire de la Lithuanie; M. Br....i, Piesni
ludu nadniemehskiego (Pofen 1844); Rambaud, Gefchichte
Rußlands, 1886; Reinhold, Gejchichte der ruſſiſchen Litteratur,
1886/87; Bender, Beiträge zur Geſchichte des preußiſchen
Geld- und Münzweſens 1878.
ID. find der Bibliothek unentgeltlich, rejp. auf dem Wege Des
Schriftenaustaufches, zugegangen:
A. aus der Druderei von Weyer & Arnoldt eine Anzahl Litauijcher
Broſchüren.
B. Fortſetzungen der Publikationen ſämtlicher Geſellſchaften und
Vereine, mit denen die Geſellſchaft in Schriftenaustauſch ſteht.
III. Geſchenke:
A. Bon Herrn Apotheker Sembrzycki: 1) Bandymus rankiaus
lietuwoje zmoniu wartojimu Zoliu vardu; 2) über majurijche
Sagen.
B. Bon Fräulein E. Lemke: 1) zweiter Teil von: Volfstümliches
in Dftpreußen, ebenſo erjter und zweiter Teil desſelben Werkes;
2) Tageblatt der 59. Berfammlung deutſcher Naturforicher
7
98 —
und Ärzte zu Berlin; 3) dritter Jahrgang, Heft 19 der
deutſchen Kolonialzeitung; 4) Bericht über die 42. Haupt-
verfammlung des botanischen Vereins der Provinz Branden-
burg; 5) zur Kenntnis der pelagiichen und littoralen Fauna
norddeuticher Seen, von Dr. Zacharias; 6) Edmond Boiffier, '
von P. Aſcherſon; 7).Der Waldjtein im Fichtelgebirge,
von €. Lemke.
©. Bon Herm Profeſſor Baudouin de Courtenay: Ian
Juszkiewicz, dom Herrn Berfaffer.
D. Bon Herrn Docenten Dr. &. Wolter in Betersburg: 1. Ausgabe
des litauifchen Wilnaer Katechismus vom Jahre 1595,.
Petersburg 1886 ; verjchiedene ruſſiſche Broſchüren.
E. Bon Heren Gymnafiallehrer Dr. Broſow in Königsberg: 1) Über
den ſog. Dorfhund ꝛc.; 2) Über Baumverehrung, Wald- um
Feldkulte ꝛc. der litauiſchen Wölfergruppe, Königsberg 188°
F. Von Herrn Gymnaſiallehrer Frölich: P. Rofenwall, Bi
merfungen eines Ruſſen über Preußen und deſſen Bervohner.
G. Bon Fräulein dv. Ellern: F. Zichode, Bruteno und Waidermu.
H. Bon Herrn Gymnafiallehrer Kurſchat: 1) Litauifche Agenda te:
esti Knygos Pagraudinimü ir Maldü etc., 1830; 2) Daniel
Kurſchat, die Stadt Schirwindt (Chronik) 1857 ;3)Dr. 2. Geitler,
Starobulharska Fonologie se stalym zretelem k. jazyku
liteoskemu: 4) %. v. Klingſporn, Geichichte Preußens, 1798.
Über den Stand unjerer Kaffe wird Ihnen unſer Schaßmeifter
demnächſt fpezielle Mitteilungen machen.
Und jo treten wir mit feiter Hoffnung und gutem Vertrauen in
das neue Geſchäftsjahr. Wir wiſſen, daß deutjcher Fleiß und deutſche
Ausdauer alle Hindernijje und Schwierigkeiten überwinden.
Hoffheinz- Tilfit.
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:
— — — — — — — — — —— ——— — — —
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[1 Bu
— 06,
Kaſſenbericht für das achte Geſellſchaſtsjahr.
Oktober 1886/87).
A. Einnahmen:
a) Beihülfe des oſtpr. Provinzial-Landtages. . . 300,00
b) Verkauf von Gefellihaftsichriften . . . . . 192,40
c) Infolge Eingehens einer litauifchen Zeitung zurüd 0,15
. Beiträge, Nachzahlungen, Vorauszahlungen .:. . . 484,37
. Übernahme vom Vorjahr in Papieren und bar: . . 784,56 ME.
. Durch Zinſen. nn 23,02
. Ertra-Einnahmen :
z
u a
“u N
Summa 1785,00
B. Ausgaben:
. Bermwaltung:
a) Porto, Botenlöhne, Utenſilien. 2... ..85,70
b) Annoncen . . 6
c) Sefretariatäunfoften rn een. 124,00
. Bihlitbet 5.2 2 een. 45,94
. Buchbinderarbeiten . . . be et an en ar ee 120,92
. Honorar für wiſſenſchaftliche Arbeiten 2202020. 100,00
. Sefellihaftsihrifen - » 2 2 2 nenne. 585,15
S
5
“ R a R X R
Summa 990,76 |
Bilanz: Einnahmen: 1785,00 ME.
Ausgaben: 990,76 =
Beitand: 794,24 ME.
Hiervon verblieben:
ME.
1) ala Beiträge auf Lebenszeit eijern ——— 500,00 Mk.
2) als verfügbares Kaſſengeld. . . 294,24
Summa wie — 794,24 =
Zilfit, den 13. Oftober 1887.
Der Schatmeilter Dr. %. Siemering.
-
*
—
Die von der General⸗Verſammlung vorgenommene Vorſtandswahl
ergab die Wiederwahl des bisherigen Vorſtandes, der Herren Profejjor
Dr. Bezzenberger und Profeſſor Dr. Lohmeyer in Königsberg,
Superintendent Hoffheinz, Retor Bartſch, Realgymnafiallehrer
Dr. Siemering und Kantel, Gymnafiallehrer Kurſchat in Tilfit.
nun
en ©
— 10 —
2.
Berihtigungen. |
1) Band 1, Seite 416, Zeile 18, lieg 1855 r. Das r ift Abkürzung für
rok, polniſch = Jahr.
2) In der Nr. 5 des bis vor furzem von Martin Jankus herausgegebenen,
bei Wehmeyers Nachfolger in Tilfit gedrudten „Garsas“, Jahrgang 1887 berichtigt
Herr Dr. Baſſanowicz einige Unrichtigfeiten in meiner Überjegung (Bd. 1,
©. 340 ff. der Mitteilungen) feiner (ebenda ©. 178 ff. abgedrudten) Fraimenta
mythologiae.*) Ich gebe jeine Berichtigungen bier wieder. Danach heißt: a. veszas
alt. 8. führt an: vergl. lat. vetus, lett. wezs. Das Wort ift im biefigen Litauifd
aber, joviel ich weiß, völlig unbekannt, in einem litauiſchen Wörterbuche iſt es nicht
zu finden. Danach bitte ich Seite 349, Zeile 9 und 10 fo zu berichtigen: Perfunas,
jo jagen die Leute, ift ein mürrijcher Alter mit einem Hammer; er fährt am Himmel
u. ſ. w. — Ich hatte die Stelle mißverftanden, weil ich sunükas für Deminutiv
bon sunus, aljo = junger Sohn, auffaßte und annahm, das Wort folle hier auf ein
jugendliche Alter gehen, während suniükes böſe, mürriſch, nickiſch gemeint: ift.
b) dalenka fommentiert Herr Dr. B. — dalis mesos, laisziniun alio: Fleifchteil,
Sped. Auch dieſes Wort ift bei uns unbefannt und in einem Lerifon nicht zu
finden. An der betreffenden Stelle hatte ich (mie dort ausdrüdlich bemerkt) nur eine
bermutungämeife Überjeßung gegeben. c) lauzas bedeutet bei B. daffelbe, was
in Fr. Kurſchat's Lerilon dafür angegeben iſt, „einen Haufen abgebrochener Zweige,
Heiner Baumftämme.“ Wenn id da3 Wort mit „Steinbruch“ überfebt Habe, ſo
war das alſo falih; hieſigen Litauern ift aber das Wort nur in allgemeiner Be
deutung als ein zu lauziu, ich breche, gehöriges Subftantiv befapnt- und ſo heißt
es auch im Wörterbuche: ein Bruch, gewöhnlich ein Haufen abgebrochener u. 5. w.
und Ahnliches. Ich hielt es demnady für zweifelhaft, was für ein Bruch gemeint
fei und Schloß nach dem Zuſammenhang der Stelle fälſchlich auf einen Steinbruch.
d) Kartis heißt Kornmaß; ih habe es eine Tracht überjebt, natürlih in dem
Sinne, wie dies Wort im Oſtpreußiſchen gebraudyt wird — was man mit einem
Male forttragen Tann, 3. 3. in der Verbindung: eine Tracht, Waller. Wenn
Herr Dr. B. mir bier die falſche Weberjegung Tracht — Kleidung octroyiert,
jo thut er mir Unreht. Dafjelbe ift der Fall bei e) dvikarte. Herr 3. erflärt
es — eine Art Bettdede und hält meine Überjekung boppelbreitiger Sad für _
falſch. Nach Verſicherung einer hiefigen Litauerin, die ich beim Üüberſetzen nach der
Bedeutung diejes mir damals unbefannten Wortes fragte, erhielt ich die Erklärung,
dvikarte ſei ein jegt außer Gebrauch gelommener, früher zu jeder bäuerlichen Aus—
jtattung gehöriger, aus 4 Breiten groben, gebleichten Drillichs zuſammengenähter
Sad, den mandje Leute auch beim Schlafen al8 Dede, über welche fie noch das
Dedbett Iegten, benubten. Nach dieſer Erklärung habe ich „Doppelbreitiger Sad“
gejchrieben.
Tilfit, im Januar 1888. Alerander Kurſchat.
#) Auf die übrigen an jener Stelle gemachten Bemerkungen bes genannten Herren einzugeben,
verjage ih mir.
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- Aus dem Statut
der Litauischen litterarischen Gesellschaft.
(Tilsit, den 27. Oktober 1880.)
ww
S IL. Die „Litauische litterarische Gesellschaft‘ bildet den
Mittelpunkt für die Bestrebungen, alles auf Litauen und die
Litauer Bezügliche, sei es sprachlicher, historischer, ethno-
graphischer u. dergl. Art, durch Sammlung und Aufzeichnung
für die Wissenschaft zu erhalten.
8 5. Der Jahresbeitrag jedes ordentlichen Mitgliedes
beträgt 3 Mark praenum., welche bis zum 1. April an den
Schatzmeister eingezahlt sein müssen, wenn nicht die Einziehung
durch Postvorschuss gewünscht wird. — Einmalige Zahlung
von 50 Mark gilt als Beitrag für Lebenszeit.
Dainu Balsaı.
Melodieen litauiseher Volkslieder
gesammelt
und
mit Textübersetzung, Anmerkungen und Einleitung
im Auftrage der Litauischen litterarischen Gesellschaft
herausgegeben
von
Christian Bartsch.
XXXI u. 248 S. gr. 8°. Preis: 5 Mark.
TE —
Prof. Dr. A. Bezzenberger in der „Deutschen Litteratur-
Zeitung“, VIII. Jahrgang, Nr. 19:
Während litauische Volkslied- oder Daina-Texte bereits zu Tausenden
gesammelt und veröffentlicht sind, sind Daina-Melodieen bisher nur in
recht beschränkter Zahl und an zerstreuten Stellen durch den Druck
bekannt geworden ..... Die Sammlung litauischer Volksmelodieen,
welche Herr Bartsch zu veröffentlichen begonnen hat, tritt sonach in
eine empfindliche Lücke ein; sie wird dieselbe freilich bei weitem nicht aus-
füllen — hierzu ist die Zahl der litauischen Volkslieder zu gross —,
aber schon ihr vorliegender erster Teil macht dieselbe doch etwas we-
niger empfindlich, und zwar thut er dies mehr, als es beim ersten Blick
scheint ..... Er enthält 164 Melodieen, von welchen viele bisher noch
nicht veröffentlicht und 102, zum Teil sehr ansprechende, von Herrn B.
selbst aufgezeichnet sind. Die letzteren machen durchweg den Eindruck
grosser Zuverlässigkeit. ...... Je die erste Strophe der einzelnen
Lieder ist litauisch und deutsch, der Rest je nur in deutscher Über-
setzung gegeben, bei welcher ältere Übersetzungen frei benutzt sind.
Die Einleitung orientiert in gefälliger Form über den litauischen Volks-
BOSang . 2...“ — Der zweite Band soll „in übersichtlicher Weise zu-
sammenbringen, was sich sonst noch, zwar schon veröffentlicht, aber
zerstreut, an litauischen Nationalmelodieen vorfindet“, wird aber sicher-
lich auch Neues enthalten.
O:to v, Mauderode, Tilsit.
|
Mitteilungen
der
Litaischen litterarischen Gesellschaft.
Inhalt:
Nr. 3. Litauische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts (Woloncezewski) von ||
E. Wolter. — Nr. 4. Der Tod und die Schafschere von J. Konrewiez. —
Nr. 5. Ködel dri4b apusös läps ir be véja? (nebst deutscher Übersetzung)
von J. Koncewiez. — Nr. 6. Wie die Menschen anfingen Branntwein zu trinken
| (Übersetzung aus Heft 12) von J. Koncewie.. — Nr. 7. Zur litauischen
| Litteraturgeschichte von A. Berzenberger. — Nr. 8. Rambaud, Gesch. Russ-
lands. Bespr. von X. Lohmeyer. — Nr. 9. Hochzeitsbräuche der Wielonischen
! Litauer von A. Juszkiewiez. Übersetzt von A. Petry unter der Redaktion
von J. Baudouin de Courtenay. — Nr. 10. Sitzungsberichte. — Nr. 11. Jahres- |
bericht. — Nr. 12. Kassenbericht. — Nr. 13. Litteraturbericht. |
Heidelberg.
Carl Winters Universitätsbuchhandlung.
(In Commission.)
ie „Mitteilungen“ der Litauischen litterarischen Gesell-
) schaft erscheinen in zwanglosen Heften und gehen den
Mitgliedern kostenfrei zu, im Buchhandel sind sie von Carl
Winters Universitätsbuchhandlung in Heidelberg zu
beziehen.
3
Sitanifhe Scriftfteller des 19. Jahrhunderts.
Die offiziöje Preſſe Rußlands bejchäftigt fich zur Zeit in bejonderem
Intereſſe mit den Bewohnern Zemaitiens und Litauens. Das Warfchauer
Tageblatt (Warschawski Dnewnik) fonftatiert in einem Leitartikel
pom 30. Sanuar 1888, daß Bemaitien politiich-[octal dem Reich treu
ergeben iſt und ſich geijtig von der polnijchen Oberherrjchaft in kirchlicher
und fultureller Hinficht zu emancipieren beginnt. Seht giebt es, fährt
diejes Blatt fort, bei uns bereit3 eine litauiſche Intelligenz, — eine
früher nicht denkbare Erſcheinung, weil damals jeder Litauer, welcher
ſich aus der Volksmaſſe loslöſte und ſich einigermaßen über das all-
gemeine Niveau erhob, eo ipso zu einem Polen wurde feiner Ge—
finnung, feinen Rulturidealen, jowie feinen politiichen Anjchauungen und
Tendenzen gemäß. Ueberhaupt jei die Lage der Dinge, ſowohl was
den geijtigen Wuchs der Stammbevölferung anbelange, als auch die Zu—
nahme der Sympathie für ruſſiſche Staatzinterefjen betreffe, eine zufrieden-
ftellende zu nennen. Sn den 70er Jahren trat leider eine lange an-
dauernde Verzögerung des Unternehmens einer Verſorgung des Volkes
mit Büchern firchlichen, wie überhaupt allgemein nüglichen Inhaltes ein.
Aber bereit? 3 bi 4 Jahre fucht man dies Verfehen gut zu machen, und
das Berfäumte wird von der örtlichen Obrigfeit nachgeholt vermittelft
einer verdoppelten Sorgfalt, mit der man den geijtigen Bedürfniffer der
Litauer in diefer Hinficht nachzukommen fucht. — Diejer erfreuliche Um-
ſchwung in den Bildungsverhältniffen Litauens ift zu nicht geringem
Teil dag Reſultat derjenigen Titauischen Literaten und ———
— 102 —
welchen die folgenden Skizzen gewidmet find. Näher auf die berührten
Verhältniſſe einzugehen ift hier nicht der Ort, einige „Inedita“ beider
Schriftjteller aber ſeien als Proben zemaitiſchen Schrifttums und.
Dialefteg mitgeteilt. Ed. Wolter.
I.
Matäus Kazimir Wolonezewski.
M.K. Wolonczewski geboren im Jahre 1801, im Dorfe Naftrani,
im Salanten'ſchen Kirchipiel, im Telſcher Kreife, erhielt feine Bildung
in Kalvarien, Worni und Wilna. Bom Jahre 1829 ab bis zum Jahre 1834
war er Religionslehrer in Mozyrj, im Minski'ſchen Gouvernement,
in demjelben Amte fungirte er in Krozi von 1834—1840. Alsdann
wurde er Profeſſor an der geiftlichen Afadeinie in Wilna, mit der er zu:
jammen 1841 nad) Petersburg überjiedeltee Im Jahre 1845 fehrte er
in feine Heimath zurüd, um bis Ende 1849 den Poſten eines Rektors
des geiftlihen Seminar? zu Worny zu befleiden. Im Sahre 1850
wurde er zum Biſchof geweiht und verblieb als folcher bis zu feinem Tode
im Sahre 1875. Seine Verdienfte um die Bolfsbildung find durch—
aus nicht geringe. Als geiftlicher Oberhirte war er ein jtrenger Vor—
gejegter und an unbedingten Gehorſam gewöhnt. Im feiner Kirchen—
politif und feinen Volksbildungsbeſtrebungen war er durchaus Lituomane.
Seiner Bildung nach war er Herifal-polniih. In polniſcher Sprache
ward zuerjt auc fein Hauptwerf, die „Zemaitiu Wiskupiste“ abgefaßt,
alſo auch polnisch concipirt, um endlich in litauifcher Sprache in Wilna
im Sahre 1848 zu erjcheinen.“) Ohne mich hier in eine nähere Aus-
einanderjegung über jein Verhältniß zu zeitgenöſſiſchen litauiſchen Schrift-
jtellern und befonders zu ©. Dowkont, von welchem in der Auszra, Sahr-
gang 1883, ©. 13, 41 und 279 ff. die Rede iſt, einzulaffen genügt hier vor
allem das PVerzeichniß feiner Schriften zu veröffentlichen, fowie einiger
Inedita, welche in Pokrozenty im Roſſeiniſchen beim Herrn Gutsbeſitzer
*) An feiner Geihichte des Telicher Episcopats begann Wolonczewski bereits
als Zögling des MWornyfchen Seminars zu arbeiten.
— 103 —
Berejnevicz aufbewahrt werden, zu gedenken. In meiner Dauksza-Nus-
gabe vom Jahre 1886, auf ©. XXXII--XXXVLI, jowie in dem
Reiſebericht vom Jahre 1887, ©. 106 uff. habe ich bereit3 ausführlicher
über jeine Werke und ihre Tendenz mich ausgeſprochen.
1. Zemaitiu Wiskupiste. Wilna 1848. 2 Theile.
2. Pamokıms ape Sakramenta Dirmawones. Wilna 1850.
3. Zine kajp reik atlikti spawliedny isz wisa amziaus. 1852,
4. Tamoszius isz Kempis, gedrudt von Moncewicz im Jahre
1852, ebenfalla in Wilna.
5. Katekizmas Kuniga Zelwowicza, aus dem Polniſchen ins
Litauiſche überjegt von Hieniewicz, herausgegeben von M. Wolonczewski.
.6. Istorije Szweta, Senoje Istatima 1852, 1855 und 1860
und fpäter mehrfach herausgegeben. |
7. Ziwatas Jezaus Kristaus, Wieszpaties musu arba Istorije
Naujoje Istatima. 1853.
8. Ziwataj Szwetuju, tu kuriu wisadajs Zemajczej uz wisgieb
wadinties. Eylu abecielas surasziti. Wilniuj, 1858 und 1861.
Sowie neuerdings mehrfach.
9. Giwenimaj Szwentuju, Theil 2, verfaßt im Jahre 1866,
herausgegeben 1868.
10. Kantyczkas arba Kninga Giesmiu, parwejzieta ir isz
nauja iszpausta. Wilniuje 1860. |
11. Prade ir iszsipletimas Kataliku tikeima. Wilniuje,
1862, 1864. Ä
' 12. Dawatku kninga. PBreviarium für Tertiarier. 1863
zweimal edirt.
13.: Wajku knigiele. 1864. Litauiſcher Kinderfreund mit
Bildern, welcher den litauiſchen Kindern ſehr gefiel, wie Wolonczewski
in einem felbitverfaßten Verzeichnis feiner Schriften fchreibt.
14. Paugusiu zmoniu knigiete. Im Jahre 1864 verfaßt, im
Sahre 1867 herausgegeben in Berlin bei 3. Sittenfeld.
15. Patarles Zemaicziu. Zemaitiſche Sprichwörter, gefammelt
und herausgegeben im Jahre 1867. =
—_ 104 —
16. Apej brostwas su istatimu Szw. Dominika. 1868 ver:
Takt, gedrucdt im Jahre 1869. |
17. Palangos Juze. Berfaßt im Jahre 1869, herausgegeben
in Memel und anderwärts.
18. Pſalter Davids überjeßt im Jahre 1864 und herausgegeben
unter dem Titel „Pasalmes Sz. Dowido Karalaus.
19. Sm Jahre 1871 verfaßte M. W. eine vervollftändigte
Pialmenüberjegung in rhythmiſcher Form und für den Volksgeſang um-
gearbeitet.
20. Im Sahre 1873 bejorgte M. W. Die Herausgabe des
zemaitiſchen Katechismus: „Mokstas kataliku tikeima.“
21. Auszug aus einem handſchriftlichen Werk des Mönches
Pabrezis, welches gedruckt ward unter dem Titel „Parkratimas sgZines“
im Sahre 1849 (?).
Für die Katoliken Kurlands gab Wolonezewski heraus:
22. Wezzas derribas [wehti [tahti no pafaules raddifchanas
lihdäf Kunga Kriftos peedfimfehanas. Mitau 1857.
23. Muhfu kunga un Peltitaja Jefus Kriftus dfihwofchana
jeb jaunas derribas [tahfti. 1859 ibidem.
Ungedrudt jind geblieben:
24. Giwenimas Szw. Marios Panos, verfaßt im Sahre 1870.
25. Das polnisch geichriebene Tagebuch Wolonczewskis, welches
für die Nachkommen beftimmt, feinem legten Willen gemäß nicht ge-
drudt werden fol. Angefangen im Jahre 1873 und fortgejegt bis
fur; vor jeinem “Tode.
26. Im Sahre 1873 überjeßte M. W. aus dem Polnischen ins
Bemaitifche: „Garbinimas Szwecziauses Szirdies Diewa musu, Jezaus
Kristaus.“
27. Pasakoimas Antana Tretinika. Aus demjelben entnehmen
wir als Probe des Stils und der leichtverftändlichen Diction Wolon-
czewskis zwei Erzählungen: Bieziulej und Budris ir jo pripuole].
— 105 —
Bicziulej.
| Pasaka.
Senowiej wisoj Letuwo) ir Zemajtiusi dides buwa gires:
tosi tarp kitu mediu auga daugibe lijjpu, kurioms Zidant, bites
prineszdawa daug medaus balta; todiel ir pates weszieje ir Zmo-
niems ne maz atneszdawa pelna. Matidamis taj ukinikaj, daugiel
aulu turieje darzusi pri sawa giwenimu, o antra tijk miszkusi.
Netolij nu Abelina Szylales parakwijoj, Bubliszkiu sodoj
giwenus ukinikas Ludwikas Grycius, turieje pri namu kietures
deszimtis aulu su bitiemis. Mediusi krumi isztaszies kieturio-
lika dewiu i kures wienu metu bitis ateje. Dabar istate i
medius dwideszimti kieturis ikilus i kurius tejpogi biteles isimete.
Bet szitaj nelajme: buwa tuokart giriosi daug meszku;
kurios nepadiedamas Zmoniems ikitu tajsiti, giebieje bieziulauties
ir kopti ikilusi medu. Taj zinodamas Grycius ilipes i medi su
didiu granztu pargrenzdawa kiauraj medi dar kriziszkaj, i skiles
ikiszdawa kartales ir dieje ant toms grindus. O ta) dielto, idant
ir pats ilipes medaus imti turietu ant kuo stowieti ir bicziulenes
meszkas negaletu guwej prilipti.
Wiena karta wasarwidiu Grycius pajemes dide 3auknesze
su koptomis, iszeje i kruma drewiesi ir ikılusı medaus kopti.
Kieleta parejes pridriebe sawa kodi su medu, o atiejes pas wiena
ıkıla, pamate medi su lig skilemis nuluzusi ir ikila ant ziami
begulent. Bet sztaj dar didesnis stebuklas: paregieje sawa
bicziulene meszka betipsante prispaustg, su nuluzusiu ranstu.
Gryeius je pamates tare: kas tau tata) susiedi atsitika, be ne
tu mana ikıla nulajpina] nu tiltale? Meszka mru, mru, mru, mur-
miedama ir kriokdama atsilijpe: oj kad tawi giltine pagautu,
kad tu sudektumi ir suruktumi kajp sena nagine su tawa iki-
lajs! parioglina) kazikokies ten pinkles, kanakoki tiktg pri ikila,
anandiena girdi skanine uzsigiejdusi, lipau i tan medi, noriejau
tikta) wiena koreli iszlauzti, bitelu ne najkindama, man besi-
darbuojent pakita didis wiejas, medis tratraksz nuhıza, o asz bene
— 106 —
nukritau ziamen it pelu maiszas. Szona bajsej sukulau, tujaus
gunks krita ant manes wirszune mede, prislegie tejp jogiej ir
pasijudinti ne galu, lajmo kad kuri szaka kiauraj manes ne
parwiere, jau trete diena kajp cze tipsau nelajminga ir ajtioju.
Atsakie Grycius: nu kas bus bicziulene, asz tawı dabar
uzmusziu kajpo wagi. Tare meszka: uz kan cze tiewaj mani
muszi, jug krumas ira taj musu giwenimas, musa duoba, kan
tamı randam tas pri musu prider. Toj girioj jau senej giwenu,
tecziaus nie wiena tawa wersze ne uzmusziau, pagalaus wajkams
sawa isakiau, kad walgiti noriedamis tolaus nuejtumes majsta
jeszkoti o susieda nepikintu. Kan turi buti razbajniku iszgiel-
biek mani jug koznam giwiba ira maloni. Tare Grycius: nu
kan tu man giera uz pagielbieima padarisi? Atsakie meszka:
asz tamstaj tejp atsigierisiu kajp Zmones gieb uz gierus darbus
atsigierintiÄ, meldamasis tiktaj gielbek mani!
Grycius susimiles pajeszkoje ilga mede, pakisza po ransta,
paswiere, o meszka szmuksz iszlinda. Tujaus wolojes pasipur-
tina ir tare: bicziuli walgiti didej noriu, grobas i groba lend, o
tamstas majszele} kwep walgis. Grycius tujaus iszmete duonas
papenti, kuri meszka prarijusi tare: bet dar kazika jaut mana
nosis tawa majszelej? Atsakie Grycius: turiu dabar kiaules kinka
ta] ir wisus mana wakartis. Meszka grobe kinkg, triauksz
triauksz kaulg sutratina, gursksz prarije ir atsigieri klani undens.
Paszerta tare: nugis ir tawi pati sulamisiu. Atsakie Grycius,
kajp ta) gal buti, asz tawı iszgielbiejau ir paszierlau, o tu tejp
zadi uz gierg atsimokieti. Tare meszka: asz prizadiejau tejp
tau atsigierinti, sugieb Zmones sawa gieradiejems dariti, o tij
paprastaj piktu uzmok. Taj tarusi pijstu stojos. Szis pasitrau-
kies sakie: palauk bicziulene, negali buti pati ir sudiir budelu,
ejkiau isz cze ir pajeszkokiau tokie, kurs wedu parsuditu. At-
sakie meszka: nu gieraj ejkiau.
Bejdamu sutika sena szuni, kurs meszkg pamates norieje
skrijti szalen, bet sziuodu paszaukie, idant nebijodamos parsu-
— 107 —
ditu. Tam apsistojus Grycius tare: szitaj tan meszka radau
miszki prigulta nu mede, pagielbiejau, o uz tan gierg zad mani
uzmuszti, ar tejsinga dara? Meszka atsilijpe: asz tejp zadiejau
atsigierinti kajp zmones. Szuo atsilijpe, bukitau kgntriu asz
apsakisiu judam sawa giwenima. |
Balsıusı gimiau, paugteriejes ganiau su piemeniu ukinika
Pociaus banda, nekarta wilkus nu bandos praginiau, du kartu
woz sawa kajle neikiszau; uz tan giera gaudawau nu sawa
drauga piemenies duonas po szmoteli, o wakara banda pargines,
kodali paplawu. Wakar girdi gaspadoriuj su szejminu pijtus
bewalgant po stala palindes rgnkiojau krimtgntius duonas tru-
putius. Pocius spire mani su koi ir tare, Briszis biauribe pa-
sena, szitaj ir nugara jo nuplika, dwok it majta; wakiukaj pa-
karkiet ji sugawi. |
Tus zodius iszgirdes sprukau pro duris alkanas, aplejdau
namus kuriusi par asztuoniolika metu tarnawau, o dabar sti-
rinieju po 'gire ir lauku walandos kurioj praris mani wilkaj;
todıel tejsingaj meszkiele saka, Zmones uz gierg piktu mokgnt.
Meszka taj girdiedama wiel artinos pri Gryciaus, kurs
tare: palauk bicziulene, nebiauriokies, pagal istatimu kraszta
trıs tur buti sudes, ejkiau tolaus tegul ir kitas wedu parsudij.
Bejdamu sutika sena ubaga: abi pusi apsakie sawa rej-
kala ir laukie isztarmes senole. Ubagas krenksz, krenksz atsi-
kosiejes tare: noriu asz judgm trumpaj sawa biedas apsakiti,
klausikietau. Gimiau pas plikbajoreli Jomanta, kurs turiedamas
du walaku ziames, prirasze pri tu tris duszes. Tarnawau kajp
imanidamas ir tarsi itikau sawa ponuj, kurs toks pat buwa ne-
mokitas bernas kajp asz ir tokie pat diewieje sermiegg. Wiena
karta wasarwidin ponas ejdamas i upi plaukities, lijpe ejti
man draugi. Jam plaukantes asz drabuziu dabojau.
Tujaus pamatiau ji skienstgnt: parsiggndes kajp stowis su
drabuzejs plumpt szokau i undeni, ponu) truputi galwg iszkiszus
— 108 —
capt nutwieriau uZ cziupring, unduo traukie i gilme wos pats
nenuskiendau, bet prisijkies szakieles nulinkuse karkla igawau
stipribes ir isztraukiau. Ponas i paszali iszlipes cinkt dawe
man par zanda ir tare: kajp tu beslepicze, mana zmogu buda-
mas, drisaj kibti man uz cziupring? Asz matidamas pona didej
supikusi, uztilejau. Su lig tuo lajku Jomgntas wen turieje ant
manes szirdi, o Zijma) atejus ir ikisza mani i akrutus. Buwau
zalnieriu wos ne trisdeszimtis metu: atlejstas sugrizau i saw&
puse, pona senoje giwa nebradau, sunus begiwenus kurem ta-
riau, a8z tusi namusi esmi gimes ir paugies, norietio tusi ir mirti,
ar ne ıszkarszintumi manes ponali? Tas atsakie: kas tawı seni
cze penies weituo, ejk sau ubagajs, szitaj] ir ejnu. Üze jau
matotau, jogiej meszka nors giwolis tecziaus kalb tejsibe.
Grycius matidamas meszka lajzantes tare: ejkiau tolaus,
tegul ir trets sude wedu parsudij.: Meszka paklausiusi stirina.
Nieko netrukus iszszoka lape, kure kelejwiu iszwidusiu
melde, idant parsuditu. ZLape abeju pusiu iszklausiusi tare:
diel buwima ira ir piktu zmoniu, bet ira ir gieru, szita] nesene)
zmogus, sugawes mana wajka, ne uzmusze, bet palejda, nors asz
sawa szejming szerdama kieleta jo Zanselu pagawau.“ Dabar
Grycius truputi nu meszkos atsitraukies mirktioje Ir tare: 3apele
ejk po manes, gausi kas rita wiszta.
Lape atsilijpe: Zinotau jogie} musu kraszti nieks negal
suditi ant Zode, rejk asesoriu parwesti, priderantej rejkalg par-
wejzieti ir tuokart tiktaj suditi. Judams rejkali asz busiu ase-
soriu; todiel nuejusi i wietg priepuole, turiu regieti kas ten kajp
buwa? Ar didi warga zmogus gielbiedamas pakiele? Po to
sznekiese wisi griza i miszka. Lape wietg apwejziejusi tare:
kad gieresnej galetio numaniti rejkatg, tu Gryciau pakietlk ransta,
o tu meszka gulkies kajp pirmu gulejej. Zmoguj pakiehıs mulkis
meszka ir atsigule, o Grycius wiel je prislegie. Tuokart atejusi
pri meszkos tape tare: mataj tamsta, negana ira parwejzieima,
rejk dabar isztarme arba dekreta parasziti; todiel pagulekies, o
— 109 —
asz ejsiu brajziti, paskiaus apskielbsiu sudg3 mana. Tu Gryciau
2jk sau namon. | |
Tam nu meszkos atsitolinus, atskrije tape ir tare: ar mataj
kajp asz guwej apsiwertiau, wiel paguldiau meszka: nes man
po tawes ejnant, nepagal jos tiksta ne sudijent ir man butu je-
musi uz spranda, niera ko su anu Juokuoti, gierus tur nagus.
Bet dabar parodik man giwenima sawa, kad Zinotio kami, galesio
gauti zadietas wisztas.
Grycius pri namu prisartines tare: szitaj namaj mana, kas
rita ausztgnt atbiek pri szio Ziogre, o asz tau iszmesiu wiszta.
Lape paskrije i krumg, o Grycius papasakoje moterij Rozej ne-
taJlme sawa. Pirma rita lapej atbiegus Grycius iszmete wisztg —
antra rita tejpogi. Treti rita, kad pradieje gauditi, paszoka ap-
maudas Rozej kuri tare „pakolej tu biauriosis su tajs medes
pauksztejs? Wisas wiszteles mana iszgaudisi, lape ir ne duo-
dama atras wisztas, gieresni nuszauk tape, nuejesi gire uzmuszk
gulente meszkg ir nusikratisi bezliepieziemis.“
Grycıus jemes strielba uzdare su smulkiej szruotajs, nes
stambiu neturieje. Kietwirta rita iapej atbiegus szis puj szawo
ı ana. ZLape sawa kalinius papurtinusi, maz te pazeista atsisuka
ir tare „palauk tu dwikoi, asz tau atmonisiu, ar netejsinga
meszka stigawo, Zmones uz gierg piktu mokant.“ Taj pasakiusi
skrije pri meszkos, su kojems iszkase po anu duobe, iszlejda
warksze, o abidwi susitare nedowinoti Gryciuj. Lape iszpiowe
je dwideszimti kietures Zgnsis, meszka iszplesze kietüres drewes
ir numote ziamen asztuonis ikihus.
Tuo dar nekankindamos tikoje paties Gryciaus: kurs to
ne wildamos iszeje gribauti i kruma, iape beszmiziniedama pa-
mate ir dawe Zodi meszkaj. Kuri atejusi sugrobe Gryciu i kliebi
ir tejp szirdingaj pri sawes prispaude, jogiej tu kieturi szonkaule]
traksz traksz suluza. Paskiaus swijde i ziame it mole szmota
ir uzmusze. Tejp pasibengie tas garsingas po gires rejkalas.
{
=. YI0: —
Medes paukszte}] zmogu pamati sparnus turentis lek, ne-
turentis szarpuo szalen; nes numana Zmoniu nedoribe. Bet mes
budamis ikirejs medes pauksztems, be nesma tokiejs pat ir diel
kits kita?
Oj tabaj tankiej! Szita) noriedamas padariti gierg Zmoguj
girtukluj, giedink ang ir melsk idant ne giertu; tas supiks, sa-
kises negierans, 0 je) ira apgirtis drosz tau par ausi. Paäicziok
kitam pinigus, sugielbiek rejkali, padarisı jam gierg darba, bet
nuejes prasziti, kad atiduotu, wejziek kami ira duris, nes tawi
iszgis iszdies par szioki par toki, o je] esi mazu Zmogumi ir isz-
musz. Tami dalıki rejkietu mums metawoties ir nesekti pawejzda
nedoros meszkos. Galtas.
Budris ir jo pripuolej.
Pakalej Kartina buwa po iszmintingu Jomilestu Ploteriu
Szatejkiu ponu, ne) miestelej nej walstiuo nebuwa zida. No-
rieje sunaj Abroma ikiszti cze barzdas sawa; tecziaus ponuj ne-
lejdant, niekajp negaleje. Bet metusi 1861 zmoniems luosajs
tapus; ateje zidams linksmas pawasaris. Igule tujaus i kar-
czema, paskiaus isigrude i namus Zmoniu, miestelej giwengntiu,
o dar paskiaus ir isodas. Neb uz ilga nebliks Kartino) nie wiena
giwentojaus katalika ir bus zidu miestelis, kajp kiti Zemajtiu
kraszta miesta).
Bet sakisi, skajtitojau, kajp taj gal atsitikti? Kur dings
zmones sawa giwenimus praradi? Ant to atsakau: Zmones ejs
pirmu i kampinikus arba inamius, buwusijej gaspadorej palıks
zidu bernaj, senej par girtibe iszmirs ar ejs ubagajs, jauni ejs
i akrutus; o Zidaj paliks pilmajs ponajs.
Bet sakisi: gal to nebus, kodiel tejp negieraj diel zmo-
niu pranaszai? Nejau katalikaj prota pritruka? Atsakau: tejp
jems pranaszauju isz datirima. Jug tejp zidaj isztrieme kata-
likus isz Phungies, isz Warniu, isz Tauragies ir tejp tolaus.
Zmones wos pakrasztiesi uäsitwiere, o widuo pates gieroses
— 11 —
wietas uzjeme zidaj. Nieko netrukus fir pakraszcziusi zmones
aebtwerses; nes Zidaj wınst kajp utieles kajliniusi pawargiele,
sz kuriu niekas ju nebiszkrapsztis. ‚
Rejk Zinoti jogiej nieks tejp nesugieb artoju apgauti, tejp
guwej wiskan nu jo isz wiloti; kajp zidas su orielkas butelku
pri ju atejes. Koznas ukinikas wiena antra stiklali brausz-
kies tarsi weltuo iszgieres saka: gieras zidelis, rejk tan padarıiti,
ko is prasza. Noriu cze apsakiti, kajp Zidas apgawa wiena sodos
ukinika, kurs par nelajme zidu neatsikrate. Jej nori, skajtik,
ar ktausikies iszsiziojes.
Astejkiu sodoj giwena Jonas Budris, zmogus niekuo ne-
dietas, rots sawa burna pajemas, tecziaus negirtuklis. Turieje
giera giwenima, moteri wardu Barbora, wiena sunu Petri jau
asztuoniolikas metu ir dwi mai dukteri.
Kartinas miestelej walkiojes zidas, wardu Joskie arba Joselis,
kurio barzda ir plaukaj buwa rudi it tapes uodiga, burna pleikatota
raJba, dantis reti it szunies, rankas su baltajs raupajs aptekuses,
akis baltas it oze, wiena akis I wiena, antra i antra puse pakri-
pusi; patis zidaj ji makloriu wadina, nes wisems buwa begala ikirus.
Toks ta} biauribe atejes i Astejkius atnesze wajkams po
baranka, isztraukie isz ante butelka orielkas ır pradieje czesta-
woti gaspadoriu. Tas zinodamas niekumet zida nemetgnt ska-
tika, pakol nenumanis nukrisent rublu, stebiejos toms Zmoni-
stoms Josktes ir mislije, a] tegul kas bus isz to? pri ko is mani
prikibis? Ko reikalaus nu manes? Jej nories, kad pinigu pa-
zıcziotio, nieka negausi, nes ju neturiu.
Butelkaj lig pusej nusekus tare Joskie: ar Zina) kan, Jona],
tamstas priszinikie ira tuszte, baldus esantius kitur kur iszne-
szines ilejsk mani. Budris atsakie: et kajp ta) gal buti, tu cze
priwesi Zidu, pradiesi pardawoti orielka ir pawersi namus mana
i karczema; todiel nors matau tawi esant gieru zidu, tecziaus
negalu to padariti. Taj tares eje pas Barbora ir tare: ar girdi,
motin, tas Zidas nor isikurti musu priszinikiej, ar galau ji priimti?
— 112 —
Moters taj iszgirdusi paszoka ir tare: ne meldamasis Jonali
ar isz prota iszejej, ir priimsi tan dwokieli kurs wedams namusi
karczemg istejgtu! Pagalaus ir Zidas kazikoks nukarta, nie am-
ziej sawa neregiejau tejp biaure. Akis girdi krewas bajsu ir
wejzieti. O kas to nezina krewakius uzwis esant nedorajs ir
paojejs; todıel nie netit negalau jo i sawa namus ilejsti. Jonas
pri zida sugrizes tare: tejp tejp Joseli, ejk sau, isz kur atejes,
negalau tawis priimti. Taj girdiemas iszeje barzdıla, nieka ne-
peszes, wiles tecziaus darba sawa nudirbsis.
Kieletg nedielu parleides Joskie su dowinomis diel Budrienis
ir su butelku orielkas saldios wiel ateje i Astejkius. Atidawes
raudona skiepetg Barboraj, pradieje czestawoti abudu. Budriene
pagalaus du stiktalu priwerte iszgierti. Taj padares sakie: su-
siedalu lejskitau man priszinikiej isikurti, jug ir Kartinoj ne
wienas zmogus prijeme zidus. Asz weituo nenoriu, mokiesiu judam
kas meta po dwileka rublu, zida nie wiena nej zidelkas neat-
wesiu, giwensiu butinaj wienas. Budris kase sau gatwa ir sakie
Barboraj: nu motin, kan dariswa? Bene rejk tan Zzmoniszka
zideli priimti? |
Szı atsakie: rizkies, tiewaj, bet man rodos, jogiej tas oZis
leczina, prapuldis wedu. Jonas sugrizes pri zida ı priszinikie
dalejda Joskiej parsidanginti.
Po trijju dienu Joskie su sziepu, skardiniemis, stiktalejs,
butelkielems ir su werpeli orieikas wezinas, atwika pri Budre.
Sunesze wis taj i priszinikie ir isikure. Mede neturiedamas jeme
wirbus ukinika. Susiedaj pajuti, zida artij esant, pradieje prı
jo listi kajp musis pri medaus. Joskie jus priimdamas, }ajzies
ir wipsoje it gielzeli rades.
Ne uz ilga atwaziawa Sore su dam waikgm: Budris tan
pamates, sakie Joskiej: jug tu wienas Zadiejej giwenti, kam rej-
kalınga ta zidelka su wajkajs? Szis atsakie: mata) tamsta, jug
negal moteristes parskirti, tataj mana pati atwaziawa pawij-
szieties, ne uz ilga iszwaziuos. Sore nebiszwaziawa, o i priszinikie
|
— 13 —
susirinka asztuoni zidaj. Budriuj klausgnt, kam jus prijemi?
Joskie atsakie: jug mes wisi telpam priszinikiej, tamstaj kriwi-
das nedarom, be Sores niera kam walgiti iszwirti, kiti zidaj
rejkalingi orietkg parduodant.
Zmones uzwis nedieles dienomes susiejdamis: giere, kle-
gieje, kartajs ir muszies; zodiu sakgnt Budre namaj pawirta i
karczema. Joskie Budri gierindamas nekarta wadina pri sawes
ir dawinieje po stikla orieikas. Igajniu tejp ipratina ji gierti,
Jogiej tape tikru girtuklu. Ne wen tan dwilekg rublu zadietg
uz priszinike pragiere, bet dar dweje tijk uzmokieje Joskiej uz
orietkg. Szitaj tau wdarbs.
Metams praslinkus Joskie pakiele alga i penkiolika rubtu,
bet uz tan gawa darza trims purams bulwiu pasieti ir cybulu
su szesznakajs po dwi eZi. |
Treti meta jau prakutes it ubaga parszelis Joskie tare
Budriuj: tiewaj tawa nedide szejmina, parsikielk tu i prisziniki,
o asz ejsiu 1 grincze, nes zmones atejnantis neteip anksztaj pri-
szinikiej, asz pakielsiu tau algg lig asztuoniolikas rublu. Budris
diena isz dienos girtas, tare: et darik sau kajp tinkamas. Taj
iszgirdes Joskie Budrienes nebklauzdamas, bogina sawa stiktalus,
i troba, Budriene werkdama parsikiele werkdama i pridwokintu
nu zidu priszinikie ir palika sawa namusı kampinikı.
Negana to: Joskie uzjemes woz ne puse lauka sieje linus.
Budriuj priesztaraujent sakie, nu uzmokiek man asztuones de-
szimtis rublu, kurius pragierej. Kad Jonas sakie: kan tu cze
rudki tauzii, asz tejp daug nepragieriau? Zidas atspire: oj tu
buwaj girtas, tipsoje) kajp kiauli purwi, neatmini o pri manes
stou uzraszita.
Barbora taj girdiedama werkie ir tare: oj tiewaj, ar asz
nesakiau nepajniokies su tuo krewakiu, neklausej manes, szitaj
is mumis iszwaris isz giwenima!!
Petriukas, Budre sunus, buwa cziujnus wajkina, orielkas
negiere. Joskiej norentem Budrius isz namu iszwariti uzwis
— 14 —
Petriukas rupieje, nes numane ji nepaduosent giwenima. Rej-
kieje tad ji prapulditi. | | |
Taj mislidamas Joskie patika wieng Petriukg ir tare: kodiel
tu newartawois? Kodiel kaip kiti nejni i Prusus ir neneszi
orielkas? Atsakie Petrukas: kajp asz ejsiu pinigu neturiedamas’
Tare Joskie: niu asz, tau duosiu pinigus, parneszes orielka man
atiduosi, o asz tau uzdarbe uzmokiesiu.
Petriukas paklauses nedora Zida gawa pinigu ir iszeje i
Prusus. Buwa ruduo, naktis tamses; todiel dwi barielki laj-
mingaj parneszes, atidawe ziduj ir gawa pelna suwirszu tris rublus. |
Su lig tuo 3ajku Petriukas ir paprata walkioties par rı-
beziu. Wiena karta jam ı Prusus iszejus, Joskie par sawa, zZida
pranesze sargams rubeziaus ir isakie idant tokie tai wajkıuka
dabotu. Sargiba jaute ir trisu uzstoje jam kieli. Bet Petriukas
wejkiaus pamates maskolus ne kajp tij ana, pakisza barietkas |
po kadagie ir dransej eje nieka neneszdamos. Maskolej ji pa-|
mati suszuka: palauk, apsistoki! Szis capt ir apsistoje. Klause
maskolej, kas tu esi? Szis negiebgans su koi noses sziuostiti
dransej atsakie, esmi Tame "Witumelis isz Rubulu. Maskolej
klause: kami buwaj? Szis: buwau kur mgn rejkieje, kas jums |
darba? Maskolej tare, uztikra tu buwaj Prususi, nepalejsma
tawes, ajszkie) pasisakık kami buwes. Szis tare: buwau Lawmelu
sodoj, turiu ten mergiele kurg kietu westi.
Maskolej prasijuokie ir pradieje tarp sawes maskoliszka)
kalbieti, uztikra netas, apej kuri zidas pranesze.
Tecziaus klause maskolej, pasakık ar ne nesz par rubeziu
zmones ginktu? Petrukas atsakie: jau daugibe prinesze, nes
koznas maskolus su jiszmie wajkszezio kajp je jus. Kam cze
manes klausat? Tare maskolej: ar nenesz Zmones paraka?
Szis: nezinau kami gaun, bet wisur gal rasti paraka. Maskolej:
o kan dirb su tuo? Szis: argi nezinot gier wiena ar su un-
deniu. Wiel maskolej: ar nenesz zmones kgntra-bandu? Petris
atsakie: cze artij niera giwentojaus Kontrymu wadinama, o jo
— 15 —
bandos kami ira nieks ne neszio negut warinie. Tare maskolej:
be ne nesz kas taworu par rubeziu? Patrukas atsakie: kan cze
mani prantawojet inglej, kad jJiems nosis atszaltu, skajtat mani
uz mulki, tecziaus ir manes nieks ne mokie su ihı koszi walgiti-
Patis dabojet rubeziaus, o nu manes tejraujeties, noret kad asz
butio daneszieju, ne asz tuo nebusiu. Maskolej tare: ar ne
muszas kamı maskole] su Zmoniemis? Szis: nezinau, girdiejau
tiktaj, jogiej Klibiu karczemoj maskolej pradieje pejkti Karalu
u? taj, jogiej Zemajtius katalikus sawa zıamiej 3ajka. Musuju
buwa daug, kurij puoli supiki ant maskolu ir didej sumusze
jus uz taj, jogiej budamis prastajs Zalnierejs drisa parkratinieti
darbus milemoje musu Aleksendras antroje, kurs mamis nu ponu
iszgielbieje. |
. Maskolej palejda Petri, o szis paskiaus dienos widu sugri-
zes, atsekie!' wietg ir parnesze orietka. Joskiej pasakie tikta)
turies wargo su maskolejs, bet koki? ne aprejszkie.
Neuzilga wiet Petriuj i Prusus iszejus Joselis tejpogi pra-
nesze maskolems. Tij daboje. Pamati neszati, szaukie palauk:
szis neklause. Maskolus szawa, bet kulka nekluwa, pabiega
Petris su orielku. Parneszes wis, apsakie ziduj. Tas tare: kocze
biegioi, jug turi pinigu, pirk rulines pisztiletas, kad tawi nutwers
szauk i anus, iszwirs ir palikisi luosas. Szis paklauses pirka
Kiajpiedo] dwi pisztileti, uzdare ir eje dranse) par rubeziu. Su-
grobe jı du maskolu, szis padiejes orieika paksz, paksz i anuodu
iszszawa; tuodu iszwirta, o Petris su orielku namon pareje.
Ziduj pasisakie pirkies pisztiletas, bet nesakies nuszawes.
Tujau paskida abiku kazi kan du zalnieriu nuszawus: Joskie
suprata, jogiej Petriukas taj padare ir danesze wiresnibej. Ta
namus Budre uzpuotusi atrada piszteletas, sujeme Petriuka isz-
weze i Telsziu kalini, paskiaus i Kauna ir i Cyberia.
Nuludes isz tos prizasties Budris tiewas, isirga ir mire.
Barbora palika naszli. Joskie priskajte kielis szimtus buk pra-
giertu rublu, iszkiele prowa, parpirka wirszinikus ır palika ponu
— 116 —
giwenima Budre. Naszlie su dwetu wajku iszeje pri susieda
inamauti. Pauguses dukteris tarnawa Zzmoniems uz mergies, 0
Barbora ubagaudama pabengie wargingg giwenimg sawa.
Tejp Joskie guwej prazude Budrius, uztikra toki pat ejuu
prazudis zidaj ne wiena Kartiniszki ilejdgnti Zidus i namus
sawa. Kas jems kaltas, kada turiedamis giwenimus netur prota.
4
Der Tod und die Schaffdere.
Aus der polnischen Vorrede (S. 140 ff.) zu den litauifhen Dichtungen von Prieſter
8. Olechnowicz, Probft zu Merecz. (Siehe Mitteilungen, 7. Heft. II. 1. ©. 18.)
Es war einmal, daß die Menſchen ungeheuer ftarben. Ein alter
Greis, welcher auf dem Sterbebette lag, ließ feine Kinder, Verwandten
und Nachbarn zu feinem Lager rufen, denn er hatte ihnen etwas mit-
zuteilen. Nachdem alle fich verfammelt hatten, fagte er zu den ihn
Umgebenden: „Meine Brüder! ich fühle, daß ich von Euch fcheiden
muß; an meinen Schmerzen merke ich, daß der jchändliche Tod (Giltine)
mich nicht zum Spaß mit feiner Zunge berührt hat: jein Gift preßt
mir das Herz. Ich bin alt, darum nehme ich es ihm nicht übel; daß
er aber meine Söhne wegrafite, daß er meine Nachbarn, meine. Ber:
wandten und junge Leute von diefer Welt wegrafft, kann ich ihm
nicht vergeben.“ — Dabei unterbrach der Greis feine Rede, und nad)
langem Nachdenken fuhr er fort: „Wenn ich gejtorben bin, legt mir
eine Schafichere (Zirkles arikerpes) hier zur Seite“ (dabei zeigte er
mit der Hand). — „Was wirt Du mit der Schafichere machen?“ fragte
man ihn. — „Shr werdet ſehen.“ — „Wie jo? Wirt Du zu ung
fommen und uns fagen, was Du damit gemacht haben wirſt?“ — „Ihr
werdet begreifen”, gab er zur Antwort. — „Wie können wir begreifen,
wenn Du's uns jeßt nicht ſagſt? — Nach kurzem abermaligem Nachdenten
ſprach der Greis wieder: „Sch bitte Euch alfo, legt mir die Schafichere
bei; wenn der Tod zu mir fommt, um feine Zunge mit dem Gifte zu
jtärfen, und nahe zu mir dieſelbe herauzftredt, werde ich die Schere
Darauf richten und ihm die Zunge ſamt Gift abjchneiden.“ — Mean
u —
that nach dem Wunſche des Sterbenden, und nach ſeinem Tode nahm
die Sterblichkeit merklich ab. |
„Für die Glaubwürdigkeit diefer Erzählung”, fügt der Verfaſſer
der eingangs genannten Dichtungen Hinzu, „berufe ich mich auf die
Manen meiner ehrwürdigen Eltern; ich weiß es, fie werden mir nicht
übel nehmen, denn fo erzählten fie, dies glaubten und behaupteten fie;
und aud) heutzutage behaupten die Littauer dasſelbe“. |
3. Koncemwicz.
—⸗Ni
5.
Ködel driäb apusès läps ir be véja?
Judösius, pardaves Pöno Jezuso Zidams, pasigailvje paskü
sava bjauros darba; uztate (nuejes) pas Zidu viresniüsius, noreje
Ji velios atpirkti ir säke: „Sö, atsijimket säva pinigus ir atidtiket
man Jezuso!“ Bet Zidu virösniejie atsak6 jam: „Piningu mums
nereiki, darik su jeis, ko sau nöri; o Jezusa mias tau ne düsm&.“
— Togi JudöSius pajemes métô pinigus äidams, iäsprieka ke pä-
dükes ir bega stace j misk6 pasikarti. Bet mödze miski budej6
ir neprisiläide tokid bjauribe unt sav&s pasikärti. Judösius tada,
bekvailinedams po miSko, utika äpuse, bemiegundio: apus& mat
nesispires, uztät jis ir pasikör6 unt jos. — Kad apuss& nubüda
i$ miega ir jpamät& unt saves kibundio bjauribe, te ine baise
nusigünda ir pradsj6 vises läpos dröbeti, ir dabär vis t6bedriab.
(Überfegung). Ä
Barum die Espenblätter audi ohne Wind zittern.
Als Judas den Herrn Jeſu an die Juden verkauft hatte, that ihm
ipäter feine jchändliche That leid; deshalb ging er zu den Obern der Juden
und wollte den Berratenen zurüdfaufen und jagte: „Da nehmet euer
Geld und gebet mir Jeſu zurück!" Aber Die Obern der Juden ant-
worteten ibm: „Das Geld brauchen wir nicht; mache damit, was Du
willſt, aber Jeſu werden wir dir nicht geben! Da nahm Judas das
Geld und jchlenderte es den Juden vor die Füße, rannte wie bejefjen
hinaus und Tief ſchnurſtracks nach dem Walde, um ſich zu erhängen.
9
— 118 —
Die Bäume im Walde wachten und Tießen nicht zu, daß ein folder
Böjewicht fich am ihnen erhänge. Indem Judas im Walde herumftreifte
jtieß er an eine jchlafende Espe; die Espe weigerte fich nicht, daher
machte er fih an fie und erhängte fich. Als die Espe vom Schlafe
erwachte und den am ihr hängenden Böjewicht jah, erjchraf fie fürchter—
ih und fing an, an allen Blättern zu zittern und zittert noch heut—
zutage. 3. Koncewicz.
ñ
b.
Wie die Menſchen anfingen YBranntwein zu trinken.
(Überfegung aus dem 12. Hefte der Mitteilungen, Bd. II, ©. 417 ff.).
Bor jehr langer Zeit hatten einmal Eltern einen Sohn; fie waren
jehr arm. Sie ließen ihren Sohn die Schule bejuchen, damit er doch
etwas leſen Ierne, um nach dem Buche beten zu können. Nachdem er
etwas lejen gelernt hatte, befam er jo große Luft zum Lernen, daß er,
wenn er ein Buch befam, immerwährend darin lad. Obgleich die Eltern
feine Mittel hatten, ihn weiter lernen zu laffen, hatte er doch, indem
er jich manche Bücher verschaffte, verjchiedene Gegenftände des Wiſſens
gut erlernt und wollte ein Priefter werden. Wegen ihrer. Armut dachten
die Eltern gar nicht daran, daß ihr Sohn einmal ein Priefter werden
jollte; Doch zweifelte der Süngling nicht, daß fein Wunſch noch in Er:
füllung gehen würde. — An einem Sonntag, al® alle zur Kirche ge-
gangen waren, ging er in den Wald, ohne ſelbſt zu willen warum,
als ob eine unlichtbare Macht ihn Hingezogen hätte "Sobald er
den Wald betreten Hatte, ſah er an fi einen ganz anderen
Anzug; er war aus dem Haufe mit einem alten, abgeichabten Werg-
anzug angefleidet ausgegangen, aber nun befand er ih im Walde in
einem prächtigen priejterlihen Gewand. Beim Gejange verjchiedener
Bögel Luftwandelte der Burfche im Walde, wohin nur feine Augen
Ichweiften. Er merfte es nicht, wie der Tag ihm verging, und erft als
die Sonne jchon tief im Weiten ſtand, dachte er daran, nach Haufe
zurüdzufehren. Beim Berlaffen des Waldes wollte er die Briefter-
fleidung mitnehmen. und damit ſeinen Eltern zeigen, day er ein Prieſter
— 119 —
verden müſſe, nachdem Gott der Herr ihm den Priefteranzug gegeben
ſätte. Aber er hatte nicht daran gedacht, daß, wenn Gott der Herr giebt,
r auch wieder nimmt; denm gleich mit dem Betreten des Feldes ver-
Hwand auch der Priefteranzug; mit demfelben Wergfittel, mit dem er
ven Wald betreten Hatte, und ebenjo fchäbig fam er aus dem Walde
vieder heraus. Der Füngling wunderte jich ſehr darüber, was gejchehen
vor. Als er auf das Feld hinausgefommen war, hörte er noch Die
Bögel fingen, und ging nachdenklich nach Haufe. Zu Haufe erzählte er
einem davon, was mit ihm im Walde gejchehen war, nur wurde jein
Wunſch noch lebhafter, ein Priefter zu werden. Er bat feine Eltern,
ya fie ihn aus dem Haufe gehen und das Nötige lernen ließen, aber
va3 konnten dieſe für ihn thun, da fie jelber nichts Hatten? Sie fagten
alſo zu ihrem Sohne, fie hätten feine Mittel, ihn in die Prieſterſchule
zu ſchicken, und er möchte nur zu Haufe bleiben und mit ihnen ihr bejchwer-
liches Leben theilen. — Am folgenden Sonntage hatte der Knabe feine
Ruhe zu Haufe; ſchon vom Morgen an drängte es ihn nach dem
Walde. — Und ſiehe da! auch diejes Mal geichieht mit ihm dasſelbe
Wunder. Nur war er jebt fröhlicher, denn er begriff, daß er gewiß
ein Priefter werden ſollte. WS er nach dem zweiten derartigen Er-
eigmiffe nach Haufe zurüdgefehrt war, erzählte er feinen Eltern, was
mit ihm im Walde an zwei Sonntagen Hinter einander gejchehen war.
Die Eltern glaubten feinen Reden nicht im geringften, wollten davon
nichts hören und jagten: er hat es fich in den Kopf gejegt, Daß er ein
Prieſter werden fol, darum träumt es ihm auch. — Da er feine Eltern
nicht überreden fonnte, mit ihm am dritten Sonntage in den Wald zu
fommen, war er wieder ullein hingegangen. Dort war e3 luftig wie an
den andern Sonntagen, aber der Knabe war doch etwas traurig deshalb,
weil er feine Eltern nicht mitbringen und ihnen das Wunder, das mit
ihm geſchah, nicht zeigen Tonnte. Indem er jo im Walde herumftreifte,
begegnete ihm ein ſehr jchöner Süngling. Der Süngling begrüßte den
armen Jungen im Prieſteranzuge und fragte ihn, warum er ſo traurig
einherginge? Dieſer geſtand es, er ſei noch kein Prieſter, wünſche aber
ſehr es zu werden, ſeine Eltern aber hätten nichts und wollten es ihn
9*
— 129° —
nicht werden lajjen, und fie kämen nicht einmal ſelbſt, um zu jehen, wa:
mit ihm im Walde geichehe. Nachdem der ſchöne Süngling feine gan:
Erzählung angehört hatte, gab er dem armen Knaben Geld und befatı
ihm, dafür einen Fingerhut voll Branntwein zu faufen, feine Eltern be
trunfen zu machen und fie auf dieje Weije am nächſten Sonntag in den
Wald mitzubringen. Der ſchöne Jüngling war der Engel, welchen Got:
der Herr dem armen Burjchen zur Hilfe gejendet hatte. — Als nun der
Sonntag gefommen war, ging der Knabe früh am Morgen Branntwein jı
faufen, damit er feine Eltern betrunfen machen, in den Wald führen um
ihnen zeigen fönne, was aus ihm werden folle. — Damals tranten die Leute
feinen Branntwein, weil er ſehr teuer war und nur in den Apotheken
als Arznei gehalten wurde. Da aljo die Menjchen an diefeg Getränt
nicht gewöhnt waren, ſo betranken ſie ſich an einigen Tropfen davon
ſehr ſchnell. Nun Hatte der Sohn davon blos einen Fingerhut voll ge—
kauft, damit machte er feine beiden Eltern betrunfen und führte fie in
den Wald. Sobald fie inmitten der Bäume gefommen waren, fchauten
fie und erblidten ihren Sohn in einem priejterlichen Gewand, und er
Itaunten darüber fo, daß der Branntwein ihnen aus dem Kopf gan
verflog und fie nicht mehr betrunfen waren. Schöner und lieblicher Ge
jang von verichiedenen Vögeln jtimmte fie fo fröhlich, daß fie nicht
wußten, wo fie wären, im Himmel oder auf der Erde. Sie freute
ich alle zufammen jehr und lobten Gott den Herrn, als fie folches
Wunder jahen, und die Eltern gelobten es, ihren Sohn einen Priefter
werden zu lajien, und jollten jie darum auch ihr letztes Hemde verkaufen
Derjelbe jchöne Züngling, welcher am vergangenen Sonntage Geld zum
Branntwein gegeben hatte, brachte jegt wieder. Geld, damit fie anfangs
eine wenn auch geringe Unterjtügung hätten, bis fie einiges verdient
hätten. Es läßt fich nicht beichreiben, wie groß die Freude der Eltern
und ihres Sohnes war, als fie folche Hilfe Gottes des Herrn ſahen.
Als ſie zur Genüge im Walde herumgegangen waren und den Geſang
der Vögel angehört hatten, kehrten fie alle drei gegen Abend nach Haufe
Die Eltern wollten, daß ihr Sohn das priefterliche Gewand mitnähme
dann würde er ja nicht nötig haben, fich ein neues machen zu laſſen:
— 121 —
ber der Sohn antwortete, daß er e3 nicht felbit genommen habe und
eshalb auch nicht nad) Haufe mitnehmen fünne. &leich mit dem Ber:
ajfen des Waldes verjchwand der ganze Priefteranzug; es war nur
‚och der Gejang der Vögel zu hören, aber auch diejer verſtummte bald,
ſachdem fie weiter gegangen waren. Als fie nun nad) Haufe gekommen
varen, priefen fie Gott für die erwiefenen Wohlthaten, und ihren Sohn.
hickten die Eltern zur Priefterfchule, indem fie felbft ſich an die Arbeit
nachten. Jede Arbeit gelang ihnen jo gut, daß fie Dabei noch reich
vurden, während ſie ihren Sohn die Briejterichule bejuchen Tießen;
zieſer lernte fleißig und wurde in furzer Zeit ein tüchtiger Priefter.
Bon der Zeit an begriffen die Leute alſo den Nuten des Brannt-
veins und fingen an, ihn zu trinfen, aber in der Folge gewöhnte man
ich jo daran, daß man zu viel trank; und die Priefter mußten zuleßt
die Leute mahnen, fich der unheiloollen Gewohnheit zu enthalten. Nun
fonnte nur der feinen Sohn einen Priefter werden laſſen, welcher ent-
weder gar feinen Branntwein, oder nur jo wenig tranf, daß es kaum
einen Singerhut voll auf einen Tag ausmachen würde, wenn man das
Trinken de3 ganzen Sahres berechnen ſollte.
J. Koncewicz.
T.
Zur litauiſchen Litteraturgeſchichte.
J.
Im hieſigen Staatsarchiv wurde mir kürzlich folgende, die Bret—
kenſche Poſtille betreffende Correjpondenz !) gütigft vorgelegt, welche
Paſtenaci (fiehe deſſen Kurzgefaßte Hiftoriiche Nachrichten u. |. mw. ©. 7
Anın.) wenigſtens theilweiſe bekannt geweſen zu ſein ſcheint.
I) Sie iſt unregiſtriert. — Der folgende Abdruck weicht nur infofern von den
Originalen ab, als ich mir geftattet habe, ein paar unweſentliche Inkonſequenzen,
welche dort in Bezug auf Schreibung und Interpunktion erfcheinen, zu regeln. —
Diefe Bemerkungen gelten auch für das unter IE. (©. 126) mitgetheilte Schriftſtück.
— 12 - |
A.
„Durchlauchtigſter Hochgeborner Fürft, gnedigiter Herr. ©. 5.7.
find meine vnterthenige Dienste iderzeit willig bereit.
Durchlauchtigſter Hochgeborner Fürſt, gnedigjter Herr, dieweil Gott
der Herr durch ©. Paulum Act. 20 allen Kirchendienern und Lehrern
befilhet, das fie jolen Acht Haben auff fich ſelbs, vnd auff die gantze
Herde, unter welche ſie gejeßt findt zu Bilchoffen, zu weiden die Ge:
meine Gottes, welche er durch jein eigen Blut erworben hat: Habe id
auch, wiewol der geringjte Prediger mit Schmerken und hertzlichem
Seufften it in das 29. Ihar meines Predigtampt3 gejehen vnd er: |
faren, dag die littawiſche Kirche bisdahero, mit Gottes Wort, im ihrer,
Sprache, nicht dermafjen, wie es die Notturfft erfordert, geweidet iſt
worden. Denn ob wol E.%.D. Lieber Herr Oheim, Marggraff Albredit,
milter und hochlöblicher Gedechtnis, vnſer gnedigſter Landesfürft, Gottes
Wort mit rechtem Ernſt in diefem Fürjtenthumb gemeinet und gepflanget,
auch neben der Academia fürjtliche und milde Beneftcia, der Jugent, fo
jtudiret, verordnet vnd gereichet: iſt doch fajt niemant funden, der da
etwan mit einem littawifchen Scripto, derjelbigen vndeudſchen Kirchen |
gedienet hette, wie auch im fönigfchen Teil, meines Wiſſens, nicht bus!
geringfte Büchlein, in littauſcher Sprache, bisdahero gejchrieben worden,
dadurch denn jolche Kirche merklichen verjeumet. Vnd ob wol ich mid,
viel zu wenig Dazu befinde, das ich mit Schrifften gedachter Littaufchen
Kirchen dienen jolte: habe ich doch gleichiwol, denen geringen Gaben
nach, jo mir Gott verliehen hat, meine littaufche Predigten vber die
Feſt vnd Sontags Euangelia einfeltig vnd kutz geftellet und diefelbigen
etlichen diefes® Fürſtenthumbs littauſchen Pfarheren gemiejen, welche
daran ein Gefallen gehabt vnd bey mir angehalten, das fie publiciret
würden. Dadurch ich bewogen worden, da8 ich ſie E. F. D. Hinter:
lafjenen Regiments Rethen, alhier zu Königsberg, ungeferlich vor einem
Ihar angedeutet habe, vnd diejelbigen nun mit Gottes Hülffe verfertiget.
Will demnach E. F. D. dieſelbigen ich hiemit präfentivet, und vnter—
thenigſt, der littauſchen Kirchen zu publiciren, offeriret haben. Hoffend
es ſoll hiedurch Gottes Ehre vnd Wort gefördert, vnd ſeiner Kirchen
—. 193.
mercklicher Nut gejucht werden. Bitte demmach zum vnterthenigiten,
E. F. D. wolten diefe meine geringe Arbeit, biß Gott ein beſſers be-
Tcheeret, gnediglic) annemen, diejelbige in Drud befördern, und Ihrer
25. ©. mich armen Kirchendiener in Gnaden laſſen befolhen fein.
E. F. D.
vntertheniger Diener
am Wort Gottes
Johannes Bretkius
littauſcher Prediger auff dem
Steintam.“
Auf der 4. von Bretken leergelaſſenen Seite dieſes Schreibens —
es iſt gleich dem folgenden und dem unter II. abgedruckten in Folio
— iſt auf einem der durch Längs- und Querknicken entſtandenen
Vierecke eingetragen:
„Iſt deshalben eine Zuſammenkonfft etzlicher Pfarherren ins
Ragnitſche geordnet.
Pr.!) Königſperg den 11. May Ao. 90.“
Auf dem Viertel darüber:
„Johannes Höpner Caplan zur Inſterburg
Simon Weiſchnarus Pf. zu Ragnit
Zacharias Blotnaw Capl. zur Tilſit
Johannes Bilauck Pf. zur Georgenburg
Alexander Radunius Pf. zu Kuckerneſe
Daniel Gallus Pf. zu Friederichsburg
Sontags Cantate.“
Auf dem Viertel daneben ſteht gewiſſermaßen das Concept zu
dem vorſtehenden und außerdem: „Pfarh. im Kneiphoff — Joames
Bretkius — ((. weiterhin) und eine auf Rangnit (fo!) bezügliche Be—
merkung, die ich nicht ganz entziffern fanı.
N) D. i. praesentatum.
„G. F.)
V. ©. G. 9.) Ehrwirdiger Lieber getreuer. Nach deme wir Die
littawiſche Hauzpoftil, jo Ihr vnns vnderthenigft offeriret, einer ge-
meinen Genjur als?) dep Ehrwürdigen unnferes Pfarrherns im Kneyphoff
M. Sebajtiani Artomedii, dann auch ettlicher vnnſerer der littawiſchen
Sprach Fundigen Theologen in euerm Beyjein zuuntergeben nottwendig
erachtet, al haben wir Diejelben an ein gelegenen Drtt, nemblich
nad) Rangnit zu conuociren für guet angefehen, vnnd weil wir dann
zu Fürnemung ſolcher Sachen den nechitlonfttigen Sontag Cantate,
welcher fein wirbt der fiebengehende Day, angefeget, ernennet, unnd den
jenigen, jo wir zu dieſer Genjur verordtnet, off ernandten Sontag
Santate vff vnnſerm Hauje Rangnit anzufommen vnnd fürder ſolchem
Werck beyzuwohnen beuohlen, ſo iſt an Euch hiemitt gleichfalls vnnſer
gnedigſter Beuehlich, Ihr wollet Euere Sachen eygentlich dohin richten,
das Ihr von hinnen mit gedachtem vnnſerm Pfarrherr im Kneyphof,
zugleich vffbreſchen“,) vff gemeltem S[onntage!] mitt ihme vff vnnſerm
Hauſe Rangnit ankommen vnnd fürder ſolchen Sachen beywohnen möget,
daſelbſt dann der Loſirung vnnd der Ausrichtung halben vnnſern Ambts—
dienern bereit Beuehlich geſchehen, die Euch ſembtlich der Gebuer nach
mitt Loſamentern vnnd anderer Notturfft zuuerſehen wiſſen werden.
Inmittelſt aber wollet Ihr Euer Ambt alhie mitt dem polniſchen
Prediger dergeſtalt vnnd alſo beſtellen, damitt nich allein die Kirchſpiels—
kinder mitt Gottes Wortt vnnd Predigten verſehen, ſondern auch ſonſten,
was Euer Ambt erfordert, nichts verſeumet werden möge. Daran ge—
ſchieht vnnſer gnedigſſter Wille] vnnd wir ſeindt Euch mitt Gnaden ge—
wogen, Dat.
1) D. i. Georg Friedrich. — Der Tert iſt Concept.
2) D. i. Von Gottes Gnaden Herzog.
3) Dieſe 4 Wörter am Rande als Correktur von durch.
4) Lücke im Papier.
— 123 —
An Sohannem Bretfium
Littawiſch Prediger alhie.
i
Warinn
Prandtner D. sub.?)“
Adreſſe: „An Johannem Bretkium, littauſchen Pfarrherr, alhie.“ |
Darunter: „Soll fich auf den 17 May nach Rangnit a “ Hierunter:
„Den 13 May Ao. 90.“
Ueber den Verlauf der Ragniter Conferenz find wir nicht unter⸗
richtet, aber jedenfalls war ſie Bretken günſtig, denn nicht nur erſchien ſeine
Poſtille bereits 1391, ſondern er ſagt auch in deren Widmung: cum
hanc Euangeliorum explicationem ex clarißimorum Theologorum
commentariis defumptam aliorum judicio fubijceerem, illige
ftudium et laborem meum qualemcunque comprobarent, nec
non peterent, ut illum Ecclefiae communicarem; lubens illorum
judicio acquieui.“ |
Bon den befohlenen Cenforen begegnen zwei, Weiſchnarus und
Blotnaw, auch fonft in der litauiſchen Litferaturgeichichte. Der erite
war der Überfeßer der „Margarita theologica“, und der zweite fchrieb
zu eben diefem Werk ein Vorwort und revidierte Teile der Bretkenichen
Bibelüberfegung. ©. meine — zur Geſchichte der lit. Sprache
©. IX f, XXI.
Die Worte Bretfens „in das 29. Ihar meines Predigtampts“
werden durch feine Außerung, daß er „trigefimum iam annum ela-
borare ut in Ecclelia puritas doctrinae conferuetur“ (Widmung
der Poſtille, datiert „ſub initium anni Chrifti M. D. XCI“). Er
iſt alfo bereit 1561 in das geiltliche Amt getreten. |
Auffallend it, daß Bretfen in feiner Eingabe und ſonſt der Tätig-
feit ſeines Amtsvorgängers, Bartholomaeus Willent’s, nicht gedenft
Den Moswidius hat er in feiner „Giesmes duchaunas‘“ erwähnt.
N) D. i. Herrn.
2) D. i. subscripserunt.
— 126 —
IF:
Das folgende Schreiben, gleichfalld im Königsberger Staatsarchiv
und Concept, bezieht fich auf Bretkens Bibelüberjegung.
„Snedigiter Fürft vnnd Herr, E. %. Dhtt. merden aus vnnſerm
vor der Zeit vnnd Ao x 89 den A Dectobris wegen dep littamilchen
Predigers alhie, Johannis Bretkii, jo damals eine Poſtill in littauiſcher
Sprach gefertiget, an dieſelbe abgegangenen vnderthenigſtem Schreiben
gnedigſt verſtanden haben, das ermelter Bretkius die Bibel in beruete
Sprach zu transferiren ſich ebenmeſſig erbotten. Solchem Erbietten hat
Bretkius nachgeſezet, die Arbeit vnnd Mühe vff ſich genommen vnnd
dieſe Zeit hero die ganze heilige Schrifft in die littawiſche Sprache
transferiret, vnnd mangelt nur allein an ezlichen ſchwehren Phraſibus
vnnd Wörtern, das die durch der hebreiſchen Sprachen wolerfahrne da—
benebens ettlicher der littauiſchen Sprachen fundige Theologen Vrtheil
vnnd Guetdunden recht gegeben werden mögen, darzu dann nötig jein
will, das jolche Theologos an ein gewieſſen Ort conuociret vnnd ihnen
dieß Werd mitt Weis zu durchjehen bevohlen werde.
Vnnd ob wir wol vff deß Bretkij Anhalten ihme hieuon mitt ett-
lichen im Ragnitifchen Ambt gejeffenen Paftoribus zu conferiren zuge:
laffen, jo haben fie fih doh wie E. F. D. ob der Beilage gnedigft
zuerjehen, deſſen ohne Bejweſen anderer gelehrter vnnd hebreiſcher Sprachen
erfarner Leutte nich unterfangen wollen, derowegen Bretfius gebeten,
wir wolten hierzu gelehrte wolgeübte unnd erfahrne Theologen entweder
nach Ragnit oder anhero vff E. %. D. Vncoſten verjchreiben, vff das
durch fie die noch vnuerdolmetfchte zweifelhafftige ſchwehre Phrajes vnnd
Wörter erwogen vnnd nach dem Hebreifchen oder wie es am deutlichſten
ſich jchieden will, gegeben werden möchten. Wann wir vnns aber deſſen
ohne E F. D. gnedigiten Vorbewuft nich mechtigen können, vnnd
gleichwol dieß Vorhaben an ihme jeldften chriſtlich unnd billig, zuförderit
auch zu Gottes Ehren, zu Fortpflanzung jeines allein jeligmachenden
Wort? vnnd zu Vermehrung der Chrijtenheit gereichet, beuorab weil
noch zur Zeit in diefer Sprach auſſer dem Catechismo, Paſſional, Pre:
digten, Pialmbüchlein, vnnd diefes Bretkij außgegangene Poſtillen in
— 127° —
theologieis nicht? zu finden ift, jo haben wir ſolch dep Bretfij Suchen
E. 3. D. hiemitt in Bnderthenigfeit eröffnen ſollen vnnd wolten E. 3. D.
vnderthenigſt chaten, das fie den Vnkoſten, der vff dieſe Conuocation
gehen möchte, nich) angejehen jondern ettliche gelehrte Theologen wie auch
der littawiſchen Sprachen wolfundige geübte Paſtores endtweder nach
Ragnit oder anhero, E. F. D. gnedigften Gefallen nach, zuuerjchreiben
vnnd ihnen von diefem Werd obberueter maſſen mitt Vleis mitteinander
zu conferiren bevohlen hetten, jo wolten wir die Verordtnung thun,
das jolche Zeit vber an dem Drt, do die Zufammenkunfft gehalten würde,
weil darzu, do fie gleich alle Tage vier Capita durchlejen, Jahr vnnd
Tag gehören wirdt, Fein vbermeſſiges Vffgehen, fondern vnnötiger Vn—
foften nachbleiben jolte. Wann nun der Conuentus geendet, unnd das
Werd richtig vnnd erfüllet were, köndte bemelte Biblia vnter E. F. Dhtt.
Namen, vff dero Vnkoſten in den Drud gegeben werden, welches dann
E. F. Dhtt. allenthalben bey menniglich einen unfterblichen Namen vnnd
Nuemb machen, auch hiedurch viel der armen vndeutſchen Leutte, fo wol
bey den benachbarten als E. F. D. Bnterthanen dem Allmechtigen ge-
winnen vnnd zum Chriftenthumb gebrach werden, vnnd weil wir vnder-
thenigft verhoffen, E. 3. Dhtt. werde der hohen Notturfft nach zu der
Viſitation der Bniverfitet einen gelehrten Theologum vnnd ſoviel möglich
9. D. Geurgium Mullerum hereiner gſt. ?) vermögen, jo würde er vff
ſolchem Fall bey diefem Werd, ungeach ob er gleich big zu Endt defjen
nic) abwardten föndte, fo lang er alhie verharrete, viel guetes nebenit
anderen der hebreiichen Sprachen Erfahrenen jchaffen vnnd mitt ein’
rhaten helffen fünnen. Was nun E. F. Dhtt. in deme zu thun gnedigſt
gemeinet, bitten wir vnderthenigſt, E. 3. Dhtt. wollen vnns förderlich
Shre gfte Refolution zufommen laffen, denn in deren gſten Willen vnnd
Gefallen diejes vnnd anders vnderthenigſt gejtellet wird, die wir hiemitt
inden Schuß deß Höchſten vnnd vnns dero zu Gnaden treulichſt bevehlen
9 Hofmeifter
H Burg
Subſcrips. H Marſch:
H D. Fabritius.“
— — — ——
ynd. i. gnädigſt.
— 123 —
Adreſſe: „Ann Fr. Dht. Sohannem Bretkium bet. Wegen der
littautichen Bibel. Den 3 Nouemb.: An: 92.“
Dem hir gemachten Borfchlag fcheint entiprochen zu fein, denn
Paftenaci a. a. D. jagt: „Er [Bretfe] übergab fie [feine Bibel] 1592
der hohen Landes-Regirung, damit eine Nevifion vorgenommen würde,
die denn auch, wiewohl jehr langjam, vor ſich ging“, und Rheſa Gejchichte
der Hithauischen Bibel S. 14 bemerkt übereinftimmend Hiermit: „Die
Landes-Regierung bezeugte dem Berfafier [Bretfe] ihre Zufriedenheit
und empfing die Handjchrift [feiner Bibelüberfegung] mit Freuden aus
der Hand ihres Urheber, um fie jprachkundigen Männern zur Durch—
ficht zu übergeben. Die Ducchficht aber verzögerte ich über 4 Jahre lang.“
Was den Bericht vom 4. Dftober 1589 betrifft, ſo wird er auch
von Baltenaci a. a. DO. erwähnt. Ich habe feiner bisher nicht habhaft
werden fünnen.
Unter dem „Pſalmbüchlein“ haben wir jedenfall die Bretfenjchen
Giesmes (1589) zu veritehen. Ob mit dem Katechismus der Mosvid'ſche
oder Willents Enchiridion gemeint ijt, läßt fich nicht entjcheiden.
„Paſſional“ und „Predigten” laffen ſich nur auf Willent® „Evangeliad
bei Epiftola8“ beziehen, denen ja eine „Hiftoria apie mufa ir jmerfi
Miefchpaties muſu Jeſaus CHriftaus“ angefügt ift.
III.
Zu den Nachrichten über Bartholomaeus Willenthus Leben (Bei-
träge zur Gefchichte der Tit. Spradhe ©. XX f.) füge ich hier die folgende:
„Anno 1571. Do war damals grawſamer Hunger in diejen Landen
vnnd famen viel Vndeutſchen hieher [nach Königsberg], aus Littawen
Samaitten, Maſaw, etc. Lagen auff der gafjen bey der Zugbrüden.
Damals bawet man das groffe Wagenſchawr am Spittal, die armen
darunter zu legen, derer wol in die 500. geftorben, Dann auff den
hunger eine jchwere Peſtilentz einfiel. | |
Zu derſelbigen zeit war Littawifcher Pfarherr Bartholomeus
MWillentus, der vom Adel war, hatt gahr groffe trew bey jolchen armen
leuten gethan, fajt jelbjt ander. ‚Dann er einen jprachfündigen zu ſich
— 129 —
genommen, den gangen tag mit jhnen vmbgangen, ſie verhöret Unter:
richtet vnd berichtet” (Hennenberger Erclerung der Preüffifchen gröffern
Zandtaffel, 1595, ©. 239 f.)
Ein Sohn Willents, gleichfall® Bartholomaeus genannt, war nad)
Arnoldt Kurzgefaßte Nachrichten von allen feit der Reformation an den
futher. Kirchen in Dftpreujjen geftandenen Predigern ©. 249 von
1591 — 1594 Pfarrer in Trempen, alsdann Pfarrer zu Kraupifchken,
wo er aber ein jo ärgerliches Leben führte, daß er 1598 abgejeßt wurde
(Baftenaci a. a. O. ©. 71.) Die Abficht des Confiftoriums ihn, der
Beſſerung verjprochen hatte, in Balleten anzuftellen, fcheiterte an dem
Widerjpruch der dortigen Gemeinde (Paſtenaci ©. 35 f.) Nah Arnoldt
a. a. O. ©. 124 iſt er 1605 gejtorben. Vgl. Rogge Geichichte des
Kreiieg und der Didcefe Darfemen ©. 7 f.
IV.
Bon Wilhelm Martini, dem Verfaſſer des ſowohl für die
Kitauische Mythologie, wie für die Gefchichte des litauiſchen Volks—
gejanges wertvollen Gedichte „A lituo nomen ducis gens Littawa
agresti“ (Hinter der Vorrede zum Klein’jchen Gelangbuch, 1666) ift
biglang weiter nichts befannt, ald daß er von 1645 — 1670 Pfarrer
in Werden oder Heydekrug war,‘ 1670 Pfarr-Adjunkt in Prökuls wurde
und 1704 gejtorben iſt (Arnoldt a. a. D. ©. 162, 166). Unter diejen
Umftänden iſt eine Urkunde von Interejje, in welcher Kurfürjt Friedr.
Wilhelm verjihreibt dem „würdigen vndt mwolgelehrten Wilhelmus Mar-
tinius, Pfahrrer zu Werdelen im Ambt Mümmel” zu kölmiſchen Rechten
„die Senigen Neun Huben wüſten Ackerß zue Werdenn im Heydefrügiichen
Kreyße, welche Ihme von vnſerm Kemmerer vndt Haubtman zur Mümmell“
um einen jährlichen Zins eingeräumt ſeien; Datum: Königsberg den
24. September 1663 (im „Haußbuch des Ambts Mümmell“ de Anno 1678,
im Königsberger Staatsarchiv No. 237 fol., ©. 317).
Adalbert Bezzenberger.
———— ——
— 1230 —
8.
Namband, Alfred, Prof. an d. Univerfität in Paris, Geſchichte Rußlands bon den
älteften Zeiten bis zum Jahre 1884. Bon der franzöfiihen Akademie
preisgefröntes Wert. Autorifirte deutiche Ausgabe von E. Steined. Berlin.
Verlag von U. Deubner 1886. — XI u. 842 ©. 8vo (mit 4 Karten). —
Mark 9,00.
Daß durch die „Gejchichte Rußlands“ des parifer Profeſſors
A. Rambaud, der’ fich durch feine Unterfuchungen über die ältere
ruſſiſche Volkspoeſie einige Verdienſte erworben hat, der hiftorischen
Wiſſenſchaft Feine Förderung geichehen ift, daß in Ddiefem Falle der
Afademiepreis nicht gerade eine jeiner würdige Arbeit getroffen Hat, umd
daß es vollends ein fehr überflüßiges Werk geweſen ift, dieſes Bud
ducch eine Ueberſetzung in die deutjche Litteratur einzuführen, iſt bereits
mehrfach ausgeiprochen und zur Genüge erwiejen. Es iſt durchweg eine
höchſt oberflächliche und mangelhafte Arbeit, durch welche auch den
Franzoſen, die in der franzöfiichen Ueberjegung des Handbuches von
Sfolowjew ein durchaus brauchbares Hülfsmittel zur Kenntniß der
ruſſiſchen Gejchichte erhalten haben, fein Dienft gefeiftet if. Schon ein
Blid in das angehängte Verzeichniß der benugten Werfe zeigt, daß der
Berfaffer nicht im Stande geweſen iſt, eine richtige Auswahl zu treffen.
Wenn daſelbſt aus der einſchlagenden neuern deutſchen Litteratur her—
vorragende Namen fehlen, ſo dürfte das vielleicht nicht gerade als ein
Ausfluß der Tendenz des Verfaſſers, die ausgeſprochenermaßen dahin—
geht, die Annäherung Rußlands und Frankreichs zu fördern, angeſehen
werden, denn auch von ruſſiſchen Geſchichtsforſchern der Neuzeit findet
man doch nur eine willkürliche Blumenleſe verzeichnet. Für die Ge—
ſchichte Litauens und der Oſtſeeprovinzen führt der Verfaſſer gar keine
Arbeiten beſonders auf, ſondern begnügt ſich bei dieſer ſowie bei einigen
anderen namhaft gemachten Partien mit der Bemerkung, daß fie „Ber:
anlaffung gäben ein ſehr umfangreiches Bücherverzeichniß aufzuftellen“.
Iſt diefe kurze Abfertigung fchon etwas verdächtig, fo zeigt, was er als Ge-
ſchichte Litauens giebt, und was er gelegentlich aus der livländiſchen und der
preußiichen Geſchichte beibringt, daß er es wahrſcheinlich garnicht für
nöthig gehalten hat, hierüber irgendwelche Studien zu machen; mar muß
— 131 —
jich oft fragen, ob e3 denn wirklich ernjte Werke giebt, auß denen er
jeine Angaben und Darſtellungen ſelbſt entlehnt haben kann, ob diefelben
— id will nicht gerade jagen: frei erfunden, aber doch vielleicht durch
jonderbares Mißverſtändniß jeiner Vorlagen entitanden find. Für die
Leſer diefer Zeitjchrift würde e8 genügen, die betreffenden Abſätze einfach
abzudruden; wir begnügen uns mit dev Borführung einer Eleinen Aus—
wahl und einigen Bemerkungen dazu.
Auf ©. 21, wo von der Vertheilung der weſtlichen und der füd-
lichen Slaven die Rede ift, heißt es: „andererjeitd hatten ſich an der
Oſtſee die Slaven Bommerns, Brandenburgs (Heveller) und von der
Elbe (Obotriten, Wilzen) niedergelafjen“, al$ ob Brandenburg ein Küften-
land der Oſtſee, Heveller und Wilzen jemals? Küftenjlaven geweſen wären.
Wenn aber auf der folgenden Seite von den „Letto-Lithauern“ gejagt
wird: „dieſe Raſſe gehört der ariſchen Familie an; jie unterfcheidet fich
jedod) von der germanischen und (der) ſlaviſchen Raffe: ihre Mundarten
Jind von allen europätfchen Sprachen dem Sanskrit am ähnlichjten ge-
blieben“, fo dürfte diejer Sa jo, wie er da fteht, in feiner Vollftändig-
feit von einem Sprachforjcher unjerer Tage wol ſchwerlich unterfchrieben
werden. Die gleich im nächiten Saße genannten „Imuden“ am Niemen
und die „Korjen“ am weltlichen Ufer des rigaischen Meerbuſens ver:
danfen ihre Entdedung lediglich dem Weberjeßer, denn die Shmud und
die Kors der Ruſſen werden in der franzöfiichen Sprache ganz richtig
zu Imoudes und Korses, wir Deutjche aber feinen diejelben fchon lange
unter feinen anderen Namen als denen der Samaiten und der Kuren,
und nur diefe durften bier und ſonſt überall im Buche gebraucht werden.
Sachlich freilich hat der Verfaffer jelbft fich die Ungenauigfeit zu Schulden
fommen laffen, zwijchen den eftnifchen und den jpäteren lettifchen Kuren
nicht, wie es fich gehörte, zu unterfcheiden. Wenn ferner der Verfaffer
auf den Blättern, wo er von der Eroberung der Dftjeeländer durch die
Deutjchen, durch die Schwertbrüder und den Deutjchorden, erzählt,
(©. 131 ff.) immer nur von der gewaltiamen Unterdrüdung und der
Knechtung der eingeborenen Völkerſchaften ſpricht, ſo wollen mir mit
ihm darüber nicht rechten. Wenn aber die Franzoſen unſerer Tage, auch
— 1
die Männer der erniten Wifjenichaft, jobald fie auf das VBordringen der
Deutichen nach dem Diten zu jprechen fommen, mit bejonderm Nachdrud,
fajt mit dem Bruftton ſittlicher Entrüſtung immer nur von der rohen
Eroberungsfucht, vom friegerischen Blutdurft der germanischen Raſſe
reden, wie es auch hier wieder geichteht, jo möchten wir ung in
aller Beicheidenheit erlauben an ihrer erniten Ueberzeugung zu zweifeln,
denn wir jehen doch auch ſonſt, daß ihnen das Verſtändniß für den
Unterjchied zwilchen höherer und niederer Kultur, für das unbedingte
höhere Recht der erften noch nicht ganz abhanden gefommen ift. Nur
Eines möchten wir ihnen darum gerade in dieſem Zuſammenhange zu
bedenfen geben. Die eingeborenen eftniichen und lettiſchen Bölferfchaften
der ruffiichen Dftjeeprovingen, welche die Deutichen, die Damal3, wie der
franzöſiſche Schriftfteller jelbft zugiebt, nicht bloß als Kriegsleute, ſondern
auch als Glaubenzboten und als Kaufleute (jeen wir Hinzu: auch ala
Aderbauer) Hinfamen, Dort vorgefunden haben, find ungejchmälert nod
heute vorhanden, und zwar — Dank der ihnen von den Deutjchen ge-
brachten abendländiichen Kultur, und nur diefer, allein — in einem des
Fortbeſtehens unendlich fähigern und würdigern Zuſtande als vor
fiebenhundert Jahren; und auch die heutigen Nachfommen dieſer ein:
gewanderten Deutjchen ſelbſt können auf ein reiches gejchichtlicheS Leben,
auf eine immerhin gedeihliche Entwidelung zurüdbliden Was aber
heute die Aufjen gegen die Bewohner ihrer Dftjeeprovinzen, gegen dic
Deutjchen vffen und mit unummwundenem Eingejtändnig, gegen Letten
und Ejten verjtedt und unter mannichfachen Bemäntelungen, ins Werf
jegen, das iſt freilich nicht der blutige Krieg, aber doch die Vernichtung
der religiöjen und nationalen Eigenheit jener Völker, und ſelbſt unter
den Franzoſen wird doch fein Gebildeter im Ernft zugeben wollen, daß,
was die Panſlaviſten als ſlaviſche Kultur zu preifen fich angelegen fein
laſſen, um ſo viel höher jtände als die heutige germanijche, die abend-
ländische Kultur. — Daß der Verfaſſer einen Winno v. Rohrbach als
eriten „Hochmeilter” des Schwertbrüderordeng fennt, Daß er den Deutjchen
Orden „um 1225 bei den Preußen und Lithauern entjtehen“ läßt, und
Aehnliches mag nur erwähnt werden. Cbenjo wenig nimmt es Wunder,
— 13 —
wenn über die Götter und der Priefter der Litauer die alten Geichichten
aufgetiicht und höchftens mit eigenthümlichem Aufputz verjehen werden:
„Dies alte ariſche Volk, weiches von europätichen Einflüffen nicht be-
rührt war, beſaß noch von Aſien her eine mächtige Prieſterkaſte, die
Waidelotten, über denen die Kriwen Itanden, deren Oberhaupt der Kriwe—
Kriwaito, der Hohepriefter des ganzen Bolfes, war“; neben der „Haupt-
gottheit” Perkun mit ihrem heiligen Feuer erjcheinen auch „Priefterinnen
wilde Belleda’3”. Wie Mindowe, nachdem er das Chrijtenthum ange-
nommen hatte, nur aus Grimm darüber, Daß „jeine neuen Glaubens-
genofjen ihn nicht jehr ſchonten“, daß „er den Schwertbrüdern (die troß
der vorher erzählten Verſchmelzung mit dem Deutjchen Orden, wie leider
faft überall üblich, jo auch hier immer wieder auftreten) das Land der
Imuden abtreten mußte“, wieder zum Heidenthum zurüdgefehrt war, fo
Hat auch Gedimin, der fich zur Unterwerfung unter den Papft bereit
erklärt hatte, die. päpftlichen Abgefandten felbjtverftändlich nur deßhalb
„ſchimpflich von dannen gejagt“, weil „ihn inzwiſchen neue Angriffe der
Deutfchen erbittert” Hatten (©. 162 ff.). Daß der Verfaffer, um von
allen Einzelnheiten weiter zu ſchweigen und zum Schluffe zu eilen, von
jolchen Dingen zumal, wie die Bedeutung und Stellung Witomts, auch)
nicht im Entfernteften eine Ahnung hat, wird nad) allem Obigen jeder
erwarten. Wir jchließen jtatt jeder weitern Auseinanderſetzung mit feiner
Darftellung der Entftehung des polnisch-preußiichen Krieges von 1409/10,
(S. 169): „As Witowt fich faum von diefem Mißgeſchicke (der Nieder-
lage gegen die Ruſſen an der Worskla 1399) erholt hatte, jeßte er eine
noch großartigere Unternehmung gegen den Deutjchen Orden ins Werf.
Der Großfürſt von Lithauen war mehr als einmal mit den beiden (!)
deutſchen Ritterorden zujammengeftoßen. Der Deutjchorden hatte um
diefe Zeit jchon, in Folge der Entwidelung der Lehnsordnung (?!) und
des Wachsthums der Handelsftädte, von jeiner erften Thatkraft verloren
Nachdem die Imuden im füdlichen (fo!) Preußen 1409 Einfprache gegen
die Härte des Joches, mit dem man fie beichwerte, erhoben Hatten,
empörten jie fich in der Hoffnung auf die Unterftügung Witowts. Ein
neuer Hochmeilter, der kriegeriſche Ulrich v. Sungingen, wies die Ver—
10
— 134 —
mittelung des Königs von Polen, des Oberlehnsherrn Witowts, zurüd.
Nun rückten die vereinigten Streitkräfte Polens und Lithauens mit
40000 Tataren und 21000 Kriegern, weldhe im Solde Böhmens,
Ungarns, Mähren, Schlefieng ftanden,!) im Ganzen 97000 Mann Fuß—
joldaten, 66000 Reiter mit 60 Gefchügen nach Preußen hinein. Der
Hochmeister konnte ihnen nur 57000 Fußſoldaten und 26000 Reiter
entgegenitellen. Die Schlacht bei Tannenberg u. |. mw.“
Wer nach gejchichtlicher Belehrung ſolcher Art noch weiter Ber:
langen trägt, möge im Buche jelbit nachlefen. 8. Lohmeyer.
w
9.
Hochzeitsbräuche der Wieloniſchen Litauer.
Beſchrieben im Jahre 1870 von Anton Juszkiewicz. überſetzt im Jahre 1888
von Arved Petry, stud. der ſlaviſchen Philologie und Sprachwiſſenſchaft zu Dorpat
unter der Redaktion des Profeffor J. Baudouin de Courtenay.
Bormort.
|
|
Der felige Priefter Anton Juszkiewiez bat jein ganzes Leben der
Erforſchung des von ihm heißgeliebten litauifchen Volles, zu welchem er
jelbft nicht nur jeiner Abſtammung, jondern auch feiner Überzeugung nad)
gehörte, gewidmet. Alle Erjcheinungen des geiftigen und fozialen Lebens
der Litauer lenkten jeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Er jammelte raftlos
und unermüdlich da3 jprachliche, das litteräriſche, das Tulturbijtorifche und
das jonjtige Material, und zwar fammelte er dieſes alle mit der größten
Genauigkeit und Gemifjenhaftigfeit.
Vieles davon bleibt noch im Manuffript * harret einer Veröffent⸗
lichung. So iſt hier eine handſchriftliche Sammlung einer Menge litauiſcher
Volksmelodien hervorzuheben, welche der muſikaliſch gebildete und fein—
hörende Forſcher dem Volke abgelauſcht und in Noten firiert hatte.
Dieſe Sammlung, wie auch das übrige handſchriftliche Material Anton
Jußkiewicz's wurde mir teils von ſeinem Bruder Johann, teils —
nah dem Tode des letztgenannten — ſamt ſeinen eigenen handſchrift—
1) Hier kann im Original nur etwas geſtanden haben wie: guerriers
mercenaires de Boh&me etc. (Söldner aus Böhmen 2c.)
—
— 135 —
lichen Aufzeihnungen von jeiner Gattin zur eventuellen wiſſenſchaftlichen
Benutzung übergeben. Da id fait feine muſikaliſche Bildung bejige, habe
ich die Herausgabe, reſp. eine wiſſenſchaftliche Benugung der Sammlung
von Bollämelodien einem der bervorragenditen polnischen Folkloriſten, dem
Redakteur der polniſchen ethnographiichen Zeitichrift „Wista“, Herrn
Dr. J. Karlowiez in Warjhau, der auch ala Mythologe, als Sprad:
forſcher und als Muſiker einen allgemein anerkannten Namen hat, überlafjen.
Mas nun die auf Grund des von Jußkiewiez gefammelten Materials
verfaßten und jchon veröffentlichten oder unter der Preſſe fich befindenden
Werte betrifft, jo ijt folgendes zu bemerken.
Zuerſt murde von der Kaiferl. Akademie der Wiffenfchaften in
St. Petersburg ein Heft, betitelt |
JIatogckia Haponabıs WECHE. Cp MepeBoX0oMbB Ha pyckcifi
ASHKB. HM. A. KWmkesuua. Ilpnıoxenie kp XIl-ny Tomy
3Zanmcoxb Mmı. Arayemiu HayKp. N 1. Cankrtnertep6yprp, 1867.
(D. h.: Litauifche Volkslieder. Mit einer Überjekung ing Ruſſiſche.
Bon J. und A. Juszkiewicz. Beilage zum XII. Bande der Memoiren
der Kaiſerl. Akademie der Willenjchaften. Nr. 1. St. Peteräburg.
1867). 8°, 43 ©.
herausgegeben.
Die in dieſem Hefte enthaltenen Lieder ſind meiſtens auffallend ſchön.
Da aber die Verfaſſer, auf Verlangen der 2. Klaſſe der Akademie, das
ruſſiſche modifizierte Alphabet zur Wiedergabe des litauiſchen Textes an—
wenden mußten, ſo machten ſie dadurch ihr Büchlein unter den Litauern
ſelbſt höchſt unpopulär, jo daß, wie verlautet, viele Exemplare ganz ein—
fach verbrannt wurden.
Erſt nach mehr als zehn Jahren nach dieſem mißglückten Verſuche
bat der Bruder des Prieſters Anton, Johann Juszkiewicz, Gymnaſial-⸗
lehrer zu Kaſan, ein kleines Probeheft Volkslieder, als Sonderabdruck aus den
„Vaena SanauckH Mmnepar. Kasanckaro YHHBepcutera“
unter dem Titel
Listuviskos dajnos, suraSitos par Antang Juskevide (Rafan,
1878), 16°, 7 ©,,
aber diesmal ſchon mit einer Transkription vermittelft des Iateinifchen
Alphabets, veröffentlicht.
10*
— 136 — |
Dann erjhienen u. A. vier große Bände Volkälieder, teil in Kaſar
auf Unkoſten der Brüder Jußkiewicz felbft, teils in Petersburg bei der
Kaijerl. Akademie der Willenjchaften, und zwar:
Listuvitkos däjnos uzrasytos par Antäng Juskevile
apigardoje Püsatadiu ir Velünös iS zodziu liötüviu dajni
njnku ir dajninjnkiu. (JInrogckin HapopHBIM ITECHH, 3AITHcaH-
ABA AHTOROM JÜmkeBHyeMm B OKpecTHocTax IIymosar a Berens |
CO CIOB JHTOBCKUX WEBNEB H ITbBun). VUpnaoxenie Kb „YUeHbIM:
Jalackamp“ HmnepaTopcraro Kasauckaro yHaBepcutera. I'or
XLVII. Kasanp, 1880. — 8%, 418 V+ DT + OT ©.
Listüviskos dajnos uzrasytos par Antäng Juskevice Ve
lünös apigardoje is zödziu Lietüviu dajnininku ir dajnininkin
Anträ knyga. (Treci& ir ketvirt& 34jda). (JIarogcris Hapopkna.
ITBCHE, 3AUMCaHHLkA AHTOHOM JÜiınkeBunueM B OKPECTHOCTM
Beæenu Co CIOB IHTOBCKEX IbBNeB u mbuun). Tom Bropot.
(Tperiä # verBepTad Bhmyck). Kasann 1880.— 8°, XV-+443 ©. |
Listüviskos dajnos uzrasytos par Antäna Juskevice Ve
lünös apigardoje ........:.. Trecia knyga. (JImrosckis
Haponksla WECHH ....). Tperiä Tom. (Hxzyaseniem H3naTeıa).
Kasanp, 1882. — 8, X + 360 - VI FO+DOe |
Listüviskos svotbinss dajnos, uzrasSytos par Antana
Juskevice ir ißspaudintos par Jöng Juskevite. Petropyle.
Spaustüvs Imperätoriskos Akademijos Möksta. 1883. JIntop-
cKin CBAACÖHhIA HAPOAHLIA IrbCHn, 3anMCAHHhIA ÄHTOHOMT
KömkeBuyuemMB Mu WH3IaHHkbIa MBaHoMT KÜmkeBnyuemb. CaHkT-
nerepöyprp. Tunorpadin Hmneparopcrofi AkaneMin Haykr.
1883. — 8°, XXIV + 898 ©.
Ein monumentales Werk hat Anton Juszkiewicz in jeinem litauifchen |
Wörterbuche binterlajien. Er bat eine Mafje bis jebt nicht verzeichneter
litauifcher Wörter nebjt den ganzen fie enihaltenden Phraſen gelammelt,
diefelben in eine alphabetiſche Ordnung gebracht und eine polnifche Über:
ſetzung Binzugefügt. — Um eine Ausgabe jeitend der Petersburger Akademie
zu ermögliden, und auch das Mörterbuh etwas breiteren Kreiſen
— 137 —
ugänglid zu machen, Hat der Bruder Anton’3, Johann Jußkiewiez, Gym:
ıarfiallehrer zu Kaſan, das Wörterbuch um eine ruffiiche Überſetzung be-
‘eichert. Auf dieſe Weije entjtand ein jehr ausführliches litauifch-polnijch-
uſſiſches Wörterbuch, oder eigentlich nur ein reichjter Beitrag zur litauiſchen
Zexitologie, ein Beitrag, welcher alle früheren derartigen Verſuche bei
veitem übertrifft.
An der Herausgabe von Volksliedern arbeitete Anton Jußkiewicz
ſelbſt mit voller Aufopferung bis zu feinem Tode, und zwar arbeitete er
in Gemeinihaft mit jeinem Bruder Johann. Nach feinem am 1. No-
pember 1880 erfolgten Tode mußte alle diefe Mühe Johann Jußkiewicz
allein übernehmen. Dabei mar ich ihm, wie auch früher beiden Brüdern,
etwas bebilflih, indem ich die Korrekturbogen immer forgfältig durchlas.
Den Drud de litauiſch-ruſſiſch-polniſchen Wörterbudes bat die
St. Peterdburger Akademie erſt in den erjten Monaten des Jahres 1884
angefangen, aljo mehr als drei Jahre nach dem Tode deſſen, welcher
gewiß die Hälfte feines Lebens in dieſes Werk YHineingelegt hatte. Die
endgiltige Redaktion des Manuffript3 mußte Johann Jußkiewicz allein
bejorgen. Und wie ſchwer die Korrefturen dieſes MWörterbuches waren,
lernte ich auch ſelbſt kennen, da ich fie alle zu Lebzeiten Zohann Jußkiewicz's
mitgelejen hatte. Johann J. konnte nicht einmal den Buchftaben A bis
zum Ende führen. Nach jeinem im Mai 1886 erfolgten Tode übergab
die zweite Klaffe der St. Petersburger Akademie der Wiljenjchaften den
weiteren Drud des litauifchen Wörterbuchs dem Profeſſor Fortunatow in
Moskau. Wie meit derjelbe fortgejchritten ſei, kann ich jetzt ſelbſtver—
ſtändlich nicht jagen.
Zu den noch zu Lebzeiten Anton Jußkiewicz's erjchienenen Werfen
gehört auch dazjenige, deſſen Überfegung wir Bier mitteilen. Sein Drud
wurde erſt einige Wochen vor bem Tode des Prieſters Anton vollendet,
und jein voller Titel lautet:
Svotbins röda Velünyciu Listüviu suraäyta par Antäng
Juskövice 1870 metüse. (CBane6ure o6pazsı Berenckux
ANTOBUIeB, 3AIMCAHHLIE AHTOHOM KOmkepnyem B 1870 Tony).
(Hxıamseniem uszareret). Kasam. 1880. — 8°, 120 ©.
— 138 |
Dieſes Bud erſchien als Sonderabdrud aus den „Gelehrten Me:
moiren der Kaſaner Univerjität”, alle Unkoften des Drudes und der Aus:
gabe überhaupt aber Haben die Brüder Jußkiewicz jelbit beſtritten.
Der Marktflecken oder Kirhdorf Wielona (Velüna) liegt im
Souvernement und FKreife Komno, am rechten Ufer des Niemen, und ift die
dritte Dampfidhiffitation in der Richtung von Komwno nad) Jurburg. Wenn
aber Anton Jußkiewicz von den Wielonifchen Litauern ſpricht, jo meint er
damit die Einwohner nicht diefer Ortichaft allein, fondern der ganzen Pfarre,
zu welcher eima 20—30 größere oder Tleinere Dörfer und bewohnte Ort:
haften gehören, und in welcher er jelbit einige Jahre bis 1871 als
Kapellan fungierte und fi dort u. a. für die Hochzeitägebräuche beſonders
intereſſierte. | !
Selbft diefe Beſchränkung aber läßt fich nicht aufrechterhalten. Es
ift fein Grund zur Annahme vorhanden, es kommen diefe Bräuche nur
in biefer Pfarre und ſonſt nirgends vor. Vielmehr ift zu vermuten,
daß Diejelben Bräuche jih in ganz Litauen mit Kleinen Modifikationen
wiederholen, und wenn Jußkiewicz fein Wert „Svotbins röda Velü-
nycıu Listüviu“ betitelt hatte, jo that er es blos deswegen, um zu
zeigen, daß er nur in diefem Orte dieſe Bräuche jo genau beobachtet und
beichrieben Hatte.
Die Ordnung ded von Anton Jußkiewicz gefammelten und in
„Svotbins röda“ niedergelegten Materials ift manchmal nicht ganz durch—
ſichtig und vielleicht nicht immer logiſch.) Die Richtigkeit und Genauigkeit |
der Beobachtungen aber kann feinem Zweifel unterliegen.?)
Die „Svotbins röda“ ift ausſchließlich Litauisch verfaßt, alfo nur
für die des Litauifchen volllommen Kundigen zugänglid. Und ſelbſt für
dieje bietet fie einen manchmal ſehr ſchwierigen Tert, da fie viele felten
1) Die Überfegung habe ich teilweiſe etwas anders geordnet, als es mit
dem Vitauifchen Terte der Fall iſt.
2) Diejenigen, welche fich für die Vebensgefchichte beider Brüder Juszkiewiez
intereſſieren, verweiſe ich auf ihre bon mir polnijch verfaßten Biographien: 1) Kaigdz
Antoni Juszkiewicz (in der wöchentlichen Beilage zur Warſchauer Zeitung
„Nowiny“, 1880, zur Nr. 329); 2) Jan Juszkiewicz (in der Sammeljchrift „Prace
filologiezne“, Warſchau, I. 1886); 3) Jan Juszkiewicz, badacz litewski (in der
St. Petersburger Zeitung „Kraj“, 1886, Nr. 29, 30, 31). |
m.
— 139 —
gebrauchte und den Litauern ſelbſt unverſtändliche Wörter enthält. Und
doch iſt das Verſtändnis ſolcher Beichreibungen nicht nur für die Sprad-
forjcher, jondern au für alle Folfloriften und Kulturhiltorifer, die viel:
feicht feine bejondere Luft haben, fi in die Feinheiten der litauijchen
Sprade zu vertiefen, jehr erwünſcht. Deswegen hielt ich es von Anfang
an für nötig, durch die Überfegung in eine mehr verbreitete Sprache die
Bejchreibung der litauifchen Hochzeitägebräuche für alle Gelehrien brauchbar
zu machen. Obne das Studium an Ort und Gtelle aber, mit Hilfe
von den bis jeßt erjchienenen Wörterbüchern allein, war es für mic) reine
Unmöglichkeit. | |
Im Auguft und September des Jahres 1885 unternahm ich eine wiljen-
Ichaftliche Neife ins Gouvernement Kowno. Dieje Reife wurde mir durch die
Liberalität des Konjeild der Univerfität Dorpat, welches mir eine Reife:
unterjlügung gewährt hatte, wie auch durch den mir vom Herrn Kaijerl.
ruſſiſchen Minifter des Innern verliehenen offenen Brief an alle administrativen
Behörden de3 Gouvernements Komno in hohem Grabe erleichtert. Der
Zweck meine? Ausfluges war: erſtens einige litauijche Dialekte, vor allem
aber den Dialekt von Wielona, an Ort und Stelle zu unterfuchen, und
dann für alle mir unverjtändlihen Worte und Ausdrüde in Juszkiewicz’s
„Svotbins röäda“ eine Erklärung zu finden. _
Zu meinem Glüd und Vergnügen fand ich überall eine ſolche Zuvor:
fommenbeit und Liebenswürdigkeit, daß fie alle meine Erwartungen Hinter
ih zurückließ. inerfeit3 baden mir der Kowno'ſche Vize-Gouverneur,
Herr Wirfl. Staatsrath W. E. Ryzkow, und die ihm unterjtellten
Beamten nit nur feine Schwierigfeiten gemacht, jondern ganz umgefehrt
alles Mögliche zur Förderung meines wiljenjchaftlichen Unternehmens ge:
than. — Undererjeit3 fann ich beiden ausgezeichneten Kennern und Er⸗
forſchern de3 Litauiichen, den Herren Suffragan-Bilchof Anton Baranowski
und Kanonikus Profefjor Kafimir Jaumius in Komwno für alle ihre Auf-
flärungen und allfeitige wiljenjchaftliche Hilfe nicht Dank genug miljen.
Der Herr Biſchof Baranowski Hat mid auch mit Empfehlungen an die
Landes = Geiftlichfeit unterftüßt; und von welchem Einfluſſe die Empfeb-
Iungen ſeitens eines ſolchen kirchlichen Würdenträgers fein müfjen, wird
wohl Jedermann leicht einjehen. — Schließlich ſtieß ih im litauiſchen
— 10 —
Lande, ebenjo bei den Beiftlichen (fo vor allem bei den beiden Wieloner⸗
Brieftern, dem Pfarrer ©. Paszkiewicz und dem Kapellan J. Baltuszis),
wie aud beim Volke ſelbſt auf einen ſolchen Tiebensmürdigen und galt: |
freundlichen Empfang, daß id Bier nur meine volle Bewunderung und
innig gefühlten Dank ausfpreden muß. Was für prächtige, vernünftige
und edle Merjönlichkeiten bleiben unter bem braven litauifhen Wolle
beicheiden verborgen! Und was fie für Verſtändnis für die wiſſenſchaft—
lihe Forſchung zeigen! Ich möchte ein ſolches Verſtändnis allen Ans
gehörigen der jogen. Intelligenz wünſchen.
Sn allem, worüber ich nur fragte, befam ich möglihjt genaue und
befriedigende Auskünfte. Und fo gelang e3 mir auch, bis auf einige allen von
mir befragten Litauern (ſelbſt den erjten Gelehrten des Landes) unverjtänd-
lichen Worte, die Bedeutung aller übrigen in Juszkiewicz’s ‚„Svotbind
röda‘‘ vorkommenden Wörter genau zu beftimmen.?)
So ausgerüſtet, konnte ich im erſten Semeſter des Jahres 1886 ein
zweiftündiges Ipezielles Kolleg „Snterpretation von Jußkiewicz's
„Svotbins röda Velünyöiu Lietuviu‘ (Litauifche Hochzeitsgebräuche)“ an
der Dorpater Univerjität eröffnen und folglich diefen jchmwierigen Tert einem
Heinen Kreiſe meiner Zuhörer zugänglich zu machen.
Vom Niederjchreiben und Veröffentlihung einer Überfeßung aber
bielten mich fortwährend andere” feit vielen Jahren angehäufte Arbeiten
zurüd. Glücklicherweiſe fand fih unter meinen Zuhörern einer, welcher
fich entſchloß mich in Erfüllung diejer Aufgabe zu vertreten.
Herr Arved Petry hatte urjprünglich die Abficht mit Zugrundlegung
des Textes von „Svotbine röda eine grammatifche Unterſuchung über den
Gebrauch partizipieller Konjtruftionen im Litauifchen zu verfafjen. Nebenbei
aber jchien es ihm und mir jehr erwünjcht, behufs einer möglichft genauen
1) Ich hatte auch damals Gelegenheit, famt einem meiner früheren Schüler, dem
jegigen Profeffor an der Univerfität Kafan, Herrn A. Aleksandrow, welcher auch eine
wiffenfchaftliche Reife in Litauen machte, einer Hochzeit in der Pfarre von Wielona bei-
zumohnen. Es war aber eine arme, ftarf abgekürzte Hochzeit, bei welcher man aus dem
Reichtume aller von Juszkiewicz mitgeteilten Feierlichkeiten und Beluftigungen nur
wenig wieberfinden Tonnte.
— 141 —
——
Auffaſſung aller einzelnen Ausdrücke und Wörter, den ganzen Tert in
eine andere Sprache, z. B. ins Deutſche, zu überſetzen.
Das Reſultat dieſes Entſchluſſes liegt in der unten gegebenen Über-
ſetzung vor, welche ganz gediegen zu fein ſcheint. Selbit die in der gebundenen
Rede wiedergegebenen Lieder ftellen meiftenteils eine faft wörtliche Über:
jeßung dar.
An die Üüberſetzung wollen wir fpäter ein Gloffar anſchließen,
welches vorzugsweiſe alle technifchen, fi auf die Hochzeit beziehenden
Ausdrüde und dann alle in den bekannten Wörterbüchern nicht vorkom—
menden Wörter der „Svotbins röda“ enthalten joll.
Dorpat, im März 1889. J. B. de C.
Erflärung einzelner Zeigen.
Die Unterschriften unter den Anmerkungen bedeuten, daß dieje An-
merfungen ftammen:
J. — von Jußlkiewicz,
P. — von Peiry,
B. — von Baudouin de Courtenay.
Was die Anwendung von verfchiedenen Klammern im Terte der Über:
jeßung betrifft, jo wird diejelben folgender Auszug aus dem Briefe Petry’3
an Baud. de Court. (Mitau, 24. TI [8. III] 1889) am beiten erklären:
„Nachdem der größere Teil meiner Arbeit von Ihnen auf die Richtigkeit
und Prözifion ber Überfegung Hin geprüft worden war, las ich die ganze
Urbeit noch einmal zufammen mit dem Kommilitonen Boehmer, stud. gram.
comp., dur, um dur ihn auf die verichiedenen Härten, die jich während
des Überſetzens — mir unbewußt — aus dem Litauiſchen mit ing
Deutjche hineingefchlichen Hatten, aufmerkffam gemacht zu werden. Es lag
mir daran, eine mörtlich-präzije Überfegung der „Svotbins röda“ in
einen guten, reinen deutfchen Styl zu kleiden, der ſich möglichft glatt leſen
und den Sinn der einzelnen Sätze leicht und Klar erfaſſen ließe.
„zu diefem Zwecke babe ih: 1. einzelne Worte (wie Tautologieen,
Pleonasmen, Häufung von Synonyma) in Klammern — und zwar ( )
— gejeßt, wenn diefe Worte den deutlichen Styl jchwerfällig machten.
=. 149
Alles, was in dieſen runden () fteht, foll jomit bei ber Leftüre der
Überfegung nicht mitgelefen werben; der Inhalt diefer Klammern hai
nur für denjenigen einen Wert, der meine Arbeit ala Überjegung lief.
„2. babe ich der Klarheit der Überfegung und der Reinheit de
deutſchen Styls dadurch nachgeholfen, daß ich einzelne Worte [meift da3
Pronomen pers. als Subjekt oder Objekt, ebenjo Subjtantiva und Bin
und wieder andere Rebeteile] an betreffender Stelle in edigen [ ] Klammern
ergänzte, jo wie fich diefe Worte aus dem Sinn von felbjt ergaben, oder
— wo es nicht der Fall war — fi ergänzen ließen, ohne den Sim
de3 Textes zu ftören, gefchmweige denn zu ändern. — Diele Ergänzungen
baben jowol für den Philologen einigen Wert, als auch für denjenigen,
der aus kulturhiſtoriſchem Intereſſe die Überjegung lieſt.
„Was Juszkiewicz in feinem Tert in Parentheſe gejebt, habe ich mit
der gejchweiften Klammer $ ? verjehen. |
„Was die Orthographie anlangt, jo babe ich meine Arbeit nach der
neuen deutſchen Rechtſchreibung Forrigiert; bei den — meift in den An:
merfungen — angeführten litauifhen Worten babe ich die Orthographie
des Textes beibehalten.“ |
Vorwort des Herausgebers des litauifhen Tertes.') |
Die in dieſem Büchlein auseinandergeſetzten Hochzeitsgebräuche
jind noch zu unferer Zeit unter den Wielonifchen Litauern üblid. Während
Anton Juszkiewiez einige Jahre in Wielona wohnte, ſah er ſelbſt mit |
eigenen Augen mande Hochzeit der Wieloner, und was er ſah, was
er hörte, das alles fchrieb er nieder, und zwar jchrieb er nieder mit
denfelben Wörtern, mit welchen er reden hörte. |
Indem ich dieje kurze Beichreibung der Hochzeit Wielonifcher Land-
leute in derjelben Form, in welcher fie niebergefchrieben wurde, in bie
Welt berauslafje, hoffe ich, daß fie ein gemifjes Material zur Erkenntnis
altertümlicher Hochzeitsbräuche der Litauer liefern wird, falls irgend melde
gebildete Litauer gemwillt fein follten, auf diefem Gebiete zu arbeiten.
Am 8. September 1880 zu Kaſan.
Jons Juskevice (Johann Yußfiemicz).
1) Überfeßt von 3. 8. de €. |
— 13 —
Hochzeitsbräuche der Wielonifhen Litauer.
Die Hochzeitsfeierlichkeiten der Wieloner zerfallen in folgende Teilel):
1) Die Braut-Schau (Steböjimas),
2) Die Begegnung (Sänvedybos),
3) Das Bekanntwerden (Pazintüvös),
4) Das Hofmaden (Möglavimos),
5) Das Freien (Pirslybos),
6) Die Verlobung (Sänderybos),
7) Die Befihtigung (Zvalgytuvös),
8) Das Ringewechſeln (Ziedynos),
9) Die Brautlehre (Kvötimas |Eikzamens!),
10) Der Brautjtand (Mergavimas),
11) Die Chrenaufnahme (Cesnis),
12) „Groß-Abend“ (Didvakaris),
13) Der Gajtbitter (Kviöslys),
14) Der Jungfrauen=Abend (Mergvakaris),
15) Die Herausbegleitung des Bräutigams (Islajstuväs vedzia),
16) Die Erwartung de3 Bräutigamd (Lauktüvss vedzie),
17) Die Bitte um Eintritt beim Ehrenmarſchall (Isipräsimas pris
stilsedzie),
18) Das Ausfragen von Seiten des Ehrenmarſchalls (Klamücy-
jimas sülsediie).
19) Das Auslöfen der Bank durch den Marſchall [des Bräutigams]
(Vadavimas stila par päbroli),
Jußkiewicz läßt nad) diefen Worten die Aufzählung einzelner Teile aus
und fängt gleich mit der Befchreibung des „erften Teiles“, d. 5. der „Braut-Schau“ an
(bei uns ©. 145 f.), während er die Orientierung in der Menge diejer Einzelheiten dem
Leſer felbft überläßt. Der Lefer muß fich felbft aus Titeln einzelner Abfchnitte die
Aufzählung zufammenftellen. Ich hielt es für richtiger, dieſe Arbeit dem Leſer zu
erijparen und ihn gleich beim Anfang vermittelft eines Aufzählens aller Titel über
die Gliederung des Ganzen zu orientieren. Übrigens ist die von Jußkiewicz gegebene
Teilung der aufeinander folgenden Hochzeitsfeierlichfeiten feine ftreng logifche; id)
habe fie aber beibehalten, da es fich hier nicht um eine Umarbeitung des Materials,
fondern um eine Überjegung handelt. B.
— 14 —
20) Die Hochzeitägäfte auf der Bank fingen und eſſen (Svöta,j stille
dajnüja ir valga),
21) Das Suden der Schuldigen unter bem Lafen oder dem Baldachin
‚(Ji6sköjimas vynös po paklöde, arba bragu),
22) Der Abſchied der Braut von den Mädchen und der Familie
(Skirtümas nütakos nù mergü ir giminös),
23) Das Auslöfen der Bank durh den Gafthitter (Vadavimas
süla par kviöslj),
24) Das AZufammenfigen Nachdem man fie [bie Braut] von:
unter dem Baldadin oder dem Laken hervor bergeführtt' (Pasödas
Atvedus iS po bräga, arbäa iS po paklödas!), |
25) Der Polterabendfuchen des Bräutigams (Karvölus vedzia),
26) Dad Tanzen einzelner, bejtimmter Paare (Isvedimas Sokti
po skirtümu),
27) Das Danken (Adiavimas),
28) Der Brautihakführer (Kräjtvezis),
29) Die Freimerberin (Hochzeitämutter) (Svöcıa),
30) Das Überreichen des Kranzes (Padavimas vajnika),
31) Der Abjchied (Atsidejvojimas),
32) Das Weilen in der Herberge und in ber Kirche (Eilgimos
gaspado ir bazıny£io),
33) Die Erwartung der neuvermählten Frau (Lauktüvss jauna-
vedös mar6iös),
34) Scherze der Hochzeitögäfte (Prasimetimas veselnjnku),
35) Das MWeden der Neuvermäblten (Kitävimas jaunavedziu),
36) Das Sich⸗-waſchen (Praustüvess),
37) Die Ehrenbezeigungen der Hochzeitsmutter (Göda svodiös),
38) Das Ermeden der Neuvermählten aus dem Schlaf (Sukettü-
ves jaundvedziu),
39) Die Haubung (Gobturavimas su Slıkü),
40) Die Bewillkommnung der Schwiegertochter (Sutiktüuvss marciös),
41) Das Austaufen der Bank von Seiten der Hochzeitämutter (Vada-
vimas stilas par svöce), /
— 145 —
42) Das Ausfaufen bes Kopfkiſſens feitens der Schmwiegertochter
(Vadavimas pögalvia par marce),
443) Das Zufammenfigen, nachdem die Neuvermählten aufgeweckt
find (Pasödas po sukeltüviu),
44) Tanz, nachdem die Neuvermäblten aufgewedt find (ISvedimas
Sokti po sukeltüviu),
45) Das Hübhnerdieben (ViStavimas),
46) Die Begleiter der jungen Frau (Pasekdje] u:
47) Dad Schmüden des Wohnzimmers (Padabinimas saklycios),
48) Der Brautmitiag (Marcpietis),
49) Die Schwiegertochter mittenim Zimmer (Marti ant viduria astös),
50) Tanz nach dem Brautmittage (ISvedimas Sökti po märt-
pieciu),
51) Die Verteilung der Gejchente (Dalybos dovanü),
52) Der Hochzeitäfuchen der Hochzeitämutier (Karvölus svociös),
53) Der Hoczeitäfuchen des Schwiegervaters (Karvölus Sesura)
54) Das Hängen des reimerberd (Kartüuvös pirsla):
a) der Richter (Tiesädaris),
b) die Strofpuppe (Pameklö }bulvönast),
55) Der Schluß der Hocdzeit (Pabajgtüves veselijos),
56) Die Rückkehr [Der Beſuch] (Sugranztaj),
57) Der Gegenbeſuch (Atgranztaj).
1) Die Braut-Schau.
Der junge Burſche, welcher ſich bereits in nicht langer Zeit zu verloben
verheiraten gedenkt und beabſichtigt, beginnt ſchon bei Zeiten auf den
Verſammlungen der Jugend, auf Jahrmärkten und Hochzeiten Sich Die
jungen Mädchen anzufehen, fich ein paſſendes Mädchen auszuſuchen; und,
die er fich auserſieht, forjcht er nach deren Sitten, Gejundheit, Geſchlechts—
verwandtihaft!), Hab und Gut und Arbeiten; und wenn er fie,
1) gimins — das Geſchlecht mit allen Anverivandten, die Blutsperwandten,
die Familie; gentystE — die entfernte Verwandtſchaft; gentis — verwandt (etwa
durch Heirat), der Verwandte im Allgemeinen. P.
— 146 —
was Wuchs und Statur anlangt, und in Allem, was er fich mwünjdt,
paſſend findet, beeilt er fi, auf irgend eine Art mit ihr befannt zu
werden, fie ji näher anzujehen und mit ihr zu ſprechen.
2) Die Begegnung.
Wenn ber Süngling von feinen Eltern die Erlaubnig und von
feiner Familie die Zuftimmung, fi mit dem pafjenden Mädchen zu
vereinen und zu verloben, erhalten hat, ſchickt er einen geeigneten Gejandten?)
zu den Eltern der Braut, um zu erfahren und nachzufragen, ob ſie ihre
Tochter verbeiraten würden? und ob die Tochter ihn heiraten würde? Und
wenn die Schwiegereltern, d. 5. die Eltern des jungen Mädchens und
die Familie übereinjtimmen, veranftalten fie am Sonntage — wenn in
ber Kirche Alles aus ift [d. 5. nach dem Gottesdienjte] — in einer
[dazu] gewählten Herberge eine Begegnung, damit Bräutigam und Braut
einander von Angeficht zu Angeficht ſähen und mit einander fprächen.
3) Das Betlanntwerden.
Bon alten Zeiten ber bat ſich bis auf den heutigen Tag in der
Gegend von Wielona ein folder [folgender] Braud) vor der Verlobung
des jungen Burjchen mit der Braut erhalten.
Der Juͤngling erwählt ſich einen geeigneten Freund zum Freiwerber
und reitet mit ihm zum Hauſe des Geſindewirts, wo das auserwählte,
heimzuführende Mädchen iſt [wohnt]. Nachdem der Jüngling in's Haus
hineingetreten ift und während er bei der Bank?) nicht weit von ber
Thüre jtilljchmeigend dafteht, fragt der Freiwerber die Hausgenoſſen,
N) den Freier, Freimwerber, Brautwerber. Bei den Litauern, wie bei den
meiften indogermanifchen Völkern, wirbt der junge Mann um das Mädchen nicht
perſönlich, ſondern durch den Brauitwerber, einen ihm befreundeten jungen Burfchen,
der unverheiratet fein muß, Dieſer Freiwerber hält für den jungen Mann an und
trifft auch alle Abmachungen in Betreff der Mitgift mit den Eltern des gefreiten Mädchen®.
P
2) stıtas ift die lange Bank an der Wand. Diefe Bank ift meift an der
Wand des Zimmers befeitigt, jomit unbeweglidh. Vor diefer Bank (sülas) fteht
der große Tifh. Bor der zur Mitte des Zimmers zugelehrten Seite des Tifches
ftehen Kleine bewegliche Bänke — zosiänas, wahrjcheinlih ein Lehnwort aus
dem polnischen zastona (Verhüllung, Verdedung, Dede, Vorhang), zasianiac (ver-
hüllen, verdeden). P.
— 141 —
welches die Eltern der Braut feien. Nachdem er es erfahren, begrüßt er
fie Höflich und verkündet, in welcher Abficht fie Beide hergeritten wären
und Sprit zu den Eltern des Mädchens folgendermaßen.
„Es verbeugt ſich diefer Jüngling }Paurys} vor Eurer Tochter |Eva}
und ſucht fich eine Wirtin: eine züchtige, gemwandte, die Feuer anmacht
und ſchürt, ſpinnt, webt, die Eggen [Saßlleiften] am Tuche [ Zeuge] bunt macht,
Arabesken bineinmebt, Roggen jchneidet und bindet, mablt, Inetet und Brot
badt, Schweinefraß milcht, Vieh füttert, daß fie jorge um ihren Kreis, den
Hof und die Wartung der Gänſe, Enten und Hühner, daß fie die Familie
ihres zufünftigen Mannes und ihre eigene liebe, daß ſie ſich am Herde
‚und vor dem Fremden zu benehmen verjtehe, — — und mit einer ſolchen
eben will er fich vereinigen und verloben!!
Während deſſen jteht der Jüngling mit nichtöjagendem Ausſehen
[vergafft] bei der Bank gegenüber der Thüre und magt nicht, ſich hinzu:
jegen, bi die Eltern ihn [dazu] auffordern; die Braut aber läuft in das
Seiten Zimmer [die Kammer] oder verſteckt fich fonft mo.
Menn der. Süngling feiner Statur, feiner Kleidung und jeinem
Geſpräch nah den Eltern gefällt, bitten fie ihn, fih auf die Bank zu
jegen, fuhen die Braut auf, führen fie ind Wohnzimmer, Bringen bie
Beiden zu näherer Belanntihaft zujammen und jeten fie auf der Bank
neben einander, damit ſie beide fich beſprechen.
4) Das Hofmaden.
Mit dem Wunjche den zufünftigen Schwiegerjohn näher Tennen zu
lernen, gejtatten die Eltern der Braut dem Süngling bei ihnen zu ver:
febren, der Tochter den Hof zu machen [mit der Tochter ſich abzugeben],
damit fie einander fennen lernen.
Während des Hofmachens (beim Mädchen) merkt ſich der Bräutigam
ihr Weſen, ihre Anjchauungen, ihre Kleidung und ihre Beichäftigung, und
während des Monats der Beobachtung überlegt er zmweifelnd, forſcht nad)
Gerüdten!), unterfucht Alles bis in’3 Kleinfte?), beobachtet ihr ganzes
Betragen und will den ganzen Wert der Braut ergründen.
) Nah ihrem Ruf bei den Nachbarn, nad dem, was die Gefindegenofien
von dem gefreiten Mädchen halten und fich erzäblen. P.
2) is panaghdiu — das, was unter den Fingernägeln ift, die Kleinen Teile,
die fi) unter den Nägeln anfammeln, — die „größten Kleinigkeiten“. pP.
— 148 —
5) Das Freien.
Wenn der Bräutigam mährend des Monats der Beobachtung die
heimzuführende Braut erkannt, ihr ganzes Weſen und ihr Benehmen er:
fort und die fihere Gewißheit erhalten bat, daß er gefallen werde, daß
die Eltern fie [ihm] geben werden und die Tochter ihn heiraten werde,
reitet er mit dem reimerber am Dienstage oder Donnerdtage zur Braut.
Angelommen im Haufe der zufünftigen Schwiegereltern, preijt der Freiwerber
den Bräutigam, jein Haus, feinen Reichtum, die Berühmtheit der Familie
und die Güte feiner Eltern.
Unterdefjen entjchlüpft [entihmwindet] die Braut durch die ne den
Augen und verjtedt fich irgendwo.)
Nachdem ſich der Freimerber mit den Eltern ber Braut Tiebens:
würdig unterhalten, dedt er im Zimmer der Thüre gegenüber auf das
Tijchende ein weißes Tüchelchen, auf welches er einen hölzernen Wein:
becher und die mitgebrachte volle Duariflafche?) Met oder Wein ftellt.
Wenn den Eltern der Braut der Süngling gefällt, dann führen fie
das Mädchen, nachdem fie ed aufgeſucht Haben, in's Zimmer zum Bräutigam;
und die Eltern fragen fie, ob dieſer Jüngling ihr gefalle? ob er ihr lieb
jet? 08 fie ihn Beiraten und nehmen werde? |
Unter Gerede und Geſchwätz trinfen die Eltern des Mädchens mit
dem Freiwerber zujammen die ganze Quartflajche Met oder Wein, die der
Freiwerber mitgebracht bat, aus.
Wenn der Süngling gleich vom erſten Mal den Eltern und dem Mädchen
mipfällt, gießen fie ſofort diejelde Duartflafche mit demjelben Getränf voll,
weiches er gebracht hatte, und der Freiwerber reitet mit dem Bräutigam fort.
Wenn aber die Eltern unentjchieden find, jo läßt der Freiwerber
das Tuch, den Becher und die Flaſche zu dem Zweck zurüd, damit bie
1) Die Sitte, daß die Braut fich verftect, wenn der Freiwerber oder der |
freiende Burfche jelbit um fie bei den. Eltern anhält, ift den Litauern mit den
anderen indogermanifchen Völkern gemeinfam und erinnert an die Zeit des Braut |
raubens, da das junge Mädchen fich vor der gewaltfamen Entführung verftectte oder |
auch von den Ihrigen durch Verbergen geſchützt wurde. P.
2) alve nach Kurſchat — „Halben (deutſch Halbſtof) als Maß von Flüſſig⸗
keiten.“ Es iſt alſo ein Halbſtofmaß (etwa in Form einer Flaſche), re
Halbquartflaſche (2).
— 149 —
Eltern, falls die Übereinkunft fih auflöfen (reißen) follte, am britten
Tage etwas hätten, worin fie von bemjelben Getränke, welches fie aus—
getrunfen,. einfüllen, und die volle Flajhe dem Süngling als Zeichen,
daß er nicht gefalle, zuſchicken könnten.
6) Die Verlobung.
Vollkommen überzeugt, daß die Eltern der Braut und ihre Tochter
jih vor der Verbeiratung mit ihm nicht jcheuen, fommt der Bräutigam
mit. dem reimerber zum zweiten Male zu Pferde zur Braut, um volljtändige
Abmachungen [Beiprechungen] in betreff der Verlobung zu treffen.
Der Treimerber nimmt aus feiner Tafche ein weißes Tuch oder ein
Tiſchtuch heraus, bedeckt am Ehrenplage!) das Tijchende [und] ſtellt feinen
Trinkbecher und bie Flajche mit Met oder Wein hin; die Mutter ader ruft die
Tochter aus der Kammer, führt ſie zum Süngling, jet beide junge Leute
am Tiſche dem Ehrenplatze gegenüber zujammen, beginnt liebenswürdig über
verschiedene Angelegenheiten zu ſprechen, Abmachungen bezüglich des Braut:
ſchatzes und der verjchriebenen Mitgift zu treffen, das zukünftige Sein und
das kommende Leben zu überdenken, in betreff guter Ordnung auf ihrem
Grundſtücke [fich zu beraten] und verfchiedene für das in Ausficht ge-
nommene Leben nötige Sachen zu bemeijen [zu beitimmen |].
Während des Geſprächs und der Beratung betreffs der Verbindung
des jungen Paares trinft der Freiwerber mit den Eltern der Braut bie
ganze Flaſche des mitgebrachten Getränfes aus; dem Bräutigam aber und
der Braut giebt er nicht zu trinken; fie beide figen nur am Tiſche, indem
fie verjtohlen neugierig auf einander jchauen und jelten mit einander
Worte wechſeln.
Menn fie in allen Dingen übereingefommen, giebt die Braut dem
Bräutigam eine Rauten-Blüte?), bineingelegt in ein langes Stüd feiner
9) krikötästlis — Ehrenplag: es ift diejenige Ede eines Litauifchen Wohn:
zimmers, in welcher an der Wand ein Kreuz, Kruzifix (krikätas) oder aud) ein
Heiligenbild hängt; derjenige Teil der Bank (süilas) und des Tifches, der in Diele
Ede Hineinragt, bildet den Ehrenplag. p
2) Raute — ruta graveolens (die Garten=, Wein-Raute), eine bei den Litauern,
faft wie die Myrte, in hohen Ehren ftehende Pflanze; auf Litauifchen Hochzeiten und
P.
Verlobungen vertritt ſie die Myrte.
— 159° —
Leinwand oder in ein Tuch, um es der zufünftigen Schwiegermutter alö
ein Zeichen dafür zu bringen, daß fie [die Braut] ihn heirate, [ihm] jid
zu vermählen beabjichtige; und das wird Verlobung [Verabredung] oder
Zufammentrinten [Berlobungsigmaus] genannt.
7) Die Beſichtigung.
Während der Verlobungszeit bittet der Bräutigam die Eltern der
Braut, fie möchten Befihtiger ſchicken, das Grundftüd, das Wohnhaus,
die Habe und das Gut, dad Vieh und das ganze Erbteil de Bräutigams
zu bejeben.
Die Eltern des Bräutigams ermarten, nachdem fie verfchiebene
Speilen herbeigeſchafft, verjchiedene Getränfe bejorgt, fich gefäubert und
angefleidet haben, die Befichtiger, um [ihnen] die gute Ordnung ihres
Hauſes zu zeigen, ihr Hab und Gut und ihre Berühmtheit zu präfentieren
und die Befichtiger gut aufzunehmen.
Am verabredeten, beitimmien Tage ſchicken die Eltern der Braut
zur Befichtigung einen geeigneten Mann zum Bräutigam, um nachzujeben,
mie er dort lebt, ſich nach Allem zu erkundigen, Alles zu erfahren und
nach Möglichkeit auszukundichaften, wie der Bräutigam ift? melden Weſens?
wie er arbeitet? wie feine Sitten find und melde Gewohnheiten er hat?
Angetommen, fragt der Befichtiger nicht allein Die Eltern [und] den Bräutigam,
ſondern auch die ferner ftehenden Perjonen fein politiich über alle Kleinig-
feiten aus und ſieht jich überall um, bis er alle Sachen, die ganze
MWohnungs-Einrichtung des Bräutigam bejichtigt hat.
8) Das Ringemedjeln.
— ———— — — — — — — — — — — "|
‚Wenn die Schwiegereltern {die Eltern des Bräutigams und der Braut)
betreffs der Mitgift und Ausſteuer einig find, einen fejten, ſchriftlichen Kontrakt
gemacht haben, und die beiden Verlobten unter fich eins geworden find,
fommt der Freiwerber mit dem Bräutigan zum dritten Mal, [indem er] ein
Glasgefäß mit Met oder Wein — oder gefärbten, gefochtem Schnaps!) mitbringt.
N) Krösyta virta barvycia — gefärbter, gelochter Branntwein. Es ift, wie .
der polnijche „krupnik“, ein zu Haufe präparierter jüßer Schnaps, Liqueur, Die auf |
Schnaps oder Spiritus abgezogene Fruchteflenz wird mit Zuder gekocht und falt
P.
getrunten (ſowohl von Männern, als aud) von Frauen).
— 11 —
Die Eltern der Braut laden ihre Familie, Verwandten, Freunde
und Nachbarn ein, führen die Braut aus dem Seitenzimmer heraus unb
jegen die jungen Leute neben einander in der Nähe des Ehrenplakes.
Die Braut giebt dem Bräutigam Rauten-Blüten, deren Stengel in ein
weißes Tüchlein eingemwicelt find. Der junge Mann nimmt e3 und, nachdem
er die Rauten herausgewickelt, ſteckt er fie hinter den Rod an die Bruft;
das Tuch verwahrt er jih. Nachdem er aber von jeinem Finger einen
Ring beruntergezogen, giebt er ihn der Braut; in Ermwiderung giebt die
Braut dem Bräutigam ihren Ring und jtedt dieſen ihm an den Finger.
Gleich darauf Füllen fie fich.
Der Bräutigam trinkt aufs Wohl der Braut und beide müſſen
den Becher mit dem Getränk, welches getrunken wird, zur Hälfte leeren?).
Darauf gratulieren die Eltern, die Sippe [Hausgenofjen], die Ver⸗
wandten, die Freunde und die Nachbarn und wünſchen den jungen Leuten
allerlei Slüd, gute Tage, langes Leben, und Alle fangen an zu trinken, ſich
vollzugießen, zu fingen und fich zu amüfieren. Das eben iſt dad Zutrinke—
Teft der Braut?) oder dag Ringewechſeln [Verlobung]. |
Zum Abſchiede ſchenkt der Bräutigam feiner Verlobten ein prächtiges,
teure Tuch. |
Sobald ih die jungen Leute vom Chrenplate erheben, fällt der
Bräutigam auf die Seniee, umfaßt die Kniee der Eltern der Braut, dankt
für Die gejchenfte Tochter, für alle Gnadenbezeigungen und Verſprechungen,
indem er bittet, e8 möchte feinerlei Veränderung ftattfinden.
9) Die Brautlehre?),
Am folgenden Tage, am Freitag Morgen, fahren der Bräutigam
mit dem Freiwerber, die Braut mit der Brautjungfer?) in die Kirche ihrer
%) cf. Dr. L. v. Schroeder „Die Hochzeitsbräuche der Esten“. Berlin
1888 pag. 82 ff. P.
2) Zutrinfe-Feft der Braut (oder Brautfhmaus) in fofern, als nun von
ihrer Seite, von ihren Eltern, die Getränke fpendiert werden. P.
8) Kvötimas (ekzämens) — das Ausfragen, dag Eraminieren von Seiten
des Geiftlichen. Es entfpricht Diefer geiftliche Akt der fogenannten „Brautlehre“
in der evang.=luther. Kirche, nur mit dem Unterfchiede, daß bei den Zutheranern
der PBaftor die Braut ſowie den Bräutigam noch in ihrem Glauben befeftigt und
beide auf die Bedeutung der Ehe aufmerkſam madt. P.
9 pamergd — Brautſchweſter, Brautjungfer, Brautmagd, die das junge
Mädchen als Braut fi aus der vahl der bekannten jungen Mädchen zur ſteten
11*
— 152 —
Pfarre [Gemeinde], um zu beten, vor der Trauung zu beiten, vor ihrem
Priefter eine Prüfung [Geftändnis, Belenntnis] [mie] aus den Geboten
ihre Glaubens, [jo auch über] ihre Vermandtihaft und ihren Stand ab:
zulegen, Dann erkundigt fi und fragt ber Priefter nad) dem Geringiten
[detailliert] über Alles Moͤgliche, ob er nicht irgend ein Hindernis zur
Verbindung der beiden fände.
Die Neuverlobten tragen die fie betreffenden Berichreibungen ins
Kirchenbuch ein und, wenn fie Alles verrichtet haben, laffen fie fich auf:
bieten und kehren nah Haufe zurüd.
Bon dieſer Zeit an beginnt der Brautitand und währt Bis zur
. Trauung.
10) Der Brautftand.
Während des Brautjtandes geht die Braut jeden Tag mit Rauten
beftect, mit einem Kranz und Bande auf dem Kopfe, und, wenn fie
irgend wohin (aus dem Haufe) geht, fo immer in Begleitung der Braut:
jungfer, wie mit einem Anhängſel, und überall führt fie [die Braut] fid
bejcheiden auf.
Während des erften Aufgebots geht fie nicht zur Kirche, [fondern) .
jigt traurig zu Haufe; jedoch zum zweiten und dritten Aufgebot geht
jie mit der Brautjungfer zufammen in die Kirche — mit Rauten beftedt,
befränzt und mit Bändern geſchmückt — und betet herzlich.
Während diejer Zeit bringt der Bräutigam feiner Verlobten, wenn
er fie beſucht, Schuhe zum Geſchenk, ebenfo irgend etwas den Schwieger⸗
eltern dem Vater und der Mutter der Brautt, den Schwägerinnen!) und
Schwägern; die Braut aber. ihrerjeitß ſchickt für ihre Schwiegermutter
ein Stüd weißer Leinwand, für die Schwägerinnen zu je einem Tiſchtuch,
für die Schwäger je ein Paar Handſchuhe oder geſtickte Gürtel.
Begleiterin (Genoffin, Freundin) erwählt: die Wahlſchweſter. — Wegen des bejtändigen
Zujammenjeing mit der Braut erhält die pamergs das Epitheton päüdegis, d. h.
Nachſchwanz, Anhängjel, Begleiterin und wird meijt pamerge-pähdegis genannt.
pP
) Für die angeheirateten Verwandten der Frau einerfeit3 und des Mannes
andrerfeit3 hat die litauifche Sprache, wie die ruffiiche, geichiedene Bezeichnungen:
lajguùnè (ruf). cBonumnauna) die Schweiter der Frau (tefp. der Braut), die Schwägerin
des Mannes. dajgunas (ruff. mypume) der Bruder der Frau (reip. der Braut),
— 153 —
11) Die Ehrenaufnahme.
Am Sonntage nad dem Gottesdienfte, während des zweiten und
Dritten Aufgebotes, führt der Bräutigam die Braut mit der begleitenden Braut-
jungfer, ihre (der Braut) Eltern, die Hochzeitämutter der Braut, den Ehren:
marjhall!), Freimerber und Gaftbitter in eine Herberge zu einer Aufnahme,
bemirtet fie und alle andern mit Bier, Meet, Wein oder gefärbten Schnaps;
[ganz] Bejonder8 bemwirten der Bräutigam, der reimerber und der
Mearihall?) die Braut und die Brautjungfer. Und dann beiprechen und
überlegen nun Alle, wann und wie man die Hochzeit ausrichten und
zuftande dringen fol, d. 5. welchen Tag man für die Trauung wählen,
wieviel man Gäfte einladen fol, und jo über die ganze Hochzeitäordnung.
12) „Groß-Abend.“8)
Am Donnerdtaget) vor der Hochzeit ſchickt der Bräutigam der Familie
feiner geliebten Braut Geſchenke.
der Schwager des Mannes. mosà (ruff. 3ozonka) die Schweiter des Mannes
(refp. des Bräutigams), die Schwägerin der Frau (Braut). disveris (ruff. zesepr)
der Bruder des Mannes (rejp. Bräutigams), der Schwager der Frau (Braut). üsv6
(ruf). Töma) Mutter der Frau (Braut), die Schwiegermutter des Mannes (des
Bräutigams). anyta (ruf. cBökpop) die Mutter de3 Mannes (Bräutigams),
Schwiegermutter der Frau (Braut). Usvis (ruff, recrn) Vater der Frau (Braut),
Schwiegervater des Mannes (Bräutigams). Gsvis und veraltet ädsiuras (ruff,
cBöRopE) Vater des Mannes (Bräutigams), Schwiegervater der Frau (Braut).
üsviej die Schwiegereltern (ohne Unterfchied). svöta) — (nah Kurſchat) „die Eltern
der Braut oder der jungen Eheleute” — fomit auch die Eltern des Bräutigams.
zentis (ruſſ. are) Schwiegerjohn, marti (ruff. messerza) Schwiegertochter.
N) sülsödis — Ehren-Gaſt, Ehrenmarſchall (Brautvater), derjenige Ehren
gaft, der auf der Bank (süilas), und zwar auf dem Ehrenplatze (krikätäsüly), figt
(södi). Der sülsddis wird wohl auf der Titauifchen Hochzeit eine ähnliche Ehren-
role einnehmen, wie der ſprichwörtliche „General“ auf den Hochzeiten un
Kaufleute,
2) pabrolys jcheint fowohl in feiner Bildung als auch Bedeutung an das
jerdiiche „mo6parum“ zu erinnern, Wahlbruder, der erwählte Freund und Begleiter
(Bräutigamsmarichall), den fich der Titauifche Bräutigam quasi zum el er⸗
wählt; cf. pamorgö.
8) Didvakaris = „Großabend“; wörtlih mit „Sroßabend“ — weil
fh aus der Beſchreibung dieſes Abends kein beſonderes specificum für die Über-
ichrift ergiebt. Vielleicht im Litauifchen „Großabend“ (didvakaris) wegen der großen
Abendverfammlung im Haufe der Braut und ebenjo des Bräutigams genannt 9. P.
9) Auch bei den Litauern, fowie bei den anderen Indogermanen, finden die reis
und Verlobungs⸗Feſte, fowie die Hochzeit, meift am Dienstage und Donners⸗
tage statt. P;
— 154 —
Am jelden Tage verlammelt ſich ein Teil der Mädchen bei der Braut,
der andere beim Bräutigam, um für den Gaftbitter!) den Blumenftrauß?)
zu ſchmücken; junge Burfhe aber, um das Pferd mit Grünwerk zu
putzen. Sobald jie den Gajtbitter geſchmückt haben, entlaffen ſie ihn,
damit er zur Hochzeit die Sippe, die Verwandten, Freunde, Nachbarn und
andere Gäſte männliden und weiblichen Geſchlechts einlade, wobei fie
fingen:
1. Weilend bei der lieben Mutter, .
That ich Feine Arbeit;
Hatte nur ein Blumengärtchen,
Ahornlaub umzäunt’ es.
2. Nicht erfann ich, nicht erfand ich,
Melde Saat zu ſäen.
Möchte gehen, Mutter fragen,
Welche Saat zu jäen.
3. — Mütterlein, du liebes Seelchen!
Sag’, was foll ich füen? —
„Säe Rauten, ſäe Krausmünz’?),
Säe zarte Lilien!”
4. — Sä'te Rauten, ſä'te Kraugmünz’,
Sä'te zarte Lilien,
Sä’te meine jungen Tage
Mie die grünen NRauten.
5. Keimten Rauten, Teimten Kraudmünz’,
Keimten weiße Lilien,
Keimten meine jungen Tage
Wie die grünen Rauten.
3) Hochzeitslader. P.
2) Der Blumenstrauß ift ein ein, zwei⸗ oder dreiäftiges Stabchen, mit a
und Rauten geſchmückt und mit Bändern ummwunden.
8, Krauſeminze oder Kraufemünze — „mentha crispa“ — nach
„Linn.‘ ‘) P.
— 15 —
6. Nebte Rauten, nette Krausmünz',
Netzte zarte Lilien,
Pete meine jungen Tage
Wie die grünen Rauten.
7. Pflückte Rauten, pflückte Krausmünz’,
Pflückte zarte Lilien,
Pflückte meine jungen Tage
Wie die grünen Rauten.
8. Flocht die Rauten, flocht die Krausmünz',
Flocht die zarten Lilien,
Flocht auch meine jungen Tage
Wie die grünen Rauten.
9. Leicht iſt dir, du Herzgeliebter,
's Weilen bei dem Vater;
ehe mir! ich, armes Mädchen,
Muß weit in die Fremde!
10. Deine ſchwarze Muͤtze ift dir
Täglich auf dem Köpfchen:
Meinen Rautenfranz, den hab’ ich
Nur ein kurzes Weilchen.
11. Wird ein Guter mir bejchieden,
WIN dem Himmel danken;
Iſt der Mann ein Tieberlider —
Lebenslänglich meinen. —
12. — Sorge nicht, du Herzensſchweſter,
Wie dich Schön zu kleiden:
Schwägerinnen werd’n dich ſchmücken
Mit biſſigen Worten.?)
1) Deine Schwägerinnen werben dich ſchelten und meiſtern.
— 156 —
13. Sorge nit, du Herzensſchweſter,
Wie du dich wirſt waſchen:
Bitt're Thränen, liebes Mädchen,
Soll’n dein Antlitz waſchen.
14. Sorge nicht, du Herzensſchweſter,
Wirſt Fein Handtuch baden:
MWirft dich mit den Armeln wiſchen,
Wirt du fertig werden?!)
15. Sorge nit, du Herzensſchweſter,
Wirſt den Kopf nicht kämmen:
Deine blonden Haare fämmt der
Jüngling mit den Nägeln!
16. Sorge nit, du Herzensſchweſter,
Wirſt nicht Wäſche waſchen:
Deine Hemdchen wird man waſchen
Auf den weißen Schultern?). °).
An diefem großen Feſtabend fährt ebenjo die ganze Familie zum
großen Rat; man jauchzt laut, man fingt, man tanzt und trinkt Schlucke
[man trinkt Toafte].
13) Der Gaftbitter.
Der Gaftbitter ift gemöhnlid) ein aus der Zahl der Nachbarn ge-
wählier Wirtsjohn, der ſchlau, beredt, anftändig und rechtichaffen ift.
Es giebt zwei Gajtbitter: einen jeitend der Braut, den andern
ſeitens des Bräutigams.
Die Pflicht des Gaſtbitters iſt, die Sippe, die Verwandten lim
weitern Sinn], Freunde und andere Gäſte zur Hochzeit einzuladen.
DD. h. du wirft faum mit der Arbeit fertig werden, wirft-rur Zeit haben,
dir die Schweißtropfen mit dem Ärmel von der Stirn zu wiſchen! Wie willft du
es dann fertig bringen, dich ordentlich zu mwajchen und mit einem Handtuche dich ab-
zutrocknen? P.
2) Andeutung auf Schläge von Seiten des Mannes. P.
3) Eine Weiſe (Melodie) zu dieſem Liede findet man in der litauiſchen
Monatzfchrift „Varpas“ (in Tilſit), 1889, Nr. 2. B.
— 157 —
Wenn der Gajftbitter — mit einem mit Rauten und Flitterwerk be>
ſteckten Hute, auf dem mit Grünmer? geſchmückten Pferde — beim Haufe an-
gefommen ift, in welches er geſchickt wird, geht er ſtracks ins Wohnzimmer;
jteckt durd die Thür das jchön gepußte, mit Bändern und kleinen Schellen
geſchmückte dreiäftige Blumenſtäbchen voran hinein und hält an der Thüre
ftehend, mit der Mütze auf dem Kopfe, laut ungefähr folgende Rebe:
Nede des Gaſtbitters ſeitens des Bräutigam®.
|Aufgezeichnet nad Weliöka aus Wielona}.
„Zuerſt gebe ich die Ehre Gott dem Herrn, dem Schöpfer Himmels
und der Erben, und diefem Haufe und dem Begründer, ſowie der Be:
gründerin dieſes Hauſes, und diefem Tiſche als Altar, der Flachsblüte!),
dem Roggenblute, der Weizenähre.
„Hört mich Jungen reden, wie ein goldenes Glöckchen tönen” {hier
flingelt er und fchüttelt das Blumenftähchen!, „mich, der ich grüne
Rauten ſchüttele, in die Höhe ſchwinge und fehüttele, von feidenen Bän-
dern flimmere.
„Man bat mich als Boten von jenem glüdlihen Orte nad) dieſem
glücklichen Orte gejhidt, von feinem anderen, als nur von jenem Be—
gründer und jener Begründerin ‘von ben Cvirkai} und von jenem jungen
Manne, dem grünen Stabwurzbaume {Benedictus}, ber des Morgen?
früh aufftand, über den Hof ging, den Falten Tau abjchüttelte, den grünen
Raſen zertrat, durch den ſchwarzen Straßenihmuß mwatete, den neuen Stall
öffnete, dad Rößlein fütterte, die Joppe auslüftete, dag Rößlein probierte.
Nachdem er die Thüre geöffnet, fein braunes Rößlein gefüttert, erwählte er —
zur grauen Erde niederfallend, die Mardermüße in die Höh' hebend und tief
den Kopf neigend — mich ganz ergebenen Diener [zum Boten] und entließ
mid mit einem Linnentuche, mit goldenem Ringe, mit feidenen Bändern
und einem Strauß grüner Rauten, um zu jeiner berühmten Verwandtſchaft,
zu den geiftlihen Herren, zu den wunderthätigen Bildern?) einzuladen.
) Die Flachsblüte ift das Tifchtuch; das Roggenblut — Bier oder Brannt—⸗
wein; die Weizenähre — das Weißbrot.
J.
2) Der Gaftbitter ladet in feiner großthuenden Art und Weife die Gäfte in
das Haus ein, weldjes ſich rühmt, Geiftliche zu feinen Familienmitgliedern zu zählen
und wunderthätige Heiligenbilder zu befigen. P.
— 158 —
„Diefer Süngling ijt nicht aus einem anderen Lande, nicht aus
fremder Gegend, ſtammt aus denfelben Leuten), ift vom Bater [und]
Mutter gezeugt?), erzogen und gefleidet, von Schmweitern auf den
Armen getragen, in grüner Wiege gemiegt, mit jeidenen Windeln gewickelt,
mit feidenen Tüchern getrodnei, von Brüdern geihügt worden, aus
berühmter Familie gepriefen®), Hat mit goldenen Äpfeln geſpielt, ift
mit MWeißbrot genährt worden und bat im grünen Nauten-Gärtchen ein
junges Mädchen eriehen. Das junge Mädchen gefiel ihn, wie die grüne
Raute des Gartens; er ſprach mit ihr liebe Worte, wechjelte goldene Ringlein.
„Das junge Mädchen SAgathet ſtammt ebenſo von Vater [und]
Mutter, ijt hübſch gewartet, von Brüdern und Schweitern in Schuß ge-
nommen, aus guier und großer Familie gepriefen, in bunter Wiege gemwiegt,
mit feidenen Windeln gemidelt, mit jchmadhaften Broden Delikateſſen)
genährt worden.
„Und fo bitte ich ſchön ehrerbietig euch Alle, groß und klein, alt
und jung zu Montag Abend, zu Dienstag Morgen, nicht auf einen Tag,
jondern auf die ganze Woche, ihr möchtet jo gnädig und nit hochmütig
jein, euch zu dieſer Hochzeit zu verfammeln. Und ebenjo bitte ich nicht zu
irgend einem Getränk, nicht zu irgend einer Zubereitung, jondern nur
zum Brauen ded Biere und Kochen des Schnapſes, zu einem Schnitt
Meikdrot, zu einem laden Grobmweizenbrot?), zu einem Gänjebalje, zu einem
abgerupften Bären-Bürzel (-Steiß), zu einem Sperlings-Schinken, Enten
Braten, zu Bremfjenblut, zu Müden-Wurft, zu einem Fliegenſteißbein
(⸗2Speckſchrote); zu figen vor Buchenholz-Schüffeln, Zinntellern, Mejfing-
lampen und vor filbernen Löffeln.
„Kinku kinkajdej‘°), [auf] Weidenholz⸗Füßchen, ein Tifchlein aus
ie Brettern ift hingeſtellt, geſchmückt und bededt; gereicht werden wird
Bier, Met, ſüß- angeſpitzter Schnapg und ein gefrümmter Hundeſchwanz.
DD. h. er ilt unfer Landsmann. | B.
2) D. h. er ift ein eheliches Kind des befannten Vaters. B.
8) Durch den Ruhm feiner Familie befannt. B.
4) Ein nicht ganz jchwarzes Brot überhaupt, auch aus Noggen oder —
poln. aitnik.
5) „Kinku kinkajtej“ — ein onomatopoetifher Ausdruck, der jekt = den
Litauern nicht mehr in feiner Bedeutung verftanden wird. P.
— 159 —
„Ihr werbet nicht jatt, nicht nüchtern jein. Der Braten ift zubereitet:
ein Ochſe ijt gebraten, Hinter dem Badofen an einer Seidenſchnur auf-
gehängt, ein Meſſer ift Hineingeftedt, hineingethan. Wer mollen wird,
wird ſich abjchneiden; wer fich efeln wird, wird ſich zurüdziehen.
„Ihr Alten kommt meder hungrig noch jatt gefahren, nur mittel:
mäßig [gefüllt]. Wenn ihr hungrig fommen werdet, werdet ihr auch dort
nicht3 bekommen; wenn ihr jatt gefahren kommen werdet und nachdem
ihr zu Haufe euch ſatt-gegeſſen und -getrunfen, merbet ihr aud dort
[etwas] befommen. |
„hr, junge Brüderlein, euch bitte ich ebenſo, füttert zu Haufe gut
eure Roͤßlein jatt und pußet eure Schwertlein und goldnen Steigbügelchen
ab. Wenn fie!) zu Haufe gefüttert jein werden, werden fie aud) dort
[au freijen] befommen; wenn ihr aber auf ausgehungerten Rößlein her—
reiten werdet, ‚werben ‚jie dort auch nichts befommen.
„And ihr, junge Mädchen, Iafjet nicht zu, daß zu Hauſe das
Kränzlein aus grünen Rauten verwelke; es wird auch dort verwelkt jein.
Wenn es zu Haufe grün jein wird, wird es aud dort grün jein.
„Doch ihr, Heine Kinderchen, bittet die alten Eltern, daß fie euch) aud)
mitnehmen zu diefer Hochzeit. Wenn fie aber euch nicht [fahren | laſſen jollten,
jo ärgert eud) nicht über die lieben Eltern, denn aud von den Unfrigen
giebt es genug folcher; auch jet babe ich jchon drei Reihen um den Ofen
und eine auf demjelben zu Hauje zurückgelaſſen. Bittet nur die lieben
Eltern und gebet ihnen ein Maß Weißbrot, damit fie auch von dort
jolches nah Haufe brächten. Was für ein Maß ihr geben werdet, ein
jolches werdet ihr auch befommen?).
„Fahret Hin, ſeid nicht bochmütig, reitet bin, fürchtet euch nicht,
fommet zu Fuß, mälelt nit — die gerade große Landſtraße, die mit
Steinen gepflajtert iſt; was aber an Steinen nicht augreichte, hat man
mit Nüßlein beftreut.
„Ich babe ein braunes Rößlein; meinem braunen Rößlein gebt
geſchenkweiſe Hafer, wenn nicht Hafer, jo ein Schichthen Heu, eine Hand—
vol Stroh. | |
1) Die Rößlein. P.
2) Eine ſcherzhafte Anwendung von Matth. VII. 2. B.
— 10° —
„Ich bin ein junger Bote, mein Rößlein ift Mein; befeftigt ift euer
Schloß zwiſchen Flüffen. Ich ritt über den Fluß, das Rößlein ftolperte,
die Tajche trennte fih auf, alle Wörtlein ftreuten ſich aus. Nicht ich allein
bin jchuld, auch der Schneider ift ſchuld. [Die Worte], welche ich gefunden
babe, babe ich gejagt; die ich aber nicht fand, babe ich nicht. gejagt.
„sr, junge Mädchen, wie grüne Rauten, ſuchet für mich ein
Mädchen aus, wo nit ein Mädchen, jo doch ein feidenes Tüchelchen,
wenn nicht ein feidenes Tüchelhen, fo wenigitens einen hübfchen Gürtel
mit außgezupften Franſen.
„Ihr Frauen, ihr dicken und turbantragenden!), verjprecdhet [mir] ein
Stüd Leinwand, wenn nicht Leinwand, jo ein Tiſchtüchlein, wenn nicht ein
Tilchtüchlein, jo Bänder. Sclieklih, wie ihr wiſſen werdet, [jo] werdet
ihr handeln.
„Ich meiß nicht den Weg, ich braude Kniebänder?).“
Rede des Gaſtbitters jeitena der Braut.
IAufgezeihnet nad) Cwirka aus Kiangiai). |
„Zuerit gebe ich die Ehre diefem Haufe, dem Bejiter und der Be-
ſitzerin dieſes Hauſes und diefem Tiih als Altar, der mit des Flachſes
Blüte überdeckt ift, mit ſchwarzen Kannen und meitbauchigen Krügen bejeßt,
mit Roggenblut und Weizenähren geihmückt ift, mit der heiligen Wachs—
ferze®) beleuchtet ijt.
„sch bitte jchön höflich, meine Rede anzubören, wie dad Tönen des
goldenen Glöckleins, nicht jo das Tönen des goldenen Glöckleins, wie
meine, des Jünglings, Rebe.
„Ich bin der ganz ergebene Diener, geſchickt aus jenem glüdlichen
Haufe in dieſes glüdliche Haus von den Befigern Wirten] Ivon den
Eimutis) und von dem jungen Mädchen IRoja}, welches einen Vater Hat,
von einer Mutter geboren, von den Brüdern und Schweitern gefleibet
worben ift, aus berühmter, weitverzweigter Familie gepriefen; die früh—
1) Die litauiſchen verheirateten Frauen tragen auf dem Kopfe bunte (mollene
oder baummollene) Tücher, die fie nach Art eines Turbans aufiteden. P.
2) Mit diefen Worten (litauiſch Hat man hier ein Wortipiel) wendet fich der
Gaftbitter an die jungen Mädchen, melde ihm die Kniebänder ſchenken follen.
Das Flechten der Kniebänder ift mehr VBeichäftigung der jungen Mädchen. P.
8) „gabija“ — die heilige Wachsferze, Donnerferze, pol: gromnica. P.
— 161 —
morgens aufitand, über den Hof ging, den grünen Raſen zerirat, den
goldenen Tau abjhüttelte, die grüne Raute pflücte, ein Kränzlein wand,
e3 auf das Köpfchen Iegte, jeden Sonntag Morgen in die Kirche ging,
und nachdem fie die Predigt zu Ende gehört, zu den lauten Vergnügungen
ging — nicht fo fehr zu diefen Vergnügungen, al3 zur Mädchen-Schau;
und fie verabredete mit dem Jüngling, dem grünen Stabmwurzbaum, mit
Johann IKuntist, in Eintracht, Liebe und Einigkeit zu leben, mit dem fie
die weißen Hände zujammenthun, die Ringe wechleln wird [mill].
„Ein Kind guter Eltern, aus berühmter Familie ift biefer junge.
Mann, der frühmorgens aufftand, über das Gehöft ging, den kalten
Tau fortſtreifte, durch den ſchwarzen Straßenſchmutz watete, die Stallthür
öffnete, in den Stall hineinging, den goldenen Becher erhob, das Rößlein
fütterte, jeden Sonntag Morgen zu lauten VBergnügungen außritt.
„Ich bitte euch alle jehr Hüjch, zu Montag Abend, zu Dienstag früh
zu heiterer Jugendgeſellſchaft zu kommen, unfere hübſche Menge zu be-
reichern, nicht zu irgend etwas anderem, als nur zu luſtigen, lauten
Vergnügungen.
„Ich bitte ſehr Euer Gnaden zu Rheinwein, zu ſchwarzem Bier,
zum Brauen von Hausbier, zum Kochen von Met, zum Brotbacken, zum
Bringen von Weißbrot, zum Führen von Grobweizenbrot!), zum Elſter—
Vorderbeine, zu Enten-Bruft, zu Meijebraten, zu einem Schafsbod, zu
einem bunten, drei Sabre gemäfteten Gänferih, zu einem Kapaun-Hahne,
zu einem KHühnerbeinden, zu einem Sperlings-Schinten, Grillenfteikbein,
zu einer liegenhälfte, zu einem Müdenrüljel.
„Es iſt ein Lehmtifchlein, Beſengras-Füßchen; da wird ein gebratener
Ochſe auf den meißen Tiſch gelegt und ein Meſſer mit einem Holzſtiel
bineingejteckt fein. Wer von euch wollen wird, wird fich abjchneiden; mer
nicht mollen wird, wird fich zurüdziehen.
Der Hochzeitslader bittet Weißbrot und Grobmweizenbrot von en zur
Hoczeit mitzunehmen.
Eine ſolche Auffaſſung jcheint mir nicht richtig zu fein. Vielmehr ladet der
Gaftbitter ein, das Bringen und Führen des Brotes in großen Maffen fih anfchauen
zu wollen, oder vielleicht bei diefem Bringen und Führen behilflich zu fein. DB.
— 162 —
„Die Alten bitte ih, am weißen Tiſch auf dem Ehrenplage zu Jißen,
eine vernünftige Beratung zu balten, einen Schlud Wein zu jchlürfen,
zu plaudern; die Jugend aber zu lauten Vergnügungen in den Hausflur
hinauszugehen; bie jungen Brüberlein Tänze zu tanzen, Kunftjtüde zu
zeigen, Spektakel zu maden. Eine Hufe Landes, mit Apfeln bunt ge
macht, mit Nüffen gepflajtert, wird gegeben jein; es werden Dudelſaͤcke,
Eymbeln!) (2), Ziegenhörner, Brummeifen und Harfen?) für Die jungen
Burſche da jein.
„Die Sünglinge bitte ih, da braune Roß zu Halten, den goldenen
Steigbügel auszufüllen, eine Hufe Landes zu durchwandeln und den
Ihmwarzen Straßenjhmuß zu durchmaten.
„Dort wird der Hausflur gepflaftert, mit Schillingen ausgedeckt fein;
da wir mit Schillingen zu kurz kamen, haben wir mit Nüſſen gepflaftert.
„Die Kinderchen bitte ich auszuputzen, anzufleiden, um den ſchwarzen
Dfen Binzujegen, ihnen Weißbrot abzufchneiden und Bier binzuftellen;
nachdem jie Weißbrot gegejjen und Bier getrunken, in dem Hausflur Bin-
und berzulaufen, nicht unartig zu fein, ſich nicht zu ftoßen, fih nicht zu
Tode zu quälen; nachdem fie gehüpft und umhergeiprungen, „den Sperling
gerupft3)” ‚im Zimmer umberzulaufen, [und] zu lauern, noch mehr Weißbrot zu
erwiſchen. Ob fie noch mehr bekommen oder auch nicht befommen werben,
eher werden jie die Peitichenipite über den Hintern befommen.
„Ich bitte, gehet nicht zu Fuß, reitet zu Pferde, fahret im Fahrzeug
mit ſechs Roffen, lauter Grauſchimmeln mit gebogenen Hälfen und auf den=
jelben blinden, lahmen Mähren?) — auf den Fußſteigen der Schmeine.
1) Litauifch „sömos“ (n. pl.), jedenfalls irgend ein mufifalifches Snftrument P.,
vielleicht Cymbeln? B.
2) Känklös = — ein Saiteninftrument mit 10—12 Saiten, wie eine Heine Harfe. P.
9) „Zvirbli papesti* — „den Sperling rupfen“ ift wohl das Kinderfpiel,
wobei einem von den Mitjpielenden die Augen feitgebunden werden; um ihn fammelt
fi) die übrige Kinderſchar, zupft und rupft den in der Mitte Stehenden, big er
errät und am Namen nennt, wer ihn gezupft hat. Artet das Spiel in allzu große
Heiterkeit aus, jo wird der Betreffende, der in der Mitte rät, auch an den Haaren
geriffen und gezupft, wie dann die Iuftigen Spielgenofjen überhaupt darauf ausgehen,
recht jchmerzhaft zu zupfen. P.
9 D. h. diefelben Pferde heißen einmal Roſſe und Graufhimmel mit gebo=
genen Hälfen und gleich darauf blinde lahme Mähren. Diefer Kontraft joll eine
fomifche Wirkung haben. Ebenſo erwähnt der Nedner des Komismus wegen der
Tußfteige der Schweine. | B.
— 163 —
„Run ift der Weg zurechtgemadt, mit grünen Rauten beftreut, mit
Äpfeln auögepflaftert, mit Tannenzapfen ausgedeckt [überbrüdt., Wenn
wir an Zannenzapfen zu kurz famen, dedten wir [ihn] mit Schillingen; wenn
ung Schilfinge mangelten, deckten wir [ihn] mit Nüffen.
„Bei uns find die Pferbeftälle gemauert, aus Luft erbaut, mit
2Bolfen als Ratten, mit dem Himmel überdacht; Scheidewände find herein:
gemacht, Eichenholzdielen, die Schmwarzpappel = Krippen mit Hafer an-
gefüllt, mit Heu vollgeftopft, vollgefchüttel. Die Roſſe werden mit den
Mäulern freffen, durh die Nüftern wird e8 treuen, der Schaum wird
berunterhängen; Tag und Nacht werben fie freffen, niemals im Rachen
etwas haben. Dort werden zur Genüge Heupläge und gemengtes Pferde-
futter!) fein; die Pferde der Gäfte werden freſſen oder nicht freſſen,
menigften® unter der Schnauze Baden; jih auf die Schweife zurüd-
ftüßend, werden fie fröhlih tanzen, wie verrüdt tanzen. Wenn aber
das gemengte Pferdefutter nicht hinreichen wird, wird die Krippe mit
Schäden (Acheln) angefült jein; wenn man nur Schäben Binzulegt, werden
ſie fich ſattfreſſen.
„Wenn wir Jungen nad dieſer berühmten Stadt Wielona hin—
geritten fein werben, Hundert und fünfzehn Meilen, werden wir dort
jeden, wie unterjegte Geftalten ſich zujammenftellen, die weißen Hände
zujammenlegen, die goldenen Ringe wechſeln, einer dem andern fich ge-
loben; dort werden wir hören Dudelſäcke blafen, auf Ziegenhörnern blajen,
Geigen ftreihen, Orgeln braufen.
„Dort werden mir in das Haus des Königs?) gehen. Dort werden
wir in einer guten Herberge uns aufhalten, mo Schmwarzpappel = Dielen,
Eichenholzkrippen find. Für unjere braunen Rößlein werden Heupläße fein ;
es wird au nicht gemengtes Pferdefutter nötig fein. Wer wollen wird,
wird füttern; wer nicht wollen wird, wird nicht füttern. Dort werden wir
die Roſſe anbinden; ob die Roſſe freſſen werden oder nicht, wenn fie
nur unter den Schnauzen haben werben, mich, Brüder, wirb nicht3 fümmern.
!) Abräkas — Hafer mit Spreu gemifcht, poln. obrok. B.
2) Der „König“ — allegorifche Bezeichnung des Bräufigams; cf. 8 17, „die
Rede des Gajftbitters vor dem Ehrenmarſchall“, Abſchnitt. 2, ©. 170. pP.
— 164 —
„Wir, die wir haben werben!), werden trinten, tanzen, mit ben
Füßen flampfen und jubeln; die wir nicht haben werben, werben einer
dem andern in die Augen guden.
„Verzeihet mir, was ich nicht richtig getroffen babe. Ich ging über
hohe Berge, mwatete durch tiefe Flüſſe, die Taſche befam ein Loch, trennte
ih auf, alle meine Worte ftreuten fih aus. Falls jemand -[fie] zu:
fällig ſehen jollte, jo bitte mir zu jagen, falls finden — bitte ich abzu—
geben. hr werdet eine große Vergeltung, ein jchönes Sundgeld erhalten:
zmei Schillinge zu Tabak und für drei Weiber Tabak zu fchnupfen.”
Für eine ſolche hübſch gehaltene Rede werden dem Gaftbitter nicht
nur Ehre und großer Ruhm zu Teil in dem Haufe, wo er angefommen
ift, fondern auch gute Bewirtung und Geſchenke: entweder ein Stüd
Leinwand aufs Pferd?), oder Bänder an einem Blumenftrauß oder Knie:
bänder an den Stiefeln, oder in Geld, oder irgend welche andere unbe:
deutende, kleine Gejchente.?)
14) Der Jungfrauen-Abend.
Meiftenteils verjammeln ſich die gebetenen Gäſte und Gaftinnen
am Montag Abend zur Hochzeit.
Die Mädchen jegen die Braut auf einen neuen Stuhl oder einen Brot:
fübel, flechten ihr da3 Haar in einen Zopf oder in zwei Flechten, pußen ben
Kopf mit einem Rautenkranze und Kopfbändern, mobei fie berzrührende
Lieder fingen:
l. Guten Abend 3. Soll'n wir pflüden
Du, junges Schmeiterlein ! Bon der Raute Blümchen ?
Sag’, zu welchem Soll’n wir winden
Zwecke lud'ſt du ung ein? Dir ein Rauten s Krängdhen ?
2. Sol’n wir gehen 4, Sol’n wir mwinden
In das Rautengärtchen? Dir ein Rauten = Kränzchen ?
Soll'n wir pflüden Soll'n wir’3 legen
Bon der Raute Blümchen? Dir aufs glatte Köpfchen ?
D) sc. „Geld“. P.
2) Die Rolle Leinwand wird auf dag Pferd gelegt, auf dem der nun
geritten (etwa hinter dem Sattel befeitigt).
3) Andere Beifpiele jolcher Reden findet man in der Beilage 1. —
röda“, pridéjimai 1—4, 8. 79—85. B.
— 165 —
5. — Ei, Schmeiterlein, 7. Die zwei pflücken
Schweſtern, meine Gäſte! Von der Raute Blümchen,
Ja, ich habe Die zwei winden
Zweie junge Schweſtern. Mir das Rautenkränzchen.
6. Die zwei geben 8. Die zwei mwinden
In das Rautengärichen, Mir dad Rautenkränzchen,
Die zwei pflüden Die zwei legen's
Von der Raute Blümchen. | Mir auf3 glatte Köpfchen.
Nachdem man ji zur Hochzeit verjammelt bat, beginnt der Vater
mit ber Mutter ber Braut den erſten Tanz und nachher tanzen alle nad)
Dubeljäden, Ziegenhörnern, Harfen oder Geigen.
Die Braut fit traurig, tanzt nicht, bis man fie vom Tiſch hervor⸗
führt, nachdem fie den Polterabendkuchen) des Bräutigam zerteilt Bat.
15) Die Herausbegleitung bes Bräutigams.
Wie bei der Braut, jo beginnt auch beim Bräutigam die Hochzeit
am Montag Abend. |
Zuerft tanzen die Eltern, ſpäter drehen ſich alle Hochzeitsleute bis
zum jpäten Spätabend [matt und müde]. Nach eingenommenem Abendefjen
verbeugt fich der verlobte Sohn tief vor den Eltern und Allen und reitet
mit den Fellorbnern?) aus zur Braut, indem fte zum Dudelfad oder zur
Beige fingen: |
1. Haben jchon gelräbet 2. Liebes Herzensſoͤhnlein,
Die buntfiedrigen Hähnlein ? Du mein Rotlleeblümden,
Wird es Zeit fein, Väterlein, Lad dir ein, mein Söhnlein,
Zum Mägblein zu reiten ??) Deine treuen Freunde.
1) Karvölus, gleichbedeutend mit dem ruff. kapasak — Weizentuchen, Topf:
fuchen, Hochzeitskuchen. Karvölus — der Freierfuden, der PBolterabendz,
der Hochzeitskuchen und (pars pro toto) = „Polterabend“, meil dieſer
Kuchen zum Polterabend gereicht wird. Of. Nr. 25. P.
2) parödininkaj — Ordner, Feſtordner. Aus der ganzen Situation ſcheint
fi) eher die Bedeutung „Hochzeitsburſche“ zu ergeben. P.
8), Die lebten zwei Verſe jeder Strophe werben zweimal gefungen. B.
12
— 16 —
Herzensliebe Brüder! Meine weiße Kilie,
Nehmet Alle Waffen, Schenle una doch, liebes Mägd—
Nehmt die blanken Flintchen. lein,
4.2) Wenn wir Bingeritten Se ein ſeidnes Tüchlein.
Zu der Schwieger (-mulier) | 7. Du, mein Herzgeliebter,
Hofe, Du mein ſüßer Rotklee,
|
®
3.90, ihr lieben Freunde, 6. Mägdelein, du liebes,
|
— m — Kenne gar nicht, Herzensliebfter,
In ben Hof ber Schwieger Deine treuen Freunde.
(zmutter.)
5. O, daß fie es hörte, . Mägdelein, du Liebes,
Dieſes junge Mägdlein! Meine weiße Lilie,
MWeilend hoch im Zimmerlein, Alle dieje meine Treunde
Nähend das Tüchelchen. | Saßen auf der Bank dba.
Der Bräutigam reitet mit den Hochzeitägäjten zu Pferde, der rei:
werber mit ben Eßvorräten?) aber fährt.
Wenn der Bräutigam neun Begleiter bat, müffen von Seiten ber
"Braut doppelt fo viele [Begleiterinnen] feint. |
Der Wagen und die Pferde Aller find gejhmüdt mit Grünmerf.
Alle reiten fingend zur Braut.
Der Freiwerber führt jeinen Bolterabendfuhen und ein Tönnchen
Met oder Wein mit fi, der Bräutigam ein großes Tuch zum Gefchent
für die Braut, der Marſchall aber zwei Halbftof Met oder Wein und
Weißbrot für die Mädchen, die Sängerinnen.
Während der Bräutigam mit den DBegleitern Heranreitet, wälzen
inzwifchen die Jungen — die Spaßmacher — von Geiten der Braut
1) 2) Aus den Strophen 3. und 4. erfehen wir, daß die Begleiter, die Freunde
des Bräutigams, wie auch er jelbit, mit Flinten bewaffnet zum Brauthaufe
reiten und auf dem Hofe der Schwiegermutter die Waffen losſchießen. Diefe Sitte
erinnert wiederum an die Zeit des gewaltfamen Brautraubes, an die Zeit, da der
junge Mann mit bewaffneten Freunden fich zur Wohnung des auserjehenen Mädchens
begab, wo es zwiſchen feinem Gefolge und den Verwandten des Mädchens zu en
Brügeleien fam.
8) Eßvorräte, beitehend aus Speifen und Getränfen (su — =
visökiu valgiü ir gerimu‘“). B.
— 167 —
Steine, Baumftämme auf den Weg gegenüber dem Haufe der Braut!),
preiten in ber Dunkelheit auf die Hofespforte geteerte Bänder aus und machen
yerichiedene andere Streiche, Späße und Kunftjtüde für bie Heranreitenden.
16) Die Erwartung ded Bräutigam.
Den Hochzeitäzug des Bräutigams, welcher hinter der ‘Pforte geblieben,
yalten die Hochzeitögäfte auf und dhifanieren [ihn] auf jegliche Weile,
ndem fie auszuforſchen wünſchen. Sie fragen: „Wer jeid ihr? und
woher jeib ihr?’ Einer aus dem Hochzeitäzuge des Bräutigam ant-
mortet: „Ich bin gelommen als der, du weißt, mer; ich bin gelommen
baber, du weißt, woher; ich bin gefommen deshalb, du weißt, wes—
bald; wollen wir uns fegen und efjen.“
Die Mädchen, die Sängerinnen, erwarten die Hochzeitsgäſte des
Bräutigams den Freimerber, den Gaftbitter und die Marfchället an der Thür
bes Nebengebäudes; jobald diejelben aber ind innere bineingehen mollen,
ſchlagen fie?) die Thüre zu und lafjen fie (die Hochzeitägäfte) nicht einmal
ins Vorhaus Binein. Die Mädchen drinnen und die Hochzeitägäfte des
Bräutigams, welche draußen Hinter der Thüre jtehen, fingen:
1. Singen die Hähnlein und frähen, || 3. Stehe, Herzliebfter, ein Stündchen,
3 Frührot erwachet, läßt jehen?), Stehe, SJüngling, .ein zweites,
Ob nicht mein lieber
| Stehe, Herzliebiter,
Sunger Herzliehiter | (bis) Ein dritte Stündchen
Gekommen? Da draußen.
2. Ritt übers Feld und dachte, 4. But haft du es zu jtehen,
Halt im Hofe machte: | Mit den Schwägern zu reden;
O, erichein’, erichein’, Mir aber mehe,
Junges Mägdelein, - Mir armem Burjcen,
Hier draußen ! Im Freien!
1) Das Verrammeln ber Straße zum Brauthaufe durch Steine und Baum:
ftämme, fo wie das Verwehren des Eintritts dem Bräutigam mit feinem Gefolge
und das Stürmen der Brauthausthür, welche innen von den Brautjungfern feit-
gehalten wird (cf. Nr. 16, ©. 167 — 168), — all diefe Scherze und Spielereien
weifen uns abermals darauf hin, daß auch bei den Litauern einmal zu feiner Zeit
der gewaltiame Brautraub gang und gäbe war. P.
2) nämlich: die jungen Mädchen. P.
8) D. h leuchtet vor, leuchtet voran. B.
12*
5. Regen durdnäßte mein Röklein,
Auf dem Roͤßlein den Sattel;
Naß jind auch meine
Teueren Kleider
Am Leibe.
Auf ſolche Weile hält man den Bräutigam mit dem —
Hochzeitszuge lange hinter der Thüre auf; nur den Freiwerber allein mit
dem Tönnchen Wein und dem Polterabendkuchen denn es iſt ſchwer zu ftehen!
ſetzen ſie in einen Winkel des Zimmers bei der Thüre hin und lauern
des Spaßes wegen darauf, ihm den Polterabendkuchen und die Getränke,
die er mitgebracht, zu entwenden.
— 168 —
|
|
Die binter der Thüre gebliebenen Hochzeitögäfte drängen nach innen,
jene aber lafjen fie nicht herein und jtemmen fich gegen [die Thüre].
Inzwiſchen jeßen ſich alle Mädchen auf die Bank am Tifche und
fingen, die Braut aber entweicht mit der begleitenden Brautjungfer aus:
den Augen durch die Thüre des Wohnzimmers in die Gefindeftube und.
verſteckt fi) vor den angefommenen Hochzeitägäften.?)
Auf einer armen Hochzeit findet die Erwartung des Bräutigams in
folgender Weile ftatt. |
Der Verabredung gemäß trifft der Bräutigam mit dem Hochzeitägefolge
im Haufe des Schwiegervaters ein. Im Wohnzimmer der beiden Schwieger-.
eltern figen die gebetenen Gäfte und Gajtinnen, alle auf Bänken im ganzen
Zimmer umder. Der reimerber (pirälys), der den Bräutigam mit den Mar—⸗
ſchällen (päbrolej) auf dem Hof hinter der Thür gelafjen hat, geht allein Hinein
und Bittet unter großen Entjhuldigungen um Eintritt, indem er die Rebe Hält:
„sh grüße Eure ganze jchöne und mwohlanjtändige Gefellichaft, die
ganze hehre Menge. Wir find mit einer nicht großen Gejellichaft, mit
einem Tleinen Häuflein bergefahren, mit nur Zünftaufenden; fünfhundert-
ſechsundfünfzig tüchtige Männer, über Ozeane und Meere ſchwimmend,
) cf Anm. 1. zu Nr. 5, ©. 148. P:
Der jebt folgende Schluß diefer Nummer (S. 168—169 f.) bildet bei Jußkiewicz
die 5. Beilage (pridöjimas penktas) (Svotbins röda, ©. 8586). B.
— 169 —
uch Flüſſe, Sümpfe und Moräfte(?)?) matend, die Baumgipfel abbrechend
und] die Grüfte ebnend. Ich bitte, daß die angefommenen Gäfte zu heiterem
Lanz Raum hätten, daß zum Tanze junge Mädchen, nette, hehre Mädchen zum
Runbdtang und zur Unterhaltung, hübſche Jungen zum Singen und zu Lebehoch⸗
ufen da wären; ebenfo geräumige Ställe für bie vernünftigen [ruhigen]
Pferde und für die guten dunfelbraunen Roſſe. Für die Rofje bitte ich
Hafer; wenn fie aber Heu aus Geftellen (Holzböden)(?)”) haben, wird
sicht einmal Hafer nötig fein.”
Der Schwiegervater jagt: „Wir bitten Alle.” Und nachdem dieſe
Hochzeitsgaͤſte —— ſie — einander umarmend —
auf ihrem Plage auf der Diele im Kreiſel, der Freiwerber aber nimmt
jeine Flaſche Branntwein und ſein Weißbrot heraus und ſtellt es auf den
Tiſch mit den Worten: „Wir Bitten, unfer Reiſeweißbrot (das Weißbrot,
unferen Reiſenven , unſeren Wanderer)?) zu koſten.“ Sobald man die
Flaſche aus nten bat, ftellt der Schwiegervater jofort eine andere Flaſche
hin und, = der Schwiegervater (jelbit) jeine Frau aufgenommen hat,
tanzen heide dreimal im Zimmer herum. Sofort nimmt der Braͤutigam
ſeine Braut auf, der Freiwerber nimmt die Großmutter auf, der Vater
aber ze die Hochzeitgmutter, und dieje drei Hauptpaare drehen fi mitten
im Zimmer dreimal in die Runde. Darauf aber fallen alle Hochzeitsgäſte
[einander an den Händen], bilden jo eine Reihe und drehen ſich im Kreife.
* das iſt der Anfang der Hochzeit. Wenn dieſer Tanz beendet iſt,
Iöt | man die angelommenen Hoczeitägäfte an den Tiſch und giebt ihnen,
als den Reiſenden, zu eſſen. Die Anderen aber tanzen noch ohne Aufhör
bie Iganze Nacht. Die Braut tanzt bis zur Trauung und bis fie aus der
-_ zurücgelommen ift, nicht, und ift während diefer ganzen Zeit traurig
und! trübfelig geftimmt; fie berät fi immer nur mit dem Bräutigam, und
fie ſprechen unter einander.
17) Die Bitte um Eintritt beim Ehrenmarſchall.
| Der Bräutigam wartet mit dem Hochzeitägefolge draußen im Freien
vor; der Thür. Nachdem man den Freimerber Bineingelafjen, läßt man
1) böjus, 2) is paaziıı — unverftändliche Worte. B.
3) Das „Brot“, welches die Gäfte auf ihrer „Neife” zur Hochzeit mitgehabt
P.
haben‘
—. 410: =
nachher nur den Gaftbitter allein in Wohnzimmer zum Ehrenmarſchal
binein, welcher auf der großen Bank!), oder auf einem Stuhl, oder auf
einer Meinen Bank?) ſitzt. Der eingelaffene Gaftbitter hält vor dem Ehren:
marihall ſolch eine Rede.
Die Rebe des Gafthitters vor dem Ehrenmarfhall. |
Nach Janusk& aus Wielona.}
„Ih bitte Alle fehr, [mit dem Lärmen] aufzubören, zu verftummer,
mit Aufmerkſamkeit meine Rede anzuhören. ch werde weiter gehen,
werbe mehr fprechen. |
„Am Unfange der Welt gab es ein , Sand ohne König. Es Fame
zwölf Könige zufammengefahren, berieten fih Tag und Nacht in betref
eines jungen Königsjohnes, wie man ihn verbeiraten folle und ihm eim
gottesfürdgtige und vor den Menjchen ſchamhafte Königstochter ermähle
ſolle. Sie gaben ihm zmwölftaufend Mann junger Krieger. Dieſe hatten
gejattelte und mit Lederzäumen gezäumte Roſſe. Wo fte ritten, mare
feine Zäune vorgezäunt, die Pforten nicht vorgehoben?), die Thüren nid!
geihlofjen, die Bänke nicht beſetzt, die Tiſche geſchmückt: Gerſtenblut au
dem Tiſche, Weizenähre“) auf dem Tijchende.
„So bitte ih, wie für jenen Königsſohn, fei es aud für und.
„Als wir von Sonnenaufgang nad Sonnenuntergang ritten, \ fol:
perten wir Tag und Nacht Bin und Her, wateten durch tiefe Zlüffe, ftir
auf hohe Berge. Durch tiefe Flüffe watend und hohe Berge befteigend, -
ftiegen wir zu einem Olbäumchen hinauf. Auf diefem Bäumchen zwitſch |
ein Hübfches Vögelchen. Da zwitſcherte nicht ein Vögelchen, fondern At
im Himmel ſprach, diefe Worte redend: „Neitet bier, durch diefe in mei
2) und 2) cf. Anm. zu Nr. 3, ©. 146. P.:
8) Die Titauifchen Dörfer und Bauerhöfe Haben am Ein- und Ausgange! kr
Straße, die durch fie führt, Pforten, die ftets geſchloſſen find, damit das Vieh’ un
Geflügel aus dem Gehöft nicht herauskönnen. Es ift meiften® eine ſchwere, ein⸗
thürige Pforte, die erſt ein wenig in die Höhe geſchoben werden muß, ehe ſie A in
ihren Holzhängen bewegen läßt.
9 cf. Anm. 1. zu Nr. 13, ©. 157 | B |
Zu \
— 171 —
Walde ausgehauene Lichtung und auf dem gebahnten Wege; reitet über
ebene Felder und über hohe Berge, da werdet ihr zu einem bunten Edel:
bofe kommen, wo diamantene Thüren find. Dort werdet ihr ein junges
Mädchen auf einem goldenen Stuhle fiten finden, ein grünes Rauten⸗
kränzchen flechtend, und zu feinem andern Zwecke fliht fie les], als (nur)
für ihre ZTage!), für die Vergnügungen. Diejes jchöne, hehre (anmutige)
Mädchen ging an diefem [ihr] Lieben Abend durd den Hausflur, ſaß am
Tiſche und dankte Gott. Gott ſprach, der Engel jagte: „hr merbet
willfommen fein und mit Wein bemwirtet werben.“ |
„Als wir durd) den grünen Wald ritten, rief der bunte Kudud?), es
rief jedoch nicht der Kudud, jondern unjer Süngling meinte herzrührend.
„And wir baben diefes grüne Rautenkränzchen auf geraden Wegen,
auf großen (Öffentlichen) Landſtraßen in Begleitung von blajenden Dudeljad-
bläfern, von geigenden Geigenfpielern und von Re tanzenden Jugend
bergebradit. |
„And wir haben es in dasjenige weiße Häuschen gebracht, das der
Wind nicht andläft, auf das der Tau nicht niederfällt, das von den Menſchen
nicht beredet wird, wo ihr tanzet, laut jubelt, euch freut und amüfieret,
„Ich Hitte Schön ehrerbietig, ihr möchtet au uns zu Tanz, zu
lautem Jubel, zur Fröhlichfeit und Heiterkeit aufnehmen.
„Wir find auf geraden Wegen, die mit NRoggenblättern (NRoggen-
mwinterfaat) bedect, mit Rautengrünmert beftreut waren, [bier] angekommen.
„Bitte, haltet mich nicht auf; ich bin von feiner Magd geboren, aud)
von keinem Bettler ausgebrütet. Wollen wir ung zur Einigfeit zuſammen⸗
thun, froh jein!
„Ich bitte Alle, von den Alteften bis zu den Kleinſten FSüngften],
eure ganze jchöne Gejellichaft, dak unjerm Herrn Oberhochzeitsgaſt —
)D. h. für die legten Tage ihres Jungfernitandes, ihrer Jungfernſchaft.
2) Der Kuckuck ſcheint auch in der litauiſchen Mythologie, wie in der ſla⸗
viſchen, ein Symbol der Trauer, des Schmerzes und Leides zu fein. Of. das
„Igorlied.“ P.
Es wäre vielleicht angemeſſener mit irgend einem echten ſlaviſchen Volks⸗
liede zu vergleichen, nicht aber mit dem „Igorliede“, deſſen Authentizität 4 nicht
über alle Zweifel erhaben ift.
= a
den Mann der Hoczeitömutier — die Bank eingeräumt werde, dem
jungen Süngling Aber da8 Tiſchende; daß des Flachſes Dlume aufgebedt
und bes Weizens Ahre auf dem Tifchende ſei.
„Ich bitte, daß allen Hochzeitsgäſten ein Raum von drei Hufen ein-
geräumt werde, zu fröhlichen Bergnügungen!) herauszutreten.
„Jetzt bitte ich den Herrn Ehrenmarſchall, daß für und Bänke zur
Erholung, Tiſche zur Seieieing, junge Mägdlein zum Tanz vorbereitet
wären.
„Ich bitte, daß im Vorhauſe für und Knaggen wären, die Mützen
aufzubängen; daß für unjeren Kreiwerber ein neues Betigejtellhen, für den
Oberbochzeitägaft, ein junges Mägdlein da wäre; daß unfern Bläfern,
Geigern und Harfenipieleen ein Edchen zum Spielen eingeräumt werde.
„Bir find nicht zu Fuß gefommen, fondern reitend und find gefahren;
[Bitte,] daß für unfere Pferde Ställe aufgebaut, Scheidewände gemacht feien
daß fie mit Stroh ausgedeckt, daß die Dielen aus Eichenholz feien; daß an
den Seiten Krippen (Tröge) bineingeftellt und eingerichtet, mit Waſſer an-
gefüllt, daß unfere Pferde getränkt jeien; daß mit Heu und gemengtem Futter
die Eichenfrippen vollgefüllt jeien. Ob die Pferde freijen oder nicht, wenn
fie nur [Futter] unter den Schnauzen baden ?)!”
Darauf chikaniert der Ehrenmarſchall den Marſchall $Gaftbittert,
fragt ihn auf verſchiedene Weile aus und bemüht fich ihn zu vermwirren
[aus der Faſſung zu bringen].
18) Das Ausfragen von Seiten des Ehrenmarjhalls,.
Der Marſchall (vediys) {ber gemefene Gaftbitter (bives kvieslys)}
fommt ind Zimmer, wo bie Hochzeit jtattfindet, und jagt: „Zeiget mir,
ihr Brüder und Schweſtern, die Wege und Stege zum Herrn Ebren-
marſchall.“ „Hier, bier!" antworten fie.
1) zum Tanzen; unter ben drei Hufen Raum meint wohl der Betreffende
die drei Zwifchenräume zwiſchen den Stredballen der Oberlage im Zimmer. Da
die Streckbalken nicht mit Brettern verjchlagen werden, fo fieht man fie an der
Oberlage. P.
2) Andere Beiſpiele ſolcher Neben find in der Beilage Nr. 2. — pridéôjimai
6. und 7. bei Juszkiewicz („Svotb. röda“, S. 8688) angeführt. B.
— 13 —
Der Ehrenmarſchall fragt: „Woher jeib ihr? was wollt und
Braucht ihr?" Der Marihall antwortet: „Wir find aus der Stadt Rom,
aus dem „Olima“!)-Lande.”
GE. „Welches Weges aber ſeid ihr gelommen ?”
M. „Auf dem mit Flahshlüten überdedten, von Sternen beleuchteten,
mit grünen Rauten beitreuten, [und] wo die Rauten nicht Hinreichten,
mit Scillingen ausgedeckten.“
„Habt ihr dieſe Rauten aufgefammelt ?“
„Wir jammelten und haben aufgefammelt, aber eine haben wir nicht
gefunden; wir wollen aud) hier zufammentreten und ein wenig fuchen,
ob wir fie nicht Bier finden können?).“
„Wo werdet ihr fie laſſen (jeten), wenn ibr [fie] gefunden ?”
„Wir haben einen grünen Stabwurzbaum, neben ihn werden mir
fie pflanzen.” |
„Habet ihr Päſſe?“ ’ |
„Dir haben Päſſe nah allen Enden, ihr könnt und annehmen.
Als wir durch den Wald ritten, erblictten wir bier ein Kleines Hütt-
hen, ein Kleines Lichtchen; könnten wir nicht Hier zufammentommen
und und hier bei Ihnen (Euch) erholen und wenigſtens von ben
Schubbändern [das Waffer] adträufeln laſſen.“
„Wie viele jeid ihr hergeritten? jeid ihr denn viele hier?“
„Nicht viele; unjer find bier nur breihundert: hundert Krumm⸗
beinige, Hundert Kahlköpfige und Hundert gute, tüchtige?) Menfchen.
Die Krummbeinigen lichteten die Wege, die Kabllöpfigen leuchteten,
die tüchtigen Menſchen aber reiften, faßten einen guten Ratſchluß.“
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1) Was wir unter dem Nom. propr. „Olimas“ zu verftehen haben, laßt
fich nicht erweilen. Des Neimes wegen zu „is Rimu miöstu“ wird wohl der
Redner „is „Olimu Z&mös‘ Hinzugefügt haben, ohne ſich ein beftimmtes Land dabei
zu denfen und ohne fich ſelbſt über den Ausdruck Rechenſchaft zu geben, den er wohl
nicht mehr verftanden.
Sedenfalls ift unter „Olima Z&m&“ nicht Italien zu verftehen. P.
Vielleicht gab das Wort poln. Jerozolima, Jeruſalem, zur Bildung von
Olima Anlaß. | B.
2) Of. Hierzu L. v. Schröder „die Hochztbr. der Esten‘“, pag. 57. ff. P.
8, D. h. Eräftige, geſunde (ohne einen körperlichen Fehler). P.
88
—
aymg
ayayaeyayas
— 14 —
„Auf was für Pferden jeid ihr bergeritten?”
„Auf Grauſchimmelroſſen mit gebogenen Hälfen und zwar (zugleich) auf
blinden [Mähren ]!).”
„Auf wie beſchaffenen Wegen ſeid ihr hergerittenꝰ) gu
„Auf Flahsblättern, auf dem Sterne der Morgendämmerung.“
„Weshalb kräht der Hahn mit gejchlofjenen Augenlidern ?”
„Deshalb, weil er [ed] auswendig weiß.“
„Welchen Hund fürchtet der Haje am meiſten?“
„Den weißen, meil er im Hembe allein ober nadt [ihn] verfolgt.“
„Als ihr duch den Wald rittet, von welchen Bäumen habt ihr
am meiften geſehen?“
„Bon gebogenen, jchiefen, krummen.“
„Wo Tann die Mitte der Erde fein?”
„Haft du einen Kreis gemacht, jo ftelle dich in die Mitte.“
„Was haſt du zu Haufe gelafjen?”
„Sottes Namen.”
„Was haſt du hierher gebracht?”
„Sottes Namen.”
„Was it das Allerebenfte auf Erden?”
„Das Waller.”
„Wenn unjer Sal; vol Würmer wird, was kann man [dann]
machen ?"
„Eis baden; trocknet e8 unter dem Ofen und ftreut es aus?).“
„Wieviel Fiſche giebt e8 im Deere?”
„Wieviel [joviel, als] Tropfen Waſſer.“
„Wieviele find wir bier?”
1) cf. Die Anm. 4. zu Nr. 183, ©. 162. B.
2) Im Titauifcheu Terte der „Svotbine röda“, ©. 27, find diefe Frage und
die ihr unmittelbar vorangehende Antwort wohl dur ein Verfehen ausgelaffen
worden. Ich konnte diefelben durch die Mitteilungen der Wieloner Einwohner Telbft
ergänzen. Die ganze Stelle fol Titauifch heißen:
S. „Kok6js Zirgajs atjöjute?“ V. Sirmäjs Zirgajs, riöstajs kakläjs ir
tajs pacejs aktäjs.“ “© 8. „Koke6js keölejs atjöjute?“ V. „Lind 14jäku, auards
Zväjgäde.“ B.
3) sc. in die Speijen. BE
— 195 —
M. „Soviel, ala Haare im Ziegenbart.“
E „Werft ihn hinaus.“
M. „Möge [mich] der Hinauswerfen, der zweimal geboren ift.”
Man wirft ihn aud zum zmweiten Dale hinaus, wenn er nicht ver-
ftanden, dem Ehrenmarſchall zu antworten. Wenn der Marſchall zum
dritten Mal um Eintritt gebeten, fragt ihn der Ehrenmarſchall:
„Seid ihr Schelme, nichtsnutzige Kerle, Diebe? oder Kinder recht⸗
Ihaffener Eltern?”
„Wir find gerecht, Kinder rechtjchaffener Eltern.”
„Krähen die Hähne bei euch?”
„Sie krähen in jedem Gebäude, wo fie [nur] find.“
Menn er nicht veriteht zu antworten, eine hübſche Rebe zu balten,
jih nett Hereinzubitten, befiehlt er [der Ehrenmarjchall] den Hochzeit3-
gäften, den Gaftbitter [DMarjchall] noch einmal Hinter die Thüre zu werfen.
Zu mehreren Malen wirft man den Gajtbitter vom Ehrenmarſchall
binaus, wenn er dumm iſt. Wenn er aber bübjch geantwortet hat, dann
füllen jie ji nach der Unterredung. Der Marihall küßt dem Ehren:
marihal Hand und Wange und diefer jagt ſchließlich: „Wir nehmen
euch [nur unter der Bedingung] auf, daß (nur) die Hochzeitägäfte Teinen
Schaden machen.”
Wenn der Gajtbitter den Eintritt jchon erbeten und der Chren-
marſchall ihn gewährt bat, dann drängt ſich das Hochzeitägefolge des Bräutigams
haufenweiſe in's Zimmer hinein. he fie fich hereindraͤngen, ftößt fie die
Hochzeitägejellichaft der Braut einige Mal hinaus und es bat den Anfchein,
als wäre ein Krieg oder eine Prügelei (ein Fauftlampf) auf der Hochzeit.)
19) Das Auslöfen der Bank?) durd den Marjgall
[de3 Bräutigam].
Der Marſchall des Bräutigams (pabrolys vedzia) löſt zuerſt die
von den Mädchen beſetzte Bank aus. Der Marihall bringt Weißbrot
und ein Halbmaß Met oder Wein un die Mädchen aber, melde ba
=
1) of. Mm. 1. 2. zu Mr. 15, ©. 166. P.
2) Diefes Auslöfen der Bänke, das Erfaufen der Pläße und Chrenpläße im
Brauthaufe von Seiten des Bräutigamsgefolges durch Verſchenken der mitgebradhten
— 1716 —
fiten, haben gleihfals Weißbrot und eine Flaſche Met und Wein oder
Roggenblut!), auf dem Tiſche Bingejtellt [jtehend]|. Der Marſchall Hält
das Halbmaß in der Hand, ber Gaftbitter aber dad Weißbrot. Dieſes
Halbmaß und einen Holzbecher ftellt er auf den Tiſch den Mädchen
gegenüber Bin.
‚ Nun teinten die Mädchen — die Sängerinnen — als erfte dem
Marſchall zu, beißen ihr Weißbrot auf, darauf gießen fie in benjelben
Holzbecder für den Marſchall ein; während defjen fchneidet der Gaftbitter
unter Späßen einen laden (Laib) Weißbrot zur Hälfte, giebt heimlicher
Weile den Mädchen abzubeißen und zieht ihn wieder zurüd, betrügt fie.?)
Dann neden fie fih eine lange Zeit mit witzigen (jchlauen), klugen
Worten und Späßen.
Während deſſen ftehen alle angefommenen Hochzeitägäfte mit Mützen,
die mit Rauten und Flitterwerk beftect find, im Zimmer gegenüder den
Mädchen, und bören zu, fehen fich die Mädchen an, merken fich (ermefjen),
welche von ihnen hübſcher und klüger (geiftreicher) ift.
Sobald der Marſchall und der Gaftbitter den Mädchen das Halbmaß
Met oder Wein und einen laden Weißbrot gegeben, dann geben die
Mädchen die Bank frei, indem fie fingen:
Ins Zimmer Hineingegangen, [wenden fi die Mädchen] zu den
Hoczeitägäften!.
1. Seht ihr, Gäfte, 2. Geht ihr, Säfte,
Iſt fein Glüc euch, | PP) Ihr fein Glüc habt!
Seht ihr! ſeht ihr! | = Bor und! Bor und
Keine Bank befchieden.) S Steht ihr ohne Mützen.
Getränte und Anbieten des Freierkuchens — find Hochzeitszeremonieen, die gewiß
aus der Zeit des Brautlaufes ftammen; ähnliche Zeremonieen finden wir bei den
ſlaviſchen Stämmen, ſowie überhaupt bei den indogermanifchen Völkern. Of. Hierzu
Dr. L. v. Schröder’s „Hochzeitsbräuche der Esten.“ Berlin 1888, pag. —
DD. h. Schnaps; cf. Anm, 1. zur Nr. 13, ©. 157. B.
3) (Sr jchneidet das Brot nur zur Hälfte durch, fo daß die beiden Hälften
noch zufammenhalten, und reiht es den Mädchen; fobald diefe es erfaßt Haben,
zieht er dag Brot zurüd, welches dann bricht, fo daß er noch eine Hälfte behält.
Die Mädchen find betrogen, da fie glaubten, das ganze Brot zu befommen. P.
— 117 —
Nachdem fie Weißbrot befommen, fingen fie, während fie vom
Tiſche fortgehen.t-
3. Dank den Gäften
- Für den Branniwein!
Danke! dante!
Für das Weißbrot danfe.?)
4. Schwer ilt, wahrlid, | 12. Bitte, bitte
Der Gaͤſte Weißbrot. Zum Ehrenplatze (⸗winkel),
5. Ich kann nicht gehen, 13. Und wenn nicht dorthin —
Das Weißbrot tragen. Unter denſelben!
6. Kaͤm' doch gefahren 14. Sekt euch, jett euch,
Des Könige Wagen! Ihr lieben Gäſte!
7. Führte wol fort dann 15. Laßt ung doch fehen
Der Gäſte Weißbrot! | Der Gäſte Augen.
8. Bitte, bitte, 16. Starräugige, Glotzäugige
Sept euch, ihr Gäfte, Auf dem Bänfchen fißen.
9. Wenn nicht auf’3 Bänklein, — || 17. Lehnt euch, Gaͤſte,
Unter dasselbe ! Nicht an die Wand dort.
10. Bitte, ſetzt euch, 18. Unſere Wände
Säfte, zu Tifche, Eind ganz durchloͤchert.
11. Wenn nicht zu Tiſche, 19. Fallt noch hinaus,
Unter denſelben! Durch dieſe Löcher.
Das Weißbrot eſſend, fingen die Brautjungfern!.
20. In Spreuhaus gemenget, | 21. Darrofen⸗-Gebäcke,
In Scheuern gefnetet, | Durch Scheunen getragen?).
Die Mädchen gehen von der Bank — am Ehrenplatze vorbei —
fort, die Hochzeitsgäfte des Bräutigams aber — mit Müben auf dem
Kopf — flürzen von der Thüre eilends lärmend und mit den Füßen
ftampfend zur Bank und jegen ſich nieder.
Bon der Thüre ber fommt der Freimerber mit jeinen Eßvorraͤten
{mit einem Fäßchen Wein und dem Polterabendkuchen und mit dem
Bräutigam. Der Bräutigam ſetzt fih an ben Tiſch und maulafft mit
1) Miederhole dieſes „Danke! danke! für das Weißbrot danke!” in allen
folgenden Strophen nach) den erften zwei Werfen. P.
) In „Svotbins röda“ (S. 30) find die ſechs legten Strophen falſch
numeriert: anft. 16—21 bat man dort 17—22. B.
_ 18 —
Iofem Munde, der Freiwerber aber jetzt ſich an der Ehe des Tiſches auf bem
Ende der kleinen Bank hin und bewacht feinen Eßvorrat, damit ihm den-
jelben nicht jemand des Scherzes wegen jtehle. | | |
Solange fie den Tiſch auslöſen, hat die HochzeitSmutter!) an der
Thüre zu jtehen und von dort aus führt man fie zum Tiſchende, auf
dem Ehrenplage zu figen, und durch dieſelbe Stelle führt man ſie zum
Tanze heraus,
Die Mädchen, welche fih im immer gegenüber den Hochzeits-
gäften?) Hingeftellt haben, fingen, dieſe ſchmähend:
1. Sebt euch nieder, jeßt euch nieder, | 7. Setzt euch nieder, jet euch nieder,
Säfte, auf da8 Bänkchen! Säfte, auf das Bänfchen !
2. Lat uns jehen, laßt uns jehen, | 8. Laßt ung fehen, laßt ung fehen,
Wie der Gäfte Lippen. Wie der Gäfte Schnurrbart..
3. Ralbslippige, Pferdslippige 9. Welswunzige, Schmarzbärtige
Auf dem Bänkchen figen. Auf dem Bänkchen figen.
4. Setzt euch nieder, jet euch nieder, || 10. Setzt euch nieder, ſetzt euch nieder,
Säfte, auf das Bänkchen! Säfte, auf das Bänkchen.
5. Laßt uns jehen, lat uns jehen, | 11. Laßt ung ſehen, laßt ung fehen,
Wie der Säfte Zähne. Wie der Gäfte Haare!
6. Gaulzähnige, Kalbszähnige 12. Weichjelzöpf’ge, Langhaarige
Auf dem Bänfchen figen. Auf dem Bänkchen fiten.
Nach der Auslöfung der Bank:
1. Es ſitzen die Gäfte auf einem Bänkchen,
Auf einem Bänkchen, am weißen Tijche.
2. O, komm’ doch, Schweiter, laß ung jehen,
Welch Augen unfere Säfte haben.
3. Sieh', ſchwarze Augen, wie dunkle Bocksbeer'n,
Slänzende Wangen, wie Hirjhhollunder.
+ *
x * *
4. Nachteulenköpfe, Augen der Eule
Und Augenwimpern vom grauen Schweine.
(Fortſetzung im nächſten Heft.)
1i) der Braut.
2) des Bräutigams. P.
— 179 —
10.
Sitzungsberichte.
Sitzung vom 29. November 1887
im „Deutſchen Hauſe“ zu Ragnit.
Nachdem gegen 8/2 Uhr der Vorſitzende der Geſellſchaft, Herr
Superintendent Hoffheinz mit einer Begrüßung der Anweſenden die
Sitzung eröffnet Hatte, wurde in die Tagesordnung eingetreten. “Der
erſte Gegenſtand derjelben war ein Vortrag des Herrn Profeffor Preuß
über die Bitalienbrüder. Beranlaffung zur Wahl des Themas hatte
ein neuerdings erjchienene® Werk von Schiemanns „Hiftoriiche Dar-
ftellungen und Archivaliiche Studien zur Baltiſchen Gejchichte” gegeben.
Der VBortragende gab indes nicht den Inhalt dieſes Werkes wieder,
jondern lieferte eine weitere Skizze der dort nur in Bezug auf Livland
behandelten geichichtlichen Ereignifje, denn eine Geſchichte der Vitalien—
brüder jchließt notwendig eine Gejchichte de Handels auf der Dft- und
Nordjee um das Jahr 1400 herum und ein gut Stüd Gefchichte der
Länder, welche von dieſen Meeren beipült werden, in jih. Im Jahre 1375
war der Dänenkönig Waldemar IV. Utterdag gejtorben. Um den Thron
erhob ſich Streit, da zwei gleichberechtigte Enkel denfelben beanjpruchten:
Olaf von Norwegen (oder vielmehr für ihn feine Mutter, die energifche
Margarethe) und Albrecht von Schweden. Dem eriteren wurde von
den Ständen gehuldigt, Margarethe führte die vormundfchaftliche Re—
gierung und das Land erfreute fich vorläufig des Friedens. ALS aber
1388 Dlaf jtarb, erneute Albrecht feine Bewerbung um die Ddänifche
Krone Aber er ift unglüdlich; 1389 von Margaretha befiegt und ge-
fangen, verliert er auf Iange Jahre nicht ‚nur feine Freiheit, ſondern auch
jein Stammland Schweden bis auf Stodholm, dad durch feine zum
großen Teil deutſche Bürgerjchaft tapfer gehalten wird. Zur Sache
Albrechts hielten auch der Herzog Iohann von Medlenburg und Die
meiften Hanfaftädte. Gegen die Übermacht Margarethe zur See rief
der erftere nun Freibeuter aus aller Herren Länder herbei und verlieh
ihnen Kaperbriefe unter der Bedingung, daß fie gegen Margaretha für
die Sache Albrecht? kämpfen und Stodholm mit Lebensmitteln ver-
— 10 —
jehen jollten. Bon der Ietteren Beitimmung nannten fich die Kaperer
Vitalienbrüder (weil fie Stodholm mit Biktualien verjehen jollten). In
der Geichichte derfelben laſſen fich zwei Perioden unterjcheiden. In der
eriten herricht noch eine gewiſſe Legalität der Kriegführung. Da finden
wir an der Spibe der Bitalier viele adlige Namen; Marquard Bre,
Boſſe v. Kalandt, Hennig vd. Manteuffel, auh en Moltke
werden genannt. Charafteriftiiche Züge aus dieſer Zeit find Folgende:
1391 greifen die Seeräuber ein großes Straljunder Kauffahrteifchiff an;
U
das wehrt fich tapfer und macht ca. 100 Gegner zu Gefangenen; man
verpadt dieje in leere Fäſſer und bringt fie nach) Stralfund, wo fie ent-
hauptet werden. Aber ein folcher Sieg war wohl nur ein jeltener Fall
Die Vitalier erobern i. 3. 1392 die Infel Gotland und beherrjchen von ;
da aus die Oſtſee. Im Winter 1393 auf 94 wäre es den Dänen fat
gelungen, Stodholm durch Hunger zur Übergabe zu zwingen. (ine
große Lebenzmittelflotte, welche die Vitalier der bedrängten Stadt zu: |
führen wollen, friert unfern der Küſte ein und ift in Gefahr, den Dänen
in die Hände zu fallen. Da fällen die Bitalier Bäume, machen mit
Denjelben auf dem Eife um die Schiffe einen Verhau, begiegen ihn mit
Wafjer und Ichaffen fich jo eine Eismauer, während fie dag Eis vor
derjelben zertrümmern. Als nun die Dänen kommen, gerathen fie mit
ihren Geſchützen in die nur leicht beforenen Stellen und verlieren unter
dem Hohn der Vitalier viel Leute und Zeug in der Tiefe. Es gelang,
den Proviant glüdlich der Stadt zuzuführen. — Diefe Seeräuber bildeten
aber je länger deito mehr eine Plage des Handels und jo wurden denn
im Sabre 1395 alle ihnen erteilten Privilegien und Kaperbriefe zurüd-
genommen. Aber damit war dem Unweſen fein Biel gejtect, es wuchs
eher noch an. Zwar verſchwinden jetzt Die Namen adliger Geichlechter aus
den Reihen ihrer Führer, dafür treten aber um fo verwegenere Freibeuter an
ihre Spibe, wie Klaus Stortebeker, Godele Michael und ähnliche. Auf
einer Tagfahrt der Hanja zu Lübeck wird es zwar verboten, den Bitaliern
irgendiwo einen Markt zu gewähren, aber doch fanden fie einen folchen
noch in manchen Orten, wie Roſtock und Wismar. Die Hanfenten
wußten fich ihrer nicht ander3 zu erwehren, als durch den Befehl, es
— 11 —
jollten nie weniger als 10 Schiffe zufammenfahren. Das Geeräuber-
weſen dehnte fi immer weiter aus. Einem ihrer Haufen begegnete
man an der Newa, andre plünderten die ſpaniſchen Küſten, noch andre
zeigen ſich in Friesland als Likendäler (Gleichteiler), während das
\chlöfferreiche Gotland noch immer ihr Schlupfwinkel in der Oſtſee iſt.
Natürlich ſchädigten ſie auch den Handel des Ordenslandes Preußen
auf das empfindlichſte.
Da erwirbt ſich der Hochmeiſter Konrad von Jungingen ein Ver—
dienſt um den geſamten Handel der Oſtſee. Er rüſtet 80 Schiffe mit
5000 Mann aus und nimmt Gotland ein. — Der lebte Akt der Vita⸗
Tiergejchichte jpielte fich in der Nordjee ab. Dort hatten die Seeräuber
Helgoland im Belit und jchädigten von da aus den Handel Hamburgs
empfindlih. Einen Hauptichlag gegen fie führte der Hamburger See—
held Simon von UÜtredt. Er jchlägt fie in zwei Treffen und bringt
Klaus Stortebefer und Wigmann nah Hamburg, wo fie enthauptet
werden. Noch länger hielten fich die Räuber in Friesland, von wo
fie noch bis 1418 manche Züge unternahmen, die fie bis zur Wejer
und Elbe ausdehnten, bis der Graf Ezzo Zirkjena, der fich 1434
zum erblichen Grafen von Oſtfriesland macht, ihnen energiich zu Leibe geht.
— Sn der fi) an den Vortrag anfchliegenden Diskuffion bemerkte Herr
Amtzrichter Amelung, daß der in manchen Städten (3. B. Amſterdam,
Memel) vorkommende Augsdrud Bitte (Bommelsvitte in Memel) in den
Hofenftädten den Ort bezeichnet, an dem Kaufleute andrer Städte “ihre
Waren feilhalten durften.
Dann erhielt Herr Dr. Siemering das Wort zu einem Vor—
trage über Altertumsfunde, deren manche die Gejellichaft wieder in
leßter Zeit erhalten habe. Der Redner ob einleitend hervor, daß für
Dftpreußen die Steinzeit von der erften Hälfte des erften Jahrtauſends
vor Chriſtus bis nach Chriftus reiche, Doch jo, daß in den Jahrhunderten
vor Chr. jchon Bronze auftritt. Eine Zufammenjtellung der in Preußen
gemachten Funde mit denen andrer Gegenden ergiebt, daß man es bei
uns nur mit der fogenannten neolithijchen Periode (nicht Der paläo-
Tithifchen, in welcher Mammut und Höhlenbär eriftierten) zu thun hat. Ein
13
— 132 —
eigentümlicher Fundgegenftand der Nehrung find ovale Schalen, die,
den Thranlampen der Eskimos jehr ähnlich jehen und leicht einem ’
gleichen Zwedt gedient haben mögen. Die Steinarten, aus denen die
in Preußen gefundenen Geräte bejtehen, jind Diorit, Syenit, Granit
und Hornblende. Der Feuerjtein ift meiſt zu Kleinen Gegenftänden, wie
Pfeilſpitzen, Meſſern und Schabern benugt. Man hat ihm bereits zu
Ihleifen veritanden. In den Pfahlbaureften bei Clauſſen unmeit Qyd '
bat man eine Werkjtätte für Feuergegenſtände gefunden, während in |
unfrer Nähe das Dünenfeld an der Smalupp in der Tilfiter Stadt:
beide ein Fundort für Pfeilfpigen und Meißel if. Es Hat nicht an
Verjuchen in unjren Tagen gefehlt, mit Inöchernen, hölzernen oder
jteinernen Geräten, Steingeräte aller Art Herzuitellen. Her
Dr. Tiſchler in Königsberg hat Seerolliteine mit Hornröhren be:
arbeitet. Sehr intereffant ift die Sammlung von Geräten aus der
Steinperiode eines Herrn Sehejtedt bei Broholen, der ein Blockhaus aus
Kiefern nur mittels fteinerner Werkzeuge hat herjtellen laffen, das nun
als Mujeum antiker Steingeräte dient. — Der Sammlung der Ge
jellichaft wurde durch Herrn Direktor Tobias ein fchöner Steinhammer
überwieſen; außerdem erhielt fie eine Bronzefette mit daran hängenden |
Schlüffel, welche auf dem Terrain des Gärtnerd Heren Friedrich in
Ragnit ausgegraben wurde. Herr Dr. Siemering bejtimmte die Zeit
derjelben ala das jüngite heidniſche Zeitalter, (Eindringen des Ordens
oder bald nachher).
Situng vom 19. Dezember 1887.
Herr Oberlehrer Knaake gab „Ergänzungen zu feinem in der
Generalverjammlung gehaltenen Vortrag über die landwirtichaft-
lichen Verhältnifje Dftpreußena zu Anfang dieſes Sahı-
hunderts mit befonderer Berüdfichtigung der Familie v. Schenfendorf.“
Der Bortragende gab eine Überficht der Getreidepreife von 1816 bis
Ende der 20-er Jahre, wodurch er bewies, daß dieſe fich bis 1824 im
ſteten Sinfen befanden, jo daß Weizen von 2 Thlr. 10 Sgr. allmählich
auf 29 Sgr. Roggen von 1 Thlr. 11 Sgr. bis auf 15 Sgr., Gerfte
— 13 —
auf 12!/s, Hafer auf 9 Sgr. Erbjen auf 17, Kartoffeln 1824 .gar bis
auf 4's Sgr. heruntergegangen waren. Der Landmann war nicht
mehr im ftande, den an ihn geftellten Anforderungen zu genügen, ja faum
Tich notdürftig zu ernähren; die meiſten Bejigungen gingen zum Spott—
preije in fremde Hände über, im Tilfiter Kreis blieben nur 3 Rittergüter
in den Händen ihrer frühern Befiger. Die Frau Kriegsrätin v. Schenfen-
Dorf wandte ji), nachdem fie ihr Gut Nefjelrode bei Königsberg verkauft
und auf das im Jahre 1817 von ihrem Sohne Mar zurüdererbte
Lenkoniſchken gezogen war, in ihrer Not an König Friedrich Wilhelm IL.
Sie erhielt auf Verwenden bes Oberpräfidenten von Schön im Sanuar
1826 eine jährliche Penſion von 200 Thalern zugefichert unter der
Bedingung, daß fie ihr ſchwer verjchuldetes Lenkoniſchken den Gläubigern
abtrete. Dies zu thun fühlt fie fich außer ftande und weiſt die Penſion
zurüd. Der Gedanke an eine parzellenweife Ausjpielung oder Ber-
loſung des Gutes jchien ihr weniger abjchredend; doch wurde ihr dazu
die Erlaubnis verjagt, indem fie dagegen vom 1. Januar 1829 ab eine
jährliche Unterjtüßung von 200 Thalern erhielt. Im genannten Jahre
wurden alle Gärtnergebäude in Lenkoniſchken durch Teuer zerſtört und es
mußte zu ihrem Wiederaufbau 3. 3. die öffentliche Veildthätigfeit in An-
ſpruch genommen werden. ‘Der Oberpräjident mahnte die Frau Kriegsrätin
nunmehr wiederholt, ihr Gut endlich an die Gläubiger abzutreten, da
die auf Lenfonischken eingetragenen Gelder den damaligen Wert des Gutes
um mehr ald das Doppelte überftiegen; da erlöfte am 10. November
1830 der Tod die bedrängte Frau von aller Not. Sie hatte wenigiteng
dag erreicht, daß fie in Lenkonijchten begraben wurde. 14 Thlr. 10 ne
bildeten dag ganze Barvermögen, das fie hinterließ.
Den zweiten Vortrag hielt Herr Gymnaſiallehrer Frölich. Der—
jelbe jprach im Anjchluß an die Publikationen des mit der Gefellichaft
in Schriftenanstaufch ftehenden Vogeſenklubs zu Straßburg „über
volfstimliche Feite, Sitten und Gebräude in Elſaß-Loth—
ringen,“ indem er das Mitgeteilte mit oftpreußifchen Volksbräuchen
verglich und in Verbindung ſetzte. Obgleich die Entfernung im Raum
eine große ift, berühren fich die Gegenftände oft wunderbar. Der Vor:
13%
— 14 —
tragende folgte dem Gange des Feſtkalenders und berüdfichtigte Haupt:
ſächlich die Oſter- und Pfingftgebräuche, wie die beiden alten Sonnen—
wendfefte zu Johanni und Weihnachten, an welchen fich gleichzeitig
germanijches Heidentum und chrijtlihe Sitte wunderbar gemijcht Haben.
Die getroffene Auswahl, Vergleihung und Betrachtung regte die Er:
Ichienenen zur Diskuſſion über manchen Punkt an.
Sitzung vom 27. Januar 1388. |
Al eriter Gegenitand jtand auf der Tagesordnung ein Vortrag
des Herrn Superintendenten Hoffheinz „Über litauiſche Orts—
und Berjonennamen jpeziell joldhe des Regsbez. Gum: |
binnen.“ Nach einer rühmenden Erwähnung der Arbeiten des Herrn |
Profeſſor Bezzenberger und OÖberlehrer Hoppe auf diefem Gebiet
trug der Referent feine eigenen Sammlungen zur litauiſchen Onomaſtik |
vor. Er Hat diefelben wejentlich aus den Kirchenbüchern gejchöpft. Zu—
nächft wurden die Namen, die offenbar jehr alte Form Haben, auf
— ant und — mins behandelt. Ref. ſieht in ihnen Reſte aus dem
Altpreußiſchen. Es folgte dann Anführung von Namen auf — ar, — |
art, — aut, — jod, — ut, — ur. Die Berjonennamen neuern Da: |
tums waren gruppiert in jolche, wo der Stamm ſcheinbar fein Endjuffir |
erhalten hat und ſolche mit Endung. Dann erklärte der VBortragende
eine große Zahl von Namen nach ihrer Bedeutung im Litauifchen und
brachte eine Zuſammenſtellung jolcher, die, obgleich fie einen deutſchen
Klang haben, doc, offenbar litauiſchen Urſprungs ſeien. So ſei z. B.
Schanzenkrug nicht vom deutſchen Worte Schanze, ſondern vom
litauifchen szandrus = Schlamm und Geröll, das der Fluß auzwirft,
abzuleiten. Snterefjant ift die Wahrnehmung, daß die lit. Flußnamen
alle Feminina find, bi auf Die beiden Namen Niamuns und Pre
glius; für den leßern fommt aber auch die feminine Form PBregle
vor. Einige der Behauptungen des Bortragenden riefen Widerſpruch
jeitend der Anweſenden hervor. Herr Rechtsanwalt Kleinfchmidt:
SIniterburg erflärte den Namen Niamuns von namai, Haus — Hei—
matſtrom, eine Erklärung, der die VBerjchtedenheit der beiden verglichenen
— 185 —
73 ortitämme entgegenzuftehen fcheint, denn niam = nem ijt doch nicht
nam. Im Worte namai hat die erfte Silbe nie erweichtes a.
Den zweiten Bortrag des Abends hielt Gymnaftallehrer Kurſchat
über „die lettijchen Dialekte“. Veranlaſſung dazu hatten ihm die Ar-
beiten des Vorſtandsmitgliedes der Litauifchen Gejellichaft, Prof. Bezzen⸗
bergers, über die lettiſchen Dialekte (1885) und über die lettiſche Sprache in
Preußen (1887), beide im Magazin der lettifch-litteräriichen Gejellichaft
veröffentlicht, gegeben. Da eine genauere Kenntnis über die Verhältnijie
der lettiſchen Sprache bei unjern Mitgliedern nicht vorauszuſetzen war,
jo gab der Vortragende zunächſt die Grundzüge an, welche vom Paſtor
Dr. Bielenjtein in feinem Werf „die lettiſche Sprache” Berlin 1863
aufgejtellt find unter Berücfichtigung und ſchließlichem Übergehen auf
Die Arbeiten des Herrn Brof. Bezzenberger. Danad) war der Inhalt
etwwa folgender. Die lettiiche Sprache Herricht in der Landbevölferung
des ruſſ. Gouvernements Kurland, im füdlichen Teile Livlands und im
westlichen Teile des Gouvernements Witepsk, der auch polnifch-Livland
heißt, und in Preußen auf der Kurifchen Nehrung. Der Name Kuren
und Letten ift nicht identisch, die Kuren waren vielmehr ein liviſches
(zur finnifch-mongolischen Völkerfamilie gehöriges) Wolf, nach dem noch
der Name des Landes Kurland bezeichnet if. Nur auf der Nehrung
werden die lettiichen Bewohner Kuren genannt, was heißen fol,
daß fie aus Kurland ftammen oder mit den jegigen Bewohnern Kurlands
(den Letten) jtammverwandt find. — Die lettifche Sprache ift dem
Litauiſchen zwar jehr nahe verwandt, unterjcheidet ſich aber doch in
vielen Punkten, jo daß man das Verhältnis des Lettiichen zum Litaut-
jchen etwa wie das des Nieder- zum Hochdeutichen aufzufajjen bat.
Es giebt nun in dem Gebiet, das die lettifche Sprache einnimmt, drei
Hauptdialefte, 1) den fogenannten oberländifchen, der in den Gebieten
von Dünaburg bis Triedrichftadt Hin, ferner in polnifch-Livland und den
angrenzenden Bezirken Livlands geiprochen wird. Er ift der reinfte und
altertümlichite Dialelt. 2) den nordweſtkuriſchen oder tahmiſchen Dialekt,
der zu beiden Seiten der untern Windau geſprochen wird. Die Bewohner
dieſer Gegenden ſind am ſtärkſten mit fremden Elementen (Liven) verſetzt
— 186 —
und ſprechen daher auch den ſchlechteſten Dialekt. Die Endſilben werden
verfürzt und verderbt, der Stamm unorganiſch gedehnt. 3) Alles, was
zwifchen den beiden genannten Gebieten liegt, gehört dem mittleren,
alſo lettiichen Hauptdialeft an, in welchem auch die Schriften der evan:
gelifchen Letten verfaßt find. — Was die Letten in Preußen betrifft,
jo findet man ſolche a) auf dem preuß. Feſtlande in der nördlichen
Borftadt Memels, Bommelsvitte, und in den nördlich davon gelegenen
Dörfern Mellneraggen und Karkelbek; b) auf der Nehrung in Schwarzert,
Perwelk, Preil, Nidden, Pillloppen und Sarfau. Das Nehrungs-Lettiid
zerfällt in 2 Dialekte, die durch die Grenze der Kreife Memel und
Fiſchhauſen gejchteden werden. Nach Bezzenberger® Unterjuchungen
GE Eee ee ee ee et esse ee et ee ———————
gehört nun die Sprache des größten Teil der preußijchen Letter dem
jogenannten mittleren Dialekt, jpeziell der Sprache des Gebiet3 von
Bartau (nördlich von Polangen) an; nur das Sarkauer Lettifch ift dem
Tahmifchen verwandt. — Was die Herkunft der preuß. Letten betrifft,
jo jpricht Bezzenberger aus verjchiedenen Gründen die Annahme aus, |
daß diejelben. von Kurland ber zu Waffer eingewandert find; wann das
gefchehen ift, it ungewiß; im 15: Jahrhundert klagen öfter Ordensge—
bietiger in Kurland, daß Letten in großen Scharen nach Preußen aus:
wanderten. — Schließlich gab Herr Rechtsanwalt Kleinſchmidt einige
von ihm aufgejtellte Etymologien litauifcher Hiftorischer Namen, fo
bejonders der Namen Kynstut ınd Switrigail. Den erjten leitete er von
skaistus hell, glänzend, den zweiten von gaileti und sweczias, alſo
der fich der Fremden erbarmt, ab. . |
Sitzung vom 8 März 1888.
Die Verfammlung, weldhe um 8'/s Uhr abends eröffnet wurde,
zeigte, wie gewiß alle zu derjelben Zeit im deutſchen Vaterlande
ſtattgefundenen Verſammlungen, wie ſehr auch die wiſſenſchaftliche
Thätigkeit von der allgemeinen politiſchen Zeitſtimmung beherrſcht wird.
Der verehrte Kaiſer und König befand ſich vielleicht in der Sterbe—
ſtunde — es wurden Zweifel laut, ob überhaupt die nötige Sammlung
und Aufmerkſamkeit vorhanden ſein würde. Doch es waren ja weitere
— 187 —
traurige Nachrichten inzwifchen nicht eingegangen und fo wurde denn
zur Erledigung der Tagesordnung gefchritten. Den eriten Vortrag hielt
Herr Gymnafiallehrer Frölich „über die Religion der europätjchen
Kulturvölker“. Der Bortragende fchließt ſich einem Werke von Pro—
fefjor Julius Lippert an, welches vor 7 Jahren, unter dem Titel
des Bortrages, in Berlin erjchienen ift und das auf dem Gebiete der
indogermanijchen Forſchungen den neuen Zweig einer allgemeinen
Religions-Philofophie kultiviert. Streng wifjenfchaftlich vorgehend be-
trachtet Lippert alle religiöfen Feſtſetzungen, ſei e8 daß jte in der Form
von heiligen Sagen und Dogmen oder als äußere Bräuche auftreten,
als Phänomene der die geiftige Eriftenz des Menjchen durchdringenden
und regierenden Naturgefege, welche auf dieſem Gebiete ebenſo jicher
wirfen, wie auf dem der lautlichen Sprachichöpfung. Bei dem Be-
mühen, da3 große Hier vorliegende Ganze in willenjchaftlicher Weiſe
aus einem Punkt entipringen zu laſſen, hat Lippert, wie der Herr
Bortragende herborhebt, ſich vielleicht nicht zugleich vor Einſeitigkeit
bewahren fönnen: er fieht als Ausgangspunkt aller Religionen den
Geelen- und Ahnenfultus an und erhofft von dieſem Stand-
punkte aus die Sortentwidelung der beftehenden Religionen zu erklären.
— Ein in Augficht genommener zweiter Vortrag wurde von der Tages—
ordnung abgeſetzt. |
9. Seneralverfammlung.
Den 11. Dftober 1888.
Der Vorfigende eröffnete die Sitzung und verlieſt den Jahres—
bericht. — Dann erhält das Wort Herr Profefjor Dr. Bezzenberger zu
einem Bortrage über „Oftpreußen und jeine Nachbarſchaft in
ethnographiſcher Hinſicht.“ Der BVBortragende führte etwa fol-
gendes aus: Für ethnographiſche Unterjuchungen bieten fich vor allem
zwei Mittel und Unterlagen, nämlich der Körperbau und die Sprache.
Als dritte fommen dann Tracht, Kleidung und Gerätjchaften Hinzu,
doc ſind dieſe, wo jene beiden. erften fehlen, wiſſenſchaftlich von nur
minimalem Wert. Aber auch mit Hilfe der erjtgenannten Mittel, der
— 188 —
ſomatiſchen Eigenſchaften und der Sprache fann man zu fichern Reſul—
taten nur dadurch gelangen, daß man diefe Unterfuchungen beſtändig
Hand in Hand gehen läßt mit der Geichichte, ſoweit dies irgend möglich
ift. Die Unterfuchung der Körperbeichaffenheit fürdert übrigen? in Ge:
genden, wo jtarfe Völfermijchung ftattgefunden hat, wie dies z. B. gerad |
in Europa der Fall ift, auch nur geringe Reſultate zu Tage. In
Litauen z. B. treten nebeneinander zwei verjchiedene ſomatiſche Kompli—
& 5
fationen auf: nämlich neben einer langföpfigen, blauäugigen, hellyaarigen |
Raſſe eine dunfelhaarige. Man erkennt alſo, daß Hier eine Völker—
mifchung Stattgefunden, aber über da3 Wann und Wo kann uns Die
ſomatiſche Unterfuchung feine Auffchlüffe geben. Wie ſteht es num mit
dem Mittel der Sprache? Sprache und Raſſe deden ſich zwar im all
gemeinen nicht, aber doch kann eine genau und forgfältig vorgehende
gefegmäßig verfahrende Unterjuchung der jpeziellen dialektiichen Eigen:
tümlichfeiten noch das meiste bieten. Allerdings Tann dies nur eine
Unterfuchung, die ſtreng nach den für richtig erfannten Gejegen verjährt.
Seit Voltaire die Sprachwifienichaft dahin definierte, daß in ihr die
Vokale nicht? und die Konjonanten wenig zu bedeuten hätten, Haben
fih die Zeiten ſehr geändert, fie ift nicht mehr eine „undisziplünierte
Disziplin”, vielmehr herrſcht in ihr eine jo ſtrenge Geſetzmäßigkeit, daß
nach ihren Normen zu operieren jchließlich gar feine Genialität zu er:
fordern jcheint.
Fragen wir uun: unter welchen Bedingungen bildet fich ein Dia:
left? jo iſt alS wichtiges Erfordernis desjelben die hiſtoriſch und geo-
graphiich abgefchlofjene Einheit eines Volkstums anzufehen. Für unjer
Sprechen find zwei Faktoren von bejtimmendem Einfluß: 1) die Bil-
dung des Kopfes, 2) das Musfelgefühl. Beide find aber, wie es bie
Erfahrung lehrt und wifjenjchaftliche Unterjuchungen es beftätigt haben,
erblich, woraus fich ergiebt, daß auch der Dialekt erblich ift.
Welche Völkerſchaften finden wir nun in Dftpreußen vertreten?
Es wohnen noch oder haben dafelbft gewohnt Deutjche, Polen, Auffen,
Suden, Sudauer oder Jadwinger, LVetten, Litauer und Preußen. Bon den
Deutichen fehen wir hier ab, weil die Geichichte ihrer Einwanderung fo be:
— 19 —
cannt im allgemeinen wie im einzelnen und jpeziellen unbekannt it. Wir
Önnen auch von den Juden abjehen, weil deren Vorhandenjein im Lande
serhältnigmäßig fehr neuen Datums ift. Dies ergiebt eine Anekdote
sei Henneberger (Ende des 16. Jahrhdts.). Diejer erzählt ein Ge—
chichtchen, wonach ein Jude einem Fiſcher den Nat gegeben habe, eine
zeweihte Hoftie an ein Flottholz ſeines Netzes zu befeitigen, um einen
ceicheren Fang zu erzielen. Dies that der Fiſcher mit dem gewünschten
Erfolg; aber beide, der Fiſcher und der Jude, entgehen der Beitrafung -
nicht, und für jenen verbrecheriichen Rat werden die Juden insgeſamt
dadurch beitraft, daß es ihnen verboten wird, beritten oder zu Wagen
in eine Stadt zu fommen. Henneberger fügt daran die Bemerkung:
Daher fomme e3 auch, daß gegenwärtig faft gar feine Juden in Breußen
zu finden find. Ebenſo können wir die Ruffen mit wenigen Worten
abthun; Sie find in Oftpreußen nur vertreten in der ruffiichen Sefte
der Philiponen im Kreife Sensburg, und zwar in den Kirchſpielen Groß-
und Klein-Ukta. Dorthin find fie in den zwanziger Jahren diejes Jahr-
Hundert? wegen Verfolgungen, die fie in ihrer Heimat zu erleiden hatten,
übergefiedelt; ihre Zahl betrug in den dreißiger Jahren ca. 2000 Seelen,
jeitdem ſoll diefe durch die bei ihnen herrſchende Sitte der Verwandten—
heiraten noch zurücdgegangen fein. -— Die Preußen find ald Volkstum
ausgeftorben; die legten Nachrichten über ihre Sprache ftammen aus
dem Jahre 1683. Ihre Nachlommen find natürlich in der jetzigen
Bevölkerung Dftpreußend aufgegangen. Wir wilfen nun nicht, ob wir
die Sprache der alten Preußen nur für eine Mundart der Titauifchen
oder für eine jelbftändige halten jollen. Nach dem Wortichag und der
Grammatik wäre fie das erftere, aber wir fennen ihre Betonungsart
nicht; und die gleiche oder verjchiedenartige Betonung ift ein weſentliches
Kriterium für die Annahme eines Dialekt oder jelbftändiger Sprache.
Allerdings fehlt e8 nicht an Andeutungen, daß das Altpreußiiche in der
That diefelbe Betonung gehabt habe wie das Litauifche (Abel Will.)
Welches war nun das Gebiet des Altpreußifchen? Gegen das Litauifche
hin marfiert fich die Oftgrenze durch die Ortsnamen, die Zuſammen—
fegungen mit Dorf, Berg, Fluß find. Dorf heißt altpreußiſch Kaims,
— 1% —
lit. Kiems, Berg heißt altpr. garbs, lit. kalnas, Fluß altpr. ape,
fit. uope. Danach ginge die DOftgrenze de Altpreußiichen etwa von
Moosbruch über Norkitten, Darkehmen nach dem W. des Kreiſes Goldap.
Diefe Grenze dedt fich mit der Oftgrenze der alten Landfchaften Sam:
land, Natangen, Barten und Galindien. Es fragt fich, welche Bevöl—
ferung die weftlichen Landfchaften (recht? der Weichfel) gehabt Haben:
Müllenhof weift fie in feiner Altertumsfunde den Goten zu, Ketrzynsk
den Polen; ficher polnische Bevölkerung hat aber nur das Kulmerland,
die war um 1230 entichieden polnisch.
Die Bolen Oftpreußeng find ein Beftandteil, der ſich hiſtoriſch
nachweisbar erjt im Laufe der Zeit von Süden her in dag Land einge
drängt hat. Um 1565 finden wir das polnische Element ſchon in der
heutigen Ausbreitung, d. h. von der Südgrenze bis zu einer Linie
welche Allenftein, Wartenburg und Biſchofsburg ſüdlich läßt. Die dortige
Bevölkerung ift aus Mafovien eingewandert und ift deshalb auch jchon
jeit dem 16. Jahrh. Mafuren genannt worden; ald Bezeichnung der
Landichaft ift der Name Mafuren jedoch erſt feit dem Anfang unſres
Sahrhunderts üblich.
Ein ethnographiſch ſehr wichtiges Glied Dftpreußeng bildet Die
Kuriihe Nehrung. Ihren Namen bat fie davon, daß fie nad |
Kurland zu gelegen ift. Auf ihr wohnen nun aber auch noch Kuren, |
d. h. Leiten, und zwar jchon im ©. der Nehrung, in Sarfau und dann
in allen Ortſchaften derfelben außer dem jegt rein deutſchen Roſſitten,
das aber früher auch lettifche Bewohner gehabt hat. Woher find dieſe
Letten gefommen? Die ältefte fichere Nachricht von ihrem Vorhandenfein
bietet Mörlins Kirchenvifitationsbericht vom Jahre 1563, der kürzlich
im Königsberger Archiv aufgefunden ift. Dort find unter den Namen
der Bewohner viele unzweifelhaft Tettiiche aufgeführt. Die Kurifche
Nehrung ijt jeit undenklichen Zeiten bewohnt geweſen, daß beweiſen bie
neolithijchen Funde, die fich faum irgendwo zahlreicher als dort finden. |
Ein merkwürdiges Ergebnis bietet nun eine Betrachtung der auf der
Nehrung vertretenen kuriſchen Dialekte. Die im S. wohnenden ſüdlich
Roſſitten-Sarkau ſprechen nämlich den nordweſtkurländiſchen, die nörd-
— 11 —
licher wohenden den fübweftfurländifchen (tahmifchen). Wie ift dieſe That-
jache zu erklären? Auf dem Seewege können die Tahmen von Der
Mündung der Windau nicht gut nach Sarkau auf ihren Kleinen Fiſcher—
Fahrzeugen gekommen jein. Es Stimmt nun zu diefer Thatjache die
Nachricht Heinrichs des Letten, daß die Tahmen urjprünglich Südweſt—
Furland eingenommen hätten, fpäter feien fie erft an die Ufer der Windau
von nachdrängenden Stämmen gedrängt worden. So ift denn auch Die
Anweſenheit von Tahmen bei Sarfau zu erflären. Sie nahmen im
Anſchluß an ihre Stammesgenofjen von Südweſtkurland her bis Sarkau
Die ganze Seefüfte ein; fpäter wurde diefe Verbindung von andern
nachdrängenden Stämmen unterbrochen, welche auch den Norden der
Kurifchen Nehrung in Befig nahmen. Nun waren die Kuren in Preußen
aber urjprünglich nicht auf die Nehrung beichränft, fie beivohnten auch
Das nördliche Ufer des Kurifchen Haffs bis zur Minge-Mündung. Der
Name Piljaten, den der fühliche Teil diefes Gebiets führte und Der
joviel wie das. Städtegebiet bezeichnet (1283 dem Orden abgetreten)
weit darauf hin, daß Hier von AlterS her zahlreiche ſtädteartige Nieder-
laſſungen eriftiert haben. Sonach wäre auch Klaipeda (Memel) keine
jo junge Anfiedelung, als man gewöhnlich annimmt. Dies Gebiet hatte
aljo eine aus Letten und Litauern gemifchte Bevölkerung; je weiter
nad) ©. und D., deſto fpärlicher wurden hier die Letten, defto häufiger
die Litauer. Die Letten waren überhaupt die Fiſcher, und wir finden
jie als jolhe auch am Norditrande Samlands, wie e& die Ortsnamen
Groß-⸗, Neu: und Cranz-Kuren zeigen Für die Zeit der lettiichen Ein-
wanderung nad) Preußen haben wir einen Anhalt an den oft wiederholten
Klagen der Drdensgebietiger in Kurland im 14. und 15. Jahrhundert
über fortgejegte Auswanderung der lettijchen Bevölkerung nach Preußen.
Die Litauer in Preußen zerfallen ihrem Dialekt nach in Drei
Gruppen, deren Mittelpunfte Tilfit, Ragnit und Stallupönen find.
Die Grenzen diefer Mundarten deden ſich ungefähr mit denen der alten
Landichaften Schalauen, Nadrauen und Sudauen, aber nur im allge:
meinen. Der NRagniter Dialeft beginnt nördlich Stallupönen, feine
Grenze läuft dann auf Schmalleningfen zu, dann in der Richtung des
Memelftromes öftlih. Nördlich davon finden wir den Tilfiter Dialeft.
Bon ihm unterjcheidet jich der Ragniter vor allem in der Ausſprache
— 192 —
der Diphthonge ai und au; der dritte der preußifch-litauifchen Dialekte, der
Stallupöner, nimmt nur den Kleinen Strich längs der Grenze von Stallu:
pönen über Mehlkehmen nach Dubeningfen Hin ein; dies Gebiet gehörte
zur alten Landſchaft Sudauen, und diefe war weder von Preußen nod
von Litauern, jondern von Jadzwigen bewohnt. Die Jadzwigen be
wohnten außer Sudauen noch jüdlichere Striche bi3 nach Podlachien und
Polefien. Sie wurden aber durch unaufhörliche Kriege mit ihren Nachbarn
(zulegt namentlich im Jahre 1282) aufgerieben und verjchwinden aus
der Geichichte. Ihr Land war fpäter eine Einöde, Nur ein Kleiner
Zeil davon fiel dem Orden zu; der übrige bildet das heutige ruf).
Gouvernement Sumwalfi. Wenn wir nun im heutigen Stallupöner
Dialekt die Sprache der Jadzwigen haben, jo dürfte vielleicht das
Schhriftlitauiiche, welches befanntlic; im Vokalismus auf diefem Dialekt
bafiert, eigentlich jadzwigiich zu nennen fein. — Nach Berichten der
Chroniften wurde eine Anzahl Sudauer vom Drden in der Gegend von
Brüfterort im Samland angejiedelt. —
Den zweiten Vortrag des Abends hielt Herr Profeſſor Pöhl mann
über im Jahre 1800 jtattgefundene. Verhandlungen, betreffend die
Gründung eines litauiſchen Schullehrerfeminars in Tilfit. Friedrich
Wilhelm I. hatte im Jahre 1723 an der Alademie in Königsberg die
Gründung eines litauiſchen Seminars (auch eines polnischen) zur Unter:
weifung von Theologie - Studierenden geichaffen. Später fcheint Dies
eingegangen zu jein, wenigjten® wurde nach der Thronbeiteigung Friedrich
Wilhelms III. eine Spezial-Riirchen- und Schul-Kommiſſion eingejeßt,
die unter anderm auch dad Seminarium Lituanicum wieder einrichten
lol. Damals empfand man aud) dag Bedürfnis, Landſchullehrer in
geeigneterer Weiſe, al3 es damals zumeift geſchah, namentlich auch für
das vielfach zurüdgebliebene Litauen, heranzubilden. Es intereſſierte
ſich dafür befonder® der Staats-Kriegsminiſter und Kanzler (jpäter
Burggraf) von Ditau, und fein Wunſch fand in Tilfit Widerhall.
Als bei Erledigung der litauiſchen erjten Pfarrftelle eine Neubejegung
derjelben gejchah, zog man dem Neuangeitellten, Srölich, die Summe von
148 Thalern vom Gehalt ab, die diefer an den emeritierten deutſchen
Diakonus Carrius abtreten jollte; Frölich ging auf diefen Gehaltsahzug
ein, bat aber, diefe Summe zur Errichtung eines Litauijch-deutichen Land-
— 193 —
cHıurlliehrerfeminard zu verwenden. Die Titauifch - deutiche Pfarrichule
eifte nicht mehr das Erforderliche: denn in der Stadt felber lebten nur
Deutſche und es ſei nöthig, in größerer Entfernung neue Titauifche
ScHulfocietäten abzuzweigen. Der Lehrer der Kirchjchule fünne dafür
an Dem neuzuerrichtenden Seminar thätig jein und aus jener Summe
Jejoldet werden. Nach mehreren Umfragen und Beſcheiden, die nicht
nur das preußifche Landesminifterium, fondern auch das damals neu—
errichtete Oberjchulfollegium in Berlin in diefer Sache gethan und erteilt
Hatte, wurde endlich in der Angelegenheit ein Gutachten von dem dama—
ligen Leiter der Tilfiter Brovinzialjchule, dem Rektor Clemens, eingeholt.
Diefer um dag Schulmejen der Provinz damals und fpäter hochverdiente
Mann gab ein jachlihe Gutachten dahin ab, daß zur Errichtung eines
jolchen Landichullehrerjeminars 500 Thaler erforderlich feien; nämlich
300 Thaler für 6 Stipendiaten & 50 Thaler (da aus der armen
Zanbbevölferung ſich niemand finden würde, der aus eigenen Mitteln
ſich die VBorbildung zum Lehrer erwerben wollte), 12 Thaler zu Schul—
utenfilien und 188 Thaler zur Bejoldung der Angeftellten. Er erklärte
fich nebft feinen Lehrern bereit, auf der Bürgerjchule (d. h. den drei
unterften Klaſſen der Provinzialichule) den 6 Stipendiaten den Unterricht
ohne Entgelt zu erteilen, bis etwa das Seminar befjer dotiert würde,
Dann jollte auch das gewöhnliche Schulgeld für die Seminariften gezahlt
werden. Alfo 500 Thaler waren erforderlich, um dies Zandfchullehrer-
Seminar zu gründen, deſſen Bedürfnis alljeitig anerkannt wurde. Aber
diefe Mittel konnten — fo lautete der Beicheid — aus öffentlichen
Mitteln nicht flüſſig gemacht werden und fo fcheiterte damals der Plan.
Erft nad) Einbruch der Unglüdszeit über Preußen, im Jahre 1811
hatte der Staat die Mittel zu einem litauiſch-deutſchen Schullehrer-
feminar, dem in Staralene. A. Kurſchat.
11.
Saßresberiht des Borfißenden,
eritattet in der Generalverfammlung am 11. Dftober 1888.
Wenngleich das verfloffene Sahr durch feine welterfchütternden
Ereignifje die Gemüter vieljeitig bewegt und dadurch von produftiver
Thätigfeit abgehalten Hat, ift unjre Gefellichaft in ihren ftillen Bemü-
Hungen ftetig fortgefchritten. Die Arbeit an dem 2. Bande der Dainu
— 194. —
balsai hat nicht geruht; doch iſt die Herausgabe dadurch verzögert,
daß noch manches in Ausſicht geſtellte Material dem Herausgeber zum
Teil ſpät, zum Teil gar nicht zugegangen iſt und wir es vorzogen, die
Ausgabe lieber hinauszuſchieben, als ein Werk zu veröffentlichen, dem
über kurz oder lang ein Nachtrag beigefügt werden müßte. Mit dem
Drucke wird in kürzeſter Friſt vorgegangen werden. Der Herr Miniſter
der geiſtlichen ꝛc. Angelegenheiten, Exzellenz von Goßler, hat Die hohe |
Geneigtheit gehabt, der Gejellichaft zur Förderung diejes Unternehmen: '
zum 2. Male 500 ME. zu bewilligen, und wir unterlafjen nicht, Hoch—
demjelben auch an diejer Stelle unjern gehorjamjten Dank auszudrüden.
— Die Herausgabe der Giesmyu balsai muß bis nach Beendigung der |
Herausgabe der Dainu balsai zurüditehen. — Durch den Tod verloren |
|
!
wir unfre geehrten Mitglieder: 1. den Kaufmann Herrn 2. M. Stadlies
in Tilſit, 2. den Herrn Oberlehrer Büttner in Infterburg und unjer
Ehrenmitglied, den Herrn Landes-Direktor von Gramatzki in Königsberg,
Zum Beichen unſrer Anerkennung der Mitarbeit um das Gedeihen |
unfrer Geſellſchaft bitte ich Sie, fich von Ihren Plätzen erheben zu wollen. |
(Sejchieht.) Neu zugetreten find unſrer Gefellichaft 6 Mitglieder, fo daß |
unfere Mitgliederzahl jet 213 beträgt, darunter 6 Chrenmitglieder.
Die Bibliothek der Gejellfchaft ift im verfloffenen Sahre um
etwa 100 Bände, weldye zum größern Teile auf dem Wege des
Schriftenaustaufches eingegangen find, vermehrt worden und zählt gegen- |
wärtig (Oftober 1888) etwa 650 Bände. Sehr jchätengwerte Werke
oder deren Fortjeßungen erhielten wir von den verfchiedenen hiſtoriſchen
Gejellichaften des Ermlandes, Weſtpreußens, Poſens und der ruffischen .
Ditjeeprovinzen, nicht wenige auch von gelehrten Gefellichaften für
Sprachforſchung, Völkerkunde und Altertümer in Deutjchland, Böhmen,
Rußland, Frankreich und Schweden, worunter eine bedeutende „Feftichrift“
der Gelehrten efthnifchen Gejellichaft in Dorpat und unvergleichlich fchöne
Abbildungen von Schäßen des „Rordiichen Muſeums“ in Stodholm,
zugleich mit einem deutichen Führer durch die Sammlungen des Mu:
jeumsd. Ferner haben Freunde und Gönner der Gefellichaft in Rußland
und Deutjchland, ſowie Verleger neuer Werke zu vergleichender Sprad;
forschung und Völkerkunde manches wertvolle Stüd geſchenkt; von dem
hiefigen Magijtrat erhielt die Bibliothek ein Exemplar der alten Preuß.
— 15 —
Brovinzialblätter überwiefen. Für alle Diefe Zuwendungen jprechen
sir den gütigen Gebern den ergebenjten Dank der Gejellichaft aus.
Die in Preußen erjcheinenden litauiſchen Zeitungen, jowie einige
indre auf Litauen bezügliche Schriften von mehr örtlichem Intereſſe
ind aus Mitteln der Gejellichaft weiter gehalten oder neu angejchafft. —
Nachdem die Bücherfammlung auf dieje Weile wiederum beträchtlich
jrößer geworden ift, beabfichtigen wir den geehrten Mitgliedern ſobald
als möglich durd) einen gedrudten Katalog noch ſpezielle Nachweifung
der vorhandenen zu liefern.
Zur Sammlung von Altertümern find in diefem Sabre
neben andern Sachen auch zahlreiche Münzen Hinzugefommen. Bon
Herrn Gutsbeſitzer Reimer-Mo&wethen erhielten wir einen ſchönen Stein-
hammer, der auf feinem Gebiete gefunden tt; vom Gymnaſiaſten Schatz
zwei Lanzenipigen und einen Steinhammer, jene vom Ragniter Schloß-
berge, diefen aus der Nagniter Umgegend. Auf dem Dünenfelde an
der Smaluppe find wieder zahlreiche bearbeitete Steinftüde, vermutlich
Pfeilſpitzen, ſowie Reſte von Thongefäßen und Holzkohlen als Zeugen
ehemaliger Wohnplätze ausgegraben; verſchiedene eingelieferte kleine
Bronze- und Eiſenſtücke zweifelhaften Urſprungs wurden einſtweilen
aufbewahrt, jedoch noch nicht der Sammlung eingereiht. Die Münzen
ſind von dem Konſervator unſrer Altertümer in Glaskaſten ſorgfältig
geſichtet und werden Ihnen zur Anſicht vorgelegt werden. Bezüglich
diefer Sammlung haben ſich in3bejondere Schüler des hieſigen Ktönigl.
Realgymnaſiums verdient gemadt. Ag Gejchenf eine ehemaligen
Schülers derſelben Anitalt, .de3 Herrn Chemiter Eide auf Java, ift
noch ein Älteres jabanisches Schwert zu nennen, das ein interejjantes
Geitenftüf zu den ung früher durch den Ethnologen Herrn Rohde aus
den Indianergebieten Süd-Amerikas überwiefenen Waffen bildet.
Wir erneuern die Bitte, daß uns Gegenjtände, die zur Slluftration
vergangener Beiten von Wichtigkeit fein können, auch in Zukunft zugemiefen
werben möchten. Vieles liegt gewiß hier und da im Privatbefit verborgen,
ohne irgend wen Nuben zu bringen. Es dürfte doch niemand allzu-
ſchwer fallen, fich von einem am fich oft wertlofen Gegenftande zu
trennen, wenn er bedenkt, wieviel vielleicht durch: Einreihung desfelben
in eine Sammlung für die Altertumsforjchung gewonnen werden kann.
power
POD-
— 196 —
Die Jahresrechnung über Einnahme und Ausgabe unjres Verein
wird Ihnen unjer Schagmeifter zur Prüfung und eventuellen Entlaftu
jofort vorlgen.
So beginnen wir heute den 10. Jahrgang unſres Vereinslebens
Möchte er von reichen Erfolgen unjrer Thätigkeit begleitet fein.
Das walte Gott! Hoffheinz-Tiſſit.
12.
Kaſſenbericht für das neunte Geſellſchaftsjahr.
(Oftober 1887/88).
A. Ginnahmen.
, Übernahme vom SUR: nennen. 794,24 Mi,
Binien . . ee 20,66 |
j Staatsbeihilfe > 2 0202»500,00 „
. Durch Verkauf von Sefelicaftsigeiten 2 2...1700 „ |
. Beiträge von Mitgliedern . . 20.20.20. 468,52
—
Summa 1800,42 WM.
B. Ausgaben.
. Bibliothek inkl. Buchbinderarbeiten en 40,13
. Honorare für wiflenichaftliche Arbeiten. . . . . . 100,00
. Herausgabe von Gejellichaftzichriften . . . . . . 270,00
. Berwaltung (Porto, Materialien, Botenlöhne, Annoncen) 108, 05 Me
"
rt
Summa 51818 ME. |
Bilanz: Einnahmen: 1800,42 Mt.
Ausgaben: 518, 18 „
Beitand: 1282,24 ME.
wovon 500 ME. als (ebenslängliche Beiträge einen eifernen Fonds bilden.
Herren:
Tiljit, den 11. Dftober 1888.
Der Schagmeilter Dr. 3. Siemering.
Die von der Generalverjammlung vorgenommene Borjtandswahl
ergab die Wiederwahl des bisherigen Borftandes, beftehend aus den
1. Superintendent Hoffheinz- Tilfit (Vorfigender), 2. Real-
gyumnafiallehrer Kantel-Tilfit (Sekretär), 3. Realgymnafiallehrer
- Dr. Siemering-Tilfit (Schagmeifter), 4. Rektor Bartjch- Tilfit
(Bibliothekar). 5. Gymnaſiallehrer Kurſchat-Tilſit,
6. Profeſſor
Dr. U. Bezzenberger- Königsberg, 7. Profeffor Dr. 8. Lohmeyer—
Königsberg.
— un
— 117 —
13.
Litteraturbericht.
Adreßbuch der Stadt umd des Kr. Gumbinnen, mit d. Beil. 1. Chronik
der Stadt Gumbinnen. 2. Situationsplan von derſelben. Hrsg.
von Alb. Gelleßun. Gumb. 1887.
Adreßbuch für d. Stadt Tilfit auf d. 3. 1888. Aus amtl. Duellen
zulammengeft. von C. J. Gehrmann (mit 1 Plan-Farte von der
Kreisjtadt Tilfit. Aufgen. von Steinberg 1835 und Neiß 1879,
fortgeführt big zur Gegenwart von 2. Knaus.) | .
AUlerandrow, Alexander: Sprachliheg aus dem Nationaldichter Li-
tauens Donalitius. I. Zur Semasiologie. Dorpat 1886. |
Bartſch, Chr. Totenklagen in der litauiſchen Volksdichtung. (Ziſchr.
j. vergl. Litt. und Renaiffance-Litt. Berlin 1888. ©. 81-99.)
Baſſanävitius, Dr. 3. Über die Beitimmung det Schaffchere in
litauifchen Gräbern. (Korreſpondenz-Blatt d. deutſch. Gel. f.
Anthrop., Ethnol. und Urgeich. 19. Jahrg. Nr. 1, 1888. S. 1—A.)
Bezzenberger, Adalb. Über die Sprache der preuß. Letten. Göt-
tingen 1888. |
— — Litauiſch sa, lett. so. (Beiträge 3. kunde d. indogerm. fprachen
XII. bd. ©. 146—148.) |
— — Beſprechung von Dainu balsai. (ZItſchr. f. vergl. Litteraturgeich.
und Renaiſſance-Litt. N. F. I. Bd. Berlin 1887. ©. 268—280.)
— — Jurgis Urbonait. Eine litauifche Dorfgeſchichte. (Schorers
Samilienblatt. IX. Bd. Nr. 38, 1888. ©. 602—-607.)
Bilder für Schule und Haus. 1. Lfg. Aus Norddeutichland. Leipzig.
(Das verjandete Dorf Kunzen. — Die Bucht bei Nidden. —
Wald und Düne bei Schwarzort. — Sturzdüne auf der Kur.
Nehrung. — Berniteinbaggerei im Kuriichen Haff). Ä
Brandjtätter, Fritz. Auf der Kuriſchen Nehrung. (Der Weidmann.
Blätt. f. Jäger und Iagdfreunde. 18. Bd. Nachtrag 19. Bd.)
Crampe, alad. Lehrer z. D. Dr. Die Farben der Pferde von Tra-
kehnen. (Landw. Jahrbücher XVI. Bd. 1887. ©. 831-890.)
Edart, Rud. Am Kuriſchen Haff. Die Ohrfeigen. Zwei Erzählungen
für die reifere Jugend. Nörten i. 9. 1887.
14
— 198 —
Sriedersdorff, Gymn.-Dir. Dr. Franz. Teier des 300-jähr. Be
ſtehens des Kol. Gymn. zu Tilſit. (Ztſchr. f. d. Gymn.⸗Weſen.
41. Jahrg. Nov. 1887. ©. 689—710.)
Girenas (Dr. Sauerwein). Die littauifche Frage einiger Zeitungen,
mit einer deutſchen und litt. Antwort. Tilfit und Leipzig 1888. |
Hanup, 3. Lituanica. (Rec. über E. Wolter, litauifcher Katechismus
von N. Daufpa und über Maur. Stanfiewicz, Studya bibli-
ograficzne nad literaturg litewskg etc. (Archiv f. ſlav.
Philol. X. Bd. 3. und 4, Heft 1887. ©. 642 ff.) Vergl.
„Die jogenannte Chylihski’sche Bibelüberfegung” in Altpr. Mo-
natsichr. Bd. XXV. 1888. Heft 5/6.
K—r. (Kammer), E., Fritz von Fahrenheid F. (Kgsb. Hartungfche
Zeitung vom 11. Juni 1888. Beil. zu Nr. 135.)
Kraj (in Petersburg erjcheinenende poln. Zeitjchrift.)
Nr. 46 vom 25. November 1887: „Druki litewskie.“
Nr. 14 vom 13. April 1888; „Echa htewskie.“
Zee, Jane. A. Lithuanian preacher of the seventeenth century.
(Mit Bezug auf „Lit. und Lett. Drude des 16. und 17. Jahrh.
IV. Heft. Szyrwid’s Punkty Kasan v. J. 1629", hrsg. v.
R. Garde) (The Academy 1887, Nr. 803. ©. 205—206.)
Aus Litauen. (Die Gebetöverjammlungen (BSurinkimai) und ihre
Tolgen.) ſKgsb. Hartungjche Ztg. vom 24. Aug. 1888. Beil.
zu Nr. 198.)
Aus Litauen und Mafuren. I. Die NRominter Heide. Kgsb. Har-
tungiche Ztg. 1888, Sonntagsbl. Nr. 31.) II. Der Seesker
Berg. — Rothebude. ſEbd. Sonntagsbl. Nr. 34.)
Lozihski, Wt Surinkty szkarbaj, apraszimas isz pabaj-
gos XVIII. amzio, perdeta isz lenkiszko liezuwio ant lie-
tuwyszko. Plymouth. 1887.
Maretic, Dr. 3. (Agram). Bu den Götternamen der baltiichen
Slaven. MArchiv f. ſſav. Philol. X. Bd. S. 133—142.]
Paſſauer, Reg- und Med. - Rat Dr. Das öffentliche Gejundheits-
weien im Reg.-Bez. Gumbinnen während der Jahre 1883—1885.
Generalbericht. Gumbinnen 1887.
— 19 —
Pederzani-Weber, Jul. Kynſtudt. Die Siege der Helden ber
Marienburg über die Heiden des Dftens. SKulturgeichichtl. Bilder,
der reifern Jugend erzählt. Mit vielen Abbildungen nad) Orig.
Zeichnungen von Joh. Gehrts. Leipzig 1888.
PBluemide, Heim. Wirthichaftsdirigent des Kal. Hauptgejtüt? Tra-
fehnen, Betrachtungen über die Oftpr. Pferdezucht, mit bejonderer
Rüdfichtnahme auf die Zucht des Remonte-Pferdes und die Auf-
zucht von Zucht-Material. Selbftverlag, (Für die Bchhdl. durch
H. Klutkes Bchholg. in Stallupönen) 1887. [Landwirtichaftl.
Sahrbüder. XVIL. Bd. Hft. 1. 1888. ©. 1—30.]
Pölchau, Ober. Dr. Arth. Die livländifche Gefchichtslitteratur im
Sabre 1886. Riga 1887.
Prace filologiczne, ®d. I, Warſchau 1888. J. Karlowicz,
Kilka stöw o nazwiskach litewskich.
Ptaszycki, St. Biblijotieka Wielikago kniazıa litowskago w
Wilnie w 1510 godu (Iz zurnata bibliograf.). Beter-
burg 1888.
Schenfendorf, Mar von, Gedichte. Mit Einleitg. und Anmerkungen.
[Bibliothef der Gefamt-Litt. des In= u. Auslandes. Nr. 168. 169.
Halle 1887.)
Schrötter, 3. A. die Roſe des Moosbruchs. Eine Kriminalgeichichte
aus Litauen. Kgsb. Hartungihe Zeitung. 1887. Nr. 2 u. ff.]
Das Oſtſeebad Schwarzort. Vom Sturmgejellen Sokrates. Mit
Karte von Schwarzort. Tilfit 1888,
Skıirmunt, Konstancija. lIstorija Lietuwos trumpai apse-
kyta.. Su trymis ziamlapiais. New-York. Spaustuweje
„Lietuviszkojo Balso“. 1887.
Stengel, Paul. Fri v. Fahrenheid F. [Wochenjchr. f. klaſſ. Pilot.
5. Sahrgang 1888. Nr. 27.]
Thalmann, Oberl. Ernſt. Die Märztemperatur der norböftlichen
Ede Deutichlands. [44. Progr. des Kgl. Realgymn. zu Tilfit.]
Tilſit 1888.
Aug Tilſits Vergangenheit. I Teil. Tilfit feit dem großen
Kriege. Mit einem Plane der Stadt u. 8 Illuſtr. II. Auflage,
Tilſit 1888. II. Teil.
14*
Treichel, 4. Nachtrag zum Schulzenitab, jowie verwandte Commu-
nifationgmittel. [Verhandlungen der Berliner anthropol. Gejel:
ſchaft. Sitzg. vom 7. April 1888. ©. 160—172. U. a. Ge—
ſchrey und Signale altpreuß. Landwehren. ©. 160. — Te!
Kamswikusberg bei Infterburg. ©. 160 f. — Perbottung im
Amte Infterburg auf dem Lande; durch die Glode oder den
Wettnecht in d. Stadt. ©. 163.]
Triennium, das erite, des Comités der Oſtpreußiſchen und Littauiſchen
Stände (hrög.) von Dr. Bujad. Kgsbg. 1887.
Urkunde vom 3. 1473 (7. Zuli) über Gränzbeitimmungen zwiſchen
Kurland und Littauen von Seiten des deutſchen Ordens und
Littauend. Sitzungsber. der furländ. Gel. für Litt. u. Kunft x.
aus d. 3. 1886. Mitau 1887. ©. 66—69.]
Urkunde über Berichtigung der Gränze von Kurland und Littauen
zwilchen dem Drden und dem Könige von PBolen zu Kurczim
im S. 1535. [Situng3ber. der kurländ. Gejellfchaft f. Litt. um
Kumft ꝛc. aus d. 3. 1887. Mitau 1887. ©. 67—68),
Bater, Bericht über einen Bronzeſchmuck von Labatiden bei Pröfuls
(Oſtpr.) mit Zeichnungen von Obrijtlieut. Uhl in Memel. [Ber:
Handlungen der Berlin. Geſ. für Anthrop. Ethnol. und Urgeld.
Sitzg. dv. 19. Febr. 1887. ©. 159—162.]
| |
Wista, (poln. Beitichrift in Warjchau). E. Orzeszkowa: Ludzie i |
kwiaty nad Niemnem. M. Dowojna-Sylwestrowicz: Texty '
szlachty zmujdzkiej.
Wolter, E. A. Ob etnograficzeskoj pojedzkie po Litwie ı
zmudi letom 1887 goda, czitano w zasiedanii istoriko-
filologiezeskago otdietenia impier. Akadiemii nauk 20. ok-
tiabria 1887 g. — Peteröburg 1887. Ä
Bei Zufammenstellung des Litteraturberichts find wit in Danled:
wertefter Weile von den Herren Dr. R. Reide und 3. Sembraydi
unterjtüßt worden. Der Sekretär: 9. Kantel,
Aus dem Statut
der Litauischen litterarischen Gesellschaft.
(Tilsit, den 27. Oktober 1880.)
& 1. Die „Litauische litterarische Gesellschaft‘‘ bildet den
Mittelpunkt für die Bestrebungen, alles auf Litauen und die
Litauer Bezügliche, sei es sprachlicher, historischer, ethno-
graphischer u. dergl. Art, durch Sammlung und Aufzeichnung
für die Wissenschaft zu erhalten.
85. Der Jahresbeitrag jedes ordentlichen Mitgliedes
beträgt 3 Mark praenum., welche bis zum 1. April an den
Schatzmeister eingezahlt sein müssen, wenn nicht die Einziehung
durch Postvorschuss gewünscht wird. — Einmalige Zahlung
von 50 Mark gilt als Beitrag für Lebenszeit.
Zu beziehen durch Carl Winters Universitätsbuchhandlung
in Heidelberg:
Dainu Balsaı.
Melodieen litauischer Volkslieder
gesammelt
und
mit Textübersetzung, Anmerkungen und Einleitung
im Auftrage der Litauischen litterarischen Gesellschaft .
herausgegeben |
von
Christian Bartsch.
XXXI u. 248 S. gr. 8°. Preis: 5 Mark.
ED · ·—
Prof. Dr. A. Bezzenberger in der „Deutschen Litteratur-
Zeitung‘, VIII. Jahrgang, Nr. 19:
Während litauische Volkslied- oder Daina-Texte bereits zu Tausenden
gesammelt und veröffentlicht sind, sind Daina-Melodieen bisher nur in
recht beschränkter Zahl und an zerstreuten Stellen durch den Druck
bekannt geworden ..... Die Sammlung litauischer Volksmelodieen,
welche Herr Bartsch zu veröffentlichen begonnen hat, tritt sonach in
eine empfindliche Lücke ein; sie wird dieselbe freilich bei weitem nicht aus-
füllen — hierzu ist die Zahl der litauischen Volkslieder zu gross —
aber schon ihr vorliegender erster Teil macht dieselbe doch etwas we-
niger empfindlich, und zwar thut er dies mehr, als es beim ersten Blick
scheint .... - Er enthält 164 Melodieen, von welchen viele bisher noch
nicht veröffentlicht und 102, zum Teil sehr ansprechende, von Herrn B.
selbst aufgezeichnet sind. Die letzteren machen durchweg den Eindruck
grosser Zuverlässigkeit... ..... Je die erste Strophe der einzelnen
Lieder ist litauisch und deutsch, der Rest je nur in deutscher Über-
setzung gegeben, bei welcher ältere Übersetzungen frei benutzt sind.
Die Einleitung orientiert in gefälliger Form über den litauischen Volks-
gesang : . «:« - — Der zweite Band soll ‚in übersichtlicher Weise zu-
sammenbringen, was sich sonst noch, zwar schon veröffentlicht, aber
zerstreut, an litauischen Nationalmelodieen vorfindet“, wird aber sicher-
lich auch Neues enthalten.
Der zweite Band der „Dainu Balsai“ erscheint im Laufe
dieses Jahres.
Outo r, Mauderode, Tilsit, i
— ud | —
|
|
Litauischen litterarischen Gesellschaft.
| 15. EIeft.
IT. 3.).
|
Inhalt:
\
! Nr. 14: Hochzeitsbräuche der Wielonischen Eitauer von A. ‚Jusskiewiez,
| Übersetzt von A. Petry unter-der Redaktion von J. Baudowin de. Courlenay,
(Fortsetzung). — Nr.-15. -Litauische- Arzneinamen: von J." Sembräyecki. — |
Nr. 16. Litauische Schriftsteller.des 19. Jahrhunderts (Dowkont) von %, Wolter,
— Nr. 17. Berichtigung zu Heft 14 von Dr. F\ Siemering, — Nr. 18. Kassen-
| bericht. — Nr. 19. Zur Geschichte-der Gesellschaft von 4, Kantel
|
i
| ie EHRE — —
. Heidelberg.
Oarl Winters Universitätsbuchhandlung.
(In Commission.)
1890.
ie „Mitteilungen“ der Litauischen Jlitterarischen Gesell-
) schaft erscheinen in zwanglosen Heften und gehen den
Mitgliedern kostenfrei zu, im Buchhandel sind sie von Carl
Winters Universitätsbuchhandlung in Heidelberg zu
beziehen.
Das Seeretariat.
Sodizeitsbräude der Wielonifhen Sitaner.!)
(Fortjeßung.)
20) Die Hochzeitsgäfte auf der Banf fingen und eſſen.
Die Mädchen gehen in die Gejindeitube, um eine Flaſche Wein zu
trinfen und einen laden Weißbrod, den fie vom Bräutigamsmarjchall
befommen, aufzueffen, und, nachden fie gerade gegenüber den Hochzeit-
gäften des Bräutigams, welche am Tiſche ſitzen, zurücigefehrt [ftehen ge-
blieben find], danken fie für das Weißbrot und den Wein mit ſchmähenden
und tadelnden Worten fingend.
1. Es figen, es fißen : 4 Im Städtchen Peludiai
Säfte am Tiiche; | Mitten im Hofe,
Schon Tiegen die Bärte Im Städtchen Pehuciai
Über den Tifchen. Mitten im Hofe
2. Das Bier fie tranfen, 5. In einem Abjchlag
Rotztropfen flofjen; Zwei Körner Roggen,
Durch's Zimmer gehend — Im zweiten Abfchlag?)
Duatichten?) die Schuhe. Zwei Körner Gerfte,
3. Wahrlich, wir wiſſen 6. Im zweiten Abſchlag
Euere Wohnung, Zwei Körner Gerfte,
Wahrlich, wir kennen Im dritten Abſchlag
Euere Habe. Eine Maſtratte.
1) Siehe Heft 14., III. 2, ©. 134.
2) Das naffe Schuhwerk giebt bei jedem Schritt den fpezififchen quatichenden Ton,
P.
3) Verſchlag, Getreidekaſten. P:
7;
1.
2.
Erſchlugt die Ratte
Mit einem Schlage?);
Zoget das. Fell ab,
Habt fie geſchunden.
Kochtet das Fleiſch aus,
Ließt es zerkochen;
Nagtet die Knochen,
Lutſchtet das Mark aus.
Nagtet die Knochen,
Lutſchtet das Mark aus,
Truget ſie?) ſchleppend
Ruksionschen?) Mädchen.
| 11.
|
Ä
|
202
10. Euch überfielen
12.
Wielon’sche Hunde,
Haben zerrifien
Euere Zafchen,
Haben zerrifjen
Euere Tajchen:
Aus ihnen fielen
Knochen der Watte.
Schande — zu jammeln,
Schade — zu laſſen;
Ließet die Schande,
Laſt auf und Tiefet.
Die Hochzeitsgäfte des Bräutigamd — mit Mützen auf dem Kopf —
fingen, auf der Bank fißend, ihre ſchönen Lieder fo lange, als man die
Braut unter dem Unterſpreitlaken?) jucht.
indem man die Hochzeitsgäfte ſſichj auf die Bank ſſetzen] läpt!
[Sndem man den Hochzeitsgäften die Bank einräumt]:
4. Trinket die Runde,
Seßt euch zum Tiſche!
Bier laßt ung trinken!
Wenn wir e3 trinfen,
Laßt uns ſchön fingen!
Wer färbte unſ're
Weißen (reinen) Geſichtchen?
Das, was hoch ſproßte
Mit breiten Blättern,
Mit breiten Blättern,
Mit feinen Zweiglein;
Oben am Wipfel
Goldgelbe Knöspchen.ꝰ)
iy Mit einem „Klappſe“.
2) D. h. die Ratte.
9) „Rugsionej‘, ein Dorf der Wieloniſchen Pfarre.
9 CL. die Nr. 21.
|
|
5.
6.
Gebet dem Schultheik,
Laßt auch nicht mich aus,
Schaarwerfagejellen !
Säufer (?) warn Ochulzen
Jägerlein jagten,
Standen auf Klötzen,
Füße erfroren.
Seht euch zum Tiſche,
Bier lakt ung trinfen;
Menn wir e8 trinfen,
Laßt uns ſchön fingen.
= wi
*
v
5) „Der Hopfen“ mit den „großen Blättern“ „an feinen Zweiglein.“
Hopfen hier pars pro toto für Bier gebraudt.
P.
[3 —. 2
— 205 —
7. Liederchen — lieblich,
Schweſterlein — niedlich:
Gut haſt du, Väterchen,
Auf ſie zu ſehen.
Den Hochzeitsgäſten des Bräutigams am Tiſche im großen Wohn-
zimmer giebt man Schweinbraten und Gänfefleifch mit Zubereitungen!)
aufzubeißen; alle Mädchen aber, welche inzwijchen die Braut in dem aus—
gepußtejten Winkel der Gefindeitube unter das Unterfpreitlafen, wie unter
einen Baldachin,?) verſtecken, fingen herzrührend:
1. Guten Morgen, liebes Mägdlein !
Sag’, was ſuchſt du, Liebes Bürjchlein,
Sag', was ſuchſt du, Herzliebiter?
2. Sud’ mein liebes, braunes Rößlein,
Meinen gold’gen Lederjattel,?)
Meinen goldigen Sattel.
3. Sage doch, du liebes Bürjchlein,
Was für Haare hat dein Nöplein?
Kenn’ die Haare des Rofjes!
4. Schwarzbraun ift mein liebes Rößlein,
Goldverziert der Lederjattel,
Goldbeſchlagen der Sattel.
yy Etwa geftoftes Gemüfe, gebadene Äpfel, Sauce u, dergl, P.
2) OCt. Anm. zu Nr. 21 (pag. 205). P.
3) tymas, nad) Kurfchat „Safran“ [mol „Saffian” 2], braunes Leder; tymü
balndlis = „Sattel aus braunem Leder.” — Das obige Lied führt uns einen Hochzeitg-
brauch vor, der fi, wie Dr. 2. v. Schröder in feinem zitierten Werfe nachtweift, bei vielen
indog. und ugro-finniſchen Stämmen erhalten hat, Die Braut ift unter einem Tuch ver=
hüllt und der Bräutigam fucht fie in verblümten Reden: er fucht fein Rößlein,
welches ihm in diefen Hofe gepfändet ift, weil es vielfachen Schaden angerichtet
bat; er bietet Geld, ja Hunderte, als Schadenerfag an, ihm aber wird die Antwort,
daß er mit feiner eigenen Perfon für biejen Schaden auflommen müſſe. — Ueber
dies Verjteden und Verleugnen der Braut und über die verblümten Nedemeifen,
die von dem fie juchenden Bräutigamäsgefolge geführt werden, cf. Dr. L. v. Schroeder
„Die Hochzeitsbräuche der Esten‘“ pag. 57—68. P.
iz
10.
11.
12.
13.
14.
— 204 —
Dein ſchwarzbraunes, Tiebes Rößlein
Sit in meines Vaters Stalle,
Sn dem Stalle des Vaters.
Dein mit Gold beichlag’ner Sattel
Sit in meines Vaters Kleete,
Sn der Kleete des Vaters.
Sage doch, du liebes Mägdlein,
Welchen Schaden that das Rößlein?
Welchen Schaden das Roß that?
Es zerbrach die Eichenpfähle,
Es verbog die Kaulbaumzäune,
Auch die Blumen zertrat es.
Sage doch, du Liebes Mägplein,
Wie da blühen dieſe Blünlein,
Wie die Blumen da blühen?
Blühen Rauten, wie das Sönnchen,
Blühen Lilien, wie das Möndchen,
Wie das Möndchen, die Lilien.
Und die drittgenannten Blümchen
Blühen in jedermann’3 Gärtchen,
Blühen in allen Gärten.
Nenne doch, du Liebes Mägdlein,
Mir den Wert von diefen Blümlein,
Mir den Wert Diefer Blumen!
Für die Rauten zahl’ zweihundert,
Für die Lilien noch zweihumndert,
Für die Lilien zweihundert;
Doc für diefe dritten Blümlein
Dich befomme ich, Herzliebiter,
Di befomm’ ich, mein Lieber.
— 205 —
15. Rufe ber den lieben Bater,
Wil die Hunderte ihm zählen,
Bil die Hunderte zählen.
16. Werde nicht den Vater rufen,
Zähle du nicht deine Hundert’,
Deine Hunderte zähl' nicht.
17. Laſſ' dein Rößlein auf die Straße,
Selber geh’ in Gottes Namen!
Geh’ im Namen de3 Herren!
18. Ich, das Mädchen, hab’ den Schaden,
Dir gereicht es nicht zum Ruhme,
Nicht zum Ruhme dir, Süngling!
21) Das Suden der Schuldigen unter dem Lafen oder
dem Baldadin.
Die Mädchen ftellen in der Gefindeftube im Ehrenwinkel ein
prächtig ausgepußtes Tiſchchen Hin, auf welches fie eine Flaſche Met
oder Wein ftellen und einen laden Weißbrot Hinlegen; hinter dem
Tiſchchen aber |preiten fie eine jeidene oder tenere Kattun-Dede feinen
Baldadhin!!) aus, oder fpannen über den Köpfen ein Laken aus und
Halten es mit ihren Händen feſt. Unter diefe Dede oder dieſes Laken
friechen alle Mädchen zufammen; nur drei Sängerinnen bleiben beim
Tichhen zum Empfang und Ausfragen der Hochzeitsgäfte, was fie
brauchen.
Nachdem der Marjchall des Bräutigam den Bräutigam, den
Sreiwerber mit dem Eßvorrat und die ganze Hochzeitägejellichaft im
Wohnzimmer zurüdgelaffen, geht ec mit Dudelfäden und Geigen?) in die
Gefindeftube, um die Braut unter der Dede oder unter dem Laken zu
ſuchen.
1) Ein teures Zeug wird über den Enden von A Stangen ausgeſpreitet, jo
daß ein Baldachin gebildet wird; oder e8 wird ein Laken von 4 Brautmägden ein:
fach mit den Händen über den Köpfen ausgefpannt. P.
2) d. h.: begleitet von Dudelfacpfeifern und Geigern, P,
— 206 —
Der Bräutigamsmarſchall fragt diefe drei am Tiſchchen ftehenden
Mädchen mit jchlauen Worten aus und verwirrt fie auf jegliche Weifel)
betreffs des Gärtchens, der Rauten und der Getränke. Die Mädchen
müfjen jich mit ihrer Flache Met oder Wein präjentieren und trinten
zuerſt dem Bräntigamsmarjchalle zu und beißen ihr Weißbrot auf.
Kachdem darauf der Bräutigamsmarichall ihr Getränk gefoftet, gießt er
aus feiner mitgebrachten Flaſche in denſelben Holzbecher, hält ihn feit
in der Hand und giebt ihnen unter Späßen, fchlauen Reden und Rätfeln
zu frinfen. Die Mädchen fingen:
6. Saget, liebe Brüder,
Was ihr brauchet?
Ob unſer Schweiterlein
Ihr begehret?
1. [Sch] höre: es kommen
(reiten) die Gäſte
Die Straße.
Sagt doch, liebe au €
Was ihr brauchet? FE
2. Saget, liebe Brüder,
Was ihr brauchet?
Ob unſer Schmwefterlein
Ihr begehret?
3. Werden nicht geben
Unſ're lieb' Schweſter
Ohne des Mütterchens
Rat und Willen.
|
4. Unſ're lieb’ Schweſter |? [3] Höre: e3 kommen die Gäfte
|
7. Berden nicht geben
| Unf’re lich” Schweiter
Ohne des Väterchens
Nat und Willen.
8. Unj’re lieb Schweſter
Iſt eine Spinn’rin,
‚seiner Leinlaken
Kund’ge Web’rin.
Die Straße.
Sagt doch, Liebe Brüder, ,
Was ihr brauchet?
Sit eine Spinn’rin,
‚seiner Leinlafen
Kund’ge Web’rin.
5. [Sch] höre: es kommen die @äfte
Die Straße,
Sagt doc, liebe Brüder,
Was ihr brauchet?
10. Saget, liebe Brüder,
Was ihr brauchet ?
Ob unjer Schwefterlein
Ihr begehret?
1) sc. dur) feine Kreuz: und Querszragen. P.
— 207 —
11. Werden nicht geben 12. Unſ're lieb Schweſter
Unſ're lieb' Schweſter | Sit eine Spinw’rin,
Ohne des Brüderchens Seiner Leinlaken
Rat und Willen. | Kund’ge Web’rin.
Während deſſen fiht die Braut unter der Dede oder dem Lafen,
verjteckt gehalten von den fie umringenden Mädchen.
Das Ausfragen vor dem Lafen.}
Ein Mädchen fragt den Bruder des Bräutigams den FMarfchallt,
der mit dem Freiwerber hergefommen: „Woher feid ihr? und was wollt
ihr, was braucht ihr?"
Der Marſchall antwortet: „Wir wollen, wir brauchen eine grüne
Raute.”
Mädchen: „Wo werdet ihr die grüne Naute laſſen, wen ihr fie
abgepflüdt habt?“
Marſchall: „Wir haben einen grünen Eintagsbaum;) neben ihm
werden wir jie pflanzen.”®)
Mädchen: „Gehe unter das Lafen, pflüde, aber zerbrich nicht
die Äſte.“
Nachdem der Bräutigamsmarjchall von den Mädchen die Erlaubnis
befommen, friecht er unter die Dede oder unter das Lafen, um die
Braut zu ſuchen.
Wenn er nicht mit einem Mal die Schuldige?) findet und eine
andere herausführt, muß er Met over Wein trinfen, und die Mädchen
verlachen ihn auf folgende Weile, indem ſie fingen:
Das jchuld’ge, Bruder, das jchuld’ge,
Nicht find’st du das jchuldige Mädchen. (Be)
1) Es iſt wol richtiger das lit. diömedis. poln. boZe drzewko,
lat. artemisia abrotanum, durch Stabwurz oder noch befier Eberraute,
und nicht duch „Eintagebaum”, zu überfeßen.
2) CE. Anm, 2. zu pag. 149. Die Braut mit einer Raute, den Bräutigam
mit einem Eintagsbaume (Gottesbaume) zu vergleichen, find die beliebtejten Metaphern
(auch Epitheta) für diefe beiden Perſonen. P.
3) „Die Schuldige fuchen” ift mol irgend ein Hodhzeitsipiel. Weshalb die
Braut die „Schuldige” genannt wird, ergiebt fi) aus der ganzen befchriebenen Si-
tnation nicht, P.
— 208 —
Maulaffen, plumpe Kerle F—
Sind des Bräutigams Brüder: R 18)
Ganz und garnicht verjtehen
Sie das Bräufchen zu juchen.
Und meiter fingen fie:
Hierher - dorthin | 4. Und der Freier
Kroch der Freier Langt zu küſſen;
Suchend in der Kammer ;!) Sein Bart ward zerriffen.
2. Fand, gelangend
Zu dem Abſchlag,?)
Eine rote Rabe.)
5. Darauf fommt er
Zu dem Mägdlein
Mit zerriſſ'nem Barte,
3. Und er meinte, ; 6. Und es fragte
's ſei das Mädchen — — Ihn das Mägpdlein:
Siehe da! ein Käbchen! „Wer zerriß den Bart dir?“
7. — Ei doch! jene zott'ge Kae,
Die zerriß den Bart mir! —
Der Bräutigamsmarfchall Friecht zum zweiten Male unter die
Dede und zieht bisweilen beim Suchen die Kopfbänder der Mädchen
herunter.
Beim zweiten oder dritten Male findet er die Schuldige, fondert
die Braut von dem Haufen der Mädchen ab und führt fie an der
Hand von - unter der Dede oder dem Lafen hervor (heraus).
Das Berfteden der Braut unter der Dede oder dem Lafen be-
deutet, daß die Tochter bier, bei ihren Eltern, fo fehr geliebt und ge-
Ichäßt wurde, daß auf fie weder ein Stäubchen, noch ein Tautröpflein
!) svirnas — die „Vorratsfammer,“ in der Eßvorräte und Kleider, fo wie
die ganze Habe des jungen Mädchens aufbewahrt wird. P.
2) Of. Anm, 8, zu pag. 201.
8) Der Freiwerber, welcher unter dem Baldachin die Braut fucht, führt mehrere
Mal ein anderes Mädchen, als die Braut, heraus; dieſe „Falfche” (nicht richtige)
„Braut“ nennt das Lied „rote Kate” (die Kate, das Symbol der Yalfchheit!). Über
die Sitte, erit eine Faljche Braut vorzuführen, cf. Dr. L. v. ‚Schroeder „Hochztbr.
der Esten‘ pag. 68—72, P,
hi.
— 209 —
fiel, und weift darauf Hin, daß fie in jener Gegend, bei der Schtwieger-
mutter, ebenjo geliebt und geichäßt fein möchte”)
22) Der Abſchied der Braut von den Mädchen und der
Familie.
Der Abjchied der Braut von der Familie und den befreundeten
Mädchen ift für die Braut und die Familie der jchmerzlichfte Augenblick.
Sobald die Braut, geführt vom Bräutigamsmarichall, von unter der
Dede oder unter dem Laken hervorfommt, verneigt fie fich jofort unter
rührenden Thränen bis zur Erde vor ihren Eltern, vor der Familie
und Allen, indem fie [ihnen] die Füße küßt; die Mädchen aber fingen:
Bon - unter der Dede [die Braut] Herausführend!.
1. Wol weißt du jelber, 4. Segnend erlaube,
Unf’re Herzensſchweſter, Deine Herzensmutter,
Auf dem Hof?) du nicht wan— Daß ich zum Tifch mich ſetze.
delt'ſt
5. Sind es Goldſtückchen,
Sind es Silberperlen,
| Die zur Erde Hinrollen?
2. Wenigſtens grüß' doch,
Unſ're Herzensſchweſter,
Deine alte Herzmutter.
3. Zu ihr Hintretend, 6. Weder Goldftüdlein,
Sprach ich grüßend ſolches Weder GSilberperlen
Meiner alten Herzmutter: | Fallen rollend zur Erde;
I) Hiezu macht der Verfaffer felbft die Anmerkung:
„Es ſcheint, daß das Verſtecken der Braut unter dent Laken eine Hochzeits-
zeremonie dor Einführung des chriftlichen Glaubens in Litauen war.” J.
Mit dieſer Anmerkung macht uns der Verfaſſer der „Wieloniſchen Hochzeits—
bräuche“ auf die freilich poetiſche, aber auch naive Art aufmerkſam, wie gegenwärtig
die Litauer das Verſtecken der Braut deuten; er läßt dieſen Hochzeitsbrauch aus der
heidniſchen Zeit Litauens ſtammen, d. h. alſo, daß er dieſen Brauch auf den a. O.
(cf. Anm. 1.—2, zu pag. 166) erwähnten gewaliſamen Brautraub zurückführt. P.
Diefer Schluß jcheint mir zu weit gezogen zu fein, Jußkiewicz meinte damit
nicht den vorchriftlichen „Brautraub“, fondern nur eine vorchriftliche Zeremonie. B.
2,d,. h. nicht auf Deinem väterlichen Hofe, nicht auf dem heimiſchen
Gehöft. Du mußt fort; darum nimm Abfchted von den deinigen, erbitte dir ihren
Segen nnd die Erlaubnis, zum legten Mal mit ihnen an dem heimifchen Tiſche zu
jigen [um mit ihnen denfelben zu teilen; Abfchiedsmahl]. P.
15
7. Bittere Thränen | 11. Segnend erlaube,
Unſ'rer Herzensſchweſter | Du mein Herzensvater,
Fallen rollend zur Erde. | Dad zum Tifch ich mich ſetze.
8. Wol weißt du felber, '12. Sind es Goldſtückchen,
Unj’re Herzensschweiter, | Sind es GSilberperlen,
Auf dem Hof du nicht wan- | Die zur Erde Hinrollen?
delt'ſt. |
| 13. Weder Goldftücchen,
Weder Stlberperlen
Fallen rollend zur Erde;
9. Wenigſtens grüß’ Doc),
Unſ're Herzensſchweſter,
Deinen alten Herzvater.
10. Zu ihm hintretend, 14. Bittere Thränen
Sprach ich grüßend ſolches | Unſ'rer Herzensichweiter
Meinem alten Herzvater: | Fallen rollend zur Erde")
Die Eltern mit der Familie, oft auch die Geſindeleute, jegen fich
vor dem Abjchiede auf die große Stubenbanf.
23) Das Auslöſen der Bank dur den Gaftbitter.
Wenn die Braut in der Gejindeftube, jich verneigend, Abfchied
nimmt, nachdem fie von - unter dem Baldachin oder dem Lafen hervor:
geführt worden iſt, dann eilen die Mädchen in's Wohnzimmer, fi) auf
die Banf zu ſetzen, und der Gaftbitter des Bräutigams Hat die Bank
auszufaufen, indem er den Mädchen einen laden Weißbrot und eine
Flaſche von dem Getränfe, welches man [da] trinkt, giebt; und Die
Mädchen gehen dem EChrenplage entlang von der Bank weg, indem jie
ſingen:
Wenn man die Bank zum zweiten Mal ausfauft.}
1. Danf den Gäjten | 2. Euer Metlein
Für das Metlein, Sit beraufchend;
Dank den Gäjten (bis) Unfer Waſſer
Für das Metlein! Noch viel jtärker:
Danfe, danke! Danke, danfe!
1) Über die Sitte des Weinens und Jammerns der Braut beim Abjchiede
cf. Dr. L. v. Schroeder „Die Hochzeitsbräuche der Esten“ pag. 86 ff. P.
4
4—
3. Dank den Gäften 5. Ener Weikbrot
Für das Weikbrot; Sit recht weiß ja,
Wir euch gaben Unſer Schwarzbrot
Dante, danfe! Danke, danke!
6. Stehend auf dem
Trespenkorne,
Kannſt du Kowno
4. Unſ're Tiſchlein |
Sind gejcheuert,
Euer Weikbrot
|
Weiße Tifche: Aber weißer:
Ungejiebet: Schon erbliden,
| Dante, danfe! Kowno's Buden
? Alle zählen; Dank den Gäjten
ı Für das Brot aus Trespenkörnern.!)
’ E13 *
1. Dank dem Freier | 4. Dank dem Freier
|, Für das Metlein, Für das Weißbrot,
: Danke, danke! Dante, danke!
a | 5. Euer Weißbrot
. Euer Metlein | Sit recht weiß ja,
Br
Iſt recht ſchmachhaft, | | Unjer Schwarzbrot
Unfer Waffer Noch viel weißer.
Schmedt ung beffer. 6. Euer Mehl ift
3. Euer Metlein Ä Nicht gereinigt:
Sit recht Eräftig, | Stehend auf dem
Unfer Waſſer | Trespenkorne —
Noch viel ftärker. | Danke, danfe —
7. Kannſt du Kowno
Schon erbliden,
Kownos Buben?)
Alle zählen.
Dante, danfe!
I) Trespe — bromus secalinus, heißt im Lettifhen dirschi (verwandt mit
dem Lit. dirsö), wird aber auch lätschu Ausas („BärensHafer”) genannt. Im
Weißbrot der Hochzeitsgäſte ſind die Trespenkörner ſo groß, daß, wenn man — auf
ein ſolches Korn ſtellt, man Kowno ſehen kann.
2) Die Kowno'ſchen Buden befinden ſich meiſt in den Händen der den —
15*
— 212 —
24. Das Zuſammenſitzen.)
Nachdem man ſie [die Braut] von-unter dem Baldachin oder dem
Laken hervorgeführt.!
Der Bräutigamsmarſchall führt die Braut aus der Gefindeftube
ins Wohnzimmer unter Gefang und Dudelfad-, Harfen- (Zither-)2) und
Seigenjpiel in Begleitung der Brautjungfern. Nachdem er die Braut
von der Thüre her [in’8 Zimmer] Hineingeführt, jegt er fie am Tiſche
neben dem Bräutigam hin. Die Brautjungfer, die Anftederin?), figt neben
der Braut; Darauf aber der Reihe nach die andern Brautjungfern. Nach—
dem er [,der Bräntigamsmarjchall, ] dieſe fortgeftoßen, jeßt er fich auch
jelbft neben die Brautjungfer; und darauf jegen fich die andern Bräuti-
gamsmarjchälle und die ganze Hochzeitsgefellichaft.
Wenn die Braut fi) auf die Bank ſetzt, küßt fie, fich erhebend,
vor aller Augen zum erjten Mal den Bräutigam; dieſer aber umhüllt
der weinenden Braut die Schultern mit einem teuren Tuche zum Ge—
ſchenk und beruhigt fie, jie möchte nicht weinen.
Die Mädchen erheben ſich im Zimmer, der Braut gegenüber, und
ermahnen fie, indem jte fingen:
1. Lieb Schwelter, unſ're Lilie,
Sit’ nicht ftet3 auf dem Bänklein,
2. Sitz' nicht Stet3 auf dem Bänklein,
Sondern ſteh' auf den Füßchen.
verhaßten Juden, und es wird wol in dieſem Liede — totum pro parte — die
Bude für den Inhaber derjelben gejegt fein. P.
Mir Icheint hier ohne diefen Hintergedanfen ganz einfach über die Kowno'ſchen
Buden oder Kaufläden gejagt zu werden. Wol aber jegt man beim Singen anitatt
des Mortes „krömus“ (Buden) auch „Zydüs‘‘ (Juden) hinein. B.
1) Das Zufammenfigen auf der langen feiten Bank, welche die Gäſte kurz
vorher mit Met und Weißbrod von den Mädchen ausgefauft haben. P.
2) Es iſt wohl beſſer „Kanklei“ nicht mit „Harfe“, ſondern mit „Zither“ oder
„Guitarre“ zu überſetzen. B.
3) pamergö-seg&ja ſcheint die der Braut nächſtſtehende unter den Braut-
jungfern zu fein; es ift diejenige unter ihnen, welche der Braut den Kopf mit Bändern
und Rauten ſchmückt, den Brautkranz anſteckt, folglich die Anftederin, die Kranz
brautjungfer. P.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
— 213 —
Weißt du doch, o, lieb Schweſter,
Daß du arm, eine Waiſe:
Haſt ja keinen lieb Vater,
Keine alte lieb Mutter.
Denn es liegt dein lieb Vater
Schon auf dem hohen Hügel,
Schlummert auf hohem Hügel
Unter grünendem Raſen.
Auf ſeinem Grabhügelchen
Grünt ein grünendes Gräschen;
Auf dem Wipfel des Gräschens
Gold'ne Tautropfen blinken.
Wollte beten zum Herren,
Daß er ließe beſuchen,
Daß er ließe beſuchen
Und das Töchterlein ſehen,
Ob ſie prächtig gekleidet,
Ob geſetzt auf das Bänklein.
Sprach zur Antwort der Herr-Gott:
„Sch felbjt will fie bejuchen,
„Ich ſelbſt will ſie bejuchen,
„Auf das Töchterlein ſchauen.“
So biſt du ſchön gekleidet,
So aufs Bänklein geſetzet,
Und aufs Bänkflein gejeßet
Mit den feidenen Bändchen,
Mit den jeidenen Bändchen,
Mit dem rantenen Kränzchen,
Mit dem goldenen Ninglein,
Mit dem feidenen Tüchlein,
Mit dem rautenen Kränzlein
An des Herzliebiten Seite.
— 214 —
25) Der Polterabendfuhen?!) des Bräutigam.
Am Sungfernabend fährt der Bräutigam und bringt feinen Bolter-
abendfuchen der Familie der Braut.
Der Treimerber des Bräutigams zerjchneidet den Kuchen in
Scheiben, gießt zu je einem Glaje Met oder Wein ein, giebt e3 den
Berlobten und verteilt es unter die Familie der Braut.
Der Marſchall des Bräutigams trägt ein auf einen Teller ge-
legtes Stüd des Polterabendfuchens und einen Becher Met oder Wein
— wobei der Gajtbitter mit einem Licht leuchtet — unter lautem Lärm
herum und fragt: „Wo wohnt Paurys?)7“ Ihier nennt er den Namen
des Vaters der Braut, ihrer Mutter, oder eines andern, den er traftieren
will} „auf welcher Straße? auf welcher Gaſſe?“ Unter Anweiſung des
Vaters der Braut traftiert er [,der Marjchall,] einen jeden aus der
Familie der Braut.
26) Das Tanzen einzelner bejtimmter Paare?)
Nachdem allen vom PBolterabendfuchen zugeteilt worden iſt, führt
man zum erjten Mal die Verlobten und einige Hoczeitsgäfte vom
Tiihe in den Zimmerraum zum Tanze weg.
Der Freimerber des Bräutigams führt die Hochzeitsmutter?); der
Brautmarſchall den Bräutigam; der Bräutigamsmarihall die Braut;
der Gajtbitter des Bräutigams die Brautjungfer.
Nachdem fie zweimal herumgetanzt, lafjen fie den Bräutigam und
die Braut während des Tanzen? zujammen, als ein Paar tanzen.
2) Der karvölus — Polterabendkuchen ift ein ganz beionders großes Brod,
zu deifen Baden oft bejondere Öfen gebaut werden. Oberhalb ift diefer Kuchen
mit Arabesfen und Figuren (Vögeln u. f. mw.) verziert. (Diefe Notiz verdanfe ich
Heren Prof. Dr. Baudouin de Sourtenay, der jelbft jolh einen „karvölus“ ges
jehen hat.) P.
2), Der Name Paurys iſt in diefem Falle vom Verfaſſer bier hereingebradt,
weil ihm grade die Hochzeit dieſes Paurys vorichwebte, ala er die Hochzeitsbräuche
der Wielonifchen Litauer niederſchrieb. P.
3) isvedimas &ökti po skirtumu — „das Herausführen zum Tanz nad)
Wahl“, d. h. beftimmter Perfonen, beftimmter Paare; es tanzen anfänglich nur Die
Berlobten und einzelne Ehren-Chargen der Hochzeitsgefellichaft. P:
4) in diefem Falle wol die Mutter der Braut. P.
Diefe Vermutung fcheint mir unbegründet zu fein, B
— 215 —
Wenn dieſe vier Paare zwei - dreimal im Zimmer herumgetanzt und
lich, wo e3 einem jeden beliebt, hingejeßt haben, geht die ganze Hoch-
zeitSgejellfchaft, wer nur immer Luft hat, tanzen und amüſiert ſich.
Wenn die Verlobten zum Tanz heraustreten und tanzen, fingen Die
zur Seite Stehenden: |
1. Meiner Eltern, 5. As ich ging num
Eltern Vaterhaus, Mit dem Bruder tanzen,
Meine Haudflur An den Händchen
Sit gedielt mit Ahorn. Führte man mid), Sunge,
2. Meine Hauzflur 6. An den Händchen
Sit gedielt mit Ahorn, Führte man mid), Junge,
Und bejtreut mit Mir zur Seite
Majoran die Diele, Meinen Kranz mir ordnend.?)
3. Majorantraut 7. Machet Platz doch
Steckt auch in der Lage,) Mir in meiner Hausflur,
Mit Kattunzeug Denn ich gehe
Sind bedeckt die Tiſchlein. Mit dem Liebjten tanzen.
Mir in meiner Hauzflur, Mit dem Liehjten tanzen,
Denn ich gehe Warf er drehend
Mit dem Bruder tanzen. Mich nach allen Seiten,
9. Warf mich, unge,
Mich nach allen Seiten
Und zerriß mir
Mit den Spor'n die Schürze.
4. Machet Platz doch | 8 MS ich ging nun
|
27) Das Danfen?) |
Sobald man des Tanzens überdrüffig geworden ijt, fängt man
folgendermaßen an zu danken:
1, Lubos — die Ouerbalfen an der Oberlage, P.
2) Während die Braut in’ Zimmer heraustritt, gehen die Brautjungfern
ihr zur Seite und fegen ihr den Kranz zurecht. P:
ı 3) Das Wort Aciu, welches dem subst. atiavimas zu Grunde Fiegt, ftammt
aus der litauiſchen Kinderſprach und iſt mit dem gewöhnlichen dökuj (= ich danke)
— 216 —
Die drei hübjcheften und Elügften Mädchen aus der ganzen Menge
fangen mit dem Gaftbitter zufammen an zu danken, d. h. Gefchenfe
für die Braut zur Haube oder zum Kopftuch zu fammeln.
Der Gajtbitter des Bräutigam: trägt einen mit einer Serviette
bedeckten Teller; hierauf legt er Geld, welches er jofort auf den Teller
unter die Serviette legt und Eappert; andere Geſchenke aber, — Leinwand:
jtüde, Handtücher, Gurten, Sintebänder und Strümpfe, — legt man dein
Gaſtbitter auf die Schultern.
Sammelnd gehen fie zu einem jeden, vom Größten beginnend
bis zum Kleinſten, grüßen hübſch und danken einem jeden für jede
Gabe oder jedes Berjprechen: jei es ein Stüd Vieh oder irgend eme
Sache. Sammelnd danken fie bis zum jpäten Spätabend, wobei fie fingen:
Das Danken.}
1. Grüße deinen Abend, 2. Grüße dich, Vater,
Herr, du mein Gott! Taujend Grüße!
Der andre Gruß aber Zu deinen Füßen
Dir, Herzvater! Taujend Grüße!)
*
3. Nicht jelber kommen wir, 5. Nur hundert Thalerchen
Die Tochter bat uns drum. Zum Anfang dem Töchterlein,
4. Nicht viel verlangen wir, 6. Zum Anfang des Haushaltes,
Nicht wenig bitten wir.?) Zum Anfang des Lebens ihr.
| Nachdem er gegeben :}
7. Dante dem Bater! 8 OD, Herr - Gott, gebe
Gott wird vergelten Hundert’ zu pflügen,
Dir deine großen Gaben. 9. Andere hundert
Aufzueggen!
*
— * *
gleichbedeutend. Das folgende Lied fcheini aber daranf hinzumeiien, daß „Aciu“ in
diefem Falle vor empfangener Gabe gebraucht wird, etwa die Bedeutung hat „id)
grüße” — „ich bitte”, während „dekuj“ (im Liede nur nach Empfang des Ge-
ichenfes gebraucht) die volle Bedentung des „Dankes“ haben wird. Anders können
wir ung ein Danken, bevor man eitwas erhalten hat, nicht erklären, P.
1) Wiederhole nach jeder Zeile „Tauſend Grüße“ (— „aciu, aciu“). J.
2) Dieſes Sammeln von Geſchenken für die Braut ſcheint mir mit demjenigen
Akt identiſch zu ſein, den Dr. L. v. Schroeder in ſeinem obenerwähnten Werk auf
pag. 45 „Der Bettelgang der Braut” benennt, P.
— —·
— 217 —
10. Grüße deinen Abend,
Herr, du mein Gott!
Den andern Gruß aber
Dir, Herzmutter!
Grüße dich, Mutter... . . darauf finge die 2, 3. und 4. Strophel.
11. Nur hundert Thalerchen 12. Zum gold’nen Ringelein
Zur Haub’?) aus feinem Stoff, Aufs Heine Fingerlein.
13. Wenigſtens Leinwand,
Wenigſtens Tilchzeug;
Dir fie ’3 verdiente.
Nachdem fie gegeben:
14. Dante, Herzmutter, danfe 16. Nicht trank fie im Kruge,
Für diefe jchönen Gaben. Verdient tit das Geld wol.
15. Nicht trank fie im Kruge, 17. So hatte fie deshalb
Gewebt ilt die Leinwand, Der Tochter zu geben.
* *
18. Grüße deinen Abend, 21. Sie iſt verwaiſet,
Herr, du mein Gott! | Hat feine Mutter.
Den andern Gruß aber 22. Ihr ſammelt' Niemand
Dir, Herzbrubder. Den lieben Brautichat,
Grüße dic), Bruder, | 23. Nimm aus ber ZTajche,
Tauſend Grüße! Schneller bind’ los Doch!
Zu deinen Füßen 24. Löfe den Anoten!?)
Taufend Grüße! Wo ließeſt du es)7
19. Die Schweiter bittet, 25. Prahlſt dich, daß reich du,
Berneigt fich vor Dir Haft ja doch Eltern.
20. Zur fehwarzen Erde; 26. Hundertweil' zählit du;
Verſprich, veriprich doch! Wo ließeit du es?
2, Die Haube, die der Litauifchen Braut aufgefekt wird, ift eher ein Käppchen,
eine Mütze, daher im Liede „kepurdls“ — Mütchen, Der „slikas“ (cf. Nr. 39) hat
ebenfalls die Form einer Mütze. pP.
2) Das Geld wird in einen Zipfel des Tajchentuches eingebunden ; diejen
Knoten foll er fchneller losbinden. P.
3) nämlid: dag Geld. pP.
— 2138 —
27. Haft du ’3 vertrunfen
Sonntags im Kruge
- Mit der Bigeunerin?
Nachdem er gegeben:!
28. Dante, Herzbruder, 30. Andere Hundert’
29.
*
33. Scheidend von Geizigen,
Gehend zu Beſſeren,
Grüße dich, Gäftlein .
36..
37.
38.
39.
Gott wird vergelten
Aufzueggen.
Dir diefe großen Gaben.
Möge Gott geben,
Hundert zu pflügen, |
31. Für dieje Hundert
Ein braunes Rößlein,
32. Ein braunes Rößlein,
Zum Lieb zu reiten.
*
*
34. Mehr noch befommen wir,
Mehr noch befommen wir
%
* *
35. Guüße deinen Abend,
Sei's nur ein Thaler!
Herr, du mein Gott!
Den anderen Gruß aber
Dir, mein Gäſtlein
joder: Dir, meine Gajtint,
. . darauf finge Die 2., 3. und 4. Strophel.
Böden der Keſſel.
Sei's nur ein Harter, | 40. Flicke du damit
|
Halte nicht auf ung,
Sieb eine Gabe!
41. Heil find unſ're Kupferkeſſel,
Wir doch fliden feine Keſſel.
Mid’ find die Süße, 42. Nicht werden wir bitten,
Kopfweh ſchon plagt ung, Nicht neigen das Köpfchen,
Ohnmacht befällt uns. | Nicht jagen demütige Worte.
Das ist fein Geld doch — 1 43. Haft du nicht Schande,
Dedel der Pfeife;t) Sp wenig zu geben?
I) Statt einer filbernen Münze giebt der Gaft ein Rupferftüd, dag die Sammler
als Pfeifendedel und Keffelflidmaterial zurückweiſen. Es find die Strophen 39,
40 und 41 Perfiflagen auf den Geiz des Gaites, der aus Geiz nicht einmal einen
Zehner giebt. P.
44. | 57. Gieb eine Gabe,
Wo ließeſt das Geld du? | Halte nicht uns auf!
25. Liebtejt du Mädchen? 58. Kopfweh fchon plagt ung,
Kaufteſt Geſchenke? Ohnmacht befällt uns;
26. Du wohlgeborener, 59. Haben geftanden
Sohn ze Eitern!? Dies kurze Nächtchen.
Babel! Be, = 60. Woll’ überlegen,
Willſt nur nicht geben. Herzlieber Bruder!
48, Lehrte der Vater, a 5 ß
So aufzuhalten? 1. erden ich ſchmähen,
40. Uns aufzuhalten, Schaden dir machen.
Viele Knoten zu löſen? 62. Alter Faulenzer,
50. Mol’ nur erlauben: Säufer und Trunfbold!
Wir werben fuchen; 63. Filziger Geizhals,
51. In deinen Tafchen | Neidiſche Seele!
Finden wir Silber. 64. Mit Hundert Knoten?)
52. SHerzlieber Bruder, Löchrigen Tafchen,
Wir machen dir Schaden; 65. Mit leerem Beutel,
53. Reißen die Scheun’!) ab, Du Teufelsauge!)
ünden den Brunn’ an! ern,
54, dich, daß reich du er IJ — =.
j u alter Filzkopf!
Halt ja — 67. Mit krummen Beinen
55. Kennen Dein Treiben: Und Yanger Burige!
Trankſt in dem Kruge,
Giebſt daher garnichts. 68. Du Dünnbezahnter,)
56. Prahlſt dich, daß veich du, Du Bauernfänger!
Schleuderſt zu Hundert’; 69. Schelm und Betrüger!
Du ſollſt nicht haben?! Bleibſt ohne Mädchen.
1) Zardas — ein Gerüft (ohne Dad), auf das man die Erbfen (noch in
Schoten, alfo mit dem Kraut zufammen) zum Trocknen aufftapelt. P.
2) d. h. in hundert Knoten haft Du Dein Geld eingebunden, P.
8) pajüdakis — einer mit ſchwärzlichen Augen. P.
Biſt doch kein Säufer,
4) retadantis — einer, deſſen Zähne weit von einander gewachſen find
(rötas — jelten, dantis = Bahn). P.
— 20 —
Nachdem er gegeben:
70. Dante dem Gajte, danfe 72. Ein blindes Stütchen,
Für dieſe jchlechten Gaben. Zum Mädchen reiten,
71. Daß dir Gott gebe 73. Zum Mädchen reiten,
Ein blindes Stütchen, Es nicht befommen,
74. Zur Witwe reiten,
Sie nicht befommen.') ?)
28) Der Brautfhagkführer?)
Früh Morgens vor der Trauung fommt vom Bräutigam der
Brautichaßführer gefahren, der „zedermann“ genannt wird, weil er
eine Mühe hat, die mit zwei Federn — gerade über ven Ohren — aus—
gepugt umd gejchmüct if. Man giebt ihm zum Aufbiß Braten, Fleiſch
und einen Schlud [irgend] eines Getränfes; die Braut aber giebt ihm
ein Handtuch. Der Brautichagführer führt den Brautſchatz der Braut,
ı) In „Svotbind röda“, pag. 45, lejen wir:
71. Kad tau Dievs dütu
. Simtelu ärti,
72. Is tü simtelu
Akta kumele,
13. Pas näsle jöti,
Naslös ne gäuti.
(Zur Strophe 71 cf. oben die Strophen 8 und 29),
Die von mir befragten Bewohner von Wielona leugneten die Richtigkeit dieſer
Sirophen und haben fie folgendermaßen korrigiert:
71. Kad tau Dievs dütu
Akta kumele,
72. Akta kumele
Pas mörga jöti,
73. Pas mergg jöti, P
Mergös ne gäuti,
74. Pas näsle jöti,
Naslös ne gäuti, B.
2, In den Beilagen 8. und 4, (= Juszkiewicz’g 8. und 9,, Svotbind röda, pag.
88— 90) findet man die VBefchreibung anderer Arten des „Dankens.“ B.
8) Der Brautjchakführer wird aus der Zahl der Nachbarn gewählt und ift
ein nüchterner, ehrlicher und braver Mann, J.
— 21 —
und zwar: die Kaften, die Kleiderfübel,t) die Pfühle (Federbette) und
anderes Gerümpel (andere Sachen).
Nur den Brautichagführer und den Bruder der Braut läßt man
den Brautſchatz führen;?) den Schlüffel von der Aleete hat der Braut—
ſchatzführer.
Die ganze Hochzeitsgeſellſchaft geht unter Dudelſack- oder Harfen-
(? Bither:) und Geigenjpiel in die Kleete, den Brautſchatz auszufaufen.
Der Mutter, welche auf einem Pfühl (Federbette) fiht, giebt der
Brautfchapführer beim Auskauf für die Pfühle einen Thaler dafür, daß
fie den Brautjchag jammelte; der Schwefter, die auf einem Kaften ſitzt,
giebt der Bräutigamsmarjchall beim Auskauf als Gejchenf einen halben
Thaler oder einen Achtehalben?) in die Hand, und fingend tragen fie
den Brautſchatz zur Fuhre.
{Den Brautſchatz tragend:!
1. Liebe Marjchällchen, 4. Traget hübſch fachte
Brüder des Bräutchens, Ihren Stleiderfübel,
Traget behutfam Daß ihr des Kübels
Die bunten Kaften, Füßchen (Fugen) nichtabftoßt;
2. Traget behutjam 5. Denn, wenn des Kübels
Ihre bunten Kaften, Füßchen zerbrochen,
Brechet die Griffe (Henfel) Kann nur der alte
Nicht ab vom Kaften. Bater euch helfen.
3. Denn, wenn die Griffe 6. Traget hübſch fachte
Des Kaſtens zerbrochen, Shre vollen Käftchen,
Könnt ohne Schloffer Zaffet der „Weißhand“
Ihr garnichts machen. Arbeit nicht fallen!
1) Kübel — Tonnen auf Heinen (meift 3) Füßen zur Aufbewahrung von
Kleidern, vorzugsweiſe Wäſche und anderem Leinzeug. P.
2) Hier ift der Tert etwas unverftändlih: „Viens tik kräjtvezis ir brölis
Jaunösios l&jd2ia vezti kraitj.“ B.
8) „timpa“ nad Kurſchat „ein Achtehalber, eine frühere Münze, achtehalb
Groſchen an Wert, nad) jegigem Gelde — 25 Pf.“, Hier aber, bei den ruffiihen
Litauern, — 18 Kop. — Das Ausfaufen des Brautfchages ift wiederum eine Sitte,
die an den Brautkauf erinnert. P.
— 22 —
7. Laſſet der „Weißhand“
Arbeit nicht fallen;
Mach't feine Schande
Dem jungen Mädchen.
Der Brautichagführer mit jeinen Kameraden bemüht fich, noch
einen Brotjchieber,!) einen Dfemwiicher,?) eine Ofenftange?) und eine
Dfenfrüde, einen Hahn und eine Henne, gleichlam die Schlüffel einer
Wirtin, zu ftehlen und zur jungen Frau zu bringen.
In die Pfühle wideln fie eine Flaſche von einen Getränk, Weiß-
brot und einen Laib Brot ein.
Man begleitet den Brautjchaßführer und den Bruder der Braut |
hinaus. Wenn legterer ind Haus des Bräutigams angelommen ift und
den Brauticha in die Kleete zufammengetragen hat, dedt er dort die
Pfühle aus, macht fie zurecht und nimmt die Schlüffel von der Kleete
zu fich, bis die Braut angefahren fein wird. Oder, wenn nicht der
Bruder, jo findet derjenige, der das Pfühl für die junge Frau zurecht:
macht und ausdedt, — wenn er den Brautſchatz Hingebradht Hat, — ein
Handtuch und eine Flafche von [irgend] einem Getränk. Er legt ſich ins
Bett und wärmt die Pfühle, bis die Braut angefommen fein wird. Auch
dem, der die Schlüfjel der Kleete hat, wird ebenfalls ein Stückchen Weip-
brot zu Teil.
29) Die Kreiwerberim‘)
(Hochzeitämutter.)
Zur Hochzeit wählt man zwei Freiwerberinnen: [die] eine [ilt Die]
der Braut oder die Kirchen-Freiwerberin, die zweite [Die] des Bränti-
gams oder die Haubungsmutter.
Die Hochzeitgmutter der Braut ift im Haufe der Braut und in
der Kirche beichäftigt, giebt — wenn man aus der Kirche gefommen tft —
1) eine hölzerne Schaufel an langem Stiel, mittel® derer der geformte Teig
zum Baden in den Ofen geichoben wird, P.
2) ein Quaſt oder Beſen (mit den Blättern) zum Reinigen des Ofens. P.
3) die Stange zum Ofenhafen, zum frummen Ofeneifen. P:
4) ruſſ. craxa, die Braut: oder Bräutigamsmutter, die Hochzeitsmutter. P.
— 223 —
in einer Herberge einen Schmaus, oder traftiert [die Gefellfchaft] unterwegs,
führt die junge Frau nach Haufe zu ihren Eltern und erfüllt ihre Pflicht
(pielt ihre Rolle) bis zur Ankunft der Hochzeitsmutter des Bräutigams.
Die Hochzeitsmutter des Bräutigam fommt mit dem Bräutigam
und den Marjchällen am folgenden Tage, d. i. am Mittwoch, direkt zu
den Eltern der Braut gefahren und muß während der ganzen Hochzeit
in das Haus des Bräutigamd Leben bineinbringen.
Der Aufbig vor der Trauung.}
Erſt begleitet man den Brautſchatz hinaus, und dann jeßt man
fih an den Tiſch in diefer Reihenfolge: Die HochzeitSmutter und
der Ehrengaft ſetzen ſich am Tiſchende auf den Ehrenplag nieder; hinter
dem Tische?) der Bräutigam und neben ihm die Braut; in Der Nähe
der Braut die SKranzbrautjungfer (die Anftederin) und die andern
Brautjungfern; auf dem Ende der [kleinen] Bank jigt der Freiwerber
dem Bräutigam gegenüber und dann die Hochzeitsgäjte.
Man giebt zu eſſen; die Wirtin trägt für die Hochzeitägälte
Speijen auf den Tiſch.
30) Das Überreichen des Kranzes.
Während Alle bei Tiiche figen, erhebt fich der Braut gegenüber
der Bräutigams-Marjchall wenn e3 aber einen folchen nicht giebt, fo
der Freiwerbert und, auf einem Zeller des Bräutigams Kranz haltend,
hält er — den Kranz überreichend — folgende Rede:
{Die Rede des Freimerbers beim Überreichen des Kranzes.
„Höret auf zu jprechen, zu fpielen, zu tanzen, jchweiget wenigſtens
im Marien-Augenbliee,?) höret meine Rede an. Sch werde weiter reiten,
werde mehr reden, ich, Freund der Wahrheit.?)
1) d. h. auf der langen, an der Wand befeftigten Bank (stülas); der Raum
awifchen diefer Bank und dem vor ihr ftehenden Tiſche heißt „uzstald“ — „hinter:
Tiihplaß”; alle die Plätze auf diefer langen Bauk (hinter dem Tifche) gehören
auch zu den Ehrenpläßen (II. Grades), P.
2) Zft wol die kurze Spanne Zeit, in der man das „Ave Maria“ herſagt. P.
3) Der Redner bittet nur um eine kurze Zeit Aufmerkiamkeit und entfchuldigt
zugleich feine furze Rede damit, daß er noch andernort8 reden müſſe. P.
— 224 —
„sch gebe die Ehre dieſem gedecten Tijche, wie einem aufgeftellten
Altare, und jedem einzigen Alten und Sungen und diefen mit Rauten
und Kränzen gejchmücten Mädchen. |
„Sch bin gejandt, al3 Fremder aus einer fremden Gegend, aus jenem
fröhlichen Drte (Haufe) in dieſen Eueren fröhlichen Ort, und zwar nicht
mit etwas anderem, als nur mit diefem grünen Nautenfränglein, und
nicht für jemand andern, als nur für diefen jungen Bräutigam und für
dieje junge Braut.
„sch bin zum Boten, nicht für die Himmelshöhe, nicht für die Welten-
weite, nicht für Die Meerestiefe erwählt worden, fondern nur für dieſen
jungen Öurjchen und für dieſes junge Mädchen mit diefem Rautenblümlein,
und für dieſe ſchön gehütete, von alten Müttern ausgefäte, von jungen
Mädchen ausgejätete, von jungen Brüdern bejuchte, zum Sträußchen ge-
pflücte, im goldnen Kruge gehaltene, in grünen Wein getauchte und auf
geraden Wegen, auf lichten Landftraßen zur tanzenden Sugendgefellichaft,
zum Spiel der Harfen (Zithern)!), Dudelſäcke, Cymbeln (?)2), Ziegenhörner,
Öeigen, zum Schmettern der Trompeten — geſchickte grüne Raute.
„Achte du, junges, hehre® Mädchen, auf diejes grüne Rauten—
fränzchen, welches im Lieblichen Nautengärtchen blühte, und fchon [auch]
jegt eben in meiner Hand blüht, dag du in den fchönjten und teuerjten
Zagen Deiner Sungfernfchaft ohne Mafel getragen, mit dem du be-
fränzt und getraut werden wirft, und zwar mit feinem andern, al3 nur
mit diefem jungen Burjchen, der dich nicht mit Gold und Perlen, fon-
dern mit diefem Tugendkranze befränzen wird, welches teuerer, al3 Gold,
und ehrenvoller, als Berlen, ift, welches ruhmvoller [,‚al3 Sumwelen,] tft, weil
es das Rautenkränzchen ist. ALS das durch das Los beitimmte Mädchen
das Gärtchen umzäunt, die Rautlein geſät und gepflegt hatte, pflückte
fie die Blümlein nnd atmete vom ätherischen Duft ein.
„Achte du, junges, hehres Mädchen, auf diefen grünen Rauten-
franz, damit du nicht verwelfeft, jondern in der Gemeinjchaft und
1) C£. Anm. 2. zu pag. 212.
2) Soma — irgend ein muſikaliſches Inſtrument, P.
wol Eymbeln = Zimbeln). B.
— 25 —
Gnade Gottes, in der Fröhlichfeit der Seligen!) mit den ftattlichften
(greliften) Roſen und weißeften Lilien gejhmüdt und mit Blumen der
Liebe und Gnade auf dieſem Lebenswege geziert jeieft.
„Als diefer junge Burſche den weiten Weg reifte über Najen und
Wiefen, mit feinen treuen, ergebenen Dienern durch grüne Wälder ritt,
begannen die Hähnlein zu frähen, die Vöglein zu zwitjchern, — er be-
merkte ein Lavendelgärtchen. In diefem Lavendelgärtchen wuchs ein
Stabwurzbäumchen?); auf diefem Stabwurzbäumchen ift ein goldenes
Bweiglein; auf dieſem goldenen Zweiglein zwiticherte ein Vöglein. Da
zwitjcherte fein Böglein, jondern Gott des Himmels ſprach jelbit und
fragte feine |,de3 jungen Burfchen,] Diener, wer die grünen Rauten gejät
hätte? Seine Diener antworteten: „Die durchs Schickſal bejtimmte Agathe
ſäte, die bejtimmte Barbara jätete ab; am Weihnachtsmorgen Feimten fie
betrübt und traurig durchs Eis, am Dftermorgen blühten fie fröhlic)
auf, und dieje grünen Rauten pflüdten Die Seligen die (Manen), fegneten
(priefen) Väter und Mütter, [und] die behaubten und verjchleierten
Frauensperſonen, wie auch dieje befränzten Mädchen wünſchten ihnen Glück.“
„Schau und fieh ein wenig an einem Frühlingstage auf einen
Kirſchbaum, an dem fich Knospen, Blätter und Blüten finden, — vie
er allen Freude und einen jchönen Anblid bereitet; jo haft auch du,
junges, hehres Mädchen, jie uns bereitet, daß du die Familie, Die
Verwandten, die Freunde und Nachbaren einludeft, Dich zu preiſen und
dir Glück zu wünjchen.
„Wie der König Salomo, als er die Höhe des Himmels, Die
Weite der Welt, die Tiefe der Meere erfahren wollte, nach oben flog,
nachdem er ſich von den Vögeln Flügel gemietet, — jedoch [den Himmel]
nicht erreichen Eonmnte, weil die Flügel von den Sonnenjtrahlen verjengt
wurden?); jo könnteſt auch du, züchtiges Mädchen, falls du aus dem
Srauenitande zu den Sugendtagen zurüdfehren wollteſt, — und wenn
1) Vels — iſt eine glücdliche (felige) (abgefchiedene) Seele, J.
Velö — ift der Geift, die Seele der Glüdlihen, der Seligen, der Ber:
ftorbenen, Velös (pl.) — die Manen. P.
2) Of. Anm. 1. zu pag. 207.
3) Es fcheint, als wüßte der Redner etwas von der Ikaros-Sage, die er mit
irgend einer Salomo-Legende verwechſelt. P.
16
— 226 —
du auch weinend, bitter weinend (wehklagend), ſchluchzend und Thränen
vergießend und heulend über Wege und Felder gehen würdeſt, — die
durch Die Trauung verlorenen und genommenen (umgebrachten) Sugend-
tage nicht aufjuchen und finden.
„Siehe, o Selige,!) wie glüclich diefes Mädchen dieſes Nauten-
blümchen bis zuleßt auf ihrem Kopfe getragen Hat. Geſegnet und
glücklich iſt die Stunde, in der fie zur Welt geboren worden iſt! Ge—
jegnet die Tage, da du die Tugenden der Sungfernjchaft nicht verloren !
„O, du junges, hehres Mädchen, die du jebt am Tiſche ſitzeſt,
blühend wie die ſchönſte Lilie im Gärtchen, und nun betrübt und
traurig figeft und um den Kranz deiner Jungfernfchaft herzrührend
weineft, empfange in deine Hände dieſe teueren Geſchenke und befränze
dein Haupt an ehrenvollem (gepriefenem) und Lieblichem Orte.
„Sch fordere die Brüder und Die Schweftern auf, fie möchten zur
Kirche fahren und fich das Zuſammenthun der weißen Hände durch die
geijtlichen Perjonen, das Wechfeln der goldenen Ringe und angefichts
der [ganzen] Welt das Segnen anfehen.
„Run jegnet und beglückwünſchet, Väter, Mütter, Brüder, Schweftern,
Verwandten, Angehörigen, Freunde und Nachbarn, damit ihnen der All—
mächtige helfe, glüdlich zur Kirche von Wielona zu kommen, nad) dem
heiligen Drte, wo Die Orgel laut ertönt und brauft, die geiftlichen
Väter die Mefje celebrieren und halten, damit man dieſe glückſeligen Worte
des Segens höre: „Iebet in Eintracht glüclich euer langes Leben!““
Für die Kranzanfprache muß die Braut ein Stüd Leinwand oder
Handſchuhe oder ein Tiſchtuch geben.
Die Dankjagung an die Kranzbrautjungfer.t
„Mein Verſtand it dumm und id) felbft bin geizig?); ich kann
weder mit dem Berjtande überlegen, noch mit Buchftaben die Worte des
Dankes für diefe teuren Geſchenke Hinschreiben.
„Für den Leinenfaden, die langen Klafter feiner Leinwand, Dante
ich dir, junge Sranzbrautjungfer, die du früh aufftandeft, den kalten
1) Hier wendet fich der Redner an die Manen. B.
2) d. h. ich gebe dir nichts Dagegen. P.
_ 227 —
Zaun abjtreifteft, an diefen Sejchenken dich abmühteft: fein gewebt —
nicht lange gejchlummert ; weich ausgewalkt (gerollt) — nicht lange gefchlafen.
„Verzeihet mir, daß ich Inaujerig und wenig erfinderifch bin. Allein
nicht der Anauferei wegen und der ſchwachen Erfindungsgabe wegen
brauchte ic) den weiten Weg zu reifen und durch tiefe Flüſſe zu waten.
Die Tajchen trennten fich auf und das Geld ſtreute aus. Nicht ich
allein bin ſchuld, auch der Schneider ift ſchuld: weshalb nähte er nicht
gut feſt?“
*
* *
Nachdem er hübjch geredet, reicht er den Kranz der Kranzbraut-
jungfer; diefe aber tet ihn oben auf dem Kopfe der Braut an.
Die Mädchen lauern darauf, den Kranz vom Marichall zu ftehlen.
Während die Brautjungfer den Kranz empfängt, nimmt fie auch das
Geldſtück an, welches unter den Kranz gelegt iſt. Dies Geld bleibt für
die Brautjungfer, welche ihrerfeit3 dem Bräutigamsmarjchall ein Hand»
tuch oder — entiprechend dem Gelde — irgend etwas anderes, Knie—
bänder, Soden oder einen Gürtel, giebt.
Den Kranz anftedend, jagt die Brautjungfer: „bitte diefen Kranz
anzunehmen und zu tragen, einen andern nicht zu begehren.“ }Ander-
wärtig ſteckt ein unverheirateter junger Mann [den Kranz] an.t
Nachdem die Brautjungfer den Kranz angeftedt hat, ſchenkt ſie
dem Bräutigamsmarjchall für die hübſche Nede ein Tüchelchen oder
ein Stüd Leinwand. Der Bräutigamsmarjchall empfängt [e8] mit den
Worten: „ein gewebt, aber tüchtig gejchlummert.”)
Die ganze Hochzeitsgejellichaft beginnt zu eſſen, der Bräutigam
aber und die Braut ſitzen am Tische und efjen nichts. Die Braut
taucht nur den Löffel ein, ißt aber nicht. Sie muß nüchtern zur
Trauung fahren.
Die Mäpchen erheben jich der Brautjungfer gegenüber und fingen
zu den effenden Gäften [gewandt],.fie möchten ſich nicht verſchlucken.
) Beifpiele anderer Neden findet man in den Beilagen 5. und 6. (— ——
wicz's 10. und 11. Svotbinèé röda, pag. 90--94).
16*
— 23 —
1. Eſſet, ihr Gäſte, |
Doch verſchluckt euch nicht!
2. Aßet ein Schwein auf |
Samt ihren Ferfeln. |
3. Schreit nun die Same (Sau) | 12. Schnattert die Gans nun
Kreiſchend — im Baude. | Saggernd — im Bauche.
4. Eſſet, ihr Gäfte, | 13. Eſſet, ihr Gäſte,
Doch verſchluckt euch nicht!
11. Aßt eine Gans auf
| 10. Eſſet, ihr Gäfte,
|
| l
| Samt ihren Gänzlein.
Do verſchluckt euch nicht! Doc verſchluckt euch nicht !
5. Abt auf die Habe 14. Aßet die Ente
Samt ihren Kätzchen. Samt ihren Entlein.
6. Schreit nun die Katze 15. Schreit nun die Ente
Sauchend!) — im Bauche. Duadend — im Bauche.
7. Eſſet, ihr Gäſte, | 16. Ejiet, ihr Gäſte,
Doch verjchludt euch nicht! | Doc) verichludt euch nicht!
8. Abt auf die Hündin | 17. Aßet die Henne
Somt ihren Welpen. Samt ihren Küchlein.
9. Bellt nun die Hündin 18. Schreit nun die Henne
Knurrend — im Bauche. Gackernd — im Baude.
Die Hochzeitmutter jchiet den jungen Sängerinnen einen Teller
aufgejchnittenen Fleiſches und Weikbrot.
Die Mädchen fingen, indem fie die Hochzettämutter preilen oder
ſchmähen.
1. Liebe Hochzeitsmutter-Weißhand,
Bäckerin des feinen Weißbrots,
Weißt es doch, Frau Mutter,?)
Was wir von dir wünſchen.
2. Willſt du geben, ſo verſprich doch;
Doch wenn nicht, ſo ſchlag' es ab uns!
Dürfen weder warten,
Noch auch uns entfernen,
1) ©, h. „Ichreiend fo, wie die Tagen auf den Dächern“, befonvers im März.
B.
2) — Hochzeitsmutter. P.
— 29 —
3. Giebſt du uns, fo woll’n wir danken,
Giebſt du nicht, dich ſchimpfend ſchmähen;
Schande, Hochzeitsmutter,
Dann am Tiſch zu ſitzen.
1. Hochzeitsmutter iſt gekommen
In der bunten Kutſche
Mit dem Sechsgeſpann.
2. Bitte, Mutter, aus dem Wagen
Auf den eb'nen Hofraum.
3. Hier vernäßt du nicht die Schuhe?)
Schmierjt nicht deine Strümpfe.
4. Hoch gefertigt find die Stege,?)
Sandbejtreut die Wege.
5. Bitte, fomme auch in? Zimmer
An das weiße Tiſchlein.
6. Reingeicheuert find die Bänfe
Und bededt die Tiichlein.
7. Diefen ganzen Tag gewartet
Haben wir die Mutter,
Unſ're Hochzeitämutter.
8. Überlege, HochzeitSmutter,
Was wir nötig haben,
Wir, die jungen Schweitern.
9. Weißbrot brauchen wir, die Schweftern,
Und zu diefem Weißbrot
Brauchen wir noch Aheinwein.®)
1) Kürpss = ceverika) — Lederſchuhe mit Holziohlen, B.
2) Liéptaj — DBretterftege auf dem Hofraum, B.
9) Der Rheinwein ift den Litauifchen Bauern wol nur dem Namen nad) be=
fannt, P, =
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
Die Hochzeitömutter mit ihrem Manne, der Freiwerber, zwei Brüder,
die Brautjungfer und noch mehr Hochzeitsgäfte fahren mit der Braut.?)
1) Die Manipulation beim innigen, flehentlihen Bitten: das Erheben der
— 230 —
Brauchen Metlein, brauchen Metlein,
Und zu diefem Metlein
Wohlichmedenden Braten.
Felder find geeggt, gepflüget:
Gott Tieß darauf wachjen
Auch für uns ein Teilchen.
Willſt du geben, jo verjprich Doch,
Do wenn nicht, jo fchlag e8 ab uns;
Sind vom Stehen müde
Und vom Händeklatjchen.?)
Zange wird es und zu ftehen,
Auf die Hochzeitämutter ſehen;
Lang wird’3 uns zu warten,
Schändlid) — fortzugehen.?)
Schande, Hochzeitämutter, gabſt nichts;
Schmach ung, die wir nicht$ befonmen:
Freilich lang gefungen,
Aber nichts bekommen.
Hochzeitsmutter ſollt'ſt nicht ſein du,
Wenn du nichts beſitzeſt,
Wenn du nichts verſteheſt.
Sollteſt dich auch garnicht ſetzen
An das weißbedeckte Tiſchlein;
Sollteſt dich nur ſetzen
In die Ofenecke.
Hände und Zuſammenſchlagen der Handflächen über dem Kopfe.
2) sc. ohne etwas befommen zu haben,
8, Eine abgefürzte Art und Weije der in den Nummern 30-33 beichriebenen
Zeremonieen, und zwar während einer armen Hochzeit, wird in der 7. Beilage
(= Juszkiewicz’3 12, Beil., Svotb. röda, 95-97) mitgeteilt.
— 231 —
31) Der Abſchied.9
Nach beendigtem Frühſtück geht Die Braut, welche vom Bräutigams—
marſchall geführt werden muß, jofort vom Tiſche fort und nimmt unter
Thränen?) Abichied, indem fie den Eltern, den Verwandten und einem
jeden Gaft, auch den Hausgenoſſen zu Füßen fällt. Inzwiſchen fingen
die Mädchen zur Hinaugbegleitung Abſchiedslieder.
Geführt vom Bräutigamsmarfchall, verabjchiedet fich die Braut auf dem
Gange zur Trauung.} .
1. Was weinft du, lieb Schweiter,
Was weinſt du, Herzmädchen?
Willſt du, Schweiter, von dem Bater
Den Abfchied nicht nehmen?
2. Geh' durd) dag Zimmer
Falle zu Füßen,
Sale nieder zu den Füßchen
Deines lieben Vaters.
3. Zu ihm Hintretend,
Bat ich ihn grüßend:
Segne mich, du lieber Vater,
Auf dem Trauungsgange.
4. Was weinst du, Lieb Schweiter,
Was meinst du, Herzmädchen?
Willſt du, Schweiter, von der Mutter
Den Abſchied nicht nehmen?
5. Geh’ durch das Zimmer,
Tale zu Füßen, |
Talle nieder zu den Füßchen
Deiner lieben Mutter.
1) Atsidejvöjimas — sudiövu sakyti = dag „Adieusfagen” sudiövu (ver⸗
kürzt sudisv) — mit Gott — ift der übliche Abſchiedsgruß der Litauer. P.
2) cf. hiezu L. v. Schröder l. c. pag. 86-88. P.
10.
11.
12.
13.
— 232 —
Bu ihr Hintretend,
Bat ich Ste grüßend:
Segne mich, du liebe Mutter,
Auf dem Trauungsgange.
Was weinit du, lieb Schweiter,
Was weinſt Du, Herzmädchen ?
Willſt Du, Liebe, von der Schweiter
Den Abjchied nicht nehmen?
Geh’ durch dag Zimmer,
Talle zu Füßen,
sale nieder zu den Füßchen
Deiner lieben Schweiter.
Bu ihre Hintretend,
Bat ich fie grüßend:
„Segne mich, du liebe Schwelter,
Auf dem Trauungsgange.“
Was weinft du, lieb Schweiter,
Was weinſt du, Herzmädchen?
Willſt du, Schweiter, von dem Bruder
Den Abfchied nicht nehmen?
Geh’ durch dag Zimmer,
Talle zu Füßen,
Falle nieder zu den Füßchen
Deines lieben Bruders,
gu ihm Hintretend,
Bat ich ihn grüßend:
Segne mich, du Lieber Bruder,
Auf dem Trauungsgange.
Was weinft du, lieb Schmwelter,
Was weinſt du, Herzmädchen ?
Willſt du, Schweiter, von Verwandten
Den Abjchied nicht nehmen?
14.
15.
16.
18.
19.
20.
21.
— 233 —
Seh’ durch das Zimmer,
Sale zu Füßen,
Falle nieder zu den Füßchen
Deiner Berivandten.
Bu ihnen tretend,
Bat ich fie, grüßend:
„Segnet mid), meine Verwandte,
Auf den Trauungsgange.“
Was weint du, lieb Schweiter,
Was weint du, Herzmädchen?
Willſt du, Schweiter, von den Nachbar'n
Den Abjchied nicht nehmen ?
Sch’ durch das Zimmer,
Falle zu Füßen,
Falle nieder zu den Füßchen
Deiner lieben Nachbarn.
Zu ihnen tretend,
Bat ich fie, grüßend:
„Segnet mich, ihr Lieben Nachbar'n,
Auf dem Trauungsgange.”
Was weinit du, lieb Echweiter,
Was weinit du, Herzmädchen?
Willſt du, Schweiter, von den Gäften
Den Abjchied nicht nehmen?
Geh' durch das. Zimmer,
alle zu Füßen,
alle nieder zu den Fühchen
Deiner Lieben Gälte.
Zu ihnen tretend,
Bat ich ie, grüßend:
„Segnet mich, ihr lieben Gäſte,
Auf dem Trauungsgange.“
234
ri —
Mit Dudelſack-, Ziegenhörner-, Harfen- (Zither-) und Geigenſpiel,
mit herzrührenden Liedern und unter bitteren Thränen begleitet man
Brant und Bräutigam zur Trauungsfahrt zum Fahrzeug hinaus.
Sie über die Schwelle zur Trauung hinausbegleitend.!
[Wir] entlaffen die Schwefter, |
Entlaffen das Bräutchen, |
Entlaſſen die Web'rin.
Kehr' wieder, du Schweſter,
Kehr' wieder, du Bräutchen,
Kehr' wieder, du Web'rin. |
Neu ift Hier der Webftuhl, |
|
Fein ift hier die Leinwand |
Und fleißig die Tochter. |
Doch wenn du gefommen
Bu deiner lieb'n Schwieger?),
Zur brummigen Schwieger,
Und machft einen Schrittnur —
Sie tadelt die Arbeit, Ä
Belacht Thun und Wandel) |
Alt iſt da der Webituhl, |
Grob iſt da die Leinwand, |
Das Frauchen, das faulenzt?). |
T.
10.
Entlaſſen den Bruder,
Entlaſſen den Bräut'gam,
Entlaſſen den Pflüger.
Kehr' wieder, du Bruder,
Kehr' wieder, du Bräut'gam,
Kehr' wieder, du Pflüger.
Die Pflüge ſind neu hier
Und grau find die chslein,
Das Söhnlein ein Pflüger.
Doch wenn du gekommen
Bu dem Schwiegervater,
Zum brummigen Alten,
Und machſt einen Schritt nur —
Er tadelt die Arbeit,
Belaht Thun und Wandel.
Die Pflüge find alt da,
Die chslein find mager,
Ein Faulpelz das Söhndhen.
Die Braut figt während der Fahrt zur Kirche zwijchen der Hoch:
zeitsmutter und der Brautjungfer, und kehrt ebenfo aus der Sicche
zurüd, wenn fie zu ihren Eltern nach Haufe fährt.
1) == Schwiegermutter.
2) Im Tert: „sandys köjas, rankeles“ — fie wird die Füße und die
Händchen ausschänden, auslahen. P.
3) „Martel& tingindl&“ — das Schwiegertöchterlein (die junge Frau) ift eine
Faulenzerin. P.
—
_—
— 235 —
32) Das Weilen‘) in der Herberge und in der irde.
Nechtzeitig ſucht man fich eine auftändige Herberge bei einen
ordentlichen Manne aus, Damit die ganze Hochzeitsgefellichaft, wenn fie
angekommen ift, dort einen angenehmen Aufenthalt hätte und ohne Ge:
fahr?) die Pferde mir dem Geſpann abftellen könnte.
Nachdem man beim Priejter?) einen feiten Kontrakt niedergefchrieben
bat, drängt ſich die Hochzeit3gejelljchaft in die Kirche, um den Gott des
Himmels zu verehren, die Jungen aber, um vor dem Altar, angefichts
der ganzen Welt, die einander gegebenen Herzensgelübde zu gemein-
Ichaftfichem Leben in Friede und Eintracht ihr ganzes Leben Hindurch
zu befeitigen.
Die Hochzeitäinutter und die Kranzbrautjungfer führen die Braut,
der Freiwerber und der Bräutigamsmarſchall den Bräutigam vors Altar-
gitter zur Trauung, von dem Gitter aber führt die Empfangsbrant-
junfer*) mit den Brautfchweitern zuſammen die junge Frau und ftößt
die Kranzbrautjungfer zur Seite.
Nach der Trauung fehrt die ganze Hochzeitögejellichaft in ihre
Herberge ein, wo die Hochzeitsmutter der Braut auf ihre eignen Koften
dem jungen Paar und der Hochzeitsgeſellſchaft einen Aufbiß giebt:
Sänjebraten, Ferkel mit Füllſel und Weißbrot, und fie muß alle traftieren;
oder fie traftiert nur unterivegs, auf dem halben Wege).
33) Die Erwartung der neuvermählten Frau.
Die Hochzeitsmutter des Bräutigams, die Mittaggmutter®), trifft
auf dem halben Wege den Hochzeitzzug, und, wenn die jungen Leute
1) „Elgimos“ {N. plr.) — die Aufführung, das Betragen. P.
2) sc. ohne zu fürchten, daß fie geftohlen werden. B
3, im Pfarrhauſe.
4) Die Kranzbrautjungfer begleitet — die Braut als junges Mädchen — Hinein;
die Empfangsbrautjungfer (pamergö-pajemdja) empfängt vom Geiftlichen die eben
getraute junge Frau und begleitet fie nun aus der Kirche heraus. P.
5) Wenn man die Hälfte des Heimweges zurüdgelegt. P,
6) „pietkelô“ — die Mittagsfpenderin, diejenige Hochzeitgmutter, welche am
Tage der Trauung den Hochzeitözug in der Herberge oder unterivegs mit einen
Mittaggefien aufnimmt. P,
— 236 —
nad) der Trauung nicht zu den Eltern der jungen Frau zurüdfehren,
ſo amüfieren fie fich mit der Hochzeitögejellichaft irgendwo unterwegs
bis zum jpäten Abend und fommen in tiefer Nacht zum Haufe der
jungen Frau gefahren. Die Mittag-Hochzeitsmutter fährt zuerft mit
dem jungen Baar aus der Herberge fort und begleitet die Jungen vom
Fahrzeug direkt in die Kleete zum Zuſammenſchlafen!), ſelbſt fährt fie
zur Übernachtung in die Nachbarfchaft oder in ihre Wohnung.
Während man die Ankunft der neuvermählten Frau im Bräutigams-
hauſe erwartet, zündet man auf den Apfelbäumen und Zännen zu=
jammengedrehte Strohbündel und rote Rüben?) mit Lichten im Vor—
Haufe, Lichte [aber] im Wohnzimmer an; und das eben ift die Erwartung.
Nenn die Hochzeitsgejellichaft [dort] angekommen ift, amüftert fie ſich
noch und tanzt, treibt ausgelafjene und närriſche Scherze und legt
jich Schließlich im Wohnzimmer auf das lange Langſtroh zum Schlaf nieder.
Wenn man in der Nacht eingejchlafen iſt, fammeln die Hochzeitö-
gäſte Stiefel, Röcke und beliebige andere Sachen und müſſen diefe am
Mittwoch Morgen von einander losfaufen, indem fie irgend etwas für
ihre Sachen geben.
Wenn die Nenvermählten aus der Kirche zu den Eltern der Braut
zurückkommen, jo amüſiert fich dort und tanzt die Hochzeitsgeſellſchaft zwei
bi3 drei Tage, und fährt erft dann mit Geſang ind Bräutigamshaus.
Wenn man von den Eltern zur Mutter des Mannes fährt.!
1. Früh erwacht” ih am Morgen,
Sing herum auf dem Höfchen,
Und bejuchte die Rauten:
Rautelein meine,
Grünen, ihr meine,
Nun verlaffe ich euch ſchon.
1) Ot. hiezu Dr. L, v. Schroeder: „Hochztbr. der Esten* pag. 166—178.
„Das Belteigen des Brautbettes in Zeugengegenwart." P.
2) Diele Scheiben roter Nüben dienen als Leuchter für die in fie hineinge-
itellten Lichte. P.
2. Auf den Wagentritt ftieg id),
Setzte mich in den Wageı,
Mehe mir! Herr Gott!
DO, du mein Gottchen!
Sch verlaffe die Mutter.
3. Als ich fuhr durch die Felder!),
Durch des Mütterleins Felder”),
Ritten zur Seite
Mir meine Brüder,
Ihre Schweiter begleitend.
4. US ich fuhr durch die andern,
Durch des Schwiegerleins Felder,
Nitten zur Seite
Schwägerlein immer,
Ihre Schwägerin fcheltend.
5. Ms ich Fam zu dem Höfchen,
Zu des Schwiegerleins Höfchen,
Ah! da erblickt' ich
Mein liebes Elend
An des Schwiegerleing Pfürtchen.
6. Wollt’ die Brüderlein bitten,
Meine Brüderlein = Notflee,
DaB fie Doch Fämen,
Meine lieb'n Brüder,
Mit den Schwertlein, den ſcharfen,
7. Daß die Brüderlein kämen
Mit den Schwertern, den fcharfen,
Und doch aushieben
Mein liebes Elend
Aus des Schwicgerleins Pförtchen.?)
1) Der Weg führt zwifchen Kornfeldern. P.
2) Im Kit. Text fteht bier sing.: par laüka. B.
3) Es ſcheint ung Diejes Lied von demſelben Hochzeitsgebrauch zu erzählen,
den Dr. L. v. Schroeder in ſeinem Werk pag. 95 fl. beſpricht: die Begleiter der
Braut find mit Schwertern ausgerüftet, um die böfen Geijter (hier jpeziell das Elend
im Haufe der Schwiegermutter!) abzuwehren. P.
— 238 —
8. Und die Brüderlein kommen
Mit den Schwertlein, den jcharfen,
Hieben heraus das
Piörtchen des Thores —
Hieben nicht aus dag Elend.
9, Pfortenthür' fie zerhieben,
Draus das Elend nicht hieben:
Elend treibt Kite,
Elend treibt Blätter,
Elend hebt [os die Thore.
Am erſten Tage nad) der Trauung begleitet die HochzeitSmutter
ſpät am Abend das junge Baar in die Kleete. Die Hochzeitsgäſte tanzen noch
und fingen:
1. Ei, trank ich, zechte, 4. Ei, legen, legen,
Überlegte trinkend, | Legen mich in Bettchen,
Wohin ich reiten \ Legen mic) nieder
Soll, wo übernachten. i Mit dem jungen Mädchen.
2. Ei, merfe, merfe | 5. Ei, ſingen, ſingen
Unterwegs ein Mädchen: Buntfiedrige Hähnlein;
Dahin ich reiten Noch nicht vollendet
Will, da übernachten. Sind die lieben Wörtlein.
3. Ei, decken, decken 6. Ei, ſetzen, ſetzen
Dir das weiche Pfühl aus, | Mich ans weiße Tiſchlein,
Ei, führen, führen Ei, trinken zu mir,
Mich dann in das Kleetlein. | Trinken zu mir Rheinwein.
33a) Empfang der Hochzeitsmutter des Bräutigam?!)
Wenn die Hochzeitämutter zur Braut fährt, ift der Enipfang folgender:
Am Morgen nach der Trauung Jam Mittwoch fährt die Hoch—
zeitsmutter des Bräutigams zufammen mit diefem und mit den Hochzeitd-
leitern unter Subel aus ihrem Haufe zur jungen Frau. Wenn fie an
der Grenze des Dorfes, in welchem die junge Frau lebt, angekommen
3) Diefe Nr, 33a, bildet bei Juszkiewicz die 13. Beilage (Svotbine röda
97-98). Sch habe fie aber, des Zufammenhanges wegen, ſchon hier eingefügt. B.
— 239 —
ift, Halt fie mit der ganzen Hochzeitsgefellichaft an und fchiekt (vor fich)
den Freiwerber mit dem Marjchalle des Bräutigams ins Haus der
Braut voraus, indem fie fragen läßt, ob man [fie] erwarte? ob man
die Säfte aufnehmen werde? Sie felbit aber fißt auf dem Fahrzeuge und
wartet [auf die Antwort. Wenn die Abgejandten mit den Gaſt—
bittern der jungen Frau zurüdfommen und einzufehren bitten, dann
[erit] Fährt die HochzeitSinutter mit ihrer ganzen Hochzeitsgeſellſchaft
vor die Pforte desjenigen Dorfes, wo die Hochzeit Tftattfindet).
Hier macht man noch einmal vor der Pforte Halt. Hier fragen
die Hochzeitsgäfte die Hochzeitsmutter mit [folgenden] Worten aus:
„Liebes Hochzeit3mütterchen, was jahjt du unterwegs?" Sie ant-
twortet: „Sch jah viel: Der Roggen grünte, die Hirtenfnaben trällerten
und trillerten; wo geſäet ift, grünte es; wo nicht gejäet iſt, trällerten
die Hirtenknaben; ich Jah einen Wolf laufen, einen Dieb gehen; ich Jah
einen Brunnen ohne Boden; ich jah ein Schwein mit [feinen] Ferkeln
auf einem Erbjengerüfte; ich ſah einen Greis Nüffe knacken [und]
ſchlagen; ich Jah: die Töchterlein wuchjen, die Söhnchen wurden ver-
nünftig; ich Jah: das Töchterchen wmanlaffte, ſchon reißt das junge
Mädchen den Mund auf.“
Die Hochzeitsmutter fit auf dem Wagen, Di der Vater und Wirt aus
dem Haufe herauskommt, bi man die Pforte loshebt; dann [erft] fährt fie
auf den Hof. Hier fit fienoch [immer fo lange] auf dem Fahrzeuge, bis Die
Mutter oder die junge Frau herauskommt und bis [eine von diefen ihr] ein
Stüd Leinwand ſchenkt. Es bleibt noch im Fahrzeuge auf dem Kopfkiſſen
der Hochzeitsmutterknabe?) ſitzen; diefer geht auf feinen Fall vom Kopf:
fifjen aus dem Fahrzeuge, bevor ihm die junge Fran Handſchuhe ge-
jchenft hat. Diejer [Knabe] wird mit einer Wintermüße [auf den Kopf]
und nit dem Kopfkiffen ins Wohnzimmer hereingeführt, worauf er fich
1) Enthält den Vorwurf des läſſigen Müßigganges der jungen Mädchen.
Des Reimes wegen find diefe, ihrem Sinne nach nicht gang Haren Säge, im
litauifchen Tert angezogen. P.
2) Der zehnjährige (9) Sohn der Hochzeitsmutter heißt „Hochzeitsmutter-
fnabe”, svocitkätis. J.
— 240 —
aufs Kopfkiſſen jet und den Platz hütet, bis man die junge rau im
Nebengebäude gegenüber den Gänjeneftern!) gehaubt hat.
34) Scherze der Hochzeitsgäſte.
Am Mittwoch Morgen müſſen die Hochzeitögäfte, bevor man Die
Neuvermählten aufweckt, für fich forgen?), und zu dem Zweck ftehlen
fie von den Nachbarn Vieh, ſtellen es bei der Kleete Hin oder führen
e3 in den Garten und pafjen es auf, nachdem fie ein Tiſchchen und
einen Lehnſtuhl aufgeftellt haben. Später aber muß ein Seder, wenn er
jein Vieh ausfauft, ihnen Geld oder irgend ein Getränf geben.
35) Das Weden der Neuvermählten.
Am Mittwoch) Morgen fegt der Brautmarfchall, nachdem er das
lange Langitroh aus den Wohnzinmer hinausgetragen hat, die Diele
| während deſſen treuen die anderen [fie] abſichtlich mit Stroh voll,
er aber mug immer ausfegen !; er dreht fich Hin und her, macht vor
dem Erweden Ordnung, veinigt alles, pußt alles und zeigt, wie Die
junge Frau fid) wird anfleiden (?), pußen und veinigen müſſen.
Wenn die Spakmader - Hochzeitsgäfte die Neuvermählten wecken,
bringen fie Flachsbrechen auf den Dachfirſt der Kfeete und brechen Stroh;
andere jchlagen mit Kleinen Holzjtüden gegen die Kleetenthüre mit dem
Wunſche, in die Stleete hineinzugehen und den Neuvermählten irgend etivas
zu enfivenden, damit diefe e8 von ihnen auskaufen; noch andere Stellen
draußen an der äußern Thüröffnung des Haufes eine Handmühle auf,
beivideln das Rad mit Stroh und ftellen es in einen Trog mit Waſſer
hinein, um die nach dem Erwecken aus der Kleete Herausfommenden
zu beiprißen.
Bon der Klleetenthüre bis zur Thüre des Vorbaues ſtreuen die Hoch:
zeitsgäſte für Die Neuvdermählte (unge Frau) Stroh aus, deden den Fußfteig
I) Lansta, in Kurfhats „Wörterbudy der Kit. Spr., Halle 1883”, lastà —
„ein aus Brettern zufammengefchlagenes Gänfeneft, in welchem die Gans ihre
Eier legt und aud) brütet, Gewöhnlich finden ſich in einem ſolchen Bretterverichlage
mehrere folder Nefter für mehrere Gänſe und wird dann im Plur. lästos od, lästai
gebraucht,” 2
2) d. h., daß fie zu Geld und anderen Gaben kommen, P.
— 4l —
mit Stroh aus, damit die junge Frau, wenn fie zum eriten Male aus
der Kleete geht, ihre Füße nicht beſchmiere, noch beſchmutze.
Die Jungen (Knaben) ſpannen von der Kleetenthüre bis zur Thüre
des Vorbaues zu beiden Seiten des Fußjteiges zwei aus Stroh gedrehte
Seile aus, deden den Fußſteig mit Brettern aus und ftellen fo eine
Diele her, beſtreuen Diejelbe mit Strob, tragen Eggen, Pflüge, Mulden,
Brotfübel!), einen Brotjchieber, Bejenftumpf, Bejenftiel, Kohlenſchürer?)
und eine Dfenfrüde herbei und legen jie auf den Fußſteig, damit man
jehe, was in der Wirtſchaft nötig jei.
36) Das Sich⸗waſchen.
Bevor die Hochzeitsmutter hergefahren iſt, bringt Die Schwieger—
mutter {die Mutter des jungen Mannes} für das junge Baar lau-
warmes Bier in einer Schüfjel in die Slleete zum Wafchen und befummt
dafür ein Handtuch zum Geſchenk. Während deifen ftellen ſich die Braut-
jungfern an der Kleetenthüre auf und fingen.
Wenn die junge Kran fich gewaschen und angekleidet hat, nur noch
nicht mit der Srauenlopfbededung?) ausgejtattet ift, giebt fie aus ihrem
Kaſten ein weißes Tiichtuch, ein Laib Brot, Weißbrot. Hörnchen (Kipſel),
gebratenes Fleiſch, einen Löffel, ein Meſſer, Gabeln, ein Salzfaß mit Salz, ge—
dämpfte Kartoffeln), Spedgrieben?), Duarffuchen®) heraus, und alle dieje
Speijen ftellt man im Wohnzimmer auf einen hübſch gedeckten Tiich.
Die junge Frau bereitet ebenfalls ein Bündel mit verjchiedenen
Geſchenken vor, — mit Leinwandſtücken, Hemdoberteilen?), Handtüchern,
2) Gin Gerät, in dem der Teig gefnetet wird. P.
2) Inſtrument zum Herausholen der Kohlen aus dem Badofen. P.
3) „slikas“ — ein Käppchen, eine Mütze, die der Neuvermählten als Zeichen
bes Frauenftandes aufgejekt wird und die fie von nun an, ebenfo ivie den müturas
tturbanartig gebundenes Kopftuch), trägt. Der „slikas‘‘ iſt dasfelbe Symbol, wie
Die Haube bei andern Völkern. P.
4, Die Kartoffeln find entweder gebaden oder in bloßem Dampf mit Salz
getufcht (gedämpft); jedenfalls werden fie ohne Waſſer präpariert. P.
5) Durchwachſener Sped wird in Würfel zerichnitten und als Überguß zu Dicken
Brei oder Kartoffeln gebraten. P,
6) Aufl. tBopoxuurs, ein laden mit Quark. P.
?) Das Frauenhemd iſt meiſt aus zweierlei Leinwand zuſammengeſtellt, und
zwar iſt der obere, etwa bis an die Hüften reichende Teil aus feinerer (oft Buden-)
Leinwand bordiert und ausgenäht; der untere Teil befteht aus gröberer (Haus-)
Leinwand und erjegt zugleich den Unterrod, P.
17
—_ 4 —
Handjchuhen, Gürteln, Kiniebändern und Strümpfen, — und giebt «3
einer Brautjumgfer zu tragen.
Die Neuvermählten gehen nicht aus der Kleete hinaus; fie warten,
bis man die Hochzeitsmutter aus der Nachbarjchaft hergeführt hat.
37) Die Ehrenbezeigungen der Hochzeitöämutter.
Die Hochzeitsgäfte jchmüden ein Fuhrwerk, indem fie Pflödet) als
Stangen, die mit Stroh umgebunden find, hineinitellen. Die Fahrenden
ſchmücken jich mit Bieraten aus Stroh, putzen fich mit verfchiedenen
\hönen Sachen aus und fahren, nachdem fie ſechs mit Strohbündeln
ausgepußte Pferde hintereinander (im Gänſemarſch, nicht neben einander)
angejpannt haben, mit Dudelſäcken und Geigen in die Nachbarjchaft, die
Hochzeitämutter aufzufuchen und mitzubringen, welche (‚die HochzeitSmutter,)
[dort, wo fie aufgefunden wurde] die Angefommenen traftieren muß: fie
giebt den angefommenen Hochzeitsgäften Braten aufzubeißen und etwas
Bier zu koſten. e
Nachdem darauf die Hochzeitögäfte fich eine Weile amüfiert Haben,
fahren fie die HochzeitSmutter ein wenig über die Felder, werfen fie auf
der Fahrt oft abſichtlich um und bringen fie mit Peitſchenknall und großer
Parade ins Hochzeitshaus.
Die Hod)zeitsgäfte begegnen der Hochzeitämutter mit Ziegenhörnern,
Harfen (Zithern)?) und Gejang auf dem Hofe.
38) Das Erweden?) der Neuvermählten aus dem Schlaf.
Nachden die Hochzeitsmutter gerade vor der Kleete vorgefahren
iſt, [fteigt fie] aus dem Ehrenfahrzeuge [und] geht — begleitet von
Dudelfäden und Geigen und von der wartenden Hochzeitsgejellichaft —
diret in Die Nleete, die Neuvermählten zu wecken und der jungen
Frau den Kopf zu Ichmüden.
I) Diefe Pflöde werden in den Wagen (reip. Schlitten) jo hineingejtellt, daß
jie fi) an der Bretierwand des Magens ftügen, und dienen dazu, das Sitzpolſter oder
den Sad zu halten, damit er nicht zu den Seiten oder nad) hinten herausrutſche. P.
2) C£. Anm. 2. zu pag. 212.
3) Sukeitüuvös (N. plr.) — da3 Erweden zuſammen, da® gemeinfame Er⸗
weden, dag Erweden beider Neuvermähliten zu gleicher Zeit. P.
— 248 —
Die Hochzeitsmutter kommt in die Kleete und weckt die junge Frau
mit den Worten: „junges Frauchen, du ſchläfſt, deine Ferkel quieken.“
Während dejjen fingen die Mädchen:
1. Wach’ auf, liebes Miädchen, | 5. Wach’ auf, liebes Bürſchlein,
Lange jchlafit du; Lange jchläfft du;
Steh’ auf, weiße Lilie, \ Steh’ auf, ſüßer Rotklee,
Lange ſchläfſt du. | Lange ichläfft du.
2. Nicht Haft du dein Kränzlein | 6. Nicht Haft du die Sporen
Auf dem Köpfchen, | An den Füßchen,
Das goldene Ringlein Die marderne Mübe
Auf dem Händchen. Auf dem Köpflein.
3. Geh’ weg, liebes Bürjchlein, | 7. Geh’ weg, liebes Mägdlein,
Du Betrüger; Du Betrüg’rin;
Es iſt noch das Kränzlein Es ſind noch die Sporen
Auf dem Köpfchen, An den Füßchen,
4. Es iſt noch das Kränzlein 8. Es ſind noch die Sporen?)
Auf dem Köpfchen, An den Füßchen,
Das goldene Ringlein) Die marderne Mütze
Auf dem Händchen. , Auf dem Köpfchen.
Die Hochzeitsmutter giebt den Neuvermählten Wurft, Braten und
Weißbrot aufzubeißen und aromatischen Liqueur?), Met, Wein oder warmen
Branntwein zu trinken.
39) Die Haubung.)
Die junge Frau fit ruhig mitten in der Sileete, nachdem man fie
auf einen Brotfübel — damit fie eine Wirtin jet — geſetzt hat.
— m — —— —
1) Am Text: „Auksu Zieduzölej“ (N. plr.) — „bie goldenen Ringlein.“ Dieſer
Plural deutet vielleicht auf einen Verlobungs- und Trau-Ring hin?! P.
2) Das ganze Lied iſt eine verblümte Allegorie auf die Brautnadt. Es ift
quasi ein Wechſelgeſang von zwei Chören. Symbol der weiblichen SJungfernfchaft
find Kranz und Ring, der männlichen — Sporen und Mardermüge. P.
9) Of. Anm. zu pag. 150.
4) Die Haubung mit dem „slikas“, cf. Anmerkung 1. zu pag. 217. Hierzu cf.
L. v. Schroeder pag. 144—177,
17*
— 2144 —
Der leibliche Bruder der Nenvermählten flicht den Hopf oder die
beiden Flechten aus, indem er die Enden [us läßt.
Der leibliche Bruder des Neuvermählten febt der jungen Frau
eine rote feivene Haube auf den Kopf, die der Bruder der Neuvermählten
ein und ein anderes Mal vom Kopfe reißt und auf die Kleetengallerie!),
oder auf den Getreideverjchlag?), oder nad) draußen hinaus wirft mit
den Worten: „So war nicht meine Schweiter”. Der Bruder des Neu—⸗
vermählten muß die Haube aufheben und Herzubringen, zum dritten Mal
aber muß der junge Ehemann jelbft die Haube auftuchen und herzu—
bringen und, nachdem er fie der jungen Frau auf den Kopf gefeht Hat,
füßt er fie. Dann legt die Hochzeitsmutter auf die Haube das rauen:
fäppchen?) oder das Weiberfopftuch (müturas); und von diefem Augen—
blide an darf niemand die junge rau berühren.
In der Kleete giebt die mit dem Frauenkäppchen geſchmückte junge
Frau der HochzeitSmutter und dem Freiwerber ein Stüd Leinwand, und
verjchenft und giebt ihren Aufbiß und ihre Getränfe der Hochzeitsmutter
und denen, die den Kopf zu ſchmücken halfen, wie auch den Dudelfadpfeifern
und Geigern.
39a) Die Haubung.‘)
Anderwärtig, wo die Hochzeit eine ärmere ift, it Die Haubung der
jungen rau folgende:
Nachden man nad) der Trauung aus der Kirche zurückgekehrt it,
führt die Hochzeitämutter des Bräutigams Die junge Frau aus der
Kummer (dem Nebenzimmer), (führt fie her) und ftellt fie bei den Gänſe—
nejtern Hin, legt ihr ans Herz, fie möchte die Gänſe, Enten, Hühner,
alles Hausgeflügel lieben, ziehen und für diefelben jorgen. Darauf giebt
die Hochzeitsmutter der jungen Frau eine Dfenftange, (einen Bejenfttel),
1) Die Fronte der Kleete (der Borratsfammer) trägt eine Gallerie, zu der von
unten eine Treppe hinaufführt. P.
2) Kaſtenartige Abteilungen für die verſchiedenen Korn- und Mehl-Sorten,
ein Getreideverſchlag, auch Abſchlag genannt. P.
3) Of. hiezu die Anm. 1. zu pag. 217 und Anm. 3. zu pag. 241. \
4) Diefe Nr, 39a, bildet bei Juszkiewicz die 14. Beilage (Svotb. röda,
98 100). B.
— 245 —
einen Bejenjtumpf und eine Dfenkrüde, damit fie dieſe Gerätichaften, fich
büdend, mit der Hand anfafje, indem fie jagt: „Da haft du die Schlüſſel
der Wirtin, hüte fie und, wenn dich jemand überfallen jolfte, jo jchüße
dich mit ihnen; ſchlage [damit] und niemand wird die Oberhand über
dic) gewinnen.“ Darauf nun bringt man ein Kleines Tijchlein herein,
auf welches die HochzeitSmutter eine mit Hörnern verjehene Mütze mit
einer weißen Dede), die oben angeheftet ift, zur Haubung der jungen
Frau ftellt.
Zwei Brautjungfern der: jungen Frau, die eine von der eineı,
die andere von der andern Seite, hafen die Finger feft in einander,
legen den Kranz der jungen Frau auf den Kopf, halten [ihn] feſt und
ſchützen ihn und die Flechten, damit die Marſchälle des Bräutigams ihn
|den Kranz] nicht herunterreigen. Zwei von den Gäften des Neuvermählten
aber, daS heißt der Freiwerber mit dem Hochzeitäleiter, wollen auf die
Sänfenefter?) Hinaufgejtiegen, den Kranz herunterziehen, reißen hin und
her die Flechten, jchlagen den Brautjungfern über Die Finger mit einem
Löffel, mit Gerten, und dieſe zwei [Brautjungfern] wehren fid) und
weinen. Mau bringt einen Brotjchieber, auf welchen man das Brot
basft, Her, und mit diefem will man laut jehlagen und tüchtig prügeln,
indem man fagt: „Da haft du einen Brotjchieber. ferne das Brot baden,
du halt lange genug ein Mädchenleben geführt." Es weinen die Braut:
jungfern, es weint auch die junge Frau, ihren Kranz bedauernd (be-
tranernd).
Wenn man jchon anfängt den Kranz heftig und erbittert herunter—
zureißen, zieht die Hochzeitsmutter der jungen Frau eine Mütze über
den Kopf, läßt die weiße Dede oben von der Mütze über die Nugen
herab, daS heißt haubt fie, zieht der jungen Frau weiße Handſchuhe an,
[und] giebt ihr in die rechte Hand ein Licht — eine Dommerkerze?); in
die linke Hand giebt fie der jungen rau ein weißes Tüchelchen, welches
der Freiwerber faßt und an welchem er jte [die Braut) ins Wohnzimmer
1) Diefe weiße Dede bat mol dielelbe Bedeutung, welche der Schleier bei
anderen Völkern hat. P.
2) Of. Anmerkung 1. zu pag. 240.
3) Of. Anmerkung 1. zu pag. 248 und Anmerkung 3. zu pag. 160,
— 246 —
führt, und alle gehen [mit], indem fie fingen: „Set geprieſen, Maria.“
Zwei Heine Mädchen laufen ins Wohnzimmer voraus, füllen das Brot
und jegen fi) au der Thär auf die Bank Hin. Nachdem man ins
Wohnzimmer hineingefommen ift, führt die Hochzeitämutter die junge
Frau zu einem Laib Brot; hier giebt fie der jungen rau [weile]
Lehren, wie fie das Brot einmengen, baden, jparen und jchonen müſſe,
Damit fie niemals an Brot zu kurz käme; um zu zeigen, welchen Wert
das Brot Habe, füht die Hochzeitsmutter dasselbe, befiehlt der jungen
Frau es zu küſſen, und alle küſſen es. [Hierauf] führt fie die junge
Frau zum Ehrenplatze und ſetzt fie, nachdem fie den fleinen Jungen!)
weggetrieben, aufs Kopflifjen neben dem Bräutigam Hin; alle Hochzeits-
gäfte jegen fich in [ihrer] Ordnung zu gejelligem Beiſammenſein. Mit
der Haube auf dem Kopfe und mit Handſchuhen jigt jo die Braut und ißt.
Kac dem Efjen führt man die gehaubte junge Frau in die Kleete zu Bette.
Am Morgen nimmt man ihr [der Braut], wenn man fie wedt, die Haube
herunter, bevor fie fich gewafchen Hat, und ſcthmückt fie mit dem Kopfſchmuck
(ntimetas) junger Frauen.
Kad) der Trauung jebt die Hochzeitsmutter beim Gänjeneft im
elterlichen Haufe der jungen Frau die Haube auf; nachdem aber [die
junge rau] aufgewedt iſt, ſchmückt fie (die Hochzeitsmutter) fie (die junge
rau) in der Kleete des Schwiegervater mit dem Frauenkopfſchmuck.
40) Die Bewilllommnung der Schwiegertodter.
Die Hochzeitägejellfchaft trinkt, tanzt und fingt in der Kleete,
und führt, von Dudeljäden, Ziegenhörnern, [kleinen] Sadpfeifen, Quer:
pfeifen (Duerflöten) (72)2), Geigen, Trommeln und Trompeten auf dem
Rückwege begleitet, die junge Frau aus der Kleete auf dem mit Strof)
ausgededten Fußſteige ind Wohnzimmer.
Mitten auf dem Hofe begegnet der Schwiegervater }der Vater
de3 jungen Mannes} der jungen Schwiegertochter, reicht: ihr einen Krug
I) Den Hoczeitsinaben, den 10 jährigen Sohn der Hochzeitsmutter; cf.
P.
Anm. 2. zu pag. 239,
2) damzdel& — irgend ein muſikaliſches Inſtrument. P.
— 247 —
Bier und Salz, das in einer Salzdoje auf den Krug geftellt ift, und
hierauf giebt ihm die Schwiegertochter ein Stücd Leinwand zum Geſchenk.
Die Schwägerinnen }die Schweftern des jungen Mannest eilen
herbei, wifchen mit ihren Schürzen die Schwelle des Wohnzimmers ab
und fragen an den Füßen dev jungen Frau, um Geſchenke herauszu-
Ichütteln, und die junge Frau giebt ihnen Kniebänder, Gürtel, Strümpfe
oder Handſchuhe.
Gegenüber dem Vorbau des Wohnhauſes stellen die Jungen ein
Rad auf, das mit Stroh ummwunden und bebunden und in einen Trog
mit Wafjer Hineingeftellt ift; dieſes drehen fie uud beiprigen — mit
Ausnahme der jungen Frau — die ind Wohnzimmer hineingehenden
Hochzeiisgäfte. |
Sm Vorhauſe Fällt die junge Frau, ſich verneigend, zu den
Füßen der Schwiegermutter der Mutter des Mannes} nieder und
giebt ihr darauf ein Stüd Leinwand zum Geſchenk.
40a) Der Empfang einer armen Schwiegertochter.')
Wenn es eine ärmere und kürzere Hochzeit ift, jo ift der Empfang
folgender:
Die Hochzeitsmutter nimmt die gehaubte junge Frau mit fich aufs
Fuhrwerk. Nachdem fie (die junge Frau) fi) von allen, [und zwar]
unter Thränen bei der Trennung von ihren Eltern, verabjchiedet hat,
fährt fie zu den Eltern des Bräutigamd. Der junge Mann fährt mit dem
Treiwerber, Alle Hochzeitsgäfte fingen, wobei fie ihre Waffen abfeuern;
die Geiger Spielen anf [ihren] Geigen. Wenn die junge Frau mit [ihrem]
Hoczeitsgefolge in das Haus des Schwiegervaters gelommen tft, (dann)
fommt ıhr der Vater des jungen Mannes in der Thüre auf der Schwelle
mit einem Kreuze entgegen, welches er der jungen Frau zu füfjen giebt.
Die Schwiegermutter aber bindet an den Krug, and Brot und an das
Glas Rauten an und geht ins Nebengebäude hinaus, und fo empfängt
ſie mit einem Glaſe Bier, auf welches ein Querſchnitt Brot und Salz
aufgelegt it, die junge Frau und führt fofort das junge Paar in die
1) Diefe Nummer, 40a, bildet bei Juszkiewicz feine 15. Beilage (Svotb.
röda, 100-101).
— 248 —
Kleete zum Beilchlaf: In der Kleete ſpreitet die Hochzeitsmutter auf
einem reinen Bette, welches nur mit Stroh ausgededt ift, die mitge-
brachten Pfühle [Tederbette) der Braut, die Unterjpreitlafen und das
Bettzeug aus, und legt das junge Baar zufammen jchlafen, nachdem
fie fi) von ihnen liebevoll verabfchiedet Hat. Am folgenden Morgen
wect die Hochzeitsmutter die Neuvermählten in der Kleete, wäſcht fie
mit warmem Bier, leidet die junge Frau an, ſchmückt ihr mit dem
Frauenkopfſchmucke (dem turbanartig aufgejteckten Tuche) oder einem
ichleierartigen Tüchelchen oder mit einem Käppchen feiner Kopfbindel
den Kopf. Nachdem die junge Frau aufgewecdt und mit dem Frauen-
kopfſchmucke geſchmückt worden it, geht fie mit Handſchuhen an den
Händen, am weißen Tüchelchen vom Bruder oder Freiwerber geführt,
aus der Kleete ins Wohnzimmer. Bor ihr trägt man eine ange-
zündete Donnerferze!) und fingt: „Sei gepriefen, Maria.” In der
Thüre geht Der Schwiegervater der jungen Frau mit einem Kreuze ent-
gegen, welches er ihr zu küſſen giebt, die Schwiegermutter aber mit
einem Glaſe Bier oder Miet, welches mit einem Querſchnitte Brot bedeckt
ift und von der Schwiegertochter empfangen wird.
Nachdem die Schwiegertochter gegenüber dem Tiſche [ind Wohn-
zimmer] hereingefommen ift und cinen großen Laib Brot, welcher auf
dem bedeckten Tiſche Tiegt, gekfüßt hat, füngt fie an, der Schwiegermutter
und dem Schwiegervater die Hände zu Füllen und giebt ihnen Geſchenke;
nachher küßt fie einem jeden das Geſicht und giebt einem jeden aus
dem Bündel, welches die Brautjungfer hinter ihr aus der Kleete mit-
gebracht hat, Geſchenke. Die junge Frau muß je ein Stüd Leinwand
geben: dem „Kranzbeter“ (? Weberreicher des Kranzes)?), der Schwieger-
mutter, der Hochzeitämutter, dem reimerber, den Schwägern [und] dem
Brautjchaßführer ; dem Schwiegervater muß fie ein Hemd und [ein Paar]
Hofen, den Schwägerinnen je ein Baar Handfchuhe oder Gürtel gebeıt.
(Schluß im nächiten Heft.)
1) Boln, gromnica, eine borzugsweife am Tage der Mariä Neinigung
(2, Februar) geweihte Wachsferze, welche vor dem Donner jchügen joll. B.
2) it, meldikuj vajnika; es ift nicht Mar, was für eine Hochzeitscharge
damit gemeint it. B,
— 249 —
14.
Sitanifhe Arzneinamen.
Auf die Wichtigkeit des Gebieted der vom Volke gebrauchten
Arzneimittel für die Herjtellung eines wirklichen Thesaurus linguae
lituanicae iſt bereit3 von Pfarrer Jacoby in Memel in den „Mät-
teilungen der litauischen Titterarischen Geſellſchaft“ (Bd. I, pag. 138) Hin-
geiviefen worden. Daß dennoch außer Jacoby jelbjt und Herrn Pro-
jeffor Bezzenberger (cf. „Lit. Forſch.“ pag. 73—75 nebſt den „Nach—
trägen zu Neſſelmann's Wörterbuch”) dies Gebiet bisher niemand be-
treten bat, beruht auf den großen Schwierigkeiten, welche fich der Samm-
lung, gerade der Titautjchen Arzneinamen, entgegenftellen. Die Litauer
jelbft nämlich vermögen größtenteil® weder die deutſchen Benennungen
der von ihnen Litauisch geforderten Mittel anzugeben, noch die Be—
ichaffenheit der leßteren deutlich zu bejchreiben,; die Fachleute aber, die
Apotheker Litauens, find fait ohne Ausnahme des Litauifchen nicht
fundig, wodurd oft die komiſchſten Verwechslungen entjtehen. So wollte
in einem Falle der Erpedient dem „krant' ropes“ verlangenden Litauer
(einige Apothefen Litauend handeln auch mit Sämereien) anftatt der
Rübenſaat, Krampftropfen (im oſtpreußiſchen Plattdeutſch „Kramp-
dropes“) verabfolgen und wurde über die Zurüdweilung derjelben un-
gehalten. Ein andermal verjtand der als Dolmetfcher Herbeigerufene
Hausfnecht ftatt „varpucziu taukai“, womit die Litauer eine Salbe
bezeichnen, „varpnyeziu taukai“ (was etiva „Glockenturmſchmiere“
bedeuten würde), überſetzte das außerdem noch mit „Fett zur Turm—
glocke“, und nun ſollte der betreffende Mann durchaus ein Schmieröl
in Empfang nehmen!). Bei jolchen Gelegenheiten etwa erfolgende Hin-
weile auf die Notwendigkeit der Aneignung der Titauischen Sprache
werden mit der Bemerkung: dieſelbe ſei zu jchwierig, auch fterbe fie ja
aus, und — „es gehe auch fo”, abgefertigt.
ı) Vielleicht hatte der Hausfnecht dabei an dag Glodenfett gedacht, welches
beim erſten Austreiben des Viches eine Rolle unter den Zaubermitteln fpielt; dies
muß aber der Hirt der Klöpfelöſe einer Kirchenglode entnehmen. (cf. Frijchbier,
Hexenſpruch und Zauberbann; Berlin 1870; pag. 143).
— 250° —
Sn nachfolgender Sammlung haben alle während meines faft
jtebenjährigen Aufenthaltes in Litauen mir befannt gewordene Arzneis
namen nach genauer Prüfung und genau wie das Volk fie pricht,
Aufnahme gefunden. Ich glaube, daß der litauiſche Arzneifchag hierdurch)
faſt volljtändig dargeboten wird; allgemein befannte Sachen, wie „kadagiu
ügos, kwosas“ u. |. w. habe ich natürlich Fortgelaffen, ebenjo die im
Berzeichnig des Pfarrer Jacoby („Mitteilungen“ II, 133—143) richtig
enthaltenen Bezeichnungen. Johannes Sembrzycki.
Alejei. Die Ole bilden eine bei den Litauern fehr beliebte Arzneiform,
woher die große Anzahl der nachftehend aufgeführten.
agtınos alejus, Mohnöl; Oleum Papaveris.
apviniu alejus, ſpaniſches Hopfenöl; Oleum Origani cretici. Be—
ſonders gegen Ohren- und Zahnreißen gebraucht.
bredzio rago alejus, Hirſchhornöb; Oleum animale foetidum.
drigniu alejus, Biljenfrautöl; Oleum Hyoscyami.
egles alejus, Tannenzapfenöl; Oleum Terebinthinae.
garstycz’ alejus, eigentlich Senföl, wofür jedoch Senfjpiritus gegeben wird.
gintär’ alejus, Bernjteinöl; Oleum Suceini flavum.
Jöno alejus, Sohannisöl; Oleum Hyperici. Wird in vielen Kranf-
heiten des Viehes gebraucht.
kadagiu alejus, Kaddigöl, Wacholderöl; Oleum Juniperi.
kadapüt alejus, Cajaputöl; Oleum Cajeputi.
kepenu alejus, Leberthran; Oleum Jecoris Aselli.
lelijos alejus, weiß Lilienöl; Oleum Liliorum album.
medzio alejus, Baumöl; Oleum Olivarıum.
meteliu alejus, in Memel metyl' alejus, Wermuthöl; Oleum Ab-
sinthii.
palmu alejus, Palmöl, Ricinusöl; Oleum Ricini.
skorpijono alejus, Sforpiongöl. Die Tilfiter Litauer nehmen dafür
Oleum animale foetidum, die Memeler dagegen Oleum Hyperici;
beides findet bei Viehkluren Anmendung.
— 251 —
sleku alejus, Regenwurmöl; gegeben wird gewöhnlich Oleum Olivarıum
album.
taukiu alejus, Schwarzwurzelfaft; da das Mittel gegen Huften An:
wendung findet, giebt man einen dazu dienlichen Bruftiyrup.
zalas warlu alejus, grünes Froſchöl; Oleum viride.
akmens kraujas (Tiljit), kraujos kule, kraujos kuloke, dygule
kule (Memel). Die Litauer verjtehen hierunter den Blutftein,
Lapis haematites, den fie in gepulvertem Zuſtande gegen Leib-
ſchmerzen, Seitenftiche u. |. w., gewöhnlich mit Braunbier, einnehmen.
Of. „Lit. Forſch.“ pag. 74 über gejchabte Ziegel und Steinbeile.
Diejelbe Anwendung des Blutjteins ist auch den Hoch-Polen und Ma-
juren befannt; erjtere nennen ihn pomocnik, die legteren kamien
od poruszenia. Beide unterfcheiden zwei Sorten, für Männer
(chtopski) und für Frauen (biatski), die der Apotheker natürlich
demjelben Gefäße entnimmt.
ätgerei, riu. Eigentlich iſt darunter Spiritus Aetheris nitrosi zu
verjtehen, doch nehmen die Litauer dafür die Hofmannstropfen,
Spiritus aethereus. Die Memeler Litauer kennen außer diejen
gewöhnlichen balti atgerei noch Drei Sorten:
geltoni atgerei, Spiritus vini gallici (Sranzbranntwein),
marinimi atgerei, Tinctura stomachalis (Magentropfen),
raudoni atgerei, Spiritus aethereus ruber (d. h. rotge-
färbte Hofmannstropfen).
bapkos, Lorbeeren; Fructus Lauri.
babrukärklai, Bitterfüßftengel ; Stipites Dulcamarae. (Cf. „Lit. Forſch.“
pag. 98 und „Mittel. der lit. litt. Geſ.“ II., pag. 134.) In der
Niederung hört man dafür das Wort berbenyczei.
blüsoms pulveris, Inſektenpulver. Wird auch) „wäbalu pulveris“
genannt.
ciberzoles, Zittwerjamen, Zittwerſaat; Semen Cinae. („Lit. Forich.“
pag. 104 und „Mittel.“ IL, pag. 141.)
czelczebükas, auch cezinczebükas geiprochen, Krähenaugen;. Semen
Strychni. Viele Litauer nennen die Krähenaugen (im oftpr.
- 252 —
Plattdeutſch „Kramsöge”) auch grybelei, grybükai, da fie fie
ihre Ausjehens wegen für getrodnete Pilze halten. Sie geben
diefelben den Schweinen bei mangelnder Freßluſt, nehmen fie aber
auch jelbjt bei Appetitlofigfeit in Heinen Mengen mit Branntwein.
Bor dem Gebrauche diejes fchädlichen Mittel3 fann nur gewarnt
werden, — wenn der Litauer fich nur überzeugen ließe! — („Lit.
Forſch.“ pag. 104 und „Mitteil.” IL, pag. 136.)
czemeryczei, Niekwurzel; Rhizoma Veratri. Die Angabe „Ipeca-
cuanha“ in den „Mitteil.” IL, pag. 136 beruht auf Irrtum,
Die Nießwurzel dient als Heilmittel bei Krankheiten der Schweine
und, mit Spiritus abgezogen, zum Bertreiben von Leberfleden ; foll
jte einen Beitandteil von Läufe oder Krätzſalben bilden, jo giebt
der Apothefer Pulvis pediculorum (Läufepulver).
daküunkai oder dakuk iſt Holzthee, Species ad decoetum lignorum;
das Volk Hat aljo das Wort decoctum lituanifiert. Im Gebraud)
it diejer Thee bejonders in der Gegend von Memel und Heydekrug
gegen Rheumatismus und Krankheiten, die man als aus unreinem
Geblüt herrührend, betrachtet, — meist in Verbindung mit Amalai
(Miſtel; viscum album) und drunkus, auch trunkus (Sarjaparillen-
wurzel). Das letztere Wort ſtammt vom plattdeutfchen „Drunf“,
der Trank, womit eine aus mehreren Spezies zufammengekochte,
tafjenweife zu trinfende Arznei bezeichnet wird. — Bei dieſer Ge-
legenheit möchte ich die Bemerkung einfließen laffen, daß die Litauer
durch das Zuſammenwohnen mit plattjprechender deutſcher Land-
bevölferung viele Germanismen aus dem oftpreußijchen Plattdeutſch
in ihre Sprache aufgenommen haben (3. B. da3 Schimpfwort
luüzang — Lüsangel, Lausangel u. |. w.).— („Lit. Forſch.“ pag. 73.)
dantu röszei find Galläpfel, Gallae. Sie werden zeritoßen, mit Brannt-
wein übergofjen und der Dadurch erhaltene Auszug bei Zahnſchmerzen
auf den leidenden Zahn gebracht.
delts, Althaefalbe; Unguentum Althaeae. Lituaniſierung dieſer la=
teiniichen Worte. (Memel.)
— 253 —
debesylu wynas, eigentlich „Alantwein“. Die Litauer verſtehen dar—
unter Aqua aromatica, welches fie mit Zucker verſüßt gegen Bruft-
leiden nehmen.
devyniu wyru sylos laszei, Neun - Mannsfraft- Tropfen; Elixir ad
longam vıtam.
dygule pulveris, Stichpulver, iſt Kurellaſches Bruftpulver; Pulvis
Liguiritiae compositus. (Memel.)
dyveidreks, Asa foetida; das Wort ift nad) dem plattdeutichen „Diewel-
dreck“ gebildet. („Lit. Forſch.“ pag. 108.) Die befferen Litauer
jagen jedoch ſtets velnio szudas.
dziovitos melines, getrodnete Blaubeeren; Baccae Myrtillorum.
Mittel gegen Diarrhöe Kleiner Kinder.
gümbalaszei, Koliktropfen; Tinctura aromatica.
gelezies skedra, Eijenfeiljpähne; man giebt Ferrum pulveratum, da
dag Mittel gegen Bleichjucht angewendet wird.
gwaizdikentis, Streidnelfen; Caryophylli.
iszgastpulveris, auch nügastpulveris, Schredpulver; Pulvis tem-
perans (gegen durch Schred, Ärger u. f. w. entjtandenes Un-
wohliein).
karti druska, Bitterjals; Magnesia sulphurica.
kaulo kamparts tft Opodeldoe, dem die Litauer den Namen „Knochen⸗
kampfer“ gegeben haben, weil er nach Kampfer riecht und als Ein-
veibung gegen Glieder- (Knochen-) Reigen dient.
kerpes, Zungenfraut; Herba Pulmonariae.
kirmeliu kökos, Wurnfuchen; Trochisci Santonini. „kökos“ iſt
das plattdeutiche „Kökes“ (Kuchen).
kirmeliu pulveris, Wurmpulver; Pulvis Cinae (cf. sub ciberzoles).
kvöczu plungsnos, Federalaun; Alumen plumosum (Beltandteil von
Krätzſalben).
labguwyna, Heilſtein; Cuprum aluminatum sive Lapis divinus.
Die Lituanifierung fo vieler lateiniſcher Wörter, wie hier bei lapis
- divinus, vorhin bei dakünkai, deltö u. f. w., erklärt fich folgender:
maßen: der gemeine Mann kommt in die Apothefe und bittet um
— 254 —
ein Mittel für eine bejtimmte Krankheit; Hat er ein folches er-
halten, jo erfucht er, ihm den Namen der Arznei auf ein Bettelchen
zu jchreiben, damit er diejelbe aud) jpäterhin ſtets befommen könne.
Natürlich jchreibt der Apothefer den Lateinischen Namen Hin, um
da Publikum nicht willen zu laffen, was das Mittel eigentlich
jei, und dieſe Tateinifchen Worte machen fich dann die Litauer in
ihrer Weile zurecht. |
lyno kraujas, Schleienblut (sie!) iſt Sanguis Hirci (Memel).
mariu putà (Tiljit), pamete ziüvis, pämete ziuvele (Memel) ift
Seeichaum, Ossa Sepiae, der zerrieben mit Braunbier gegen
berjchiedene Krankheiten genommen wird.
Marijös ladas, Mariengla$; Glacies Mariae. Dient zu Viehkuren.
medzio rugpyve, Holzejlig; Actum pyrolignosum erudum. Pient
zur Heilung von Wunden bei Vieh und Pferden.
melina sera, grauer Schwefel; Sulphur griseum. Wird Vieh und
Pferden gegeben.
muskötu reszutai, Mugfatnüffe; Nuces moschatae. Sie werden
vorzugsweiſe Fleinen Kindern, bei Diarrhöe und Leibfchneiden, ge-
rieben gegeben. |
Mesa.
böbriaus mesa, babriaus mesa, jamajtijch powärska mesa, Bibergeil;
castoreum Canadense. Durch Uebergießen mit Spiritus und
längeres Stehenlafjen erhält man einen Abzug, der bejonderd zum
Gebrauch der Frauen dient.
vilko mesa, aud) vilko kepenos, iſt Hepar Lupi, getrodnete und
geräucherte Fleiſchſtückchen. „Wolfsfleiih* ift dem Litauer bet
einzelnen Viehkuren unentbehrlich.
merkürdrop, Merfurtropfen; „drop“ vom plattdeutichen „Droppe”.
Die Memeler Litauer kennen hiervon nachfolgende Sorten:
jüdi merkurdrop, Tinetura Guajaci ammoniata und
raudoni merkurdrop, Tinctura stomachalis, während die
Tilfiter noch |
balti merkurdrop verlangen, wofür fie eine jchwache Löſung
von Salmiak in Waffer erhalten.
— 255 —
balta meläte. Hierfür erhalten die Memeler Litauer (fübwärts ift
der Ausdruck unbekannt) Adeps suillus; was das Wort eigent-
fic) bedeutet oder woraus e3 lituanifiert ift, ift mir nicht klar
geivorden.
baltas nökas, Weiß-Nichts; Nihilum album. Wird Schweinen bei
mangelnder Freßluſt gegeben.
notrünes baltas ziedas, weiße Nejjelblüte; Flores Lamii albi
(Memel). Vgl. „Mittel.“ II, pag. 133.
rugsztus pamete pulveris it Cremortartari, Tartarus depuratus.
pamete taukai tft Adeps suillus.
pamete 2üvis, vide sub mariu puta.
pamete zoles ijt eine Miſchung von gepulverten Paradieskörnern,
Salmiak, Salpeter und Campher, die mit verfchiedenen Olen und
Zinfturen in einer Flaſche zujammengefchüttelt und eingenommen
wird. Seit Belanntwerden des Jodkali ift der Verbrauch dieſer
früher jehr beliebten Arznei zurüdgegangen; der Litauer nimmt
jest fajt nur „pamete wandenj“, d. i. Sodfali in Waſſer gelöft.
Das Wort Jodkali hat er ſich ald „jüdas kaulas“ zurechtgelegt
und betrachtet es jo ſehr als echt Litauisch, daß er oft in der
Apotheke deutſch „Ichwarze Knochen” verlangt, woraus dann ein
des Litauischen Unkundiger nicht? zu machen weiß. Bor dem
übermäßigen Gebrauch des Jodkali müßte übrigens gewarnt werden.
Das nur im Memeljchen gebräuchlihe Wort „pämete“ bezeichnet
den Rheumatismus, verbunden mit anderen Bejchwerden, an dem
die pajurininkai, die pamarininkai und die ızmarininkai häufig
leiden. Vgl. über pamete „Lit. Forſch. 73 und 157.
melina politane oder panatäne iſt graue Läufefalbe; Unguentum
pediculorum oder neapolitanum (Memel).
poplüczkei, Huflattig; Folia Farfarae.
pankülei, Fenchel; Fructus Foeniculi.
parakas, Scießpulver; Pulvis venatorius. Dies geben die Litauer
den Schweinen ein, brauchen es auch zuweilen jelbit ftatt iszgast
pulveris und kaufen es zu jolchen Zweden ftet3 in der Apotheke,
pilka sera bedeutet dafjelbe als melina sera.
— 256 —
pipirai devyni, neumerlei Pfeffer; Semina novem. Man hält in den
Apothefen Päckchen vorrätig, deren Inhalt neun einzelne Dütchen
bilden, in deren jeder eine Sorte fcharfes Gewürz ſteckt (Langer
Pfeffer, weißer Pfeffer, Paradiesförner, Cajennepfeffer, eine Musfat-
Nuß u. |. w.). Diefe Päckchen zu 45 Pfennigen werden viel ges
fauft; der Inhalt wird zerjtoßen, mit Branntwein übergofjen, zum
Ziehen an einen warmen Ort bei Seite gejtellt, und die jo erhaltene
Tinktur dient dann als heilfamer Magenſchnaps.
Prancüzu malka (oder medelis), Franzoſenholz; Lignum Guajaci.
pygu ga, Feigen; Caricae. Gie dienen gegen Huften und, in Milch
geweicht, zum Auflegen auf Zahngefchwüre.
reszutu obülai, Coloquinten; Fructus Colocynthidis. Sie werden
in feinen Mengen mit Branntwein gegen Magenbeichwerden ge-
nommen. Bon diefem nicht unfchädfichen Mittel wäre abzurathen.
roziu medus, Roſenhonig; Mel rosatum. |
rudencya, Enzianmwurzel; Radix Gentianae, aus welchen lateinijchen
Worten die litauiſche Benennung jich gebildet hat.
rügsztyn alejus, ojtpreußiih: Sauerampferöl, ift mit Waffer verdünnte
Schwefelfäure; Acidum sulphuricum dilutum. Das Volk beizt
damit hohle jchmerzende Zähne aus.
sakalo druska, Binfjal;; Zincum sulphuricum. In Waſſer gelöft
gegen kranke Augen.
saldus medelis, Süßholz; Radix Liquiritiae. Of. Mitteil, II, 141
seros 2iedas, Schiwefelblüte; Sulphur sublimatum.
gyvas sidäbras, Ouedfilber; Hydrargirum. Wird nicht nur äußer-
lich) zu Läufefalben verwandt, fondern auch — was kaum glaublich
erſcheint — eingenommen.
skruzdeliu szpyrtus, Ameijenjpiritus; Spiritus Formicarum.
smerczio galwa, Totenfopfpulver; Caput mortuum s. Colcothar
Vitri. Beltandteil von Vieharzneien.
stikline, stiklines ätgerei, stiklüke, Antimongla®; Vitrum Anti-
moni. („Lit.Forſch.“ pag. 74.)
— 257 —
zalas svestas, Grünbutter; in Memel Unguentum laurinum, in Tilfit
Unguentum Majoranae.
raudonas Zogo svestas, oftpreußisch: rothe Tränkſalbe; Unguentum
potabile rubrum.
szalti drop jind weiße Pfeffermüngtropfen, Spiritus Menthae piperitae,
da fie auf die Zunge genommen im erjten Augenblid das Gefühl
von Kälte erzeugen, “
szaltmetis beißt Zemajtiich der Ather, Aether sulphuricus. Unfere
Grenznachbaren Faufen reinen Äther, da ihnen die Verdünnung deffelben
mit Spiritus, die jogenannten Hofmannstropfen, nicht ſtark genug
iſt. Auch diefe Bezeichnung rührt von dem Kältegefühl her, das der
Äther anfangs erzeugt.
szarpusnes, Yuflattig; Tussilago Farfara (Memel). Of. Mitteil. II, 134.
Wohl von szerai, Borften, weil die Unterjeite der Blätter wie
mit kurzen Haaren bedeckt erjcheint.
szirdies grudai, szirdies grudukai, szirdies pipirai, jeltener ro-
jaus grudai, rojaus darzelio grudai, PBaradiesförner; Grana
Paradisi. Die Angabe „Mitteil.” II, 141 „Capsicum annuum“
und 142 „Senffürner” beruht auf Irrtum. Den Cayennepfeffer,
welcher pag. 141 augenscheinlich gemeint it, nennt der Litauer
kuini pipirai („kuini“ aus: Cayenne). — Die PBaradiestörner
werden jehr viel gefauft und gegen Magenleiden angewendet.
taukinei, Schwarzwurzel; Radix Consolidae (aud) taukei).
taukai. Nächft den len braucht der Litauer die Fette am meiften;
er hat deren: |
ezio taukai, Sgelfett;
gandro t., Storchfett;
lyno t., Schleienfett;
meszkos t., Bärenfett; Adeps Ursi.
obszriaus t., Dachzfett ;
pamete t., cf. sub pamete;
szuns t., Hundefett; Adeps caninus.
varpueziu t., Quedenfett; Unguentum Aavum.
18
— 258 —
vilko t., Wolfsfett;
zemes t., Erdfett; Unguentum flavum. Wird häufig ge:
holt. Of. „Lit. Forſch.“ 187 und 205 oben.
zuikio taukai, Hafenfett; Adeps leporis.
Man wird von dem Apotheler das Borrätighalten aller dieſer
Fette nicht ernfihaft verlangen; andererjeit® wäre es erfolglos, den
Litauer über die Wirkungsloſigkeit derjelben belehren zu wollen, —
man giebt aljo die Sachen ſämtlich aus dem Topfe mit Schweinejchmalz.
Einzelne Apotheker verfuchten die Leute aufzuklären; Died hatte aber
nur den Erfolg, daß ihre Apotheke für eine fchlechte, wo man nicht
alles befomme, erklärt wurde. Giebt der Apotheker fein Hundefett, fo
befommt man e3 ja amderwärts, z. B. beim Abdeder, das Dachsfett
bei den Jägern und Waldwärtern zc.
telapis, chineſiſcher Thee.
trejokas, Theriaf; Electuarium Theriaca. Man giebt den Theriak
faft nur noch Kühen nach dem Kalben. „Trejokas“ ift aus
„Theriak“ gebildet.
tirszta terputyna, Dider Terpentin; Terebinthina communis.
varas, Bleiglätte; Lithargyrum.
varo dümas, Rupferraud); Zincum sulphuricum. Cf, sub sakalo
druska.
jüdos varnos smagines ijt Chinoidin (welches ſchwarz ausfieht). Man
gebraucht die mit Spiritus daraus hergejtellte Löjung als Fieber-
Mittel.
velnio kraujas ift Sanguis Draconis.
vezio girnos, Rrebsitein; Sapides Cancrorum.
vyturio pintis, Lärchenſchwamm; Boletus Larieis. Cr wid in
Braunbier gefocht gegen verjchiedene Leiden eingenommen. Die
Litauer Haben den Namen nach dem Deutſchen überfeßt; der Unter:
ſchied zwiſchen „Lärche” und „Lerche“ ist ihnen unbekannt und fo
wählten fie vyturys. „Vyturmedis“ erjcheint aljo feineswegs,
wie in den Mitteil. I, 137 gemeint ift, unmöglid).
— 259 —
Zalves. Bon Salben gebraucht der Litauer am häufigiten:
akiu zalve, Augenfalbe; Unguentum Zinci. |
raudona akıu salve, Unguentum ophtalmicum rubrum.
altelörzalve, Unguentum Althaeae cum Oleo Lauri (aljo zuſammen-
gezogen aus „Althaeae‘ und „Lauri“).
dedervines zalve, lechtenjalbe; Unguentum Hydrargyri album.
merkürzalve, Yäufejalbe; Unguentum pediculorum (mit Quedfilber
bereitet).
balta merkürzalve, Unguentum Hydrargyri album.
niezo zalve, Kräßjalbe; Unguentum antipsoricum.
ugnies zalve, (balta, raudona), Feuerſalbe (weiße, rothe); Unguentum
Hydrargyri (album, rubrum). Gegen Ausichläge und trodne
Flechten, die man in DOftpreußen „Feuer“ nennt.
rugpyves zalve, Bleiſalbe; Unguentum Plumbi. Die Salbe wird aud)
„Bleieſſig-Salbe“ genannt, woraus der oftpreußische Volksmund
„Weinejfig. Salbe” gemacht Hat. Dieſer legte Ausdruck ift dann
von den Litauern überjeßt. So wird aus einer Bleiſalbe eine
Eſſigſalbe.
zelegenys iſt das lituaniſierte Semon Genistae. Nur allein die
Litauer kaufen dies Mittel gegen Magenbeichwerden.
Zemes reszutai, Hirjchbrunft; Boletus cervinus. Er wächft in der
Erde und hat ungefähr das Ausſehen und die Größe von Nüffen,
daher der litauiſche Name.
ziedo kreida, ?sliederfreide; Succus Sambuci. Wird ebenjo wie das
folgende zum Schwiten eingenommen.
ziedo szpyrtus, Fliederſpiritus; Spiritus Sambuci.
zvaigzdepipirai, Streidnelfen; Caryophylli. Of. gwaizdikentes.
zydo vyszne, Sudenfirichen; Baccae Alkekengi.
18*
— 2360 —
15.
Fitanifhe Hchriftfteller des 19. Jahrhunderts,
II.
Simon Dowkont.'‘)
Simanas Daukantas.
Simon Dowkont, ein fein gebildeter Schriftfteller und der frucht-
barite Proſaiſt des ruffischen Litauens, wurde geboren im Jahre 1793, ım
Lenkimy'ſchen Kirchipiele des Telſcher Kreiſes, bejuchte die Wilnaer
Untverfität und erhielt in Dorpat den Grad eines Magijterd der Philo—
jophie. Seit dem Jahre 1825 diente er als Tranglateur und Beamter
in der Kanzlei des Generalgouverneurs zu Riga und jtedelte im Jahre
1835 nad St. Petersburg über, wo er Senatzichreiber war und fid)
in der Abtheilung, wo die fogenannte litauiſche Metrif aufbewahrt wurde,
bi? zum Range eines wirflichen Staatsrates aufdiente. In den 50er
Sahren wurde er mit dem zufünftigen zamaitiſchen Biſchof, derzeit
Profefjor der geistlichen Afademie, M.Wolonczewski, befannt und folgte
alsbald deſſen Aufforderung in die Heimat überzufiedeln, um die Sache
der Litauischen Volksbildung durch Herausgabe nüblicher, populärer
Schriften, geiftlichen wie weltlichen Inhalts, zu heben.
Hier in Worny, dem Zamaitifchen Biſchofsſitze, entjtanden zwiſchen
den beiden Volksbildnern alsbald Mißhelligfeiten, welche damit endeten,
daß Dowkont Worny, nach fünffährigem Aufenthalt daſelbſt, verlieh,
um endlich Die letzten Jahre feines Lebens in Bopel’any (lit. Popile)
im Schaulen’jchen Streife, zu verbringen. Er ſtarb am 24. Novbr. 1864
bei jeinem Freunde, dem Prieſter Waiſchwill, welcher noch heute in
Hubiski, im jelben Kreije, lebt. (Vergl. Lietuwiszkasis vom Sahre 1888,
Nr. 18, ©. 139.) In Bopel’any ift diefem emfigen litauiſchen Schriftfteller
auch ein beicheidenes Grabdenkmal von demjelben Waiſchwill im Jahre 1884
gejeßt worden, ein anderes unvergänglicheres Denkmal ihm, durch die
Ofr. Heft 14 (Bd. III, ©. 101).
— 261 —
Herausgabe feiner noch unedirten litauiſchen Gefchichte und Neuheraus-
gabe heute bereit3 jelten gewordener Volksbücher, zu jeben, ift Teider
den gebildeten Litauern bis Heute verjagt geblieben. S. Dowkont be-
ſaß eine tüchtige Hiftorijche Bildung, war mit den bedeutendften Kennern
feines Volkes, mit Pabrejis, Kar. Moygis, Fr. Marechal Szukßta, Profeſſor
Voigt in Königsberg und vielen anderen in beftändigem Briefwechſel
und jammelte jein lebenlang alle Bücher und Materialien, die fich auf
Litauens Geichichte beziehen, zu einer vollftändigen Bibliothek zuſammen,
welche Heutzutage von jeinem Neffen in einem litauiſchen Holzhaufe
aufbewahrt wird und den Grundſtock zur Bibliothek eines litauischen
Nationalmufjeums abgeben fünnte. Sein handfchriftlicher Nachlaß enthält
nicht blos Excerpte aus den Manuffripten des Adelsmarjchalld Graf
Plater, unter dem Titel Fragmenta historica et biblotheca illustris com,
Georgü Plater, M. Rosseinensis, jondern ebenjo Abjchriften aus der
fitauifchen Metrif in St. Petersburg. Ferner Liegt das Manuffript
eines polnijch-Titautijchen Lexikon vor, das aus 3 Bänden beiteht,
A—M, N—P, R—Z2. Die Sprache Dowkonts ift von %. Geitler in
feinen litauiſchen Studien, Prag 1875, und in feinen Beiträgen zur
litauiſchen Dialektologie, Wien 1885, jowie von A. Bezzenberger in feinen
Nachträgen zu Nefielmanns Wörterbuch) (Litauifche Forſchungen, 1882,
pag. 95—204, Göttinger Nachrichten 1885, ©. 160) mehrfacher Er-
forſchung unterzogen worden, ohne daß fich über dieſelbe ein abſchließendes
Urteil eher geben ließe, al3 bi3 der Dialekt von Schoden und Lenfimy
im Telſcher Kreife oder wie Dowkont in feinen Dajnes ©. XII. jagt,
des Tivunatus Gondingensis auf litauijch Guntino Tiewunües,
genaner erforjcht jein wird. Endlich bereitet noch Herr Gymnafial-
direftor Hugo Weber in Eifenach eine Neuherausgabe der Dow-
kont'ſchen Phedro =» Ueberfebtung vor Zur Charakteriftit dieſes
Schoden’schen Grenzdialektes gebe ich folgende Proben von Wort:
erflärungen, die ich in Schoden und Kiwillen von dortigen Litauern
erhielt: Apsikhaukti, Geitler, Beiträge 39: fich verfinftern; nach
Juskevic (litauiſch-ruſſiſch-polniſches Wörterbuch) pag. 67: 1) geizen;
2) ſich verfintern, bewölfen. Kiwillen: ko tu apsikhaukes täp
— 262 —
wäks&0j6? Warum gehſt du jo finjter einher? burgieti, Geitler,
Beitr.: jchwellen; Kiwillen: burgiedama wen wäk$cojö fie geht
brummend herum. czezti plätjchernd regen, ib.; Kiwillen: litus
Ce2stö Caäz. dingstis Fall, Gelegenheit, daher tu dingstu in Kiwillen
— tu tarpu. iszleite Gegend; Kiwillen: iszlaite Viehhof, ruſſ.
vygon, vergl. aptukas, abgeteilte Kälbertrift, iszlajda u. ſ. f.
iSpejzoti verhöhnen; Kiwillen: auch verthun, „iSpeizoj sawo
daktus ir wisa giwenima“. kernoti anjchwärzen; Kiwillen: ons
müni körnoje. ktostis das Gelingen; cf. Kiwillen: kloos
dörbt es traf fich zu arbeiten zu. tandas, Geitler. ib, p. 50;
Kiwillen: iondus rags jcharfes, jpiße8 Horn. pakliestas bededt,
geſchützt, ib; Kıwillen: pasiklöte kusku (skar&le) darunter breitete
jie ein Tüchlein au. riauszius, Geitler: ib, p. 57, von riauszis
Blutpfannfuchen, (is krauja, käp blinas). saliklinikas, ib. p. 57,
ta weita, kur dzoven saliklu d. i. Malzdörre. skototi ib. p. 58,
Kiwillen: ne skotokies eile nicht, ne skubek, ne strosikis. spou-
gas ib. 60., Kiwillen: spougäs apteka ronkas die Hände find mit
Blajengejchwüren bededt, angefüllt. strungs, Kiwillen: Stiel.
(cf. Geitler, p. 62). süpentejis — sudäuwis, sausa supuvis.
tabalas, Kiwillen: zujkis, wöweris tabalus mus. taukszoti,
p- 65, Kiwillen: t&kSoje er jtgt breit da, kü te täksa, wo nusäles?
tuogimusi kudikeli (cf. p. 65) das eben erft geborene Find.
zala, cf. Kiwillen: wunden-zata Waſſerſucht. Zärksts (arklis)
grau, (ruffii) cusuä). pa-Z’ubink su skäalu leuchte mit dem
Lichtſpan (Kiwillen). Endlich noch einige mit „g“ beginnende Worte:
graksztus fernig, jaftig, (cf. Geitler, p. 44, |hön). gaszawoti
jtols thun. genesis Straße, wo Vieh getrieben wird ; im Schaulen’fchen:
genetis; (cf. F. Kurschat Lexicon genestys). Zu gudinti erziehen,
angerwöhnen, vergl. Kiwillen: mazus wäkus gudinti wäks6ote, Zmonis
gudinti i prota, igüdes j worelka. graistwas Die den Boden
des Faßes Haltende Furche; im Schaulen’ichen: graistai pl.
S. Dowkont gab heraus folgende Schriften:
1. Prasma Lotinü kalbös, unter dem Pſeudonym K. W. Myle.
Petropilie. 1837.
— 263 —
2. Abeciela Lijtuwiü-Kalneniü ir Ziamajtiu, ibidem 1842.
3. Kningele ape zinias draugystes nusiturejimo. 1843.
4. Giwatas didiuju karwaidü senowös lotiniszkay Kor-
nelius Nepos etc. ibid. 1846. verfaßt von J. Dewinakis, herau$-
gegeben von Ks. Konopackis, mit einem ruſſiſch gejchriebenen Vorwort.
250 ©. und 7 ©. Vorwort.
5. Dajnes Ziamajtiü, pagal Zodiü dajninikü iszraszytas.
Pirmasis Pedelis, ebendajelbit, 1846.
6. Pasakas Phedro, ıszgülde, isz lotiniszkos kaltbos i
zamajtiszka Motiejus Szauklys, o apskelbe Ks. Kanapackis;
ibid. 1846.
7. Parodimas kajp apinius auginti pagal naujujü pritirimü,
körius apskölbe teutoniszkaj B. A. Grunards, o iszgölde i Zia-
majtiu kalba Jonas Ragaunıs, ibid. 1847.
8. Naudinga Bittiü knygete, tay yra ajszkös pamokimas,
kajp par iszmintinge bittiu kawojima gat daug naudos nusipelnyti
wissims bitteles mylentims ant gero para szytg nach Settegast’s
Brofchüre. Ibid. 1848.
9. Pamoksiga ape sodnus arba dajginus wajsingü mediü
(J. H. Zigra), iszgolde isz Teutonü kalbos i Ziamajtiü Antons
Zejmis. Ibid. 1849.
10. Ugnes kningele arba trumpa pamoksig, kas Zmöniems
wertaj daryti pülas pirm ugnes ugnej pasidariös u. ſ. w.
Iszrasze Jonas Wangys ir apskeibe m. 1802 o dabar antra at-
weji apskeibe Antonas Wajnejkis. Ibid. 1849.
11. Pamökima, kajp rinkti medines siekläs, pargölde isz
Gudü kalbos i Ziamajtiü kalba Jonas Purwys. Aus dem
Ruſſiſchen überjegt. Ibid. 1849.
Das Hauptwerf S. Dowkonts erjchien bereitS im Sabre 1845
„Buda Senowes-Letuwiü Kalnienü ir Zamajtiü iszrasze pagal
Nenowes Rasztü Jokyb’s Laukys“ ebenfalls, wie alle jeine Werke,
in St. Petersburg herausgegeben und in dem Handeremplare feines
Berfafjers mit dem Motto verjehen: Patrum instituta non temere
deserenda. S. Basilius 42. Den Lefern der Mitteilungen (ſ. Heft 17)
— 264 —
iſt aus den Geitler’schen Excerpten diejes Werkes bekannt, wie Dowkont
diefen Gedanken in feinem Vorworte weiter entwidelt. Während nicht?
unter der Sonne ewig jei, Seen und Berge, Felder und Wälder ihr
Antliß verändern, ja noch mehr Sitte und Gewohnheit, Glauben und
eben wechſeln, aljo auch Litauens Vergangenheit verfunfen und ver-
gejjen jei, habe fich nur die Sprache der Littauer und Zemaiten ewig
jung und grünend erhalten, die Doch in ihrer Altertümlichkeit an das
Altindiſche heranreiche. — Es ift, bei ſolch einer Hochachtung, die
Dowkont vor der litauiſchen Sprache fagte, nicht zu verwundern, daß
er es, bei jeiner ausgezeichneten Bildung und bei jeinen ausgedehnten
Sprachkenntniſſen, vorzog, (er verſtand ruſſiſch, polnisch, deutſch, Franzöfisch,
lateiniih und griechiich) Werke langjährigen wiſſenſchaftlichen Fleißes
litauiſch und nicht in einer anderen europäischen Sprache herauszugeben.
Leider endet feine fruchtbare Titerariiche Thätigfeit mit dem Jahre 1849
und fand feinerlei Anregung nach der Überfiedlung aus der ruffiichen
Metropole in die Provinz Alle feine vom Sahre 1850 bis zu dem
im Jahre 1864 erfolgten Tode verfaßten Werfe, find Manuffripte ge-
blieben. Im Jahre 1850 beendete er fein Fundamentalwerf, die Ge-
Ihichte Litauen® „Pasakojimas apej Wejkalus Lietuwiü tautos
senowe, kuri trumpaj apraszia Simons Daukgntas, Rasztinikas,
Pilozopios Magistras.“ (Antra dalis. Metuse 1850) wie es im
dem mir vorliegenden umgearbeiteten Eremplare heißt. Vorher verfaßte
er ein gleichartiges hiſtoriſches Manuffript unter dem Titel „Istorije
Temaytyszka“, beftehend aus 551 Seiten Großoktav. Nah einem,
von Dowkont jelbjt, im Sahre 1857 in Neubergfried, unweit Mitau,
gejchriebenen Brief, blieben noch folgende Schriften ungedrudt:
12. Palagos Petris.. Erzählung. Eine Nachahmung vom
Campes Robinjon. Von der Zenſur bereit3 durchgeſehen, ſollte in
demjelben Sahre, aljo 1857, gedruckt werden.
13. Über Wälder und Mittel, wie eine geregelte Waldwirtichaft
zu betreiben fei, auf 5 Drucdbogen berechnet.
14. „Gaspadorius“. Eine Schrift für Kleingrundbefißer und
Wirte abgefaßt, aus dem polnischen überjett. Der erſte Teil handelt
— 245 —
dom Ackerbau, der zweite von der Pferdezucht, Viehzucht und giebt thier-
ärztliche Ratſchläge. Der dritte von Gartenfultur, Bienenzucht und
Hopfenbau.
15. Ein neuer Elementorius für Litauer, welcher in dieſem,
in April gejchriebenen Monat des Jahres 1857, an die Zenjur ab»
geliefert werden ſollte.
16. Justinus, Historiarum, Überjeßung. Jedoch zweifelt
Dowkont, jein Alter fühlend, daran, daß er dieſes Werf beenden
würde. Noch in Petersburg vollendet und bereit3 im Sahre 1846,
vom 9. Suli, von der Wilnaer Zenſur durchgelefen und erlaubt, blieb
aber, aus unbefannten Gründen, auch dieſes Werk ungedruckt.
17. Rubinatio Peluzes Giwenimas, iszgolditas isz
Teutoniü kalbos j Zamajtiü pagat 12io ispaudimo Joch. Heinr.
Campe. Bon Schriften geiftlichen Inhaltes dürfte noch S. Dowkont
angehören: Maidas Katalıkü, pagat Bazniczios S. Rimo isz-
raszytas. Metuse 1842. 246 Seiten Manuffript. Von der Wilnaer
weltlichen und der Petersburger geiftlichen Zenfur erlaubt, im Sahre
1847. Die Ortografie ift durchaus eine an Dauksza angelehnte, Dow-
kontische. Der reiche Nachlaß dieſes vorzeitig fchriftftellerifch todt-
gemachten litauiſchen Volksbildners ift hiermit noch nicht erſchöpft. Leider
war es mir nicht vergönnt, feinerzeit mich Tängere Zeit mit dem Drdnen
diefer gänzlich vergejlenen und teilweije verjchleuderten Materialien zur
litauiſchen Bolfzbildung zu beichäftigen.
Indem ich im Folgenden einen größeren Abjchnitt aus Dowkonts
litauiſcher Gejchichte: „Litauen? Blütezeit“, der Regierung Gedimins
gewidmet, mitteile, jpreche ich den Wunſch aus, es möge aufs Neue
ſolch eine Petersburger litauiſche Kiteraturperiode, wie die Zeit Dowkont’s
es war, erjtehen, welche gleichermaßen frei wäre von provinzionellem
Klerifalismus (vergl. die Zeitung „Szwiesa“ und andere Schriften) und
amerifaniicher Übertreibung heutiger Tage. Wie vorher, fo hat «8
anch bis heute noch feinen Litauer gegeben, der bei einer regelrechten,
wifjenjchaftlichen Bildung es jo energisch verftanden hätte Litauer zu
jein und jeiner litauifchen Mutterjprache treu zu bleiben bis in den
Tod, wie Simon Dowkont, Daugantas.
St. Petersburg, 11./23 Novbr. 1888, Ed. Wolter,
— 266 —
Lietuwos galybe.
Gediminas didesis Lietuwos Kunegajksztis.
Patajdojus Witeni pagat ukes dabos, Lietuwej Kalnienaj
ir Ziamajtej susirinki i suejmg Kernawi, pakiela didiäjü Lietu-
wos kunegajksztiü jo sunü Gedimina, wira tejpat narsi ir kantri
kajp tewa, bet daug uz ji gudresni ir buklesni.
'"Waldant Gediminuj Lietuwa, kares ne rima, bet bajsesnes
dar sukita: iki sziolej po kelis szimtus arba kelis tukstantes
daugiaus kapcies tarp sawes ne kajp kariawa ir wieni antrims
krasztus terioja ir drewieja; nes dabar i didej bajses kares isz-
tika, kuriose jau po kelis deszimtis tukstantiü szarwotü wirü
Lietuwiü Kalnienü ir Ziamajtiü grumies ttintimpos ne wen sü
Krizokajs Padaugawiej ir Parusniej’, bet dar sü Tautorejs, Gu-
dajs ir Lankajs, kajp tujau regiesaj skajtitojas.
(m. 1316.) Gudaj negaliedamis wieni Lietuwiü nuwejkti, at-
lejda tg pati meta pas Krizokus sawa siuntinius pagalbas nu
jü mejlauti. Gediminas noris t3 Zinoja, nedraudia wienog tu-
jau Gudü, noriedamas pirmü atsiriszti su Krizokajs, kurie tü
tarpü thintimpos sü Ziamajtajs kariawa.
Kajpogi ta meta atejus nü Rena gaujoms meldzionü i
Parusni, tujau Marczeiga Krizokü Enrikas Plok sawa kariauna
sü jejs sunieria, paskuj sü wienü dali tos kariaunos terioja sriti
Pastojü o sü antrü — Warniü, drewiedamas ir grobdamas wis
ka sutika. Gywentojus, kurie ne paskubieja piliese ussirakinti,
ar giriesi issistapstyti, wienus iszkirta, kitus i wergus pawaria,
par wis iwejkia apigarda piles Medwagales, kurioji sugriejusis
Krizokaj gausi grobi sugriza lajmingaj i Parusni. Sü antrü
dali kamendotas Altenburg, jisilauzis wietrü i pile Bisene, pate
pile sudegina ir wisa gimine tieuna Budargas iszkirta ir jo tie-
wiszke iszdrewieja.!)
(m. 1317.) Nie atejnanti meta Krizokaj nelowies nü kariü. Tas
pats Marezelga, wielt sukielis stipre kariaung jisigrudia i Wajgiü
1) Dusburg c. 822.
— 267 —
apigarda, nes bejtant par rubeziü kielies tokes perkunijes, jog
500 zirgü iszduka nü paties tranksma ir giriese paskyda, kurius
paskuj wos sü didiü wargü besuwokelieja. Krizoka] turiedamis
ta uz zenklg atentios nelajmas grizo i Parusni, par wis dides-
nej dietto, jog Lietuwej nujautusis Krizokus atejnant tejp dide
karıaung surinka Wajgiü apigardoj, jog Krizokaj je} butü to-
laus be eji ajszkej butü sau gala radi. Ligi dali newyka tam
patem Marczeigaj Pagraudenia apigardose kariauti, kuriose
noris kariauna buwa paskydusi terioti, wienog gywentojej nu-
jautusis Krizokus atejnant Gedimina piliej' ussirakina, noris
kamendotas Ragajnes Liebenzel narsej je wietrawoja, bet igule
tejp kantrej ginies, jog Krizokaj tenkinos papilus nugrusdinusis.
Newyka Marczelgaj ne tretesis zigis, kursaj noriejai pille Ju-
negede jisilauzti, nes jüı Marczeigg narsesnej grudies, jü kan-
tresnej igule ginies, kurios wos patius nudeginis sugriza i
Parusni.
(m.1318.) Tg meta Dowidas kamendotas pile Gradna giezda-
mas apmaudg ant Krizokü, ipülis sü 800 rimtos jotesi Natangije,
jos krasztg bajsej nuterioja, daug gywentojü iszkirta, daug i
wergus iszwaria, kuri grisztanti namon Krizokaj apnikusis di-
dumg grobia iszkratia.
Tü tarpü Gediminas, didesis Lietuwos Kunegajksztis, su-
kielis kariaung wisos ukes traukia i Ziamajtius ir ant Zejmeli
upi i abazg sustoja, taukdamas talkiejü isz Patacka ir Gradn,
atejnantiü, kuriü sulaukis, Gudus pastatia i sparnus, widuriej’
Lietuwius o priszakiej' Tautorius. Marczelga statia Krizokus
priszakiej] i sparnus Wokytius meldzionys, o uzpakaliej par-
kriksztus Sambijonys ir Medinykus, Zadiedamas jims lüsybe
pagrazinti, jej ije turieses sü Krizokajs. Tujau prasidieja kru-
wina musza.. Wisupirmü susiriemia Krizokaj sü Tautorejs,
paskuj grumies Lietuwej, kurius pats Gediminas sü Gosztautü
riedia. Ilga tajka pargali warzies, ant gala regiedamis par-
kriksztaj tejp inirtusi abi pusi atsiliepia jü szirdiej’ tiewajnes
— 268 —
gajlesis, todiet püla stajgü nü uzpakala ant Krizokü, tujau
Wokytej paskyda ir, kas kur beimania, smuka szalen, kurius
Tautorej ikonden widamis skynia laukon, jej kurie kokiü pra-
gumü beisspruda, tus piemienys giriese klajojentius uzpjudia
szunimis,
(m. 1319.) Krizokaj, noriedamis apmaudg nugiezti ant Lietu-
viü uz sawa nupüli, traukia wiet i Ziamajtius ir tinaj apigardas
Medinykü sü didej stipri kariaunü bajsej nuterioja ir nudegina,
gausi grobi sugrietg wirdia jau i Parusni, bet Ziamajtaj nu-
jautusis kiali, kuriü Krizokaj turieja gryzti, uztaszkawa ji gires
anksztymoje ir Ziamgrindus uzpakaliej’ Krizokü ir priszakiej'
parjemia; paskuj antpüfusis stajgü wisg kariaung Krizokü isz-
kloja, pats Marczeiga Plok, 40 brostwinykü Krizokü ir daug
tukstantiü meldzionü Wokytiü palika karwietiej' be binbsü.
Kas dar didesnej sugawa Peluze Drajko ir Girdilu zdrajces,
kurie kajpo zinowaj tü krasztü, Krizokams wadowajs buwa,
kurims tujaus rentia galwas. Pati Gerarda Rude urieda Sam-
bijos Diewams ant apieros sudegina, diekawodamis uz pargale,
kuri pasodina ant jo Zirga ir pri 4 stulpü pati ir arkli pri-
riszusis apkrowia malkü tejp kad galietü pati matyti, paskuj
uzdegia malkine.!) |
Tos pargales tejp nugandina Krizokus, jog nemintus di-
desis Mistras Trier palaubas ant dwejü metü sü Lietuwejs Kal-
nienajs ir Ziamajtejs padaria, kurie ir patis nespieja sü Kri-
zokajs bekariauti, nesgi Gudaj pradieja werztis i Lietuwa,
kurius reikieja ramdyti.
Tejp nudraudis Gediminas Krizokus, sukos sü wisü gali
ant Gudä, kurie jau senej sziauszies ir Lietuwiü nebnorieja
klausyti susipazinusis sü Krizokajs. Wisupirmü iejis i Wolinijos
kraszta pile Wladimiera apgula, kurios igule sü gywentojejs
susinierusi didej kantrej gynies, wildamos wejkios pagaltbos
atejnantios, kas ir nutika. Pats kunegajksztis Wolinijos pa-
1) Voigt. Gesch. Preus. B. W. s. 356.
— 269 —
telkis dar rimtus pulkus Tautoriü, traukia prisz Lietuwius sawa
buwejnes lüsüti. Nujautis tg Gediminas palikins pile sukos
ant atejnantiü Gudü, noriedamas kialiej’ susigrumti, wienog to
Gediminas nesuskubieja benuwejkti: kajpogi Gudaj jau buwa
pas pile ateji, sü kurejs Gediminas tujau susiriemia maäne pa-
tiuse Wladimiera pamuriese. Wisupirmü jotis sü joti susiriemia,
Lietuwej buwa pradedantis gurti, par wis, jog Tautorej nü
wisü pusiü jũû rindas jaugia ir nelejda jü wisü sienü ant Gudü
gulti; Gediminas ta matidamas liepia Ziamajtiü piestijsims sprau-
sties i rindas gurstantes jotes ir je stiprinti. Ziamajtej sü
tokiũû buklumü ir drüsybi püla ant Tautoriü, jog jus bewejzint
atgrudia. Paskydus Tautorems neilga beturiejos ir Gudaj,
kurius kunegajksztis jü kajp imanydamas drasina ir sü wisu-
didiausi sawa kantrybe norieja musza atnaujinti. Todiejes pats
wienur karwediü, kitur karejwiü rodies, nes patemi susigrudimi
Jam. stiprinant sawa gurstantes ejlas, uzsiaustas kardü par galwa
sukniusta. Nustojusis Gudaj sawa karwedia ir kunegajksztia
sprukia szalen kajp kas begalieja. Gediminas tapis pargalietojü,
tujau ne wen ı pate buwejne ijeja, bet ir wisa kraszta uziemia
ir tinaj sawa wiresnybe pardieja o piliese igules palikis jisakia
didümene)] dwasiszkai ir ukiszkaj) nü sziot riedas ir wiresnybes
Isetuwos klausyti, palikis jims jü wiera, jistatimus ir ap-
siejlmus.
Gediminas gerindamos dar didesnej Gudams, iszlejdia sawa
wiena dukteri, warda jos niera minawojema, uz Dimitra Gudü
kunegajkszti, bet tus Gudus, kurie jo nenorieja klausyti ketieja
kardü drausti.!)
Tejp uzkariawis Gediminas Wolinije tü patiü zigiü traukia
sü sawa rimtajs pulkajs ant Leona, kunegajksztia Lucka, kursa]
kariaujent Gediminuj sü Krizokajs buwa uziemis Lietuvems
Drohiezina ir Brestiü Tas nusigandis nelajmü Wiadimiera
kunigajksztia nebsumania patsaj ka bedaryti ir abejoja, ar grum-
1) Karamziu. T. IV. k. VII s. 170.
— 270 —
ties ar Lietuwems pasidüti, bet wisejp prasta gala sau regieda-
mas ı Sewerije issidangina. Gediminas be muszos i Lucka
iejis, Drohiezing ir Brestiü uziemima, kuriü Zigiü wisg Jatwe-
zije arba Jadzwingije nü Gudü atwadawa. Noriedamas Gedi-
minas tinaj gera riedg jistejgti patsaj piliej’ Brestiuj Ziema-
woja rengdamos i tolimesne kare, |
Wisa ta Ziema pareja wienü ginklawimos, riedimü ir stej-
gimü pena. Atejus pawasariuj wisa sawa karlauna Gediminas
sutraukia i Brestiü. Negalieja dar numanyti i kure puse Ge-
diminas sü tü galybi sukses, nes tujau issirejszkia: kajpogi
jejis i Jüdusiüs Gudus apgula stipre pile Awnicza, i kure wienü
antpülis jisilauzis uzjemia, bet ilgesnej truka ties Zitomieriaus
pili, kurioji daugybe didziünü arba kajp Gudaj wadin Bajorü
ussirakinusiü ketieja ginties iki pasküjos, bet regiedamis neat-
situriesi nü Lietuwiü pasidawia jims. Gediminas palikis ir tina]
sawa gule traukia i gilumg kraszta tolimesniü Gudü ir lejzda-
mas i wisas puses rimtas wirtines sarioti, artinos Kijawon bu-
wejnej Gudü, kurioji jü didesis kunegajksztis, Carü arba Wiesz-
patiü wisü Gudü wadinamas, gywena. Pazina Gudaj, bet wielaj,
jog jau Lietuwej ne grobia eja i Gudus grieti, bet jü ukes uz-
mti. Tg regiedama daugybe jü Kunegajksztiü norieja dar pa-
sküjoj' watandoj’ gelbieti sawa tewajne, todiel grobia uz ginkta
galis uz gali: kajpogi Olegas, kunegajksztis Pereastawos, Roman,
kunegajksztis Branska, Leonas Lucka ne wen wisos sawa ukes
sukiela kariaung, bet dar ir Tautorius patekia, wildamos Lie-
tuwems kiali uzstoti, bet nujautusis, jog Gediminas tiesiau
trauk i Kijawa, paupie Pirnie i abaza sustoja, wildamos nu-
wargusius Lietuwius kialoni iki pasküjo iszmuszti. Bet Swia-
tostaus, noriedamas wienas Lietuwius pawejkti iki sawa talkiejems
neatejtant, traukia prisz, gejsdamas kü grejtesnej sü Lietuwejs
issigrumti. Gediminas nujautis apej ta nü sawa zwalgitojü,
tujau wisa sawa kariauna sutraukia ir tajs Zodejs jus dräsina:
„Nerejk jums karejwej jusü narsybe girti, ne jusü garsiü par-
— 271 —
gallı minawoti, pazwelket ant sawa retiü, tujau atminset wisas
tas garbingas dienas, kuriose tukstantes sawa neprietelü graudi-
not. Jej kümet, tad szenden galet wilties pargales, ne smarkes
ejlas Krizokü wariü ir plienü aplietas kariaudamis, bet trapiü
Gudü rindas. Karejwej! minieket, jog esat Lietuwej ir turet
praguma nugiezti apmauda, uz tiek abydü ant sawa neprietelü
ir igyti apent krasztg, kuremi gywena musü proprobocze) Skytaj.“
Gediminas tejp apdrasinis sawa karejwius liepia Zengti tolaus,
wienog saugodamos, kad neprietelej pasatlü neantputtü: kajpogi
neilgaj tejus, Gediminas pamatisejlas Swiatoslawa, liepia trimytius
pusti. Susinierusi abi szali, pirmü wiliczomis warsties, pasku}
kardomis skardies; musza buwa smarkkir maringa. Pirmasis
pulkas Lietuwiü suwargis kialoniej’ buwa jau begurstus, bet
Gediminas lig 1ajkü ji pastiprina ir musza parsikiejtia: kajpogi
tas patsa) pirmasis pulkas Lietuwiü sü toki narsybi ant sparna
neprietelu antgula, jog pirmüjü antpülü Gudü rinda iszwertia
ir pargalietojü palika. Tg regiedamis Gudaj Olegas Periasiawa,
Romans Branska ir kiti karwedej skubieja ant pagatlbos Swie-
toslawuj, kurie munkantius karejwius grazina ir wie} muszg
pradieja, welidameis iki pasküjo grumties, nekajp Lietuwiü
klausyti, kureis pirmü sawa laukus aria, bet lig sukiba Gudaj
grumties ties lig iszgura nü Lietuwos ragotinü; naktis pjuti
nubengia. Krita toj dienoj ne wen dides daugybes Gudü
karejwiü, bet ir patis kunegajksztej; wos patsaj Swiatostaus
sü Romanü beispruda nü giltines. Lietuwej) nakti pagat apta)-
dojusis uzmusztusius, ausztant pamurie Kijawa pasirodia. Gy-
wentojej ta matidamis nusiminia norıs jü 400,000 buwa, wienog,
nedrysa sü Lietuwejs grumties. Swiatostaus jü Wieszpats pirmü
jau pargalietas, dabar palikins buwejne ir walde ukes prasi-
kraustia. Ta regiedamis Kijawionys iszejusis sü sawa wires-
nybi dwasiszkü ir ukiszkü pro didelije anga piles, Gedimina
Lietuwos didiji kunegajkszti pargalietojü ir sawa Wieszpatiü
iszpazina, pasijemdamis jo klausyti ir rejkali szelpti. Gediminas
— 272 —
nü sawa pusios prizadieja jü tikyba arba wierg, jistatimus, kalbg,
dabg ir apsiejimus jü bocziü probocziü uzlajkyti ir niekam
pikta nedaryti. Kad jis ktı didesnej Kijawionims pasigerintü,
pardieja tinaj Mintautg kunegajkszti Alszienü, kursaj ne se-
ne] buwa parsikriksztijis i Gudü wier.. Gudram ir iszmintingam
Gediminuj rodies, jog Gudaj budamis krikscionimis netikiela
urieda neapwezies, o turiedamis krikscioni, tarses patis sawı
beriedantis.
Ir tejp newen Baltije Gudaj arba kriwiezej buwa waldioj'
Lietuwiü, kajp wirsziaus minaworaü, bet dar Jüdije Gudaj tu-
rieja jü klausyti.’)
Tü patiü zigiü Gediminas uziemia dar pilys: Bialograd,
Stepowrot, Kaniew ir Czerkask, kuriose Lietuwiü igules palikis,
isztraukia i Sewerijos ziame ir tinaj uziemia pilys Periastawa
ir Branskg ; dwejejs metajs wisas Gudijos Wieszpatiü pasidarie.
Toke buwa pabanga Gudü walstybes, kuri maz ne 500 metü
isztwierusi kluwa irankg apent Lietuwems pirmiesims tü krasztü
waldimierams, kajp wirsziaus minawojau.
Bekariaujent Lietuwems su Krizokajs, ir sü Gudajs, sukila
wiet kerszta) Padaugawiej’ tarp Kalawijonü ir Arce-Wiskupa
Rigos, kurie supurtina wiss Wokytiü brostwg Kalawijonü ir
Krizokü. Jau metuse 1316, Jonas XXI, ilipis i bazniezes
sostg, rupinos apej bazniezes rieda ir rodia ajszkej, jog Kri-
zokaj ir Kalawijonys turieja daugiaus nugastauti ne kajp ma-
iones wilteis, nü to kursaj isz wisos gales stejgia lecibas arba
priwilijes ir goda bazniczes anturieti: „Jutom (pirmasis buwa
„Jo zodis grometoie, kure Popiezius raszia didiüju) Mistruj ir
„jo Kapitula] isz Awiniona miesta), jog jusü zokonas kas meta
„siuntaudawa peung suma i Rima diet Popieziaus. Stebus da-
„bar, jog jus ir jusü praejunaj nü ilga jaü lajka to mokesnia
„neb szilat. Nujau mes tarp kitü pasijemimü must hımos, par
„wis didesnej rupinamos anturieti priwilijes bazniezes, todiet
1) Karamzin S. W. k. VIII. s. 179.
— 273 —
„ajszkej jums Jisakam ta mokesni uz praejusi tajka be najrimos
„l musü iszda iki 3 mienesiü sukrauti ir paskiaus priderantiü
„tajkü ji szilti, kad negautumet nü musü burkas, uz sawa slinki
„ir szyksztuma, kad man nerejktü kokia irankia tami dajkti
„wejzieti diet jusü draudima.*!)
Ligiü graudimü liepis Popiezius iszriszti praejusi sundarsa
Rigos Kapitulas sü Mistrü ir kitajs wiresnesejs zokana padaryta
ant Lietuwiü ir Gudü, kuriüimi buwa pasijemusis wienas kitg
gynioti, kuri Popiezius rand ne wen netejsingü, bet ir paojü
diet Rigos bazniczias ir wadin ta sadara miazgü wisokios ne-
dorybes, keötieja jus tujaü iszkeikti, je] jo neklausis. Wienü
zodiü toj' grometoj’ Popiezius ajszkej rodia brostwinykams
Wokytems, jog ije tur Arce-Wiskupa Rigos kajpo sawa wisu-
wiriausia Waldioneis klausyti ir jı godoti.
Tümi dar Popiezius nekakınos, kajpogi ta pati meta raszia
antra grometg didiüju) Mistruj ir kıtims wiresniesims Zokana
tajs zodejs: „Didej stebüs, jog swieias goudas man apej t%
„pati, apej ka güdies mana praejunams, jog jus neminiadamis
„ant jistatimü sawa zokana liepanti anturieti lüsybe bazniezes
„ir parkriksztü ne uzlajkat ir nesaugajet jisakimü Popieziaus
„tame kraszti, kuremi buwa prazystanti baznieze ir beklestanti
„tikyba, dabar metas nü meta didin wen gajszt, dietto wen,
„Jog jus sü kunegajs ir sü parkrıksztajs nezmoniszkaj elgaties
„ir sawa bajsi netejsybi gandinat ne wen baznicze Rigos, bet
„ır kitas Padaugawiej’ ir Parusniej’ esantes, kurioms plieszat
„prigulentius walstius ir pilys, kunegus mokytojus, kurie tinaj
„platin zodi Diewa nowijet, zudot ir laukon warot. Noris mana
„praejuna) par wis Bonipacius VIEH ir Klemensas V kajp ima-
„nantis rupinos tinaj platinti tikyba ir pakajü krikscioniszkg,
„wienog jJü wejkus smertis ir kitas prizastis nelejda tokiam jü
„noruj iwykti. Mes dabar apejtas netejsybes issijautoji isz
„wisos musü gales rupinsemos suriedyti rejkalus bazniezios Pa-
) Voigt. Gesch. Preus. B. W. s. 322323.
19
— 274 —
„daugawiej' ir Parusniej’, todiet jisakom didiüjuj Mistruj ir
„Kitims wiresniesims zokana, kajpo ajszkej Zinantims krasztg
„ir jo rejkalus, atejti ı Rima ir nusitejsinti nü tü wisü nüdiemiüö,
„diet kuriü yra apskusti, o tü tarpü pilys ir walstius Arce-
„Wiskupu) Rigos ir wisas iszkadas jam ir kitims kunegams
„padaritas tujau sugrazinti, je) to nepaklausytu, zadieja Didiji
„Mistrg pati ir wisa zokanz iszkejkti.“
Tg girdiedamis Krizoka}j ır Kalawijonys nusiminia ir
ajszkej regieja, jog jims ilgajniuj doras nebus. Todiet Didesis
Mistras giediedamas pats Popieziuj wajdinteis, jemia lugoti
Jona, karslü Czekü, kad ji sü Popiezıü sutajkintü, o tü tarpü
nusiuntia jam pagal jisakima 30,000 markü sidabra, taj yra
doni Pamarionü, kurius nesenej Lankams buwa atiemis.!)
Uztarimas karalaus Czekü didej maczije sziü kartü Kri-
zokams ir tas pats Popiezius, kursaj pirmu sawa grometose jus
graudina, dabar jims newen patwirtina priwilijjes zokana ir
wisus walstius jü rankoj esantius, bet dar pate pile Dinaminda
jims pagrazina. Krizokaj tümi dar nekakinos ir kü didesnej
stiprinos.
Atejnantimeta(1320) Krizokaj padariasgdarassüWenceslawu,
Kunegajksztiü Mozurü, kursaj iki sziol sü jejs kiwoies dabar
susitajkina ir pasijjemia sü Lietuwejs nebebendrauties ir jü par
sawa krasztg neblejsti traukti i Krizokü dalikus, globti ru-
beziaus sargus Krizokü ir rejkali jus szelptı, jisigrudus kariau-
naj Lietuwiü i Mozurije, kurios Mozorü kunegajksztis negalies
nuramdyti, Krizokaj pasijemia jam talkinieti ir isz wiena sü
jumi netikielus Lietuwius kariauti.
Nupülis Krizokü ant Zejmili upi ir Ziamajtius buwa jims
didele] skaudus, nü kurio negalieja tejp wejkej atsikelti, neb-
stegdamis jau wieni patis galybes Lietuwos beramdyti, jemia
wiet nü Popieziaus talkos 4ugoti, kursaj paklausis jü, pradieja
wisg swietg ginklüti ant Lietuwiü, kad jus kajpo netikielus toles-
t) Diugosz. pag. 962
— 25 —
nej najkintü. (1321 m.) Noris siuntinis Lankü pas Popieziü nulejstas,
nü Lietuwiü imokytas, wisejp norieja jam parodyti nerejkalinguma
tos kares i Lietuwg telkamos, bet Popiezius gejdia nauje kri-
ziaus kare skelbti, par wis iszgirdis bajsi nuptli Krizokü Zia-
majtiuse, liepia tujau Dominikonims Teutonijoj’, Magdeburgi,
Regensburgi ir kitose miestuse kü wejkiausej telkti krikscionys
ant pagatbas Krizokams ı Parusni ir Padaugawi traukti, je)
rastumes tokie, kurie diet ligos ar ubagystes patis negalietü
tina) zigiüti, gal piningajs ir kitü kümi Krizokus szelpti ir tus
patius atpuskus pelnyti, kajpie tie, kurie patis kelau tina) ka-
riautı.')
Tü tarpü Gediminas pagrizis isz Gudü pamatawa pilys ir
miestus par wis pagrazina Trakıü ir Wilniaus miestus, kuriuse
ikuria pilys mura ir kitus trobesius; pargrizdamas isz Kijawa,
daug parsiwedia amatnykü wisokia menciaus, beje: murynikü,
staloriü, kalwıiü ir kitü dajlidiü. Gediminas parkiela sawa bu-
wejne isz Kernawas i Trakius o paskuj isz Trakiü i Wilniü.
(m. 1322.) Ziemos tajkü pradieja senü ipratimü meldzionys
Teutonijoj sutelktii Parusni twinti, kurius wedia kunegajksztej ir
didziunaj Silezijos, Czekü, Szwabijos ir Rena, kurie susinierusis sü
Krizokü kariaunü gula wisü pirmü i Ziemajtius i Wajgiü api-
gardas, kuriose liebawa teriodamis ir drewiedamis. Wajgiü
szwenta lijkng iszkirta, szwentenybes wenkartü sü artimü pili
wienü nakti sudegina ir gywentojus nugalawa. Paskuj nuterioja
Rasejniü apigardas, kami buwa Rumaj Auksciausia kunega
Kriwe-Kriwejtia. Igajniuj apgula Bisenes pile, kurios igule
ginies sü nepaliginamü kantribi; szimtajs meldzionü ir Krizokü,
lipantiü ant piles sienü, grudia ziamin kulwertinejs, jü narses
nej Wokytej grudies, jü kantresnej igule gynies. Naktis par-
traukia muszg. Igule noris iszgelbieja t3 diena, bet ryta meta
nebwilies bestengti: kajpogi retas bebuwa piliej’ wiena karta
zejstas, wisi jau kraujuse ziuksoja. Ryta meta kamendotaj
1) Voigt. Gesch, Preus. B. W. s. 366357.
19*
— 2716 —
piles t4 matydamis, sutaria issiusti tris wiresniusius sawa pas
Krizokus, ketiedamis jims pasidüti, jej ije lejs Zine nusiusti
Gediminuj didiüjuj Kunegajksztiuj, kad jis nerugotü ant igules,
jog lje ne isz nedrasuma ar trapuma pile idawia neprieteluj,
bet nebstengdama jos gynioti. Paklausia to Krizokaj ir nulejda
zine pas Gedimina. Iguletü tarpü ar susigiedusi ar nusigandusi,
jog tapsaj W-.kytiü wergajs, prisiekia pirmiaus irose piles ussi-
rausti, ne kajp Wokytems wergauti ir piles Krizokams nebdawia.
Kas apraszis sü kokiü jisiutimü Krizokaj püla ant piles, negi
tos kantribes, sü kuri tinaj igule ginies. Krizoka] kas buwa
degamas piliej’ ta uzdegia, ir kunajs sawujü ropoja ant sienü
piles o igule kraujejs nuskrendusi ir liepsnomis aptekusi mak-
sztina sawa opas lajdidama degantius rastus nü sienü ant ne-
prietelü, o ant tolimesniujü wiliczes. Noris Krizokaj buwa
jau griowas piles sawa kunajs uzkimszi, wienog dyka kajp
imanantis i pile jisigriauti. Igule atriemusi atwejü atwejejs
antpülus Wokytiü pradieja gurti. Tü tarpü Gediminas gawis
zini sü stipri kariaunü skubieja igulej ant pagalbos. Krizokaj
jutusis ji atejnant, nebdrisa piles bewietrawoti ir palikinis grio-
wius sawa nlmirelejs uzwerstus, iki Gediminuj neatejus szalen
prasikraustia. Buwa Krizokaj kitas pilys uziemia, bet jes Lie-
tuwej tü patiü zigiü apent atiemia.
Kad tejp Krizokaj terioja Panemunius, \kajp dabar mi-
nawojau, Lietuwej sü stipri karıaunü traukia i Padaugawi.
Parsikielusis par Daugawa, walstius Arce-Wiskupa Rigos ne-
kuszina, bet walstius Kalawijonü i pelenus wertia. Wisupirmü
i Tarapata pile warü jisilauzia ir wisus Kalawijonys ir pati
Wiskupg nugalawa, kursaj nenorieja klausyti Arce-Wiskupa
Rigos, o pate pile ir miestg sü ziami suligina. Ta pati pa-
daria sü Kerempes pili kurioje 3000 igules iszkirta; kur uzeja
Lietuwej, tinaj rusta diena daria: kajpogi ko kardü newejkia,
tg ugni najkina. Saka patiü baznieziü daugiaus ne 50 jaü
sugriowia, jau sudegina ir nepasejkama grobi sugrieja; ant
— 27 —
gala apwertusis maZ ne wisg Padaugawi i rusta, tyra, daugiaus
ne 5000 Wokytiü ir parkriksztü i Lietuwa parwaria. Tü patiü
zigiü kiti pulkaj i Dinamindas pile jisitauzia.!)
Tejp Gediminuj bedraudant Kalawijonys Padaugawiej',
nü Wakarü pradieja pilusti naujes gaujes meldzionü, sukeltas
Popieziaus balsü isz Teutonijos ir Ozekü kariauti netikielü Lie-
tuwiü. Atwedia tas gaujes i Parusni dü karwediü Zinnenberg
ir Egerberg sü daugybi didümenes, sü kurejs Mistras susinieris
gula wisütina) i Lietuwa. Atsitika ta Ziema tejp bajsi spejgaj,
jog ne wen wajsiü medej, bet pates gires wietomis pawasari
nebiszproga, pati jura Ziamajtiü par 16 milü nü pajuria uzszata.
Meldzionys ir jü gywolej neipratusis i tus spejgus maz ne wisi
iszszala Parusniej ir wisa kariauna i nieka pawirta, wienog
Lietuwej ir tokiuse spejguse kariawa, kajp tujau skajtitojas
regiesaj.
Ta pati meta Pleskawionys Gudaj, kurims Kalawijonys
dides iszkadas daria ant ezerü Pejpus ir Narowü upi, negalie-
damis patis atsiturieti, atlejda siuntinius pas Gedimina pagalbas
tugodamas, kursa) jü paklausis, iszlejda jims i talka Dowida
Daugmantajti, Gradna piles kamendot3, sü stipri kariaunü. Ta-
saj karwedis wisg Inganija iki Rewele miesta bajsej-bajsesne]
nuterioja; kur wen uzeja, ten drewieja, plieszia; kas wen wa-
dinos krikscioniü, tas gniuza, nü smurtos kardos ıbingusiü Lie-
tuwiü, kurie senfi ipratimü ko newejkia kardü ta ugni najkina,
apwertusis wis i tyra 6000 imtiniü sü nepasejkamü grobiü par-
waria i Lietuwa.
Kaltawijonys giezdamis apmauda ant Plieskawioniü, ap-
gula Pleskawa pile. Pilionys regiedamis neatsituriesi, nusiuntia
ı Naugarda pagalbas mejlauti, bet Naugardionys nedawia.
Todiet Pleskawionys wielt atlejda siuntinius pas Gedimina pa-
galbas mejlauti, kursaj wiel iszlejda Dowidg, o tas susinieria sü
pilonimis Pleskawa ir pargalieja butinaj Kalawijonys tejp, jog
U) Kotzebue. Preuss. ält. Gesch. T. 11. k. 19.
— 278 —
abazas, ginklaj ir wisa padarga teka Pleskawionims ir Mistras
Kalawijonü turieja palaubas padaryti ant 18 metü.!)
Lietuwej tokiü talkiniejimü Pleskawionims jisipajnioja i
kare sü Naugardas piionims, kurie ar didiüdameis ar nü Ka-
tawijonü siundomis apskelbia Lietuwems kare, kurie tujau
bajsej nuterioja sritys Naugardas, buk susigrumusis bajsej pa-
upiuse Lowatas upes, Naugardionys buk pawejki Lietuwius ir
Jü pile Ustiugg uzjemi, bet tujau wiet sadaras padaria sü Lie-
tuwejs.?)
Kitoj’ szaliej’ Ziamajtaj tü patiü lajkü jisilauzusis i Klaj-
piedas pile, ne wen gywentojus iszkirta, bet ir miesta pati sü
tajwajs sudegina, wos ne wos muriniej piliej' Krizoka} ussira-
kinusis beissiturieja. Tü pawekimu idrysusis Ziamajtej traukia
ı Nadraujus, kuriü apigardas didej bajsej nuterioja ir sü ne-
mazü grobiü griza namon. Kamendotas piles Taplau norieja
jims grobi iszkratyti, kurius panokis i kruwina musza isztika,
kurioj pats sü daugybi meldzionü gala gawa.’)
Minawojau wirsziaus, jog Mozurü kunegajksztis Wences-
laus buwa sadara padaris sü Krizokajs ir jims pasijemia Lietu-
wius kariauti, neminiedamas ant to, jog pirmesnej buwa sg-
daras pakajaus ir wienybes padarytas su Lietuwejs. Todiet
Gediminas noriedamas dwilicznuma Wenceslawa pakaroti, isz-
lejda Dowida sü stipri kariaunü i Mozurije, kursaj ipülis isz-
auksztinima S. Kriziaus diena i Dobrines sriti, giezdamas tinaj
apmauda 800 swieta iszkirta abejos lities, kunegus ir zokanikus
pri altoriü bajsej-bajsesnej nuZurdoja, o i patie miesta Dobrines
jisitauzis 2000 gywentojü nugalawa, daugybes kajmü iszgajszina,
daugiaus ne 10 patiü baznieziü sugriowia ar sudegina. Parwertis
wis i tyra parsikiela par Drewenca upe i Kulmije, cze wiet
wiengs bara nuterioja. Tü zigiü tejp igrobia Mozurije, jog
%) Kojatowicz. hist. Litn. T.1. P.1.L.
2) Karamzin. T. IV, k. VI, s. 137.
%) Dusburg. c. 336
— 279 —
par keles deszimtis metü negalieja atsigauti. Patiü imtinü
9000 parwaria i Lietuwg sü nepasejkamü grobiü.
Kad tejp Lietuwej wisose szaliese krikscionys kajpo sawa
neprietelus draudia ir sü wisudidiausi neapikantü kas wen
wadinos krikscioniszkü najkina ır terioja, tü tarpü Popiezius
kitas gaujas krikscionü Wokytiü ant Lietuwiü telkia.
Gediminas tg regiedamas norieja tolimesniü kariü wengti,
todiet iszlejda wisur grometas skeibdamas: „jej tos daugybes
„krikscionü yra kelamas diet padauginima skaytlaus krikscionü,
„asz pats saka sü wisü tautü noriü kriksztyteis gerü norü ir
„ejti i skrejtg bazniczes.*“ Kajpogi wienoj' tarp tü grometü,
raszito] Popieziuj ir Kardinotams saka: „Mana praejunas
Mindowe, Karalus Lietuwos, sü wisü gimini buwa apsikriksztijis,
bet dieldidiosnedorybes, bajsiü nüdiemü ir kruwinü netejsybiüKri’
zokü ir jü Mistra tikiejima krikscioniszka issizadieja ir wiet
pagriza i sawa probocziü tikyba, kurioji asz iki szios dienos
tebgywenü. Tankej, saka tolesnej, kiti mana praejunaj lejda
siuntinius pas Arce-Wiskupa Rigos, noriedamis sadaras padaryti
sü Wokytejs, wienog Kalawijonys wisados jus nugalawa. Noris
stejgimü Arce-Wiskupa Izarn buwaj ajszkej wiena karta paka-
jus tarp Lietuwiü ir Wokytiü padarytas, wienog Kalawijonys
jo neuzlajkia ir kelaujentius Arce-Wiskupa ir Rigos siuntinius
i Lietuwg, wienus kialiej’ uzmuszia, kitus nusmaugia. Tejpat
saka tolesnej didesis Kunegajksztis Witenis mana tiewas buwa
grometas nulejdis Prunciszkuj siuntiniuj Tamistos Baltos gal-
wos ir Arce-Wiskupa Rigos iugodamas, kad jam kelis kunegus
atlejstü, kurims jis galietü pastrunyta baznieze adüti, Katawi-
jonys tg nujautusis issiuntia kariaung i Lietuwg ir minawote
baznieze sudegina. Kas dar piktesnej, nowij krikscioniszka
didümene kunegü, taj yra Arce-Wiskupg Jona ir Friderika o
kraszta Ziamgalü apwertusis i tyra tieziodamos saka — „Tas
nutika krikscionys begyniojent.*“ Tikraj asz nebkariauczio dau-
gesnej krikscionü, saka Gediminas, ir iszpazinczio szirdinga)
— 280 —
jü tikyba kajp ta gal wilteis nü to, jog asz daug Bernadinü
tajkaü pas sawi, kurie galt kiek nor kriksztyti, mokyti ir wisus
bazniezes apsiejimus akywajsdoj’ daryti. Raszau, saka tolesne),
Auksciausis tiewe, kad Zinotumi dielko mana praejuna) ikı
sziot klajdzioja tamsybiese. Ant gala fugoja Gediminas szir-
dingaj Popieziaus zwilkterieti ant jo warginga gywenima, saky-
damas: asz noriü kajp kiti krikscionü kunegajksztej Jusü ktau-
syti ir krikscioniszka tikyba iszpazinti, jej tiktaj budeluj, ta]
yra Mistruj nekluczio ir jam nejisiskoliczio.*
Tü patiü tlajkü Gediminas antra grometa pri Praworü ir
Gwardijonü Saksconijos ir Silezijos, ligi dali i prekybas miestus
Lubek, Rostok, Sund, Greiswald, Stetin ir Gotland buwa nu-
lejdis, sakydamas, jog jis Iugojis nü Popieziaus kunegü ir siun-
tinius pas ji iszlejdis, kuriü ilgiedamas iaukas ir riedgs jo
jisakimü klausyti. „Asz gejdü, kalb jis tolaus, kunegü ir Wis-
kupü i musü Ziame ir noriü ajszkej baznicze godoti, kunegus
gerbti ir Diewa zodi klausyti, kurie krikscionys pas mani atsi-
dangins düsiü jims ziame ir alga kajp rejkint. Prekiotojej,
dajlides ir kiti pagebantis, beje: kalwej, ginktakalej, adınykaj,
kajldarbej, girnakalej, auksakalej, zwejej sü patiomis ir waj-
kajs, lüsi gat atsidanginti, be mujta ir mokesniü lüsajs gywens,
parejus tam rakuj tiek temokies uz ziame, kiek kituse krasztuse
mok. Wisi atejuna) gaus liecibas arba priwilijes Rigos miesta,
jej je kitü geresniü neiszmanis. Musü buwejniej’ Wilniuj’
pastrunijom dwe baznieze Bernadinams, kita Naujapiliej' stru-
nijem Dominikonims, kad atejunaj pagat sawa dabos galietü Diewa
garbinti. Szi patimetgasz laukiü keturiü kunegü mokantiü Lankisz-
kaj, Ziamgaliszkaj, Lietuwiszkaj ir Prusiszkaj atejtantiü i tas baz-
niczes, bet nenoriü tokiü kunegü, kurie isz sawa klosztoriü
dara wagiü pakriauszius, aluznas pardüd, kunegus galü ir swieta
krop. Kialas lig musü yra adaras ir lüsas par Mozurije be
mujta ir mokesnia.. Ant didesnios klautes ir isztikiejimg, ap-
zimiejam mes t3 grometg tü pati zimi sü kuri mes grometa
— 2831 —
Popieziaus nulejdom ir tejp, pirmü gelzis i waszkg, wandü i
pliena pawirs ne kajp mes sawa zodi iauzisem arba atszauksem,
noris krizokaj Wokytej musü zime ant apjükos degin, kad ta
Diewa darbü sugajszintü ir zmonys apjüktü. Jej kas tg Zime
neklauseis sulauzis ir par piktybe priszingaus, toki mes skelbam
ir giedinam kajpo neprietelü tikybas, kajpo atskaluni, metagi
ir begiedi. Ta grometa paraszyta yra 26. dienoj Geguzies mie-
nesia, metuse 1323, Wilniu).
Tü tarpü nulejstije Gedimina siuntinej i Rima iszguldia
Popieziuj linkiejima sawa waldioneis, iugodamis kad diewa-
bajmingus mokitojus ir iszmintingus atlejstü i Lietuwa, kurie
galietü tina) platinti Zodi Diewa. Ligi dali Rigos pilonys buwa
issiunti tejpat sawa siuntinius prie Popieziaus praneszti jam,
jog Gediminas ajszkej gejd sü kalawijonimis sundarauti: kaj-
pogi tie patis pilonys buwa atlejdi kitus siuntinius pas Ge-
dimine sadarauti apej pakajü, kursaj sü didi godü prijemis ir
}abaj mejlinga) iszwajszinis pakajü sü jumis padaria ir prisikü
abi pusi patwirtina Wilniuj po S. Mikola subatoj, m. 1323.
Bet krizokaj Parusniej' wos buwa nujautusis apej pada-
ryta pakajü tarp Gedimina ir Padaugawionä, tojau Wiskupa;:
Warmijos, Sambijos ir Pamezonijos sü sawa prabaszezejs
susirinka ı Elbinga ir tina] susitarusis nulejda grometa Wis-
kupuj Ezeles sales, Kapituloms Rigos, Ezeles, Tarapata, Re-
wele, Mistruj ir Kalawijonims Padaugawiej’, ligi dali urieduj
Danü ir wisaj didümenej, kuri buwa tg pakajü padariusi,
pykdamis ir wadindamis welnia darbü renganti wisam zo-
kanuj amzinga pragara, tajs Zodejs: „Sunus welnia spend
sawa gudrybü kajp jums, tejp ir mums spüstus prapulties ir
tejp elgas, kajp pelie majszi arba zZaltis untiej’ iszmajtintas.
Wisupirmü mus patius, paskuj jus smarkybi nuwergsaj ir iki
pasküjo nuzudis ir wisa krikscionibe i pragara jistums ir wal-
stius sawa ir ziames apent atims. Todiel parsergam jus ir
linkam szirdingaj atsakyti kü wejkiausej toms sadaroms, kures
— 282 —
padariet; kajpogi nepadorü yra tims, kurie ant garbies Diewa
prisiekia kariauti netikielus, su tajs patejs sunumis szetona pea-
kajüji gywenti pasijemia, kurie sawa pasalü gudrybü kita nieka
netyka, kajp tiktaj jusü ir musü prapülties, tas ajszkej yra
regemas ne wen isz praejusiojo jü elgimos, bet isz szios dienos
teriojimü Dobriniej' ir Kulmijoj. Atmesket ta nelaba sundara!
Diewas jusü kare riedis ir nü auksztybiü kantrybe jums düs ir
tejp kariauket tolaus lig iki pasküjo jus iszgajszinset, uz ka
raset szemi pasauliej garbe ir wajnika linksmybes.“
Tümi dar krizoka) nekakinos, nes pakukulawa nekurius
zokanykus, kurie nulejda Popieziuj grometg par siuntinius gir-
damis krizokus ir stigawodamis, jog netejsingaj yra kernojemis
ir skundamis nü netikielü Lietuwiü, kajp butü nelejdantis ir
trukinantis kriksztyties Gediminuj didiüjuj Lietuwos Kune-
gajksztiuj, Tamistas Balta galwa regiesi pats ta netejsybe. Noris
jis apsikelbia grometo)’, jog noris krikscioniü tapti ir siuntinius
nulejda pas Tamistos Baltg gatwa, wienog patis siuntinej metü
ir prisz Diewa burniü: kajpogi tas budelis tü patiü lajkü, kad
siuntinius 1 Rima lejda, ipülis i Mozurije, 8000 zmoniü nuga-
lawa, bazniczes iszdrewieja ir sudegina, kunegus nuzudia ir
nepaskajtomas gaujes i wergus iszwaria. Nü to galt numanyti
Tamistas Balta galwa, jog krizokaj, kurie sekdamis sawa pri-
sikg kas diena diel apginima krikscionü, niekokiü paojumü ne
wengia, negat buti, kad ije atsiwertimg kunegajksztia trukintü,
to kursaj tiek pikta krikscionims sü sawa budelejs pridaria.')
Trumpaj jau bebuwa krizokams nebwilies nie tajs metajs
nedorü zokanykü nusitejsinti: kajpogi Popiezius daugiaus tikieja
Arce-Wiskupuj Rigos, kursaj jam Gedimina bruka, ne kajp stiga-
wojimuj kelü paprakütü nü krizokü zokanykü: kajpogi ne wen
Gediminas wienas teszizina krizokus sawa grometomis, nes ligi
dali Wiadistowas Lankü Karalus apskundia jus Popieziuj, jog
jam netejsingaj Pamariü ziame kriöokaj buwa iszplieszusis, tej-
y Voigt. Gesch Preus. T. IV. s. 371.
— 13 —
pat Lankü Wiskupaj goudies Popieziuj, jog ije uziemusis mina-
wotg Pamariü krasztg nemokieja jiems deszimtiniü, nej Petra
skatika: (tejp wadina tü lajkü mokesni, kuri koznas krikscionis
nü gatwos po skatika mokieja). Nesgi regiedamas Popiezius nü
wisü pusiü tokes netejsybes krizokü liepia didiüjuj Mistruj Ka-
roluj Trier ta pati rudini wajdinties, kursaj nukialawis tina] sü
iszkilmi pirmü sü Popieziü pasiregieja, paskuj ateja i kardi-
noM surinkimg, kursa) kersztus Arce-Wiskupa Rigos sü kala-
wijonimis sudija. Wisupirmü Arce-Wiskupas Rigos trumpaj
iszguldia nüdiemes Kalawijonü tajs Zodejs: „Brostwinykaj
nelejd skelbti netikielems zodia Diewa, nesaugo kialaujentiü
kunegü nü paojaus par neprietelü krasztg, zuda parkriksztus
bajsi wergybü, nelejd jims naujü baznicziü strunyti, drewie
jes ir gajszin, gandin rajsziodamis gelzinejs kunegus, ketiedamis
jus nugatüti, mazin goda sostos Apasztola, ginio ejti pas Po-
pieziü gousties, degin sawa brostwinykus Zejstus ir kritusiusius
kariaujent sü netikielejs Lietuwejs ir Ziamajtejs, sawin priwi-
lijes Arce-Wiskupa, kapitulos ir kitos dwasiszkos didümenes,
drewie walstius Rigos pilonü, jü lüsybe sunkin, walda Dau-
gawas skardejs, rewü ir itakü ir wisejp gajszen prekyba.“
Tujau Mistras tejsindamos ussiginia wisü tü nüdiemiü ir ant
tejsibes sawa stigawojima parodia grometas Arce-Wiskupa Ri-
gos raszytas pas didiji Lietuwos Kunegaikszti, sü kuriü jis san-
darawa bezinios krizokü ir karejwius nü jo samdia, kad Krizo-
kus kariautü ir jam Arce-Wiskupg walde ant jü pagrazintü.
Popiezius iszklausis abims pusims toki dekreta jistatia: „Ka-
iawijonys tur grazinti wis, kg buwa uzgrobia Arce-Wiskupuj ir
dwasiszka) didümenej, iszkejkia wisus tue, kurie kritusius brost-
winykus kariej’ degintü, uzginia daugesnej be nowyti ir be zu-
dyti norentius ejti Popieziuj gousteis, liepia jims wienybe ir
goda bazniczes anturieti, kunegü klausyti, nieka pikta jims ne-
daryti, baznieziü ne drewieti, die parkriksztü jes strunyti,
skeibant mokitojams zodi Diewa uztarima ir globg sutejkti,
— 284 —
tardamas: jei kas to jisakima neklausis, toksaj tümi patiũ yra
iszkejktas.“ Didesis Mistras sü sawa tarnajs ir tejsrodejs turieja
tg dekretg akiwajzdoj' Popieziaus ir surinkima kardinofü pri-
sykü patwirtinti, jog wis ta kas yra tami dekreti jisakytü pildis
ir daris. Apej Gedimina skundimos Popiezius tami dekreti
nieka ne minawoja, nes noriedamas geresnej apie ta issijautotl,
siuntinius i Lietuwg iszlejda.
Tejp besikaulijent patims krikscionims Rumuse Popieziaus,
tü tarpü didziunaj nü Rena, Czekü, Alzasa atwedia naujes
gaujes meldzionü ı Parusni, kurios susinierusis sü krizokajs
statej norieja i Lietuwg traukti, bet Ziema pasitika tejp driegna
ir ledas ant upiemis ir ezerajs tejp silpnas, jog meldzionys ne-
galieja to nuwejkti ka ketieja; wienog wienas jü burys jisigrudis
i Ziamajtius, walstius Dowida, garsinga karwedia bubiä ir gil-
tini krikscionü wadinama, nuterioja.
Paskiaus Geguzies mienesiej' kamendotas Ragajnes piles
stajgü wiet iptilis i Ziamajtius primiesses arba papilus Gedi-
mina piles nudegina ir gywentojus, kurie nepaskubieja piliej'
ussirakinti, nugalawa. Tü tarpü kiti pulkaj meldzionü parube-
zejs mazomis kekiemis sü zZiamajtejs ir Lietuwejs skardies,
kuriose par wis didesnej parkriksztas wardü Parwiltis Woky-
tems wergauis atsizenklina, kursaj sü 19 sawa bendrü arba rie-
zokü nujautis 45 Lietuwius medioient sekia jus tylü ikonden,
nutykojis nakti anpüla imigusius ir iki pasküjo iszkirta, Zirgus
padarga mediokles sü wakartiü atiemia. Kitü kartü tas pats
Parwiltis anpülis neticziomis giriese didesni buri Lietuwiü ar
Ziamajtiü, kuriü regiedamas newejksis, muka szalen, palikdamas
zirgus sü wakartiü Lietuwems, bet ikyriejus badü stipti jemis
sawa bendrus drasinti tajs zodejs: „Beget jog turem badü nu-
stipti, wykem Lietuwius ir tabiaus mirkem godingaj, rasi }aj-
miesma,“ kurie jo paklausi prisiartina staptü pas Lietuwius,
kurius anpühusis nakti iki pasküjo iszkirta ir wis igija, ka buwa
nustojusis,.
— 285 —
Tü tarpü Lietuwej norieja pile Kristimemel arba Skersne-
mune krizokams pasalü atimti i kure zwejis Lietuwis buwa
pasijemis iwesti jus; nes Lietuwej tami dajkti nusiwilia: kajpogi
atejdami rada ji ant murajs piles bekybanti, kuri krizokaj
kajpo zdrajce pakoria ir pasitajsia stiprej sü Lietuwejs remteis,
kurie apgutusis pile didej bajsej wietrawoja; wienog nieka ne-
galieja padaryti, patemi papiliej' isztika i ajszke musza, kurioji
sü wisudidiausi narsybi pjowies ilga lajkg warzydameis pargali,
bet kritus Lietuwiü karwediuj likusije atsitraukia palikinis ap-
grautg pile.')
Tü tarpü atkialawa i Parusmi Baltramiejus Wiskupas
Alekta sü Teopredü opatü Benediktinü wirsziaus minawoti Po-
pieziaus siuntine) sü Jisakimü, lig tiktaj parsikriksztis Gedimi-
nas didesis Lietuwos kunegajksztis, kad tujau krizokaj lautumes
nü kariü sü Lietuwejs ir tajkej sü jejs gywentü, liepdamas dar
jims saugoti pakajü, kuri pernyksztej tarp Lietuwiü ir kalawi-
jonü buwa patwirtinis. Atejusis siuntine] Popieziaus i Riga,
tujau iszlejda kitus siuntinius pri Gedimina grometa Popieziaus
jam padüti, kurioji jis linkieja jam lajmos ir dziaugies iszpazZi-
nimü jo tikra Diewa, brukdamas i jo globg sawa siuntinius.
Gediminas prijemis siuntinius sü didi iszkilmi iszwajszina ir
palidiejis jus ikonden, iszlejda sawa siuntinius i Rigg atsakg
Popieziaus siuntiniam düti.
Tg regiedamis krizokaj numania ajszkej, jog jims tujau
uzszaus sklgsti jü terioniems, todiel wisejp norieja kriksztynas
Gedimina sugajszinti. Wisupirmü Zadieja jam 500 swarü sidabra
düti, jej jis priims krikszta nü Kalawijonu, ne nü Arce-Wiskupa,
kad to Gediminas nedaria, Kalawijonys isz apmauda siuntinius
ejtantius isz Lietuwos i Riga sugawa ir uzrakinusis Aszerodes
piliej’ nugalawa. Gediminas goudies wiet Popieziuj apej toke
Jü nedorybe, bet nesulaukdamas tejsybes ir regiedamas ajszke).
Jog Krizoka) ne platinimü Diewa Zodia rupinos, bet tiktaj tyka
1) Dusburg c. 348.
— 286 —
praguma ji nuwergti ir jo uke pasawinti; todiet ibingis rizos
nebkriksztyteis ir Szilgali sawa rumü-wira iszlejda i Riga ap-
rejkszti t3 siuntinems Popieziaus, kursaj iejis i surinkimg, siun-
tiniü ir didümenes Wokytiü pasakia: „Mana Wieszpats nepazist
jusü Popieziaus ir ne. gejd pazinti tikybg, kure iszmoka nü
sawa tiewü tg seksaj ir kariaus uz je iki sawa gywos galwos.“
Ta girdiedamis Popieziaus siuntine] nusimina ir ne &bejoja
daugiaus, jog Gediminas nebkriksztyses.
Iszkialawus Lietuwos siuntinems i Riga, Gediminas norie-
damas paroditi Krizokams, jog jis ne jükü, tü kartü iszlejda
Dowida Gradna piles-wirg sü stipri kariaunü i Mozurije, kursa)
siaubdamas wisami kraszti grobi grieja ir terioja: kajpogi ko
newejkai kardü, ta ugni najkina; patiü baznicziü dauglaus ne
30 jau sugriowia, jau sugrusdina. Jisilauzis warü i Pultuska
pile gywentojus iszkirta o pate pile sudegina ir 4000 swieta,
tarp kuriü daug pasitika Zidü apwergis sü didiü grobiü lajmingej
kuriü pagriza i Lietuwa.
Gediminas antra dali kariaunas buwa iszlejdis i Padaugawi,
kuri iejusi i Rozites sriti liebawa kajp tinkama: kajpogi kas-
wen krikscioniü wadinos, tas kniusts nü kardos ibingusia Lie-
tuwia, ar nü ugnes pragajsza, kure ligi dali apwertusis i rustg
tyra, griza namon sü gausiü grobiü.!)
Noris Gedimina apkriksztyti newyka, wienog Arce-Wis-
kupas Rigos nerugoja ant jo, ir tami dajkti ne Gedimina, bet
Kalawijonys kaltina: kajpogi atejnanti meta Balandiej’ mienesiej,
siuntinems Popieziaus Rigoj dar tebesant, raszia Arce-Wiskupas
antra karta Popieziuj gousdamos tajs zodejs: „noris akiwajsdoj
„wisü Kardinolü didesis Mistras sü sawa tarnajs prisiekia ant
„Ewanelijos pildyti ta, ka Popiezius buwa jims jisakis, wienog
„ıki sziolej nieka to nedara. Nes kü drasesne] zeng nü nüdie-
„miü 1 nüdiemes ir etlgdameis kajp tinkamis kü didesnej dar
„sketerau: kajpogi ejtantius Popieziuj gousteis kalen ir nowij ır
!) Dusburg. c, 351.
— 287 —
„tad jus tepalejd, kad pasijem Popieziuj nebskusteis, siuntinius
„kialaujentius grobsta ir zuda, pati dideji Lietuwos kunegajkszti
„wisejp masin, Zadiedamis jam tulose wietose pilis nü Arce-
„Arce-Wiskupa, bet nü jü Mistra ir krizokü kriksztg priims ir
„wisejp grometuse ji pejkdamis swietg pajkin. Ne wen patis
„prisiekta sü Lietuwejs pakajü tauzia, bet dar prisükia Wiskupa
„Ezeles ir kitus Pratotus sawa gorinimajs tam pakajuj atsakyti;
„pasawina bazniczes, kopliczes ir sawa tinaj kunegus idieja sü
„regemü prapulti parkriksztü ir paniekinimü Popieziaus waldios,
„sakos jis weltuj tejsingü szirdi draudis ir graudinis Mistrg ir
„brostwius, kad ije jisakimü Popieziaus klausytü ir wienybiej’
„bazniczes tajkej elgtumes, bet ije niekina newen tg graudinimg,
„bet pati Popieziü ir jo Jisakimus.* Todiet Arce- Wiskupas neb-
numanydamas kajp jus nudrausti iszkejkia Mistra pati ir kala-
wijonys ir ta liepia wisami Padaugawiej, apskelbti ir ant bax-
niczes durü prisekti.!)
Krizokaj ir szıü kartü narieja nusitejsinti Popieziuj nũ to-
kiü uzmetiniejimü, Arce-Wiskupa, wienog giediedamis patis
wajdinteis Papieziuj, pasamdia sau uztaritojus Zemowita ir
Trajdeni kunegajksztiü Mozurü sü Wiskupü Plocka, kurius pas
Popieziü iszlejda. Nukialawusis i Awinijona pasakoja jam apej
bajsius nuteriojimus, kokius Lietuwej Dobrines kraszti padaria,
ape] jü smarkybi, sü koki tina] elgies, stigawodamis jo
szwentinibej, jej tina] jis nedüs krikscionims wejkios ir
stiprios pagalbos, tada netikielej Lietuwej ıki pasküja nuga-
his, todiel Iugoja jo szirdingaj, kad ant Lietuwiü kriziaus kare
sketbtü ir liepü krizokams tolaus jus kariauti, kajp iki sziole)
kad daria, nesgi jü wienü netikielej tedrowes.
Ligi dali Warmijos Wiskupas sü sawa Kapitulü tejsina
Krizokus tajs zodejs: „Randas tokiü zmoniü, kurie ant nelaj-
mas mejles artima niekam newertas pasakas skelbia, kaj butü
!) Voigt. Gesch. Preus. T. IV. s. 396.
— 288 —
Lietuwej, kurie tiek krauja krikscionü pagozia, norintis kriksz-
tyties, o krizokaj jü nelejdantis, asz skelbü tg stigawojimg kiek-
wienam i Diewa tikintem uz ing meta, kg patis netiekelej twir-
tin zodejs ir darbü: kajpogi ije tyka kajp imanantis krikscionys
sü wisü toj szaliej’ ıisznajkinti. Ta dar stigawo teriones
ir krauja praliejimaj apigardose Rewele, Tarapatas, sritiese
Kiajpiedas, Wielawas, Dobrines ir Strasburga, negal apraszyti
sü koki tinaj smarkybi konkina netikielej krikscionys. Todiel
iugojü szirdingaj neklausyti tokiü abydü ir nedorybiü skelbamü
ant krizokü ir girdint jes turieti uz melus ir innas pramones.“
Kad tejp krizokaj nieka neszyksztaudamis norieja pinin-
gajs ir kebeliemis uzsliepti tejsybe, kad tiktaj sawa ketiejimg
galietü pasijkti, taj yra: wisos Lietuwos ilgajniu) pasidaryti
waldimierajs, bet jü rejkalaj piktin wen kas diena eja. Kajpogi
Gediminas regiedamas toke jü nedorybe nenorieja kriksztyties
ir jims wergauti, nes dyka iki pasküjo jus kariauti ir par Jura
tremti: todiet jemia stiprej ginkhüties i didej bajses ir kruwinas
kares, ant didesnios jo tajmos rados jam prietelus Wiadistaus:
Lankü Karalus.
Whladistaus regiedamas, jog sawa wienü gali Krizokü nie-
kajp nenuwejks, norieja kajp imanus susibendrauti sü Lietuwiü
narsi ir karingü tautü, kurios galybes garsus Özia jau wisoj'
pasauliej’, kurios remti putkaj tukstantiems krizokü ir kıtü
meldZionü gyniodamis sawa lüsybe ir namus ne wen wisas
ligmes buwa uzlajdoja, bet ir pates wersmes uzkimszi. Todiet
Whladistaus Loketek, gejsdamas sü tajs wirajs pasibendrauti,
iszlejda siuntinius i Wilniü pas Gediming, jisakis pirszti jo
dukteri Aldone sawa sunuj wenturtiu Kazimieruj 15 metü tu-
rentem. Gediminas sü dideli iszejmi ir iszkilmi prijemia siun-
tinius sawa buwejniej wajszina jus ir ragina kajp rejkint.
Pradiejus dukteri pirszti, Gediminas ne ginies jos lejsti, wil-
damos tü pasigentinimü dar didesnej sawa uke pastiprinsis ir
kokemi atsiejimi turiesis pagalba ben nü wiena karalaus kriks-
— 289 —
cioneis, todiet netrukdamas dukteri (m. 1325) pazadieja ir
ukwajsdius pargieria.. Gediminas didindamos dar krajti sawa
duktereis paZadieja pirszlems 40000, pagat kitü 24000, Lankü
kaliniü Lietuwoj' wergaujentiü namij palejsti, kad ije Aldone
sawa karaliene namij sektü. Tejp elgies Gediminas pagonis sü
krikseionimis, kad tü tarpü Krizokaj ir kiti Wokytej meldzionys
parkriksztus ne wen patis kruwinaj wergia, bet wienus parda-
woja Gudams, kitus lejda par jurg i Teutonije tejpat kruwinaj
wergauti; wienog negiediejos patis sawi wadinti mokitojejs
zodia Diewa ir malones artima.
Kas apraszis t3 linksmybe, koki tü kartü Lankü ziamie]
rados, kas par dziaugsmas kaliniü namij grisztantiü. Lietuwej
pirmü wisusmarkiausi jũ neprietelej, szenden gentimis pasidaria.
Motinas, tewaj, brolej, seseris biega ant wieszkialü swejkinti
tewü, brolü ir wiriszkiü isz newales grisztantiü. Atkialawus
Aldonaj i Kriokuwg, Lankü buwejne, Wiadistaus karalus sawa
rumü priagiej sü sawa didziunajs swejkinis grakszte Lietuwe,
sawa marte idawia je ı rankg jos wiruj karalautiuj Kazimieruj.
Rita meta Aldone ant krikszta Onü iwardüta pirmoie prisiekia
pas krikscionü atioriü Zmonö karalajtia but. Kas apsakis ta
dziaugsma, koksa) tina) ne wen patioj’ buwejniej‘ bet ir wiso]
karalistoj’ buwa. Kalinej wieni milawa sawa senas motinas,
senus tewus, kiti brolius, seseris, kiti glaudia pri sawes mejlin-
gus kudikius ır pates, kuriü buwa pasilgusis. Pats Wiadistaus
isz to dziaugsma minawonej tos linksmos dienos jistatia Zwaj-
zdia baltoja erela, kure iki szios dienos galunaj ir didziunaj
Lankü ir Lietuwos tebdewie, o sü Gediminũû sawa üszwiü sada-
ras padaria isz wiena kariauti Krizokus ir kitus neprietelus
Lankü ir Lietuwtü.!)
Gediminas noriedamas dar ussikliesti nü paojaus, par wis
kad galietü stipre) krizokus ir kitus Wokytius kariauti, tujau
issiuntia Uwajni sawa broli urieda Palacka sü Teodoriü, Uriedü
!) Kotzebue. Preuss. ält. Gesch. T. 11. k. 21.
20
«
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Minska i Naugarda pakajü patwirtinti, kuriüdü atnaujinusifi ji
lajmingaj m. 1326 pargriza namijj.')
Krizokaj iszgirdusis apej t3 nusiminia: kajpogi tas genti-
nımos Lietuwiü ir Lankü didej jü szirdi gildia ir atenti jims
pragara rodia. Todiel wisejp norieja tas pazines isskijsti, bet
weltuj. Regema jau buwa, jog Krizokaj Lietuwiü ir Lankü
nebnuwejksaj : kajpogi kas diena kruwinas kares rejszkes, kurie
regiedamis nieka nebnuwejksi, nej skaugybü, nej paprakajs, je-
mia ir patis isz petia ginklüties, kad nü tos bajsios audros,
kuri jus gorina nü pietü ir saulietekia ussidengtü. Wisus zo-
kanas krizokü suskata nes par wis didesnej pats didesis Mistras
rupinos tümi, kursaj noriedamas nü wisü pusiü uzsidaryti, kad
Lietuwej Kalnienaj ir Ziamajtej negalietü ipulti i Parusni, lie-
pia nauies pilys strunyti: Tujau Bartijoj’ padirba Girdaujü
pile; Galindijoj’ Wartenburg; Warmijo} Gutstad, ir Plut; Pa-
mezonijoj' Biszofswerder; Kulmujoj’ Neumark, Gilenburg, Linen-
burg ir Morungen, kures krizokaj noriedamis kü wejkesne]
jiszejmininti Wokytejs senü ipratimü apdowinoja jes priwilijo-
mis ir lüsybiemis.
Tümi dar kryzokaj nekakinos, bet kü didesnej rupinos sü
artimajs waldimierajs ir neprietelejs Lietuwiü susibendrauti. To
diejusis atnaujina pazines ir sundaras sü Gudü kunegajksztejs,
par wis sü Jurgiü, kunegajksztiü Rauswujü Gudü, kursa) jims
pasijemia talkinieti. Negana dar nie to, Mistras buwa jutis,
jog Wratistaus, kunegajksztis Pamaria, sukerszta sü Wiadistawü,
Karalü Lankü, tujau su jo sadara padaria, zadiedamü wienas
antram talkinieti ir ipatey sü neprietelejs ne kariauti ir ne sg-
darauti Tü tarpü kare sü Lankajs skajstin wen rejszkes, 0
Lietuwoj’ skelbia didej stiprej ginktujentes: kajpogi Wladistaus
tardamas ejsis Pamaria uzimti, sutraukis stipre kariaung i Kuja-
wije, püla stajgü i Mozurije, kurios kunegajksztis bendrawos sü
kryzokajs, nuterioja wisa, kraszta ir i Plocka pile jisigrudis su-
) Karamzin. T. IV. k. VIII s. 179,
— 2191 —
degina je ir didi grobi sugrieja iki krizokams ant pagalbos at-
ejnant. No to rodiesit pradieja kare sü krizokajs. Bet Wla-
distaus palikins krizokus norieja pirmũ issigrumti sü Brande-
burga kunegajksztiü, bendrü krizokü, tecziaus jusdamas sawi
newisa) stipriü, patelkia Lietuwius, kurem Gediminas tujau nu-
lejda Dowida garbinga sü 10,000 jotes rimtü meszkinocziü.
Dowidas parsikielis sü sawa pulkajs pirmü par upe Isla, pasku)
par Odra upe ieja i Brandeburgije ir ka sutikdamas kardü ir
ugni tinaj najkına. Wisa kraszta bajsej-bajsesnej nuterioja,
pates Berlina miesta apigardas nudegina, patiü baznieziü dau-
giaus ne 140 jau sugriowia, jau sudegina, szwentas indas ma]-
toja, gerdamas isz jü ir walgidamas. Nekakinos dar tümi nar-
sus Dowidas, nes parsikielis dar par upe Elba, Saksus ır kitus
gimines, nugandina sawa narsybi ir smarkybi.
Tarp kitü wejkalü Lietuwiü yra pasaka uzraszyta, jog
teriojent Brandeburgije wienas karejwis, kad klosztoriü miniezkü
drewieja, sutikis grakszte miniczkele, ussidegis tina) tas bajsus
pagonis ir noriejis je iszzarginti, miniczka pasijemusi ji iszmo-
kyti, kajp neizejdamü tapti nü wisokia gelzeis, jej palejs je
lüsg. Lietuwis panoris neikertamü tapti palejdia je. Szi tujau
pacziupojusi sawa kakla, lenkdama galwa sawa taria: „mandyk
tü jos nenukirsi: Lietuwis tg uz tiesg turiedamas, smugterieja
sieksnini kardü ir galwa grazios miniczkeles parietieja. Su-
prata paskuj meszkinoczius Lietuwis, bet jau neblajkü.
Griza jau namon rimti Lietuwiü pulkaj nustügüti gery-
biems ir turtajs burius imtiniü warydamis, tarp kuriü saka bu-
wus 6000 patiũâ motriszkü. Pargryzdamis dar terioja Mozurije,
kajpo kraszta bendra krizokü. Tinaj beliebaujent Lietuwems,
dü wiresniüjü susiwarziusiü didej grazi mergajti, kurios wienas
antram skaugiedamü ateja pas pati karwedi Dowida ant nuspren-
dima katram ji prigulietü. Szis isztraukis isz paszones kalawijü
sawa wisü akiwajsdoj ant karta graze Mozurele parskiela ir
metia katram puse sakydamas, jog tejsingaj judums grobi par-
20*
— 292 —
dalijis. Tg iszgirdis nabasztikes jaunikıs Endriejus Gosc Mo-
zuras prisiekia karwediuj Lietuwos atmonyti. Todiejes ilinda
i ejtas Livtuwiü, tardamas noris jims tarnauti ir jü karwedia
kdausyti. Tü tarpü nutikojis Dowidg karwedi sawa Zirgg gir-
dant, pasalu nü uzpakala ragotini parweria. Tejp pabengia
gywatg Lietuwos wytis garsingas narsybi ir drasybi, giltini
krikscionü wadinamas. Lietuwej noris nuludi toki netajmü,
wienog sü nepasejkamü grobiü tolaus ne par 150 milü pagriza
tajmingaj i Wilnü.')
Izagusis Lietuwej i tejp naudinga grobi Brandeburgijos
atenti meta sukiela wiet karejwius ir paskyrusis sau Algerda,
wiriausijji sunü Gedimina, kursaj buwa jau garsus ne wen Lie-
tuwoj', bet ir uZ rubeziaus sawa kantrybi ir narsybi. Tasaj
karwedis parsikielis par upe Wista ir Odra sustoja i abaza ties
Frankfurtü, buwejni Brandeburgijos, lejsdamos rimtus putkus
terioti i likusiusius krasztus nü praejusioja zigia. Tinaj wis
apwertis i rustg tyra parsikiela par Elba upe, kad tina) mel-
dzionys kialaudamis negalietü majtinteis ir kitos paszalpas
gauti platej-platesnej ıki pat agüi Magdeburga piles nuterioja.
Iszdrewiejusis tina] daugybes giminiü ir pargaliejusis waldi-
mierg Brandeburgijos wiet lajmingaj sü nepasejkamü grobiü
pargriza i Lietuwa.
Tü patiü tajkü buwa wiel prasidiejusi kare tarp Lankü ir
krizokü, kurie, susinierusis sü Pamariü ir Mozurü kunegajksztejs,
sü stipri kariaunü i Lankü ziami jisigrudis ir Kujawijos api-
gardas bajsej-bajsesnej nuterioja, trobesius nudegina, gywen-
tojus iszkirta ir i Kowal pile wietrü jisitauzusis ziami aprausia,
palikinis rustg tyra, sü didiü grobiü i Parusni pagriza.
Wiadistaus karalus, rupindamos kitajs rejkalajs sawa ukos,
nebstengia krizokams atmonyti. Wienog noriedamas apmaudg
nugijäti, patelkia wiet sawa üszwi Gedimina, kursaj susinieris
sü Lankajs iptila i Kulmije itejp stajgü, jog krizokaj nebipa-
ı) Kotzebue. Preuss. ält. Gesch. T. 11. k. 21.
— 293 —
skubieja susitraukti i wieng kopg ir sü Lietuwejs sienü issigrumti,
tü tarpü kur wen uzeja Lietuwej, ten rusta diena daria, palikusis,
wisoj Kulmijoj iras ir degiesus, zioriüjentius, grobi sugrieta
namon iszlejda, o patis meties sü wisü smarkybi i Mozurije,
kad Wencesiawuj uz pernyksztes teriones atmonytü, ligi dali
drewieja ir terioja jo krasztg. Wienog kamendotas Kulma piles
sukielis skubiej} stipri kariauna ir susinieris sü Wencesiawü,
Mozurü kunegajksztiü, jemia wyti Lietuwius, kurius panokis
Kujawijoj isztikta i bajse] kruwina musza ir ilgas walandas
warzies pargali. Ant gala krizokaj iszgura, kuriü patiudü ka-
mendotü pilims Toruna ir Kulma sü wisü sawa kariaunü palika
karwietiej’ bektaksü, Wenceslaus wos gywas beispruda, palikins
wisas gerybes Lietuwems ir Lankams.
Kitoj’ pusiej’ tü patiü lajkü Ziamajtej susinierausis sü pilo-
nimis Rigos wisa Padaugawiityraapwertia daugiaus Kalawijonims
padaria iszkadas ne kajp 30000 ılgujü grasziü, i Dinamindas
pile wietrü jisitauzusis gywentojus iszkirta.!),
Noris krizokaj buwa didej stiprej pasitajsia i kare, wienog
regieja ajszkej, jog Lietuwems sunertims sü Lankajs nieka
nebipadaris ir wejkiaus ar paskiaus uzimtaje ziame teks jims
grüzinti ir patis wergauti turıes, todiel kajp imanantis rupinos
jus parskiesti.
Tü tarpü krizokaj noriedamis atmonyti Ziamajtems ui
teriojima Padaugawia, ketieja sü jejs grumties. To diejusis i
parubezines pilys, ta] yra: Kiajpiedas ir Skersnemuniü jidieja
stipres igules, kures noris sunkü buwa majtinti, dielto jog
Ziamajtej tüintimpos jes wietrawoja, wienog Wokytej kajp
imenü tina) turiejos. Ant didesnes dar. Lietuwiü lajmos dre-
biejimas ziames apigardose Klajpiedas pasitika, kursaj] newen
wietowe arba miesta uziemia bet ir pate pile sugriowia, kurios
iras nuwokus Mistras liepia’ nauje strunyti, o tü tarpü iszlejda
sawa kariauna i Medinykus, kuriü gywentoje jutusis kriZokus
1) Voigt. Gesch, Preuss. T. IV. s. 450.
— 294 —
atejnant, wieni i gires issidangina, kiti piliese sü sawa turtajs
ussirakina, o kariauna krizokü nieka nepeszusi apent i Parusni
sugriza. Ziamajtej tardamis krizokus butinaj par rubeziü issi-
traukusius ir tümi paojü praejusi nusiginklawa ir paskyda, bet
tami dajkti didej nusiwila: kajpogi krizoka) pasistiprinusis
grudies wie} i pati widuri Lietuwos ir nerasdamis tina) nie-
kokia atspara par szeszes miles i rustg tyrg pawertia, pate pile
Gradne apgula, kuri neturiedama kiek rejkint apginiejü pasi-
dawia. Nesgi stowieja abazas pas pile, Lietuwej, kurle isz-
girdusis, jog krizokaj sugriza i Parusni, abazus paskyda; tü
tarpü krizokaj apent atgriza i pile, iejusis gywentojus gywus
palika, kurie isz to dziaugsma 94 parsikriksztija.
Antra zara krizokü iszejusi isz Ragajnes piles apnika
nakti pasalü pile Putenykü ir antra pile Ankajmia, gywentojus
papiliesi bemiegtantius, iszkirta, trobesius sudegina, wienog
nestegdamis i pates pilys jisilauzti szalen paeja.')
Tä tarpü Popiezius nubengia kare tarp Lankü ir krizokü
tokiü pragumü: Wiadisiawuj, Karaluj Lankü, liepia kariauti
Brandeburgijos waldiung, uz ta, jog jis szelpia Ludwika, Teu-
tonü Ciecoriü, neprietelü Popieziaus o krizokams liepia kariauti
po sena Lietuwius ir Ziamajtius. Wiladislaus karalus Popieziaus
paklausis ant wienü metü sü krizokajs sadarg padaria. Popie-
zius drasindamas krizokus liepia kunegams wisoj Teutonijoj’
kriziaus kare skelbti ir krikscionys telkti i kare ant Lietuwiü
ir Ziamejtiü, zadiedamas tus patius atlajdus arba atpuskus
kialaujentims düti ne wen tims, kurie kriziü apsizenklini patis
ejs, bet ir tims kurie negaliedamis kelauti szeipsaj krizokus
piningajs ar kıtü kokiü pragumü.
Tujau ant balsa Popieziaus sukila ne wen didümene Wo-
kytiü, Inglü, Wengrü, bet ir pats Czekü karalus Jonas pasije-
mia kialauti sü sawa didziunajs Lietuwiü kariauti, kursaj tg
pati rudini atkelawa su didiomis gaujomis i Parusni. Ir tejp
1) Dusburg. c. 7—8.
— 295 —
Mistras turiedamas jau daugiaus ne 30000 karejwiü, ketieja
wieti pati widuri Lietuwos grusteis wildamos geros lajmos, jog
ziema buwa didej spejgüta ir wisur kelanti. - To wildameis
Wokytej ties Ragajnes pili parsikiela par Nemuna, paskuj par
Jurg upi ir wiet i Medinykus jisigrudia, kuri kraszta kaipo
artima Kiajpiedoj, Wokytej didej norieja igauti, kurio gywen-
toje narsi ir kantri daug kartü buwa didej igrobusis krizokus.
Wisupirmü apgula Medwagales pile, i kure pirm 13 metü tauz-
damis buwa jau pritiri nupüli. Dabar diena ir nakti sü wisu-
didiausi smarkybi ir narsybi wietrawoja. Noris igule sü neap-
raszomü kantrybi ir narsybi ginies, bet nuwargusi ir nie nü
kur nebwildamos pagalbas, par wis kritus jos karwediuj ant
malones krizokü atsidawia. Iejusis meldzionys i pile wisi ste-
biejos i didelybe Ziamajtiü kritusioja karwedia, kursaj buk tu-
turiejis 12 ülektü auksztia. Likusije gywentoje piles, kuriü bu-
wuses 3000 kniupsti lugojusıs nü Karalaus Czekü ir Mistra sau
gywybas; bet tejp kietos szirdies buwis par wis. Mistras, jog
Jis noriejis wisus nugtüti, kas butü ir nutikis, jej nebutü Kara-
lus Czekü Mistrg numatdawis, pasidüdantius gywentojus geriaus
gywus palikti ir kriksztyti, ne kajp galüti. Ant gato Mistras
paktausis Karalaus kriksztija jus ir i wergus iszwaria. Tü pa-
wykimü Czekü Karalus didej dziaugies, noris tü patiü zigiü nü
darganü, wiejü, szaltiü, puszniü ir spejgü pats apaka ant wienos
akies; nesgi jei tas jam nebutü nutikis, ajszkej jis butü dar
igesnej Lietuwius kariawis ir jei nebutü atejusi Zine, jog Wla-
distaus, Karalus Lankü, apskelbia kare krizokams ir jau Kulmije
terioja.!)
Todiet krizokaj palikinis Ziamajtius griza grejtaj i Kul-
mije Lankü ramdyti o apkriksztitije Ziamajtej apent pagriza i
sawa bocziü tikiejima. Krizokaj parsikielusis par Drewense
upe ipüla i Lankü ziame ir tinaj sriti Dobring bajsej nuterioja,
giezdamis apmaudgz uz sawa nelajmes i pile Dobrynes jisitau-
—
1) Voigt. Gesch. Preus. B. IV. s. 426.
— 296 —
zusis wisus, kurie nenorieja issizadieti Wiladistowa waldios nu-
galawa. Ligi dali pilys Leslawos, Plocka, Werberg, Wyszegrod,
kluwa i naga krizokams, kurie gywentojus be parskiras lities ir
amzisus nugalawa o pilys ziami aprausia. Tejpat antrü Zarü
krizokaj Dobrine teriodamis i pilys Brestiü ir Nakel jisigrudia
ir gywentojus iszkirta.
Kad tejp krizokaj liebawa Lankü ziamiej’, Lietuwej Pa-
rusni drewieja grobi griedamis, o meldzionys sawa galzudius
senü ipratimü galüdamis.
Krizoka] lowusis nü Lankü kares ketieja wiel griszti
Ziemajtiü kariauti, par wis, jog tü patiü lajkü buwa atejusis
krizokams i talkga meldzionü gaujes su kuriomis susinieris di-
desis Mistras traukia i Ziamajtius, kajp buwa ketiejis, i Wajgiü
sriti pagirtg sawa $zwentinybi, apej kure wirsziaus jau mina-
wojau. Nes ukinykaj jutusis atejnant krizokus, wieni uzsirakins
piliese, kiti i gires issidangina tejp, jog krizoka) ma tepelniusis
turieja griszti i Parusni.
Tü patiü lajkü igule Ragajnes iphhusis pasalü i Ziamajtius
papilus Gedimina piles nudegina ir gywentojus nugalawa, tarp
kuriü wos nekurie besuskubieja piliej’ ussirakinti ')
Ta patj meta, noriedamas Wiladistaus, Lankü Karalus, sawa
netajmas krizokams atmonyti, rengies i kare ir Gediming, sawa
üszwi, wiet patelkis, su kuriü sutaria Matkiboza diena wenkartü
krizokus antpülti. Nujautis ape) ta didesis Mistras jemia
skardius Drewensos upes twirtinti, wildamos nelejsti Lankü i
Parusni, nü saulietekia nestiprinos, tardamas Lietuwius pulsint
wenkartü sü Lankajs. Kajpogi Gediminas, nesulaukdamas pa-
zenklintoj’ dienoj’ Lankü, grudies wienas i apigarda Osterades
piles; wis kas tinaj pasipajnioja smurtam Lietuwiuj, tas iszgurs
nü jo rustos karda. Gediminas apwertis tinaj wisa krasztg i
rustg tyra, pasibloszkia ant Lebawos piles, kure netrukdamas
'sudegina. Tejp beliebaujent Lietuwems, uriedas Kulmijos su-
1) Dusburg supplic. c. 14.
— 297 —
rinkis sawa karejwius traukia prisz ir sü pirmosiomis jü sargtimis
susiskardia. Gediminas tardamas wisg kariaung krizokü prisz
ji traukant pasiszalina nü piles, nes antra diena Gediminas
meties sü wienü dali sawa jotes Kawernykü pilon i pa Drewenci,
witdamos tinaj Lankü Karalü rasis, bet neradis je nusiminia ir
taries nukroptü esus, wienog ir tejp paejdamas dar wisa sriti
nudegina o pile Ziami aprausia.!)
Wienog Lankü Karalus buwa atejis sü sawa kariaunü ant
sutartos dienos i apigarda Mikelau, kure po Drewenciü ejdamas
iki Strasburga piles bajsej-bajsesnej nuterioja. Bet Mistras kajp
sakiaü sü wisü sawa galybi tejp buwa stiprej ant skardajs
Drewencas apsitwieris, jog Karalus Lankü niekajp negalieja i
antrupus upes issigauti ir nieka negaliedamas Mistruj padaryti
par keles dienas pasitraukia dar tolesnej upi pagat iki Libi-
cziaus piles ties kuri rada ir Seklimg. Mistras wienoj ikonden
antrü paszalü upes ji sekia. Karalus ir cze nespiere) tegalieja
par upe parsikelti par wis, jog Wengraj jo talkiejej buwa pra-
diejusis traküti. Kajpogi Karalus jutis Gedimina paejus, buwa
iszlejdis siuntinius, iugodamas ji kad grisztü ir wenkartü kri-
zokus kariautü, bet didesis Lietuwos kunegajksztis ibingis jam
atsakia: Asz buwaü wiena karta sü tawi sutaris ir diena su-
siejti pazenklinis, asz atejaü o tü neatejej, jej mani tada nebutü
mana Diewaj saugoji, asz buczio par tawa wilü Wokytiü wergü
tapis, dabar asz pazistü mana wilieji. Pajutis apej tg Wilelmas
karwedis Wengrü sakia karaluj: „Tũ nori regiü netikielejs kriks-
cionys kariauti. Jej tejp, lejsk mums i namus griszti, bet
jej nori, kad mes sü tawım butumem, lajsk netikielus namij
ejti, tada mes tawi szwanke] ir stiprej szelpsem.“‘ Todiet Ka-
ralus noris nenoriedamas turieja parsiskiesti sü Gediminü, kur-
saj ibing’s ta pate diena atlejda siuntinius pas Karalü, rugo-
damas ant jo, jog weltuj ji sutrukina ir rejkalaudamas auksa,
sidabra, gelombes ir zirgü kajpo Zadietos nü jo algos sawa
ı) Wigand Marburg p. 280.
— 298 —
karejwems kiekwienam pagat jo nupelna. Wiadistaus Karalus
tujau uzgana padaria, o Gediminas sü sawa pelnü pagriza 1
Lietuwg.?)
Rasi Gediminas butü grizis Wladistawuj Karaluj talkinieti,
jej jis butü ne jisipajniojis i kitas kares. Minawojaü wirsziaus,
jog Tautorej waldia Gudus saulietekinius Maskolejs wadinamus,
kuriü kunegajkszte] mokieja Tautorems doni ir kiekwienas Ma-
skolü kunegajksztis turieja ejti pri Tautoriü Kana Hugoti jo,
kad patwirtintü jo walde ant kitü wisü kunegajksztiü, wienü
zodiü kas norieja ipatingaj riedities, tas turieja nü Tautoriü
Kana patwirtintü buti ır doni jam mokieti.
Tü tajkü Uzbek Kanas Tautoriü patwirtinis kelis Maskolü
kunegajksztius ipatingajs waldimierajs, liepia wajdinties sawa
rumuse Twerü kunegajksztiuj Aleksendraj, ir Uzbeka sawa
Wieszpatiü iszpazinti ir doni jam düti. Aleksendra niekajp ne-
norieja to daryti, noris jo tiewuna), kunegaj ir ukinykaj linkie-
tina} ejti, bet jis jü neklausia sakydamas, jog jis tina) gala
gaus. Plieskawionys wieni ji testabia ir ketieja ji ginioti, uZ
ka Naugardas Arce-Wiskupas krupaudamas apmauda Tautoriü
ant sawes sukelti, iszkejkia Plieskawionys. Aleksendra neno-
riedamas zudyti Plieskawionü, palıkins tina] sawa zmong sü
kudikejs, pats iszeja i Lietuwg nü Gedimina pagalbas lugoti,
kurem pazadieja ir zmoniszkaj ji prijemia.
Aleksendra iszwiesziejis 18 mienesiü pri Gedimina apent
sugriza i Plieskawg, kuri gywentojej didej mejlingaj prijemia
ir sawa kunegajksztiü ji pakiela, nü Naugardos atsiskiedia
Arseni kunega sau ipatingü Wiskupü paskyria ir issiuntia ji i
Rauswusius Gudus nü Metrapolitas pasilajminti, kurio Gediminas
ir Aleksendra kunegajksztis Twerü lugoja, kad nauji Plieska-
wionims Wiskupa palajmintü, bet Metrapolitas Teognostes ne
wen to nedaria, bet dar Plieskawionims jisakia Naugardos Arce-
Wiskupa klausyti kajpo wisudidiausios waldios dwasiszkos.
!) Wigand Marburg. 1. c
— 299 —
Tü tarpü Naugardionys noriedamis apmauda nugiezti ant
Lietuwiü traukia i Padaugawi ir tina] susigrumia sü Lietuwejs.
Gediminas pargalieja Naugardionys ir Arce-Wiskupa, Naugardos,
kialaujenti par Lietuwa i Rauswusius Gudus sugawa. Naugar-
dionys padaria pakajü ant tokiü warunkü: Naugardionys pasi-
jemia ne wen Aleksendraj kunegajksztiuj Twerü wis sugraZinti,
bet sü Lietuwejs senoses sadaras saugoti, sü Plieskawionimis
susiderinti, jims Wiskupa palajminti: pazadieja Gedimina sunuj
Narmontuj pilys Ladoga, Tora ir Oreszek adüti amzinaj i jo
walde, kursaj noris buwa netikielü ir siuntiniü Lietuwos pas
Naugardionys, bet tujau parsikriksztija Sw. Sopijos bazniczioj',
uztaritojas Naugardionü, buti. jü tarnü klautiej’ ir wienybiej’
sü jejs gywenti pasijemia, nü paojaus jus gelbieti, kurem dar
adawia wisg Karelije ir puse Kaporijos, taj yra szios dienos
gubernijes, Peterburga ir Wiborga. Ir tejp Narmontas pasi-
daria ipatingü kunegajksztiü ant upi Newü, kursaj turieja Nau-
gardionys nü neprietelü gynioti.?)
Tas Narmontas i sawa nauje walstybe iszwedia sü sawi
buri atejusiü isz Parusia gywentojü i Lietuwa ligej sü Lietu-
wejs ir Ziamgalejs ir tinaj ikuria naujukina, kurio szenden dar
yra regemi palajkaj Peterburga gubernijoj', wiena kajma Gdowa
pawietiej', wadinama Prusowo, antra Lugos pawietiej’ Pruskaja,
kuriü apdaras pawiedus i Latwiü noris iszwirtusiü i Karelus;
wienog daug dar tebtur sawa kalboj’ zodiü Lietuwiszkü.?)
Narmuntas sü sawa buriü stipre] kariawia sü Finajs, po
kelis kartus jus pargalieja daugioj wietoj’ pas Wiborga ir to-
lesne).
Iki szios dienos Karelej, tejp wadinama wiena dalis Finü
gywenanti Petersburga gubernijoj‘ tep dajniü dajnes, kuriose
garben sawa wytius, tarp kuriü wienas uzmuszis tris Lietuwius
ant Ladogas ezerüi, antras palejdis walti sü Lietuwejs i iszpluska.
1) Karamzin. T. IV. k. IX. s. 197.
2) Koeppen. Der Litauische Volkstamm S, Petersburg. 1851,, pag. 7.
warte
— 30 —
Daktaras Rimkewicze pasakoja, jog ije turentis raszta sawa
senose aktose, kurio negalentis suprasti.
Jonas, didesis Gudü Kunegajksztis, regiedamas tokg galybe
Lietuwiü wisejp gerinos Gediminuj; todiejes iszpirsza jo duk-
teri Auguste, ant krikszta Anastazija prawardütas, sawa sunuj
Simonuj ir tümi taries paojü nü sawa ukes atolinis.
Kad tejp Lietuwej jau gynioja sawa lüsybe, jau kitims
talkinieja, tü tarpü jü neprietelej nieka negaudamis nü ju, patis
susinieria tarp sawes: kajpogi tg pati metg Padaugawiej' kala-
wijonys warü jisttauzia i Rigos pile, kurios gywentojej noris
per wisg meta drasej ginies, szeipamis jau nü Lietuwiü, jau nü
Ziemajtiü, wienog spaudamis badü ir ginktu nü kalawijonü
turieja pasidäti ir sunkius nü jü warunkus priimti; tarp kitũ
turieja dwe bokszte ant murajs igule kalawijonü adüti, wires-
niusius miesta i abaza iszlejsti, priwilijes po kojü Mistra padieti
ir laukti, kures jis jims patwirtins, o kures paniekins ir pasi-
jJimti dar jog ligej sü kalawijonimis i wieta sugriautoja kon-
wenta Sw. Jurgia padies nauji ikurti, 30 sieksniü murü sawa piles
iszgriaus, kas meta, diet anturiejima to konwenta, 100 swarü
sıdabra dükles jims mokies. Tarp wiresniujü piles puse bus
Kalawijonü, antra puse pilonü, o kamendotas konwenta tiesas
süli siedies ir spres ligej sü kitajs piles tejsdarejs.. Pilonys
turieja pasiimti i wisus Zigius prisz neprietelus traukti. Ir tejp
krizokaj negaliedamis Lietuwiü nuwergti, pradieja jau sawisz-
kius werginti, neminiedamis ant to, jog jus Popiezius nü to
draudia ir nepaklusnius iszkejkti ketieja.)
Ant lajmos Lietuwiü krizokas wardü Endorf Marienburga
piliej, iszejtanti didiji Mistra Werner isz bazniezes po Miszparü
nuduria.
I wieta Wernera krizokaj pakiela sau Mistrü brostwiniks
wardü Luter, wira didej iszmintinga ir diewabajminga, tas par
wisa sawa amziü sü netikielejs Lietuwejs nekariawa ir norieja
!) Voigt. Gesch Preus. T. IV s. 468.
zur) —
par pakaju sawa ukinykus iturtinti: kajpogi sü a ant
dwejü metü palaubas padaria.
Lietuwej nori nenori turieja krizokams palaubas düti dielto,
jog kiti neprietelej kito} pusiej ant Lietuwiü kielies. Tautorej,
ape] kurius wirsziaus minawojau, negal zinoti nü Gudü siundomis
ar patis sawa norü pradieja Lietuwos krasztus antpuldinieti,
par wis Gudus Lietuwiü waldioj’ esantius, beje: sriti Padolijos,
Wolinijos i Kijawa sawa anpülejs ir siaubimajs bajsej sudergia.
Todiet dü karwediü Lietuwiü Algerdas ir Kejstutis atilsinusiü
walanda sawa kariaung traukia Tautoriü drausti. Lietuwe], ate-
Jusis ties Mielinasejs wandenimis, pamatia Tautorius taboriuse
stowintius, kuriü 3 karwedej: Katlubach, Gerej ir Dimejter
stiprej pasiriediusis wedia tujau nesuskajtomas gaujes i muszg.
Algerdas sü Kejstutü ta matydamü, liepia Lietuwems grejtaj
rindoteis, kurius paskuj i penkes dalys parskiedusiü tejp suklautia
priszaki, jog nekokios parglitas neblika.. Nü pirmoja susirie-
mima Tautorej galieja numanyti Lietuwius pargalietojejs tap-
sint. Kajpogi Tautorej sulenktü ejlü pagat sawa buda nebga-
lieja bekariauti radusis stajgü nü Lietuwiü apsiaustajs: nesgi
Tautorej iszmetusis wiliezes i tuztes wietas, susiriemia sü Lie-
tuwejs ragotiniemis ir kardomis, bet lig tiktaj Lietuwej sau
kiali praskynia, tujau ejlas Tautoriü suniuka, kursaj begalieja
tami suniukimi szalen sprukti, tas spruka. Kas apraszis ta
pjuwa, koke tinaj Lietuwej wydamis tautorius daria, patejs ku-
na]s neapregamus taukus nukrietia ir wisi turtaj, kas wen Tau-
toriü taboriuse buwa, tas teka Lietuwems. Algerdas sü Kej-
stutiü igijosiü tg pargale wietrü jisilauzia i Oczakawa pile
ant krantü Jüdosios juras esantg ir je iszdrewieja. I antrupus
upes Niperia parsikietusiü, ikonden wen Tautorius widamis ty-
ruse Putiwlaus ir Dona kelose kruwinose muszose pargalieja.
Ant gala tapusiü waldimierajs wisa Jüdoja pajuria, katawijus
sawa nupiowusiü Jüdojej‘ juroj diekawodamü Diewams sawa
uz tiek tajmingü pargalü, padalijosi naujes pilys: Bekotg, Smo-
— 302 —
trice ir Skala, szenden Kamieniec wadinama, ikuria. Tü patiü
zigiü uziemusis Lietuwej Maldawije ir Watakije iki upes Du-
najaus. Jurgi karjotg wieng sunü Gedimina pardieja tü krasztü
rieditojü. Patiüdü linksmindamos pargriza i Wilniü, bet Lie-
tuwej ir po tokiü zigiü neilgaj teilsieja: kajpogi nubegus kares
sü Tautorejs rejkiaja tujau kariauti sü Maskolejs.
Lietuwej sawa bendra Aleksendras Twerü kunegajksztia,
sunü Jona buwa, pakieli uriedü Smolenska. Tokes pazines Lie-
tuwiü sü Twerionimis didej netika Maskolü kuneg. Jonuj Dani-
taucziü, par wis, jog Twerü kunegajksztis tejpat didiüjü kune-
gajksztiü wadinos, bet pats Jonas Danilaucze sawa gale nieka
neizgalieja nuwejkti, wienog rimoja kajp noris Lietuwems Smo-
lenska iszwerzti. Dabar taries sulaukis patogia praguma, girdie-
damas Lietuwius kariaujent Padolijose ir Panemunej' sü Woky-
tejs meldzionimis. Tü pragumü Jonas didesis Maskolü kune-
gajksztis sutraukia sawa ukes karejwius ir patelkis dar Tautorius
sawa uztaritojus, sü toki kariauna eja i Lietuwos kraszta, wit
damos uzimti Smolenska. Uriedas nujautis lig lajkü Maskolü did.
kunegajkszti i kare ant Lietuwiü rengantes, ne wen pats drasej
remties pasiriedia ir sawa pile stiprej aptwieria, bet dar ir Lie-
tuwius patelkia. Maskolü did. kunegaiksztis Jonas noris apgulis
buwa Smolenska pile, wienog negaliedamas jos nuwejkti nej pa-
salü, nej narsybi, nej kantrybi, ant gala iszgirdis Lietuwius pa-
galbon pilej atejnant, wis palikins griza namon.
Tümi dar did. kuneg. Maskolü nekakinos. Sakiaü wir-
sziaus, jog Naugardionys properniksztej] buwa sadaras sü Lie-
tuwejs atnaujini, dabar gundinamis ir masinamis nü Jona Da-
nilaueze did. kun. pradieja sü jumi bendrauties ir bicziulauties,
ketiedamis ji sawa uztaritojü aprinkti. Lietuwej regiedamis,
jog Naugardionys sadaras lauza apskelbia jims kare ir tujau jü
pile, wadinama Torzek, uziemia. Maskolü did. kun. norieja tg
Lietuwems atmonyti: kajpogi atejnanti meta iejis i antrg al-
weji i Lietuwos dalykus sudegina wietowes Riaszna ir Aszelszna
— 3053 —
uriedijej] Patacka priderantes, bet radis stipresni atspara toli-
mesnej nebeja ir tinkinas wiet sü niekü namij pagryzis. Nau-
gardionys wieni nietatiek sü Lietuwejs kariauti negaliedamis
senoses sadaras patwirtina.!)
Ir tejp palika weltuj wisus rengimos Maskolü did. kuneg.
Jona Lietuwius isz Kriwicziü ziames isztremti, kurioje Gediminas,
didesis Lietuwos kunegajksztis, ne wen narsybi ir gudrybi, bet
tejsibi ir buktumü mokieja jus anturieti. Kajpogi Lietuwej nü
neatminimü tajkü noris patis pagonys, wienog krikscionys Gudus
taupia ir gerbia, lejsdamis jims pagal jü buda Diewa garbinti,
pagat jü dabos gywenti. Regiejom jau, jog pirm 1OUmetü Lietuwiü
uriedas Patacki Ginwilus ir jo sunus Baras ne wen tinaj kriks-
cionü Gudü ne spaudia, bet dar patiudü parsikriksztijusiü, baz-
niczes krikscionims strunije. Ligi dali paskesnej Arwidas, Taut-
wilas, Ingautas, Uwajnis Lietuwos uriedaj Kriwieziü ziamiej
ne wen krikscionü ne nowija, bet ije patis krikscionimis tapa.
Gediminas tejpat nukariawis ne wen jüdusius bet ir rauswusius
Gudus tikibas Gudü ne najkina, bet je taupia ir gerbia: kajpogi
Kijawi padieja uriedü Mintauta Lietuwi krikscioni, sunus sawa
apkriksztydinis Lubartg ir Algerdg. Endriejü pirmü padieja
uriedü Palacki, paskuj Plieskawi. Lubarta apipatiaudina sü
krikscionkü kunegajksztajti Patacka ir pardieja uriedü Padolijos,
o Algerda apipatiaudina sü Julioni kunegajksztajti T’wera ir
pakiela uriedü Witebska arba Balttujü Gudü, kursaj tinaj dwe
baznicze mura krikscionims Gudams ikuria, kurie dwi iki sziolej
wisudidiausiü tos piles gaszumu tebiera. Tas yra dar didesnej
minietinas, jog Algerdas gywoja ir miria pagoniü, wienog krik-
scionü uztaritojü ir geradiejü buwa. Wilniuj patem, kajp pats
Gediminas sawa raszti wirsziaus minawotami, saka dwi baznicze
buwusi pastrunyti, wienoj’ mokiusis kunegaj Prunciszkonys, ant
troje Dominikonys. Naujapilie} (Nowogrudek) tejpat buwusi
krikscionü baznieze. Todiel Gudaj regiedamis tejp taupomz
) Karamzin, T. IV. k. IX. s. 197.
— 304 —
sawa tikyba, kalbg ir apsiejimus, didej milieja Lietuwius ir
wisü rustose dienose sawa ükes pri Lietuwiü noris netikielü
glaudies ir nü jü uztarima lugoja, welidameis iszmintinga ir
malonia netikiela klausyti, nekajp netejsingam ir bediewiuj
krikscioniuj kalpoti. |
Stebieses kure dieng palikunys, skajtydamis wejkalus Lie-
tuwiü, kurie nü wienos puses grumies kruwinaj su krizokajs ir
sü kitajs meldzionimis, kurie Lietuwius sunumis welnia, sunu-
mis szetona wadina, tü tarpü nü antros puses tie patis Lietu-
wej godoja, globia ir szelpia krikscionys Gudus, bazniczes jims
strunija ir jus ginioja nü neprietelü.
Kad tejp Lietuwej Gudusi ir Padolijose zuwa kruwinose
muszose, jau sü Tautorejs, jau sü Gudajs, tü patiü 4ajkü kiti
jü pulkaj Padaugawiej' dar bajsesnej sü Wokytejs meldzio-
nimis kariawa.
Kajpogi kalawijonys ar patis ryzos, ar patarinü Maskolü
jemia Lietuwius kariauti. To diejusis wisupirmü anpüla uriedg
piles Santok wienos dales Battujü Gudü, i kure wietrü jisilau-
zusis igule iszkirta. Bet Lietuwe) tujau ne wen kalawijonys
isz tina] iszginia, nes dar apmaudg giezdamis pati Padaugawi
bajsej nuterioja ir sü grobiü lajminga] pagriza i namus.
Ibingis tümi Eberard, Mistras kalawijonü, sü stipri kariaunü
traukia i Ziamajtius, kurie lig lajkü apej ta nujautusis, norieja
Mistruj kiali uzstoti, kursa] kruwinoj’‘ muszoj’ jus pargalieja.
Paskuj i Dubenes pile warü jisilauzis wisa kraszta Cikulü ar
Kikulü nukariawa ir prisükia Ziamajtius ir nekurius kalna kune-
gajksztius sadaras sü kalawijonimis padaryti. (m. 1334) Tami zigiej’
Mistras uzmuszia wisokia amziaus ir lities 1200 zmoniü. Mins-
wotas Mistras, stiprindamas dar sawa walde uzimtamiji dalyki
Ziamajtiü, Dubenes pile apent pastrunija, o Elgawas pile, Mitau
wadinama, stipresnej aptwerdina.
Atejnanti meta Wencestawas, Mozurü kuneg. zentas Gedi-
mina, uz kuri tretioja jo duktie buwa isztekiejusi miria. Ikı
— 5305 —
sziolej diet to gintinimos Lietuwe) sü Mozurajs bendringaj gy-
wena, bet jam ir jo zmona] mirus didümene Mozurü parkalbieta
nü kunegü padaria sadaras su krizokajs, pasiimdami wieni an-
trims talkinieti jej to rejkieja. Didümene neminiedama ant to, jog
tokes sadaras buwa pirmesnej sü Lietuwej padariusi, bet Gedi-
minas uz sulauzima sadarü be prizasties iszlejda sawa dü sunü
Algerda ir Kejstuti sü stipri kariaunü i Mozurije, kure nuterio-
Jusiü 1200 imtiniü parwedia i Lietuwa.
Ta pati meta apej Sekmines didesis Mistras atejis i Pane-
muni toj’ wietoj’, kurioj’ Dubisa upe tek i Nemuna, tinaj buwa
sala, ant kuri Mistras buwa pradiejis dirbti pile wardü Marien-
werder (Marijos sala), bet nebuwa dar nubengis, kajp ateja
stipri kariauna Lietuwiü. Krizokaj regiedamis neatsituriesi, pa-
likinis pile, susiedusis i waltys griza i Parusni.
Tü tarpü daugybes didziunü Teutonijos ir kitü tautü ska-
tinamas nü Popieziaus kaip wirsziaus minawojaü sukila ejti
Lietuwiü netikielü kariauti. Tarp kitü Brandeburgijos waldiu-
nas, Ludwikas jaunesnesis, sunus Üiecoriaus, Galunas Namur,
Galunas Henneberg, daug didümenes Pruncuzü ir Austrijonü
atwedia gaujes i Parusni, sü kuriomis didesis Mistras susinieris,
traukia Sausiej, mienesiej’ i Ziamajtius i apigarda Trappe wa-
dinama, kurioje szwentinybes skeibamas buwa. Pirmü terioja
apigarda, paskuj atsiartinusis pas pile, Pileni wadinama, kuri
buwa stiprej aptwerts, turinti rimta igule i kure dar ukinykaj
apsukuj gywenü, nujautusis krizokus par rubeziü jisigriaunus,
sü wisü sawa turtü, kudikejs ir zmonomis buwa susidangini,
wildamos tinaj saû uzdangg rasentis. Likos jog piles-wirfi pa-
sutika Margeris narsus, kantras, dykstus koznoj walandoj ne-
prietelus pargalieti ar pats lüsas pelinuse namüs sawa ussirausti.
Giela jam szirdis wejzant isz piles nakti i gajsrus o diena i
dumus degantiü aplinkuj kajmü, küres kriäokaj artindamos
pilo grusdina. Apgulüs pile, par kelis dienas igule iszpuldamos
isz piles lajmingaj graudina meldzionys. Krizokaj tejpat gru-
21
— 306 —
dies narsej, wildamos auksa, sidabra ir nepasejkama lobi ti-
naj rasti. Ziamajtej ir Lietuwej ginioja tinaj ta, kas yra Zmoguj
szioj pasauliej/ wisubrangiausiü ir szwencziausiü, beje: sawa
Diewus, lüsybe, gywyba, wajkus, pates ir turtus. Ilga lajka
igule neleida piles rewü uzkimszti, gyniodama sü wisudidiausi
narsybi, maziausiü pragumü tujau sienose piles ardimus kam-
szia ir tajsia. Wienog sunkü buwa Margeriuj ginteis teturentem
4000 wirü prisz 20000 gelziü ir wariü aplietü meldzionü Wo-
kytiü, kurie kas walanda wiliczes it sniegg driebia o akminys
isz swilksniü it kruszg bieria i pile. Kad tu tarpü igule nie
nu kur wejkios pagalbos negalieja wilteis: kajpogi rinktinej pul-
kaj Lietuwiü Mozurijoj kariawa. Noris ibingi Ziamajtej szim-
tajs meldzionü grudia ziamin nü sienü piles, noris jau kunajs
meldzionü 3aukus buwa apsklejdusis ir rewas arba griowius
piles jejs uzkimszi, wienog nıetümi nestengia inirtusiü krizokü
ramdyti, kurie kaj pasiuti grudies i pile, wildameis iszdus
wisos ukes tinaj rasti. Jau nebibuwa ne pusios igules gywos
o tarp gywujü ne 4 dalies nezejstü, wienog tokioj’ rustoj’ dienoj
likusije Lietuwej rizos ant galo labiaus irose piles ıki pasküjo
lüsajs uzsirausti, ne kajp Wokytems wergauti. Tü tarpü kri-
zokaj uzwertia pasküjas rewas piles ir kas karta taranajs platin
wen sienas ardia o 600 degantiü wilicziü i pile imetia ir tejp
jı uzdegia. Neblika jau Lietuwems nekokios wilties issiturieti
ir kad jau pasküja walanda igule) artinos, Margeris narsas ir
kantras apginiejas lüsybes ipülis i rupesni liepia piles gasi
malkine sukrauti ir ugni sukurti. Wisupirmü sumetis tinaj
sawa turtus ir gerybes ka wen turieja, paskuj kunegaj pa-
szwentia ugni; tada Margeris sakia: „ant tü malkini paszwens-
kiem wisus musü turtus, milemiauses mums asabas ir mes patis
aukaukiemos Diewams, ne kajp taukiem gedinga smertia isz
rankü neprietela. Tas mums szioj walandoj bepaliek. Im-
kemgi tg, kas yra garbingü, maloniü Diewams ir naudingü musü
tiewajnej.“ Sumetia i ugni wis kas buwa brangus-brangesnis,
— 307 —
iszkirta wajkus, ınotriszkas, senius, sergantius ir Zejstus, ant
sienomis lowies karejwej ginties, wienas kita ragotiniems par-
wiera ir tus ant degantios malkines padieja. Praded jau kri-
zoka) grusteis pro ardima i pile, sutink aksztimaj' wira, kursaj
wienas kariaü prisz wisus sü toki narsybi, kaj pasiutis lutas,
wis iauz po sawes ir pats prapul. Margeris tejp atgiezis ap-
mauda smertiü tiek neprietelü püla i rusi, kuremi jo zmona sü
kudikejs buwa, kurius uämuszis pats sau galg padaria, sakyda-
mas: „tegut tas kraujs krint ant musü neprietelü.“ Jisigrudusis
krizokaj i pile nusiminia, regiedamis ant auksztü rasztawoni
siedeute kunege szwentuse rubuse, kirwis jos rankoj’ ir kad
szie prisiartina, ji pasküja karejwia galwa nutrinkas parietina
i ugni, akimojej twiksteriejs gelzis rankose papüsztos kuneges
ir nü rasztawoniü pati nusilejda i tg pate ugne, kurioj kiti
degia. Krikscionys nü paties powiziaus szurpulis apnika, nes
jog ugnis tejp wejkej ussijemia wisur, jog pile wienoj' liepsnoj
stowieja. Krizokaj turieja pile aplejsti, pakita wiejas ir isz
wisos piles neblika kaj wieni pelinaj.!)
Krizokaj nedrysa tolesnej bejti nugastaudamis tokia rusta
neprietelaus, griza i Parusni opü sawa wajstieti. Rasza, jog
krizokaj niekümet tejp bajsej iwejktajs ne pargriza, kajp tü
zigiü nü Pilenes.?)
Krizokej regiedamis, jog kas diena sunkin wen randas sü
Lietuwejs ir Ziamajtejs kariauti ir kas karta paojus didin nü
jũ kilsta, Mistras noriedamas kü didesnej Parusniej apsitwirtinti,
pilys Welawos, Libmil, Ejlau, Neienburg ir Marienwerder jau
naujes strunija jau esantis stipresnejs murajs aprejtia.
Tejp besitajsant didiujuj Mistruj, atejnanti (m. 1337) meta
atkialawa naujes gaujes meldzionü isz Teutonijos i Parusni sü
daugybi kunegajksztiü ir didziunü, tarp kuriü par wis atsizen-
klina Jona Karalus Czekü, Henrikas Bawarijos kunegajksztis,
1) Voigt. Gesch. Preus. B. IV. s. 555.
2) Voigt. Gesch. Preuss. T. IV. k. VIII. s. 535.
21*
— 308 —
Ludwikas Burgundijos kunegaiksztis, kursaj dar karalü Tesa-
lonikos wadinos, daugybe didziunü Rena, Piemonta, Berg ir kitü.
Wienog Jona karalus Ozekũ turieja grizti isz kiala diet kitü
rejkalü, pawedis walde ant meldzionü sawa, Henrikuj kuneg.
Bawarijos, kursaj atwedia jus lajmingaj i Parusni kariauti ne-
tikielü Lietuwiü ir Ziamajtiü ir jü krauju kriksztyti.
Mistras, susinieris sü toki talkü, traukia i Ziamajtius ir
atejis i tg pate wietg, kurioj’ pernyksztej] buwa pradiejis pile
Marienwerder strunyti, kure dabar saugojent minawota) kariau-
na) nubengia strunyti lajmingaj.
Tü tarpũ Henrikas kuneg. Bawarijos ligi dali ant rubeziti
Ziamajtiü pa Nemunej’ antra stipresne pile ikuria, kure Bayer-
burg praminis gause igule idieja, didejs griowes apkasia ir py-
jomis apipyla, ant gala igulej idawia wielawa sü sawa zimi die-
wieti o sü Mistrü apsiraszia, kad wisus Lietuwius apkriksztis,
tad toj’ piliej’ bus auksciausi sudaj, siedies Metropalita wisos
Lietuwos ir wadinses ne Lietuwü, bet Bawariji. Issiunstije
putkaj sarioti wisa ta sriti sudergia, daug imtiniü sugawa, nie-
kami atspara nerasdami didi grobi sugrieja, iki Mistruj antra
pile nenubengant. Ta tenuwejkusis meldzionys griza wiet i
Parusni par wis diet to, jog Ziema artinos.
Tejp besigrumant Ziamajtems ir Lietuwems kalni sü Gu-
dajs ir Mozurajs, Padaugawiej ir Panemuniej sü meldzionimis
Wokytejs ir krizokajs, Zuwiedaj pradieja Karelionys pajkinti,
kurie nü jü iurdinti prekiejus Ladogas ir Naugardas uzmuszia
ir nuterioja paezerius Onegas, o apigardas Ladogas nudegina ir
i pate Kaporijos pile norieja tauzties. Tam tina] nutinkant,
Narmontas, kunegajksztis Karelonü, pasitika pas sawa tiewg Gie-
dimina Lietuwo]’, kursaj patelkis cze jaunümenes susinieria sü
sawa sunü Aleksendrü, kursaj tiewa nesant Karelonys waldia,
traukia si stipri kariaunü prisz Zuwiedus ir Karelonys patra-
kielus; tujau iszlüsawa Kaporije, paskuj pawejkusis kelose
muszose Zuwiedus sü patrakielejs ikonden wen wija, patios Wi-
——
borga pile apigardas bajsej-bajsesne] nuterioja, wisur ugni ir
kardü siaubdamis, nusigandusius Zuwiedaj pakajü padaria sü
Narmuntü kunegajksztiü, pagal pirmujü sadarü.!)
Kad didesis Mistras krizokü pagrizis i Parüsni ilsieja,
Lietuwej maz neigawa pile Bayerburg ı naga. Dü parkriksztü
neapweziedamü wergybos Wokytiü sutaria Lietuwems pile Bayer-
burg iszdüti. To diejes wienas nueja pas Gediming ir sakia:
pile yra isz media ir galema uzimti, mana brolis yra piliej’,
kad tiktaj kunigajksztis pasirodis sü kariaunü, tujau brolis pi-
liej uzdegs trobesi ir agas adarıs. Ant nelajmos Wokytelis,
pasilikis rumuse Gedimina wisa ta kalba parkrikszta girdieja;
nakti pajemis zirga isz stelingia nuskrieja i Bayerburg ir igulej
papasakoja, kad parkriksztas piliej esus, kursaj pile Lietuwems
ket iszdüti; ta pati patwirtina kaltinikas, kuri kajpo zdrajce
piles agoj pakoria.
Tü tarpü Gediminas klot sü bajsi kariaunü ant pazenklin-
tos dienos ties pili. Gediminas supyka, regiedamas parkrikszta
piles a3g0j bekorutanti, wienog rizos kas nebudamas i pile tauz-
ties, kure apgulis par 22 dieni be parglitos wietrawoja, nesteg-
damas jisilauzti sũ krizokajs ant 2 dienü palaubas padaria, ke-
tiedamas pasistiprinis warü lauzteis. Todiet sustoja i abaza
pailsieteis, bet igule jutusi atejnant sau ant pagalbos Marczeiga
Dusener palaubas sulauzia ir susizinojusi sü Marczelgü nakti
isz dwijü pusiü antpüla abaza Lietuwıü, kurie tami sabrusdiej’
norieja stiprej remties, wildameis sawa narsybi Wokytius su-
tratinsi. Nes ant nelajmos Lietüwiü, Gidiminuj sau kiali skinant
par rindas neprietelü wilicze petius parweria. Kritus tam gar-
bingam kunegajksztiuj, Lietuwej paskyda ir kas kur begalieja
nusibliokszti dingsti tamsios nakties, tas muka szalen wis pa-
likins.
Marczeiga krizokü, gejsdamas Lietuwius iki pasküjo nu-
bengti, wije jus ikonden Widuklon. Krizokaj pa kelejs kudi-
') Karamzin. T. IV. k. IX. s. 189,
— 310 —
kius ir motriszkoses wienus kirsdamis, kitus wergdamis, wis
ka sutikdamis i rustg tyra wertia, ko newejkia kardü ta ugni
gajszina. Bet tü tarpü antra kariauna atskubieja Lietuwems
ant pagalbos ir akimojej laukuse Galekuniü ties Widukli kri-
zokus apsiautia, kurie isz pargalietojü pargalietajs pasijuta:
kajpogi Ziamajtems suspaudus meldZionys nü wisü pusiü buwa
jau begurstü. Marczeiga regiedamas sau ant nosi giltine, jemia
drgsinti meidzionys, brukdamas jims geriaus die godas Szwen-
cziausios Marijos garbingaj toj’ wietoj' mirti ne kajp gedingaj
wergyboj netikielü zuti. Meldzionys sugraudinti tajs Zodejs, me-
ties it pasiuti ant Lietuwiü ir Ziamajtiü, bet retas kursaj tarp
meldzionü sü Marczeigü beispruka i pile Bayerburg atsipusti,
palikinis taukus Wokytejs nukriestus o Ziamajtems ginkhus ir
kitas kares padargas sü wisajs turtajs ir geribiemis. Ziamajtej
leloja dziaugdameis, jog ben tümi atmonija sawa kruwinims ne-
prietelems smerti sawa garbinga ir garsia did. kuneg. Gedimina.')
Tü tarpü Gediminas prisz smerti suwadinis sawa wajkus,
bruka jims szirdingaj wienybe ir klauti tarp sawes linkiedamas
jims malonej gywenti ir isz wiena stejgti ir rupinties kajp ima-
nant apent atimti wisus tus krasztus jü bocziü probocziü, ku-
riuse Wokytej meldzionys 200000 Lietuwiü ir Ziamajtiü nuzu-
diusis jau par 100 milü kraszta platumi ır iigumi pasawinusis
Parasnie ir Padaugawiej’ wieszpatsü mojüdamis amzinü pra-
garũ Lietuwiü tautaj. Paskuj Gediminas palajminis wajkus ir
bendrus werkentius pagal ukes dabos pakilieja mazaji suneli
Jaunuti sawa karszincziü ir pats isztraukis wilicze tujau numi-
ria. Wiras sawa amziuj didej garsingas, iszmintingas, ukiej’
tajkus ir tejsus, kariej’ narsus, kantrus ir buklas, gudrus riedoj',
wertas wisus tautos waldimierü buti: kajpogi patis neprietele)
dar jam gywojent wisuse rasztuse rikiü arba Karalü Lietuwos
wadina. Wienü zodiü Gediminas yra wisugarsiausiü Lietuwiü
wejkatuse: kajpogi jis Wolinije, Padolije, Jüdusius Gudus su
1) Voigt. Gesch. Preus. T. IV. k. VIII s. 552.
— 3il —
dali Rauswijü Gudü sunieria. Gudus, Tautorius, Krizokus par-
galieja. Gediminas ne wen kariese truka, bet dar ukes rejka-
tajs rupinos, Trakiü wietowe ir pile papüszia, ligi dali Wilniaus
pile ikuria, sawa buwejne pirmü parkiela isz Kernawa i Tra-
kius, paskuj isz Trakiü i Wilniü.!)
Pasako }og Gediminas angis mediodamas Paneriuse ant
wisuauksztujü kalnü Tauria kalnü wadinamü, o szende piles kalnü,
patsa] wilicze tauri nuwieris, paskuj pawargus tenpat medi ap-
sinakwojis. Bemiegtant pasirodis ant tü kalnü sapniej wilkas
tejp szarwotas, jog gelziü wienü rodies apkaltas, kursaj i Kune-
gajkszti powizodamas dantys kalis, kuremi wilki dar buk ro-
deis 100 kıtü wılkü uzrakintü, kurie tina) tejp bajse] kaukusis,
jog tyra} ir gires gauduses. Gediminas atsıbudis isz miega ri-
moja sawiep ir negaliedamas parmanyti, jemis terauteis Ziniü,
kurie tinaj szalip pas ziniezia Perkuna azülini gywenusis, kad
jam aprejksztü tos nakties sapna. Pasitikis tina) sumanus wiras
Lizdejkis, wisuauksciausis kunegas, kuri agis Witenis, did. Lie-
tuwos Kunegajksztis, mediodamas girioj’ erela lizdi buwa radis
ir kunegams ji auginti adüdamas Lisdejkiü praminis, nü to, jog
lizdi buwa rastas.. Aukdamas tina] gudineisi moksta sawa ti-
kiejima, paskuj tarp zZyniü tapis wisugeriausiü iszguldytojü
sapnü. Tas Lizdejkis, girdiedamas minawotg sapna, taris Gedi-
minuj sapnas jo 3ajma jam rejszkia. Wilkas szarwotas yra
wietowe arba miestas sü piliemis, kures tur jis tina) ikurti,
kurios garsas kajpo ukes buwejnes nusklys i wisas szalys pa-
saules. Patika Gediminuj toksaj iszguldimas jo sapna, kursaj
tikiedamas toki likimg nü Diewü esanti lejsta, tejp daria, kajp
Lizdejkis buwa jam kalbiejis. Tujau ant Tauriü kalna ikoria pile
ir nü to wadinos piles kalnü, paskuj liepia parkasti ta kalna ir
sriautü upajtia Wilaus aplejsti tejp jog paskuj kalnas sü szwentu-
rogü,sü azülinü ırsü Perkuna Ziniezetapa salü. Platinos tas miestas
kas diena trobesejs ir szejminü pagat iszguldima Lizdejkia.
9) Incas Dawid. Preuss. Chr. s. 138,
— 312 —
Gediminas mirdamas palıka didej plate gimine, kuri szenden
yra zinoma: dukte wiena wardü Aldone buwa isztekiejusi uz
Kazimiera Lankü karalajti, ant krikszta Onü praminta. Antra
Danute uz Wencesiawa Mozurü kunegajksztia buwa isztekie-
jusi. Tretioja Auguste, ant krikszta Anastazije praminta, buws
isztekiejusi uz Simeona Maskolü did. kunegajksztia. Ketwir-
toja buwa isztekiejusi uz Dowida Daugmantajti, Lietuwos Mar-
czeiga, wardas jos niera zinomas. Sunus palika 7: Monewidas
buwa uriedü Kernawa ir Sionima, Narimantas waldia Pinskg
ir Mozyriü, Algerdas Baltusius Gudus iki Berezinas, Kejstutis
Ziamajtius, Trakius, Upita arba Panewiezi, Kaung, Palationys
arba Jatwiezus, Kariotas Naujepili (Nowogrödek), Wolkowysk3a
ir Wolinije, Lubartas waldia Rauswusius Gudus ir Padolije,
Jaunutis wisumazasis karszinczius waldia Wilniü, Aszmene,
Wilkmerge ir Brastawg.
Anmerkung. Der Tert des bier veröffentlichten Teiles einer Gefchichte
Litauens von Dowkont entitammt der zweiten Redaktion” diefes Werkes, betitelt
Pasakojimas apej wejkalus Lietuwiü tautos senowe kuri trumpa) apraszia
Simonas Daukgntas Rasztinikas, Pilozopios Magistras. Antra dalis. Me-
tuse 1850. Dieſe Redaktion befindet fih beim Herrn Gutsbeſitzer Bereſnewicz
in Krozenty und im geiftlihen Seminar in Kowno. Cine frühere Redaktion fand
ich unter dem Titel Istoryje Zemaytyszka in Kiwillen auf, Leider ift bis jegt
an eine Veröffentlihung diejes für die Litauer fo mütlichen und hervorragenden
Werkes nicht gefchritten worden, und ein fataler Unftern fcheint den einzigen bedeutenden
weltlihen Schriftfteller der ruſſiſchen Litauer bis heute zu verfolgen. Wolon-
czew ski’s Werke find Yängft in mehrfachen Auflagen verbreitet worden, während
Dowkonts Handſchriften noch einer Herausgabe barren. Hierbei wäre es durch⸗
aus wünſchenswert die erfte Redaktion „Zemaytyszka istorija“ zum Ausgangs-
punkte einer Veröffentlichung ungedrudter Werfe Dowkonts zu machen. Die Sprache
ift hier rein dialektifch gefärbt und daher wertuoller für den Sprachforſcher. Proben
bon beiderlei Redaktionen der Handfchrift findet man in meinem ruſſiſchen Nteifebericht
vom Sahre 1887 Zapiski Imperatorskoj Akademiji Nauk, Tome 56, Nr, 5,
©. 122-137, St. Petersburg 1887.
Dr, E. Wolter.
—e— <a — —
— 313 —
17,
Berichtigung zu Heft 14, (Bd. TED $. 181 und 182.
In dem Referate über meinen Vortrag am 29. November 1887
über „Altertümerfunde” befinden fich Unrichtigfeiten, gegen die ic) leider
erjt im gegenwärtigen Hefte Einfpruch erheben kann. 1) Sch habe be-
züglich unferer Steinzeit wörtlicd nach meinem Manuffript gejagt:
— es ijt die Zeit, die etwa das II. Sahrtaufend vor Chriſtus umfaßt,
jedoch gewiß noch weiter in dag I. Jahrtauſend hineinverläuft — im
Gegenſatz zu einer älteren Periode im übrigen Europa; wir bezeichnen
deshalb unfere oſtbaltiſche Steinzeit gegenüber jener paläolithifchen als
die neolithifche Periode. (Das Neferat legt mir eine Beltimmung der
Steinzeit Oſtpreußens von der erften Hälfte des I. Sahrtaufends dv. Chr.
bis nach Chriſtus in den Mund!) 2) An Feuerjtein — fo habe ich
wörtlich gefagt! — tft unfer Oftpreußen nicht fehr reich, aber man
hat doch verhältnismäßig viel Gerät daraus gefunden: Kleine Hämmer,
Pfeilpigen, Mefjer, Schaber. Zahlreiche Abfälle laſſen die Art der
Heritellung verfolgen. Man verftand im unferer Steinzeit bereit3 den
Feuerſtein zu jchleifen, nicht bloß zu ſchlagen. Die Heinen Stüdchen,
namentlich die Pfeiljpigen wurden auf gejchiefte Art zwischen Holz ge
flemmt und umwunden, wie man Ähnliches bei den Geräten der Wilden
ſieht. Zahlreich ſind ſolche Pfeiljpigen auf der Nehrung gefunden.
Aber auch in den Pfahlbaurejten eines Heinen Sees bei Clauffen unweit
Lyck hat man eine Feuerſteinwerkſtätte gefunden, nur fehlen hier die
Pfeilipigen. Sch habe öfter ſchon auch eine Stelle bei Tilfit, nahe der
Smalupp am Heinrichgwalder Wege erwähnt, die mir ein ſehr Hohes
Alter zu haben jcheint; denn zweifellos haben wir hier einen uralten
Dünenzug vor ung, der fortwandernd einjt alte Wohnpläße begraben
bat. Auf der Dünenjohle (die Sandberge werden in der Neuzeit zum
Verbrauch abgefahren) haben wir Brandjtellen mit Kohlenreſten, Urnen-
reiten und Steinjachen gefunden, — fretli wieder fajt feinen Feuer—
— 314 —
stein, jondern verjchiedenes anderes Geftein. Alle Steinjtüde zeigen
offenbare Bearbeitung — prismatiſche Pfeil- oder Lanzenſpitzen, auch
größere Steinſtücke; unter ein paar Feuerſteinſplittern ähnt ein Stück
einem Mefjerchen oder Schaber. (Der Referent befagt: — bei Clauffen
jei eine Werfftätte für Feuergegenftände (sic!) gefunden und an
der Smalupp fei ein Fundort für Pfeilfpigen und Meißel aus Feuer—
ftein!) 3) Von einer Durchbohrung der Seerolliteine mittelft Horn=
röhren habe ich gleichfall8 nicht geſprochen; vielmehr find Seerolliteine
nur auf Sandichleifjteinen mit Sand und Waffer gejchliffen, um Wert:
zeuge wie Beile mit Schneiden herzuftellen. NRöhrenfürmige Bohrer aus
Kuh- oder Hirſchhorn find zur Durchbohrung von Steinhämmern und
Ürten benußt worden. Darauf beziehen ſich die don mir erwähnten
glücklichen Verſuche des Herm Dr. Tiſch ler- Königsberg (Schriften der
phyfifal,-öfonom. Geſellſch. 1880, ©. 17). 4) Über den unter den Ar-
chäologen rühmlichjt befannten Herrn Sehefted (nicht „eines Herrn S.“)
habe ich gejagt: „Herr Dr. Tijchler berichtet über das Werk des
Kammerherin Sehejted auf Broholm (nicht „bei Broholen”) (auf
Sünen!) „Archaeologiske Undersögelser 1878—81, ein Muſter von
Forjcherarbeit. Die Familie S. bewahrt die Altertümer, die Herr ©.
gefammelt, in einem eigens dazu erbauten Haufe auf, Da kann man
reiche Zunde betrachten und die Verjuche verfolgen, die Herr ©. unter-
nommen, um die Technik und Arbeitsweiſe der Steinzeit zu ergründen.
©. erbaute ſich ein volljtändiges Blockhaus aus Kiefern nur mit Hülfe
von SFenerftein-Arten, -Meißeln, -Schabern. Das Häuschen erftand in
81 Tagen unter jchattigen Bäumen am Waſſer, die Werkzeuge bergend,
mit denen es hergeftellt ift; im Volksmunde heißt es das „Zauberhaus“
und die Landleute gehen da mit abergläubiicher Scheu vorüber. (Nä—
here Schriften der phylilal. Geſ., herausgegeben 1886, Seite 3 Der
Bortragsberichte). Dr. &. Si
r. F. Siemering.
— 315 —
18.
Kaſſenbericht für das Jahr Oktober 1888 His 1889.
Einnahmen:
1. Übernahme vom Vorjahre:. F
2. Beiträge inkl. Nach- und Vorauszahlungen.
3. Extra-Einnahmen:
a) Binjen .
b) Beihülfe des Oftpreußiichen Sirbinnes er 1888
und 1889 unter Abzug der Herſendungskoſten
c) Berfauf von Drudichriften .
Summa
Ausgaben:
1. Verwaltungsfojten und zwar: Brief, Verſendungs—
porto, Beftellgeld, Botenlühne, Materialien, Annoncen
und Heinere Drudjachen .
2. Bibliothek inkl. Buchbinderarbeiten a Utenſilen
3. Honorar für wiſſenſchaftliche Arbeiten
4. Herausgabe der „Mitteilungen“ Heft XIV.
5. Herausgabe der Dainu Balsai II, a Conto .
Summa
Bilanz: Einnahmen: 2609,64 ME.
Ausgaben: 1706,15 „
Beftand: 903,49 ME.
und zivar Pfandbrief der Preuß. Hypotheken-Aktienbank
Nr. 1685, Serie VIII. De a ee
bar .
Summa
Tilſit, den 17. Dftober 1889.
1282,24 Mt.
59431 „
3909 „
599,30 „
94,70 ,
2609,64 ME.
208,60 ME.
69,65 „
214,0 „
283,90 „
930,00 „
1706,15 ME.
500,00 ME.
403,49
903,49 ME.
r. 5. Siemering, Schaßmeifter.
— 316 —
19.
Zur Geſchichte der Geſellſchaft.
Sn der General-Berfammlung am 17. Dftober 1889 erftattete der unter:
zeichnete Sekretär nachſtehenden Sahresbericht:
Meine Herren! Bevor ich in den Bericht über die Thätigkeit der Geſell—
Ihaft ın dem abgelaufenen Gejellihaftsjahre eintrete, gejtatten Sie mir des
Mannes zu gedenken, aus deſſen Munde Sie feit einer Reihe von Jahren ge:
wohnt find, Diejen Bericht enigegenzunehmen, unjeres Vorfigenden, des Herrn
Superintendenten Hoffheinz. Ein Schweres Leiden feflelt ihn an das Kranken—
lager; aber jo ausſichtslos die Krankheit ſich auch in den erſten Wochen ge-
ftalten zu wollen ſchien, — man fann jebt jagen, daß fie im mwefentlichen über-
munden ilt, und daß der Kranfe langſam aber ftetig feiner Genefung entgegen
ichreitet. Hoffen wir, daß die Entmidlung auch fernerhin denjelben günjtigen
Verlauf nehme, und wünschen wir, daß unfer Vorfißender bald imitande fein
möge, feine Thätigfeit für die Gefellihaft mit ungeſchwächter Kraft, mit dem
alten Eifer und der alten Unverdroſſenheit wieder aufzunehmen.
Die Litauifche litterariſche Geſellſchaft biicdt Heute auf ein zehnjähriges
Beitehen zurüd. Üeberblicken wir die Geſchichte der Geſellſchaft während diefes
Beitraums, fo können wir uns nicht verhehlen, daß ſie mit mannigfachen Schmierig-
feiten zu fämpfen gehabt hat. Zu diefen rechne id) in erſter Linie den häu—
figen Perſonenwechſel im Vorſtande, der zum größten Teile in Todesfällen
feinen Grund hatte: Die Gefellihaft hat in diefen zehn Sahren drei Vorſitzende
und nicht weniger als fünf Sefretäre gehabt.
Eine große Zahl von Mitgliedern find uns teils durch den Tod ent—
rilfen, teilö freimillig ausgeschieden, weil in vielen Fällen mit der räumlichen
Trennung von Litauen aud das Intereſſe für unfere Beitrebungen zu er-
löſchen feheint, teils allerdings aus den Mitgliederliiten geſtrichen morden, meil
fie ihren Verpflichtungen nit nachkamen.
Uber troß diefer Schmierigfeiten ilt die Luft und Liebe zur Arbeit auf
dem einmal in Angriff genominenen Gebiete nicht ermattet, trotzdem iſt langſam
dem Ziele zugefchritten worden, das ſich die Gefellihaft bei ihrer Gründung
geftectt hat, und gerade das Iekte Gefellihaftsjahr kann uns den Beweis liefern,
daß diefe Bemühungen nicht ganz vergeblich geweſen ind; denn in diefem Jahre
— 311 —
iſt die erſte größere felbjtändige Arbeit zum Abfchluffe gebracht worden, welche
Ihon längere Zeit auf den Arbeitsprogramm der Gefellfchaft ftand, deren Er:
ledigung aber wegen der beſchränkten Geldmittel immer wieder hinausgefchoben
werden mußte, ich meine die im Auftrage der Gefellihaft von unjerem Vor—
tandsmitgliede Herrn Rektor Bartſch herausgegebenen Dainu balsai, die im
Sahre 1886 begonnen wurde, und deren II. Band Shnen, meine Herren, vor
furzem zugegangen iſt. Die Anerkennung, welche der Arbeit — der erften in
ihrer Art — von der wiſſenſchaftlichen Kritik in Deutfchland gezollt worden
it, Tanır den Herrn Herausgeber und uns mit Genugthuung erfüllen, und die
Thatſache, daß das Sefretariat vor nicht langer Beit von einem belgiſchen Ge-
lehrten, mit dem wir bis dahin noch in Feiner Verbindung ftanden, um ein
Nezenfionseremplar gebeten wurde, fann uns den Beweis liefern, daß die Ver:
öffentlihung aud in weiteren Kreifen Beachtung gefunden hat. — Leider find
durch die beträchtlichen Koiten, melde die Drudlegung der Arbeit erfordert
Dat, unjere Geldmittel jeßt jehr zuſammengeſchmolzen, und ohne die thatfräftige
Unterjtüßung de3 Herrn Kultusminifters und des Oſtpreußiſchen Provinzial:
Landtages wären wir überhaupt nicht imftande gemwefen, das Unternehmen
durchzuführen; wir nehmen deshalb an diefer Stelle gerne nod) einmal Ver—
anlaſſung, den Förderern des Werkes unfern ehrerbietigften Dank darzubringen.
— Wann wir bei dieſen beſchränkten Geldverhältniffen die zunächit geplanten
jelbitändigen Arbeiten: die Herausgabe litauiſcher &horalmelodieen, welche eine
notwendige Ergänzung der foeben erwähnten Daina-Melodieen bilden, und dervoll-
ſtändigen litauiſchen Texte zu den Dainu balsai werden in Angriff nehmen können,
läßt ſich Heute noch nicht überfehen. Vorläufig werden wir im nädjiten Hefte
der „Mitteilungen“ den Abdrud der „Hochzeitsbräuche der Wieloniſchen Li-
fauer” fortjeken, und wir hoffen dadurch, Diefe eingehende, im allgemeinen aber
wenig gekannte Arbeit von Juskiewicz weiteren Kreifen zugänglicd) zu machen.
Die Bibliothek der Gefellichaft iſt im verflofienen Jahre durch eigene
Anſchaffungen oder auf dem Wege des Schriftenaustauſches oder aud) durd)
Zumendungen einzelner Freunde der Gefellihaft um 833 Nummern vermehrt
worden und umfaßt zur Zeit etwa 630 Nummern. And) die Sammlung der
Altertümer und Münzen hat eine Bereicherung erfahren, hauptfählich dur
Gejchente der Herren Hauptmann Wander, Mühlenbefiker Libke-Ragnit,
Gymnaſiallehrer Kurſchat, Neferendar NReinberger, Kaufmann Man-
leitner junior, Braueleve Berent und mehrerer Schüler des hiefigen Real:
aymnaſiums. Für alle diefe Zuwendungen fagen wir unfern ergebenften Danf,
und wir Inüpfen hieran wiederum die Bitte, etwa zerjtreut hier und da lagernde
Altertiimer, die an fid) ja kaum Wert haben, in einer größeren Sammlung
— 318 —
wiflenfchaftlich aber gut verwertet werden Fünnen, uns auch in Zufunft gütigit
übermeifen zu wollen.
Die Zahl der Mitglieder beträgt gegenwärtig 198; von diefen find fünf
Ehrenmitglieder, 5 forrefpondierende und 188 ordentliche, d. h. einen Zahres-
beitrag zahlende Mitglieder. Durch Todesfall haben wir im verfloffenen Ge⸗
jelihaftsjahr verloren ein Ehrenmitglied, den früheren Dberpräfidenten der
Provinz Preußen v. Horn, die Mitglieder Generalfuperintendent v. Moczulsfi
in Birfen und Dr. Köhler-Ragnit. Laſſen Sie uns, meine Herren, nad)
alter Sitte das Andenken der Verftorbenen ehren, indem wir un3 von unferen
Sißen erheben. Geſchieht.)
Sm Schriftenaustauſch ſtehen wir mit 17 Geſellſchaften oder Inſtituten
des In- und Auslandes, deren Arbeiten ſich mehr oder minder mit den unſrigen
berühren.
Damit hoffe ich, Ihnen, meine Herren, einen kurzen Überblick über die
Thätigfeit und die Verhältniffe der Gejellichaft gegeben zu haben, und wir be-
ginnen nun das zweite Sahrzehnt unfjerer Arbeit mit dem feſten Vorſatze, Die
uns durch den eriten Paragraphen unferes Statuts geitellte Aufgabe „alles auf
Litauen und die Litauer Bezügliche zu fammeln und für die Wiſſenſchaft zu
erhalten“ auch in Zukunft nicht aus dem Auge zu verlieren und fomit zu einem
größeren wiſſenſchaftlichen Gebäude nad) unferen Kräften Baujteine herbeizu-
ſchaffen, von denen ſich fpäter manche als nüblich, vielleicht fogar als unent-
behrlich ermeifen dürften.
Bei der in der General- Berfammlung vorgenommenen Vorſtandswahl
erfolgte die Wiederwahl des bisherigen Vorſtandes, beitehend aus den Herren
Superintendent Hoffheinz, Rektor Bartſch, Realgymnafiallehrer Dr. Sie-
mering und Kantel, Gymnafiallehrer Kurſchat aus Tilfit und Profeſſor
Dr. Bezzenberger und Profeſſor Dr. Lohmeyer aus Königsberg.
Die in dem vorjtehenden Berichte in bezug auf unſeren Borfibenden ge-
äußerte Hoffnung ift leider nicht im Erfüllung gegangen: Die Krankheit des
Herrn Superintendenten Hoffhein; nahm einen fo ungünjtigen Verlauf, daß
er am 1. Juli fein geiftliches Amt niederlegen mußte; ob er imjtande fein wird,
fein troß aller Leiden nicht erfaltetes Sntereffe für unfere Gefellfchaft auch
fernerhin zu bethätigen, muß die Zeit lehren; mir können unfererfeit3 nur
t
h
{
4
———
— 319 —
wünſchen, daß es ihm menigitens vergönnt fein möge, die von ihm gefammelten
litauiſchen Choralmelodien, die bereits feit längerer Zeit drudfertig vorliegen,
durch die Drucklegung auch der Öffentlichkeit zu übergeben. Bleibt hier noch
Hoffnung für die Zukunft, fo iſt ein anderer herber Berlujt für ung unmwieder-
bringlidy: Zu Anfang des Sahres erlag unjer langjähriges Vorſtandsmitglied,
Herr Rektor Bartich, der oben erwähnte Herausgeber der Dainu balsai, un
, erwartet der Nachwirkungen der Influenza. Mit ihm fchied einer unjerer
|
\
treueſten Mitarbeiter dahin. Seit Begründung der Gefellihaft Mitglied der-
jelben, hat er ihren Arbeiten, an denen er felbit ja hervorragend betheiligt war,
m allen Lagen die mwärmfte Teilnahme gewidmet. Unermüdlich thätig,
förperlich wie geiltig von außerordentliher Friſche und Regſamkeit, oft von
überfprudelndem Eifer, der imftande war, auch Läffigere fortzureißen, unent-
wegt feinen idealen Bielen nachſtrebend, im perjönlichen Umgange von der
größten Liebensmwürdigfeit: fo wird die lautere Gejtalt des Verſtorbenen in
unferer Erinnerung fortleben und wird und ein dauernder Sporn fein, in
dankbarem Gedenken für das Wohl unferer Gefellichaft in feinem Sinne meiter
zu arbeiten.
Auf den Wunsch des Vorſtandes erflärte ſich Herr Kreisfchulinfpeftor
Schmede bereit, an Stelle des PVerjchiedenen in den Vorſtand einzutreten und
auch die Verwaltung der Bibliothek zu übernehmen, ein Entgegenkommen, für
das wir Herren Schwede zu großem Danke verpflichtet find.
Durch die oben berührten Ereigniffe trat in den Monatsſitzungen manche
Störung ein.
Es find jeit dem lebten Berichte (Heft 14) folgende Vorträge gehalten
worden:
Die geologijchen Verhältniſſe der Provinzen Oft: und Weſtpreußen
von Heren Profeſſor Krüger.
Über Spiegel: „Die arische Periode” von Herrn Gymnafial-
lehrer Kurſchat.
Die Säfularijation des Ordens in Preußen von Herin Haupt-
mann a. D. Wander.
Über Volkstümliches aus Dftpreugen nach E. Lemfe von Herrn
Rektor Bartſch.
Über die Ausbreitung der menschlichen Kultur feit den Epochen
der Eiszeit in der norddeutichen Tiefebene von Herrn Dr. Siemering,
— 320 —
Über die Sammlungen des „Nordiichen Muſeums“ in Stodholm
von Herin Baurat Kapitzke.
Über einige Refultate der vergleichenden Sprachforſchung von Herrn
Gymnaſiallehrer Preuß.
Bemerkungen zu den „Dainu balsai* von Herm Rektor
Bartſch. |
Über Forſchungen zur fitauifchen Dialeftfunde von Herrn Gym—
najiallehrer Kurſchat.
Über das altpreußifche, lettiſche und litauiſche Vaterunfer von Herrn
Pfarrer Laudien-Szillen.
Über die Lage und Gefchichte des Landes Bemaiten von Herrn
Profejjor Preuß.
Über litauiſche Gefangbücher von Herrn Kreis-Schulinjpeftor
Schwede,
Emen Litteraturbericht müfjen wir uns in diefem Hefte des beſchränkten
Raumes wegen verfagen; wir gedenken denfelben für die Jahre 1889 und 1890
im nächſten Hefte nachzuliefern.
Tilſit, im Auguſt 1890.
Der Sefretär:
Realgymnafiallehrer 9. Rantel.
Aus dem Statut
der Litauischen litterarischen Gesellschaft.
(Tilsit, den 27. Oktober 1880.)
S 1. Die „Litauische litterarische @esellschaft‘‘ bildet den
Mittelpunkt für die Bestrebungen, alles auf Litauen und die
Litauer Bezügliche, sei es sprachlicher, historischer, ethno-
graphischer u. dergl. Art, durch Sammlung und Aufzeichnung
für die Wissenschaft zu erhalten.
85. Der Jahresbeitrag jedes ordentlichen Mitgliedes
beträgt 3 Mark praenum., welche bis zum 1. April an den
Schatzmeister eingezahlt sein müssen, wenn nicht die Einziehung
durch Postvorschuss gewünscht wird. — Einmalige Zahlung
von 50 Mark gilt als Beitrag für Lebenszeit.
Zu beziehen durch Carl Winters Universitätsbuchhandlung
in Heidelberg:
Dainu Balsaı.
Melodieen Jitauiseher Volkslieder
gesammelt
mit Textübersetzung, Anmerkungen und Einleitung
im Auftrage der Litauischen litterarischen Gesellschaft
herausgegeben |
von
Christiae Bartsch.
II. Teil XV u. 304 S., gr. 8° 1889., Preis: 6 Mark.
—240— —
Der nun vorliegende zweite Teil enthält alle schon einmal
veröffentlichten, aber in Büchern und Zeitschriften verstreuten
litauischen Nationalmelodieen, und der Herausgeber ist überzeugt,
dass kaum irgend eine litterarische Quelle unbenutzt geblieben
ist. Die auf diese Art gewonnene Zahl hat durch Privatsamm-
lungen, die «dem Herausgeber durch ihre Besitzer zugänglich
gemacht wurden, eine sehr wünschenswerte Vermehrung er-
fahren; so sind zu den 164 Nummern des ersten Bandes 223 neue
hinzugekommen: alles in allem also fast 400 Stücke — fürwahr
ein zuverlässiger Beweis für die poetische und musikalische
Schaffenskraft des kleinen litauischen Stammes!
Der Einleitung, welche über die litterarischen Nachweise
Auskunft giebt, folgt ein dankenswerter Exkurs über die
litauischen Musikinstrumente, deren Abbildung erwünschterweise
beigefügt wird. Von diesen Instrumenten sind die posaunen-
ähnlichen Trubas besonders merkwürdig, in der Gestalt, wie im
Schall scheinen sie den schweizerischen Alphörnern ähnlich ge-
wesen zu sein. Denn sie sind heutzutage fast durchweg ver-
schwunden.
Die hier neu gebotenen Lieder sind ähnlich geordnet und
eingerichtet wie die des ersten Bandes. Unter dem litauischen
Texte steht der so genau wie möglich (also mit Verzicht auf °
den Endreim) übersetzte deutsche, und darüber die musikalische
Melodie, welche genau so gegeben ist, wie sie der Volksmund
singt und spielt. (Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes,)
ee
vg’ BB A a a
y- *
eh en
Mitteilungen
(ler
Litauischen literarischen Gesellschaft.
VS j
(IT. 4.).
Inhalt:
' Nr: 20. Hochzeitsbräuche der Wielonischen Litaner von Juszliewier. Übersetzt |
ı von 4. Petry unter «ler Redaktion von I. Bandowin» de Courtenays (Schluss.)
- Nr. 21. Bin: Bericht itber Reste Tettischen Heidentwns. Mitgeteilt von Karl
| Lohmeyer. — Nr: 22. Zw Geschichte-der-Jitanischen Gesangbiieber von H. Sehimede: |
| Nr 23. -Kassenberieht-von- Dis E, Siemering: N»—24-Zur Geschichte der-|
Gesellsehaft von’ H. Kuntel. Nr. 25, Litteramrberielrt. |
EINE ——— —
Heidelberg. |
Carl Winters Universitätsbuchhandlung.
(In Commission.) |
1891.
Made
=
ie „Mitteilungen“ der Litauischen litterarischen Gesell-
D schaft erscheinen in zwanglosen Heften und gehen den
Mitgliedern kostenfrei zu, im Buchhandel sind sie von Carl
Winters ÜUniversitätsbuchhandlung in Heidelberg zu
beziehen.
Das Sekretariat.
Hochzeitsbräuche der Wielonifhen Litauer.)
(Schluß.)
405) Der Laib Brot der jungen Frau)
Ein großer Laib Brot, mit einem Kreuze in der Mitte umd mit
Beetenjcheiben?) von allen Seiten verziert (ausgehöhlt), Tiegt quer über
den ganzen Tiich; zu demjelben führt die Hochzeitsmutter die gehaubte
junge Frau und fagt ihr: „Hüte dieſes Brot, damit es niemals in
deinem Haufe ausgehe; jorge für guten, verſchlagſamen (fich nur langſam
verbrauchenden) Sauerteig, und bisweilen auch für eine Handmühle.“
Die junge rau antwortet: „Gebe Gott, daß ich mahle, wenigjtens nicht
Hunger leide." Darauf füht die junge Frau das Brot und [ebenjo füllen
es] alle Hochzeitzgäfte, um feinen Wert zu zeigen, [worauf] fich alle
zu Tiſche feßen. Dieſer Laib Brot liegt während der [ganzen] Hochzeit
auf dem Tiſche.
41) Das Auslaufen der Bank von Seiten der
Hochzeitsmutter.
Wenn die Hochzeitsmutter nach dem Aufwecken [der Neuvermählten]
. aus der Kleete gekommen ift, muß fie die von den Mädchen bejegte
Bank ausfaufen, indem fie den Sitzenden einen laden Weißbrot und
1) Siehe Heft 14, II. 2, ©. 134 und Heft 15., III. 3, ©. 201.
2) Diefe Nummer, 40b = Juszkiewicz’8 16. Beilage (Svotb. röda, 101).
3, In den geformten Weißbrotteig werden von allen Seiten verjchiedenartig
geferbte Scheiben roter Beeten eingedrüdt. Die Scheiben werden wieder herunter-
genommen, wenn fie den weißen Teig genügend gefärbt haben und der Abbrud
von ihnen deutlich genug if, Das Kreuz in der Mitte des Brotes ift wol erhaben
aus demfelben Teig gemacht, Der fo gefärbte und plaftifch verzierte Teig wird
hierauf in den Ofen geichoben. P.
22
— 32 —
eine Flaſche Met oder Wein giebt. Die Hochzeitsmutter fteht, jolange
fie die Banf ausfauft, (auf dem Fußboden) im Zimmer.
Die Mädchen gehen längs dem Ehrenplage in den Zimmerraum
und fingen:
1. Kam gefahr'n die Hochzeitsmutter, || 5. Selbit it fie, wie eine Roſe,
Hatte ſich bededt mit Blättern. Und ihr Weißbrot, wieStümhaufen?);
2, Ram gefahr’n‘) die Hochzeitämutter, || 6. Selbit ift fie, wie eine Biene,
Hat den Kopf beitedt mit Fenchel. Und ihr Bier, wie füßer Honig).
3. Kam gefahren in dem Schlitten, 7. Geize nicht, du Hochzeitämutter,
Hatte fich beitedt mit Roſen. Stelle uns ein volles Krüglein.
4, Unſ're Hochzeitsmutter-Weißhand, || 8. Gieb ein Krüglein auch dem Marſchall
Bäderin des feinen Weikbrot3. Und ein Glas dem Hochzeitslader.
9, Wirſt berühmt dann, Hochzeitämutter,
Wenn du herholit aus den Winkeln.
42) Das Ausfaufen des Kopfkiſſens ſeitens der
Schwiegertodter.
Wenn die junge Frau, nachdem fie aus der Kleete, mit dem
Srauenfopftuche verjehen, ins Zimmer gefommen ift, die Eltern
ihre Mannes am Ehrenplate auf dem Kopfkiſſen fißen findet, muß
ſie [leßteres] auslöfen, indem fie der Schwiegermutter ein Stüd Leinwand
mit einem Zierbande giebt, Dem Schwiegervater aber ein Hemd und einen
Gürtel; und nachdem fie die Bank von den Eltern losgekauft Hat,
jeßen fich die jungen Leute auf das Kopfkiffen an den Tiſch ganz in
der Ede (= Chrenede).
Die junge Frau bringt aus ihrem Hauje einen Laib Brot mit
und legt ihn mit ihren [eigenen] Händen auf den Tiſch; fie Hat ihren
Zeller, ein Salzfaß mit Salz, eine Schüffel, einen Löffel, ein Meſſer
und eine Gabel.
1) sc. im Wagen (= rätajs). P.
2) Das weiße, Iodere Weißbrot wird mit den an den Zäunen friihangemwehten
Stümhaufen (Schneehaufen) verglichen. P.
9 Im litauiſchen Tert ſteht freilich nicht „medhtis“ — Honig, ſondern
„midutis“‘ — Met. Doc) fcheint mir erſteres beffer in den Vergleich Hineinzupaffen;
dazu wird ja auch Honig zum Met zugefügt. P,
— —— —
— 323 —
43) Das Zufammenfigen‘), nahdem die Neuvermählten
aufgewedt jind. |
Ans Tiſchende jeßt fich auf dem Ehrenplatze auf das Kopffiffen
die HochzeitSmutter, die das Mittagseſſen unterwegs jpendiert hatte?) ; zur
Nechten der Hochzeitgmutter fißt der junge Ehemann und die junge
Frau; neben der jungen Frau fißt die Empfangs-Brautjchweiter, die
Schwägerin [und] der Reihe nach die anderen Brautjungfern des Bräutigams
{die junge Frau bindet ihnen Gürtel um!; darauf weiter die Marjchälle
und die Hochzeitögäfte des Bräutigams; auf dem Ende der Eleinen Bant
[fißt] neben der HochzeitSmutter der Freiwerber, weiter der Gaftbitter und
die andern Hochzeitzgäfte.
Nachdem die Hochzeitßmutter das junge Paar und die Hochzeitß-
gäſte an den Tiſch geführt Hat, giebt fie ihnen warmes Bier, das mit
Schmant „geweißt"?) ift, und einen Aufbiß, den fie aus der Kleete mit-
gebracht Hat: ihren Gänfebraten, Ferkelbraten mit Füllfel, gebratenes
und anderes Fleiſch.
Während deſſen Stehen die Mädchen, die Sängerinnen, (auf dem
Fußboden) im Zimmer den Effender gegenüber und fingen:
1. Rommet, Schweitern, an das Tiichlein,
Laßt uns fehen dieſes Häuflein!
2. Unſ're Hochzeitsmutter-Weißhand,
Bäckerin des feinen Weißbrots.
3. Unſ're Hochzeitsmutter ſitzt da,
Neben ſich das Metlein‘) haltend.
4. Geize nicht, du Hochzeitsmutter,
Stelle hin uns alles Metlein‘).
b. Kommet, Schmeitern, an das Tiſchlein,
Laßt uns fehen diefes Häuflein.
) Das Blacieren am Tifche nad) dem Ehrenrange der einzelnen 2er
perjonen.
2) C£. oben, Mo. 82, und 33., pag. 235 und unten, No. 48, pag. — B.
2) Bier mit Schmant gekocht, wozu als Zubiß harter nn gereicht
wird: Warmbier, Bierkäfe, P.
*) Im Text finden wir „midy“ (nicht das Deminutivum „midutj“), während
jonjt die meilten Subitantive in diefem Liebe, wie überhaupt in den litauiſchen
Liedern, in der Deminutivform erfcheinen. P.
22*
-— 324 —
. Unf’re Hochzeitsmutter-Weißhand,
Bäderin des feinen Weikbrot2.
. Unfre Hochzeitsmutter ſitzt Da,
Neben fi) den Braten haltend.
8. Geize nicht, du Hochzeitsmutter,
Stelle Hin uns allen Braten.
. Kommet, Schmweitern, an das Tiſchlein,
Laßt uns ſehen dieſes Häuflein!
10. Unſ're Hochzeitsmutter-Weißhand,
Bäckerin des feinen Weißbrots.
11. Unſ're Hochzeitsmutter ſitzt da,
Neben ſich das Weißbrot haltend.
12. Geize nicht, du Hochzeitsmutter,
Stelle hin uns alles Weißbrot.
13, Wir, die Mädchen, find wie Bienlein,
Uns genügt fchon je ein Löff'lchen,
14, Und vom Braten je ein Biblein,
Und vom Weinlein je ein Gläschen.
44) Tunz, nachdem die Neuvermählten aufgewedt jind.
Nachdem das junge Paar und alle Hochzeitsgälte aufgebifjen
haben, führt man zum erften Mal das vermählte junge Paar, nachdem
fie aufgewedt worden find, vom Tiſche ind Zimmer zum Tanz heraus.
Der Freimerber der Braut führt die HochzeitSmutter, der Braut-
Marſchall — den Bräutigam, der Bräutigams-Marſchall — die junge
Frau, der Gaftbitter der Braut — die Empfangsbrautjungfer.
Nachdem fie ein paarmal im Zimmer herumgetanzt haben, Laffen
fie die Neuvermählten al3 ein Baar zujfammen tanzen. Darauf geht
ein jeder von den Hochzeitsgäften, der Luft hat, tanzen.
45) Das Hühnerdieben.
Nach fröhlidem Tanze bei Dudelfad-, Geigen- und Trommel-
Muſik gehen alle Hochzeitsgäfte zufammen mit den Mädchen, Hühner
zu dieben, oder Hochzeitäbefuche zur machen, der Reihe nad) zu den
Nachbaren, die nur immer zur Hochzeit geladen waren. Dort tanzen
fie, amüſieren fich, fingen und fcherzen in einem jeden Haufe; die
Wirtinnen aber nehmen fie mit Speife und Trank auf. Inzwiſchen
lauern fie auf ihren Hochzeitsbefuchen, wie fie auf eine gewandte Art
er)
—1
—
3990:
irgend etwas entwenden fünnten, — jet es ein Huhn, oder einen Hahn
oder auch einen Hund, wenn es nur etwas Lebendes ift, — umd fteden
ed, wenn fie es ergriffen, in einen Sad; oder fie nehmen etwas
von den Wirtjchaftögeräten: einen Chlöffel, einen Kochlöffel, eine
Schüfjel [oder] Bratpfanne. Und, nachdem fie alles in den Sad geſteckt,
bringen ſie es der jungen Frau für den erften Anfang und geben e3
ihr ab, nachdem fie e3 nach Haufe gebracht haben, Während der
Hühnerdieberei fingen fie ein jolches Lied:
1. Heiliger, heiliger Herr Gott, | 3. Heil’ger, heil’ger Herr Gott,
w'ger Vater unf’res Lebens! ee Bater — Lebens!
ge jegne dieſes Häuschen Segue, fegne Diefed3 Häuschen
Und den heben Wirt des Häuscheng || Und des Häuschens liebe Wirtin
Für fein gutes Herze. Für ihr gutes Herze.
2. Ihm, der gab jo viele Krüglein, 4. N Die gab fo viele Bißlein,
übe Gott 10 viele TZönnden übe Gott fo viele Mäßlein
Bier und Met und Gerſtenbierlein, —IF Gerſte, Haferkörnlein,
Vollgefüllt all' halben Fäßlein, Vollgefüllt all' Kornes-Käſtlein,
ür ſein gutes Herze. Für ihr gutes Herze.
46) Die Begleiter der jungen Frau.
Wenn die ganze Hochzeitsgeſellſchaft auf die Hühnerdieberei aus—
gegangen iſt, kommen die Begleiter der jungen Frau, mit Rauten
b eſteckt, mit Geſang zur Hochzeit an.
Der Begleiter der jungen Frau müſſen zweimal ſo viel ſein, als
der des Mannes. Wenn von den Bräutigamsbegleitern neun ſind, ſo
müſſen von Seiten der Braut doppelt ſo viele ſein, d. h. achtzehn.
Die Begleiter amüſieren ſich, tanzen und ſingen während der
ganzen Hochzeit bis zum Schluß zuſammen mit den Hochzeitsgäſten.
47) Das Schmücken des Wohnzimmers.
Wenn die Hochzeitsgäſte ſpät am Abend von der Hühnerdieberei
zurückgekehrt ſind, räumt der Bruder der jungen Frau, der mit dem
Brautſchatze angekommen iſt, mit ſeinen Brüdern das Wohnzimmer auf,
ſchmückt die Wand, d. h. ſchlägt (Hämmert) in die Wand Holzkiene ein,
mit klingendem Ortſcheit auf das Stemmeiſen (auf den Meißel) hämmernd,
ſtellt dreimal neun Lichte ein, welche die junge Frau von ihren Eltern
mitgebracht hat, zündet fie an und hängt einem jeden Lichte gegenüber
ein neue Handtuch an die Wand. Diefe Tücher nimmt er früh am
folgenden Morgen von der Wand herunter, bevor noch die Gäſte zu—
Jammen gefommen find.
— 326 —
Nachdem die Lichte angezündet find, führt der Schwiegervater
jder Vater des Mannes} vor dem Brantmittage einen Dehjen in?
Wohnzimmer hinein als Geſchenk der Schwiegertochter für die Ber
leuchtung; die Neuvermählte aber widelt um die Hörner zwei Stüd Lein-
wand: eins für Den Schwiegervater, das andere für die Schwiegermutter.
48) Der Braufmittag.?)
Die Mittags-HochzeitSmutter fpendet den Brautmittag ; der jungen
Frau gehören die Lichte, die neuen Tifchtücher und das Weikbrot, der
Hochzeitäfuchen aber der Hochzeitämutter.
Die Schwiegermutter läßt der Schwiegertochter das Kopfkiſſen
zum Brauimittage?), die Schwiegertochter aber giebt dafür der Schwieger:
mutter ein Stüd Leinwand und ſteckt es an den Unterrod an.
Das junge Paar jet man an den Tiſch auf das Kopffifien.
Die Brüder des Bräutigams ſetzen fich neben die Brautjungfer an der
Tiſch, der Brautmarichall aber und der Gaftbitter bedienen, tragen
Getränke und Speijen auf den Tiich auf.
Die Mädchen, die Sängerinnen, ftehen (auf dem Fußboden) im
Zimmer und befingen die Effenden: die Hochzeitgmutter, das junge Baar,
die Hochzeitgäfte, die Brautjungfern und andere Gäfte, die einen Knochen
bearbeiten, gierig benagen.
1. Komme, lieb' Schweſter, 3. Weiß find die Wänglein,
Laß uns doch ſehen, Wie Hirſchhollunder;
Wie der unſ'ren Hübſch iſt das Köpflein,
Freierin“) Augen. Ganz wie ein Äpf'lein.
| Breifend.} | Schmähend.}
2. Schwarz find die Äuglein, 4. Komme, lieb’ Schweiter,
Wie die BocdSbeerlein, Laß uns doch fehen,
Weiß (glänzend) find die Wänglein, Wie der unf'ren
Wie Hirichhollunder.‘) Brautjungfer Augen.
1) Marti bedeutet „Braut“ und „Schwiegertochter”; in diefem Falle tft wol
unter märöpietis zu bverftehen: „Mittageffen zu Chren der Schwiegertochter“,
Schtwiegertochtermittageffen. R.
2) Aäumt der Schtwiegertochter, der zu Ehren das Diner gegeben wird, den
Ehrenplatz auf dem Kiffen ein. P.
2) Freierin — Hochzeitsmutter, P:
4, Hirfchhollunderbeeren, Kalintenbeeren. B.
— — — — —
—
b. Nachteulen-Köpflein, 7. Komme, lieb' Schweſter,
Augen der Eule, Laß uns doch ſehen,
Augenwimpern; Wie des unſ'ren
Mausgrauen Schweinleins. Marſchalles Augen.
6. Mausgrauen Schweinleins 8. Schwarz find die Äuglein,
Augenmwimpern, Nie die BodSbeerlein;
Rot find die Wänglein, Weiß find die Wänglein,
Wie eines (häßlichen) Frojches.') Wie Hirſchhollunder;
* * Hübſch iſt das Köpflein,
Ganz, wie ein Apflein.?)
Die Hochzeitsmutter ſchickt den jungen Sängerinnen durch den
Sajtbitter einen Teller aufgejchnittenen Fleiſches, Weißbrot und Bier.
Der Gaſtbitter (Hochzeitzlader) bringt eine Handvoll Stroh, oder
Spänden, Pergelchen (Splitterchen) zum Ausftochern [und] Reinigen
der Zähne.
49) Die Schwiegertochter mitten im Zimmer.
Nach dem Brautmittage geht die junge Frau vom Tijche mitten
ing Zimmer; in den Kreis Hinausgetreten, trinkt fie Met oder Wein
und gießt nach oben gegen die Duerbalfen (Stubendede); darauf aber
geht ſie mit dem Manne tanzen. Nachdem fie dreimal herumgetanzt, küßt
jte fie) mit dem Manne und jegt fich wieder an den Tiſch.
50) Tanz nad dem Brautmittage.
Nachdem man ſich während des Brautmittages ſatt gegejjen und
getrunten Hat, führt man das junge Paar und die Hochzeitsgäfte in
der befannten Ordnung, wie nach dem Erweden [sc. der Neuvermählten],
zum Tanz.
Nachdem man dreimal herumgetanzt hat, läßt man das junge
Paar als ein Paar zuſammen tanzen und, nachdem man darauf noch
eine furze Weile getanzt, ſetzt man ſich, um fich zu erholen.
51) Die Berteilung der Geſchenke.?)
Zwei Begleiter, beide Brüder der jungen Frau, twideln (hängen)
(laden) auf eine Stange Leinwand, Handtücher — die Geſchenke der jungen
Frau — und tragen fie auf den Schultern aus der Kleete ins Wohnhaus.
!) Nü26 = ein großer Froſch. J.
2) So befinge einen jeden Hochzeitsgaſt preifend, Ihmähend aber den Freis
iwerber und den Gaftbitter. J.
°) Hiezu cf. Dr. L. v. Schroedgr’s Werf pag. 159 ff. P.
— 323 —
Während der Gaftbitter mit einem Lichte Teuchtet, tanzt Die junge
Frau mit der HochzeitSmutter vor denen, die die Sachen tragen, im
Zimmer ſich in die Runde drehend. Die junge Frau nimmt [diefe Sachen]
von der Stange herunter und verteilt [fie Junter die Verwandten des Mannes.
Zuerft [giebt fie]den Eltern! )}dem Schwiegervater und der Schwiegermutter),
darauf den Schwägern?), Schwägerinnen, den Onfeln?) und ihren Frauen?),
den Tanten*) und ihren Männern?), den Bruderjöhnen, den Brudertöchtern,
den Couſinen (? Nichten, Schweitertöchtern)®) und der entfernteren Ver—⸗
wandtichaft, indem fie einem jeden ein Stück Leinwand auf den Hals
auflegt, jich vor einem jeden verneigt und einem jeden die Hand küßt,
big ste [die Sachen] verteilt Hat.”)
Ebenſo giebt ſie Stüde Leinwand den Geiftlichen, welche auf der
Hochzeit anweſend find, der HochzeitSmutter, dem Freiwerber, dem Gaſt—
bitter und den anderen unumgängfichen [Hochzeitsperjonen].
52) Der Hochzeitsfuchen der HochzeitSmutter.
[Karvölus®) svociös.]
Nachdem das Gewebe als Gejchent verteilt worden ift, bringt der
Marichall der jungen Frau nach dem Brautmittage aus der Kleete den
) Of. die Anmerkung 1. zu pag. 145 und Anmerkung 1. zu 152.
Nah Kurſchat's „Wörterbuch der litauifchen Sprache” (II, Halle a. ©., 1883):
2) deds — der Bruder des Vaters oder auch der er bon der
Schweſter der Mutter.
9) dediöne = die Frau des dedd oder des dedis (Oheim, Onkel); die
Tante, des Vaters oder der Mutter Schwefter, oder des Oheims Frau.
%) teta — des Vaters oder der Mutter Schwefter, Tante.
5) tetönas— des Vaters oder der Mutter Bruder, Oheim, Onfel,
6) seseryezia — (in Samog.) die Schweftertodter.
Nah Neſſelmann's „Wörterbuch der litauifchen Sprache” (Königsberg, 1851):
2) ded& — de3 Vaters Bruder, der Oheim.
) dödene — des Oheims Frau.
tetönas — der Tante Ehemann.
) sesseryozia — die Bafe, die Tochter der Schweiter un un
Plur. sesseryczios, die Töchter zweier Schweitern,
7) Wenn die Schwiegertochter arm ift, dann trägt ein Begleiter, = Bruder
der Nenvermählten, die Geſchenke aus der Kleete, indem er die Leinwandftüde und
die Handtücher [ich] auf die Schultern legt; und mährend der Gajtbitter leuchtet,
tanzt er allein, ohne das Baar, fid im Pimmer in die Runde drehend. Die junge
Frau nimmt die Geſchenke von feinen Schultern und verteilt jie unter Die Verwandten
des Mannes. J:
°) Wie Juszkiewicz bemerkt, nennen ihn andere auch „kurvöjus“ und
„Karvöjus‘‘; vergl. ruf, „Kapanaũ“. P.
ine genauere Beſchreibung des „karvölus“ findet man in der 8. Beilage
— 17, Beilage Juszkiewicz’s (Svotb. röda, 101—102). B.
— 3293 —
Hochzeitskuchen, den er fich auf den Kopf gelegt hat; diefer Kuchen ift
mit Rauten, Flitterwerf [und] dreimal neun brennenden Kerzen beſteckt.
Bor dem den Hochzeitskuchen bringenden [Marjchalle] tanzt die
junge Frau mit der HochzeitSmutter im Zimmer, während der Gajtbitter
mit einem Lichte leuchtet und alle Hochzeitsgäfte ftehend [oder] fitend
zujehen; oder der Marfchall ſelbſt tanzt mit dem Hochzeitöfuchen auf dem
Kopfe, vom Gaftbitter mit einem Lichte im Zimmer begleitet.
Nachdem der Marjchall im Zimmer einige Male herumgetanzt
hat, legt er den Hochzeitsfuchen auf den Tiſch dem Freiwerber gegen:
über hin; big die Kerzen ausbrennen, Tiegt der Hochzeitfuchen auf dem
Tide. Wenn es aber die junge Frau will, jo Löfcht fie die Kerzen
auf dem Hochzeitäfuchen aus, indem ſie ein Tiſchtuch über dieſelben
wirft, jolange (als) er (dev Hochzeitäfuchen) noch auf dem Kopf ge-
tragen wird; und dieſes Tiſchtuch bekommt die Hochzeitämutter.
Der Freiwerber der jungen Frau zerjchneidet den Hochzeitskuchen
und, während der Schwiegervater anmweilt, wem man geben foll, der
Gaſtbitter aber mit einem Lichte leuchtet, bringt [der jedesmal genannten
Perſon] der Marſchall der jungen Frau, ausrufend, auf einen Teller
ein Stüd Hochzeitäfuchen und ein Glas Met oder Wein; [dieje Be—
wirtung ſetzt er fort] bis er einem jeden jein Teil hat zufommen laſſen.
Zuerſt giebt er ein Stüd Hochzeitsfuchen und ein Glas Met oder
Wein der jungen rau, welche mit ihrem Manne am (Hinter dem) Tiſche
jißt, wobet er ihren neuen Familiennamen — nun (ſchon) nach dem des
Mannes — audruft. Darauf bringt der Marſchall einen Teller mit einem
Stud Hochzeitsfuchen und einem Getränf dem Schiviegervater, der
Schwiegermutter, der ganzen Verwandtichaft des jungen Mannes und
den Gäjten, indem er ausruft: „Wo, auf welcher Straße lebt Dabkus?“
jhierbei nennt er den Namen und Familiennamen}; und nachdem er
Ithn (diefen Teller)] gebracht hat, jagt er: „bitte Noggenblut und
Weizenähre anzunehmen“. Wenn er aber zum Freiwerber, der das Amt
des Auffchneidens hat, zurücdgelommen it, jagt er: „man dankte liebens—
wärdig und bat um noch mehr”. Und jo läßt er der ganzen Verwandtichait
— 3300 —
des jungen Mannes und den Gäften ihr Teil zufommen Was vom
Hochzeitskuchen übrig bleibt, bleibt für die junge Frau.
53) Der Hochzeitskuchen des Schwiegervaterg!).
Nachdem der Schwiegervater Mittwoch gegen Abend das Gros
(den größten Teil) der Hochzeitsgäfte hinausbegleitet hat, traftiert er
mit einem Krüglein alle Verwandten und Nichtverwandten, [und] die
[ihm beſonders] Tieben Gäfte. |
Am Donnerstage legt fich der Schwiegervater feinen mit fünf auf-
vechtitehenden Federn beſteckten Hochzeitskuchen auf den Kopf umd,
nachdem er mit jeiner Frau im Zimmer in die Runde getanzt, legt er
ihn auf den Tiſch der Hochzeitsmutter gegenüber hin, welche am Tiſch—
ende auf dem Ehrenplabe ſitzt. Die Neuvermählten figen am (Hinter
dem) Tiſche und die anderen, die Gäſte und Gaftinnen, um den
Tisch herum.
Nach dem Mittagefjen verteilt der Schwiegervater zum Abfchied
jeinen Hochzeitöfuchen unter alle Hochzeitögäfte.
Der Mann der Hochzeitsmutter zieht (züchtet) (füttert groß) Blut—
egel?), um der jungen Frau von einer heißen (? entzündeten) Stelle das
Blut ablaufen zu Iafjen?), und deshalb zieht er, während er Mittag
ißt, aus dem Tzleifche die weißen Sehnen heraus und legt fie auf den Tiſch.
54) Das Hängen des Freiwerbers.
Wenn die Hochzeit ihrem Ende naht, hängen die Hochzeitsgäfte
jubelnd (tobend) und feherzend den Freiwerber für [feine] Lügen auf
folgende Weife:
a) Der Richter.
Wenn man den Freiwerber zu hängen bejchlofjen (beabfichtigt), wählen
die Hochzeitsgäfte unter fich einen zum Richter; dem Erwählten binden fie
ein Kopfkiſſen auf den Bauch, Legen ihm prächtige Paradefleider um,
ziehen ihm eine Phantafiemüge über den Kopf und fegen ihn angejichts
aller Gäfte auf einen Lehnftuhl; und er, wie auf einem Throne
ſitzend, fpricht fein Urteil aus, wie man den Freiwerber hängen müſſe.
") sc. des Schwiegervaters der Braut. P.
2) D. h. er zieht (Tieft) weiße Adern aus dem Fleiſche heraus. (af). J.
2) D. 5. wahrſcheinlich, damit fie für den Fall einer Entzündung Blutegel
im Haufe habe. Oder ift das vielleicht eine Anfpielung auf die unmittelbaren Folgen
der Brauinadht? B.
— 331 —
Ob an den Füßen, oder am Halfe, oder an den Händen oder über den
Leib. Mit was für einem Strid man hängen müffe? Ob mit einem
aus Stroh, oder aus Baumbaft, oder aus Weidenruten, oder aus
Hanf, oder aus Erbſenſtroh. Wo man ihn hängen fol? Ob hoch an
den Querbalfen der Lage (Stubendede), oder unter dem Vordach, oder
am Querbalken der Pforte, oder unter einem dürren Baumftamme, oder
unter einem grünenden Baum, oder an den Galgen; ob auf dem Hofe oder
auf dem Bleichplage Hinter der Scheune Und feinem Urteilsſpruche
gemäß hängt man den reiwerber meiftenteil® auf dem Hofe unter
einer grünenden Linde auf.
Die Rede — und die Verurteilung des Freiwerbers
zum Tode.
„Die Verurteilung des Freiwerbers, des großen Lügner, des
müßigen Diebe, der einen lebendigen Menfchen geftohlen hat. Ich
bitte Euer Gnaden, ihr Herren Gäfte und Frau Gaftinnen, höret dieſe
Berurteilung an.
„Diele rühmliche und graufige Verurteilung it veröffentlicht worden
vom erſten Könige von „Zigita“ ) in dieſem, dem, jenem Jahre, —
Giltins?) weiß, in welchem Sahre, im November Monat am 21. Tage,
das heißt damals:
„als Hunde von Klagen zu Tode gebifjfen wurden; zu der Zeit
Ichoren die alten Weiber — Kälber, der Fuchs aber, der in der Sonne
jaß und hinſah, lachte über jene alten Weiber;
„als die Stöde Blüten trugen; zu der Zeit faßen die Mäpdchen
wie die allertenerjten Ziegenpilze?), auseinandergejpreizt und ausgejtredt;
zu der Beit jchneite e& Weißbrot und regnete es Kringel, [und] Eifen-
\hnäbler‘) flogen über jene Land und ſahen, wo e3 nicht nötig war?),
y „Zigita“ ift vielleicht durch Verftümmelung aus „Samogitia“ entitanden (2).
Es zeigt ung dieſe Stelle, daß das jegige Titauifche Wolf noch etwas von einem
„Königreich“ Litauen weiß.
2) Die Todesgöttin,
2) Eine Art Pilze.
4, Ssrgend ein mythilcher Vogel.
5) d, h. wohin fie nicht fehen follten,
a BB
— 332 —
mit fchielenden Augen durch die Löcher; als fie damals flogen, ließen
fie jenen Mädchen fettes Blut zurüd!) ;
„als der Wolf mit der Ziege zulammen eine Hochzeit abhielten;
damal® war der Dachs — Koch, der Sperling war Freiwerber, Die
Elſter bereitete Bier, der Holzhader (Buntfpecht) hadte Holz, der Haje
Ihlug die Trommel, das Schwein blies dag Ziegenhorn, die Nachtigall
jang Zriller vor, das Reh tanzte mit der Ziege die „Eule”?);
„al8 der Pferde Zähne Elangen [und] tönten; damal$ waren
große Wunder: der Bär drücdte den Dudelſack und blies die Dudeljad-
pfeife, die Schweden?) bliefent) durch den Bart dem Schwein ins
Schwänzchen, der Hahn bellte, der Hund Frähte, der Kuckuck girrte, die
Taube rief „kuckuck“, als ob fie aus ihrer Stiefeljchaft Ichöße?), und bie
Eidechſe jah, ſich zurückwendend, auf den Kudud;
„al die Mäufe den Kater fchalten; damals hielten Wölfe mit
Biegen Hochzeit; und da fie ſich vor jo großer Fröhlichfeit nicht enthalten
fonnten, gingen fie jdie Wölfe mit den Ziegen! zum Tanz heraus.
Auch wir willen, welch eine Gewohnheit die Wölfe haben: wie die
Hunde: während fte fich drehten, bepißten fie fich ſogar vor dieſer Freude;
begannen, wie über Schütt), hintenauszufchlagen und jchlugen mit den
Hinterfügen aus einem Baumftumpfe ein vecht fleines Knäblein, wie
eine Bohnengarbe, heraus, einen Lügner und müßigen Dieb.
„Dieſes Knäblein nun war recht ſchlau und gewandt (gerieben),
wie der untere Stein einer Handmühle; fich hin und her drehend, faßte
er den Wolf beim Schwanz ganz am Stumpf und ließ nicht los; und
der Wolf, der jehr erjchraf, glaubte, daß ihn der Ziegenbod beim Schwanz
1) Unklar. B.
2) Irgend ein Tanz. P.
3) Zuödaj — „Fifchireffer”, wol eine , des Volks⸗
namens Schweden. B.
*) triübyti = das Hirtenhorn blajen. 1
5) Die Stelle ift unklar! Vielleicht iſt fie eine ſtarke Hyperbel, wobei der
Kuckuckruf init einem Schuß verglichen wird; der Lauf, aus dem geſchoſſen wird, ift
auch ſehr hyperboliſch mit einer Stiefelſchaft verglichen; die Stiefelſchaft erinnert
vielleicht an einen Kanonenlauf (2). Pr:
°) kensas — Maulwurfhügel, Schütt, Erdhäufchen. P
— 333 —
teftbefommen habe. Als er durd) das Dorf Kepälei — durd) das Weiden-
und Nußholzgejträuch der Gehöfte Tief, als er (der Wolf) ſich [Hin und
her] drehte, da wurde ihm (dem Wolfe) das Knäblein vom Schwanze
abgeriſſen.
„Dieſes Knäblein mit dem Wolfsſchwanze iſt im Dorfe Kepälei
unter Baummaſſen (Baumhaufen) [und] unter ſteinigem Holz") aufge—
wachſen; und man erſann für dieſes Knäblein den Vornamen „Dieb“
und den Zunamen „Lügner“; und er iſt wirklich groß aufgewachſen,
nicht klein, ein nichtsnutziger Lügner über allen Lügnern und ein müßiger
Dieb, der einen lebendigen Menſchen geſtohlen hat.
„Ein müßiger Dieb, der Pelöciai?) beſtohlen und um Klangei
herum alle Ziegen abgeſchlachtet hat. Im Dorfe Vazbutai hat er den
Speck und die harten (? gedörrten) Erbſen herausgeſtohlen; für die
harten Erbſen zeigte er die kahlen Hoden?), nachdem er ſich von der Frau
des Ilkis aus Luke?) ein kleines Stüdchen Lunge ausgebeten Hatte.
Wenn ihn aber der Ilkis feſt befommen hätte, hätte er ihm die Hofen
heruntergezogen.
„Er war unbändig und mutig, wie ein Eber und Ferkel, er wurde
augfaftriert. Er war überall in den Büchern verzeichnet; war gebeten worden,
Mädchen, Wittwen und alte Weiber zu freien. Er harrte feines Todes
und man zog ihm eine Sehne?) heraus; er Hatte nichts; Hing allein,
wie ein Rührſtock (Quirlſtock), [war] nadi, nicht einmal den Kindern
wird etwas bleiben.
„Damals jollte Paurys eine Gattin aus dem Dorfe Grrauziönaj
heimführen, aus dem Haufe des Stanitlus. Damals fam diefer Dieb in
1) ‚akmenü mälka“ — Gteinholg, alfo irgend eine fehr harte Holzart
(vielleicht „Steineihe”?). P.
Wol viel einfacher: „unter dem aus Steinen —— (gehackten) Holze.“
B.
>) Füge basjenige Dorf ein, aus dem das Mädchen heiratet. J.
2) UZ Zirnius kiötus parode plikus riö&us — mol hauptjählic des
Reimes wegen. B,
4, IIkiönd aus dem Städtchen Luke ift der Name einer Jüdin. Ilkis
ift ihr Mann. — Kigngej und Grauziönaj find Dörfer in der Wielonifchen,
Pehiöej aber und Vazbutäj in der Butkiskischen Parodie, J.
5) Scheint eine Andeutung auf die Folter zu fein, P.
— 34 —
da3 Haus eines Mädchens und verführte fie durch Lügengefchichten mit
diefen Worten: „Heirate, junges, hehres Mädchen, in dies reiche Haus
hinein. Du wirft da finden: mit Käſe find die Brücden ausgepflaftert, Milch-
Teiche, Schmant-Brunnen, Bier-feller, Brantweinsflammern, die Pfähle
mit Heringen bejtedt, die Zäune find vermittelt Eingeweide zuſammen⸗
gebunden, Wurft-Zaunftadeten (? -Snoten), Honig-Duellen, mit Speckſeiten
find Die Dächer gedeckt, mit Wachs find die Ofen?) Steinofen, Kachelofen}
verflebt, aus Honig der Raum Hinter dem Badofen, mit Bienenftöcden
jind die Bretterzäune verzäunt, mit Korn find die Schoppen (?) ganz voll-
gefüllt, mit Butter find die neun Zwiſchenräume des Bfahlgerüftes?) voll-
gefüllt; die Weiber werden nicht ſchöpfen, ſſondern) mit den Baitlohlen
tragen’), mit den Najen rupfen (pflüden) *).“
„Seßt aber, wo wir nach diefen berühmten Orte gekommen find,
Durch dies Anpreijen bewogen, ift nicht einmal etwas da, was man in
den Mund (Hinter die Lippen) fteden könnte, nicht einmal eine Radnabe
könnteſt du anfüllen. Seht werden wir deine Wahrheit, wie eine Leuchte?)
aus dem Dfenwinfel®), herausfinden.
„Wir find aus dem berühmten Dorfe von „Staniulus“ hergeſchickt
worden und bejiten ein Vollmachtsichreiben, herausgegeben aus dem Milch-
topfe?) des Höllenofens zu dem Zwecke, daß es uns frei ftände, in allen
Winkeln, unter allen Betten, nad) allen Seiten und unter allen Bänfen
!) péèéius, -iaus (Murzel pek-, baden) — Badofen,
krösnis, -ies — Steinofen in Badeſtuben,
kakalys, -io = Ofen, „Kachel”=Ofen (wol in den Wohnzimmern?). P.
2) CH Anm, 1. zu pag. 219. P.
3) 9, h. etwa: Butter wird in folder Menge vorhanden fein, daß die Weiber
fie mit ihren Baftfohlen betreten werden. B.
+) „mit den Nafen zupfen” — unklar! Das lit. „su nösimis pes“ veimt
fich auf das vorhergehende „su rögstömis nes“, P.
5) Der Richter vergleicht das Glänzen und Leuchten der Wahrheit des Frei⸗
werbers mit dem Licht, das aus einer dunfeln Ofenede hervorleuchtet: Hinter den
großen Badofen dringt ja kaum ein Lichtftrahl; Folglich ift e ein dunkler Ehrenmann!
P.
6) Aus der oberen Wand des Ofenloches, aus dent Rauchloche im Ofen. B.
) Ein Holsgefäß von der Form eines Kegelitumpfes, ein Milchtopf, Topf.
P.
— 335° —
zu Suchen, fowol unter dem Bacdofen, als auch Hinter demfelben, am
liebiten aber am (hinter dem) Tijche,
„Wenn wir ihm aufgefunden, müffen wir ihm die Hand reichen
und ihn mit folgenden Worten begrüßen: „Set gegrüßt, lieber Freund,
du lang gejuchter. Seht, Herr Freimerber, haben wir deine Wahrheit
aufgefunden, Doch du wirſt micht am Leben bleiben. Berurteilen |
wird dich gerechterweile der Richter „Grigas*, der dickbäuchige, der
Fleiſcher, deſſen Bart wie eine Deichjel oder wie ein Kamin=(Schorntein-)
Stöpſeli)y. Er wird uns eine Wahrheit, wie eine Leuchte aus dem
Backofenwinkel, ſchaffen.““
Dies die gerechte Verurteilung (Abmeſſung) des Richters.
„Soll man ihn im Bette feſtbinden (zuſammenwickeln), mit Ruten
totprügeln? oder hinter das Weidengeſträuch führen, [und] mit Boro—
wikenſtengeln?) totſtechen? Soll man ihn Hinter drei Wände ſtellen und mit
Wollwideln?) totichlagen? Der Freiwerber hätte es verdient; auf ein Bohnen-
feld geführt und an einem Bohnenjtengel aufgehängt zu werden, oder
durch die Wand mit einem Wollwicel totgeftochen zu werden. Soll
man ihn auf ein Erbſengerüſte fegen und ihn mit Hunden zu Tode
been [und] von Kälbern totbeißen laſſen? Oder joll man ihn auf
Eisholz9 jeßen und ihn vom Eiſe totbrennen laſſen? Oder auf den
Badofen fegen und erfrieren laſſen? Oder neben einen warmen Badofen
jegen und totfrieren laffen? Oder joll man ihn neben einem Bierzapfen
verdurften laſſen? Oder ihn ins Feld laffen, von Mädchen umringen
laſſen, daß jie ihn umbrächten, daß ihn die alten Sungfern zerreigen?
Oder ſoll man ihn auf ein Holzfloß ftellen, ihn in den Fluß ftoßen
und jolche Worte jagen: „Geh', Herr Freiwerber, es iſt dir genug,
junge Leute zu betrügen und genug vor der Welt zu lügen; gehe
jeßt in den Tod”?
1) Ein mit Lumpen bewickeltes Stüd]H0lz zum Zuftopfen des Ofenjchloteg. P.
2) Baravykai — Auhpilze, Steinpilze eine der beften Arten von eßbaren
Pilzen, poln. borowiki, ruff. Goposnen. B.
°) Die zum Spinnen augsgetodte Wolle. P.
9 auf einen Scheiterhauſen, auf dem ſtatt Holz — Eis angezündet wird. P.
— 336 —
„Doch am beſten traget ihn Hinter den Nübengarten hinaus und
erhängt ihn an einer Birke oder am Galgen.
„Er bat ehrerbietig, man möchte ihn nicht hoch Hinaufziehen (auf-
heben), damit die Schuldner [ihn] erreichen könnten, um [ihm] Die
Schulden abzugeben und ihm über beide Enden zujfammenzugeben!).
„Doch verzage nicht, Herr Freiwerber; ſei fröhlich, wie der Ziegen—
bod; jei grimmig (unfreundlich), wie der Frühling ; fer nicht furchtiam
(fchen), wie das Schwein; ſei mutig, wie dad Schaf.
„Sch fehe: du ftehft, du ſitzeſt verzagt, ziehft die Prife nicht
ein. D, wenn ich mich dir näherte und dir über Die Zähne einen Hieb
verjeße,; o, wenn ich dir näher auf den Leib rückte und dir über Die
Zähne herüberführe (tüchtig fchlage)! O, die Mädchen und Weiber
werden jehen, wie Die Hunde deine Gedärme meiden werden. Es wird
fich finden, es wird herfliegen ein altes Weib, wird deinen allerbeiten?)
Magen (Darm) fortreigen. Sch werde auf Deiner Gnaden nicht achten;
weshalb haft du alle Ziegen des Pirskus getötet? Ich werde dic) aus
dDiefem Gebäude Hinausführen, werde Würfte und Brühe machen?); mit
Gerſtenſpreu wollen wir den Darm vollftopfen. Wenn du früher daran
gedacht Hätteft, hätteft du dich draußen ausgejchüttelt?). Auf dem benach-
darten Kälberplatzo) hat er fich den Ort ausgefucht, damit man ihn dort
aufhänge, damit er den Juden die Gärten nicht mehr pflüge.
„Was werden wir aber Gutes aus ihm machen? Wenn wir ihn
umgebracht haben werden, werden wir aus feinen Gliedern verjchiedene
Geräte haben: aus der Stirn wird eine Laterne fein; aus der Naje — eine
Flinte, ein Lauf; aus den Augen — Knöpfe für die Mädchen, [um] fich
zuzufnöpfen; aus dem Schnurrbart — eine Bürfte, um die Stiefel zu
jchmieren; aus den Haaren — Troddeln für den Griff des Spazier-
Ntodes; aus den Ohren — Mehlichaufeln (Kochlöffel); aus den Kinn-
1) D. h: über den Kopf und über den Hintern durchzuprügeln. B
2) Ironiſch! P.
3) sc. aus dir, aus deinem Fleiſche. P.
4) d. h. entleert, damit die Gedärme leer find. P.
°) hinter dem Hof ein eingezauntes Wieſenſtück für die Kälber, P
— 337 —
laden — ein Beil; aus den Zähnen — Meikel; aus den Lippen —
Schabeifen; aus der Kehle (Luftröhre) — eine Trompete; aus der
Zunge — ein Seil, um Zaunpfähle zu Spalten; aus der Gurgel
(Speijeröhre) — eine Schnur; aus dem Kopf — ein Topf; aus
den Kinnladen — Epgenzieher!); aus dem Bauch — eine Trommel;
aus dem Fell — ein Blafebalg; aus der Leber — ein Wetzſtein;
aus der Milz — ein Senjenjchleifftein; aus den Unterarmen — Rollen
zum Zeugwalzen; aus den Schienbeinen — Hämmer?) zum Holz-
jpalten; aus den Hüften — Wajchbläuel?) ; aus den Rippen-(Knochen)
— eine Kutjchet); aus den Eingeweiden — Saiten; aus den Darmenden
jelbjt — für die Mädchen Bänder; aus den Händen — Harfen; aus dem
Nabel — eine Kinderklapper für Kleine Mädchen; die Haare und Nägel
werden wir zu Peitſchenſchnüren zufammendrehen; aus dem Endesendchen?)
— ein Mundjtücdchen zum Aufjegen auf die Dudeljadpfeife; deine dicken
Hoden (? Oberjchentel) werden für die Hunde zwei Mettagejjen, für
die Kinder ein Mittagefjen fein; die Hoden — den Mägden.
„Empfinde num Neue, fchlage dich auf das Bauchende und auf
den Nüden.) Es jagten die Mädchen des Dorfes Pylei: man muß
dein Tel mit Hefe vollgiegen. Wenn es wicht erlaubt fein wird, Die
Kühe zu melfen, jo verfprachen fie die Ochſen zu melfen, nachdem fie
dieſe auf einen Berg mit fich Hingeführt.
„So endet jet mit diefen Worten diefe rühmliche und Furchtbare
Verurteilung dieſes Diebes, dieſes Lügenmenſchen.
„Wolan! wollen wir dieſen abſcheulichen Lügner und müßigen
Dieb nehmen und aufhängen.
1) Etwa ein Schwengel zur Egge? P.
2) Ein großer Block an einem Stiel, dienend zum Einjagen des Beiles oder
eines Keiles in die zu ſpaltenden Holzblöcke. P.
9) Ein kurzer, dicker Knüttel, der in ein flachgeſchnitienes Ende ausläuft; mit
dieſem Inſtrument wird die Wäſche während des Waſchens geſchlagen und gerieben.
| P.
9 Aus den Rippen — das Geltell zu einem MWagenverded. P
3) ? — die Eichel des männlichen Gliedes. P.
e) Reim: müskis i pilvu gäla ir j pakàda. B
228
— 333 —
„Unter dieſes Urteil haben ſich mitunterjchrieben die Siegler und
Sieglerinnen:
Pipelis aus Wielona,
Plümpis aus Telszy,
Bambizas au3 Schaulen,
Pizelis au$ Salanty,
Mizel& aus Skuda,
Magds aus Rossieny.!)
Ober:
Makalas aus Telszy,
Kotrö au Päakastuva,
Platnösa aus Plungs,
Vöpelis aus Svökäne],
Plumpis aus Satanty.?)”
) Die 5 eriten Worte in der Kolonne links (bis auf Mägde, welches ber
weibliche Eigennamen Magda ift) find gemeine, meift ordinäre Schimpfnamen, welde
unter dem obigen Todesdekret als Perſonen-Eigennamen fungieren:
Pipelis ift 3.8. bei Szagarren [Gouv. Kowno, Kreis Schaulen] die gemeine
Benennung des männlichen Gliebes;
Plümpis —?
Bambizas — Schmähnamen für die litauiſchen KRalviniften;
Pizelis — deminut. mascul, zu piz6 (pyzdà), die gemeine Benennung
für den weiblichen Schamteil;
Mizel& — deminut. femin. zu mizia, Pifferin, — das weibliche Harn⸗
glied [mezüu, mist; — harnen, piffen].
In ver Kolonne rechts find die Städte und Dörfer angegeben, aus denen bie
einzelnen Perſonen jtammen:
Telszy, Schaulen und Rossieny find freisftädte, Salanty ein
Städten (Marktflecken) im Kownoschen Goup,; Wielona und
Skuda Marktbörfer im felben Gouv. P.
2) Makadas iſt vielleicht eine dialektiſche Verſtümmelung von Mikelis,
Mikas — Michael;
Kotrd — verfürzt aus Katherina;
Platnösa [platüs, breit 4 nösis, Nafe] = „Breitnag”, — Eine, die
eine breite Naje hat.
Venelis —?
Plümpis —? :
Pakastuva, Plung6 und Svökänej find wol Dorfnamen;
Piyngö — vielleicht auch das litauifche Städtchen Plungian;
Syöksn ej — vielleicht Wiekschni [Städtchen im Schaulschen Kreiſe an
der Romny=-Bahn]. P.
— 339 —
b) Die Strohpuppe.
Zu dieſem Zwecke!) fertigt man in der Darrtenne (Scheune) oder
im Schuppen aus dem (langen) Langſtroh ein Trugbild des Freiwerbers,
eine Strohpuppe, an, putzt fie nach dem Borbild eines Menfchen mit
einer Mütze, einem Mannesrocke, Hofen und Stiefeln aus, jeßt fie auf
einen Schimmel, und zwei Jungen zu Pferde, angefleidet wie Kriegsleute,
nehmen die Strohpuppe neben ſich in die Mitte und reiten felbftoritt auf
dem Hofe um die Gebäude herum, während die Hochzeitsgäfte zufehen.
Darauf ſchleppt der phantaftiich angefleidete Scharfrichter dieſe
Strohpuppe in’3 Wohnzimmer hinein; er fchwenft fie, Hantiert (tobt),
albert, macht mit ihr verjchiedene wunderliche Scherze, verlieft dieſem
vermeintlichen zzreiwerber das berühmte Todesurteil, daS vom Richter
für verfchiedene Lügen und Betrügereien gefällt worden iſt; und der
Scharfrichter zieht fie (die Strohpuppe) heimlich in's Vorhaus hinaus
und ftellt fie Hinter die Thüre oder in irgend einem Schlupfwinfel hin.
Der wirkliche Freiwerber fit im äußerſten Ehrenwinkel am Tiſche
zwilchen den Mädchen, die ihn lange Zeit dem Scharfrichter nicht aus—
liefern, welcher ihn mit einem Heuhaken?) auf irgend eine Weile aus
dem Ehrenwinfel herausbefommen will. Mean jcherzt, man albert und
net jich auf verjchtedene Art und Weile. Auf dem Dudelſack und auf
eigen wird ein Tanz aufgejpielt. Der Mann der Hochzeitmutter
führt — einen Rundtanz tanzend — jedesmal je eine Berjon von dem einen
und dem andern Ende des Tijches fort, läßt jie [die einzelnen Perſonen,
zujammen und jtellt fie zu einem Baar zuſammen. Wenn am Tifche
bereit Wenige jiten bleiben, dann wirft ihm [‚dem Freiwerber, der
Scharfrichter ein Stück Leinwand oder ein Tiſchtuch, dag er von der
jungen rau erhalten hat dieſe Leimvand oder Dies Tiſchtuch kommt dem
Freiwerber zut um den Hals und zieht ihn, nachdem er [ihn Hinter dem
Tiſche] niedergeduckt (untergetaucht) Hatte (?nachdem er die Schlinge zuge-
1) zum Zweck des Hüngens des Freiwerbers. P.
2) Das bier gebraudte pestük(a)s fol Synonym von kebenäk(a)s
fein; dieſes legte Wort aber wird von Kurschat als „ein Hafen mit zwei Zinken
zum Mift-Wufreißen oder -Abhaken“ erklärt. B.
224*
— 340 —
zogen), aug dem Ehrenwinkel zum Galgen, um ihn auf dem Hofe ai
den Aſt einer Linde oder irgend eine Baumes zu hängen.
Während der Freiwerber durch das Vorhaus geführt wird, ver
steckt er ich, der Scharfrichter aber ergreift die Puppe, führt fie mit
Lärm und Speftafel zum Galgen und hängt fie Hoch mit Strohftriden
auf; er fchießt einige Schüffe [auf fie] ab, und es fließt aus ihr Blut
I[roterj Beetenfaft oder Wafjer aus einer Quart-Flaſche, die umter den
Kleidern der Strohpuppe verſteckt war und von den Schüffen zerfprangt-
Des wirklichen Freimerbers Geift aber [Die Seele: der Freiwerber felbft}
erjcheint und zeigt fich auf dem First des Hauſes oder Stalles, quajtet
fih (ſchlägt fich) mit einem Badequaſt und pußt fich (reinigt ſich) mit
einem Bejenitumpf.
Nachdem der Scharfrichter darauf diefen vermeintlichen Freiwerber
jdie Puppel vom Galgen Herabgelafjen hat, jchleppt er ihn in's
Wohnzimmer, — wenn e3 aber Sommer ift, in das Gärtchen. Er
läßt ihn auf die Diele fallen; und, damit er ihn [‚diefen vermeintlichen
Sreiwerber, die Strohpuppe,] aus dem Wohnzimmer hinausſchleppe,
damit er [‚ver Scharfrichter,) ihm nicht Hier verwahre, Damit er J,der
Freiwerber,] nicht ftinfe), giebt die junge Frau [dem Scharfrichter] ein
Stück Leinwand oder ein Handtud).
Andere hängen den Freiwerber folgender Weile: Man pubt da
Pferd des Freiwerbers mit Stroh aus, das heikt, man bindet an den
Baum, an die Mähne, an den Sattel, an den Schweif und ar bie
Dede Strohbündel an. Der Freiwerber ſetzt fi) auf dies Pferd umd
nachdem er auf dem Hofe, im Garten oder auf dem Scheunenplage
umbergeritten, veitet er Dreimal her und bittet Alle, fie möchten ihm feine
Lüge verzeihen, weil er nicht ſchuld fei, da man ihm fo gejagt habe.
Die Brüder der jungen Frau aber verfuchen (lauern), für das Umbringen
ihrer Schweiter?), ihn zu ergreifen und aufzuhängen.
2) d. h.: zu berivefen anfange, P.
2) Das Heiraten eines Frauenzimmerg wird hier als einem Umbringen gleich
betrachtet. B.
— 341 —
Wenn e3 feinen geeigneten Baum giebt, dann macht man über
zwei Stangen den todbringenden Galgen!) und hat eine Puppe aus
Stroh, die nach dem Mufter eines Menfchen angefleidet ift jmit einer
Mütze, mit Stiefeln, Hofen und einem Mannsrodef. Wenn der Frei:
iwerber zum dritten Male, um abzubitten, herreitet, geht er beichämt
unter Allen herum, die Braut-Marjchälle aber hängen diefen Strohmann
am Halje an den Galgen und hinzureitend fchlagen fie ihm mit einer
Senje die Füße ab, fangen fie auf und eilen fort. Darauf baden fie
dem Strohmanne] den Hals ab, faſſen [ihn] an und ziehen [ihn] zur
Seite fort. Während deſſen lachen und fichern Alle.
55) Der Schluß der Hochzeit.
Nachdem man den Freiwerber für jeine Lügen aufgehängt hat,
zieht man einen Schlitten ins Wohnzimmer hinein, und, nachdem man
die Hochzeitgmutter Hineingejeßt hat, fährt man fie aus dem Wohn-
zimmer hinaus — und Damit endigt die Hochzeit. Die HochzeitSmutter
Eleidet fich in der Gelindejtube oder in der Kleete an und fährt fort.
Nachdem man die Hochzeitsmutter Hinausgefahren hat, treibt
man die Gäſte, al3 unnötige, hinaus und alle fahren fröhlich nach
Haufe, nachdem ſie „adieu“ gejagt und ſich zärtlich verabichiedet Haben.
Wenn e3 eine HochzeitSmutter der Braut giebt, dann fehrt diejelbe
‚diefe Hochzeitsmutter, wie auch] die Begleiter und alle Begleitjungfern
in's Brauthaus zurüd: und noch dort amüfteren fie fich, tanzen und fingen.
Die Begleiter von Geiten des jungen Mannes begleiten Die
Hochzeitsmutter und beendigen [die Hochzeit] unterwegs: trinken [ein-
ander] zu, bis fie genug haben.
Nur der Bruder der. jungen Frau allein bleibt bei ihr bis zur
Rückkehr.
56) Die Rückkehr.?)
[Der Beſuch.
Der zweite Bruder der jungen rau kommt geritten, um die Neu—
vermählten zu einer Rückkehr zu den Eltern der jungen Frau zu bitten.
) Mol indem man über fie einen Querbalfen legt, P;
2) sc. ins Elternhaus, P,
Meift am erften Sonntage nad) der Hochzeit fahren abends beide
eingeladenen Neuvermählten mit den Eltern des jungen Chemannes
zum Bejuch zu den Eltern der jungen Frau. Hier jubeln, tanzen und
fingen die zufanmtengeladenen näheren Verwandten, die ferneren Ver⸗
wandten!), die Gäfte, Gaftinnen und alle lieben [Berjonen].
Am Montage ehren die Neuvermählten mit den Eltern nad)
auſe zurüd.
van ; 57) Der Gegenbeſuch.
Häufig kommen am anderen (folgenden) Sonntage [jchon] Sonn:
abend abends die ebenjo?) gebetenen Eltern der jungen Frau [zum
Gegenbejuch] zu den Eltern des jungen Chemannes gefahren, jubeln,
tanzen, fingen fröhlich, und fehren Montag nad Haufe zurüd.
I. Beilage [gu Wr. 13, pag. 156 —164]. ?)
Neden der Gaftbitter.
1) Nede des Baftbitters von Seiten des Bräutigams
Saufgezeichnet nach Jökamas aus Pehtciaij}.
Sch grüße euch (Sch gebe euch) die Ehre), daß ihr nicht ermattet feid
(? daß ihr nicht verarmet).*)
Sch fordere die Reichen und die Entichloffenen (Kühnen) zu diefem
Abend zur Hochzeit auf: die Sünglinge und Die jungen Mädchen zu Ver-
gnügungen zu dem jungen Manne, wie zu einem grünen Gottes-
baume?), der fich in eine fremde Gegend, zu großen Reifen über hohe
Berge, durch grüne Wälder, durch große ‘Felder, über große Gewäſſer
hinweg aufgemacht hat.
Kommt, ihr alten Frauchen mit den krummen Stöckchen, habet mit
eich zu je einem Sädchen Weikbrot; ihr, alten VBäterchen, zu je einem
Bündelchen Tabaf, zu je einem Endchen Brot, zu je einem Säckchen (Beutelchen)
) Of. Anm, 1. zu pag. 145. B.
dh: die Eltern der jungen Frau werden ebenjo durch einen Boten zu
einem Beſuch aufgefordert, wie wir es in der vorhergehenden Nr. geſehen.
) In Diefer Beilage habe ich die vier erſten Beilagen Juszkiewicz’s (1-4,
pag. 79—85) bereinigt. Of. oben, Ann. 3. zu pag. 164,
9) Sm lit. Terte ein unvollfommener Reim: Düdu gärbe, kad ne biitamete
pavärge.
5) — Eberraute; f. Anm. 1. zu pag. 207, B.
— 343 —
Fleiſch; Die jungen Mädchen aber mit je einem grünen Rautenblümchen, mit
je einem jeidenen Jopchen (Oberrödlein), mit weißen Schürzchen, mit je
einem Handvollchen Nüſſe, und zwar nur für die [der Hochzeit] Vorgeſetzten.
Kriechet nicht längs den Wänden herum, nedet nicht die Kinder, forget
für [euere] Bäuchlein.
Sch bitte zu Bremfenblut, zu Mückenwurſt, zu Fliegenſchinken.
Sch bitte überhaupt Alle, Alt und Jung, Groß und Klein, aber
ich bitte, mit einem großen Vorrat [zu kommen]: leget in die Tafchen
zu je einem Halbſcheffel Ajche, } leget ! die Baſtſohlen auf die Schultern,
Harken mit dreizehn Sweden ſmüſſen mit euch jet. Wie ſich
Jeder betten wird, jo wird er auch fchlafen. Daran ift der Bor-
gejegte (? Oberhochzeitsgaſt)) nicht ſchuld.
sch bitte hübſch Höflich (jehr unterthänig), auf der Hochzeit den
Lehm?) zu treten, das Heißt die Runde zu tanzen.
2) Rede des Gaſtbitters ſeitens des Bräutigam?
Jaufgezeichnet nad) Gaudinski aus Ruksionej?)t.
Höret mich Jungen reden, während das Rautenblümchen vor den
Augen bunt flimmert, während die goldenen Ringlein tönen (Elieren).
Ich bin der Bote, geichiet vom Water | Staniülust und von
jenem jungen Süngling $Peterb, der früh am Morgen aufftand, das
Pförtlein öffnete, in den Stall ging und das Rößlein fütterte, mit
dem braunen Lederſattel“) Jattelte, mit Gold zäumte und zur Kirche
von Wielona ritt. Er Holte ein junges Mädchen ein; er näherte fich
ihr und ſprach fröhlich. Er fragte die Eltern: „werdet ihr mir erlauben
oder nicht?” Sie erlaubten ihm und erfreuten ihn. So verjtändigten
fie fich und Iuden die Berwandtichaft zufammen.
Sürchtet euch nicht vor dunkler Nacht und naffen Wegen. Zu
dem Mal werden die Wege ausgebeſſert, mit Rauten beftreut fein.
Nürchtet nicht, Daß ihre Ställe zerbrochen feien. Für dieſes Mal
werden gemauerte Ställe, doppelte Thüren (Doppelthüren), Eichenholz-
y Wol der Mann der Hochzeitsmutter. P.
2) Auf dem Lehmboden des Zimmers zu tanzen,
3, Ruksionej ift ein Dorf der Wieloniſchen Parodie.
2) Of. Anm. 3. zu pag. 203.
Du!
— 344 —
Dielen, Ceder⸗(2)9-Krippen fein, Fund] die Krippen werden mit ge
mengtem Pferdefutter vollgefüllt fein. Ob [nun] gemengtes Pferdefutter vor⸗
handen jein wird oder auch nicht, aber Flachsſchaben (harte Flachsfajern)
werden gewiß da fein; wenn aber feine fein werden, werde ich ſelbſt einen
Sad bringen und [in die Krippen) hineinjchütten.
Die Ochſen find gemäftet, gejchlachtet und an den Balfen (Stred-
balken) angehängt, und Meffer hineingeftedt. Wer wollen wird, wird ſich
abjchneiden; wer nicht wollen wird, wird ſich zurüdziehen.
Sch bitte Groß und Klein, Alt und Jung.
Sch bitte zu Dienftag, zum Abendausgange; die Alten am weißen
Tiſche, vor weißem Weißbrot, vor weißer Flaſche und beim Weinbecher
einen ſchönen Nat zu pflegen, den goldenen Becher zu halten (tragen).
Ebenſo bitte ich die Jugend Tänze zu tanzen, feinen Streit zu
fuchen, nicht Hinterliftiger Weiſe (ſchelmſtückiſch) zu ftehlen, nicht etwas
zu entwenden und nach den ZTafchen zu lauern; denn, wenn Semand
etwas ftiehlt, wird er ausgelacht werden: Schande und Schmad).
Und ebenfalls bitte ich dieſe Fleinen SKinderchen Hin und wieder
hinter dem Dfen zu fiten, Pergel (Splitter, Kienſtücke) zujanmen zu
legen und auf Weißbrot zu lauern. Ob fie Weißbrot befommen werden,
oder auch nicht, die Peitſche aber werden fie [jedenfalls] eher befommen;
auch ich ſelbſt werde [ihnen] Peitſche geben?).
Was ihr immer geftohlen Haben werdet: entiveder eine Pfeife,
oder einen Tabaksbeutel, oder einen feifendraht?), oder irgend ein
andere Ding (Gegenjtand), — gebet es mir zurüd; jo wird es weder
Klage, noch Not geben.
Wenn wir, nach der Kirche von Wielona gefahren fein werden,
werden wir weder fpielen noch tanzen, jondern nur auf Die jungen
Berlobten fchauen, welche ihren Stand*) verändert habeı.
’) Im Titauiichen Texte haben wir hier das Wort sedutü (Gen. pl.?) Der
mit dieſem Worte bezeichnete Baunı wurde mir in Wielona felbft folgendermaßen
beichtieben: , ‚plöns mödis, ant karkiu madös, kiöts tabai‘“ (dünner ae in
der Art eines Weidenftrauches, fehr hart).
j — Prügel geben.
2) = der Draht, um die Pfeife zu putzen. B.
*) d, h. aus dem Stande der Unverheirateten in den Cheftand getreten find.
P.
— 345 —
Sch bitte Diefe jungen Mädchen, ihr möchtet mich, den jungen Gaft-
bitter, nicht vergejjen. Bitte, bejchenft mich mit einer Flaſche Wein,
wenn micht mit einer Flaſche, wenigſtens mit einer Schale, wenn nicht
nit einer Schale, jo doch wenigftens mit lieben Worten. Für mein
braunes Rößlein bitte ich wenigſtens ein kleines Maß Hafer, wenigfteng
eine Kleine Schicht (Armvoll) Heu, wenigſtens ein Spännchen Waſſer.
Doc, wenn ihr auch mit dem Waffer fnaufern werdet, fo wenigſtens
eine Kleine Schicht (Armvoll) verfaulten Strohs von der Dachrinne!).
Und wifjet, daß ich den Weg nicht fenne, ich werde Kniebänder brauchen?).
3) Rede des Gajtbitters der Braut
Saufgezeichnet nach Wewörski aus Kälveit-
Ich gebe die Ehre dem Herrn des Himmeld und diefem Hauſe
und den Wirten dieſes Hauſes. Höret mich, Sungen, veden, der ich die
grünen Nauten in die Höhe hebe, mit goldenem Ringe blite, mit
fupfernem Glöckchen Efingele; [achtet aber] nicht fo auf das Klingen des
fupfernen Glöckchens, al3 auf meine, des Jungen, Nede. Sch bin der
Bote, geihidt von jenem jungen Meädchen, dem grünen Kautlein,
„Anna Poskis? Tochter”, die früh am Morgen aufftand, in das
Nautengärtlein ging, den falten Tau abjtreifte, den fchwarzen Straßen:
ſchmutz trat, die grüne Raute pflüdte, cin Kränzlein wand, und zwar
für feinen anderen, als nur für fich jelbit; die vom Väterchen und von
der Mütterchen gezeugt (gebrütet), von Brüdern und Schweitern geliebt
worden ilt, aus einer großen Familie gepriejen, mit ſeidenem Gürtlein
gegürtet, in bunter Wiege gewiegt worden ijt, die mit goldenen Schellen
geipielt hat und mit Weikbrot genährt worden ift. Ihr gefiel der
junge Burfche, der grüne Gottesbaum?), „Johann Blazas’ Sohn“, der
1) paliépiai — der untere Teil des Daches über der Dachtraufe. Bei Kurschat:
palöpis — der tiefe Winkel unterm Dach, zwifchen diefem und dent Boden, B,
2) pakeldö (Knieband) — auklè (lange Yußbinde), kelärisis. J.
Der Redner wendet ſich wiederum in verblümter Weiſe an die Mädchen mit
der indirekten Bitte um Kniebänder. Das Zuſammenſtellen der beiden Gedanken,
„ich Kenne nicht den Weg“, „ich werde Kniebänder brauchen“, ſcheint durch den Reim
im litauifchen Text, „ne Zinat kölu, rejks mänej pakelu“, motiviert zu fein,
P,
) — Cberraute. CH. Anm, 1. zu pag. 207, B.
— 346 —
früh am Morgen aufjtand, die Stallthüre öffnete, daS braune Roß
fütterte, mit goldenem Zaume zäumte, mit braunem Lederjattel!) fattelte,
jeden Sonntag in die Kirche ritt.
Sch fordere aus diefen Haufe Alle zu Montag Abend, zu Dienftag
Morgen zur Hochzeit auf. Sch bitte zu nichts Anderem, als nur zu
Schwarzbrot, zu Salz, zu jchwarzem Bier, zu Nheinwein, zu ſtarkem
Haugbier, zu fügen Met, zu Maſtochſenbraten.
Sch bitte die alten Onfel und Großväterchen am weißen Tifche zu
fißen, einen ſchönen Rat zu pflegen, den goldenen Becher zu erheben.
Die Jugend bitte ich ins Zimmer zu lautem Jubel. Wer die
braunen Roſſe abhalten, die goldenen Steigbügel ausfüllen, eine Hufe
Landes durchwandeln, auf den weißen Bänken bis zu Ende ſitzen und
den jchwarzen Straßenkot durchwaten wird, den bitte ich recht ehr-
erbietig zur Geſelligkeit (Gejelichaft) Hinzureiten. Dieſe jungen
Bürfchlein bitte ich, fie möchten die blanfen Schwertlein puben, die
braunen Rößlein ſatteln, die Sättel aus braunem Leder brechen, die
filbernen Steigbügelchen ſprengen (jpalten)?).
Dieje jungen Mägdelein bitte ich, wie Fräulein, mit übertünchten
(weiß angeftrichenen), blinfenden Schuhchen, mit baummollenen Strunpf-
bänderchen und Strümpfchen, mit feinen Schürzchen, mit diden (umfang-
reichen) Bäuchlein, mit grünem Rautenkränzlein, mit feidenen Stopf-
bänderchen, damit das grüne Rautenkränzlein nicht verwelfe, Damit die
jeidenen Kopfbänderchen nicht verjchimmeln (nicht moder werden), nicht
verfaulen,?) — mwenigftens Hinter der Wand ein wenig zu ftehen, auf
das Tanzen hinzuſehen (hinzufchauen), auf die Bürfchlein zu lauern.
Shr jungen befränzten Mädchen aber friechet nicht in den abgelegenen
1) Of. Anm. 3. zu pag. 203. B.
2) d. h. auf den Sattel feſt aufliken und die Füße feſt in die zur
ſtellen.
3) Die jungen Mädchen ſollen die Rautenkränze und die — nicht
zu Hauſe laſſen, da die Erſteren im Garten verwelken, die Bänder aber in den
Kiſten verderben würden. P.
— 347° —
Winkeln herum, reizet nicht die Natur (verfuchet?) nicht das Betragen)
der Kinder; wenn ihr die Natur der Kinder reizet, werdet ihr nichts
Gutes jehen.
Dein Verſtand ift finfter (betrübt) und in Bezug auf Erfindungen
unerfinderifch; ich ftehe am ande, ich verjtehe, ich ſehe auf dieSchrift:
gerade in der Mitte leſe ich.?)
Bitte, bringet Meſſerchen und Gabelchen, ein Stückchen Brot, ein
Bündelchen Salz mit. Wenn ihr euer Eigenes?) haben werdet, werdet
ihr von Anderen nicht begehren.
sch bitte die fleinen Kinderchen, ganz wie die Schulfinderchen
(ABE-Schügen), jchön auszuputzen und an den Dfen zu fegen; fie werden
im Zimmer herumlaufen, der Köchin Pergelchen (Splitterchen) reichen
und auf Weißbrot lauern. Ob fie Weikbrot befommen werden oder
auch nicht, den Kantſchu (die Peitſche) über die Kniekehle (Kniebeuge)
werden fie [jedenfalls] eher befommen.
Sch bitte die Alten und die Jungen, die Barfühigen, die Baft-
ſchuhtragenden und die Fahrenden,?) gehet nicht zu Fuß, reitet nicht zu
Pferde, fommet gefahren mit ſechs Roſſen, lauter Schimmeln mit ge-
bogenen Hälfen, und gerade mit blinden, auf den Hundeltegen.
Bei uns iſt der Weg gegrandet, mit grünen Tannenzapfen bededt;
wenn wir an grünen Tannenzapfen zu kurz Tamen, dedten wir [ihn] mit
Schillingen. Um die braunen Rojje Hineinzuftellen, werden bei uns
gebaute Ställe eingeräumt fein, die vom Felde eingezäunt, mit Wolfen
befattet, mit dem Himmel überdacht (bevedt) ſind. Es werden Ab—
teilungen (Pferdejtände) eingerichtet fein, mit Ahorndielen gedtelt, die
Eichenfrippen werden mit gemengten Pferdefutter ausgefüllt fein. Die
Pferde werden frejien, der Schaum wird aus den Nüftern [in Flocken]
1) — auf die Probe Stellen: wenn man die Kinder neckt, werden fie empfind-
lih und grob werden. P.
2) Der Sinn unklar.
3) d. h. eigene Speifenorräte.
*) Im Original ein Wortfpiel: „vyZütus ir vaziütus“.
w tu
\
— 348 —
fallen, uns wird es michts kümmern!) Mit Bülcheln (2)%) Heu
werden die Krippen vollgelegt fein. Ob die Pferde freffen werden oder
nicht, wenn fie nur [Yutter] unter den Schnauzen haben: durch die
Küftern wird es jtreuen, fie [die Pferde] werden nicht einmal Flachs—
jchaben haben. Wer Fein Heu Haben wird, wird auch fein gemengtes
Pferdefutter brauchen; wer aber Heu aus Geftellen (Holzböden)
(? Feldrainen)?) haben wird, wird nicht einmal Hafer brauchen.
Ebenſo bitte ich da ganze Haus, vom Kleinften bis zum Größten.
Kun bitte ich aber, jeid nicht ſtolz (Hochmütig), belacht nicht meine, des
jungen Burſchen, Aufforderung (Bitte). Sch ritt durch eimen Wald,
das Roß jtolperte, die Taſche trennte fich auf, alle Worte fielen heraus.
Nicht ich allein bin ſchuld, auch das Roß ift ſchuld. Was ich nicht
aufgefanmelt babe, daS habe ich auch nicht gejagt. Mein Rößlein fiel
jtolpernd auf [feine] vier Füßchen nieder, ich junger Bote aber auf mein
Zünglein, das eine; fo ift es doch auch) fein Wunder.
Bitte mein braunes Rößlein mit Büjcheln (7)9 Heu und ges
mengtem Pferdefutter zu bejchenfen. Für mich aber, den jungen Boten,
bitte ich, ihr, behaubten Frauchen und jungen befränzten Mägdelein,
wenigstens ein Stüdchen Leinwand, wenn nicht ein Stückchen Leinwand,
jo ein Handtüchlein, wenn nicht ein Handtüchlein, fo ein Gürtelchen
mit ausgezupften Franſen, wenn nicht ein Gürtelchen, fo ein buntes
Bettchen, ein feidenes Kopffißchen, ein hübſches junges Mädchen mit,
jungem Burfchen, zum Amüſement (zur Unterhaltung).
Wenn ich mehr verftehen werde, werde ich mehr reden. Wenn
Semand von euch [es beffer] verjteht, fo redet, und ich werde zuhören.
4) Rede des Saftbitter3 der Braut
! aufgezeichnet nach Staniülus 1.
Zuerft gebe ich die Ehre dem Schöpfer des Himmel! und Der
Erde, das andere Wort (den zweiten Gruß) dem Wirten und der Wirtin
1) Im litauiſchen Texte reimt e8 ſich hier: „Zirgaj &s, pütos par
Snörves birés, mums nieks ne rupös. B.
2) träku (G. pl.) — unverftändliches Wort, wol dem poln. trok, troki
entfprechend. C£. pag. 163 Zeile 11. B.
3) C£. Anm, 2. zu pag. 169.
4) Of oben, Anm, 2. zu pag. 348,
— 349 —
dieſes Hanjes und dem ganzen Haufe. Höret mich, Jungen, reden, der
ich das grüne Rautlein flattern!) und feidene Bändchen Flimmern lafje.
Ich bin als Bote weder aus des Himmels Höhen, noch aus Der
Erden Weite, noch aus der Meere Tiefen, noch aus der Welten Weiß-
beit, weder bejtimmt (erwählt) noch auserlejen worden. Sch bin Der
Bote, der aus jenem glücklichen Haufe in dieſes glüdliche Haus ge-
idiet worden ıft, und [zwar] von feinem Anderen, al$ nur von
„Bärbehen“ (Barbara), die von einer Mutter geboren, von Vater
erzogen, in einer grünen Wiege geiviegt, auf Händen getragen, an den
Brüften genährt, von den Erzeugern gefchäßt und von der Welt ge:
priefen worden ijt; die früh am Morgen aufftand, über den grünen
Raſen ging, den falten Tau abftreifte, die Gartenthüre öffnete, in das
Gärtchen ging, grüne Nauten pflücdte, ein Kränzchen wand, es auf das
Köpfchen legte, jeden Tieben Sonntag in die Kirche ging, dor dem
Altar niederfniete, die heilige Meſſe anhörte und betete; fie betete nicht,
jte hielt (trieb) nur diefen Brauch, ging auf den Kirchhof heraus, eilte?) zu
Jubel und Vergnügungen, nicht fo fehr zu jubelnden Berjammlungen,
als zur Mädchenſchau. Shr gefiel der Sohn der „Tvirbutai‘, jener
junge Burjche, der von Vater und Mutter gezeugt worden ijt, von
Brüdern beichüßt, der früh Morgen? aufſtand, die Stallthüre öffnete,
das braune Roß fütterte, und zwar für feinen Anderen, als nur für
ſich ſelbſt.
Ich bitte zu Montag Abend, zur Bereitung des Hausbiers, zum
Kochen des Mets, zum Brotbacken, zu einem Korbe Weißbrot, zu einem
bunten?), drei Jahre gemäſteten, ſchnatternden (gackernden) Gänſerich
(Gänſe-Gackerer), zu Schafsbraten (zu einem „Schafswidder“) (zu einem
Schafbocke), zu einem Kapaun-Hahne, zu einem Hühnerbeinchen (Hühner-
fniefehle), zu einem Elſterſteißbein (?-Schinken), zu einem Meifebraten‘),
ı Das jagt er, indem er den Blumenjtrauß des Gaftbitters (ſ. Anm, 2, zu
pag. 154) ſchüttelt.
2) gridyjos = skubinäj ejti
2) gervötas — unklares Wort, vielleicht „kranichsartig“.
4) köpeneös = peciänkos.
Bun:
— 350 —
zu einem Goldammer- (?Miftelfinf,, Bubendroffel-) Hinterteile (-Dber-
ſchenkel,-Dickbein) (N), zu Heimchenschinten, zu [einem] Maſtochſen: es ift
ein Ochſe mit Flachsichaben gemäftet, mit Wind erjchlagen, in der
Sonne ausgebraten, an einer Seidenjchnur aufgehängt worden, und ein
Meſſer ijt [daneben] eingeftedt. Wer wollen wird, wird fich abjchneiden;
wer nicht wollen wird, wird fich zurüdziehen.
Die Alten bitte id) am weißen Tiſche zu fißen, einen ſchönen Rat
zu pflegen, den goldenen Krug zu halten (tragen) und zu erheben; die
Sugend aber bitte ich, im Zimmer laut zu jubeln und Tänze zu tanzen.
Drei Hufen Landes?) werden zu den SJubelvergnügungen eingeräumt
werden, Bänke zur Erholung, Tiſche zur Bewirtung. Die Heinen
Kinderchen bitte id) hübſch anzuffeiden, um den Badofen Hinzufeben,
im Zimmer herumzujpringen. Die Kinder werden herumlaufen, auf
Weißbrot Tauern: ob fie Weißbrot befommen oder auch nicht befommen
werden, mit dem Peitfchenende werden fie [jedenfalls] eher über die
Beine (Kniefehlen, Kniebeugen) bekommen.
Bitte nicht zu Fuß, ſſondern zu Pferde und fim Wagen] gefahren [zu
fommen]. Die Wege werden mit Nüfjen gepflajtert, mit Mohnfamen ge-
grandet fein. Kommet mit Schimmel-Rofjen mit gebogenen Hälfern,
und gerade mit blinden, auf den Schweineftegen. Es werden Ställe
und Pferdeftände (Abteilungen) da fein; es werden Tröge an den Seiten
ansgeftelt und mit Waſſer angefüllt fein, auch die Pferde werden ge-
tränft werden. Es werden Büſchel (?) Heu, es wird auch gemengtes
Pferdefutter da fein; Stroh hat man nicht gejpart (gefnaufert), mit
Flachsſchaben Hat man nicht gefargt (beneidet, mißgönnt): ob fie (‚Die
Pferde) freſſen, ob ſie nicht frefjen werden, wenigſtens werden fie [daS
Futter] doch unter den Schnanzen haben.
Unfere Fußböden werden marmorn fein; feid auch ihr Mädchen
mit Hufeifen verjehen, Damit weder ihr ausgleitet, noch es noch
1) Mir gegenüber wurde in Wielona felbit das Wort riötu (Gen.) entweder
mit dem poln. 1yd ka (Made), obgleich fraglich, oder mit dem poln. jajea
(Hoden) überfegt, — ein jedenfalls kurioſer Widerſpruch. B.
2) Of. Anm, 1. zu pag. 172, | B.
— 351 —
mehr zerreiße (platze)); wenn es aber zerreigen wird, werde ich meine
Not haben, [oder eigentlich] Feine jo große Not, als [eher] Schande.
[hr] turbantragenden Frauchen, rautentragenden Mädchen, veriprechet
mir ein Stüdchen Leinwand, wenn nicht ein Stüdchen Leinwand — ein
Handtüchlein, wenn nicht ein Handtüchlen — ein jeidenes Bändchen,
wenn nicht ein feidenes Bändchen — ein buntes Gürtelchen, wenn
nicht ein buntes Gürtelchen — ein hübſches Bettchen, ein junges Mädchen
für mich, jungen Burjchen, zum Amüſement.
Verzeihet mir dag, was ich nicht recht getroffen habe. Nicht ich
allein bin ſchuld, auch der Schneider ift ſchuld: die Tajchen trennten fich
auf, die Worte jtreuten fich [mir] aus; was ich behielt, Habe ich gejagt.
II. Beilage [zu Nr. 17, pag. 169—172].?)
Neden der Hochzeitsleiter vor dem Chrengaft.?)
1) Rede des Hochzeitsleiters vor dem Ehrengaſt
I aufgezeichnet nach Sapäuski aus Girininkait.
Triede den [hier] Wohnenden, Freude aber mir, der ich hier ein-
trete. Zu allererft grüße ich den Schöpfer des Himmel3 und der Erden
und die Beliger (Negierer) diejes Haujes, den Heren Vater und die
Stau Mutter, den Herrn Ehrengaſt und diefe gnädige Gejellichaft, die
fi) zu dieſer Hochzeit verfammelt hat. Sie (Eure Gnaden) bitte ich
um Ruhe, ich aber will ein Klein wenig reden.
Wie der Herr Freiwerber auf diefen Wegen zu wandeln begann,
um die Berlobten zu einem Paar zu vereinigen, fo habe auch ich dieje
Wege betreten. Ich finde wieder die wahren Wege des Herrn Frei—
werbers auf, das heißt, Die trodenen Zweiglein abgebrochen, die Gräfer aber
zurüdgebogen, die Pfützen (Sümpfe) vollgejchüttet, Die Gruben geebnet, über
die reigenden Büchlein find die Brücken gedielt, aufgerichtet (geebnet),*)
1) Wol eine etwas frivol-obizöne Anjpielung. B.
2) Dieje Beilage umfaßt die 6. und 7. Beilage Juszkiewicz's (pag. 86-88),
) Of. Anm. 1. zu pag. 1583, B.
4) Die unebenen Stellen der Brückendielen find mit Sand und Grand aus⸗
gefüllt. P.
— 3532 —
mit Spiegelglas ausgelegt. Hier vernehme ich ein dröhnendes Ge⸗
tümmel, finde Fröhlichfeit; ich will (möchte) [hier] die Bereinigung, das
Sichzuſammenthun der Herin (des Herrn und der Frau) Verlobten zu einem
Paar finden. Ebenſo erkläre ich (mache ich Fund), daß ich micht allein
bin: ic) habe eine große Kriegsmannſchaft von fünfhundertfünfundfünfzig
tüchtigen (gnädigen, Lieben) PBerjonen auf dem Wege ftehen. Daher
bitte ich den Herrn Ehrengaft, er möchte meiner großen Anzahl Kriegs⸗
mannjchaft, meiner Kameradſchaft wegen nicht jehr erjchreden. Wen
auch meine Kameradfchaft groß ift, aber leicht placterbar (leicht unter:
zubringen, leicht einzuräumen) (9) und im Kleinen Wohnzimmer wird
fie Raum finden.
Sp möchte ich mir jest vom Herrn Ehrengaft erbitten, er müchte
jo gnädig fein, [mir] dieje Heine Bitte zu gewähren. Zu allererjt erbitte
ich mir, daß für die Mützen Knaggen, für die Schiekwaffen Bretterleijten
da wären, daß die Herren Pferdejungen (Pferdehüter) da wären, für die
Pierde Ställe, für die Wagen (? Schlitten) Wagenicheunen. Ich erbitte
mir, daß die Tiiche bemalt, bedeckt wären, die Bänke behobelt, die
Tische mit keinen anderen Zierden (jchönen Sachen) geſchmückt, als nur
mit budeligen?) Weißbroten, mit jchäumenden Bierfrügen. Ich erbitte
mir, daß die Herren Dudeljackpfeifer, Geiger und Harfenfpieler (? Zither⸗
ipieler) ?) munter feien, daß fie ohne Bezahlung ſpielen. Sch erbitte
mir, daß die alten Mütterchen fich zum Tanze nicht aufftellen, daß
aber die gnädigen jungen Mädchen fie) Hervorthuen; daß die Frauen
Köchinnen oder Wajchfrauen da wären. Sch erbitte mir, daß für den Herrn
Freiwerber und die Frau Hochzeitsmutter Pfühle (Federbetten) dawären,
für uns lieben jungen Bürjchlein aber [das Bett] meinetwegen ohne
Pfühle [gemacht wäre], wenn nur mit Fräulein: für die Anderen meinet-
wegen zu je einem?), für mich aber mwenigjtens zwei. Meine Lehre
(Rede) iſt Hein (unbedeutend), meine Beremonieen find kurz. Worum
1) Im lit, Text: talpi.
2) d, h. mit rundem Rüden, hoch aufgegangenes Weißbrot,
9 C£. Anm, 2. zu pag. 162 und Anm. 2. zu pag. 212.
*%) sc. Fräulein, jungen Mädchen.
au ER
— 3593 —
ich nicht gebeten habe, das Habe ich mir ſelbſt verloren); was aber
[in meiner Rede] nicht weggeblieben ijt, das bitte ich mir zu verzeihen?).
®
2) Rede des Hochzeitsleiters des gemwefenen Freiwerbers ober
Gaſtbitters, wenn er vor dem Ehrengaft um Eintritt bittet
faufgezeichnet na) Küneius aus Wielonal.
Habt ihr Säfte erivartet, oder habt ihr nicht exivartet, daß Neifende
aus meiter (entfernter) Gegend eintreffen würden? Sch Bitte, ein —
zwei Worte jagen zu dürfen. Jetzt ftehe ich hier, als treuer (zuverläffiger)
Diener, gejchidt von jenem jungen Burjchen „Paurys“. Zuerſt gebe
ich die Ehre Gott dem Herrn umd dem Heren dieſes Haufes und der
Herrin und dem Hauptheren, dem Chrengaft, und bitte Euer Gnaden
um Gnade (Nachlicht), damit wir nicht ausgeſchmäht (verachtet), ge-
tadelt, dem Spotte preisgegeben werden; jo wollet jeßt [uns,] euere
Diener [,] aufnehmen, die wir Angereiſte find.
Welch eine große Mühe aber und [welch eine] Not haben wir ge-
habt: wir gruben Berge ab, füllten die Vertiefungen, bogen grünende
Bäume nieder, brachen die dürren ab, wateten durch dem fchiwarzen
Straßenjchmuß, bis wir durch Tragen in dieſes von Gott gegebene
und gepriejene Häuschen gelangten. Den Tiſch fanden wir wie einen
Altar hergerichtet, mit des Flachſes Blüte bededt, von der heiligen
Wachskerze?) beleuchtet.
Und ich bitte, daß der Tiſch nicht anders als mit vollen Bier:
frügen, mit gehäuften Fleiſchſchüſſeln, mit budeligen Weißbroten geſchmückt
wäre; Daß uns ein Tiich von jech Spanner, neun Heine Bänke, nadte
Wandbänke zum Siben, drei Fenster zum Hinausſchauen und knarrende
Thüren für den Wind zum Hereinſchauen) — gewährt würden. Und
1) = das wird mir nicht gegeben, das werde ich nicht befommen. B.
2) d. h.: ich bitte alle die von mir ausgefprochenen, vielleicht etivag unver—
Ihämten, Wünfche mir zu verzeiben. — Sonft ift der ganze Schluß etwas unklar.
Im litauiſchen Originale Heißt es: „kü ne uisiprasiad, tan Pate sau nu-
trötyjau, o kas ne paliku, tü prasal prabögyti.“ B.
3) Donnerkerze, cf. Anm. 1. zu pag. 248. B.
9 Hereinblaſen; der Wind ift perfonifiziert, woher er die I her⸗
einzuſchauen, hat.
23
— 354 —
ich bitte, daß für umjere Mützen Knaggen, für die Kantſchuke (Peitichen)
Wandpflöde vorhanden wären, zwölf Hufen mit Marmor bededten Landes,
ein halbes Schod Mädchen, daß fie Mit Stahl beichlagen‘), alle be—
fränzt, mit Schuhen, Ringen, Bändern, langen Unterröcken, ſchmalen
Schürzlein ausgeftattet feien, daß bunte Bettchen mit jeidenen Kopf
fischen da wären. Und ich bitte, daß uns ein Licht aus reinem Wachd
mit einem Leuchter aus reinem Silber gewährt würde, damit wir und
feuchten fünnten, damit er?) in den Winfelgegenden nicht herumjchleiche
und nicht darnach greife, wad nicht nötig iſt. Und id) bitte für Den
Herrn Oberhochzeitögaft, für den Mann der Hochzeitämuiter, ein altes
Weibchen mit einem einzigen Zahne, der dazu noch wadelt.
Sch würde noch weiter reden, aber meinem Gejinde jind hinter
der Thüre die Enden der Hinterhaden (Hinterferjen) angefroren.
IU. Beilage [zu Nr. 27, pag. 215—220].°)
Das Danken.
Nachdem man die Braut unter dem Unterjpreitlafen
herausgeführt und nachdem man getanzt hat.
1. Guten Abend, Gott helf' dem lieben Väterchen; wiljet Ihr
denn oder wiſſet Ihr nicht, daß Euer Töchterlein [in Folge der Heirat]
recht weit fortzieht? Sie bittet Euch um Gejchenfe, danke, danke; gieb,
gieb, Väterchen, geize nicht, danke, danke; zur Füllung des Braut
ſchatzes, Dante, danke; zum jeidenen Häubchen, danke, Danke; gieb
Väterchen, geize nicht, danke, danke. Man hieß dich, Väterchen, d., d.,
jehr reich: d. d., voll find die Ställe von afchgrauen Ochſen, d., d.,
voll find die Ställe von braunen Rößlein, d., d.; gieb Väterchen, geize
nicht, d., d. Man hieß dich, Väterchen, d., d., jehr rei: d. d., mit
Sechſen fahrend, d, d,, mit Hunderten vechnend, d, d. $ Wenn der
Vater in die Tafche langt, fingt man fröhlich: Es freut fich mein
1) d. h. daß ihre (der Mädchen) Stiefelabfäße mit Hufeifen aus „Stahl“ be⸗
ichlagen jeien. P.
2) Wol mit einer fcherzhaften Hinweiſung auf einen der Gäſte. B.
°®) = Juszkiewicz's 8. Beilage (Svotbins réda, ©. 88-89). B.
— 355 —
Herzchen, d. d., wenn du in die Tafche langit, d., d.; Elingele, Elappere,
d., d., mit dem Geldgürtelchen !) [voll] weißer Harter (Geſchlagener) Thaler],
d. d. Es gab, es gab das Väterchen, d., d., warf in das Gläschen Hinein?),
d. d.; danfe danke, Väterchen, d. d., für dieſe fchönen Gaben, d. d.
Wenn er aber nicht ſchnell giebt, ſingt man:} Die Füßchen find vom
Stehen ermüdet, d., d. jchwer ift das Köpfchen vom Singen, d. d.
Bon diefem Guten gehen wir fort, d.,d., gehen zu einem Befferen, d., d.
2. Guten Abend, Gott helf' dem Tieben Mütterchen.?) Man
hieß Euch, Meütterchen, d., d., jehr reich: d, d., volle Käſtchen (Koffer)*) von
weißer Leinwand, d., d. und die Nebenfäftlein (Fächerchen) *) von weißen
Thalerchen ; d., d., gieb Mütterchen, geize nicht, d, d. Es gab, es gab das
Mütterchen, d., d., rückte heran, legte ein Stüd Leinwand aufd)},d., d.
3. Guten Abend, Gott helf’ dem teuren Priefterlein. Wiffet Ihr
oder wiſſet Ihr nicht, dag Eure Nachbarin [in Folge der Heirat] jehr
weit fort geht? Sie bat Euch um Gejchenfe; d., d., gieb, gieb, Priefter-
lein, geize nit. D., d. du gabft, du gabjt einen Kupfernen, d., d.,
gieb, gieb einen Silbernen, d. d. Du gabft, du gabft einen Silbernen
(Silbermünze), d., d., gied, gieb einen Papierenen (Rubel), d., d.
IV. Beilage [zu Nr. 27, pag. 215—220].°)
Das Danken.
Wenn die Hochzeit eine arme ift.!
Am zweiten Tage nach der Trauung, das heißt nach dem Akt des
Sich-waichens, nad) der Haubung, am „Schwiegertochter-Tage" ſetzen
lic) alle Hochzeitsgäfte nach dem Mittageffen in Reihen nieder. Zwei
Frauen und ein Mädchen gehen zu „danken“: die Eine trägt einen
!) Lit. Ceraslälis, demin. von cerästas — Geldgurt, Geldgürtel, u
poln, trzos.
2) sc. ein Geldftüd. 3
3) Gleich fo wie oben, „Man hieß Dich“ u. ſ. w., nur ift anftatt „Väterchen“
das „Mütterchen“ einzujegen. J.
9) Kleiderkoffer, in denen an einer Schmalſeite Heine Käſtchen zum Aufbewahren
von Geld und anderen Heinen Wertfachen angebracht find.
) se. auf die Schultern den Sammlern. P.
°) = Juszkiewicz’8 9. Beil. (Svotb. r., 89-90). B.
23%
— 356 —
Teller zum Sammeln des Geldes, Die Zweite fammelt die geichenften
Kleidungsjtüde ein [und Tegt fie] auf den Arm, und die Dritte, das
Mädchen, trägt einen Becher und eine Flafche Met oder Wein und
jüllt ein, jobald man ihn Teergetrunfen, Sie gehen zu einem Seden,
der da ſitzt, heran und bitten ihn liebenswürdig, er möchte etwas ver-
Iprechen, jehenfen und für die junge Frau zum Anfang des Leben
geben. Die Frau, welche verfteht fich gut auszudrüden [d. h. welche
beredt ijt], dankt fortwährend einem Seden: „Danfe, danke”; „von diejem
Guten zu einem Befjeren, d., d.; verjprich, Bruder, für die Schwefter,
d., d., zu Hemdlein, d. d., zu Weißzeug?), d. d., zu Bieh, d., d. zu
Üindelchen, d. d. zu Windeltücherchen (Wickelbänderchen), d. d.“
Ein Jeder giebt, die Bittende aber muß den ganzen Becher aus—
trinfen und wenn fie ihn ausgetrunfen, jagt fie: „danke, danke”. Und
wiederum „von diefem Guten zu einem Befjeren“, — wie oben. Der
[Gast] wirft in den Becher ein Geldftüd Hinein, einen Thaler; fie, die
Bittende, muß den Becher bis auf den Boden austrinfen und dieſes
Geldftük herausnehmen. Bis fie bei Allen die Aunde machen, trinten
fih die Bittenden an, [und] gehen auf den Knieen. Ber Ans
getrumfenen jagt man: „du Diebin, du wirt jtehlen“. Sie läuft
mit den Worten „nein, nein” nach?) Und man wählt eine Andere,
wenn dieſe fich angetrunfen hat. Wenn mar die Gejchenfe eingefammelt,
giebt man jie der jungen Frau.
V. Beilage [zu Nr. 30, pag. 223—227].°)
Anſprache bei der Meberreichung des Brautfranzes.
„Sch richte meine Bitte [um Entichuldigung] an diefe ganze Ge—
jellichaft, die zur Freude, des jungen Mädchens wegen, welches in den
heiligen Eheſtand tritt, hierher aufgefordert worden ift. Sch bitte, eine
u 1) drapandölös, deminut. von dräpanos — (nad) Kurschat) en
Yeinene Interfleider der Frauen“.
2) Die anderen Sammler menden fich von dem betrunfenen Mädchen mil
den Worten „du Diebin, du wirft ftehlen“ ab, fie aber läuft ihnen nad),
indem fie beteuert, e3 nicht thun zu wollen. P.
®) — Juszkiewicz’8 10. Beilage (Svotbind röda, 90—92). B.
— 5357 —
Zeit lang zu ſchweigen, ich aber will ein wenig reden. Schweiget,
meine Brüder und Scheitern, damit ich nicht geſtört tverde, Diele
meine liebevollen und chrerbietigen Worte auszuſprechen. |
„Zu allererit grüße ich die Wirte (Verwalter) des Haufes und
die ganze Geſellſchaft, die fich zu diefer Hochzeit verjammmelt hat. Als
ein ganz demütiger (ehrerbietiger) Mann komme ich und flehe um die
Sitte Euer Gnaden, ihr möchtet mir [nämlich] gejtatten, diejen lichen,
hübjchen, herrlichen, grünen Rautenkranz zu preiſen, damit ich in dieſes
Rautengärtchen Hineingehen und von dort ein blühendes grünes
Rautenkränzchen erbringen fünnte. Diefer Kranz it in einem ſchönen
Garten, der von Berlpfählen [und] Diamantzäunen eingezäunt ift, ge—
wachjen; heiter (herrlich), Schön gejchmücdt, in einem goldenen Kruge
(Becher) gehalten, in grünen Wein getaucht, geftern geflochten, [noch]
nicht benußt (getragen), — ijt ex [‚der Kranz,] für deine Gnade, hehres
Mädchen, beftimmt (veriprochen).
„Glücklich it dieſes Nautenfränzchen, das im lieben, grünen,
Rautengärtchen blühte. Siehe da! heute blüht in meiner Hand der
Kranz, den du, braves Mädchen, bis zuleßt in deinen Sugendjahren
tugendhaft und gut (hübſch) getragen haft. Wie die Lauben fich über
die Macht Gottes im Himmel freuen, jo wollen auch wir fröhlich jet,
die wir dies Muſter (Beijpiel) haben. Der Kranz ift ein Mujter der Welt
(Symbol für die Welt) und fpricht von den Tugenden des Mädchens. Wir
bringen feinen teueren, weder einen goldenen, noch einen Diamant-, noch einen
Berl-, noch einen Edelftein-Kranz her, ſondern wir bringen aus dem prächtigen
Nautengärtchen von den jchönen, gepriefenen Nauten dieſes hübjche
Rautenfränzchen, welches wir aus [unferen] Händen in [deine] Hände
mit Segen und Glückwunſch übergeben wollen, und welches teuerer
iſt, als Gold, Diamant, Perlen und Edelſteine. Es verherrlicht dich,
ſchöne Braut, diefes Nautenkränzchen.
„Du kannſt mit den Sternlein in der Himmelshöhe verglichen
werden: nachdem ein Sternlein in die Tiefe des Meeres herabgefallen
mar, weinten nach ihm andere Sternlein, daß es nicht mehr dahin
zurücehrt, wo es [,da8 Sternlein,] fehr glänzend war; fünntet nicht
— 358 —
ebenjo auch ihr, Liebe Mädchen, diefe jungfräuliche Braut heute zum legten
Mal bemweinen und beflagen, die von dem Sitze [ihrer] Jungfraufchaft
Abschied nimmt? ja zugleich nimmt fie Abjchied vom Väterchen und
vom Mütterchen, die fie im [ihren] Sugendjahren auf (ihren) Händen
trugen und fchaufelten (hätſchelten); und auch von euch, liebe Mädchen,
nimmt fie durch dieſes grüne Rautenkränzchen Abichied.
„O, hehres, tugendhaftes Mädchen, wie haft Du ung Allen eine
Freude bereitet! Es freut fich nicht allein die ganze Hochzeitsgeſellſchaft,
ſondern — mir fcheint — es freuen fich Menfchen jeden Standes, am
meiften aber der Herr Bräutigam, der [dich] hier Fröhlich ſitzen fand,
blinfend, wie ein Sternlein, blühend, wie das ſchönſte Blümchen. Diele
Sreude ftammt aus feinem anderen Drte her, al® nur — fage id; —
aus dem Himmel und von der Erde, aus den Schöpfungen Gottes, des Herrn.
„Berzeihet mir, [ihr] Herren Oberhochzeitsgäfte (Borgejegten) und
[du,] ganze liebe Gejellichaft, die ihr euch zur Ueberreichung des Straußes
(Zweigleind) abgepflüdter Nautenblüten verfammelt habt, [verzeihet,)
daß ich kurz geredet.
„Run fommt das grüne Rautenkränzchen zu dir, junge Braut;
nimm |e3] aus meinen Händen, denen es anvertraut gewefen, ſtecke [e3] an
deinen Kopf; möge [e3] eine eivige Einigkeit mit dem von Deinem Herzen
auzerwählten Burjchen bedeuten. Lebet glücklich unzählige Tage, bis
Gott euch beiden das ewige Leben geben wird. Nun, hehres, tugend-
haftes Mädchen, wirft du von diefem Tifche fortgehen [und] deinen
Kopf bis zur grauen Erde neigen, damit dic) ein Jeder ſegne. Segne,
wünfche Glück, o! Bater, Mutter, jegne — o! Bruder und Schweſter,
fegnet alle Berwandte, Nachbaren und Nachbarinnen, jchließlich Alle, die
ihr hier zum Segnen der in den Eheftand Tretenden eingeladen jeid.“
Die Kranzbrautjungfer empfängt, den Kranz, indem ſie erwidert:
„Bir danken den jungen Brüderchen für dieſes grüne Rauten—
fränzchen [‚und zwar Dafür), daß es Schön gepflegt, in grünen
Mein getaucht, in einem goldenen Kruge gehalten worden tft, daß fie
[,‚die jungen Brüderchen,] es für unfer jüngftes Schwefterchen gebracht,
damit wir fes ihm] abgäben.“
— 9359 —
IDer Braut wird der Kranz auf dem Kopfe angeftedt.t
Wenn der Bruder nach Ueberreihung des Kranzes jofort etwas
Geld 415 Kopefent der Brautjumgfer gegeben hat, giebt ihm die Braut-
jungfer ein fleines Tuch oder ein Stücd Leinwand; er empfüngt es
mit den Worten:
„Sch danke für diefe großen Gaben: für Die weißen Tüchelchen, für
dieje feine Leinwand, für die langen Slafter’), für die Leinblüte.
Nun ift Diefe feine Leinwand fchön geiponnen, Dicht gewebt,
aber ſes wurde Dabei] ein wenig gejchlummert. Wenn du nicht ge-
ſchlummert Hätteft, Hätteft du [noch] fchönere [Leinwand] gewebt; weil
du aber geichlummert Haft, Haft du nicht einmal eine folche?) fertig:
geivebt. Sch Hatte ein blindes Stütchen: ſowol Kopf, ald auch Schweif
[gleich] blind; auf ihm (dem Stütchen) ritt ich, das Stütchen jtolperte
fopfüber, die Tajchen trennten ſich auf, die Worte jtreuten ſich aus.
Nicht ich allein bin Schuld, Lſondern] auch dieſes Stütchen iſt ſchuld.
Verzeihet nun [das], was ich nicht richtig geſagt (getroffen) habe. Nicht
weit bin ich gewejen, [daher] weiß ich nicht viel.”
VL Beilage [zu Nr. 30, pag. 223— 227].°)
Rede bei Meberreichung des Kranzes,
Hier nähere ich, ganz ergebener Diener, mich dieſem weißen Tiſche,
glei) wie einem Altare, und dieſen, mit den Weiberfopftüchern ver-
jehenen Frauenzimmern (Meibsperfonen)*) und Diefen jungen, mit Rauten
und Kränzen gefchmüdten Mädchen; mich nähernd aber bitte ich Euer
Snaden, es möchte mir an dieſem Orte, vor diejer lieben Gejellichaft
gejtattet ſein, dieſes grüne Nautenfränzchen und die Tugenden des jungen
Mädchens zu preien. Das „Glück“s) aber möge [mir] helfen, die
1) der Fäden, aus denen die Leinwand gewebt ift. P.
2) eine Solche Leinwand, wie Die ift, auf welche der Nedner hinweiſen mag.
P.
3) — Juszkiewicz’8 11. Beilage (Svotb. röäda, 92—94). B.
+) Lit. „baltä gatvà“, nad) dem polnifchen „biatoglowa‘ — „weißes Haupt”,
d. h. Frauenzimmer, Weibsperſon. B.
>) „Glück“ als perfonifiziertes Wefen, als eine „Göttin,“ B.
— 0 —
Wege und Steige zu finden, auf denen wandelnd ich in dieſes Liebe grüne
Rautengärtchen richtig gelangen fünnte, um von Dort das grüne Rauten—
fränzchen zu holen (bringen).
Zuerſt danke ich dem Herrn des Himmels für die verjchiedenen
(allerlei) Wohlthaten und für das Zeigen des Steiges in das liebe, grüne
Rauntengärtchen, aus Dem dieſes grünende Gräschen hergebracht
worden iſt. Glüdlich it das Kränzchen, welches im fchönften grünen
Nantengärtchen blüht. Schon blüht hier, in meiner Hand, der grüne
Rautenkranz, der, als ein Zeichen der jchönften und teuerſten Tugend,
in den Mädchenjahren getragen worden ift. Diele find beftimmt [und]
berufen worden, wenige erwählt [und] augerlejen. So hat auch diejer (junge)
Süngling ſich aus dieſer ganzen Gejellichaft diefes eine Mädchen ger
wählt und augerlefen und Tieß durch mich, feinen ergebenen Diener,
bitten, e8 möchte dieſes Geſchenk angenommen und, ala Jungfernkranz,
zum Beweis der, bis zu dieſem erwünjchten (verjprochenen) Tage betwahrten
Tugend auf den Kopf gelegt werden.
Wie fich zur Frühlingszeit, wenn die Lilien feimen und zu blühen
anfangen, die Herzen der. im Gärtchen Iuftwandelnden jungen Mädchen
freuen, jo pflücte fic) damals dieſes junge Mädchen fröhlich ein grünes
Rantenzweiglein und trug [es bei fich), bis die Blätter abfielen; —
jo können wir heute diejes junge Mädchen, das am Tijche unter den
jungen Schweftern fit [und] deren Name „Agathe” ift, mit einer
grünen Raute vergleichen. Wie jene Mädchen fröhlich im Rautengärtchen
Inftwandelten, jo fünnen wir auch jetzt dieſe Verfammlung mit einem
Nautengärtchen vergleichen; denn Diejes junge Mädchen hier ift rot, wie
eine Roſe, weiß, wie eine Lilie, und ihre bitteren Thränen fallen, wie
ver Zau don den Rauten. Siehe da, es fand ſich in diefer (ganzen)
Geſellſchaft ein Süngling, der fich diefe grüne Raute wählte und [fie
bei ji] tragen wird, bis die Blätter Herunterfallen werden, das heikt,
bi3 der Tod fie beide trennen wird. Das Kränzchen wird folange nicht
aufhören zu duften, als ihr beide Feufch Leben werdet. Und ich habe
die grüne Rautenkränzchen zue Erinnerung [davam] gebracht, daß ihr
jo, wie die grünen Nauten, in Eintracht leben möchtet, daß ihr Allen
— 361 —
durch euer ſchönes Betragen Yeuchten möchtet, wie die Roſen und Lilien,
wenn fie mit ihrer Schönheit und ihrer Pracht im ganzen Gärtchen
leuchten. |
O! du, braves Mädchen, bedenke (erwäge) les] bei dir, wie du
da3 Eheleben beginnen wirft. Wenn du aber den Sungfrauenjtand
verlaffen wirft, dann wirft auch du, junge® Mädchen, — Siehe da,
wie die Nofen und Lilien, wie vafch fie ihre Schönheit und Pracht
verlieren, wenn die Kälte eintritt [und fie] verzehrt, — ebenfo deine Bracht
und Schönheit aufgeben (verändern), wenn [dich] die Winde und Fröſte der
Sorgen und des Elends überfallen werden: dein Gejicht wird bleich werden,
wie die weiße Lilte; Geficht und Wangen (?) werden, wie die grüne Haute,
vom falten Tau, von bitteren Thränen fich furchen (runzelig werden).
Liebet euch beide nicht allein in angeborener und fletjchlicher Liebe,
jondern ihr ſollt euch in Heiliger Seelenliebe lieben. Es iſt gejagt:
„Ihr, Männer, liebet euere Frauen, ihr, Frauen, aber feid in jeder guten
Sache unterthan (gehorjam) eueren Männern; denn der Mann tft das Haupt
jeiner Frau, die Frau aber iſt das Herz ihres Mannes“. Daher überlege du
heute, junges Mädchen, wie du das jchwere Soc des Frauenjtandes
wirst jchleppen (2)9) [und] tragen können; denn er ijt weit ſchwerer,
al3 der Sungfrauenstand, e3 giebt [in ihm] viel Sorgen und Elend.
Danke du, (junger) Süngling, dem Vater und der Mutter fir
die Erziehung eines jo hübſchen Mädchens, das fie auf [ihren] weißen
Händen getragen [und] mit Apfeln haben jpielen laſſen; du, junges
Mädchen, aber tiberlege bei dir, ob es dir nicht jehmerzlich fein wird, den
Vater und die Mutter in Thränen, die jungen Schwejterlein und Brüderlein
in Sorge (Sehnfucht, Wehklagen) um dich zurüdzulaffen. Willſt (gönnſt)
Du div nicht lieber, mit den jungen Schweitern im Rautengärtchen grüne
Rauten pflüden [und] ein Kränzchen Flechten? ift es [denn] beſſer,
fiir den jungen Burjchen den jchwarzen Topf zu wafchen, Die weißen
Hände zu wijchen?)?
1) Lit. tyrvinti. B.
2) Neinzumifchen, weil fie (die Hände) beim Wafchen des ſchwarzen Topfes
ſchmutzig und jehloarz gemorden find. P.
D! du, tugendhaftes junges Mädchen, die ich nun traurig (mit
traurigem Geficht) fitzen jehe, die du den Kranz bis zuletzt ehrenvoll
(Hübsch) getragen, biſt nicht im Munde der Leute gewesen, auf dich hat man
nicht mit den Fingern gezeigt, ſondern du bift vom Vater, vonder Mutter und
von allen gerühmt worden; bitte, empfange über den weißen Tiſch dieſen
Kranz und befränze deinen Kopf [dir] zum Glück und für gute Tage em
langes Leben Hindurd).
VII Beilage [zu Nr. 30—33, pag. 223—238].')
Die Herausbegleitung zur Trauung.
Wenn e3 eine arme, kurze Hochzeit ift, jo verführt man folgender:
maßeıt.
Bevor man in die Kirche zur Trauung fährt, Heiden fich Alle
anftändig an [und] ſetzen fih auf die Banf rund um den Tiſch; das
junge Paar ſetzt man auf dem Ehrenplage neben einander; die Braut
mit den Flechten (?) auf dem Kopfe; nur die Eltern der Braut und
der Freiwerber fiten nicht; die Mutter [der Braut] ftellt ſich an's Tiſch⸗
ende. Der Freiwerber bringt auf einem mit einem weißen ZTüchelchen,
welches er von unten [mit den Fingern] feit angezogen hält, bededten
Teller aus der Kammer [ind große Wohnzimmer] einen Rautenfranz,
bleibt am Tifche gegenüber den Verlobten ftehen und Hält an das
verlobte Baar, während Alles jchiveigt, bei der Ueberreichung des Kranzes
folgende Rede. Ä
Rede des Brautführers (Hochzeit3leiters, Freiwerbers)
bei der Ueberreihung des Kranzes.
Triede mit den Hineinfommenden, Freude aber mit den hier
Wohnenden. Zu allererft neige ich mein Haupt vor Gott dem Herri,
dem Schöpfer des Himmels und der Erde, und vor diefen Tieben Perjonen,
die ich hier verfammelt ſehe, am allerniedrigften und ehrerbietigiten aber
verbeuge ich mic) vor Deiner Gnade, [du,] junges Mädchen „Bürbchen“.
Es giebt feinen glüclicheren Tag, als es der heutige ift. Wie eine Roſe
oder eine Lilie, fo bift auch dur, junges Mädchen, wie die jchönite Lilie.
1) — Juszkiewicz’8 12. Beilage (Svotb. röda, 95-97). B.
— 363 —
Unfere erjten Borfahren pflegten Glüd zu wünjchen, wenn fie aus
Gold, aus Perlen und teueren Diamanten die Kränze bereiteten; wenn
Einer von [diefen] teuerern, fchöneren Sachen nichts Hatte, mußte er ein
Zweiglein von einem Baume mitbringen. So mußte aud) ich heute mic)
in das liebe Rautengärtchen begeben, in dem diefe Rauten feimten und
wuchjen, in prachtvollften Blüten erblühten, von paradiefiichen Dufte
dufteten. Siehe da, jo habe auch ich aus demſelben [&arten] dieſen ge-
pflüdten und geflochtenen grünen Rautenkranz, den ich wie eine Wolfe
aufdede, [euch] wie eine Sonne zeige. Wie er Tieblic) anzufehen ift, jo
ift er [auch] Leicht zu tragen.
Sener Jüngling, der „Hänschen“ gerufen und genannt wird, jchickt
mich, feinen Diener, zu dieſem tugendhaften Mädchen „Bärbchen“
mit jungfräulichen Gejchenfen, nicht mit Goldfachen, nicht mit Berlen,
nicht mit teueren Diamanten, fondern nur mit diefem grünen Rauten—
fränzchen, welches nicht durch Die Heeresmenge (Menge einer Kriegs—
mannſchaft), nicht durch die eitigfeit von Mauern, nicht durch das
Kanonengetöſe (Kanonengebrüll), nicht durch die Tapferkeit der Krieger,
jondern nur durch die prächtigiten Zeichen feiner eigenen Sungfernjchaft
überwältigt wurde.) So habe denn auch ich dieſes jchönfte Mädchen
mit folgenden Worten beglückwünſchen fünnen: lebe Hundert Sahre, zähle
fröhlich jene Perlentage.
Dur, hehres Mädchen, Haft diefen Kranz keuſch und ehrbar big
zuleßt getragen, und nun wirjt du dieſen Kranz, wenn du zur Kirche
gefonmen fein wirst, vor dem Altar zurücgeben; den himmliſchen Gürtel
kannſt du bei Gott finden, deine [früheren] Tage wirft dur nicht wieder:
finden, Glücklich find die Sahre, in denen ich dieſes Lichliche Rauten—
kränzchen erhalten Habe, welches tenerer iſt, als Gold [und] Perlen und
wertvoller als die teueren Diamanten.
Nimm, bitte, hehres und ſchönes Mädchen, [den Kranz] aus
meinen [zum Sranzüberreichen] beftiminten Händen in deine Weißen
Hände und ſtecke [ihn] auf deinen Kopf; nachdem du [ihn] nun auf
1) In feinem weit hinreißenden oratoriſchen Schwunge wird der Redner hier
etwas unklar. B
— 364 —
deinen Kopf geiteckt Haben wirft, bitte [Gott] um ein glückliches Leben,
nach einem glüclichen Leben aber bitte um die Erlangung des Himmelveiches.
Die Dankjagung jeitens der Sranzbrautjungfer.
„Dieſe liebevollen Worte Eurer Gnaden, Herr Hochzeitäleiter
(Freiwerber), haben wir vernommen; ich danfe für eine jo liebevolle
Anſprache und für dieſes grüne Rautenkränzchen, welches dieſes Mädchen
heute befommen hat. Wodurd) hat diejes jchöne Mädchen diefe Be-
fränzung verdient? Nicht durch Die Menge einer Kriegsmannſchaft, nicht
durch die Fejtigfeit von Mauern, nicht durch die Kühnheit der Krieger,
nicht durch das Getöſe der Kanonen, [jondern] nur durch das eigene
Berjprechen, ſich im Stande der Keujchheit, welche die allerteiterfte
Tugend tt, erhalten [zu wollen]. Auch wir beglückwünſchen auf diefer
Verſammlung Diejes hehre Mädchen. Sch bitte, mich meiner Heinen
Anſprache wegen zur entichuldigen. Den Kopf neigend, [und] mit Demut
im Herzen, bitte ich einen jeden Einzelnen um Verzeihung.“
Nachdem der Freitverber eine Nede gehalten, überreicht er den Kranz
der Mutter [der Braut], dieſe aber fteckt ihn fofort der jungen Frau
auf den Kopf am die [aufgeltedte] Flechte. Inzwiſchen zerjchneidet einer
von den Brüdern die [verichiedenen] Fleischarten und das Weißbrot und
verteilt es unter die Hochzeitsgäſte, welche zur Kirche fahren follen.
Nach dem Aufbijje gehen Alle vom Tiſche fort und [bleiben]
jtehen; die Braut und der Bräutigam beginnen ſich zu verabfchieden —
zuallererit von den Eltern und [dann] von allen anderen bei der
Hochzeit beteiligten, ohne Jemand auszulaſſen, wobei fie jagen: „Lebt
wol, lebt wol, lebt wol; bitte, jegnet mic) und winfchet mir Glück“.
Alle weinen, die Brautjungfern aber fingen, nachdem Ste ftch [von ihrem
Pla] erhoben haben. Wenn das Brautpaar zur Thüre hinaus zum
Fuhrwerk geht, danı fingen fie [,die jungen Mädchen,] draußen ftehend:
1. Lebt wol, ihr Rauten, 2. Leb' mol, leb’ wol,
Lebt wol, ihr Münzen‘), Meikes?) Meütterchen
Lebt wol, ihr meißen Lilien. Und altes Bäterchen.
8. Kehre ja wieder,
Werd’ euch bejuchen,
Jedoch nichts Gutes thun.
) Krauſemünze. P.
2) „Weißes“ wol deshalb, weil es ſchon weiße Haare hat. B.
— 365 —
Alle jegen fi) nd Fuhrwerk und fahren, indem fie auf Geigen
aufjpielen; die Pferde und die Fuhrwerke find mit Kränzen, Rauten—
bündeln und Grünwerk geſchmückt (bejtedt) ; mit Glöckchen und Lärm fahren
ſie zur Kirche, indem fie [ihre] Gewehre abjchiegen. Auf der Fahrt zur
Kirche fit die Braut neben der HochzeitSmutter, der Bräutigam neben
dem Freiwerber. Zwei Brüder der Braut führen den Bräutigam, zwei
Brüder des Bräutigams Die Braut vor das Ultargitter zur Trauung.
Die Hochzeitsmutter der Braut nimmt nad) der Trauung das junge
Paar und die Hochzeitsgäfte in einer Herberge auf ihre eigene Koften
auf, und jchlieglich fahren alle nach Haufe, das Heißt der Bräutigam
mit den Marjchällen zu fich, die Braut kehrt mit der HochzeitSmutter
und den Brautjungfern zu ihren Eltern zurück.
VII Beilage [zu Nr. 52, pag. 328—330].”)
Der Karawaj?) [Hochzeitstuchen] Der Hochzeitämutter.
Das große runde Weißbrot, welches mit verjchtedenen Flechtwerken
aus demſelben Teige geſchmückt und verziert iſt, heißt Karawaj (kar-
volus = Hochzeitskuchen). Auf ihm iſt aus Teig eine Menge von
Verzierungen, verfchiedenen Bügeln, Kaninchen und Hafen gemacht; eine
Slinte, die auf ein Reh oder eine Goldamfel zielt, ift [aus Teig gemacht
und] aufgeklebt; er |,der Hochzeitsfuchen, iſt auf einem jpeziell zu dieſem
Zwecke gemachten Brotjchieber durch die erweiterte?) Ofenöffnung [hin-
eingejchoben und) ausgebaden; er iſt mit Rauten, Blüten und Kafnifen-
beeren (PBilbeeren)t) oder mit Kirchen ganz beitedt; er hat dreimal
neun weiße Wachskerzen, die in ihn hineingejteckt find und die man im Neben-
gebäude (Borhaufe) anzündet, wenn der Marſchall [ihn] nach dem zu Ehren
der jungen Frau [gegebenen] Mittaggefjen?) aus der Kleete ins Wohn:
zimmer zur Verteilung bringt. Die Hochzeitgmutter des Bräutigams
bringt ihn [den Hochzeitsfuchen,] zu den Schwiegereltern.
ı) — Juszkiewiez’3 17. Beilage — röda, ET
2) C£. Anm. 1. zu pag. 165 und Anm. 1. zu pag. 214,
) Die Ofenöffnung ift zum Zweck des Badehs diefeg Kuchens miten gemacht.
Ban ala, Bachholunder.
>) CH. Nr. 48, pag. 326 -327.
— 366 —
IX. Beilage)
Die Hochzeitsperjonen [Hochzeitschargen].
1. Der Bräutigam — der Neuvermählte.
Der Freiwerber des Bräutigams.
Der Gaftbitter des Bräutigams,
Der Marfchall des Bräutigams.
Der Brautjchaßführer oder Federmann.
Der Hochzeitsleiter.
Die Hochzeitämutter des Bräutigams die Mittagsipenderint.?)
Die Empfangsbrautjungfer.
2. Die Braut — die Verlobte.
Der Gaftbitter der Braut.
Der Marfchall der Braut.
Der Ehrengaft (Ehrenmarjchall).
Der Befichtiger.
Der Begleiter.
Die HochzeitSmutter der Braut oder die Kirchenhochzeitsmutter.
Die Brautjungfer — die jtetige Begleiterin.?)
Die Kranzbrautjungfer.
Der Hochzeitsleiter.
Hochzeitzleiter heißt derjenige Führer, der den Hochzeitszug ins
Haus, wo die Braut oder der Bräutigam leben joll, führt. Wenn
man den Bräutigam als Schwiegerjohn [ins Haus] nimmt, das Heißt,
wenn er [ind Haus der Schwiegereltern) eingeführt wird, jo ift der
Hnchzeitsleiter jedes Mal von Seiten der Braut; wenn aber die Braut
[in das Haus der Schwiegereltern] eingeführt wird, jo iſt der Hochzeit:
feiter von Seiten des Bräutigams. Bon Seiten des Bräutigams ift
meiftenteil3 der Bruder des Bräutigams Hochzeitzleiter, von Seiten
der Braut — der Bruder der Braut. Die Aufgabe des Hochzeitzleiters
it: den Bräutigam am Sungfrauenabend zu den Eltern der Braut zu
1) — Juszkiewicz’3 18, Beilage (Svotb. r., 102—104). B.
2) C£. Anm. 6. zu pag. 235, B.
9) Of. Anm, 4, zu pag. 151. B.
— 367 —
führen, oder die Braut nach der Trauung zu den Eltern des Bräutigams,
und den ganzen Hochzeit3zug zu den Eltern der Braut oder des
Bräutigams zurüczuführen; und Dafür erhält er [der Hochzeitleiter,]
don der Braut ein Stüd Leinwand, oder ein Handtuch, oder Hand—
ſchuhe, oder einen Gürtel, oder Kniebänder.
Der Marjchall des Bräutigamg.!)
Marſchall des Bräutigams ift meiftenteils der Bruder des Neu:
vermählten. Der Marichall und der Gaftbitter find bei der Braut be-
\chäftigt: 1) kaufen jie die [lange] Bank von den Mädchen aus; 2) fuchen
fie die Braut unter dem Baldachin oder dem Unterfpreitlafen; 3) führen
jie die Braut zur Verabſchiedung; 4) tragen fie ein Stüd Hochzeitg-
fuchen und ein Glas [irgend eines] Getränfes [heraus], wobei der Gait-
bitter leuchtet, [und verteilen es] unter die Verwandten der Braut;
5) faufen fie in der Stleete von der Schweiter der Braut den Kleider⸗]
Kaften für den Brautjchagführer aus?); 6) bringen fie der Braut
den Kranz vom Bräutigam und halten bei der Ueberreichung eine hübjche
Rede; 7) führen fie zufanmten mit dem Freiwerber den Bräutigam
vor das Altargitter zur Trauung; 8) figen jie während des Mittags-
eſſens zu Ehren der jungen Frau im Haufe des Bräntigams [unmittelbar]
an der Seite der Brautjungfer. |
Der Marſchall der Braxt.
Marſchall der Braut ift am häufigsten der leibliche Bruder derjelben.
Der Marjchall und der Gaftbitter find nach der Trauung im Haufe
des Bräutigam beichäftigt: 1) fegen fie, pußen und ordnen das Wohn-
zimmer, bevor die Neuvermählten gewedt werden; 2) Flechten fie während
der Haubung der jungen rau in der Kleete die Flechten los; 3) reißen
fie während der Haubung der jungen Frau die Haube vom SKopfe
und werfen fie [‚die Haube,] auf die Galleried); 4) ſchmücken fie vor
») Of. Anm. 2. zu pag. 153. B.
2) Die Schweiter der Braut ſitzt auf dem Brautichagkaften, der in das neue
Heim der Braut gebracht werden foll, und Liefert denſelben nur gegen ein Zöfegeld,
das der Freiwerber zahlen muß, aus. P.
C£. ſonſt die Nr. 28, pag. 220- 222, B.
3) Gallerie, die um die Kleete führt; ch, Arm. 1. Zu pag. 24. B.
— 368 —
dem Mittagejjen zu Ehren der jungen Frau die Wände des Wohn:
zimmerd mit Lichten und Handtüchern; 5) tragen fie während des
Mittagejjend zu Ehren der jungen Frau Speifen und Getränke auf den
Tiſch; 6) bringen (tchleppen) fie den Hochzeitsfuchen der Hochzeitämutter
aus der Kleete [inS Wohnzimmer] zur Berteilung herüber; 7) tragen fie
ein Stüd Hochzeitöfuchen und ein Glas [irgend eines] Getränfes heraus,
wobei der Gaftbitter leuchtet, [und verteilen e3] unter die Verwandten
de3 Bräutigams; 8) tragen fie aus der Kleete in? Wohnzimmer auf
ihren Schultern Die Gejchente der Braut, das heißt: Kleider, Leinwand⸗
ſtücke, Handtücher.
Der Ehrengaft.!)
Der Ehrengaft ift der Mann der HozcheitSmutter der Braut oder
der Wirt des [Braut=] (?) Haujes?). Seine Aufgabe ift, den Gaftbitter,
der am Jungfrauenabend um Eintritt zur Hochzeit bittet, auszufragen
zu verjtehen.
Die Brautjungfer.
Brautjungfer ift meiſtenteils die Schweiter der Braut; deshalb,
weil fie während der Jungfrauenfchaft [der Braut] von ihr nicht weicht,
beißt fie Anhängjel?); wenn fie aber vor der Trauung der Braut den
Kranz anjtedt, heißt fie außerdem SKranzbrautjungfer (Anſteckerin)9
Auf einer reicheren Hochzeit müfjen (von) ſechs bis neun Brautjungfern
da jein, welche meiftenteild Schweitern, Verwandte [und] Freundinnen
der Braut find. Das find gewöhnlich hehre, hübſche, ehrbare, junge
Mädchen; ihre Köpfe find mit Bändern, [aufgeitecdten] Flechten, Fünft-
lichen Chignons*) und grünen Rauten mit Ylitterwerf geſchmückt.
Auf einer ärmeren Hochzeit find (von) drei bis ſechs Brautjungfern;
die zwei jüngeren von den ſechs, etwa zwölfjährigen (von zwölf Sahren
1) Of. Anm, 1. zu pag. 153. B.
2) Eher des Haufes, mo die Hochzeitsmutter wohnt. B.
>) Of. Anm. 4. zu pag. 151 und Anm. 3. zu pag. 366. B.
*) Of. Anm, 3. zu pag. 212 und Anm, 4. zu pag. 235. B.
5) Nach einer von Profeſſor Dr. Baudouin de Courtenay gemachten Notiz,
ift e8 ein aus Flachs künſtlich verfertigter Chignon, der unter das Kopftuch zu dem
Zwecke gelegt wird, damit es ſcheine, wie wenn die Haarfülle eine große wäre,
P,
— 369 —
an), heißen „Rehſtärken“ (Nehchen)!). Sobald man nur nad) der Haubung
im Nebengebäude, gegenüber den Gänfeneftern, die junge Frau ins Wohn:
zimmer zu führen gedenft (bereit ift), laufen dieſe beiden zu allererft,
gleich Vorbotinnen, aus dem Nebengebäude fchnel ins Wohnzimmer,
fülfen den Laib Brot, welcher auf dem Tiſche Tiegt, gehen um den Tiich
herum und jegen fich auf die [lange] Bank bei der Thüre; und fofort
führt man die gehaubie junge rau, in Begleitung von vier Brautjungfern
[ing Wohnzimmer].
Die Brautjungfer, die Schweiter des Bräutigamd, von welcher die
junge Frau am Altargitter ſals Vermählte] empfangen wird, heißt
Empfangsbrautjungfer.?)
X. Beilage?)
IKopfſchmücke und Kopfbedeckungen.]
Der Kopfſchmuck der Mädchen.
Das Haarflechtenband iſt [dasjenige] Band, welches man in
den Zopf oder in die Flechten hineinffechtet.
Die [auf den Kopf aufgedrehte] Flechte ift ein Chignon, oder ein
rund aufgeftedter Zopf, von einem breiten, hübjchen Bande umgeben,
deſſen Enden frei Herabhängen [und baumeln]; und das wird [aufgeftedte]
Flechte (kasinjukas) genannt.
Der Kopfſchmuck der Frauen.
Der Slikas?) ift eine [Frauen] Mübe, die mit Silber und Gold
ausgenäht ift.
Der müturas?) — ein Müschen, das aus Stoff genäht ift.
Der gobtüras — ein Mützchen aus Sammet.
N Ihres zarten Alters und der demjelben enifprechenden zierlichen Erfcheinung
wegen wol jo genannt, Of. pag. 246, Zeile 2.
?) C£, Ann, 4. zu pag. 285.
) = Juszkiewiez’s 19. Beil. (Svotb. r., 104—105). B
*) CH. Anmerkung 3. zu pag. 241, Anmerkung 4. zu pag. 243, Anmerfung 1.
au pag. 217. B.
5) C£. Anmerkung 3. zu pag. 244. B.
24
5 to
— 370 —
Es giebt noch vier Frauenmützen:
1) Die Hörnermüge!) — mit vier Hörnern, iſt aus Sammel
genäht, mit zwei Ohrchen und einer Troddel aus irgend einem Zeuge,
an welche (‚Troddel,) man ein weißes Qüchelchen zur Haubung der
jungen Frau anſteckt; mar befeßt fie [‚die Hörnermüße,] mit Iltis⸗,
Fuchs- oder Marder-Aufichlägen.
2) Die Kapuze mit drei Ohren ift aus Tuch genäht [und] mit
ſchwarzen Auffchlägen [verjehen].
3) Die Schafsmütze, mit Aufjchlägen aus Schafsfell, hat hinten
Falten oder Rofetten (Schleifen) aus zwei roten Haarflechtenbändern.
4) Ein Mühen mit Brämen (mit Trejfe) rund herum, oder
mit Zaden (groben Spiten),?) oder mit geferbten Falbeln.
Der Schleier. — Der Schleier ift aus feinem weißen Gemebe,
etwa fünf Ellen lang, einem Handtuche ähnlich.
Die Kappe. — Ein weißes Stück [Zeug] oder ein Kopftüchelchen,
von einer Elle Länge, heit Kappe.
Die Kopfbinde — Ein feines weißes Stüd [Zeug] oder ein
Handtüchelchen von anderthalb Ellen Länge, zum Feitbinden des Käppchens
an den Kopf, heißt Kopfbinde; die Enden derjelben hängen zierlich zur
rechten Seite herab.
*
* *
Wenn die Hochzeit zur Frühlingszeit ſtattfindet, ſo reitet der
Bräutigam mit einem Strohhute, welcher mit einem ſchönen Zierbande
umbunden iſt; wenn aber im Winter, jo mit einer Schafsmütze.
I) Nach der Verficherung der Einwohner felbft, eriftiert fie nicht in Wielona.
B.
2) Nur nod) in Liedern befannt; der Marder findet fich nicht in der Gegend
von Wielona, B
®) Gold⸗ oder GSilbertreflen, die wie eine Krone, mit den Zaden nach oben,
an das Mübchen genäht find. P.
— 371 —
XI. Beilage)
[Tänze und Spiele.]
Hochzeitstänze.?)
Dieſes ſind die Tänze auf der Hochzeit der Litauer: Gerſte
(Gerſtchen) Himbeerchen (?), das Sechsdrähtige (ſechsfädige)
[Tuch], Kreis (dev herumdrehende Tanz), Fee (Here), dad Unter—
riechen (? Diftelfint), zwei Häschen, Häschen, das Ausichauen
(Umbergaffen), Kudud, Sperling’), „Dajlilö*, „Judabrù“, „drei—
Hewelten-Leinwand“ (?), Drehen, Brahe (Branntweinipülicht) (9), Ent-
lein, Müschen, Hochzeitsgaft, gnädige Frau (ruff, 6äpsıaa), der Schöne,
Kopfkißchen, Mohn.
Der Müller mit Gejang‘)
Dil, dil, Müller,
Eijerner Müller,
Mahlte nicht die Erbſen,
Brach entzwei den Mühlſtein .....
Bitte zum Müller- [Spiele].
!) Juszkiewicz’8 20. Beil. (Svotb. r. 105—106.) B.
2) Es find dies nicht jo wol Tänze, als Geſellſchaftsſpiele mit Tanz und
Geſang.
Das Spiel „Gerſte“ geht ungefähr folgendermaßen vor ſich: Die ganze
Geſellſchaft bildet einen Kreis, in defien Mitte der Kaufmann fteht, der Gerfte Taufen
wil, Er wendet fi nun an die einzelnen Perſonen des Kreiſes mit den verſchie⸗
deniten Nachfragen nach Gerfte, wobei er ermahnt, man möchte gute Ware liefern
und fejte Preiſe machen. Hiebei bemüht fi ein Jeder, recht wigig zu fragen und
zu antworten, Womit das Spiel endet, ift mir nicht mitgeteilt worden,
Das „Himbeeren“ (? „Schäfchen“) erinnert an das deutiche Spiel „Der
— ai die Zämmlein”, oder an das befaunte „Fuchs, du haft die Gans
geſtohlen“.
Hinter dieſes große „6drähtige Tuch“ ſchleppt der Wolf das geraubte
Lämmlein, welches von dort aus don den übriggebliebenen, [vom Wolf nicht ge=
taubten] Lämmlein losgefauft wird.
Melcher Art das Spiel „Kreis“ ift, konnte ich nicht ermitteln.
Zur Fee (Hexe) cf. 13te Beilage, „Die Fee“ (pag. 373-374),
Das „Durchkriechen“ fol unſerem „Rates und Maus⸗“Spiel ähnlid) fein.
Zu „Zwei Häschen“ cf. das folgende Lieb (pag. 372),
Zu den folgenden Spielen konnte mir mein Gewährsmann feine Erklärungen
geben; es jollen dies eher „SKunftftüce” als Tänze oder Spiele fein, P.
2) C£. Anm. 3, zu pag. 162, B.
) Ein Geſellſchaftsſpiel mit Gefang. P.
24*
— 312 —
Zwei Häscen.
Du mein Häschen, du mein blaues,
Du mein Tiebes, blaues Häschen,
Darfſt noch nicht, darfit noch nicht
Sm Gärtchen hüpfen.
[Denn] aus Eifen find die Pförtchen,
(Und) aus Silber find die Schlüffel;
Darfſt noch nicht, darfſt noch nicht
Im Gärtchen hüpfen.
Die Schlafmüse (Schlummerjchweiter).
Die Schlafmütze figt mitten auf dem Hofe, rupft J Rocken
(Wickel), verdirbt den Flachs.
Sie [fingt]: Schlummere, Väterchen,
Des Wegleins fahrend;
Wenn ich's gewußt hätte
Wär’ das Pförtchen offen.
Notgelb fürbt der Herbft fich,
Röter iſt der and’re;
Grüngefärbtes Müschen,
Grüner iſt — das amd’re.
XI. Beilage. ’)
Hochzeitsicherze (Spiele).
Diefes find noch die Scherze Spiele mit Tänzen und Gejang,
die man auf den Hochzeiten ausführt: 1) Der Iltis, 2) der Bär, 3) der
Kranich, 4) der Kater, 5) der Affe, 6) der Hirſch, 7) Kohl hauen,
8) Vergel (Splitter) fpalten, 9) Mützen jchlagen, 10) den Birkhahn
ichlagen, 11) Bürfte?) ftechen, 12) Kartoffeln trocken fochen, 13) den
| 1) —— 21. Beil. (Svotb. r., 106). , B.
2) Bei Juszkiewiez’8 Drudfehler: „Sepetys“ anftatt Sepetys“. Nach
Kurschat: „sepetys, Gen. Söpecio, eine eigentümliche aus an einem Ende zufammen-
gebundenen Borſten beftehende Bürfte, welche auch als Kamm benutzt wird.
B.
EG
— 373 —
Wolfsſchwanz reden, 14) nad) Rom reiten, 15) eine Nadel einfädeln,
16) einen Habicht rupfen, 17) eine Eule rupfen, 18) das „Reh”-tanzen,
19) auf die Tanne flettern, 20) daS Schafböclein, 21) Bartholomäus,
22) Theer brennen, 23) Pflüge ſchmieden, 24) Sterne zählen, 25) Häckſel
(Pferdefutter) ’) freſſen (ſchlampern), 26) Flachs brechen, 27), Mohne“ reiben,
28) Flachs weichen (röſten, in Waſſer eintauchen), 29) die Thür durch—
bohren, 30) eine Flaſche zerſchlagen, 31) eine Flaſche in die Erde hin—
einſchlagen, 32) einen Krug nicht zerſchlagen, 33) die Kuh melken, 34)
hinter der Thüre zutrinfen.”)
XIU. Beilage?)
Die Feet) fein Hochzeitstanz: Tanz mit Gefang!.
Ein Mädchen jigt auf der [langen] Banf, der große Haufen aber
tanzt [um fie] herum und fingt:
Ein Entlein ſchwamm des Meeres, des Meeres,
Und führte die Sungen mit fich, ſtets mit fich nur;
Meine lieben Kinderchen, ftehet etwas, bleibt zurück,
Auch ich Telber will jchwimmen zum Vater, zur Mutter.
Der Tanzanführer nähert fich der Fee und jagt: „Guten Morgen,
See”. Die Fee fragt: „Was braucht du?” — „Ein Entchen, oder einen
Enterich“. Darauf läßt man Einen [oder Eine] zur Fee und febt fie
an deren Seite; und jo jcheidet man aus dem tanzenden Kreiſe alle
bis auf die legte aus. Wenn man alle ausgefchteden hat, klatſcht die allein
zurüdgebliebene in die Hände und tanzt, indem fie fingt: „Die Fee
hat die Kinder geftohlen, geitohlen.“ Darauf fragt die Tee: „Wo bift
du ſelbſt geweſen?“ — „Sm Gebüſch“ („in der Bürfte“), und tanzend
ſingt fie:
„Hab’ im Meer ertränft [die Kinder] (?),
Habe angelegt (angebunden) den Klo?) auch“.
1) Of. Anm. 1. zu pag. 163. B. |
2) Bon den Einwohnern von Wielona ſelbſt wurden mir noch die zwei folgenden
Spiele genannt: 35) OzkAM — „Ziege“ und 36) Cigöonas — „Zigeuner“. B.
°) = Juszkiewicz’3 22, Beil, (Svotb. r., 106-107 ) 5
*) Lit. Laumö,
5) Nach Kurschat’3 „Wörterbuch der lit. Sprache“: „Kalada, and Klotz,
in den die Gefangenen im Gefängnis gelegt werden.“ F
(bis)
— 374 —
Die Tee jagt:
„Auch du jelbft ertrinf, ertrink',
Weil [die Kinder] (?) du ertränfteft.”
„Werd' nicht ertrinfen,
Werd’ meine Tochter führen
Blieb noch ein Süngling,
Tieffinnig im Gärtchen“. | u)
Und fie führt Einen von der Zee fort und tanzt mit dem fortgeführten
und läßt ihn los zum Ofen?) [hin). Und fo jammelt man einzeln wieder
alle ſzuſammen]. Und zulegt Hatjcht fie wieder in die Hände und tanzt
indem fie fingt:
„Werd' nicht ertrinken, | (bis)
Werde meine Frau Fee führen“?).
Und fie führt fie zum Tanze und alle tanzen.
| (bis)
XIV. Beilage).
[Epitheta ornantia und ähnliches.]
Das Schmähen des Freiwerbers.
Der Freiwerber [ift] Lügner, die Langzunge, der mit durchlöchertem
Hute, hat in den Zaun ein Loch gebrochen, die Fußpfade eingetreten,
hat es fo weit gefrieben, bis er unjere Schweſter verlodte, belog, aus⸗
freite, die Humde zergte, die Ähren zerknickte (verwidelte) [und aus
ihnen) eine Garbe band, das Gras niederbog und Die dürren Bäume
abbrach.
Das Schmähen der Gäſte.
Die Mädchen ſchmähen die Gäſte: ſchlinge, ſchlinge, o Gaſt, iß,
ic) werde Helfen und mit dem Beſenſtielende nachſtoßen. Lieber Gaſt,
[du] Hageſtolz (alleinftehendes Pflöcdchen), wateteft durch Kot, füßteft
a)
1) sc. zum Tanze.
2) Zum Borderteile des Ofens, mo die Töpfe Hingeftellt werden, nachbeie
fie vom Feuer genommen find; dort werden auch die Kinder gejegt.
2) sc. zum Tanze.
9 = Juszkiewicz’3 23, Beil. (Svotb, r., 1U7—109).
row,
= 305, ==
eine Hündin, voll iſt dein Bart von Bfriemengras (Bettlerläufen, Spib-
fetten) $Benediftinerfraut, ein Kraut mit Dornen (?)!. Ich weiß, was
die Hochzeitsgäjte efjen: eine gebratene Ratte, die mit Theer gefchmiert
it. Verrückt (dumm) (Thoren) find die Säfte des Bräutigam oder
der Braut!:
fie jehen eine Badeſtube, jagen „Kirche“;
jte jehen einen Steinhaufen (Steinofen), jagen „Altar“ ;
fie jehen einen Beſenſtumpf (Dfemwiich), jagen „Sprengwedel” („Weih-
ſprengel“);
ſie ſehen eine Scherbe, ſagen „Keſſelchen“ („Weihwaſſerkeſſel“);
ſie ſehen einen Kater, ſagen „Prieſter“;
ſie ſehen ein Hündchen, ſagen „Chorknabe“ („Miniſtrant“).
Der Hochzeitsgaſt geht über den Scheunenplatz und trifft eine
kraushaarige Hündin, die Hündin wedelt mit dem Schwanze (dreht die
Nuthe), der Hochzeitsgaſt ſchwingt mit dem Hute (nimmt den Hut ab).
Dumm (thöricht) [find] die Hochzeitögäfte.
Das Breilen (Xoben) der Gäſte.
Die Mädchen jagen: „Wir danken euch, [ihr] lieben Säfte, für das
Noggen-Schwarzbrot, [und] Weizen-Weikbrot. Gott gebe den Gäften
mit je zweien bi dreien zu pflügen, mi! vieren zu eggen, mit Schimmel:
rofjen zu fahren.“
Das Schmähen der Hochzeitsmutter des Bräutigam,
Wenn jie [die Hochzeitsmutter) den Mädchen nichts zu ejjen giebt,
ſchmähen dieſe [fie fo]: |
„Hochzeitsmütterchen, ſagteſt, daß alles dein fei. Nein, nicht alles
it dein; alle Enden find nicht dein, nicht dein; alles iſt geliehen, er-
bettelt, vom Söhnchen herausgelodt: das Hemdlein ift nicht Dein; Die
Korallen, der Brautjchleter, das Käppchen, der Schnürmieder (das Schnür-
feibchen), die Jade, die Schürze, der Unterrod, die Schuhe [und] Stiefelchen
(Halbſtiefel)) find nicht dein.”
1) CH Anm. 1. 3u pag. 229. B.
376
Das PBreifen der Hochzeitsmutter.
Hochzeitsmutter! o daß du mit dreien pflügteft, mit vieren eggteft,
niemals ſaus] dem Getreidefaften [bi3 zum] Boden fchöpfteft, mit
Schimmelcoffen führeſt. Es glänzt (jtrahlt) dag Licht, ebenſo alänzt
das Tüchelcden unjerer Hochzeitämutter.
XV. Beilage!)
[Die Reihenfolge von HochzeitSbeteiligten und Ceremonien.]
Das gemütliche Beifammenfein am Sungfrauenabend,
Die Hochzeitömutter figt am Ende des Tiiches auf dem Ehren-
plabe; der Bräutigam — Hinter dem Tijche, Die Braut — Dicht neben
dem Bräutigam. Die Kranzbrautjungfer — neben der Braut, die Braut-
jungfern in [ihrer] Neihenfolge. Der Freiwerber fit gegenüber dem
Bräutigam auf dem Ende der Heinen Bank; der Ehrengaft zur Seite
des Freiwerbers; [darauf] Hochzeitsgäfte, Gäſte.
Die Wirtin trägt Getränfe und Opeijen während der Hinaus—
begleitung?) zum Bräutigam und vor der Trauung?) zur Braut. Die
Hochzeitämutter der Braut und die Kranzbrautjungfer führen die Braut
zur Trauung, vom Altargitter aber drängen die Empfangsbrautjungfern
und Schwägerinnen die Hochzeit3mutter und die Brautjungfer fort. Der
Freiwerber und der Marſchall führen den Bräutigam vor das Altar—
gitter.?)
Berichtigungen und Zufütze
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ı) = Juszkiewicz’8 24. Beil.
2) Of. Nr. 15, pag. 165—167.
°) C£. Nr. 31, pag. 231—234.
*) C£. Nr. 32, pag. 238.
(Svotb. r., 109).
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377
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pag. 207.
‚Die dazu noch
blinde, lahme
Mähren ſind
— Of. Anm. 2.
u pag. 212.
ker und rät
Schmeine. Of. pag.
174 Beilen 2—3
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Ehrengaft
————
De een
indem fie [ihn]
entſchwindet (ent⸗
weicht)
verſteckt ſich Gwer⸗
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16a) Die Ermar-
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tigams.
Gruben
(ruhigen)
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Händen)
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Hochzeitsleiters
ee ügelige
3 nur
übe) beredet
(Jüngſten)
Ehrengaſt
ſeie
der Faſſung
zu bringen)
Ehrengaſtes
Hochzeitsleiter
175
173
177
173 Zeile:
174
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bewachen e3
fie für ſich ein
beſtreuen
lauf's neue mit
Stro
Sodaeität-gäfe)-
Spaßmacher
der Vorſtube
[den Fußſteig mit
rettern
Weikbrot, Hörn-
chen (Sipfel)
vor einander
Gänſemarſch nicht
einander !
angeipannt (lang
geipannt)
die Kleete
Ehrenfubrwerfe
A’uksu
hin.
ein paarmal
ins Freie
Dfenitange
(nun)
(den Kranz)
a nachdem
lärmend
Brotſchieber,
(die un
Mäd („Reh
ſtär en“) i)
Sungen?)
(der Brauf)
(Duerflöten) (?)°)
bededten
) Ok. Anm. 1. zu
pag. 369.
3
fe Vorfiube
in die Borftube
(&ederbetten)
mit von allen
Seiten _einge-
Beeten-
cheiben?)
daß
weggenommen
deutlich erhaben
Pag.: 824 Zeile: 16 von oben anft.:
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—
383
Löff'ſlchen
der unſ'ren
märcpietis
Augenwimpern;
des unſ'ren
Ermeden [se.
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ſolange (als)
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es iſt dir genug,
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(Knochen
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no
verstehe.
Hundeitegen
[die Pferde)
Hälfern
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Löfflein
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marèpiotis
Augenwimpern
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infolge dieſer
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Kia’ngej
genug
junge Saft, Du be⸗
trogen und ge—
nug vor der
Welt gelogen
Steinpilze,
verſetzte
ſchlüge
ausgefchüttelt
(auögeleert)
Geräte machen
Laterne werden
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kebenäk(a)s
Eimerchen) Waſſer
—— (? Terne)
Humdelteigen
l,die Bferde,]
älfen
ie Dazu gerade
Ind find
Schmweinefteigen
Euch
Bei der Zufammenftellung von Berichtigungen war mir mein Kollege,
Dr. Leonhard Masing, fehr behilflih, indem er Die Mühe nicht fcheute, Die
ganze Überfekung famt meiner Worrede mit mir durchzulefen.
dafür mein Dank ausgefproden.
Dorpat, im April 1891.
Es jei ihm
J. B. de C.
— 34 —
21.
Ein Beriht über Hefte lettifhen Heidentums,
mitgeteilt von Karl Zohmeper.
Al ich vor einer Reihe von Jahren in meinem Aufſatze über
„Preußen, Land und Leute, bis zur Ankunft des Deutfchen Ordens”
(Preußiſche Jahrbücher, 1874) und dann in meiner Gefchichte von Dft-
und Weftpreußen unfer Wiffen über das altpreußiiche Heidentum auf
ein äußerjt bejchränftes Maaß zurüdführte, war ich weit davon entfernt,
mir einzubilden, daß ich Damit das legte Wort in der vielbehandelten
Sache geiprochen hätte Davon aber war ich damals überzeugt und
daran Halte ich auch heute noch Felt, Daß man bei Der Forſchung nad
dieſen Dingen lediglich die gleichzeitiger oder doch die möglichſt gleich-
zeitigen fehriftftelleriichen Quellen oder ſonſtigen Weberlieferungen heran
ziehen darf, daß vollends Angaben, welche fich zu allererjt bei Schrift:
jtellern, zumal bei den Antiguaren, des 16. Jahrhunderts finden, nie
mals zum Ausgangspunkt oder zur Grundlage der Forjchung zu nehmen
ind; und wer die Art der eben bezeichneten „&elehrten”, die ganze
Forſchungsweiſe der Nachgeborenen des Humanismus fennt, wird mit
darin beiltimmen. Wer zur Erkenntnis des altpreußifchen Heidentums
die Machwerfe eines Erasmus Stella oder eines Simon Grunau, wer
für die Litauer die Schrift des Laſicius al3 Quellen beranziehen
will, wird und muß immer auf Irrwege geraten. Anders freilich,
jedenfall3 wenigſtens etwas anders fteht es um jene, wenn auch ebenfalls
ipäteren Berichte nach eigenem Sehen und Hören, deren Verfaſſer im Grunde
doch nichts weiter geben wollen und, gelegentlich eingeftreute, immerhin
Leicht erfennbare Kleine Broden eigener Gelehrſamkeit abgerechnet, auch
in der That nicht? weiter geben al, was fie wirklich an Ort und Stelle
gejehen und erfahren Haben; und doch dürfen auch diefe Aufzeichnungen
bei Xeibe nicht als den gleichzeitigen Weberlieferungen gleichwertige
Duellen betrachtet und behandelt werden, weder die dem Anfange der
Neformationzzeit angehörigen Berichte evangelifcher Geiftlichen über
Namen und Verehrung preußifcher Götter, noch die Berichte jeſuitiſcher
Wanderprediger des beginnenden 17. Jahrhundert über ihre Beob-
— 385 —
achtungen bei den lettifchen Bauern und Fiichern. Dat und warum e3
jo ift, daß und warum auch diefe Sachen in feiner Weife als unver-
fälſchte Reſte des alten Heidentums aufgefaßt werden dürfen, und
weiter wofür allein der vorfichtige Forſcher fie zu Halten hat, habe ich
an der erjten der oben angegebenen Stellen genauer ausgeführt. Hier
zur furzen Darlegung meiner auch noch heute feitgehaltenen Anficht und
Auffaffung nur ein Beiſpiel.
Sn den Berichten über lettijches Heidentum finden ſich gewöhnlich
drei „Götter“ namhaft angeführt und darunter als Gott der Pferde
Uſching. Daß Diefer Name etymologijc nichts mit den Pferden zu
thun hat, ist längſt erwiefen, und wenn man den darin ftedlenden
mythologifchen Begriff — vorausgejeßt, jo möchte ich zu bemerken nicht
unterlaffen, daß ein jolcher wirklich darin ſteckt — wenn man geneigt ift,
diefen Begriff mit dem Erwachen des Frühlings in Verbindung zu
bringen,!) jo it dagegen. vielleicht nichts ı Wejentliches einzumenden.
Welche Bedeutung nun aber diefer Uſching bei den alten Letten jelbit,
in ihrem urjprünglichen Heidentum — vorausgejeßt wieder, daß er
wirklich fo weit hinaufreicht — gehabt hat, ob ex bei ihnen den Winter
getödtet und den Frühling Hereingeführt, ob er ihre Pferde beſchützt,
oder od er vielleicht beide Beſtimmungen in fich vereinigt bat, wer
möchte dieſes nach dem Vorliegenden allein zu entjcheiden wagen?
Wenn aber in folchen thatlächlichen Berichten auch nur ein ganz ge-
ringer Kern fteckt, aus welchem vielleicht, zumal wenn immer noch neues
Material Hinzufommt, mit der Zeit auch brauchbarere Frucht hervorgehen
fan, jo find fie gewiß der Erhaltung wert, und darum wollte es mir ge-
boten erjcheinen, eine mir zugänglich gewordene ausführliche Aufzeichnung
der Art, obwohl fie einzelnen Speztalforjchern nicht mehr unbekannt.
geblieben war, auch weiteren Kreijen zugänglich zu machen. —
Jedes zu eigener Thätigfeit fähige Mitglied eines Sejuitenfolle-
giums hatte alljährlich (ob und wieweit das noch heute gejchieht, vermag
N Auning (Baftor in Seßwegen), wer ift Uhßing? Ein Beitrag zur
lettifchen Diythologie (in: „Magazin, herausgeg. von der Lettiſch-Literäriſchen Geſell—
Ihaft”, 16. Bades 2. Stüd, Mitau 1881, ©. 6-42). 3
— 336 —
ich augenblidlich nicht anzugeben) in ein eigens dazu beftimmtes Buch
eigenhändige Aufzeichnungen über jeine amtliche VBerrichtungen einzu:
tragen, daran ftellte dann der Vorfteher des Kollegiums den üblichen
Sahresbericht an die Oberen zufammen, und aus den an den Drdensgeneral
gelangenden Berichten der Leßteren wieder wurden die Litterae annuae
societatis Jesu zuſammengeſtellt. Während dieſe mit ihrem zuſammen—
gedrängten, oft vecht dürftigen Inhalt gedruckt wurden und auch noch
heute in größeren oder fleineren Reihen auf öffentlichen Bibliotheken zu
finden find, jcheinen die weit ausführlicheren, in den Anftalten jelbft
zurüdgebliebenen „Annalen“ entweder zumeiſt verloren zu jein, oder fie
haben ſich ſonſt den Bliden der Forſcher entziehen können. Ueber jolche
Annalen des Sefuitenkollegiung in Riga für die Sahre 1604—-1618
fonnte der im lebten Herbjt verjtorbene hochverdiente Forjcher auf dem
Gebiete der politifchen und der Nechtögefchichte Livlands, L. Napiersky,
im 3. Hefte des 14. Bandes der „Mittheilungen aus dem Gebiete der
Geſchichte Liv», Eſt- und Kurlands“ (©. 364—386) bejchreibende Mit:
teilung machen. In dieſer heißt es ©. 373 fg.: „Ausführlich geſchildert
wird eine Miffion vom J. 1606 in- die Gegend von Ludzen und
Roſſitten!), einen Landſtrich, deſſen Bewohner (LXetten), des göttlichen
Mortes entbehrend, unter einem neunzigjährigen DOberprieiter, der Popus
genannt wird, dem von ihren Vorfahren überfommenen Gößendienft
oblagen. Die verjchiedenen Götter, Die fie verehrten, werden nambaft
gemacht, die Opferungen unter heiligen Bäumen, Yaubereien, Beerdi-
gungsgebräuche, Gaftmähler für die abgefchiedenen Seelen bejchrieben”.
Durch dieſe Stelle aufmerffam gemacht, bat ich Napiersky, mir eine
Abſchrift derjelben zu beforgen, und in feiner überaus großen Liebens—
würdigkeit hat der alte Herr die faft fteben enggeſchriebene, große Quart—
jeiten füllende Abjchrift mit wunderbar ficherer Hand jelbjt gefertigt.
Es werden aber da nicht bloß eine, Sondern vielmehr zwei von
Prieftern des rigaiſchen Kollegium ausgeführte Miſſionsreiſen des
) Die beiden genannten Orte liegen im äußerften Südoſten Livlands, im
fogenannten polnifchen Livland, nahe der Grenze des ehemaligen ruſſiſchen Teils
fürftentums Polozk.
— 337 —
genannten Sahres beichrieben, deren erjtere in der Faſtnachtszeit, wo,
weil Oftern nach den neuen Kalender ſchon auf den 26. März fiel,
das Eis, die andere im Sommer, wo die größere Dürre den Zugang
zu der Durch Sümpfe abgejchmittenen Gegend ermöglichte, unternommen it.
war find bereit früher zwei andere Berichte über die Nefte des
lettifchen Heidentums in jener Gegend faſt aus derjelben Zeit zum
Abdınd gefommen: der eine, aus dem 3. 1613, aus einem Protokoll
der im Spätſommer vollzogenen Bifitation der fatholiichen Kirchen
Livlands, der andere, aus dem J. 1618, aus den Annalen der Sefuiten-
refidenz zu Wenden in Livland;!) ſie find aber beide weit fürzer und
oberflächlicher al3 der, welcher mir zu Gebote fteht. Der Verfafjer der
zweiten, der Annalenstelle behandelt mehr den Mangel des Chriſtentums
bei den Bewohnern der dichten Waldungen um PDünaburg, Roffitten
und Ludzen und die Erfolge jeiner eigenen Predigt als die dortigen
heidnischen Sitten ſelbſt. Wir erfahren von ihm nur von gewiljen, in
Küche, Scheune und Kornipeicher aufbewahrten heiligen Steinen, auf
welche die Leute von jedem gejchlachteten Tier ein wenig Blut jprigen
und von jeder Spetje einen Biſſen werfen, und von heiligen Bäumen,
denen fie Gejchenfe zutragen, und zwar einer Eiche die Männer einen
Hahn, einer Linde die Weiber ein Huhn, während nach einer andern
Stelle ein jehr altes Ehepaar befanut hat, ihrer Eiche jährlich zwei
Eier, einen Groſchen und etwas Fett vom aller Art dargebracht zu
haben; von Götternamen weiß der Berfaffer nur einen einzigen zu
nennen, indem er erzählt: „Einen Gott?) verehren fie, welchen ſie Cerroklis
) Das Brotofoll von 1613 ift volftändig abgedrudt im 1. Bande des von
Bunge herausgeg. „Archivs f. d. Geſchichte Live, Eſt- u. Kurlands“ (1842; 2. Aufl.
1857), war mir aber nicht zugänglich; dagegen verdanfe ich die Kenntnis eines
Sonderabdruds der auf die lettifchen Heiden bezüglichen Stelle daraus in dem ſchon
früher erwähnten „Magazin”, 14. Bandes 1. Stüd (1868) ©. 144 fg., ebenjo wie die
Kenntnis jenes Aufjages von Auning, der freundlichen Nachweifung des Herrn Kollegen
Bezzenberger. Die Stelle aus den wendenſchen Annalen von 1618 fteht im 4. Bande
der livländiſchen „Mittheilungen”, 1847, ©, 492-501.
2) Oder joll das den Saß beginnende „unum deum colunt“ vielleicht „nur
einen einzigen Gott u. }. m.” bedeuten? — Uber diefen und die anderen Götter-
namen unten am Scluffe,
25*
— 388 —
nennen, und welchem fie von allem Eſſen den erjten Biſſen und von
allem Trinken den erften Schlud darbringen“, von der Bedeutung des
Gottes aber fchweigt er. Die Stelle aus dem Bifitationsprotofoll,
‚welche fajt wörtlich mit einzelnen Säßen meines Berichtes übereinjtimmt,
möge deswegen, gewijjermaßen als furze Inhaltsangabe defjelben, im
wörtlicher Überjegung hier folgen: Ä
„KRoffitten, Ludzen und Mearienhaufen.*)
„Sie haben feinen Geiftlichen.
„Die drei Burgen, bei welchen faum eine Kirche zu finden ift,
liegen an den Grenzen des Mosfowiterlandes und find nur durch jehr
dichte Wälder zugänglich, in denen das lettiiche Volf in dünner Be-
völferung wohnt. Ganz dem Göbendienft ergeben, hat dieſes Bolt
eigene Opferpriefter, twelche Bopen genannt werden. Gewiſſe Bäume,
welche man heilig nennt, genießen Verehrung, unter ihnen fommt man
zu gewiljen Seiten des Sahres zufammen und opfert durch den Opfer-
priejter ein ſchwarzes Rind, einen fchwarzen Hahn und einige Tonnen
Bier, wobei man, nachdem die Thiere geſchlachtet ſind, ſchmauſt und
Tänze aufführt und damit ſeine Frömmigkeit bezeugt. Sie haben ver—
ſchiedene Götter: einen für den Himmel und einen andern für die Erde,
welchen die übrigen untergeordnet find: Götter der Fiſche, der Üücker,
des Getreided, der Gärten, des Viehes, der Pferde, der Kühe und noch
bejondere für alle einzelnen Bedürfniſſe des Lebens. Den Gott der
Pferde nennen fie Uſching, den der Kühe. Moſchel, den der ücker?) und
des Getreides Greflicing?); auch die Götter des Regens und des
Donner Haben ihre Namen. Als Opfer für diejelben pflegen fie in
ihren Hainen den einen ein großes Brod in Gejtalt einer Schlange mit
offenem Maul und langem Schwanze darzubringen, anderen ein etwas
fleineres Brod in Gejtalt eines Hundes oder eines Schweines, anderen
zwei Eier (welche fie zu beitimmten Zeiten unter eine Eiche legen),
1) Mavienhaufen liegt mehrere Meilen nördlich von den anderen beiden
Burgen, ebenfalls nahe der polozler Grenze.
2) Das agnorum des Drudes ift natürlih nur Drudfehler,
3) Der Herausgeber im Magazin läßt hinter dem Namen in Klammern folgen:
alii legunt Cerckticing, worin das t im Namen ficherlih auch nur Drudfehler ift.
— 389 —
anderen Butter, anderen Milch, Käſe oder Fett, indem fie es auf einem
Scheiterhaufen verbrennen, anderen endlich ein Rind oder ein Huhn oder
ein Ferkel oder einen Bod, alles von ſchwarzer Farbe. Die Eiche
nennen fie als männlich einen Gott, die Linde als weiblich eine
Göttin... .. Den Abgefchiedenen legen fie bei der Beerdigung zu
Häupten ein Brod als Mittel gegen den künftigen Hunger, ein anderes
Brod geben fie ihnen in die Hand, mit welchem der am Eingange des
Paradiejes angefettete Cerberus befriedigt werden fol; fie geben ihnen
auch zwei Schillinge mit, die für den Fährmann beitimmt find; in der
Winterszeit endlich legen fie eine Fuhre Holz auf das Grab, damit die
Seele fi) erwärmen könne. Aehnliches findet man in ganz Livland.“
In dem folgenden Abdrud aus den Annalen des Sejuitenfolle-
giums zu Riga von 1604—1618, und zwar aus den Berichten der
Priefter für das Jahr 1606, bezeichnen die an den Rand gefeßten
Zahlen die Seitenzahlen der Handichrift; Die mit N. umterzeichneten
Anmerkungen rühren von Napiersky ſelbſt Her.
Excursum est a quodam nostro sacerdote in quadragesima 11
usque ad ipsos fines Moscoviae, in Rositen potissimum et
Lucinum, in quibus locis Lothavi') sine Dei agnitione adhuc
misere more antiquorum ethnicorum ad inferos descendunt.
Idololatrae enim sunt et arbores colunt et lucos habent, quibus
certis temporibus, videlicet circa pascha et circa festum s. Mi-
chaelis, varia donorum genera offerunt.?) Actum est multis 12
diebus non sine labore et fatigatione cum quodam istius loci
popo, homine nonogenario, ut confiteretur, quid [sic] tandem fecit.
In hune omnes culpam rejiciebant suae idololatriae, dicentes,
hunc ita a suis majoribus didieisse et vidisse, dignum itaque
ut illi tanquam seni eredatur. Hic duobus sibi adjunctis senibus
illorum caeremonias expedivit et offertoria arboribus obtulit.
1) In allen diefen Berichten werben die Zeiten immer Lothavi genannt.
2) Exceursum .... . offerunt ift mehrfach durchgeitrichen. N.
— 390 —
Post confessionem tandem interrogatus, quas caeremonias vel
dona luco offerret et in quem finem, respondit in hunc sensum.
Nos miseri destituti omni verbo divino et sacerdotibus, prout
in aliis locis fidelium habere intelleximus, cogimur quaerere ın
nostris necessitatibus auxilium, et quandoquidem audivimus,
majores nostros peculiares coluisse arbores, quibus certa dona
offerentes adjutos et a suis infirmitatibus liberatos et omnibus
bonis locupletatos, idem facere nos modo cogimur, nisi in nihilum
redigi velimus.!) Interrogatus, quot deos haberent, respondit,
varios pro varietate locorum et personarum et necessitatum
esse deos. Habemus, inguit, deum, qui habitat curam coeli,
habemus et deum, qui terram regit. Hic cum sit supremus in
terra, habet sub se varios minores sıbı deos. Habemus deum,
qui nobis pisces dat, habemus deum, qui feras nobis dat, habemus
deum frumentorum, agrorum, hortorum, pecorum, viıdelicet
eguorum, vaccarım et varıorum animalium. Sacrificia, quae
illis offerunt, sunt varia, alis diis majora aliis minora offerunt
pro qualitate deorum. Et haec dona omnia arborıbus et lucis
certis, quas arbores sanctas vocant, offerunt. Uni panem magnum
in modum serpentis ore aperto et cauda longa offerunt, alteri
minorem in modum canis vel porci etc. Ali habent duas pecu-
liares arbores: una est quercus, altera tilia. Quercum vocant
masculam, cui duo ova certis temporibus supponunt, tiliam vocant
femellam, cui offerunt butyrum, lac, caseos et pinguedinem pro
salute et incolumitate suorum liberorumque. Et si quando
infirmantur, statim mittunt ad arbores popum, qui expostulat
cum arboribus, quare illos permittant infirmare, quandoquidem
ıllis debitum suum obtulerint. Quod si non statim convalescunt,
adduceit arboribus duplum praedietarum rerum, et ita liberantur.
Deo equorum, quem vocant Dewing Uschinge, offerunt singuli
2 solidos et duos panes et frustum pinguedinis, quam in ignem
!) Actum est multis...... . velimus ift durchftrichen. N.
— 391 —
conjiciunt. Deo Me:shel, qui est vaccarum deus, offerunt butyrum,
lac, caseum etc., et si quando infirmatur vacca, statim ad arbores!)
illisque offerunt et liberantur. Deo agrorum frumentorumgque,
quem vocant Dewing Cercklicing, certis temporibus bovem
nigrum, gallinam nigram, porcellum nigrum etc. et aliquot
tonnas cerevisiae, prout illos deus Cerckling?) juverit, plus vel
minus, offerunt in sylvis. Haec dona hoc modo offeruntur
arboribus. Popus senex cum aliis senibus conceptis verbis
murmurantes dona praesentant et offerunt, postmodum aliquot
accurrunt et tonnam cerevisiae elevant in altum. Popus, ante-
quam inceipiant bibere, ex tilia colligit aspergillum et circum-
stantes aspergit. Postea parantur ignes in multis locis et partem
oblatorum (pinguedinem scilicet) in rogum conjiciunt. Putant
enim, nunquam deos exaudituros illos sine cerevisia. Et ita
bene poti incipiunt choreas circa arbores ducere et cantare.
Alter quidam retulit mihi, se cum parente suo pro piscibus ad
istum. loeum (qui quidem 14 miliaribus a domo sua distabat)
emptum ivisse et, cum prima et secunda vice in hyeme nihil
cepissent, popus illos hortatus, ut deo aquarum sacrificium
offerrent, quandoquidem viderent deum illis offensum. Inter-
rogant, quid velit. Bespondit popus: tres tonnas cerevisiae,
quas rustieus peregrinus domo attulerat, ut illis venditis pisces
emeret. Omnes relictis in stagno retibus currunt domum et
convocant familiam suam, quae illos juvaret deum placare Hi
postquam varios ignes fecissent et cerevisiam ebibissent,
redierunt ad piscationem et tantam coplam variorum piscium
ceperunt, ut multa carpenta implerent. Rusticus hic peregrinus
tribus carpentis suis impletis discessit sine illorum scitu (debebat
enim illis adhuc plus solvere), quem paulo post rusticus quidam?)
1) Zu ergänzen etwa currunt.
2) Napiersky bemerkt ausdrüdlih, daß die beiden Formen diefes Namens in
der Handichrift ftehen, nicht etioa auf eigenem Schreibfehler beruhen.
’) Napiersfy hat quidem.
— 392 —
senex ex illis idololatris secutus imposuit duo ova in agro ipsius
et maledixit ill. Ista aestate omnia istius rustici frumenta in
nibilum redigerat. Hi sunt ex numero Saduceorum, qui non
eredunt resurrectionem, de qua cum noster sacerdos sermonem
faceret, quidam publice respondit: Meus parens a lupis devo-
ratus quomodo vivus erit?
Sı quando rusticus alterı malefacere vult, convocat duos
vel 3 suos vicinos, quibus arcana cordis aperit. Hic ponit
vasculum cerevisiae in mensa, circa quod 20 candelas parvas
cereas ponit et arrepto pugillo foeni cultro seindit supra mensam,
postea sub mensam projicit, dieens: Ita frangas tibi manum,
14 pedem, vel uxor vel filia vel equus vel vacca etc. Si quis habet
inimicum, qui illum vel accusavit coram domino suo, statim
currit ad arborem deum et arripit illi duo ova, quae illi antea
obtulerat, dicens: Ecce, singulis temporibus certis tibi debita
tua dona obtuli, et tu me derelinguis. Tam diu tibi haee ova
non restituam, donec feceris huic meo inimico quod voluero.
Ita vel illi moritur infans vel vacca vel equus etc.
Item cerevisiam fundunt in ignem quasi deo suo. Item
panes quando pinsunt, primum frustum, anteguam commedant
[sic], in ignem projiciunt. Item cerevisiam fundunt in parietes hy-
pocausti rogantes, ne illis ignis noceat tam in agro quam in
hypocausto. Si cui infirmatur infans vel equus etc., statim ad
popum accurrit, interrogat quid . . . . ,») qui respondet,
deum velle saerifieium; sortem mittit tessara, respondens,
deum velle gallinam nigram, hyrcum, ova, panes, tonnam
cerevisiae. Et ita liberatur.
In funeribus suis his utuntur caeremoniis. Inprimis con-
burunt vestes defuncti et lectum, in quo mortuus. 2) Ponunt
in tumba ad caput defuncti unum panem, putantes illo indigere
pro itinere tam longo 3) In dextera manu dant illi alterum
i) Napiersky bezeichnet dieſe Stelle als unleferlih, doch ohne die Länge ber
Lücke anzugeben.
— 39 —
panem, ut det Öerbero, qui ante paradısum ligatus permittit
llaesos ire. 4) In sinistra manu dant 2 solidos pro vectore
per fluvium. 5) Tempore hyemali ponunt supra sepulchrum
unum currum ligneum, ut se anima calefaciat.
Die vero anımarum primo parato prandio vocant animas
suorum defunetorum quemlibet nomine suo et incipiunt expo-
stulare et accusare animas eo, quod non servaverint et defen-
derint illorum equos et pecora a lupis et infirmitatibus, cum
tamen illis quotannis debita sua obtulerint, in hunc sensum:
Vos permittitis mori nostra pecora, mures devorant nobis fru-
menta nostra, fulgur in campis destruit etc. Tandem rogant
animas (quas ipsi putant formari partim in lupos, ursos, partim
in deos) in hunc sensum: Iwan vel mater mea charissima,
recordare filiorum tuorum et commede ex hoc vasculo et bibe
quantum tibi placuerit, saltem nostrorum recordare. Interim
ponunt in mensa panem unum, quem in ignem postea projiciunt,
cerevisiam simul, quam itidem vel in terram vel in rogum con-
jiciunt. Ultimo scopant hypocaustum et expellunt animas ex
hypocausto, alter arripit securim et parietes secat per quatuor
angulos, easdem expellens, ne haereant in quodam loco.
His omnibus auditis catechizatum est illis veritasque
christiana praedicata et promissum, sequenti anno me Dei
gratia in hyeme rediturum, .quod libentissimo animo audierunt.
Sacerdotes non habent nisi post 30 milliaria. Popus illorum
baptizat illis infantes, vivunt majori ex parte non copulatı.
Pater, ave et!) credo rarissimus est qui sciat. Nunquam con
fessi ... . etc.
Aestivo tempore peragravit quidam ex nostris sacerdotibus
loca circa Rositen et Ludzen in finibus plane Moschoviae sita,
quae ad 15 miliaria densissimis sylvis ac horridissimis?) paludibus
) Napiersky fchreibt umgekehrt: et ave.
2) Von anderer Hand übergeichrieben: horrore plenis. N.
17
— 394 —
fere invia incolas habent ab antiquis temporibus idololatriae et
venefieiis deditos, qui pro varietate creaturarum varios deos in
certis arboribus, potissimum tamen in quereu et tilia, quarum
istam masculum, hanc foeminam nuncupant, quas sanctas nominant,
colunt. Alium deum coeli, terrae alium, quibus alii subsunt,
uti dii piscium, agrorum, frumentorum, hortorum, pecorum,
equorum, vaccarum ac singularum necessitatum proprii. Equorum
deum vocant Usching, vaccarım Moschel, agrorum ac frumen-
torum Oercklieing. In quorum sacrificia offerre solent in lucis
aliis magnum panem in formam serpentis aperto ore et promi-
nente cauda, aliis panem paulo minorem formam canis, porci etc.
referentem, aliis duo ova (quae certis temporibus quercui sup-
18 ponunt), butyrum aliis, lac, caseum aut adipem in rogo cre-
mantes, aliis bovem aut galiinam aut porcellum, omnia nigri
coloris. Sacrificulos habent Lothavorum aliquos senes, quorum
primus oblaturus praefatas hostias adjunctis sıbi duobus ex
senioribus conceptis verbis altiori voce murmurando sub aliqua
sanctarum arborum oblationes offert, quo facto accurrunt alı
quot, qui cum praefatis arreptam cerevisiae tonnam in altum
elevant, in quam demum fronde tiliae intincta populum aspergit.
Tum variis ignibus accensis adipeque injecto crematoque (sine
qua caeremonia nullam hostiam faciunt) circa arbores sanctas
choreas ducendo et coneinnendo, ad ebrietatem usque (sine qua
nunquam offerunt) cerevisiam haurientes, gratissimum talibus
diis’) obsequium praestant, Epicurei vitam merito imitantes,
utpote qui resurrectionem mortuorum non eredunt. Quae omnia
et plura alia senex quidam sacrificulus illorum sacerdoti nostro
populum ibidem catechizanti manifestavit, culpam omnem tantae
ignorantiae et idololatriae conferens in defectum sacerdotum,
quorum in locis istis a 70 annis jam tertia vice nostrum aliguem
viderant. Supersedeo narrare superstitiones, quas exercent?)
1) talıbus dis iſt übergefchrieben über dag ausgeftrichene Wort an
2) Das in der Handichrift hinter exercent folgende cum muß natürlich, wie
auch ſchon Napiersky bemerkt hat, wegfallen,
— 395 —
circa defunetos suos, quibus sepeliendis panem alterum supponunt
capiti futurae famis remedium, alterum manul imponunt, ut
Cerbero offerant ante paradisum alligato, addentes 2 solidos
solvendos ei, qui eos per fluvium transvehat. Brumali tempore
etiam plaustrum lignorum sepulchro superimponunt, ut anıma
sese calefacere possit. Die vero animarum in domos suas animas
suorum advocantes nomina tenus quamlibet paratoque prandio
eis exprobrant, quod ab eis non fuerint defensi a bestiis, toni-
truis et aliis damnis, quo facto proponunt In mensa panes cum
cerevisia, invisibiles tractantes, quibus rebus tandem in ignem
projectis vel effusis scopis domum undigue verrunt, animas
expellentes inde, arreptaque securi hinc inde parietes domus
secant, ne quae alicubi haereant, illisgue hoc modo pulsis ipsi
tandem sine mensura ethnico more epulantur. Spes facta eis
a sacerdote nostro commodiori tempore illos invisendi animosque
illorum doctrina christiana plenius imbuendi. Admirabundi
contentos sese declararunt. |
Sn Betreff der drei Götternamen dieſer Berichte bejchränfe ich
mich, da mir felbjt Die nötige Sprachfenntnid abgeht, auf folgende
Bemerkungen. .
1. Für den Pferdegott Uſching genügt es, nochmals auf die Ab-
handlung von Auning zu verweilen, in welcher in anjprechender Weife
dargethan wird, wie die mythologiſche Perjonififation des eriwachenden
Frühlings mit den chriſtlichen Ritter Georg in Verbindung gebracht
werden und zuletzt jüglich an feinem Pferde haften bleiben konnte. Den
\prachfichen Zujammenhang des Namens ſelbſt mit der (indogerma—
nifchen) Wurzel ves, us — leuchten billigt auch Herr Dr. W. Prellwitz,
an welchen ich mich infolge der augenbliclichen Abwejenheit Bezzenbergers
um dieſer Dinge willen wandte.
2. Wegen des Gerflicing oder Cerckling, des Gottes der der
und Ackerfrüchte, mit welchem der CerrofliS der wendenſchen Annalen
ohne Frage eines und daffelbe tft, jchreibt mir der genannte berufene
— 3% —
Kenner in danfenswerter Weile: „Der Name defjelben ift namentlid)
in der Ichten Form eine ganz klare Ableitung von dem lettiichen Verbum
zeröt id) beitauden, mehrere Schößlinge treiben, gedeihen, welches her-
fommt vom Subjt. zers ein Strauch, fnorrige Baumwurzel; die aus
einem Korne aufichießenden Roggenhalme*, und zieht dann auch litauiſche
verwandte Worte heran.
3. Für Meofchel, den Gott der Kühe, weiß Pr. freilich lettiſche
Belege nicht beizubringen, er meint aber auf „muSche, moäche, beit
Schmeichelnamen für die Kuh in Dftpreußen, lit. muzul, eine Inter⸗
jeftion, womit man die Kühe lockt (Neſſelmann),“ binweijen zu Dürfen,
da „für jenes litauiſch-oſtpreußiſche Wort eine Entlehnung aus jchwäb.
mutschel, bait. motschen Kalb nicht wohl angenommen werden könne".
22.
Zur Geſchichte der litauifhen Gefangbüder.
Bon R. Schwede.
Sn dem jegt gebräuchlichen evangeliichen litauiſchen Kirchengejang-
buch findet man eine deutſche Vorrede des Dberhofprediger® Dr. Joh.
Jacob Duandr, datiert Königsberg, den 4. September 1751, in welcher
Die erſte Gejchichte des Litauischen Gejangbuch® gegeben wird. Dieje Ge-
Ihichte ift von dem Pfarrer Gottfried Oftermeyer zu Trempen unter
dem Titel „Erſte Littauifche Liedergefchichte” (Königsberg 1793) ausführ-
fiher (XI u. 306 ©.) und kritiſch dargeſtellt und bis auf feine
Zeit fortgeführt. Dftermeyer hat jedoch die beiden älteſten Geſang—
bücher nicht in Händen gehabt, fondern ſich mit älteren, dürftigen und
zum Teil unrichtigen Nachrichten begnügen müſſen. Seitdem iſt eine
Anzahl von Arbeiten erjchienen, welche die Kenntnis der Getchichte des
litauiſchen Geſangbuchs befördert haben (ich nenne Bezzenberger, Hartung,
Hoffheinz, Sembrezydi); doch ift Die neueſte Zeit wenig berüdfichtigt,
auch find manche faljche Nachrichten aus der älteften Zeit noch nicht
berichtigt worden, fo daß es nicht unberechtigt erjcheint, hier das Fehlende
nachzutragen. |
— 397 —
Gegenwärtig find bei den evangeliichen Litauern Preußens vier
litauifche Gefangbücher im Gebrauch: das Kirchengefangbuch, das
Pſalmbuch, das Militär- und das Schulgefangbuch.
Das ältejte litauiſche Geſangbuch erſchien 1547 zugleich mit einer
Fidel und dem Katechismus. Es ift jeßt nur noch in einem
Eremplar auf der Königlichen Bibliothek zu Königsberg unter Ce. 495
borhanden. Das Geſangbuch unter dem Sondertitel „Pradeftyfe
giefjmes. ſchwentas“ enthält 11 Lieder Dem erften Liede und den
Anfangsstrophen der übrigen find in der befannten Art die Melodieen
in Noten beigefügt. Bei Nr. 5 fehlen die Noten, weil dieſes Lied die
Melodie von Nr. 4 hat.
Der Berfaffer ift Martin Mosvidius (Mazwyds), geit. 1562 als
Arhidialonus in Ragnit, der bei der Abfaffung des Buches wohl noch)
Student war. Ä
Mit Ausnahme des 9. Liedes „Bernelis gime mumus“, dag
vielleicht von Rapagelanus gefertigt ift, Hat Mosvidius die Lieder wohl
allein verfaßt; Lieder, Die jpäter jeinen Zeitgenoſſen Rapagelanus
und Willentas zugeichrieben worden find, finden jich in diefem Büch—
lein noch nicht.
Das Büchlein iſt nach) Schleicher (Lit. Gramatif, ©. 29) in dem
um Memel geſprochenen niederlitauifchen Dialekt abgefaßt.
Die Bezeichnung der Laute und die Schreibung der Wörter ift
ſchwankend; die Verſe find oft fehlerhaft, grobe Fehler gegen Sinn und
Sprache find nicht felten.
Das ganze Büchlein, jedoch ohne die Melodieen, iſt mit einer Ein-
leitung don Mb. Berzenberger (Litauifche und Lettifche Drucke des
16. Sahrhunderts. I. Der litauiſche Katechismus vom Jahre 1547
Göttingen 1874.) herausgegeben.
42 Jahre lang mußten Jich die Litauer an diefem dürftigen Ge:
ſangbuche genügen lafjen, wenn auch einzelne neue Lieder von Pfarrern
ing Litauifche überfeßt und in den Gemeinden eingeführt find. Go
finden wir als Anfang zu der „Forme chrikſtima“ eines unbekannten
Überfegers aus dem Jahre 1559 das Lied „Chriftus Iordanop ateiha“
— 393 —
(Ehrift unfer Herr zum Jordan kam) abgedrudt. Im Sahre 1589 gab
der Fitanische Pfarrer zu Königsberg Johannes Bretfius (lit. Jous
Bretkuns, gejt. 1602) ein neues Gejangbuch heraus, von dem ein in
12° gedrucktes Exemplar in der Königsberger Stadtbibliothef unter
Ca. 144 vorhanden ift. Arnoldt (Preuß. Kicchengejch. S. 312) erwähnt
eine Ausgabe diefes Buches in 4°.
Ueber Bretkes Leben und feine Bedeutung für die fitanifche Litte:
ratur überhaupt und für das litauiſche Geſangbuch im Befondern it
in Ad. Bezzenberger, Beiträge zur Gejchichte der litauiſchen Sprache,
Göttingen, 1877, ©. V bi5 XIX, gejprochen. Nachzutragen iſt dazu
noch folgendes; Das Geſangbuch enthält 76 Lieder, welche fortlaufend
numeriert find; Seitenzahlen fehlen. Die Lieder „Sefaia den Pro—
pheten” (Nr. 31) und „Herr Gott, Di) loben wir" (Nr. 36) haben
die Melodie in Noten bei der erften Strophe, bezw. beim ganzen Liede;
Nr. 51: „Bernelis gime Bethlehem” hat ftatt der Noten den lateinischen
Tert. Die Lieder des Mosvidius find ſämtlich aufgenommen (vergl. da-
gegen Bezzenberger, Beitr. ©. XII), meiſtens jedoch in jo veränderter
Geftalt, daß man fie auch als neue Lieder betrachten kann.
Zum Vergleich mit Nr. 2 des Gejangbuch des Mosvidiug (Lit.
u. fett. Drude I. S. 19. 27) und zugleich als Sprachprobe mag Nr. 13
des Bretkiſchen Geſangbuchs in getreuem Abdruck folgen.
Prafchitime jchwentaie Dwaſſia, Idant mumus duͤtu tikra wierai
St mus apſaugotu ſmerties hadina, da mus isch ganitu nogi wilja
pikta, Kyrielei.
Dangaus ßwake ßibinki mums, mokik tu mus Pona Jeſu Chriſtu
tikrai paßinot dudi mumus wieriti, ing muſu Wieſchpati, kurs mus gabena
ingi tikra Tiewiſchken, Kyrieleiſon.
Tu ſaldi meile Diewa dowana, dok ir mumus karſchtas meiles
tarpei ſawes, idant wienas antra primiletu, Graßei patogei iſchgi
dugna ſchirdes, Kyriel.
Zu aukſchcziauſe linkſmintoie padek, idant ſmerties ir giedas, nebijo—
tumbim, idant muſu humas nenußinintu, kada neprietelius ant muſu
ſkunſis, Kyrie.
— 39 —
Auf die Lieder folgt ein litauiſches Regiſter. Die Ordnung der
Lieder entjpricht der im wittenbergijchen Geſangbuch. In dem jebt ge-
bräuchlichen Gejangbuch find von den Liedern Bretkes 60 enthalten;
freilich ift ein Teil bedeutend umgearbeitet.
Zum Gejangbudy gehört als Anhang: Paraphraſis permanitina
poterans malda per Martina Mofwida ifchguldita”, die von Mosvidius
überjegte AbendmahlSliturgie, beitehend aus einer an das Baterunjer
jich anjchließenden Adhortation, den Einfegungsworten nebjt den Noten
dazu, 2 Danfgebeien nach dem Abendmahl und dem Segen.
Shrem Zweck nach gehören zum Geſangbuch die von Bretfe ing
Litauiſche überjebten „Kolleften”, die gleichfalls 1589 im Drud er:
ſchienen. Im dieſem Büchlein finden fich noch zwei Lieder: „Malda
Wießpaties muſu Jeſaus Chriſtaus, giefmena per D. Powilu
Spereta pataiſita“ mit Noten und „Nu ßmogaus kuma palalfem“, die
wohl von Bretfe überjegt find. Das lebtere Lied entjpricht der Nr. 56
des Geſangbuchs „Nu Bmogaus funa pakaſkem“ und ift eine beffere
Überſetzung des Liedes „Nun laßt uns den Leib begraben“.
Gleichfalls 1589 erichien endlich ein „Kancionalas“, enthaltend 17
liturgiſche Chöre mit Noten, deren litauischer Tert ohne Frage gleich-
falls von Bretfe herſtammt.
Der Nachfolger Bretfes im Titauischen Pfarramt zu Königsberg,
Lazarus Sengſtock (+ 1621), gab das dritte Litauifche Geſangbuch
heraus. Dieſes erſchien 1612 und ift in Königsberg in zwei Eremplaren
vorhanden, von denen das der Königlichen Bibliothef (Cb 177) voll-
tändig und unverfehrt ift. Beide Exemplare find Bände in 4°. Zu
dem, was von Dftermeyer (Liedergeichichte ©. 23—35) und Bezzenberger
(Beiträge ©. XXIV) über diefes Gejangbuch und feinen Verfaſſer ge-
jagt ift, ift nur wenig hinzuzufügen.
Das Bud) enthält 151 Nummern. Einige Lieder find in zwie—
jacher Bearbeitung gegeben. Zwiſchen den Liedern ift der Segen
(Uprafinimas Miſchos) in drei Formeln, die „Paraphrafis“ des Mos-
didius, das Symbolum Nicaenum und das Symb. Athanasianum
eingejchoben. Über den Liedern ift meiftens die Melodie angegeben;
—
— 400° —
ftatt deifen findet fi) auch der Anfang des entiprechenden deutjchen
oder lateinischen Liedes, in einigen Fällen außerdem noch Angabe der
Duelle (Luk. 1., Ambrofiaus). Zu 10 Liedern ift die Melodie in Noten
gegeben; in 12 Fällen find die Verfaſſer bezw. Überſetzer genannt,
darunter Rapagelanus (1), Mosvidius (2), Willentas (1).
Bon den Liedern Bretkes find nur 69 hier aufgenommen, einige
zudem in veränderter Form,
Als Probe folgt das neu Hinzugefomimene Lied „Ein’ feite Burg”:
Macnus apgintois muju Diewas, Ir apginimas ftipras, Padeſt
mums mielei wargüju, Kurie püle ant muju, Senas pikts neprietelus,
Troffcht nor regimai, Macna Hitrafti, Sorodije wis greitai, Ant ſwieta
nier iam ligaus.
Macı muju neischgalefin, Tüiau nes mes praßufim, Kariau uß
mus wiras macnas, Kurs nuͤg Diewa eft aprinftas, Klaufi kurs tatai
ir? Eſt Jeſus Christus, Wieſchpats Sebaoth, nier nes fitta Diewa,
Tas aptures iſchgaleghima.
Norint ſwiets pilns welnu butu, Mus prariti novetu, Bet mes
neſſibijam didei, Palaima gaufim weikei, Kunigs ſcho jwieta, Akrutnu
ſtangu, Bet nepaßeis, Nes eſt iau apſuditas, Wiens ßodis tur ghi
iſchgaleti.
Szodis tas te ſtow macnas, Norint ſwiets nereg rodas, Tas eſt
ſu mumis anta laufa, kuriau fu Dwaſſe ſchwenta, Teim ghie funa lobi,
Waikus ir czeſti, Mote wis apleiſt, Naudos iſch to negaus, Mums atliks
karaliſte dangaus. |
Über die weiteren Schickſale des Geſangbuchs bis zum Anfange
des 19. Sahrhunderts berichtet Dftermeyer in feiner Liedergejchichte
ausführlich.
1666 gab der litauiſche Pfarrer M. Daniel Klein zu Tilſit ein
Geſangbuch in 8° mit 229 Liedern, den Kollekten nach Bretke und einem
ſelbſtverfaßten Gebetbuche heraus.
In der zweiten, vom Pfarrer Johannes Richovius zu Norfitten 1685
veranftalteten, Ausgabe dieſes Buches ift die Zahl der Lieder auf 265
gewachſen, während in der dritten, 1705 vom Pfarrer Schuftehrus (?)
— 301 —
in Budwethen veranſtalteten, Ausgabe noch 28 Lieder hinzugekommen
find. Als auch dieſes Bud vergriffen war, veranlaßte der Oberhof-
prediger Quandt eine neue Ausgabe, die 1732 durch den Erzpriefter
Johann Behrendt zu Inſterburg bejorgt wurde. Diefer ſchrieb eine
litauiſche, Quandt eine deutsche Vorrede dazı. Später ging die Re—
dDaftion des Buches auf den Pfarrer Schimmelpfentig zu Popelken
über. Das Buch wurde in länglich Duodez gedrudt ; Die Liederzahl
Itteg in Den verjchiedenen NMusgaben auf 400; das Gebetbuch wurde
erweitert; Die Leidensgeichichte nach den vier Evangelien, Luthers Kate-
chismus, Rambachs Heilsordnung und die 7 Bußpſalmen wurden all
mählich zugejeßt. — Neben diefem offiziellen Geſangbuch war jeit 1736
noch eine Liederſammlung des Pfarrers Glaſer zu Divladen in Gebrauch,
die in der 3. Ausgabe von 1740 128 Lieder enthielt. Much dieje
Sanmlung wurde von Schimmelpfennig durcchgejehen, um 14 neue Lieder
vermehrt und als zweiter Teil dem offiziellen Geſangbuch zugefügt.
Alle Lieder wurden fortlaufend numeriert und erhielten ein gemeinfames
Regiſter. Quandt jchrieb Hierzu Die ſchon erwähnte Vorrede d. d.
Königsberg, den 4. September 1751, und damit wurde das ganze
nun 542 Lieder enthaltende Werk offizielles Geſangbuch. Es bildet
auch jet noch den Hauptteil des litauiſchen Kirchengeſangbuchs.
An dieſem Buche wurde viele getadelt, Hauptfächlich die Zwei—
teilung, die, ungleichmähige Verteilung auf die verjchiedenen Lieder:
flajjen und der Mangel mancher Liederflaffen, das Borhandenfein
ganz veralteter, unfangbarer Lieder und die zahlreichen Fehler gegen
Sprache, Glauben, Brojodie und dergl. Um dieſen Mängeln abzuhelfen,
gab der Pfarrer Dftermeyer zu Trempen mit Unterftübung anderer
Geiftlichen 1781 ein „neues Geſangbuch“, 508 Lieder enthaltend, heraus.
Verleger war Hartung in Königsberg. Diejes Buch erfreute ſich zu—
nächſt der Protektion des Königl. Konſiſtoriums, wurde aber fallen-
gelafjen, nachdem der bekannte Kantor Mielde zu Pillkallen in ihm
348 Fehler nachgewiefen hatte. Alle Mühe Oſtermeyers, der Dabei in
eine heftige Fehde mit Mielde geriet, fonnte dem Buche feinen Eingang
verichaffen ; es wurde Makulatur.
26
— 402 —
Ein gleiches Schidjal Hatte das Gejangbuch, welches Kantor
C. G. Mielde 1806 bei Lebrecht Hering in Königsberg erfcheinen ließ
(Bergl. Joh. Sembrzycki in der Altpr. Monatsjchrift, Band XXVI,
©. 366 ff.). Dieſes lehnte fih an das offizielle Gejangbuch an und
enthielt in drei Abteilungen 566 Lieder. Einen Teil der Manuffripte
zu diefem Buche bildet der von Hoffheinz (Mitt. der Kit. litt. Gel. L,
©. 263 ff.) beiprochene litterariſche Fund (Biblioth. der Lit. litt. Gef. Y. 36.).
Die Unzufriedenheit mit dem Kirchengeſangbuch blieb beftehen.
Infolge der Rüge, daß das Bud) fo viele Druckfehler enthalte, ver-
anlabte der Verleger Hartung eine Reviſion desſelben. Dieje bejorgte
der Konfiltorialrat Karl Gotthard Keber zu Gumbinnen mit Hilfe
von zwei anderen Korrektoren. Gleichzeitig ftellte Keber aus den beiten
Liedern der Gefangbücher von Dftermeyer und Mielde einen Anhang
zujammen. 1832 fam dieſes Buch heraus unter dem Titel „IB naujo
permweizdetoß ir pagerinto8 Gieimjüsfinygos, kurroſa brangiaufos jenos
iv naujos Gieſmes ſuraßytos Diewui ant Garbe3 ir Pruͤſu SKaralyiteje
eſantiems Lietuwininkams ant Dußü Ißgänimo podraug fu Mealdü-
Knygomis, kurroſa ne tiktay jenos, bet ir naujos Maldos randamus
yra, Saraläuczuje, Ißſpauſtos faraligfoje Knyg-Drukkawoneje Artungo.“
Die Reviſion beſchränkt ſich fait ausschließlich auf die Orthograppie ;
doch Find noch Fehler genug überjehen. Auch jolche Fehler gegen den
Versbau ꝛc. die ganz leicht hätten verbejjert werden fünnen, find ftehen
geblieben. Zu den früheren zwei Teilen fam der dritte unter dent
Sondertitel „Treezia Dalis Gieſmjuͤ⸗Knyguͤ, kurioſe kelos naujos Gieſmes
randamos“. Er enthält unter 127 Nummern 132 Lieder, darunter
60 Lieder von C. G. Mfielde), 5 von B. Schröder), 16 von G. DOffter-
meyer), 4 von C. Lovin) und 47 von C. ©. Kleber). Alle drei
Teile haben ein gemeinjames litauiſches und deutſches Regiſter. Auf
die Lieder folgt unter dem Titel „Maldos“ ein Gebetbuch, in welchem
ein Teil der Gebete der früheren Ausgaben, die Kolleften, die Paſſions—
hiltorie, der Katechigmus, die Heilgordnung und die Bußpfalmen meg-
gelafjen find, wohl um die durch Hinzufügung des dritten Teild, der
allein für nur 1 Sgr. abgegeben wurde, entjtandenen Koſten zu ver:
— 403 —
ringern. Die von Keber felbft gefertigten Lieder find meistens Über-
\egungen der wertlojeften Lieder aus dem II. Teil des Rogall'ſchen
Geſangbuchs. Auf dieje bezieht fich gewiß in erſter Linie die allgemeine
Klage, daß auch der Anhang viele Lieder enthalte, die nicht als eine
Bereicherung des Geſangbuchs angejehen werden fünnen. Das Buch ift
außer in 8° auch in 129 gedrudt.
Nach neun Fahren fchon, 1841, gab der nachmalige Profeffor
Friedrich Kurſchat (geft. 1884), damals Leiter de Titauifchen Seminars
an der Univerfität zu Königsberg, das Titauische Kirchengeſangbuch
im Verlage der Hartung’schen Buchdruderei zu Königsberg emendiert
heraus unter dem Titel „Pagerintos Gieſmju Knygos ... IB Naujo
perweizdetos per 3. K.“ Diefe Ausgabe enthält jedoch mur die Lieder
des Behrendt-Schimmelpfennig’schen Geſangbuchs. Die Orthographie ift
geändert, auch find die Fehler gegen die Projodie verbeffert, jo weit
das ohne größere Tertveränderung geſchehen konnte.
Ein dritter Teil des Geſangbuchs erjchien erft wieder 1857 unter
dem Titel „Trecziojt Dalis Gieſmju Knygu furioje randas geroks Sfait-
lius naujuͤ krikßezionißkuͤ Giefmjü. Taſes ik wokißkös Kalbös ßwiezey
ißwerſdams ſutaiſe F. Kurßatis, Lietuwininkuü Kunigs Karaliaucziuje.
(Suglaudimas wiſu ßwieziuͤju Gieſmju, kurios zalnierikoßka Gieſmjuͤ Knygoſa
bey tarp anu 64 Gieſmju Szuilems paſkirtuju, randaſi.) Königsberg. Druck
und Verlag der Hartung'ſchen Buchdruckerei.“ Dieſe Sammlung enthält
98 Lieder, von denen 91 von Kurſchat „neu verfaßt”, 7 aus dem Schul—
gefangbuch entnommen find. 12 von den Liedern find in anderer Über-
ſetzung in dem älteren Geſangbuch enthalten, 16 waren auch in der
Keberichen Sammlung vorhanden. Seiten und Nummern werden be-
ſonders gezählt, auch Hat diefer 3. Teil fein eigenes Negijter. Der
Anhang von Gebeten „Naujos .... Maldü Knygeles“ it gleichfalls
bon Kurſchat durchgeſehen und durch die früher weggefallenen Gebete, die
Kollekte und die Leidensgejchichte vermehrt worden.
Die Auflage diefes Gejangbuches von 1880 ift von Kelch, Früher
Präzentor in Krottingen, revidiert worden. Die Veränderungen beziehen
26*
— 44 —
ſich nur auf die Orthographie. Zu den Gebeten iſt dad „Allgemeine
Kärchengebet” (4 ©.) Hinzugefommen.
Hin umd her findet man dem Geſangbuch beigebunden einzelne
Lieder von ungenannten Berfaffern, litauiſchen Pfarrern, Lieder, die
wegen ihrer geringen Verbreitung beim öffentlichen Gottesdienft nicht
gejungen werden können und eigentlich in daS „Pſalmbuch“ gehören.
Inden „Verjammlungen“ und bei der häuslichen Andacht gebraucht
der Litauer mit Vorliebe die „Pjalmü Knygos“, das Pſalmbuch.
Über die Entftehung des Buches giebt das Schlußwort desſelben Aus-
funft. Danach find die erſten Lieder diefer Sammlung um die Mitte
des 18. Jahrhunderts von erwedten Litauern verfaßt und einzeln ges
druckt. Ein „Bruder“, ©. Mertilaitis, ſammelte diefelben und gab fie -
mit einer Anzahl von ihm jelbft verfaßter Lieder, im ganzen 113,
heraus. Der Titel diefer Sammlung, unter dem das Pſalmbuch auch
weiter erfchien, war „Wiſokios naujos Gieſmes arba Ewangelißki Pfalmat,
kurios pirmto taipo po wieng faip ir per kelès i majas Knygeles ſuraßytos
buwo, ale dabar i wienas Knygas furinftos ir ant Welijimo Teliu nübaznü
Dußiuͤ 4 Drüufq padütos“. Die zweite Ausgabe hatte jchon 147, Die
dritte 179 Lieder. Im Sabre 1825 erjcehien dazu ein 2, 1856 ein
3. Teil, fo daß das Buch auf 323 beziv. 363 Lieder wuchs. Jeder
Teil hatte zunächit jein befonderes alphabetiiches Regiſter mit Angabe
der Nummer und Seitenzahl. Die 12. Auflage von 1876, welche
404 Lieder enthält, hat für das ganze Buch ein gemeinfames Regiſter.
In jedem Zeil find Die Lieder ihrem Inhalte nach geordnet. Die biblifche
Grundlage iſt meiſtens über dem Liede angegeben; in vielen Liedern
finden ſich biblifche Belegjtellen für die einzelnen Ausdrüde.
Die Lieder find teils Überjeßungen aus dem Deutſchen, teils
Driginaldichtungen; im 3. Teil finden fich 4 Lieder aus dem Furifchen
Geſangbuch und eine größere Anzahl aus den „Nufidawimai apie
Emwangeliös Praplatinima tarp Zydu ir Pagonu“ (Miffionsblatt). ALS
deutjche Quellen find angegeben die Xiederbücher von Schul; (22),
Woltersdorf (22), Schmold (2), Rogall (1), Bogatzky (2) u. a.
Andere Überfegungen aus dem Deutjchen find durch die vorgefeßten
— 405° —
Anfangsworte des deutſchen Liedes fenntlich gemacht. Als liberjeher
bezw. Dichter find genannt E. Mertifaitis, ein Lehrer Chriſtian Denke,
Michel Jurkßat, Gottlieb Dftermeyer, Chriſtian Lovin. Aus der neiteren
Beit find viele Überjegungen mit K (Kelch?) bezeichnet.
Über den älteften Teil dieſes Pſalmbuchs urteilt Mielcke in
ſeiner Borrede zum Geſangbuch, ©. XVI, alfo: „Es Hat ein ge—
wejener Soldat und Littauer aus der Niederung ein Littauijches Geſang—
buch vor etwa 5 Sahren (aljo um 1800) auf feine Koſten herausgegeben.
Er hat darin verjchiedene Gefänge aus dem Oftermeyerjchen Gejangbud)
genommen, viele aber ſelbſt gedichtet, und wiederum andere von jchlechten
fittauifchen Schulmeiftern überſetzte zuſammengerafft und unter die Littauer
gebradht. Es fommen darin die abjurdeften Dinge, übertrieben myſtiſche
Ausdrüde, närriiche Epitheta und ganz abgejchmadte Wendungen vor,
die dem vernünftigen Gottesdienſt des Singens zumider find.”
Hierzu mag nur noch bemerft werden, daß einige Lieder von un—
glaublicher Länge find, z.B. Nr. 72 mit 70 langen Strophen auf 18Y/e
Drucfeiten, Nr. 231 mit 150 Strophen auf 16 Seiten.
Die 10 Seiten lange litauiſche Vorrede des Buches fpricht im
Anfchluß an 2. Cor. 5, 17 über den Zwed des Buches. Vor dem
Schlußwort find auf 1 Seite zu den Liedern „Eifim Ben” und „AL pabuff
ben Krikßezionyſte“ die Mielodieen in Ziffern nebſt einer Erflärung der
Tonzeichen ꝛc. gegeben. |
Gedrucdt ift das Buch zum erjten Male in Königsberg, fpäter
abwechjelnd in Zilfit bei Poft umd in Memel bei Holz und Gzernus.
Im Anſchluß hieran ſei noch bemerkt, daß Die Lieder aus dem
litauiſchen Miffionsblatt von PBräzentor Kelch und anderen gejammelt
find und feit 1863 unter dem Titel „Gieſmeles apie Evangeliös Pra—
platinimq” in verjchiedenen Auflagen mit immer wachjender Liederzahl
(1879 jind e3 168 Lieder) in Memel bei Holz und Szernus als bejondere
Sammlung erjcheinen.
Sm Sahre 1854 erſchien die erite Titanifche Ausgabe des
Militärgefangbuds, Giefnmjü bey Maldü Knygos Karalißkojo
Prufü Waiſko. Königsberg, Druck und Verlag der Schultzſchen Hof⸗
buchdruckerei. Das Büchlein entſpricht dem deutſchen Militärgeſangbuch
— 406 —
und enthält 2 ©, Titel, 10 ©. Inhalt, 2 ©. Vorrede, 42 ©. Liturgie,
Gebete und Katechismus. Darauf folgen mit neuer Seitenzählung auf
©. 1—124 150 Lieder, auf ©. 125-142 Gebete, auf ©. 143—154
fitauifche und Deutsche Negifter und auf ©. 154 Bemerkungen über
Die Entjtehung des Büchleind. Aus denjelben ergiebt es ſich, daß der
Herausgeber, Friedrich Kurjchat, der ſeit 1844 Titauifcher Militärprediger
in Königsberg war, 1 diefer Lieder teilweife, 91 ganz neu verfaßt hat.
Es find diefelben 91 Lieder, welche bald darauf als Hauptteil in den
III. Teil des SKirchengefangbuchd aufgenommen wurden. 5 Lieder
find Umarbeitungen älterer Gefänge; 1 Lied iſt aus dem Pſalmbuch,
der Reſt aus dem Kirchengefangbuch entnommen.
Zum Gebraud) in den Schulen waren von den Behörden 64
Kicchenlieder ausgewählt worden. Diefe wurden von Karl Wilhelm
Dtto Glogau, litauiſchem Pfarrer und Superintendent in Tilfit, geſt. 1875,
unter dem Titel „64 Gieſmes Szuilems iß Gieimjü Knygü ipffirtos, o
lietuwißkay ißleiftos per &. W. D. Glogan, Tilzes Wyſkupa“, in
Tilfit bei Neyländer 1855 in litauifcher Sprache herausgegeben. Das
Büchlein wurde in den Schulen eingeführt. Bei der 2. Auflage, die
schon nach 6 Monaten nötig wurde, fam eine zweite Überfegung des
Liedes „Unverfälichtes Chriftentum", Die Liturgie, das Lied „Gott,
deiner Hilfe freue ſich“ nebft einigen bei Beginn und Schluß des Gottes-
dienſtes gebräuchlichen Verſen Hinzu. Die Melodieen find in Ziffern
angegeben, die Texte find dem Klirchengejangbuch entnommen. Während
die 3. Auflage ſchon gedrudt wurde, erjchien die auf 80 Lieder ver-
mehrte deutjche Ausgabe. Die entjprechenden Titauifchen Lieder wurden
aus dem Kirchengejfangbuch, dem älteren Teile des Pſalmbuchs und dem
Militärgeſangbuch entnonmen; ein Lied (Wach auf, du Geift der erſten
Zeugen) ift von Slogau jelbft überjeßt. In der 4. Auflage von 1860
fielen die Doppelüberjeßungen fort, um zwei bei den Litauern jehr be:
liebten Kirchenliedern mit volfstümlichen Weijen (Didelis Prarafe und
Dußios yr ikganytingos) und zwei anderen geiftlichen Geſängen (Eifim
hen und Pilnos Rankos) Pla zu machen.
Auf die Lieder folgt ein litauiſches Regiſter, das auch Die ent=
[prechenden Nummern des Kirchengefangbuch3 angiebt, und ein deutſches
Negifter. Die letzte (9.) Auflage dieſes Buches erjchien 1881.
N —
=>
=
. Bibliothek int. Buchbinder-Arbeiten Zee 45,65
. Honorare für wiljenjchaftliche Arbeiten (Dainu balsaı:
— 407 —
23.
Kaffenberiht über das XI. Jahr, Oftober 1889/90.
Ginnahbmen:
. Übernahme vom Vorjahre in bar und Papier. . . 903,49 ME.
. Beiträge inkl. Nach» und Vorauszahlungen . . . 478,88
. Extra: Einnahmen:
"
a) Zinſen . . . .. . 20,00 MEN
b) Beihülfe des oftpreuf, Landtages, 478.80
abzüglich Borto . . » . . 299,40 ME. j a
c) Durch Verkauf von Schriften. 159,40 Mk.)
Summa 1861,17 Mt.
Undgaben:
. Berwaltung (Briefe, Schriftenverfand, Beftellgeld,
Botenlöhne, Materialien, Annoncen, Kleinere Druck—
ſachen) . . >22 00.0. 11609 ME,
"
Schlußrate an die verwitwete rau Rektor Bartid) 150,00 „
. Bublifationen:
a) Reſt für die Dainn Balsai . 362,95 ME.
b) Mitteilungen, Heft XV, Kate — 61295 „
ImwID.. en. 250,00
"
.Für Die Sammlungen von Altertümern und Münzen 11,00 „
Summa 935,69 ME.
Bilanz: Einnahmen: 1861,17 ME.
Ausgaben: 935,69 „
Beitand: 925,48 ME,
wovon 500 ME. als Ergebnis lebenslänglicher Beiträge noch als eijerner,
Beitand anf der Sparkaffe — barer Neftbeitand 425,48 ME.
Tilſit, den 15. Oktober 1890.
Dr. F. Siemering,
Schatmeifter der Litauifchen Titterarifchen Geſellſchaft.
— 408 —
24
Zur Geſchichte der Gefellfdaft.
In der Generalverfammlung vom 16. Dftober 1890 exjtattele Der
unterzeichnete Sekretär den Sahresbericht.
Derjelbe gedachte zunächjt mit warmen Worten der Krankheit des
Superintendenten Hoffheinz und des plößlichen Todes des Rektors
Bartjch, ſowie des dadurch bedingten Perſonenwechſels im Vorjtande
(Vgl. Heft 15. ©. 316 ff.) und berichtete dann über die Thätigkeit
und die Verhältniffe der Gejellichaft im Jahre 1889/90 Folgendes:
Troß der Schwierigkeiten, die aus den berührten Verhältniſſen er-
wuchſen und troß unferer beſchränkten Geldmittel war e3 uns möglich,
den Drud eines 7'/a Bogen ftarken Heftes der Mitteilungen zu be—
werfjtelligen und dasjelbe im Laufe des September den Mitgliedern zus
gehen zu lafjen.
Um unjere Bibliothef auch für weitere Kreiſe nubbringend zu
machen, hegen wir jchon jeit längerer Zeit den Wunjch, einen Katalog
anzufertigen und ihn den Mitgliedern zuzuftellen; die Vorarbeiten dazır
find bereits gemacht; wir haben Dieje Arbeit jebt endgiltig für das
nächte Sahr beichloffen, und wir hoffen, Ihnen bis zur nächiten Ge-
neralverfammlung einen überfichtlic) genrdneten Katalog bieten zu
fünnen. — Unjere Bibliothef umfaßt zur Seit 658 Nummern mit etwa
750 Bänden; fie ift in dem letzten Jahre auf dem Wege des Schriften-
austanfches und durch eigene Anjchaffungen um 94 Nummern vermehrt
worden. — Auch unjere Sammlungen haben eine Bereicherung er⸗
fahren. Es find einige Bronzefunde aus der Coadjuther Gegend, Die
auf das 12,—14. Sahrhundert hinweiſen, einzelne Eifengeräte aus Tilfit
und Umgegend, eine Abbildung Titauifcher Trachten, ganz bejonders aber
recht zahlreiche und zum Teil wertvolle Münzen hinzugefommen. Unter
feßteren heben wir befonders eine Anzahl römischer Münzen hervor, die
der Oberprimaner Froefe vom biefigen Kealgymnafium ung zum
Geſchenk gemacht hat. — Allen diefen Förderern unſerer Beitrebungen
jprechen wir auch am Diefer Stelle unſeren ergebenften Danf aus und
fnüpfen daran wiederholt die Bitte um gütige Überweifung geeigneter
— 409 —
Gegenftände; befonders bitten wir, bei allen etwaigen Funden genau auf
den Fundort und auf Nebenumſtände zu achten, da diefe oft erjt den
richtigen Maßſtab für die Wertſchätzung der Fundobjekte abgeben.
Die Zahl der Mitglieder beträgt zur Zeit 198, von denen 5 Ehren:
mitglieder, 7 forrefpondierende find. Hoffen wir, daß Die Mitgliederzahl
fi) auf diefer Höhe erhalte, daß fie womöglich noch weiter wachfe,
damit wir auch in pefuntärer Hinficht in den Stand gejet wären, das
in letzter Zeit reichlich fliegende ArbeitSmaterial in angemeffenen Zeit:
räumen zu bewältigen.
In den Borjtand wählte die Generalverfammlung die Herren Prof.
Preuß (Borfigender an Stelle des Superintendenten Hoffheinz), Real—
gummajiallehrer Kantel (Sekretär), Realgymmafiallehrer Dr. Sie-
mering (Schaßmeifter), Kreisſchulinſpektor Schwede (Bibliothekar),
Gymnafiallehrer Kurſchat — ſämtlich zu Tilſit — und die Profefforen
Dr. U. Bezzenberger und Dr. 8. Lohmeyer zu Königsberg.
Borträge in den Monatsverfammlungen des Winters 1890/91:
1. Zur Geſchichte der Kirchen im Kreiſe Tilfit. I. Teil von Herrin
Kreisichulinipeltor Schwede.
2. Erläuterung zu der Münzenſammlung von Herin Dr. 3. Siemering,
3. Über das ruſſiſche Litauen (unter Zugrundelegung litauiſcher
Zeitungen und hinterlafjener Aufzeichnungen des verftorbenen Prof.
Fr. Kurſchat) von Herrn Gymnafialleprer A. Kurſchat.
4. Zur Gejchichte der Kirchen im Kreife Tilfit. IL. Teil von Herru
Kreisſchulinſpektor Schwede. I
5. Aus ruffiichen Dörfern. Neferat über das gleichnamige Werk von
G. Böhling von Herrn Gymnafiallehrev Fröhlich.
6. Über eine neue Forſchung auf den Gebiete der indogermaniſchen
Sprachen (im Anſchluß an Oskar Wiedemann: Das litauiſche Prä—
teritum) von Herrn Gymnaſiallehrer Kurſchat.
7. über eine lateiniſche Urkunde aus dem Jahre 1760, betr. den
Bau der. litauijchen Kirche zu Tilſit von Herrn Gymnaſiallehrer
Felix Preuß
— 40 —
8. Geſchichte des Schulweſens in Tilfit von Herren Oberlehrer Dr.
‚Thimm.
9. Die Wohnfiße der Sadmwinger in Preußen (im Anjchluß an Die
jun
Dr
gleichnamige Abhandlung von 3. Sembrzycki) von Herin Prof. Preuß.
Der Sekretär:
Kealgymnafiallehrer 9. Kantel.
25.
Sitterafur-Beridt.*)
Litauiſche Zeitungen.
. „Rufidawimai apie Ewangelijdös Praplatinimq” (Lit.
Miffionsblatt), Königsberg (Dftpr. Verlags-Druckerei), erjcheint
monatlich einmal. Redacteur bis Herbft 1889 Pfarrer Pipirs
(Memel), ſeitdem Pfarrer Penſchuck (Meehlaufen).
„Lietuwißka Ceitunga“, Memel (Holz & Szernus), erjcheint
wöchentlich einmal.
„Zilzes Keleiwis“, Tilfit (Reyländer & Sohn), erjcheint wöchent-
fich einmal.
„Konzerwatywu Draugyſtes-Laißkas“, Prökuls (Traujchies),
erjcheint wöchentlich einmal. Das Beiblatt führt den Namen
„Keleiwis“.
„Pakajaus Paflas“ und „Friedensbote'“, ein halb litauiſch,
halb deutſch (mit verſchiedenem Text) geſchriebenes, wöchentlich
einmal in Memel (bei Siebert) erſcheinendes Blättchen, Organ
des ſogen. „Oſtpr. Gebetsvereins“ (Chr. Kukat).
„Vienybe Lietuvniku* 6. Jahrgang, erſcheint alle zwei
Wochen in Plymouth, PBennfylvanien. Im Feuilleton des
Shrgs. 1890 kamen zum Abdruck Ueberſ. des Derajtig,
Manuſtkr. von Wolkonczewski u. Dowkont.
Die „Szviesa*, in Tilſit (zuletzt bei Schönke) monatlich einmal
erjceheinend, hat mit Nr. 8 des Jahrgangs 1890 ihr Erjcheinen
eingeftellt.
x*) Die mit W. oder 8. unterzeichneten Bemerkungen find von den Herren
. & Wolter» Betersburg bezw. 3. Sembraydi-Sönigsberg.
— 41 —
8. „Saule*, Mahanoy City, Pennſylvanien, 4. Jahrgang, er:
Icheint wöchentlich einmal.
9. „Varpas*, Tilſit (M. Jankus), 3. Jahrgang, ericheint monatlich
einmal.
10. „Ukinjkas“, Tilſit (M. Jankus), 2. Sahrgang, erjcheint monatlich
einmal.
11. „Apzvalga“, Tilfit (v. Mauderode), 2. Jahrgang, erjcheint mo-
natlich zweimal. |
12. „Nauja Lietuwißka Ceitunga“, Tilſit (v. Mauderode), er:
ſcheint ſeit Dezember 1890 wöchentlich zweimal.
13. „Alywu Zapai”, ſeit 1891 zuerſt in Prökuls (Trauſchies), dann
in Tilſit (Reyländer & Sohn) zu jedem Sonntag und chriſtlichen
Feiertag erjcheinend, bringt Furze evangelifche Predigten unter
Nedaktion des Pf. Strud (Wieken).
a ae
Adler, 3 Zur Geh. d. Baukunſt d. deutjch. Ritterordens (betr.
Steinbrecht, Bauk. d. deutſch. R-O. in Preußen. IL) [Centralb. d.
Banverwaltg. 8. Sahrg. Air. 38. 39].
— Beiträge zur Kenntniß d. evang. Kirchenbaukunſt in der Gegenwart,
4. Die reform. Kirche in Inſterburg. [Ebd. 10. Jahrg. Nr. 44].
Akielewicez, Mikotaj. Gramatyka jezyka litewskiego. Glo-
sownia. Poznan. 1890.
Kritif von Brüdner im he für flav. Philologie XIII, 2: „Das
Werk ift leider fehr unerquicklich.“ 8.
Alexandrow, A. Litauiſche Studien. Lieferung 1. Volksetymologie
(Litowskije et'udy. Wypusk 1. Narodnaja etymologija.)
Warſchau 1888. (Sonderabdrud aus dem Ruſſiſchen Warjchauer
Philologijchen Boten).
— Litauiſche Studien I. Nominalzufammenfegungen. Dorpat. 1888.
Arbusow, L. Grundriß der Geſchichte Liv», Eſt- und Kurlands.
Mitau 1890. 1 Karte.
Viffenfhaftlih, gründlich, objectiv. cf. Kwart. Histor. V, nn
Archiv für ſlaviſche Philologie, unter Mitwirkung von U. Brüder,
A. Lesften und W. Nehring, herausgegeben von B. Jagie.
Bd. XI Heft 4: Lettica, angezeigt von & Wolter, Bd. XIIL,
pg. 212—224 „Lituanica” von Brüdner (Abdrud zweier von ihm
— 412 —
in Petersburg gefundener litauiſch-poln. intermedia aus der Mitte
des XVII. Jahrhunderts); pg. 311—814 „Lituanica” von Brüder
(Rritifen); pg. 557—590 „Der — Katechismus vom Jahre
1698“ von Brückner. (Dieſes lit. Unicum iſt in Wilna gedruckt; das
Original gehört der Uphenhagenſchen Bibl. der Stadt Danzig an). W.
Bähr, Paul. Max von Schenkendorf als patriot. Dichter in ſeinen
Liedern ... Halle. Hendel.
Bartſch, Chriſtian. Skizzen zu einer Geſch. Tilſits von d. älteſt.
Zeit bis 1812. Tilſit. Reyländer K Sohn. (Recens.: Altyr.
Monatsſchrift 1888, pg. 482—485).
Batiuszköw, Belorussija i Litwa. Petersburg 1890 (mit vielen
Illuſtr. u. 1 Karte).
Baudouin de Courtenay, J. Jan Juszkiewicz, badacz
litewski (Odbitka z. Kraju). Petersb. 1886.
— Dwie melodye do tej samej piesni litewskiej, (Odbitka ze
Zbioru wiadomosci do antropologii Kraj., XIV. 3) Kra-
köw 1890. — Bgl. Anzeiger d. Akad. d. Wiſſ. in Krafau 1890. Nr. 8.
Behla, Dr. Rob. D. vorgeſch. Rundwälle im öſtl. Dijchld. Berlin.
Aſher & Co.
Bezzenberger, Prof. Dr. Adalb. Die kuriſche Nehrung u. ihre Be—
wohner. Mit 1 Karte u. 8 Textilluſtr. Stuttgart. Engelhorn.
[Forſchgn. zur dt. Los u. Volkskde. Hrsg. v. Dr. A. Kirchhoff.
III. Bd. Heft 4]. Geſpr. v. Jentzſch: Altpr. Mtsſchr. XXVII. Bd.
1. u. 2. Heft u, v. Lohmeyer: Sybels Hiſtor. Ztſchr. Bd. 64).
— Ethnographiſches aus d. Kreiſe Pillkällen. Pillk. 1889.
— Bemerkg. z. W. Nehring, ein alt. Denkmal d. lit. Spr. (Seiden-
band mit eingewebt. lit. Inſchrift de 1512). [Beitr. z. Kde. d.
indogerm. Spr. Bd. 15].
Böhling, G. Aus nordruſſiſchen Dörfern. Minden 1890.
Ein Kapitel des Buches behandelt recht oberflählid „das Titauifche
Bolfslied u. feine Stoffe“. — Beſpr. in der dtiſchn. St. Petersburger
Zeitg. von 1890, Nr. 215 und in „Etnograficzeskoje obozrenije in al
Bonk, Hugo. Ortsnamen in Altpreußen. [Altpr. Mtsſchr. XXVU DB.
7. u. 8. Heft].
Brjancow, B. D. Gejchichte der litauiſchen Herrfchaft von Den
ältejten Zeiten an. (Istorija litowskago gosudarstwa s drev-
niejszich vremion) ®ilna 1889. Im Selbjtverlag des Berfafjers.
Der Verfafier behandelt, die Gefchichte Litauens und Weitrußlands
bis in die neuejte Zeit hinein, welche er mit der Berwaliung des General-
— 43 —
—— N. M. Murawjew bien Eine —— dieſes
exkes von Bestuzew-Rjumin erſchien im Journal d. Miniſteriums der
Volksaufklärung von 1889 Teil 263. Juniheft. W.
Bruchnalski, WA. Geneza Grazyny (Jahresbericht des Oſſolineum
zu Lemberg) 1889.
Budrys, Mickiewiez w literat. litewskiéj (im Werke: „Pamiec
Adama Mickiewicza“, herausg.1890 vonder Redactiondes „Kraj“).
Bujad, Oberl. Dr. D. Commifforium der Landesdeputirten d. Prov.
Preußen und Litauen in Berlin im J. 1811. Kbg. Drud v. €.
Rautenberg 1889.
— Zur Bewaffnung und Kriegführung d. Ritter d. deutſch. Ordens
in Preußen. (Progr. d. Altſtädt. Gymn.). Königsb. 1888. —
II (©. aus den Situngsberichten der Pruſſia 1888) 1889.
— 3 Hügelgräber zu Doben, Kr. Angerburg. [Sitgsber. der Alttsgeſ.
Prufjia. 44. Vereinzjahr]. E. Rielenfibula aus Weßeiten, Sr.
Heydekrug. [Ebd.]. E. bronzene Bruftfette m. Nadeln u. ein.
bronz. Pferdefchmud der röm. Periode aus Adl. Heydekrug. [Ebd.].
Bystron, Dr. Jan. Katechizm Ledesmy w przekladzie Wschodnio-
litewskim. Krakau 1890. Bejpr. von Brüdner: Archiv für
jlav. Philol. XII, 2, von J. Sembraydi: Altpr. Monatsſchrift.
XXVII. Bd. pg. 360—361) u. von J. Los in d. Petersburger
poln. Ztg. „Kraj* No. 19.
Meczius Davainis-Silvestraitis (Pfeudonym für Mieczystaw
Dowojna - Sylwestrowicz). Patarles ir dainos surasze nüg
zmoniu. Tilzeje 1889 m.
Dedelew, A. Freien, Sungfern-Abend und Hochzeit bei den Zemaiten
der Bopelianyjchen Gemeinde im Schaulenfchen Kreife (Swatowstwo,
dewiönik i swad’ba u zmudinow popel’anskoi wolosti,
Savel'skago njezda). Kownoer Adrehfalender 1890.
Dowgird, Tadeusz. Pamigtki z ezasöw przedhistoryeznych na
Zmujdzi. Melzyn-Kapas. (Pamietnik fizyograficzny VIL)
Warſchau 1887.
Bericht iiber 1882 u. 1888 von D. veranftaltete Ausgrabungen von
16 Grabhügeln nebjt Beichreibung der gefundenen Gegenttände. Recenſ.
Kwartalnik Hiltor. [IL 80-82, S.
— Krötki przeglad badan archeolo giezuych, dokonanych na
Zmujdzi i Litwie (im Pamigtnik drugiego zjazdu history-
köw polskich we Lwowie) Zemburg 1890.
— 44 —
Downar-Zapolski, M. V. Zauberei im Nordweftlichen Gebiet
(sc. Rußlands) im 17.—18. Jahrhundert. „Carodöjstwo w sewero-
zapadnom kraje Bd. XVIL—XVIIw“ ine hiſtoriſch⸗ethno⸗
graphifche Studie. (Sonderabdrud aus der in Moskau erjcheinenden
Ethnographiichen Überficht).
Dreier, Gymn.L. Dr. Mer. €. Beitrag zu e. Biographie Mar
bon Schentendorfs. [Progr. d. Großh. Gym. zu Mainz].
Evangelijhdes Gemeindeblatt, Königsberg.
[Nr. 13 des Sahrg. 1887 enthält einen — Aufſatz über: „Die Pflege
der litauiſchen Sprache durch die Schule“.
Faminzin, A.S. Gusli ein ruſſiſches anne Hiftorische
Sfizze mit zahlreichen Abbildungen und Notenbeilagen. (Gusl'i
russki narodnyj muzykal’nyj instrument Istoriceskij ocerk
mnogocislennymi risunkami i notnymi primerami.) St.
Petersburg.
Auf ©. 39-68 beipria der Autor die verwandten Bolksinftrumente der
nn Kantele), der Eiten eh der Zitauer (Kankles) und der
Zetten (Kuofles). Auf S. 76-92 bejchreibt er die fogenannte Bialterien
enthaltenden Miniaturen, welche ſich in Handſchriften finden. W.
Filewiez, J.P. Der Kampf Polens und Litwo-Roth-Rußlands um
das Halitjch-Wtodzimierzjche Erbteil. (Borba Pol’ i Litwy-Rusi
za Galizko-Vladimirskoje nasledije), Gt. Petersburg 1890.
[S.:U. aus dem Journ. des Minift. d. Volksaufkk.)
Tendenziös vom ruſſiſchen Standpunkte aus gefchrieben. cf. Kwartaln.
Histor. V, 173—178, 8.
Fortunatow, F. Phonetiſche Bemerkungen, veranlaßt durch Miklo—
ſich's Etymologiſches Wörterbuch der ſlaviſchen Sprachen. (Sonder⸗
abdruck aus dem XI. u. XII. Bande des Archiv's für Slaviſche
Philologie.)
Friedeberg, M. Zur litauiſchen Litteraturgeſch. [Das Archiv.
Bibliogr. Wochenſchrift. Hrsg. v. Julius Steinſchneider. No. 4).
Fridemann, B. A. Rechts-Anſchauungen und Gewohnheiten der
Bauern Weſtrußlands, beſonders des Kowno'ſchen Gouv. (Ruſſiſch).
Wilna 1890.
Das Bud ‚enthält Bemerkungen über Rechtsgewohnheiten aus ber
zu N eines örtlichen Advolaten, iſt aber leider ohne Kenntniß der lit.
pr. u. d. lit. Volkes geſchrieben; die lit. Worte find vielfad) ea
tranffribiert.
Friſchbier, H. Dftpr. Volksmeingn, Tod u. Begräbniß betr. kn
Urdsbrunnen. Mitthlg. f. Freunde volksthüml. wifjenfchaftl. Runde.
Bd. 6. Ihrg. 7. No. 10].
— 45 —
Friſchbier, 9. Oſtpr. Volksglaube. Brautichaft u. Hochzeit. [Am
Urquell. Monatsichr. f. Volkskde. Bd. I der neuen Folge Nr. 1]. —
Haus u. Heerd. Ebd. Nr. 3], Glüd u. Unglüd. [Ebd. Nr. 4]. —
Kindheit. [Ebd. Nr. 8, 9, 10.) — Arbeit und Mahlzeit. Ebd.
Kr. 11]. — Träume, [Ebd. No. 12).
— Die Menjchenwelt in Volksrätſeln aus den Brov. Oſt- u. Weftpr.
(Zeitſchr. f. dtſch. Philologie. Bd. 23, ©. 240— 264].
— Oſtpr. Sagen. Altpr. Mtsſchr. XXVIL Bd. 3. u. 4 Heft].
Semeindelerifon für d. Prov. Dftpreußen. Berlin. Verlag d.
ſtatiſt. Bur.
Gloger, Sigmund. Reiſe auf der Memel (Podrö2 Njemnem).
Warſchau 1888. Erſchienen in Band II der „Wista“.
Der, befannte polnifche Ethnograph und Acchäolog behandelt in Au
Neijejliszzen die Denfwürdigfeiten der Ufer der Memel von Grodno bi3
Komno und geht beionders auf Die Spuren enifiger Anitedelungen der
Menſchen der Steinperiode näher ein. W.
Gnedowski, J. Einige Worte zur Frage über die ethnographiſche
Grenze zwiſchen der litauiſchen und weſtruſſiſchen Bevölkerung im
Nowo-Alexandrowſchen Kreife des Kownoer Goud. Im Kownoer
Adreßkalender für 1890.
Grüning, J. Über die Länge der Finger und Lehen bei einigen
Bölferftämmen (auch bei LXetten und Litauern) im Archiv für An—
thropologie. Braunjchweig 1886. Bd. 16. Vierteljahrsichrift.
©. 511—519.
Gukowski, 8. Der Kreis Telsze in geugraphifcher, hiftoriicher und
ethnographifch-ftatiftiicher Beziehung bejchrieben. (Tel’Sevskij ujezd).
Sm Adreklalender des Kownoer Gouvernements für 1890. 4. Ab-
theilung.
— Kurzer biftorifcher Abriß de Kowno'ſchen Gouvernements (Kratkij
iStorideskij] oderk Kowenskoj gubernjji). Kowno. 1889,
Hanusz, J. La langue et la litterature lithuaniennes d’aprös
J. Hanusz. [Bulletin polon. litter., scientif. et artist., publ.
par les soins de l’Associat. des anc. el&ves de l’Ecole polon.
a Paris. 1888, Nr. 37].
Heifel, Dr. Axel O. Die Gebäude der Ceremiffen, Mordivinen, Eſten
und Finnen. Helſingfors 1888.
Der Autor behandelt auf S. 204—205 auch das lettiſche Haus Liv-
lands und bietet reiches Material zur vergleichenden Erforſchung des
litauiſchen nams.
— 46 —
Horn, Rechtsanw. A. Das Hauptamt Infterburg. [Ztichr. d. Alter:
thumsgeſ. Snfterburg. 1. Heft.]
— Die Gerichte Litauen? und Maſurens; eim Beitrag zur Gericht?-
verfafjungsgejch. Preußens. [Ebd. 2. Heft].
Sanedi. Die ältejten Suden-Nobilitirungen in Litauen. [Der dtjche.
Herold. XXI 1890. ©. 97—99.|
Santihud, N. A K. Kirkor. Kurze Skizze feines Leben und feiner
Thätigfeit. Moskau 1888.
Adam Honorius Karlowiiſch Kirkor, bekannter Eihnograph und Ar-
chäologe, geb. 1812, gejt. 1886, wird in dieſer biographiichen Skizze ge-
würdigt, und e3 wird feiner unermüdlichen Thätigkeit für die wiffenNhn tl.
Erforſchg. Litauens und Weißrußlands in archäol., geograph. u. hifter.
Beziehung ein angemefjenes Denkmal gefekt. W.
Itowajskij. Litowskaja Rus pri Jagiellonach. (Zurnal mini-
stierstwa narodn. prosw. Wr. 1). Petersburg... 1889,
Im „Kwartalnik Historyczoy“ II als „in nicht genügendem Maße
gründlih und unparteiiſch“ Fritifiert. S.
Karlowicz, Dr. Jan. La Mythologie lithuanienne et M.
Veckenstedt (Melusine 1890).
Eine glänzende Abfertigung Veckenſtedts. Ubrigens ift auch der Ver:
ſuch gemadjt worden, V. in Stalien einzuführen, indem der Anfang eines
Auffages von ihm über „den König der Wenden u. der ruf). Zigeuner,
der Letten, Litauer u. Sameiten” in Heft 1. Jahrg. 1890 des in Palermo
erjcheinenden „Archivio per lo studio delle tradizioni popolari“ unter
dem Namen des UÜberſetzers Birrone-Giancontiert abgedrudt wurde.
&3 entitand aber a. mit dem Herausgeber der Zeitſchr. Prof.
&. Pitre, und der weitere Abdrud unterblieb. Lohmeyer.,
Kleinfhmidt, ©. Perkunas und Parjanya. Eine Studie über dan
Feuerkult. [Btichr. d. Alttögel. Inſterburg. 2. Heft].
Knaake, Dberl. Emil. Geſch. d. Kgl. Realgymnafiums zu Tilfit von
1839—1889. Feſtſchrift zur 50 jähr. Subelfeier d. Anftalt.
— Forſchgn. zum Leben des Mar v. Schenfendorf. [Altpr. Mitzfchr.
XXVI 8. 3. u. 4. Heft).
— Mar von Schenfendorf, d. deutjche Kaiſerherold. Sein Leben und
jeine Bedeutg. Tilſit 1890. (Bejpr. von Schn ...: Altpr.
Mtsſchr. XXVII. Bd. 7. u. 8. Heft).
Krumbholtz, Rob. Samaiten u. d. Deutjche Orden bis zum Fried.
am Melno-See. J.“D. Berlin. (Abdr. d. Einlte Die vollftänd.
Arbeit in d. Altpr. Mtsſchr. XXVII. u XXVII Bd. und ala
beſonderes Buch, Königsb. 1891).
Kühne, E. Hdbch. d. Gröbefites d. Prov. Oſtpr.
— 47 —
Kunif, A. Memoire über die gelehrten Arbeiten des correjpondierenden
Mitgliedes der Akademie der Wiſſenſchaften zu St. Petersburg
Herrn W. G. Wasiljewsky. 1890.
Auf ©. 5—7 beſpricht Herr Akademiker K. die Werke 2 3. zur Litauiſchen
Geſchichte. (Gedimin. u ee der Stadt Wilna). — —
phiſchen Überficht bezieht ſich auf Litauen Nr. 15—20 8 34—85
Kwartalnik Historyezny. Lemberg. Seit 1887 jährlich 4 Hefte |
Bringt wertvolle Kritifen aller irgend in da3 uben as einihlägigen
Arbeiten, die auf Polen, Litauen, Preußen Bezug haben.
Lamanski, W. Briefe von Peter Preiß an Szeznowöki, Szafarif,
Kurſchat u. a. von 1836—1848. Ziwaja Starina, Heft 11. 2.
Lehmann, Mar Ein Borjpiel der Konvention von Tauroggen.
IH. Ztſchr. N. F. 28. BD. 1890. ©. 385—388].
Lehwaldt u. Apraxin 1757 in Oftpr. (unt. Benußg. d. ruſſ. Pu—
blifation v. Maſſlowski). Jahrb. f. d. deutſche Armee u. Marine.
Bd. 67].
Lemfe, & Zur litauiſchen Volksmuſik (m. Bezug auf Bartſch, Dainmn
Baljai. II. Bd.) [Das Ausland, 63 Jahrg. Nr. 7.]
Lestien, A Litauiſche Sprache. (U. Encyclop. d. Wifjenich. u. Kunft.
Zweite Section. XLIV pg. 105—109).
Lewicki, A. Stosunek Litwy do Polski za Jagielly i Witolda.
[Anzeiger d. Akad. der Wiſſenſch. in Krakau 1890. ©. 131—133-]
Linksmy wakarai. Nr. 1—10, herausgegeben von D. T. Boer-
kauskas in Mahanoy City Pa. in Nord-Amerifa 1890.
Aus Litauen und Mafuren. Kgsb. Hart. Ztg. 1888, Sonntagsblatt
Nr. 31, 34, 37.
Dieviska liturgija $vento Jono Auksoburnio (Überjeßung der
Liturgie des heil. Sohannes Chryjoftomos). St. Petersburg. 1887.
Litwin. Litwa przed rokiem 1863. Lwoöw. 1888,
Lohmeyer, 8. Litauen, Gefchichte (A. Encyclop. d. W. u. K. Zweite
Section. XLIV, pg. 100-105).
Löbell, M. Hiltoriiche Denkmäler im Kreiſe Ragnit. [Btichr. d.
Alttsgeſ. Inſterburg. 2. Heft].
Maſſlowski, Oberſt im rufj. Generalft. Der fiebenj. Krieg nad)
ruſſ. Darſtellg. I. TI D. Feldzg. Apraxyn's in Oſtpr. 1756-57.
Überſ. und mit Anm. verſ. dv. A. v. Drygalski. Berlin. Eiſen—
ſchmidt. 1888.
27
— 48 —
Dentichrift über d. Ströme Memel, Weichjel, Dder, Elbe, Wefer und
Rhein, bearb. im Auftr. d. Hrn. Min. d. öff. Arb. Berlin. Drud
von 3. Kerskes.
Müller, Rob. Königin Luiſe auf d. Fahrt nach Memel im San, 1807.
Illuſtr. Ztg. 90 Bd. Nr. 2327].
Pawiowicz, Edward. Z podröäy po Litwie. Lemberg 1890.
Benihud, Pfr. in Rucken. Lieferte eine litauifche Überjegung fol-
gender Schriften des „Kentralverbandes der evangel. = chriftlichen
Enthaltiamfeit3vereine in Deutjchland": Warnungstafel wider den
Brantwein. — Der verborgene Schat. — Des Trunfenboldes
Zeben und Ende. 1888.
Pipirs, 3. Pasuntinyst6s Arpos. Kgsbg. 1890.
Überjegung von 25 deutſchen Kirchenliedern. S.
Pledas, Antanas. Lietuviszkas ubagitis lenkiszku poniaku
(Tilfit, Weyer. 1888).
Prochaska, Antoni. Latopis Litewskit. Xemberg 1890.
In diefer Eritifhen Analyſe kommt P. zu etwas andern Refultaten als
Smolfa (fiehe unten). Beide Arbeiten find jehr ſchätzbar. Cf. Kwartaln.
Hist. V, 164—166. 8.
Prace filologiezne, wydawane przez Baudouina de Courtenay,
J. Karlowieza, A. A. Kryüskiego i. L. Malinowskiego, 30. II.
u. IH. Warjchau 188890.
Ptaszyceki, St., Opisanie knig i aktow litowskoj metriki.
Petersb. 1887. — Bal. Hift. Ztſchr. N. F. 25. 85. u. 27. BD.
und Prochaska in Kwartalnik Hit. LI.
— Biblijotieka Wielikago kniazia litowskago w Wilnie w 1510
godu. [Iz Zurnala Bibliogr. Petersb].
— Dzieje rodöw litewskich jako materyat do archeologii
historyeznej. (Odbitka z Ateneum). Warszawa. 1888. Ge-
bethner i Wolff. |
Reuter, Dr. Georg. D. Bildungen d. Eiszeit in Oſtpreußen. (Itſchr.
d. Alttsgeſ. Inſterburg. 2. Heft]. |
Rodziewiczöwna Marya. Dewajtis, powiest wspölczesna.
Warſchau, ©. Lewental, 1889.
Eine litauiſche Über]. dieſes bereits in zweiter Aufl. vorliegenden
Romanes erfchien zuerſt in Der Big. „Vienybe Lietuwninku“, dann in
Buchform unter dem Titel: „Dievaitis. Apysaka szios gadynes Pagirta
ant konkurso Kurjero Warszawsko Diena 1 GeguZio 1888 metüse.
Paraszyta Fan Radzevicziutes. Plymouth, Pa., Bean, und
Drud von Joſeph Paukßtis.)
— 49 —
Sapiehowie. Materjaly hi-torye»no genealogiczne ı majatkowe
wydane naktadem rudziny. 2 Zeile. Petersburg. 1890— 1891.
Sembrzycki, Sohannes. C. G. Mielcke's verichollenes litauiſches
Geſangbuch. (Altpr. Monatsſchrift 1889, pg. 367—369. Of. Re—
cenſion im „Evangel. Gemeindeblatt“ 1889, Nr. 31.) — Sitten und
Gebräuche in Padrojen vor vierzig Jahren. (Altpreuß. Monats—
ſchrift 1889, pg. 491—501.) — Referat über M. Stankiewicz'
„Studya bibliograficzne nad literaturg litewska (Altpr.
Monatsſchrift 1889, pg. 512—513.) Referate über Bystron,
Katchizm Ledesmy und Stankiewicz, W sprawie gromadz.
(Altpr. Mtsſchr. 1890, pg. 360—-61.) — Die Nord- und
Weit-Gebiete der Jadwinger und deren Grenzen.
(Altpr. Mtsſchr. 1891, pg. 7689). — Überficht über die für Oft-
und Weltpreußen wichtige polnische Literatur der lebten Zeit (be-
rücjichtigt auch Litauen; Altpr. Mtsſchr. 1891, pg. 324— 329).
— Bollsmedicin (aus Dftpreußen, bejonders Litauen) „Am Ur:
Duell” 1890, pg. 136—138. — Dftpreußifche Sprichwörter,
Bolkgreime und PBrovincialismen (geht durch den ganzen Band II
der Ztſchr. „Am Ur-Quell“). — Dftpreußifche Schimpfwörter, ebd.
pg. 139. —
Stownik geograficzny Krölestwa polskiego i innych krajöw
stowiahskich.. Pod redskeva Br. Chlebowskiego i Wh.
Walewskiego. Warſchau. - Bisher 9 Bände reichen Inhalts.
Smirnow, W. D. Krymsk; no Chanstwo pod werchowenstwom
Otomanskoj porty. Da: Krimſche Chanenreich unter der Ober—
herrſchaft der Otomaniſchen Pforte. Petersburg, 1887.
‚ Auf ©. 153 u. ff. ſpricht der Autor von der Anſiedelung der Tataren
in Polen und Litauen zu Witowts (Vattad) Zeiten. Genauere Hinweiſe
auf ſonſtige Beziehungen Litauend zu den Tataren findet man im
Snder des Buches auf ©. 787. W
Smolka, Stanist., Kiejstut i JagieRo. (Odbitka z tomu VIII Pa-
mietnika Wydzialn filolog. i histor. - filozof. Akad. umiej.)
Kraköw. Vgl. Anzeig. d. Akad. d. Wiſſenſch. in Krafau 1889. Nr 2.
Recenſ. v. U. Prochaska im Kwart. Histor. IV. —
— Najdawniöjsze pomniki dziejopisarstwa rusko - litewskiego.
Krakau 1889.
Kritiiche Analyſe des jogenannten Lietopisiec. S.
Speirs, E.B. The Salzburgers.. [The Englich Historical
Review. Nr. 20. Vol. V. 1890, ©. 665—699.]
27%
— 4120 —
Sprogis, J. Gieograficzeskiji slowar driewniej Zomojtsko)
zıemli XVI stoletija ,... . (russ) (Geogr. Wörterbuch d. alt.
zemaitifchen Landes des XVI. Ihrhorts.) Wilna, 1888,
(Befpr. v. E Wolter: Deutſche Litteraturzig. 1889 Nr. 5, zuinig int
Sournal d. Miniſt. d. Volksaufklärg. T. 269. Abthlg. 2 u. d.%.: Neue
Materialien zur Crforfhg. d. lit. Onomasticons, von ©. Ulianow im
Philolog. Boten, 1889. I. und im Kwartaln. Histor, IV (v. X. Prochaska
welcher tadelt, daß die Namen nicht in der Schreibmweife des Driginals,
hombern ig der Transſcription der heuligen ruſſiſchen SERADDE IE ges
geben find). ;
Stankiewicz Maurycy. Studya bibliograficzne nad literatura
litewskg, II. Bibliografia litewska od. 1547 do 1701
Krakau, Selbftverlag, 1889.
Recenfionen des Buches: „Przewodnik bibliograficzuy“, „Kraj“,
„Biblioteka warszawska“, „Kwartalnik historyczny‘“, „Altpreußifche
Monatzfhrift” ze. S.
— W sprawie gromadzenia materyalöw do Jdziejöw Pismien-
nicta Litewskiego ($rafau, 1890). Nicht im Buchhandel.
Starozytna Poslka (von Balinski & Lipinski). Neue vermehrte
Ausgabe. Warſchau. 1886.
Der ganze Band IV von pg. 1-696 handelt von Litauen und Zemaiten
in hiftor,, geograph. und topograph. Hinſicht. S.
Steinbrecht, Reg.Baumſtr. &. Die Baukunſt d. deutjch. Aitterord.
in Preußen. II Auch u. d. T. Preußen zur Zeit der Landmitr.
Beiträge 3. Baukunst d. deutjch. Ritterordens. Berlin. Springer. 1888.
Teobald (B. N. von Hothfirdj), N Litauifch = Heidnijche Skizzen. Hi:
Stortiche Abhandlungen (Litow&ko-jszyleskije ocerki. Istori-
ceskija izsl&dowanija Teobal). Wilna. 1890.
Thomsen, Vilh. Beröringer meliem de finske og de baltiske
(litauisk - lettiske) Sprog. En sproghistorisk Undersogalse.
Kjobenhavn. (Düniſch.)
Adreßbuch für d. Stadt Tilfit auf d. Jahr 1889. Zigelt. v. 3. 8.
Gehrmann. Tilfit. 3. Reyläander & Sohn.
Aus Tilfits Vergangenheit. III. Tilfiter Leben ſeit d. Freiheits-.
friegen. Tilſit. Lohauß. (Beipr. v. K. Lohmeyer in d. Altpr.
Mtsſchr. XXVII. Bo. 1. u. 2. Heft und in Sybel3 Hiltor. Ztichr-
Bo. 64).
Tifchler, Dr. Otto. Das Gräberfeld bei Oberhof, Kr. Memel.
[Schriften der phyj.-öfon. Gef. zu Kbg. 1889]. — Vgl. Correſpondenz⸗
BI. d. deutich. Gef. f. Anthrop., Etheol. u. Urgeſch. 19. Ihrg. S. 118 ff.—
— 421 —
Die Archäologische Sammlung des Prov.-Muſeums (S. 99 be-
züglich auf Litauen), ebd, Jahrg. 1890.
Trudy Warszawskago Statist. Komiteta (rufftich),. Arbeiten des
Warſchauer Statiftiichen Amts in Bezug auf die zehn Gouver—
nement3 des Königreichd Polen. Warſchau 1890. II. Bo.
Der II. Bd. der Schriften des unlängit in Warſchau errichteten Gentral-
Komitee’3 für ftatift. Unterfuhungen ım Bereich des Königreichs Polen
enthält auf ©. 119 ff., ſowie auf S. 141 145 Protofolfmitteilungen über
vr en zur ethnologifchen Siatiflit Polens und auf S. 141 ff. ſpeziell
rörterung d rage, warum die Litauer des Sumalfifhen Goun.
weniger als — ationalitäten ihre Kinder in die Regierungsſchule
ſchicken und inwiefern dieſer Umſtand mit dem Verbot, litauiſche a
in lat. Schrift zu druden, zufammenbängt.
Ublenbed, Dr. C. C. Die drei Catechismen in altpreuß. u Su
Neſſelmanns Ausgabe neu hrsgeg. u. mit Anm. verjehen. Leiden 1890.
— Die lexikalifche Urverwandtichaft des Baltoflavischen u. Germanifchen.
Leiden. 1890.
Ul’janow, G. ®ie Präſensthemen im Altſlaviſchen und Litouifchen.
(Osnovy nastojaßtago wremeni w storoslavanskom i litowskom
jazykach) Warszawa 1888. (Sonderabdrud aus dem Ruſſiſchen
Warſchauer Philologiſchen Boten).
Veckenſtedt, Dr. Edm. La Musique et la Danse dans les tra-
ditions des Lithuaniens, des Allemands et des Grecs. Vol. III
Paris 1890 aux bureaux de la Tradition; librairi6 Maison neuve,
Lechevalier. — Nur in 300 Erempf. gedrudt, wovon 250 in
den Handel gefommen find.
Weste, M. P. Slavofinnifige Culturbeziehungen nad) Tinguiftiichen
Daten. (Siaw’jano-finskija kul'turnyja otnosenija po dannym
jazika). Kazan. 1890.
Belpr. von Prof. A. Alegandrom in Kaſſan Mborud aus a Univer⸗
——— 1890). Ferner in der Ziwaja Starina. 1890. St. Peters:
burg. . Ab ‚In. ©. 5-8. — Kurz beſpr auh im ——
Philol. — 1899. No.3 ©. 157. — Sonderabdrud aus den Nachrichten
der K. Geſellſchaft Di mau en und Ethnographie bei der
Univerfität. Bd. Teil 2, ©. 137—200 handelt von
—*8 — —2 — — Morten in den finniſchen
rachen. — Theil 8, ©. 261—303 von da en Sprachgut der
— ruſſiſchen, fitaunif hen und finnifhen Spraden. W.
Wiedemann, O. Das litauische Präteritum in Beitrag zur Ver—
balflerion der indogerm,. Spr. Straßburg 1890. Belpr. im Litter.
Centralbl. Jahrg. 1890.
Wistia, Miesiecznik geograficzny - etnograficzny. Erſcheint in
Warſchau unter Leitung des Dr. Jan Karkowicz.
— 42 —
Band II, 1888: Ludzie i kwiaty nad Niemnem. — Podröz Niemnem. —
Dwie piesni litewskie o Chodkiewiczu. — Chata Zmujdzka von
M. Dowojna-Sylwestrowiez (pg. 838—844). - Band III. 1889: Dozynki
na Litwie (von Biruta). — Jezdziec z sochg (v. A. Römer). — Dwa
podania (Biruta). — Pilkalnie — pileskalnas; von Sylwestro-
wicz, Dowgird, Sokolowski , mit Abbildungen, jehr interefjant). — Bd. IV,
1890: Kozik (ragutis; von Sylwestrowiez) — Kula, Krzywula (die Kriwule,
v. 3_Sembryzdi). — Pitkalnie (mie in Bd. III). — Die Beitichrift enthält
eine Fülle wertvollen Materials. S,
Wolter, E& Zur ethnologiichen Statiftif Weſtrußlands (statistika
plemmenago sostawa narodonaselenija S&vero - Zapadnago
Kraja). Im Wejtrufjiichen Kalender für 1890. Kijew.
— Über die Erforfhung der fitanifchen Mythologie. (Aus dem 24.
Bande der Nachrichten (zwestina) der Kati. Ruſſ. Geographijchen
Geſellſchaft). St. Petersburg. 1888
— Über d. Erforſchg. d. Familienfitten d. Litauer und Lemaiten.
Kowno 1889. (GRuſſiſch).
— Vorläufiger Bericht über meine Reiſen in Litauen u. Zemaiten in
d. Ihrn. 1884—1887. (Sonderabdr. aus d. Nachrichten d. Kaiſerl.
Ruſſ. Geogr. Geſellſch. Bd. 24. 1889).
— Materialien zur Ethnographie der Letten des Witebsker Gouver—⸗
nements, geſammelt und erläutert von E. Wolter, Privatdocent an
d. St. Petersburger Univerſität. Erſter Teil: die Feſte und die
Familienlieder der Letten. St. Pet. 1890. (Sonderabdrud aus
dem XV. Bd. der Memoiren (Zapiski) der K. Ruſſ. Geogr. Ge-
ſellſchaft) Zu beziehen durch die Buchhandlung von Sond und
Poliewsky in Riga.
— Litauiſche Legenden. Moskau 1890. Aus dem ruff. Sournal-
„Etnograficzeskoje Obozrzenije*. Heft VI. Enthält Mitteilung en
über I. den Teufel als Weltſchöpfer; IL Warum werden abge:
schnittene Fingernägel aufbewahrt? III. Über die Erfchaffung des
Bären; IV. Woher ftammt der Storch) (busilas, garnis) ? V. Vom
Bogel Kufis nnd dem Nudud. VI. Wandernde Seen.
— Überficht der Arbeiten auf dem Gebiete der litauiſchen Ethnographie
(Sprachwiſſenſchaft und Statiftil) von 1879— 1889. Ruſſiſch. In
der ethnograph. Beitichrift „Ziwsja Starina“ (Lebendes Altertum)
abgedrudt. Heft 2-3. (Enthält unter Anderem eine nähere Be-
jchreibung unferer Gefellichaftzfchriften und eine Überficht der auf
Litauen bezüglichen Arbeiten des Prof. Dr. U. Bezzenberger).
— 423 —
Vergl. Iettiiche Über). im Auszug im „Deenos Lapas valifimas”.
X. 1891. 61. ©. 13—14.
Wolter, E Neue Arbeiten und Materialien zur lettiichen Ethno—
graphie. Aus der Moskauer „Etnograficzeskoje obozrz&nije“,
Heft VIL 8%. Beſprechung der Arbeiten Bezzenbergers über Die
preußiichen Letten auf der furischen Nehrung, des neuen lettiſchen
Sagenbüchleins „Latweeſchu teifas iſ Maleenas“ von Krehſlin u. A.
Für freundliche und wirkſame Unterſtützung bei Zuſammenſtellung
des Litteraturberichts ſei den Herren S. Sembraydi, Dr. E. Wolter,
Prof. Dr. Lohmeyer und Bibliothekar Dr. R. Reicke auch an dieſer
Stelle unſer ergebenſter Dank ausgeſprochen.
Der Sekretär:
Realgymnaſiallehrer H. Kantel.
re
Karl Lohmeyer Herzog Albrecht von Preußen. Eine biographifche
Skizze (Feſtſchrift zum 17. Mai 1890). Danzig. Kafemann 1890.
Beiprochen von Prof. Th. Preuß.
AL im Jahre 1890 die Erinnerung an den erjten Herzog in Breußen
bei der AOD-jährigen Wiederkehr feines Geburtstages Hier zu Lande
lebhaft erneuert wurde, da war es ebenfo berechtigt ala erwünscht, daß
der berufene Bertreter der Provinzial» Gedichte an unferer Albertina
das Wort nahm, um in einer bejonderen Feſtſchrift ein Lebensbild des
unvergeßlichen Fürften zu entwerfen. Denn troß vieler, namentlic)
firchengeichichtlichen Studien über die preußiichen Zuftände im 16. Jahr—
Hundert fehlte e8 doch bisher an einer wifjenichaftlichen Lebensbeſchreibung
des Herzogs. oo
Nur ein durch felbjtändige Hiftorische und archivaliiche Studien aus—
gerüfteter Kenner jener Zeit, wie Lohmeyer, konnte es unternehmen, auf
50 Seiten das Bild eines jo bedeutenden und jo mwechielvollen Lebens
darzuftellen, ohne einen wefentlichen Zug vermiſſen zu laſſen. In feiner
fnappen und fachlichen Schreibart, welche geflifjentlich alles rhetorifche
Beiwerk verſchmäht, ift überall die gründliche Forſchung durchlichtig ;
für den Kenner iſt ojt in einem unfcheinbaren Zwiſchenſatz, in einer
einzigen Appofition eine ganze Gedanfenreihe oder das Nejultat einer
mühjamen Forschung in fürzefter, wohlabgemwogener Faſſung erfennbar.
— 424 —
Die merkwürdige und folgenſchwere Rolle, welche der berüchtigte Schwindler
Skalich am Hofe zu Königsberg ſpielte, iſt mit Recht ausführlich be—
handelt; auch die Bedeutung der theologiſchen Streitigkeiten und ihrer
Vertreter für den Hof und den Staat genügend hervorgehoben. Daß
dabei der theologiſche Inhalt jener ofiandriichen Zänkerei nur geftreift
it, wird man billigen, und diejelbe gern der Kirchengeſchichte überlafjen.
Vielleicht möchte ein patriotijches Gemüt wünſchen, daß der Verfaſſer
die Schilderung der legten traurigen Lebenstage mit einem etwas volleren
und verjöhnenderen Akkord gejchlojfen hätte, ala mit der furzen Angabe
des Todestages ; etwa mit dem Hinweiſe darauf, wie dies jo wechjelvolle
Fürſtenleben voll Mühjal, Enttäufchung, Ohnmacht, verfehlter Anläufe
und fcheinbarer Miperfolge dennoch ein Leben von hervorragender ge-
ſchichtlicher Beſtimmung und fruchtbarer Zufunft gewefen ift; daß diefer
Herzog, der das Land Preußen gefliffentlich und völlig vom deutjchen
Reiche losriß, grade dadurch die jpätere Wiedervereinigung ficherer vor—
bereitet hat, al3 wenn er den Schein des Zujammenhangs mit dem
ohnmädhtigen Reich hätte erhalten wollen. Für aufmerfjame Lefer hat
er das implieite allerdings gejagt; und der Inapp zugemefjene Raum,
jo wie der jtreng eingehaltene Ton des Ganzen hat ficherlich auch hier-
bei feine Feder mit Vorbedacht geleitet.
Aus dem Statut
der Litauischen litterarischen Gesellschaft.
(Tilsit, den 27. Oktober 1880).
8.1. Die „Litauische litterarische Gesellschaft“ bildet den
Mittelpunkt für die Bestrebungen, alles anf Litauen und die
Litauer Bezügliche, sei es sprachlicher, historischer, ethno-
graphischer u. dergl. Art, durch Sammlung und Aufzeichnung
für die Wissenschaft zu erhalten.
& 5. Der Jahresbeitrag jedes ordentlichen Mitgliedes
beträgt 3 Mark praenum, welche bis zum 1. April an den
Schatzmeister eingezahlt sein müssen, wenn nicht die Einziehung
durch Postvorschuss gewünscht wird. — Einmalige Zahlung
von 50 Mark gilt als Beitrag für Lebenszeit.
ſi Sn Carl Winters Univerſitäts-Buchhandlung in Heidelberg
ind er r
nd erſchienen von Kuno Kit cher:
. : + Erite Reihe. (Goethes Fphigente
Goethe:Schriften: M.1,20. Die Erklärumgdarten de3
Goethiſchen Fauſt. 1,80. Goethes Taſſo. 2. Aufl. 6,—, eleg. Lwd. 7,50).
80. broſch. M. 9,—, eleg. Halbleder M. 11,—. (Werden fortgeſetzt!)
9— .Erſte Reihe. (Schillers Jugend—
Schille r⸗ Schriften md Wanderjahre in Selbftbefennt-
niſſen. 2, Aufl, 4,—, eleg. Lwd. 5,—. Schiller als Komiker. 2. Aufl.
2.—). 8°. broſch. 6.—, eleg. Halbleder M. 8,—.
4 f 2. neubearbeitete und ver—
Schiller als D hiloſop mehrte Aufl. Sm zwei
Büchern. Erjtes Bud. Die Jugendzeit 1779—1789. (Schiller:
Schriften 3.) 8". cleg. broſch. M. 2,50. — Dies erite Buch der 3. Sciller-
Schrift des berühmten Verfaſſers iſt ganz neu. Das zweite Buch wird
die akademiſche Zeit in nener Bearbeitung enthalten.
4 4 „ 1 Über die menfhliche Freiheit.
Kleine = chriften. Prorektoratsrede. 2. Aufl. 8°. broſch.
M. 1,20. — 2. Uber den Wis. 2. durchgejchene Auflage. 8°. broſch.
N. 3,—, elegant Lwd. M. 4—. |
; Ih; :, Neue Selfammt- Ausgabe in
Geſthichte der NENERN Philofophir. 6 Bänden oder 8 Theilen.
Sr. 8%. Geheftet M. 94,—, elegant Halbleder M. 114,—.
Inhalt: I. Descartes und jeine Schule. 3. Aufl. Erſter Theil. Allgemeine '
Einleitung. Descartes. M. 10,—. Zweiter Theil. Yortbildung der Lehre Des»
carte’. Spinoza M. 12, . IT. Leibniz. 3 Auf. M 14,—. II Kant. Erfter
Theil. Entſtehung und Grundlegung der Eritifchen VPhilofophie. 3. Aufl. M. 12,—.
IV. Kant. Zweiter Theil. Das Vernunftſyſtem auf der Grundlage der Vernunft—
kritif. 3 Aufl. M. 13,— : V. Fichte und: feine Vorgänger. 2. Aufl. M. 18,—.
VI. 1. und 2. Buch. Scellind. M. 16, -.
... Was Kuno Fiſchers Schriften und Borträge fo interefjant macht, das
iſt das wahrhait dramatifche Leben, welches beide dDurchdringt, die innere Friſche und
geiftige lafticität, welche beide auszeichnet... Das Werk gehört nicht nur in, bie
Bibliothek des Fachmannes, fondern ift dazu berufen, als eines der beiten Bildungsmittel
allen denen zu dienen, die den höchiten Aufgaben und idealen Jutereſſen der ganzen
Menfchheit ihre Aufwmerkfantkeit zu widmen im Stande find.” (Gegenwart)
Daraus befonders abgedruckt:
Neuh Einleitung in die Heichichtederneuern
: 130 (pPhiloſophiſche Schriften 1). 4. Aufl. gr. 80.
p hilojop hie. broſch. M. 4,—, leg. Lwd. geb. M. 5,—. Dice
vielfach verfangte Einführung in die Gefchichte der neuern Philoſophie
erfceheint Hier, um den Wünſchen zu genügen, zum erjten Male in
Sonderausgabe. |
Shakefpenres Charakterentwidkkung Kichards III. —
80. broſch. M. 2, -. —
„Der gelehrte Verfaſſer ſpürt dem Charakter ſowohl des hiſtoriſchen wie des
Shakeſpeareſchen Richard bis in feine geheimſten Einzelheiten nach und giebt uns
ein großartiges, packendes Bild dieſes königlichen Verbrechers. Gerade dieſes Werk
zu leſen, gewährt einen hohen Genuß. (Gönigsb. Allg. Zeitung.)
4
—
Mitteilungen
lachen literarischen esellschall.
——— — —
17... EI STt.
| (II. 5.)
Nr. 26. Geschichte der Wasserstrassen in der Memel-Niederung von Prof. Th. Preuss.
— Nr. 27. Miscellanea mitgeteilt von Joh. Sembrzycki. — Nr. 28. Prussica von
C. Uhlenbeck in Leyden. — Nr. 29. Litauische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.
|| (Ugianski, Zelvovicz und Stanewiez) von Dr. E Wolter. — Nr. 30. Kassenbericht von
Dr. F. Siemering. — Nr. 31. Zur Geschichte der Gesellschaft von Prof. Th. Preuss.
Nr. 32. Litteraturbericht. — Nr. 33. Stanislaw Mikucki.
I
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Heidelberg.
Carl Winters Universitätsbuchhandlung.
(In Commission.)
1892.
|
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| |
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ie „Mitteilungen“ der Litauischen litterarischen Gesell-
) schaft erscheinen in zwanglosen Heften und gehen den Mit-
gliedern kostenfrei zu, im Buchhandel sind sie von Carl Winters
Universitätsbuchhandlung in Heidelberg zu beziehen.
Das Sekretariat.
© Kaukehmen
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Jägerischken M
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Heinrichswalde,
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Die Wasserstralsen
in der Memelniederung
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7 Malsstah 1: 190.000.
Labidu 1 a. 4 * 40
: Noshelecken ——
= | | 891.726
LTR 585
v. 3
82,
26.
Gedichte der Wafferflraßen in der Memel-Hiederung.
Vortrag
gehalten in der Haupt-Verfammlung der Litauifchen Litterariichen Geſellſchaft in Tilfit
den 15. Oftober 1891
von
Profeſſor Theodor Preuß.
[Mit einer Karte.)
Die Klagen über die gehemmte Handels-Verbindung unferer Pro—
vinz nach den öftlichen Karhbarländern, welche heutzutage in allen Be—
richten unferer Kaufleute und Handeldfammern wiederfehren, ſtammen
nicht erjt aus unjerem Jahrhundert; fie begegnen uns ſchon Häufig feit
dem 15. Sahrhundert, al3 die Herren des Deutjchen Ordens noch hier
regierten. Denn die Ergiebigkeit des oftpreußijchen Handels beruhte
hauptjähhlid) auf Den guten Verbindungen mit den polnischen und
tuffiichen Hinterlanden. Immer wieder heißt es in den Eingaben von
Königsberg und anderen Drien, der Handel mit dem Großfürftentum
Litauen und mit Rußland begründe den Wohlſtand ihres Gemeinde—
weſens, ja er ſei das Centrum der Kommerzien des ganzen Landes.
Wenn aber die Klagen unſerer heutigen Handelswelt ſich vor—
nehmlich gegen die künſtliche, willkürliche, in ihren Sprüngen unberechen-
bare Zollſchranke an unſerer Oſtgrenze richten, ſo waren vor zweihundert
Jahren die Grenzen des polniſchen Litauen und der nördlichen Oſtſee—
länder bei weitem nicht wie heute gegen die Einfuhr aus Preußen ver—
ſchloſſen. Jene Klagen der älteren Zeit hatten alſo eine andere Urſache.
Das war der klägliche Zuſtand der natürlichen Handelswege in unſerem
eigenen Lande. Hierin lag der Grund des volkswirtſchaftlichen Elends.
Die Verbindung zwiſchen der Gilge, dem ſüdweſtlich zum Kuriſchen Haff
fließenden. Arm der Memel, und der Stadt Labiau, wo die Deime die
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Waren zur Weiterbeförderung in den Pregel aufnehmen konnte, war
bor dem Bau des Großen Friedrichsgrabens ganz unzulänglich. Diefe
jest von einem Ne von Kanälen durchzogene, reich angebaute und
fruchtbare Niederung bildete beim NRegierungs-Antritt des Großen Aur-
fürjten größtenteil® eine undurchdringliche, von Sumpf und Moraft
durchjeßte, mit Geſtrüpp und Urwald bededte Wildnis. Zwar an Ber:
juchen, eine regelrechte Wafferverbindung zwilchen Gilge und Deime
herzuftellen, hatte es jchon in der Ordenszeit nicht gefehlt. Zu dieſem
Behuf hatten die Ritter des Deutichen Ordens zuerft den Deimefluß
von Schmerberg aufwärts bis Tapiau gerade ziehen, vertiefen und
Schleuſen anlegen laffen. Sie übertrugen im Sahre 1263 dem NRitter
Ulrich Die Oberaufficht über die Schiffahrt.
Die Fahrt ging in jener alten Zeit nur auf dem Hauptarm, dem
Rußſtrom, an der Windenburger Ede vorbei, wo auf der Landipige in
der Ordenszeit die Windenburg lag!) War fchon diefe Ede eine Höchit
gefährliche, bei den Schiffern übelberufene Stelle, jo drohten den unförm-
{ichen und ſchwerbeladenen Wittinnen?) weitere Gefahren bei der Fahrt
über das ſtürmiſche Haff. Denn von jener Ede bis zur Mündung ber
Deime iſt ein Weg von fieben preußischen Meilen. Und noch mehr
gefährdet al3 die Wittinnen waren die litauifchen Holztraften (auch Gellen
vormals genannt), welche ebenfalls dieſen Weg einzufchlagen genötigt
waren. Daher verunglücten jährlich mehrere Wittinnen und noch mehr
Holzflöße auf dem Haff, wo die Wellen furz brechen. Auch noch vor
der Mündung der Deime war eine von den Schiffern gefürchtete Stelle,
eine jeichte Steinlage im Haff, Steinort genannt. Die Stelle ijt jedem
befannt, der einmal eine Neife auf dem Dampfboot von Königsberg
nach Tilfit gemacht hat; denn man fieht da noch jet öftlich von ber
Deimemändung in jedem Sommer eine Menge Fahrzeuge -verjammelt,
Im Sahre 1360 vom Marſchall Henning Schindelopf erbaut. Zöppen,
Geogr. v. Pr. ©. 219.
2) So heißen von alter Zeit bis heute die großen, ſehr breiten und flachen
Transportfähne auf der Memel, von 3-5 Fuß Tiefe, mit Tragfähigkeit von 45
bis 60 Laſt.
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auf denen die Steinfticher die Steine aus dem Haffgrunde heraufheben,
um fie der Niederung zuzuführen.
Auf diefer Steinlage verunglückten einmal im Jahre 1313 zwölf Schiffe
bei einem heftigen Sturm; vier Drdensbrüder mit 400 Mann und thren
Waffen, Harniichen, Armbrüften, Spiegen und Pfeilen, welche der Hoch—
meister Karl Beffart von Trier zur Bejegung des eben angelegten fejten
Haufes Chriftmemel (oberhalb Ragnit) von Königsberg ausgeſchickt Hatte,
wurden von den Wellen verichlungen. Dies Unglüd blieb den Ordens—
Chroniſten deshalb in beſonderer Erinnerung, weil Chriſtmemel danach
nicht behauptet werden konnte und von den Heiden zerſtört wurde.
Zwar ordneten die Hochmeiſter wiederholt an, daß von den An—
wohnern des Haffs den fremden Schiffern ortskundige Lotſen mitgegeben
werden ſollten; aber bei dem damaligen Zuſtande von Polizei und Juſtiz
brachte das neue Gefahren. Es ſcheint, daß dieſe Lotſen die fremden
Fahrzeuge nicht ſelten abſichtlich auf Sandplatten oder Steinlagen führten
und dann Diebereien und Mordthaten verübten.
Alſo war das Bedürfnis einer neuen und ſicheren Waſſerſtraße
groß und allgemein anerkannt. Und in der That wurde ſchon unter
der Herrſchaft des Ordens ein Graben aus dem Wiepp-Fluß, einem
Arm des Nemonien, bei dem am Kuriſchen Haff gelegenen Dorfe Juwendt
nach Südoſt bis zu dem ſogenannten Moosbruch, 1600 Ruten lang,
1!/a Ruten breit, durch die Wildnis gezogen; man nannte ihn den
Brobegraben, fpäter Ordensgraben. Die Arbeit gründete fich weder auf
einen Situationsplar, noch auf ein Nivellement, fondern nur auf ein
unkundiges Teichgräberverfahren; wie die Linie mit dem in Verbindung
zu jeßenden Gewäſſer zufammentraf, mußte fich aus dem Zufall ergeben.
Diefe Unkunde in der Wafjerbaufunft beftimmte endlich den Drden, den
Berfuh aufzugeben. Der Moosbruch wurde als grundlos gefchildert;
allein bei richtigem Berfahren hätte ſich das Bette diefes Kanals in
dem Torfbruch ebenjo gut wie der Bromberger Kanal oder der Große
Friedrichsgraben befeitigen laſſen. Und diefe Kunſt konnte den Ordens—
Brüdern, die aus den Niederlanden am Ahein oder der Ems heritammten,
nicht unbefannt fein. Es fehlte aber an Waflerbaufundigen.
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Diefer Drdensgraben ift, wie ſich aus alten Nachrichten ergiebt,
in den Sahren 1414 bis 1422 unter dem Hochmeifter Kiüchmeifter von
Sternberg angelegt worden. Er findet fich bejchrieben auf einem auf
Befehl des Kurfürften Friedrich Wilhelm im Mai 1647 durch Konrad
Burke aufgenommenen Plan. (Noch vorhanden in dem Archiv zu
Königsberg.) Auch im Jahre 1712 bezeichnete der Ingenieur Unfriedt
auf jeinem Situationzplan die Linie dieſes alten Kanal vom Nemonien
bis Schelleden an der Deime als „Drdensgraben”; er geht ein wenig
ſüdlich vom jegigen Großen Friedrichögraben.
Es blieb alfo damals bei dem alten Zuftande; die Wittinnenfahrt
ging noch zwei Sahrhunderte über Haff. Erjt als im Jahre 1612 gar
40 litauiſche Wiltinnen untergegangen waren, fam die Herftellung eines
Kanals wieder in Fluß. Unter dem Kurfürſten Sohann Sigismund
begann man mit Hilfe der drei Städte Königsberg die „neue Gilge“
anzulegen, d. 5. die Gilge von Sföpen bis Lappienen zu regulieren und
geradezufegen. Die Gilge ging im 17. Sahrhundert faft unter einem
rechten Winfel bei Perwallliichfen ab. Daher tauchte gleichzeitig ein
anderer Plan auf, nämlich den Schalteik-Fluß, einen Ichmalen Arm, der
Damals bei dem Dorfe Sägerijchten aus der Memel jüdweltlich zum
Nemonien floß, zu der neuen Waſſerſtraße zu benugen. Zum Glüd
ging man bald von diefem verfehlten Gedanken ab; denn jener Abfluß
führt dur) unergründfiches ZTorfmoor. Man dämmte vielmehr fpäter
(1618— 1620) die Schalteif bei Sägertichfen gänzlich ab, um der Gilge
mehr Wafjer zuzuführen. Inzwiſchen Hatte man die Arbeit an der
neuen Gilge in den Jahren 1613—1616 beendet und den Fluß auf
12 Fuß Tiefe und 60 Fuß Breite gebracht. Aber man Hatte die Arbeit
von oberhalb, bei Sköpen, angefangen; heutzutage weiß man, Daß zu
diefem Zweck ein Fluß jtet® von unten her geräumt werden muß. Alſo
that die neue Straße zwar eine kurze Het gute Dienjte, wurde aber
bald vernachläffigt und wies Untiefen auf. Auer der verfehrten Anlage
trug die Schuld davon auch die Weigerung der Litauer, den fejtgejeßten
Kanalzoll zu tragen. Um diefelbe Beit begannen die Anwohner ber
Gilge Deiche anzulegen, eine einfache Umwallung, die jeder Beſitzer vor
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feiner Hausthür unternahm, ohne gemeinfamen Plan, und nur Sommer-
deiche. Diefe Anlagen wurden in derjelben Weile von 1613 bis 1680
fortgefeßt. Erſt im Sahre 1806 befahl die Regierung den Niederungern,
die Deiche hochwafferfrei zu bauen.
Die .alten Übelftände fand der Aurfürft Friedrich Wilhelm bei
feinem Regierungsantritt im Jahre 1640 vor; die Mündungen des Kanals
waren verflacht, über die feichten Stellen mußten die Wittinnen mit
Winden hinübergefchafft werden; die Schiffer mählten wieder den Weg
über das Haff, der Handel verzog fih. Der Große Kurfürft aber var
nicht der Mann, was er einmal als nötig erkannt hatte, wieder aufzu-
geben. Während feiner ganzen Regierung hat er die Verbefferung Diejer
Wafjerftraße im Auge behalten, und wenn er troßdem das Werf nicht
zur Ausführung gebracht Hat, jo hat es an feinem Willen nicht gefehlt.
Man mag ihn mit Recht den Begründer der beiden Friedrichsgräben
nennen.
Schon im eriten Sahre feiner Regierung z0g er mit großem Ge—
folge hinaus in die Wildnis und ließ längs Der Richtung Des alten
Ordensgrabens eine Linie abfteden, welche der Dberjägermeilter Johann
von Hoverbed und andere Räte aladann befichtigen und prüfen mußten.
Durch Befehl vom 8. Auguft 1641 beauftragte der Kurfürjt damit
außer Hoverbeck den Burggrafen zu Labtau, Reinhold Klein, und den
Feldmeſſer Konrad Burke. Diefe zeigten im Februar des nächtten
Sahres an, daß fie eine Linie vom Ende des Drdensgrabens unterhalb
Labiau bis an Die Deime durch die Wildnis, welche der Kurfürſt felbft
ſchon untertucht habe, 2220 Ruten lang durchichalmen und aufräumen lafjen.
Aber die Ausführung erfuhr wieder einen langen Stillftand. Erft
auf wiederholte Beſchwerden Der polnischen Regierung wurde von Kur—
fürften (Köln a. d. Spree 22. Febr. 1651) geantwortet, daß Fräftig
dahin gewirkt werden würde, einen befferen Waſſerweg zu ſchaffen. Die
örtliche Unterſuchung wurde wieder dem ſchon genannten Reinhold Klein,
Burggrafen zu Labiau, übertragen und ihm der Baumeiſter Rabbiſe bei—
gegeben. Dieſe ſtatteten am 20. Oktober 1651 ungefähr folgenden Be—
richt ab:
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Die Linie von Labiau durch die Wildnis bei Agilla und Juwendt
längs dem Haff in den Drdensgraben und den Wieppfluß ei nicht zweck—
mäßig; beſſer fei eine Linie vom unteren Nemonien nad) Schelleden an
der Deime, 1/a Meile öftlich von Labiau, alfo etwas weiter vom Haff-
ufer entfernt. Dieje Linie haben wir mit einer Menge Menfchen und
Tagelöhner im Beijein der Wildnisbereiter und etlicher Holzwärter mit
vieler Mühe und Gefahr durchſchalmen und aufräumen Yaffen, wozu. una
auch der Allerhöchfte Gott Glück gegeben hat; d. h. es wurde wieder
ohne Nivellement aufs Geratewohl verfahren. Weiterhin jchlugen die
Kommifjarien vor, vom Nemonien nach der Memel nicht die neue Gilge
zu benugen, ſondern den früher abgedämmten Schalteiffluß und aus
diefem nach der Memel bei Jägeriſchken auszumünden; ein ganz ber-
fehlter Plan, wie fich ſchon früher gezeigt Hatte.
E3 Lohnt nicht, bei dem Anfang und den Vorarbeiten, welche 1651
begannen, länger zu verweilen, da auch diesmal die Arbeit planlos und
erfolglos war. Überdies ftarb der Baumeister Rabbiſe bald, und die
Anlage blieb gänzlich Liegen.
Das Hinjcheiden der Baumeifter war damals oft verhängnispoll
für ein folches Werf, weil fie feinen Plan Hinterließen; die Nachfolger
mußten nicht, was gejchehen follte, noch was geſchehen war, mußten
daher immer wieder von vorn anfangen.
Die folgenden Anläufe zu dem Werf bis zum Jahre 1668 im ein-
zelnen zu jchildern, Lohnt noch weniger; es ift ein einfürmiges, troftlojes
Bild von Hilfslofigfeit: immer wiederholen fich die Klagen der polnijchen
Litauer; dann erneute Befehle des Kurfürften; immer wieder Weigerung
der Königsberger Kaufleute, ihr Geld an ein Unternehmen zu wagen,
deſſen erfolglofe Anfänge fie vor Augen haben, und Weigerung der
Litauer, den Kanalzoll zu zahlen.
Endlich fchien der Kurfürit den rechten Mann zu Dem Werk ge-
funden zu haben. Als im Sahre 1669 eine Anzahl Drtichaften im Amt
Tilſit mit flehentlichen Bittfchriften einfamen, man möge fie aus der
Waffernot erretten, ihre der und Wiefen feien total fumpficht und vom
Waffer verdorben; als zugleich die Stadt Königsberg Hagte, jelbjt bei
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großem Waſſer können die Wittinnen nicht mehr auf der Gilge über—
kommen, man müſſe die Waren ausladen und die Schiffe über Land
führen: da ſchickte der Kurfürſt ſeinen Oberſt und General-Quartiermeiſter
Philipp von Chieze nach unſerer Gegend.
Dieſer Philipp von Chieze, gebürtig aus Piemont, aus der Halte:
nischen Familie Chiefa, früher in jchmwediichen, jeit 1661 in branden-
| burgifchen Dienften, wurde vom Kurfürften wegen feiner Kenntniffe und
Geſchicklichkeit im Bauweſen jehr geichäst und mit dem Gut Caput bei
Potsdam beſchenkt. Damals Hatte er ſoeben feine Tüchtigfeit bewährt
bei dein Hauptwerk, das feinen Namen unvergeßlich macht, der Anlage
des Mülltofer oder Friedrich-Wilhelms-Kanals, der die Oder mit der
Spree verbindet, in den Jahren 1662—1668; außerdem hat er daS alte
Schloß in Potsdam und andere Gebäude und Kanal-Anlagen in Berlin
hergeſtellt. Überdies Hatte er die Aufficht über alle Feftungsbauten und
war in diefem Amt in Küftrin, Stargard und Kolberg thätig geweſen.
Diejen bewährten Beamten jchidte der Kurfürft jest nach Litauen
und ftellte ihm als Gehilfen den Hauptmann von Drantenburg, Karl
von Reeden, zur Seite. Die beiden jchlofjen nach beendeter Unterſuchung
am 29. Juni 1669 zu Königsberg mit dem Kurfürlten einen Vertrag,
wodurd fie fich verpflichteten, 25 Dörfer des Amtes Tilfit mit 203 Hufen
und 25 Morgen Landes, welches durch Ausriffe der Gilge verfumpft
und verödet war, dur Dämme und Wafferabzüge auf eigene Koften
troden und urbar zu machen. Zum Erſatz verpfändete der Kurfürſt
- Ihnen die Nubung von 13 diefer Dörfer auf 10 Sahre; auch verjchrieb
er ihnen 200 Hufen Wildnis von den unter Waffer ftehenden Dörfern
an bis zu dem zwiſchen Lapptenen und Kryßanen liegenden Dorfe Kal:
wellen, längs der Gilge bis zum Haff. Auch diefe Ländereien ftanden
damals unter Wafjer, waren mit Rohr und Strauch und mit abgeftan-
denem Holz bejegt. Die Erwerber erhielten fie eigentümlich zu kölmiſchem
Recht mit adligen Freiheiten, Gerichtzbarkeit, Patronat über die dort zu
bauenden Kirchen, Kruggerechtigfeit, Mühlen und Fiſcherei.
Nach anderthalb Jahren vertaufchte der Kurfürft an den Oberft
von Chieze durch Vertrag (Potsdam den 20. März 1671) gegen das Gut
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Caput bei Potsdam noch 150 Hufen von jenen urbar zu machenden
Dorfäckern im Amte Tilſit, welche der Oberſt zu gleichen Rechten mit
jenen 200 Hufen Forſtland beſitzen ſollte. Aus dieſen Erwerbungen ſind
nachmals die Rautenburgiſchen Güter entſtanden; der Name iſt
von dem Geburtsnamen der Frau von Chieze, geborenen von Rauter,
abzuleiten.) Ferner ſchloſſen beide Unternehmer, von Chieze und von
Needen, mit dem Kurfürjten noch einen Vertrag (Köln a. d. Spree den
10. Mai 1671) wegen Anlage eines Grabens zur Verbefferung der
Stromfahrt aus der Gilge bis nach Labiau auf ihre Gefahr und Koften
gegen einen 14 Jahre lang zu beziehenden Zoll von Schiffsgefähen.
Nachher follte die Zolleinnahme geteilt werden, bis der Kurfürft das
demjelben angemeſſene Kapital ausgezahlt hätte. Yu diefem Werk gab
der Kurfürſt ihnen zum Gehilfen den Kunſtmeiſter Jakob Wilde aus
Danzig. Mitten in diefen Plänen ftarb der Oberſt Chieze im Sabre 1673
zu Berlin, ehe der zulet gedachte Graben ausgeführt war.
Die Folge dieſes Todesfalls war abermaliger Stillftand im Kanal-
bau. Dann folgen erneute Bejchwerden der polnijchen Negierung und
ein neuer Befehl des Kurfüriten im Jahre 1682, die Wittinnenfahrt zu
unterfuchen. Durch Rejkript vom 15. Dezember 1682 erhalten Lorenz
Göbel, Ratsverwandter im Kneiphof, und Daniel Wilden, Kunft-
meifter aus Danzig, den Auftrag, eine neue Wittinnenfahrt vom Nemonien
bei dem Dorfe Petricken durch den Moosbruch und Steinbruch nach dem
Deimefluß auszumitteln.
Der eben genannte Lorenz Göbel, ein Königsberger Bürger und
Großhändler, hatte mit dem Kurfürften ſchon früher bedeutende Geſchäfte
gemacht und wurde von ihm hochgefchäßt. Bei der „erlangten Sou—
veränität“ Hatte Göbel dem Fürften mehrere Poſten Getreide im Betrage
von 7000 Gulden vorgeitredt. In den Sahren 1663 bis 1671 Tieferte er
für 50000 Mark Getreide. Im Jahre 1680 wurde Göbel al kurfürſtlicher
Kommiſſar mit der Aufficht über Schiffahrt und Kommerzien in Preußen
betraut; er genoß in hohem Grade das Vertrauen feines fürjtlichen Herrn;
I) Zucanus, Preußens uralter und heutiger Zuftand, 1748.
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der. Oberzolldireftor Heidefgmpf war angewiefen, ihm auf Verlangen jtet3
Gelder zur Berfügung zu jtellen.
Zu dem neuen Unternehmen gewann Göbel den Kunſtmeiſter,
d. h. Wafjerbautechnifer Daniel Wilden aus Danzig, der zunächſt Die
Fahrt zwilchen Pillau und Balga auszubaggern unternahm. Nach den
Berichten Göbels Hat Wilden feine Sache trefflich ausgeführt (1682 und
in den folgenden Sahren). Diejelben beiden Männer haben dann im
folgenden Sahre 1683 auch den „Treyeldamm“ oder die „Tredfahrt“
hergeftelft, d. h. den Damm am rechten Pregelufer von Königsberg bis
Holftein an der Mündung des Fluſſes.
Beiden erfahrenen Männern vertraute alfo der Kurfürſt nun auch
die Sorge für die Tilfiter Niederung an und gab ihnen einen Beiſtand
oder Borgefegten in dem Hauptmann von der Artillerie Heinrich Steutner.
Diefer Offizier entwarf einen Situationsplan, reichte folchen den 5. No—
vember 1686 ein und jchlug vor, einen Probegraben anderthalb Nuten
breit, zwölf Fuß tief zu ziehen und dieſen nachher auf fünf Auten Breite
und zwölf bis fünfzehn Fuß Tiefe zu bringen, wozu er 150000 Thaler
Koften veranichlagte. Diefe Vorſchläge hatten die Dberräte zu Königs—
berg im November 1686 dem Aurprinzen Friedrich ſchriftlich vorgetragen.
Da trat auf DVeranlaffung des Prinzen jelbit eine neue Verzögerung
ein. Zwar genehmigte er im Namen des Rurfürjten die Vorichläge des
Steutner (18. Sanuar 1687), beauftragte aber zugleich den Burggrafen
Sohann Stawinsky zu Suderneje, bei der Anlage des Grabens zu
helfen. Ohne Zweifel Hatte dieſer Stawinsky fich Höheren Orts gemeldet
und ſcheint nun den Steutner haben verdrängen zu wollen. Er reichte
weit billigere Stoftenanjchläge ein, machte aber auch den verftändigen
Vorſchlag, daß die Strede zu dem fünftigen Graben zuvor abgewogen,
d, 1. nivelliert werde. Darüber entjtand alsbald Streit zwiſchen Sta—
winzfy und Steutner. Diejer proteftierte den 26. April 1687 gegen die
Anftellung des Stawinsky: er fünne die Anlage ebenjo gut ausführen,
wie der Burggraf zu Kuckerneſe, jebiger Amtsjchreiber Stawinsky in
Balga. Daraufhin zog fich diefer gänzlich zurüd von feinem Kontraft;
dann aber ebenfo der Hauptmann Steutner. Zwar Fam alsdanı
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(21. Mai 1687) ein neuer Aontraft mit Stawinsky zu ftande, wonach)
derjelbe den PBrobegraben für 9000 Gulden (zu 10 Silbergrofchen) her—
zuftellen übernahm; aber auch Stawinsky hat das Werk nicht zu ftande
gebracht. Unterdeffen ftarb der Kurfürft Friedrich Wilhelm (29. April
1688), ohne die Ausführung der Wittinnenfahrt erlebt zu haben, und die
Sade wäre wohl auch unter Friedrich III. wie unter feinem Water
unausgeführt geblieben ohne die Thatfraft einer Eugen und mutigen
Frau, welche nunmehr auf den Schauplaß tritt. Das war die Gräfin
Luife Katharine Truchjeß zu Waldburg. —
Dieſe merkwürdige Frau, deren Gedächtnis in unſerer Gegend und
ſelbſt bei ihren Nachkommen nicht nach Verdienſt erhalten worden iſt,
war die älteſte Tochter von Ludwig von Rauter, Beſitzer der Güter
Wilkom und Sobroſt im jetzigen Kreiſe Gerdauen. Von ihrer Jugend
und Bildung iſt nichts bekannt. Ihr erſter Gemahl war der oben ge—
nannte kurfürſtliche Oberſt und General-Quartiermeiſter Philipp von Chieze.
Aus dieſer Ehe ſtammten zwei Töchter und ein Sohn. Die ältefte
Tochter Amalia Dorothea heirathete den Amtshauptmann von Keyjer-
fing aus Kurland, die zweite Henriette Maria den Tribunalsrat von
Schöneih auf Karnitten; der Sohn Friedrich Wilhelm, Beſitzer von
Capuftigall, Seepothen und Glautienen, war zugleich preußijcher Tri-
bunalsrat; deffen Sohn Karl Ludwig, der lebte des Namens Chieze in
Preußen, Befiger derjelben Güter, ftarb im Sahre 1750.
Als der Oberft von Chieze ſtarb (1673), war, wie erzählt, ver
von demfelben begonnene Kanal nicht zu ftande gebracht; wie weit die .
Eindeihung und Urbarmachung jenes großen Gebiet von 350 Hufen
eigentümlichen und 50 Hufen verpfändeten Landes vorgejchritten war,
ift nicht zu erfehen. Unzmeifelhaft ift feiner Witwe ein weites Feld der
Thätigfeit verblieben, worauf diefe als Erbin der Güter fortarbeitete,
Sie jcheint damit rüftig vorgegangen zu fein, denn ſchon im Jahre 1674
zeigte fie dem Aurfürften an, daß ihr veritorbener Mann Die zuerſt
trocen gewordene Stelle der überftauten Fläche zum Bau eines Gottes-
haufes geweiht; fie habe das Werf auf das eifrigfte fortgejest und mit,
ichweren Koften aus ihren Witwen-Mitteln jo weit gebracht, daß die
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Kirche in demjelben Jahre eröffnet werden fünne Dies ift Die Kirche
in Zappienen, am linfen Ufer der Gilge, früher die Rautenburgiſche
Kirche genannt, welche 30000- Thaler gefoftet haben fol. Die Witwe
Chieze unterjtüßte zugleich das Geſuch einiger bis fünf Meilen von
Labiau entfernten Drifchaften, welche zu der neuen Kirche eingepfarrt
werden wollten, und der Kurfürft genehmigte diefe Einrichtung.
Eine zweite Ehe verband die Witwe mit Wolf Chriltoph Freiherrn
von Truchjeg-Waldburg, General-Major und Gouverneur der Feſtung
Pillau, aus jenem uralten ſchwäbiſchen Gejchlecht, aus welchem ein Ab—
kömmling Friedrich) Truchſeß zu Waldburg als Drdensritter mit dem
Markgrafen Albrecht nach Preußen gezogen, mit dieſem zugleich bier
evangelifch geworden war und fein Gejchlecht in Preußen fortgepflangt
hatte. Im Anfange des 18. Jahrhunderts wurde der Sohn des eben=-
genannten vom erften Könige von Preußen in den Grafenitand erheben.
Der General Truchjeß erhielt mit feiner Frau den Beſitz der
Rautenburgifchen Güter. Von feiner Thätigkeit dajelbft ift nur Die
weitere Ordnung des Kirchenweſens zu Zappienen befannt. Er erhielt
dad PBatronat über diejelbe den 3. Dftober 1683; in der Urkunde ift
der Umfang der Parochie beftimmt, auch bemerkt, daß dafelbit ſchon jeit
neun Sahren Gottesdienst gehalten fei.
Er jtarb am 26. Januar 1688 und ift in dem Rautenburgijchen
Gewölbe in Lappienen beigeſetzt. Aus feiner Ehe blieb ein Sohn, der
nachmalige General-Major der Kavallerie und Domprobft zu Havelberg,
Hauptmann zu Infterburg, Karl Ludwig Graf von Truchſeß-Waldburg,
und eine Tochter Helene Dorothea, nachher verehelicht an den General-
Major Heinrich Wilhelm Grafen zu Solms und Teffenburg, welcher die
Güter Schelleden und Glüdshöfen bei Labiau beſaß.
Sn die Zeit des abermaligen Witwwenftandes der Gräfin Lurife
von Truchjeß fällt ihre größte und jegenreichfte Thätigfeit. Dieje tapfere
und Huge- Frau unternahm ein Jahr nach dem Tode ihres zweiten Ge—
mahls (im Sommer 1689) die Ausführung der Kanäle von der Gilge
nach der Deime.
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Was jahrhundertelang ſo viele Klagen und Beſchwerden verurſacht,
was die immer wiederholten Befehle und Anordnungen der Kurfürſten,
ſo viele Verſuche der klügſten Männer nicht auszuführen vermocht, das
brachte dieſe ſeltene Frau binnen acht Jahren zu ſtande.
Der Kurfürſt Friedrich III. ſchloß auf Grund des mit Philipp
von Chieze gejchloffenen Kontrakt, der in Händen feiner Erbin war,
mit der Gräfin im Beiftande ihres Bruders, des Oberften Wilhelm
Albrecht von Rauter, einen neuen. Vertrag, unterzeichnet zu Wefel den
4. Juni 1689, und fofort am 11. Juli desfelben Sahres begann die Arbeit.
Die Gräfin übernahm es, aus dem durch Sohann Stawinzfy bereits
begonnenen Brobegraben auf ihre alleinige Gefahr und Koften den großen
Graben von Labiau bis in die Gilge zu führen, der 60 Fuß breit, in
der Biegung noch breiter, mindejtens für zwei Wittinnen geräumig genug,
ferner 12 Fuß tief fein und mindeftens 6 Fuß Waffer haben jollte
Zu den Koften gab der Kurfürft nichts; es jollte ſogar die Gräfin,
wenn der Kanalbau wieder nicht gelänge, auf einen Erſatz ihrer Auf-
mendungen feinen Anſpruch erheben. Der Kurfürſt unterftügte daS Werk
nur mit freiem Holz zu Geräten, Buden, Hütten, Brunnen und Feuerung
und gab einen Bagger zur Benutzung her. Außerdem bewilligte er der
Unternehmerin die Nugung von zwei wüſten, urbar zu machenden Hufen,
welche fie an dem Graben auswählen und frei von allen Zaften, mit
freiem Bauholz zu einem darauf zu erbauenden Kruge, mit Brauerei,
Schanfgerechtigfeit, auch mit Civilgericht3barfeit beſitzen follte; ferner
noch drei Orte mit Kruggerechtigfeit und Weiderecht, und bei jedem zwei
Hufen zur Nusung. Natürlid) gab er auch den Boden zum Kanal un-
entgeltlich und überwies ihr auf ihren Wunſch den Königsberger Mühlen-
meifter Sohann Stawinsky zur Aufficht bei den Arbeiten.
Man würde aber irren, wenn man meinte, daß die Gräfin diefem
Sachverftändigen die ganze Arbeit überlaffen und nur das Kapital her-
gegeben hätte. Vielmehr war fie felbft dabei rajtlos thätig, ordnete alles
ſelbſt an, war ſtets bei der wöchentlichen Löhnung der Arbeiter zugegen
und wohnte eine Zeitlang, um die Arbeiten deſto bejjer zu überwachen,
in einem Heinen Haufe am Kanal, wo fpäter der Zollkrug war.
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Der Kleine Friedrichsgraben geht unterhalb Rautenburg aus der
Gilge ab, nahe dem Dorfe Kryßanen, und führt eine ſtarke Meile weit
in ſechs Biegungen bis zum Dorfe Betriden, in deſſen Mitte er in den
Nemonien-Strom fällt. Das Flüßchen Bienfe, ein fleiner Arm der Gilge,
der See gleiches Namens und einige Teiche, beſonders aber das Waſſer
der abgeleiteten Gilge hat man dazu benußt. Der Graben wurde anfangs
nur drei Fuß tief und fo breit angelegt, daß ein Feiner Kahn durchgehen
fonnte, aber durch ſchnelles Durchtreiben des Walter aus der Gilge
mittel eines Schaufelmerfs dergeftalt vertieft und erweitert, daß er
gleich nach der Vollendung neun Fuß Tiefe und ſechs Nuten Breite
gewann, jo daß bequem zwei Wittinnen fich vorbeifahren konnten. Der
Kanal hatte aljo eine ſtarke Strömung, daher die Litauer ihn Greitußfe,
die Schnelle, benannten.
Der Nemonien trennt die beiden Friedrichsgräben, indem aus einem
Arm desfelben, der Wiepp, der Große Friedrichsgraben drei Meilen lang,
ſechsmal in geraden Linien gewendet, bis Labiau geführt ift, wo er bei
der Stadtbrüde in die Deime geht. Man hatte anfangs verjucht, den
Drdensgraben zu erneuern, aber wegen des tiefen Sumpfes dies auf-
gegeben. Ebenjo ging es mit einem zweiten Berjuche, der dem Haff
näher führte. Der gegenmärtige Kanal iſt durchweg gegraben, ohne daß
, man ein vorhandenes fliegendes Gewäſſer benugen fonnte. Er war bei
der Vollendung neun Fuß tief und vier Nuten breit. Mit der auf-
‚gervorfenen Erde wurden die Borten befejtigt und der Treideliteg längs
dem Graben angetragen. Er hat feine Strömung, jteigt bei anhaltendem
Kordwind dur das hineingetriebene Haffwafler und läuft bei Südwind
bis zu einer mäßigen Tiefe ab, in welcher er als ein jtehendes Gewäſſer
erjcheint und ji) den Sommer über erhält. Schleufen und andere
fünftliche Werke find dabei nicht erforderlich geweſen, daher diefer Bau,
jo höchſt mühſam er geweſen und jo bedeutend er der damaligen Zeit
erjchien, mit anderen Kanälen neuerer Zeit nicht zu vergleichen ift. Die
Schwierigkeiten, die man dabei zu überwinden Hatte, beftanden nächft
der Abtreibung des Holzes beſonders in der Wegſchaffung der im auf-
gegrabenen ‘Boden verjunfenen großen Steinblöde, welche man durch
— 438 —
Erhikung mit darüber entzündetem Holze und ſchnell nachfolgende Ab-
fühlung mit Waffer fprengte.!) Auch vermehrte das Nachfinken der jehr
trodenen Moor- und Torf-Erde die Mühe und die Koften. Als eine
Meriwürdigfeit ward von den Leuten, welche bei der Arbeit geholfen
hatten, namentlich von dem Mühlenmeifter Johann Lau und dem Bagger-
meiſter Andreas Heynau berichtet, daß bald nach dem Anfange der Arbeit
ein großes Stüd Erde (d. h. wohl Torfmoor), zweihundert Ruten lang
und achtzehn Fuß die bei Labiau aus dem Grunde emporgeftiegen jei,
welches mit vieler Beſchwerde fortgefchafft worden. Ähnliche Erfcheinungen
jeien auch jpäter im Jahre 1710 wiedergefehrt.
Die Arbeit war am 11. Juli 1689, im zweiten Sahre der Re—
gierung Friedrich IIL., angefangen und am 11. Suli 1697 vollendet,
beides am Geburtstage des Kurfürften, und ihm zu Ehren Friedrichs—
graben genannt. Anfangs hatte man den Großen den Truchjeg-Graben
genannt, den Kleinen den Kryßaniſchen Graben; die Litauer blieben am
liebjten bei ihrem Namen Greitußfe.e Man madte, als der Kanal
Ihiffbar war, diefelbe Erfahrung, wie früher nach Herftellung der neuen
Gilge: die fremden Schiffer wählten noch häufig den alten gefährlichen
Weg über das Haff, um den Zoll zu eriparen.
Auf Grund der angegebenen ſicheren Thatjacher muß man ohne
Zweifel die Gräfin Luiſe von Truchjeß als Die eigentliche VBollenderin
des ganzen Werkes rühmen, und es ift nicht begründet, wenn ein neuerer
Schriftjteller ihr Verdienſt anzweifelt und den Großen Kurfürften den -
eigentlichen Schöpfer des Großen und Kleinen Friedrichdgrabens nennt.
Daß jene Frau, nach mündlicher Überlieferung, in ihrem Familienleben
nicht gerade ein weibliches liebenswürdiges Wejen bewieſen, ift bei ihrem
kraftvollen, männlichen Charakter wohl glaublih, hat aber mit ihrer
gemeinnüßigen Wirkſamkeit nicht? zu jchaffen.?) Auch kann es ihr jelbit
1) Ein uraltes Verfahren, das fchon Hannibal kannte und anwendete.
2) O. Meinardug in der unten ©. 446 genannten Abhandlung ©. 455 Anm.
behauptet ohne weitere Begründung, Reuſch (in den Nachrichten von 1821 f. unten
©. 445) habe die Bebentung der Gräfin „au fehr aufgebauſcht“. Es giebt in der
Umgegend von Rautenburg eine mündliche Uberlieferung, daß jene Dame einen
— 439 —
am wenigften zum Vorwurf angerechnet werden, daß der Kleine Friedrichs—
graben ſich fpäter als verfehlt und jchädlich für Die Umgegend erwies,
wovon noch die Rede fein wird; denm diejer Vorwurf trifft zunächft Die
jachverftändigen Ratgeber. |
Das Lebensende der Gräfin fällt zwilchen den A. Juni 1703, von
welchem Tage eine Verjehreibung von ihrer Hand vorhanden it, und
September 1704, wo ihr Erbe, Graf Solms, einem Einjafjen Befreiung
von Abgaben zuficherte. Nach kirchlichen Nachrichten ift fie im Rauten-
burgifchen Gewölbe bei der Kirche zu Lappienen beigejegt. Der nod)
vorhandene Sarg ift mit dem ZTruchjeßiichen Wappen bezeichnet, Doch
ohne ihren Geburts- und Todestag. Im Schloſſe zu Nautenburg wird
ein Bildnis der Gräfin aufbewahrt, offenbar aus jüngeren Jahren; da-
nach) ift fie eine jehr jchöne Frau gewejen. Bei der Erbteilung erhielt
den Sanal nebſt Zöllen und Einnahmen von den dazu gehörenden
Ländereien ihre Tochter, welche an den Grafen Solms vermählt war.
Die Rautenburgiſchen Güter aber gingen auf ihren Sohn über, den
Generalmajor Karl Ludwig Grafen Truchſeß (geb. 1685). Bei deſſen
Tode (24. April 1738) wurden die Güter auf feine Söhne Friedrich
Ludwig und Friedrich Wilhelm Karl vererbt. Dieje verfauften die Be-
figung im Jahre 1744 an den fürftlich braunjchweigifch-Lüneburgifchen
Geheimen Rat und Otaatsminifter Gerhard Johann von Keyjerling,
welcher die Gräfin Truchſeß, eine Schweiter der Verkäufer, heiratete.
Durch) den zweiten Gemahl derjelben, den faiferlich ruffiichen Staatsrat
Heinrich Chriſtian Graf von Keyferling, kamen diefe Güter an das Ge-
herrifchen und leidenichaftlichen Charakter gehabt und mit ihrem zweiten Gemahl in
einer unglüdlichen Ehe gelebt, ja fogar einmal ihren Gemahl mit einem Dold)
bedroht habe, um ihren Willen durchzujegen; eine Szene, welche noch heute auf
einem Bilde in der Kirche zu Bappienen zu jehen ſei Die Mitteilung diefer Sage
berdanfe ich einem Lehrer aus dem Kirchſpiel Zappienen. Mag aber die Thatjache
begründet oder mag fie auß dem Bilde, das die Gräfin in einer etwas rätjelhaften
Stellung mit einer Waffe in der Hand darftelli, erft nachträglich gedeutet fein, fo
fann dieſe Sage doch das Verdienſt jener Frau um den Kanalbau nicht fchmälern.
Die Thatlache bleibt doch beitehen, daß fie den aufgegebenen Bau nicht nur wieder
aufgenommen, jondern auch zuerit vollendet hat. Alſo ift fie die Schöpferin
des Werkes.
— 40 —
Ichlecht, in deſſen Befit fie bis Heute find. Im Jahre 1787 am 31. März
wurde das ganze Beſitztum vom Könige Friedrich Wilhelm II. zur Graf-
Ihaft Rautenburg al3 ein Fideikommiß der Familie Keyferling erhoben.
Wir haben nun die Gejchirhte des Kanals feit feiner Vollendung
nachzuholen. Schon im Januar 1703 Hatte König Friedrich I. die Ab-
iht erklärt, den Kanal an ſich zu kaufen, und den Auftrag gegeben,
die zu erjegenden Soften und den damaligen Ertrag des Zolles auszu—
mitteln. In diefer Zeit erfolgte der Tod der Gräfin, und das jcheint die
Unternehmung aufgehalten zu haben. Am 29. Dezember 1706 erinnerte
der König aufs neue, und als der neue Befiger, Graf Solms, fi zur
Abtretung bereit erklärt hatte, ordnete der König eine neue Unterjuchung
an. Am 29. Auguſt 1709 endlich wurde mit dem Grafen Solms und
jeiner Gemahlin Helene Dorothea, geb. Gräfin Truchſeß, das Abkommen
getroffen, daß fie für den Graben die zugelagten 60000 Thaler, für die
aufgeräumten und in Kultur gebrachten Yändereien 7000 Thaler erhalten,
613 zur vollltändigen Zahlung aber in der Nutzung gelaffen werden und
die nach und nach gezahlten Teilfummen mit ſechs Prozent verzinjen
jollten. Die Zahlung erfolgte in fünf Boften zwiſchen dem 13. ©ep-
tember 1709 und dem 24. April 1710.
Alſo ging der Kanal nach dreizehnjährigem Beſitz von der Familie
Truchſeß im April 1710 in das Eigentum des Staates über; Die Ab-
nahme durch Fünigliche Beamte verzögerte jich aber big zum Dezember 1711.
Das bei diefer Gelegenheit aufgenommene Protokoll befichreibt die Be-
Ichaffenheit des Grabens, die Tiefe und Breite von Drt zu Ort. Den
Driginalplarn behauptete der Graf Solms nicht zu beißen, übergab aber
eine Kopie. Nachher wurde durch den Kriegs- und Domänenrat von
Unfriedt ein genauer Riß aufgenommen, der in der Planfammer. der
Regierung in Königsberg aufbewahrt wird.
Eine Erfahrung von faft zweihundert Jahren hat gezeigt, daß
der Große Friedrichsgraben zweckmäßig angelegt war, jo daß er in der—
felben Richtung und Ausdehnung noch heute jeinem Zwecke dient. Der
Kleine Sriedrichsgraben dagegen erwies fich ſchon bald nach der Voll-
endung als unzwedmäßig und jchädlich. Bei der Anlage desjelben war
— 41 —
die Niederung in ihrem Bewallungsſyſteme gejtört worden; man hatte
die Anhöhe bei Baumfrug weitlich von Sedenburg durchjtochen und da—
durch dem Waſſer den Eintritt in die Niederung nach) Dften und Süd—
often geöffnet. Dadurch wurde das ganze Land bis Heinrichwalde Hin
„verfäuft”. Auf die dadurch veranlaßten Bejchwerden wurde im Jahre
1715 der Treideldamm zwiſchen Sedenburg und Petriden am öftlichen
Ufer des Kanals angelegt. Aber der neue Damm war nicht hoch genug,
und die Klagen hörten nicht auf. Daher wurde der Damm im Jahre
1744 erhöht, jedoch eine gründliche Befferung immer nicht erzielt. Im
Sahre 1752 fand der Ober-Deichinſpeltor Lilienthal, mit der Unterfuchung
der Übelftände beauftragt, die wiederholten Klagen der Anwohner be-
gründet und ſchlug als das einzige Mittel zur Verhütung der Waffer-
ihäden einen neuen Kanalbau vor, in der Linie des heutigen Seden-
burger Kanals. Der Plan wurde vom der Pegierung gebilligt; aber
der erforderte Koftenbetrag von 30146 Thalern war mehr, als der
König für Litauen aufwenden fonnte. Alſo blieb der Plan liegen, und
es geichah nur Flickwerk.
Da ſich inzwilchen gezeigt hatte, daß die Memel an die Gilge zu
wenig Waffer abgab und das Kanalbett zu feicht wurde, jo ward im
Sahre 1772 die Teilung der Memel bei Schanzenfrug verändert. Die
Memel nämlich floß bis dahin in einer langen Schleife um Perwall-
fiichfen herum; nunmehr Durchjtach man dieſe Halbinjel an der jchmalften
Stelle und foupierte die Schleife oberhalb des Durchftihd. Da aber
jeitvem die Memel an dieſer Koupierung verfandete und es der Gilge
wiederum an Zufluß fehlte, jo wurde im Sahre 1778 im Baltrufchfemer
Werder die Gilge Eouptert und für diefelbe ein neuer Kanal angelegt,
der nahe bei Schanzenfrug anfing und am wejtlichen Ende des Säge-
rifchfer Werderd endete. Auch diefer neue Kanal Tieferte der Schiffahrt
während de& niedrigen Sommerwaſſers nicht die genügende Waffermafje;
man fchritt aljo im Sahre 1849 dazu, die bisherige Abzweigung des
©ilgefanal3 weiter hinauf nad Kallwen zu verlegen. Zur Sicherung
gegen die Eis- und Hochwafjermafjen, welche der Rußſtrom nunmehr
hätte in die Gilge abführen fünnen, legte man auf dem rechten Ufer des
— 4M2 —
neuen Kanals den hochwaſſerfreien ſogenannten Galanterie-Damm an,
der ſeinen Namen von dem Flußwerder daſelbſt führt. Als aber nach
einiger Zeit die Königsberger Kaufmannſchaft klagte, daß es der Gilge
im Sommer wiederum an Waſſer mangele, und als es ſich andererſeits
erwies, daß beim Eisgange zu große Eismaſſen in die Gilge hinein—
ſtürzten, ſo wurde der Galanterie-Damm noch weiter nach Oſten in den
Memelſtrom hinaufgerückt und durch Buhnen-Anlagen das Eis von der
Gilge abgelenkt (im Jahre 1885).
Somit war ſeitdem für die richtige Verteilung der Gewäſſer bei
der Stromteilung ausreichend geſorgt, aber inzwiſchen hatten auch ſeit
dem Jahre 1772 die Beſchwerden der Anwohner der Gilge wegen Über—
ſchwemmung ihrer Ländereien nicht aufgehört, und die in den zwanziger
Jahren unſeres Jahrhunderts von Zeit zu Zeit vorgenommenen Beſſe—
rungen, Schleuſen, Erhöhung der Dämme, wurden durch das gewaltige
Hochwaſſer des Frühlings 1829 größtenteils zerſtört. Hierauf wurde
dem Oberbaurat Severin die Unterſuchung übertragen; er ſprach ſich in
einem Gutachten dahin aus, daß der Niederung nur durch die Aus—
führung des Lilienthalſchen Planes vom Jahre 1752 gründlich geholfen
werden könne. Dieſer Bau wurde von 1833 — 1835 vollendet; es
ift der noch bejtehende Sedenburger Kanal. Er beginnt bei Tawell-
ningken nicht weit unterhalb Sedenburg zunächſt als eine Regulierung
der Gilge 6 Kilometer lang in füdweftlicher Richtung und führt dann
von der Gilge fehnurgerade in ſüdlicher Richtung nad) dem Nemonien
gegenüber dem Ausgang des Großen Friedrichägrabenz.
Nunmehr war die vielbeflagte Greitufchke (oder der Kleine Friedrichs—
graben) ganz entbehrlich; er ward völlig abgedämmt (1834). Da aber
der Damm nicht hochwafferfrei war, fo wurde er noch dreimal vom Eis—
gang durchbrochen (1835, 1841 und zuleßt 1844), worauf er dann
gründlich verftärft und erhöht wurde. Geitdem war die linfsjeitige
Niederung allerdings vor Waffersgefahr gelichert; aber eben Dieje Ab—
dämmung der Greitufchfe brachte neue Gefahren und Beichwerden auf
der anderen Seite. Denn da der neue Kanal von Sedenburg an nod)
nicht genug Breite und Tiefe zur Abführung des Hochwaſſers beſaß, jo
—
waren nun die Deiche am rechten Ufer und die rechtsſeitigen Rauten-
burgiſchen Ländereien alljährlich fehwer bedroht. Man entſchloß fich
daher nach mehreren Jahren zur Entlaftung der jchmalen Gilge Doch
wieder dem Hochwaffer eine Offnung nad) links zu fchaffen. Gemäß
Verfügung der Königlichen Regierung zu Gumbinnen (25. September 1841)
wurde eine Strede des Tawellningfer Treideldammes von 50 Nuten
Länge, ein wenig weſtlich von jener 1834 gefchloffenen Stelle, durch den
Bauinjpeftor Gerajch zu Tilfit im Dftober 1841 geöffnet, indem Die
Dammerde auf diefe Länge abgefahren wurde, und durch dieje Deichlüde
ergoß ſich nunmehr in jedem Frühjahr ein Teil des Hochwaſſers in das
Nemonien-Delta. Man nannte jene Deichlüde nach dem nahegelegenen
Dorfe den Krykaner Überfall. Es konnte nicht fehlen, daß dieſe Maß—
regel neue Klagen von der linken Seite verurjachte; namentlich klagte
der neugegründete Linfuhnen-Sedenburger Entwäfjerungs-Berband, daß
die jedesmaligen Frühjahrs-Hochwaſſer ihm geradeswegs nad) Betriden
“und in den Schalteiffluß hineingewälzt würden.!) Die Regierung mußte
diefe Beichwerden als begründet anerkennen und genehmigte die Forderung,
daß das Hochwaſſer wieder dem Sedenburger Kanal zugeführt werden
jollte. Dies fonnte nad) einigen Sahren um jo eher geichehen, al3 im
Zaufe der Zeit das Bett des Kanals teils durch Baggerungen, teils
durch die Kraft des Hochwaſſers tief und breit genug geworden war.
Der Kryßaner Überfall wurde daher im Jahre 1890 auf Koften jenes
Entwäſſerungs-Verbandes wiederum hochwaſſerfrei gejchloffen.
Während jo bereit ſeit Sahrhunderten an der zweckmäßigen Ber:
bindung der Memel mit der Deime und dem Pregel gearbeitet worden
war, jo begann erſt jehr jpät die Fürjorge für die Waflerftraße auf
dem Hauptſtrom oberhalb der Teilung bis zur ruſſiſchen Grenze, obwohl
dieſe Straße nicht minder wichtig und befjerungsbedürftig war. Bis
) Der LinkuhnensSedenburger Entwäfjerungs-Verband ift auf Grund der
Allerhöchſten Kabinetts-Ordre vom 14. März 1859 genehmigt worden und in den
folgenden Jahren zur Ausführung gebracht. Im Jahre 1867 waren die Hauptbauten
in demjelben vollendet.
dd —
zum Anfang unſeres Jahrhunderts jcheint in diefer Hinficht überhaupt
nicht gejchehen zu fein. Ohne Bweifel Hatte die Memel im jechzehnten
Sahrhundert und noch bis zum Anfang des neunzehnten einen ganz
anderen Lauf als heute. Beweiſe find noch jebt die vielen Windungen,
Schleifen (litauiſch Zogis), Altwaffer und Nebenarme bei Kaſſigkehmen,
Wiſchwill, Aßolienen, Baltupönen, Bambe, Ragnit, Tilſit und Kampen.
Das etwa vier Kilometer breite Wieſenthal der Memel war durchſetzt
mit Inſeln in großer Zahl. Der Strom war breiter und viel ſeichter
als heute. Regelmäßige Eisverſetzungen an dieſen Inſeln zwangen den
Strom, ſich ſtets neue Wege zu bahnen. Im Jahre 1806 begann man
die Regulierungen an den wichtigſten Punkten. Man wies dem Strom
die Richtung nach der größten Strömung an und unternahm Koupierungen
vor und hinter den Inſeln. Aber dieſe erſten Arbeiten ermangelten
eines klaren und zuſammenhängenden Planes. Erſt ſeit dem Jahre 1840
begannen umfaſſendere Regulierungen, da die Königsberger Kaufleute
nicht abließen die Regierung zu drängen. Der Oberbaudirektor Wiebe,
welcher in ſehr jungen Jahren zur Unterſuchung nach Tilfit geſchickt
war, entwarf den erſten durchgehenden Plan von Schmalleningfen bis
Kallwen und begann die Arbeiten von unterhalb bei Perwallkiſchken,
Splitter und Tilſit. So firomauf gehend engte er den Fluß dur
Buhnen-Anlagen ein, und zwar von Schmalleningfen an der ruffiichen
Grenze bis zur Mündung der Szeguppe auf 226 Meter, von da bis
zur Teilung auf 241 Meter. Jedoch in den fiebziger Jahren erflärte
der Bauinfpeftor Schlihting (jebt Profefjor an der technijchen Hoch-
ichule in Charlottenburg), daß die Memel noch viel zu breit jei: fie
müßte in dem unteren Abfchnitt bis auf 185 Meter gebracht werden,
im oberen auf 170 Meter; ein Plan, nach welchem neue Arbeiten 1875
und in den folgenden Sahren begonnen wurden. Dem genannten Bau—
infpeftor folgte im Jahre 1877 fein Bruder, der noch jet thätige Leiter
der Tilfiter Wafjerbauinjpektion, Herr Baurat Schliiting. Diefer hat,
mit reicheren Geldmitteln ausgejtattet, mit feinen Gehülfen, den
Baumeiftern Muttray, Teubert, Dittrich) und Kreide, das Werk im
Sabre 1891 zum Abſchluß gebracht. Außer den YBuhnen-Anlagen im
— 445 —
Hauptjtrom wurde aud) die Mündung der Szekuppe, die früher faſt
gegenüber der Sura einmündete, ein Kilometer weiter nach oben verlegt.
Der Landtag hatte im Sahre 1878 zur Regulierung der Memel auf
63,4 Kilometer Länge 2200000 Mark bewilligt; fo wurde das Werk
der Einengung in dreizehn Sahren vollendet, und eine Viertel» Million
dabei erjpart. Der Strom hat jeßt eine Tiefe von 1,70 Meter bei
1,05 Meter am Tilfiter Pegel. Die gemügende Waſſerſtraße ijt nun
. da, aber jeßt fehlen die Schiffe, um die aufgewendeten und zur Erhal—
tung erforderlichen Koften und Arbeiten zu belohnen. Die ſtatiſtiſchen
Angaben der Kaufmannichaft lehren, daß die Segelichiffahrt reigend ab-
nimmt und die Dampfichiffahrt wenig zunimmt, eine Folge der immer
ungünftigeren Handelöverhältniffe an unferer Dftgrenze.
Der Rußſtrom mit jeinen Mündungsarmen Atmath und Sfirwieth
it in ähnlicher Weije durch den Baurat Lord reguliert. Da derjelbe
die Koſten zu niedrig angeichlagen Hatte, jo erhielt er die VBiertel-Million,
welche bei der Memel eripart war. Hier werden die Sandmaffen, welche
aus den Strömen nach dem Haff wandern, fünftig noch Berlängerungen
der bejtehenden Molenbauten notwendig machen.
Quellen und Hilfsmittel.
1) Die Alten der Königlichen Waſſerbau-Inſpektion in Tiffit,
deren Nachweiſung und Erläuterung mir die bereitwillige Güte des Herrn
Baurats Schlihting in Tilfit vermittelte, Dem ich meinen Dank aus-
zufprechen auch an dieſer Stelle nicht unterlaffen fan.
2) Baczko, Handbuch der Geichichte, Erdbeichreibung und Statiftit
Preußens. Königsberg 1802 und 1803.
3) Lucanus, Breußens uralter und heutiger Zuftand. 1748.
(Das Werk ift nur Handichriftlich vorhanden, z. B. auf der Regierungs-
bibliothek zu Gumbinnen.)
4) C. F. Reuſch, Nachrichten über die Gräfin Truchjeß zu Wald-
burg und die Wafferftraßen aus der Memel in den Pregel. (Beiträge
zur Kunde Preußens. Königsberg 1821. XIV, ©. 249 ff.)
} — 46 — i
5) Wutzke, Bemerkungen über die Entftehung des Großen und
Kleinen Friedrichsgrabens u. ſ. w. (in den Preuß. Prov.Blättern, 1831,
©. 549, und 1832, ©. 24 ff).
6) F. W. Schubert, Oſtpreußens Handel. Königsberg 1826.
7) H. Meier, Beiträge zur Handels- und politiſchen Geſchichte
Königsbergs. (Neue Preuß. Prov.-Blätter 1864, ©. 216 ff.)
8) Töppen, Hiftorijch - fomparative Geographie von Preußen.
Gotha 1858.
9) D. Meinardus, Beiträge zur Geihichte der Handels-Politik
des Großen Kurfürften. (Hiſtoriſche Zeitfchrift von H. v. Sybel und
M. Lehmann. 1891. Heft 3.)
Diefe Abhandlung berührt nur den Beginn der litauiſchen Kanal—
bauten bi3 1688, da fie fich auf die Zeit des Großen Kurfürften bejchränft.
27.
Miscellanen.
Mitgeteilt von Johannes Sembrahndi.
1. Sprichwörter und Reime aus dem Kirchſpiel Berſchkallen, Kreis
Inſterburg.
Gaidys kaltas, gaidys kaltas,
Wiszta nemylejo;
Per nedele, per nedele
Wiena kiauszi deje.
*
Asz ponas,
Tu cigonas;
Asz karalius,
Tu skarmalius.
*
Jü prr, jü bega; ji welnias nesza.
*
— 47 —
. Prizjru, priziru lenkiszkai,
Szugzdeti mozuriszkai.
(Berfpottung der polnifchen Tanzart.)
2. Die Litauer bei Memel, nach:
„Bei den Brüdern in Nord-Rußland. Baltiihe Schilderungen bon Dr.
B. Schwarz. Mit einer Illuſtration. Osgnabrüd 1887. Drud und Verlag
von Bernhard Wehberg.” — 8°, 108 pg. — 1,50. —
Pag. 12: „Neben dem deutjchen Elemente ift in Memel noch das
ſlaviſche durch zahlreiche Litauer vertreten, die auch das Gros der Land-
bevölferung in der Umgegend bilden. In legterem Umftande hat man
übrigend wieder einen Grund dafür zu jehen, daß. Memel nicht mehr
vorwärt3 kommt. Jene ſlaviſchen Bauern bejiten jelbjt nichts, Die
großen reichen deutfchen Höfe, die in Kurland überall für den Handel
guten Abſatz bieten, fehlen in diefer Gegend gänzlih. Trotzdem tragen
viele Geſchäfte in Memel neben den deutjchen auch litauiſche In—
Ichriften, jenem bedeutenden jlavifchen Bruchteil der Bevölkerung zulieb,
der übrigens außer den ſlaviſchen, etwas blöden (?) Geſichtszügen auch noch
durch eine befondere Tracht ſich äußerlich Tenntlich macht. Wenigſtens
die Weiber jchreiten meift noch in bunten, oft feidenen Kopftüchern und
weiten, faltigen Nöden einher. Die deutjche Sprache aber wird von
vielen dieſer Xeute ganz wohl verstanden und gejprochen. Auch joll von
antideutjchen Beſtrebungen, wie fie weiter ſüdlich in den eigentlichen
ruſſiſchen (?) Bezirken zu Haufe find, hier faum etwas zu jpüren fein.“
3. Zur Koloniſationsgeſchichte Litauens.
Die Ortſchaften Adelninten, Kalninken (Kirchdorf) und Lau—
kiſchken (Lukiſchken) erijtirten jchon im Jahre 1645 und waren zu der
Zeit mit 28 Bauern bejegt. Heinrich Ehrenreich von Halle, Ober—
Forjtmeiter und Amtshauptmann zu Rhein in Mafuren (1638—1664,
al. 1635—1663, + 1664; cf. Töppen, Geſchichte Maſurens, pag. 519)
überließ Die erwähnten Dörfer um genanntes Sahr dem Kurfürften
Friedrich Wilhelm und ftellte dabei mit denfelben eine Berahmung auf,
wonad die Einwohner fein Scharwerf noch andere „Unpflichten“ Leiften,
jondern dafür don jeder Hufe 17 Marf 30 Schl. Zinjen und ein Achtel
— 48 —
Brennholz „an guter Waldmaaß von zwölff Werk-Schuen hoch und breit,
gleich andern Churfürftl. Durchl. Untertanen an den Nemonin oder
jonften an's Waffer, wo e3 dem füglichften abgeführet werden könne,
auszuſetzen“ fchuldig fein follten. „Daferne aber der Winteriveg ihnen
fügen möchte, jollen an ftatt der Zinffen ermeldete drey Dorfichaften
Ihuldig jeyn, von jedweder Hube drittehalb Achtel Brennholtz an guter
Waldmaaß in die Höhe und Länge wie obgemeldet an einen begvemen
Drt, da e3 fan aufgeflöffet werden, auszuſetzen, jedes Jahr aber, wen
jolches von Ihnen vollenbracht wird, follen fie des Zinffes als der
17 Marf 30 Schl. erlaſſen werden." Ausgeſtellt ift die Urkunde (deren
Abſchrift ich befige) am 16. Suli 1645 und ratifiziert zu Königsberg
am 25. Juli desjelben Sahres. —
Eine Urkunde de dato Memel, den 25. Februar 1701, worin den
Hochzinjern im Kammeramte Ruß im mefentlichen die 1676 mit ihnen
getroffenen Einrichtungen. beftätigt werden, führt „im Schakuniſchen“
folgende Ortjchaften auf: Spuden, Wießeiten, Valtin Kratſch, Labben,
Mikut Schudereit, Perkamtalwen, Jodiſchken, Hank Stallies, Bundeden,
Mat Pre Ruddies, Amann Schneider, Martin Schneider, Kiauch Meß⸗
jchutt, Andres Sprund und Getmin Szemint. — Bon diejen Dertlich-
feiten finden wir in der vorzüglichen Goldbeck'ſchen „VBolftändigen Topo—
graphie des Königreichs Preußen”, Königsberg und Leipzig (1785) und
auf der fehr genauen vd. Schrötterfchen Karte von Dit: und Weftpreußen
(aufgenommen 1796—1802) nur noch die fieben zuerjt genannten und
für Hank Stallies: Thomftallis. Wo find die andern fieben Ortönamen
geblieben?
Ein ähnliches Beifpiel des Verſchwindens von Drtichaften finden
wir im Kirchſpiel Sodlaufen im Kreiſe Inſterburg (wo der Titauijche
Gottesdienft erft 1878 gänzlich einging). Nach ©. Höning, „Geſchichte
der Kirche Sodlaufen”, Infterburg, C Hopf's Nachfolger, 1886, exiſtierte
Dafelbft 1719 der Ort Schaugichdötezen, zu welchem fünf Yufen gehörten.
1732 heißt derjelbe Schaudetjchen und hat nur noch eine einzige Hufe,
indem die übrigen vier nad; Lenkimmen gejchlagen waren; fpäterhin wird
der Name nicht mehr erwähnt, aljo wohl auch die lebte Hufe einem
— MI — J
Nachbarorte einverleibt ſein. Ebenſo iſt der 1719 erwähnte Ort Paß—
futczen weder bei Goldbeck, noch bei v. Schrötter zu finden. Bredaſchen
heißt heute Earolinen, Loopſchicken: Labſchicken. — Dagegen find in ge
nanntem Kirchſpiele mehrere Ortſchaften neu entitanden, jo nad) Ferd.
Hoppe’3 „Ortsnamen des Regierungsbezirks Gumbinnen (deutſche, pol-
nische, Yitauifche)”", Gumbinnen 1877: Friedrichsgabe 1770, Friedrichs—
Huld 1773, Nimmerfried 1773, Karlsdorf 1817.
4. Eine Schilderung der Litauer don dor fiebenzig Jahren
befindet fich in der Schrift „Bemerkungen eines Ruſſen über Preußen
und deffen Bewohner, gejammelt auf einer im Sahr 1814 durch dieſes
Land unternommenen Reiſe 2c. von P. Roſenwall.“ Mainz, 1817
(8°, X. u. 398 pag.). Der Verfaſſer, defjen wahrer Name Gf. B. Rauſchnik
ift, Durchfreuzte von Memel aus die Niederung fieben Tage lang nad)
allen Richtungen und hielt fich dann acht Tage in Tilfit auf. Die auf
diejer Neife empfangenen Eindrüde ftelt er nun auf pg. 22—39 zu
einer Beichreibung zujammen, welche eine intereffante Ergänzung zu den
in den „Notizen von Preußen, mit bejonderer Rückſicht auf die Brovinz
Littauen”, Königsberg 1795 (von Gervais), enthaltenen „Bemerkungen
über den Character, die Sitten und Gebräuche des Nazional-Littauers“
(pg. 1—74) und zu den in den Borreden zu Mielcke's Wörterbuch
(Königsberg 1800) von Prediger Jeniſch in Berlin und Kriegs- und
Domänen-Rath Heilsberg in Königsberg gelieferten Schilderungen der
Litauer bildet. — Das Werkchen iſt heute nicht mehr häufig; in letzter
Zeit fand man e3 bei den Antiquaren Sojeph Bär & Ko. in Frank—
furt a./M. (1885) und Ferd. Raabe's Nachf. in Königsberg (1887).
28.
Pruffica.
Sn den Göttinger gelehrten anzeigen (1874, j. 1239) findet man
in Bezzenberger’3 recenfion de Thesaurus Linguae Prussicae eine
bejprechung der altpreußiichen wörter in der „Wilfore der dreier ftedte
29
— 450 —
Königspergt Inn Preußen“. Die von Bezzenberger citierte ftelle, dem
artifel „Von eynrufenn“ entnommen, lautet wie folgt:
„Auch jal fein man oder weib, magt oder fnecht, ymands deutich
oder preufch anruffen uff der gaffen oder vor der thure, oder eynladen
umb jeines veylen kauffs willen, al3 Jeischen kagubsche in jolcher
weile, bey XXXVI s. (= 36 Schilling buße).
Über dieje ftelle jagt Bezzenberger:
„So lautet der Text in der älteſten mir bekannten Hſ. (S. 11
der Königsberger Stadtbibliothef, 16. Ih.). Eine nur wenig jüngere
Hſ., ME. 1989 der Königl. Bibl. zu Königsberg hat Jeischen, ka-
gubschen. Zwei noch jüngere Hl. derjelben Bibliothek, cod. 1887 I
und cod. 1983 haben die Worte geändert; jene lieft: Jeischen, ka-
buschen, dieſe: Eikisze, kankupincz.“
Bezzenberger's erflärung von jeischen (= jeis schen „gehe
hierher”) Tann wohl feinem zmweifel unterliegen, jedoch kann ich der
deutung von kagubsche, kabuschen, kankupincz nidt bei-
ftimmen. Denn Bezzenberger hält kagubsche für eine mit jeischen
gleichbedeutende anrufung und faßt es auf al$ (ka) gubs sche, „das
wieder „geh hierher“ bedeutet, vgl. unsai gübons angefahren, per-
gübons fommend in den Katehismen”. Doch ka bleibt unerflärt und
man wird e3 wohl faum mit Bezzenberger für eine adhortative partifel halten
Dürfen. Iſt es jedoch nicht möglich, daß in kankupincez eine urjprüng-
fichere form vorliegt, mit der bedeutung „was wirft du Faufen“? Kan
wäre aljo acc. sing. neutr. des pron. kas und kupincz 2. peri.
sing. fut. eine verb. *kupint „faufen”: vgl. preuß. prob. kuppeln,
„kleinhandel treiben“, altpreuß. kaupiskan, „handel“, poln. kupie x.
Für meine vermutung |pricht noch dieſes, daß der verfäufer wohl eher
„Komme her, was willft du faufen?” gerufen haben wird als „Gehe
hierher, Tomme hierher.” Bas deutiche „Smmer heran, immer heran“
ift ja die wiederholung desjelben anrufes und kann aljo nicht mit Eikisze
kankupincez, Jeischen kagubschen verglichen werden. Nach meiner
auffaffung find kagubschen und kabuschen aus ka (kan)
— 41 —
kupis (kupins) entftelt. Es giebt nicht dem mindeften grund,
kankupincz für ein verdorbenes polnifches wort zu halten.
Noch in einem andern punfte meine ich von der erflärung des
großen ſprachforſchers abweichen zu müflen.
In kuilgimai, kodesnimma, kudesnammi fieht er ma-
bildungen *ilgima, *desnima, welche er mit der bildungsweiſe des
fitauifchen tulimas, „mancher“ vergleiht. Es jcheint mir jedoch, daß,
die jache fich anders verhält und daß meine auffaffung (Die 3 cat. in
altpreuß. jpr., |. 50) die richtige if. Kuilgimai bedeutet „jo lange
- al3", kudesnammi „jo oft als“ und dieſes jchon macht es wahr=
icheinlich, daß wir es mit inftrumentalen zu tgun haben. Was würde man
auch in ku, ko fehen fünnen, als einen inftr. des pron. kas? Im
altpreußiſchen hätte fich der inftr. Dieje pron., wie auch der des pron.
stas (in stuilgimi) dem inſtr. der männlichen a-jtämme angelehnt
(vgl. fit. wöju, infte. v. wöjas; butü, inftr. dv. butas x). In
ilgimi, desnammi jcheinen alte inftrumentalformen auf mi vor—
zuliegen, wie lit. naktimi, sunumi und vielleicht darf man aus
ilgimai, desnimma auf eine nebenform -mai ſchließen.
Leiden. C. C. Uhlenbed.
29.
Aitauiſche Schriften und Schriftfiefler des 19. Jahrhunderts.
(Ugianski, Zelvovicz und S. Stanewicz.)
II.
Motto: Mes ne Litvomanai — mes Lietuvomylai,
Ant tyeziu negalim, kad butum nebylai...
In dem 1890 in Tilfit auf Koften der Baltimore’fchen Litauifchen
Geſellſchaft erjchtenenen Büchlein „Listuviszkiejie rasztai ir raszti-
ninkai. Raszliszka perzvalga parengta Lietuvos myletojo.* 8°.
234 Seiten mit Holzjchnitten, welche Porträts Kitauifcher Literaten darftellen
29*
—
— 452 —
— iſt der erſte Verſuch einer ſelbſtändigen Behandlung der litauiſchen Litte—
raturgeſchichte zu begrüßen. Das Buch iſt teilweiſe ein Wiederabdruck ver-
ſchiedener Einzelaufſätze über das litauiſche Schrifttum, welche ſeiner Zeit
im Lietuviszkasis Balsas in den Jahren 1887—1889 erſchienen unter
der Redaktion von’J. Szliupas, jest Dr. med. zu Plymouth, Luzerne
'Co., Penna. Es legt Zeugnis davon ab, wie wenig die Litauer felbft
fih für Litauen? Schrifttum intereffieren, und wie fehwer es bis heute
war, Lituanica zu treiben „viribus unitis* und mit Unterftüung der
in Rußland und Polen zerftreut Iebenden litauiſchen Intelligenz. Ein-
deitungSweije fommen die litauiſchen Schriften und Schriftfteller des 16.
bis 18. Jahrhunderts ©. 8—23 zur Darftellung, das Hauptinterefje
nimmt die geijtige Arbeit der Litauer des 19. Sahrhunderts in Anſpruch,
aus welchem im ganzen 35 Biographieen geliefert werden.
Leider wird einiger bemerfenöwerter Zeitgenofjen Wolonczewski's,
jo des früheren Kaſaner Profeſſors Ugianski, nur in Kürze gedacht.
Andreas Onufrijevitsch Ugianski, von erblichen Adligen des Kownoer
Goupernements herftammend, aus Krozy in Zemaitien gebürtig, be-
endigte jeine Univerfitätsftudien in Kasan im Jahre 1845 und erlangte da-
jelbjt den Grad eines Kandidaten der hiſtoriſch-philologiſchen Wiſſenſchaften.
Am 19. Sanuar 1846 wurde er zun Oberlehrer (starsij uditelj) der
griechiichen Sprache im Gymnaſium zu Simbirdf ernannt und drei Jahre
jpäter in derjelben Eigenfchaft an das erjte Gymnaſium in Kasah ver-
jest, wo er al3bald auch die Stelle eines Erziehers bei dent mit dem
Gymnafium "verbundenen Schülerpenfionat erhielt. Am 9. November
1851 wurde Andr. Ugianski zum Magifter der griechischen Literatur
ernannt. Zehn Sahre jpäter, am 17. Februar 1861, wurde er an
die Kafaner Univerfität fommandiert und am 19. Juli desjelben Jahres
zum ftellvertretenden Professor extraordinarius der griechiihen Sprache
und Literatur ernannt. Mehrere Jahre hindurch befleidete er außerdem
das Amt eines Sekretär der Hiftorisch-philologischen Fakultät. Er ſtarb
am 7. Oftober 1870. Seine Univerfitätsfollegen und die Studirenden
achteten ihn wegen feiner Ehrlichkeit und Brapheit. Er war ausgezeicgnet
als Lehrer der griechifchen Sprache; in wifjenjchaftlicher Hinficht weniger
— 455 —
befriedigend waren feine Borlejungen über griechijche Literatur, welche
jedoch wegen feines vriginellen, aber einfeitigen Humors nicht wenig Zu—
hörer herbeilodten. Obgleich Katholik (heikt es in einer mir von einem
Kaſaner Kollegen freundlichft- zugejtellten Charafteriftif des Verſtorbenen),
rechnete er fich dennoch nicht zu den Polen, indem er bejtändig be—
bauptete, daß zwilchen den Litauern, zu denen er jich zählte, und den
polniichen „Pany“ feinerlei Solidarität jein dürfte Er arbeitete und
ſchrieb lange an einem litauiſch-lateiniſch-ruſſiſchen Wörterbuch, das jehr
umfangreich und vollftändig zu werden verſprach. Was aus jeiner
Bibliothek, die nicht wenig Lituanica aufzumeijen hatte, und dem Lerifon
geworden tft, bleibt undefannt. (Soweit mein Gewährömann, Herr Pro-
feffor Weißmann von dem Hiftor.philol. Institut in St. Petersburg,
der früher in Kaſan lebte und Ugianski perjönlich gefannt hat.) —
Die beite SNuftration feiner Titauifchen Beitrebungen giebt der Brief
Ugianski’s an Iwinski vom 26. Februar 1861, welcher fürzlich in der
amerifanischen Zeitung „Vienybe Lietuviniku* Nr. 27, S. 320—322:
veröffentlicht worden. Über das geplante litauiſche Lexikon heißt es dort
wörtlich alſo:
Tamista tarpe daugelio sawa uzmanimy triuso apie tevy-
niszka musy kalba sakai, jog ketini iszdüti abelna Zodyna lie-
viszkos kalbos ir tas mane labjausiai interessawoja: asz pats
jau kelis metus triusiüs apie sudejimg Lietuviszko Zodyno ir-
turin jau nemaza rankiy visokiy tarmiy lietuwiszku Zodziu, Zi-
noma tokiu, kurius galima atrasti ikisziol atspaudintose knin-
gose, kuriy da suvis mazas yra skaitlius, sulyginant su tümi, ka
turime kitose kalbose, o priegtam nekurius lietuwiszkus rasztus
atspaudintus labai sunku igiti; turiu gana zenkly rankiu lietu-
wiszky kningy, kuriy igijimas daug man kasztüja, nekuriu vie-
nok labai verty atydos negalsjau jgiti, nei pagaliaus gauti tik
ant laiko del perskaitymo; kaip ve: Dainos iszdütos Stanewi-
cziaus, Pamokslai Daukszos, Biblija iszversta Chilinskio, iszdüte.
Londone 1660 m. Grammatika lietuviszkos kalbos Klein’o 1653 m.
ir’ Jo katechizmas, Badania o litevskim jezyku Bohusz’o ir
— 44 —
Ruhig’o ... net ir isz naujesniy nekuriy ikisziolaik negalsjau
gauti, kaip ve: Naudinga bitju knigele... Pamokslai apie
sodnus... .., o ant galo tai nei uzsivadinimy nezinau, kuriy
bueziau neskaites; didesng jq puse turiu locnas jgytas, o daug
apturöjau isz malonies Jo Mylistos dabartinio musy Wyskupo
Wolonczausko, o ir dabar suteikia neiszpasakytgq pagelbg mano dar-
bawimüse, Diewe dük jam sweikatg ir künoilgiausi pagivenima
ant szio swieto! Be Jo pagelbos asz bucziau beveik nieko
negalöjes padaryti. Geriausias tai zmogus Jo Milista Wiskupas
ir pirmiaus ir dabar szelpia mane savo rodomis, dastate man
nemazai retai gaunamu kningu, kuriy dabar negalima igyti nei
uz piningus, o kurios yra dijocezijos kningyne Warniüse. Jo
Milista wyskupas buwo teip geras del mangs, j09 nekurias toksas knin-
‚gas, labai dabar retas, atsiuntinéo man per pacztq, aszgi jas per-
skaites ir iszrinkes zodzius, su didziausia padska, kaip priderejo
isz mano pusös, siuncziau jam atgal. Ir tokiu budu dirbdamas
kelis metus, turiu gana daily lietuviszky zodziu rankiy, kuris
nülat didinasi per pridejima Zodziy, kuriüs man beveik kas
möno prisiunczia visais paketais, surinkes patsai, J. M. wysku-
pas. NeZiurint ant to wiso, pats jaucziu gerai, jog tokiame
mano rankiuj ne maZa ira stoka Zodziy provincijaliszky ir pa-
prastos güdotiny musu kaimiecziu kalbos; norödamas atitolinti
ir ta netobuluma pasirizau rupintis, idant mane perkelty ant
tarnystos i Lietuwa, bet ikiszioliai negaliu sulaukti tikros pa-
sekmös. Dabar labai dziaugiüs, jog igijau tikra proga kores-
pondawoti su Tamista, kaipo myletoju ir dideliu zZiniunu sawo
prigimtos kalbos. Pirmiausiai nuzemincziausiaii meldziu Ta-
mistos pranesztii man po garbei tikrai — literatiszkai: kaip
dideli surinkty zodziy skaitliy turi del savo Zodyno? o teipogi
koki tai yra tie zodziai, Tamistos surinkti: ar tai yra zodziai
iszrinkti isz kningu, lyg szioliai atspaudintu (tokiy zodziy ir
mano rankiuje yra küdaugiausiai); arba rasi Tamista atkreipiai
sawo atyda labjausiai ant paprastos musy kaimiecziu kalbos ir
— 455 —
surinkai küntdaugiausiai Zodziu maZai vartojamu spaudintose
kningose (tokiy tai Zodziy labjausiai stoküja ir mano rankiui,
nes giwendamas jau suwirszum 20 metu gilioje Maskolijoje, nie-
kad niegirdZiu gyvos lietuwiszkos kalbos). Butu labai gerai,
jeigu Tamistos zodziy rankius butu surinktos isz paprastos
musy kaimiecziy kalbos ir provincijaliszku zodziy ir tada asz
su didZiausiu noru rodyeziau Tamistai sujungti abu rankiu i
viena ir apgersinti toki Zodyna nü abiejy, besidarbüjaneziu ant
vienos dirvos, vardo. Toks musy Zodynas tur6tu be abejones
ne maza literatiszka verte ...
Dieſer Brief zeigt, daß Ugianski in dem Bejtreben, ein litauiſches
Lexikon zujammenzuftellen, warme Sympathie und Mitarbeiterjchaft fand
bei Wolonczewski, dem bekannten litauiſchen Patrioten und Förderer
litauiſcher Heimatskunde. Ugianski’s wiſſenſchaftliche Anjchauungen in
dezug auf Litauen? Dialekte waren leider recht engherzig und einjeitig
zemaitiſch, und von dem Oſtlitauiſchen des Wilfomir’schen und des Nowo—
- Merandrow’ichen Kreifes hatte er feine Ahnung. uber Baranowski’s,
bereit3S von Schleicher in feiner Donaleitis- Ausgabe gewürdigtem,
Anykszcziu Szilelis äußert er fich in demfelben Brief 1. c. 322 wörtlich
‚ folgendermaßen: „bet kodel Tamista j teip puiky rankiuy talpini
tokius straipsnius, kaip pav. Anikszeziu Szilelis ir kitas eiles
to pat autoriasus; yra taiin summo gradu negirdäti” barbarizmai
ir pasakyk man Tamista, ar yra kur Lietuwoje ar Zemaitijoje
tokis kampelis, kur taip bjauriai kalbötu? Asz misliju jog tu
eiliy autorius yra ne lietuvis ir ne Zemaitis ir net ne vokietys,
bet kokis ten Maskolius, visai nemokantis lietuviszkai ir ne-
pazjstantis lietuviszkos kalbos ipatybiu ... pati pagaliaus tu
eiliy italpa, yra kokia tai noZmi fantazija, kur ka tik riszasi
mislys.“
Ebenſowenig befriedigend und fragmentarifch find in dem zu Anfang
unjeres Aufſatzes citierten Büchlein „Lietuwiszkieji rasztai ete.“ die
Nachrichten Über einen Beitgenoffen Ugianski’s, den Priefter und Dichter
Joseph Zelvovicz, Im Jahre 1862 gab derjelbe, in Saratow
— 46 —
(ebend, feine Überjegung von Krylow’s Fabeln heraus. Außerdem 'er-
Ichtenen von demjelben: „Gesmes arba Poezja Kuniga Jozepa Zel-
vovicz. Pirma Dalis: ape Sena Zokang. Vilnuoje. 1858.* bei
Zawadzki, von dem Ugianski 1. c. ©. 322 jagt: „veikalelis...
kuriame atrandu tokius pat barbazizmus, kur autorius ddl ritmo
suwis suzeide kalba, o pagaliaus ir apie paczia jtalpa nelabai
atboje.* Um dem Lefer eine VBorjtellung von der poetischen Diktion
des Berfafjers zur geben, fei hier die pratarme zu den gesmes mitgeteilt.
Lötuv-Zemaiteil vöni, be juoko,
Katrö, it vakar vanduo szvents piovö,
Tebyr gedingi tur cnatos puoka,
Visa posaul& jü platin sztove:
Linksmu ir manei, pajemus plunksna,
Zodeli döti ap toki kraszta, —
Kek mokant, roma szirdates dunksna
I gesme megsti ir leisti Raszta.
Lai zina koznas kursai ta skaita,
Jog ner ko pykti ant to kurs rasze,
Kad, daves koki tur&ta maita,
Dar me&la sveti iszboczit prasze:
Taip, augszto proto Gösme ne rası,
Koznam nu Devo tasaı ne duotas, —
Gana bent kalba, misles suprası,
Kame ne buvus tavesp suopuotas,
Manyt: be broliü ir ukinykü
Su karsztu szirde, gretu pagalbu,
Geru, ne lengvu but rasztinyku, —
Szale, kur svötas ne tokias, kalbu.
Lötuv-Zemaitei! kaip tuoczes tyriau,
Tur&jot Döva, it Zokan’ Arkos, *
Delto, sze szventq asz Gösme skyriau,
Ap sena laika, ap Patryarkas:
Ne maz be regant posaule pikto,
— AT —
Man szirde spaud&, it szvino svaras,
Lyg jeszkau Zustei teisingo dikto,
Tink manei tuokart Pajures szmaras.
Bent tinai rasil tebaug bernelei,
Tarp kemo kriziü, darzü, darzü ir rutü,
Szventös BaZniczes tikri sunelei,
Bödo del ramtio, je svötas grutu;
Szale to baltos tebzib dukreles,
Dövobaimingos ir vainikuotos,
Motuszes, pates kaipo seseles,
Bragiaus neg kraitis auksum rokuotas.
Lötuv-Zemaiteil czionai je klauset:
Iszkur ir kas toks?—Gana, asz jusü!
Kaipo tikt toki i szirde glauset,
Neb reik zinoti Jums vardo musu ...
Tacziaus isz t&vo, gimiau asz lygus,
Kur Kovnas, Telszei teipog Matkarstai;
Dabar, nors tolims, sunus ne pigus
Sodos, pov&to to szirdei karsztai. —
Kur ezers, möstas ır Bernardinai,
Praejo mokstas ir maZos dänos:
Uztat ir kulei bragi man tinai,
Kaip butu esas tas krasztas vönas
Lötuv-Zemaitei! kaip man Zinoti,
Tos mano Gösmes ar be tiks jumus?
Kitaip, — neklausant, bene gädoti
Del tamsiü giriü, palikus numus:
Bent puszes rasi! apstos ten mane
Ir rinks zodeli szakü tarp Dveju;
Pakol, ausate suvokus skane,
Parduos jei misle, suppuotas vöju ...
Par daugel metü, zmogus gal rases,
Katram szios Gösmes pravırkis ake,
— 458 —
Zaksztuse mazg sav nauda kases,
Tarsi Dökui broliui, is tesg sake!
Bon den älteren Schriftitellern ift ein Zeitgenoſſe Sim. Dovkont’s,
der befannte Liederfammler Simon Stanewiez, ebenfalls ein Titauifcher
Adliger, aus Zemaitien gebürtig, unferer Würdigung und Charafteriftif
wert. Leider hat es dem Verfaſſer des beiprochenen Werkchens auch
hier an Stoff gemangelt, jo daß ſogar das Todesjahr, ob 1831 oder
1846, nicht hat fejtgejtellt werden fünnen. Als Zeichen der Zeit und
der in bezug auf das Litauiſche, jeine Sprache und Litteratur Herrjchenden
Anſchauungen verdient beſonders Erwähnung die im Jahre 1829 von
S. Stanewiez edierte Sejuitengrammatif (vergl, über die erfte Ausgabe
meinen Katichizis Daukszy ©. XXXI), fowie das hierzu lateinisch
und litauiſch verfaßte Vorort, welches hier folgt: |
Grammatica brevis
linguaelituanicae
seu
Samogiticae,
a quodam pio Societatis
Jesu Sacerdote.
Conscripia et typis mandata Wilnae
anno MDCCXXXVII nunc reperta
et iterum in lucem edita,
—
Wilnae. -
Typis B. Neumanni.
Anno a Christo nato
MDCCCXXIX.
ö— 0 —
Lecturis.
Quo tempore multi Samogi-
tae, alii amore sermonis patrij,
alii eupiditste studiorum in-
ducti, legunt et scribunt litua-
nice, accidit nobis ut invenire-
Trumpas Pamokimas
| katlbos lituwyszkos
arba
Zemaytyszkos,
nuo nekurio nobazna ysz draugistes
Jezaus Kunyga
iotinyszkay paraszitas yr späustas
Wyjlniuj’ metüse 1737, Dabarcziu at-
rastas yr ysz nauja swietuy paröditas.
"Wyjlniuje.
Spaustuwop B. Neumana.,
Metüse nuog uögymyma Krystaus
1829,
—kessäit+ —
Skaytisentyms.
Tame layke kureme daugu-
mas Zemaycziu, winy ysz m£&y-
les kalbos tiöwyszkias, kyty |
ysz nöra wyszka Zynöty, ”
kose, skayta yr räsza lituwysz-
mus hujus linguae hanc brevem
'Grammaticam. Ut nemo doc-
tus aut artis alicujus peritus
guidguam praetermittit quod
illum sapientiorem faciat, aut
sibi utilitati esse possit, sic
nos sperantes, libellum hunc
multis voluptatem praestare
posse, aliis viam ad cogno-
scendam linguam ostendere,
ceteris denique addere animum
et alacritatem ejus perficiendae
et propagandae, denuo eum
excudendum curavimus. Quan-
vis opus hoc neguaguam par
esse potest Grammaticis a G.
Östermeyero,!) et a Ch. Got.
Mielcke?) germanice conscrip-
tis, nemo tamen Samogitarum
invenietur, qui cum illas lege-
rit, hoc negligere velit, neque
suae regionis fructu laetetur.
Etenim nostris temporibus, cum
omnibus fere lituanicis scriptis
ita se res habet, ut ılla quae
Regiomonti, Tilsae, Memeliae
459
—
kay, nusydawy mumus atrasty
ta trumpa pamökima kalbos li-
tuwyszkas. Kayp niewinas
möksta Zmogus, arba kokiame
däykte menanssys nieka ne pra-
leyd’ kas gäl ji mokslyngesniu
padarity, arba ant naudos jäm
yszeyty, tayp yr mes tykıiöda-
mise, jög räsztas szysay wi-
nyjms gäl dziaugsma atneszty,
antryjms kiala pazynymop kat-
bos prawesty, kytyjms prydüty
naszuma yr nöra ant jos tay-
sima yr plätynuma, ne tyngi®-
jome pazigiüty yr pasyrüpynty,
idant jys ysz nauja swidtuy
paröditas bütu. Tisa, jög rasz-
tas tasay ne suligs su Gram-
matykomys G. ÖOstermeyera!)
Ch. Got. Mielcke?) yr kytu,
wökyszkay raszitomys, bet nie-
kas ysz Zemaycziu ne rassys,
kursay skaytidamas anas, szi
uzmyrszty nori&tu yr sawa
kampa waysiumy ne pasy-
dziaugtu. Juk ligszioley tayp
!) Neue Littauische Grammatik ans Licht gestellt von Gottfried Oster-
meyer, der Trempenschen Gemeine Pastore Seniore und der Königlich-
Deutschen Gesellschaft zu Königsberg Ehren-Mitglied. Königsberg 1791.
?) Anfangs-Gründe einer Littauischen Sprach-Lehre, worinn zwar die
von dem jüngern Ruhig ehemals herausgegebene Grammatik zum Grunde
gelegt, aber mit starken Zusätzen und neuen Ausarbeitungen verbessert
und vermehrt worden von Christian Gottlieb Mielcke, Cantor in Pillkallen.
Königsberg 1800.
— 460 —
et Gumbinae prodeunt multo
praestantiora sint, quam isti
nostrates precum. et cantionum
libri qui Vilnae imprimuntur.
Dla similia sunt hortis, ubi ar-
bores data opera ordinatim et
eleganter consitae sint, isti au-
tem cum silvis sine custode
et humana cura crescentibus
comparari possunt. Neque id
mirum videri debet: si quidem
nos, nullo adhibito studio, li-
tuanicam linguam quantum
ad quotidianum usum necesse
sit, satis callere putamur, ne-
que credimus quemquam futu-
rum, doctum et liberaliter in-
stitutum, qui lituanica scripta
legere eague vituperare aut
laudare velit; ideirco scribimus
nullam sermonis. rationem ha.
bentes, dummodo a nostris ovi-
bus quarum salus nobis curae
est, intelligi possimus. Haec
est causa, cur lituanica lingua
in Samogitia et in Lituania
proprie dieta, adeo labefactata
sit, ut nullum opus gravitate
rei aut elegantia stili insigni-
tum habeamus. Quod si veli-
mus lapsum jam et jacentem
sustentare sermonem nostrum
et invenire illa ejus verba qui-
|
destys yr su wysays lituwysz-
kays räsztays, jög ti Kurd Ka-
raläucziuje, Tylzie, Kiaypiedo,
Gumbynie yszeina, toly gia-
resny ira, he kayp müsu maldü
arba gismiü knigas Wyjlniuje
späudamas. Ani pryligst sod-
nams, kur medey ranka Zmogaus
po tisuma yr patögey suswa-
dynty ira; o szios toliges ir
myszkäms par sawy augantyıns,
be sarga yr be jökia prydabö-
jyma. Nier ko tame dalike ste-
biötise: kadang mumus rödos,
jög be jökia pasyrüpynyma
gana giaray lituwyszka kalba
mokiety gälyme, yr jög niekas
nıökitas negäl atsyrasty, kursay
lituwyszkus rasztus skaytity yr
anus peykty arba gyjrty pra—
symanitu ; raszome taygy tayp
kayp mökame, idant tykt nu
awil sawa, apey kuriü yszga-
nima rüpynamies, suprantamy
bütumem. Ta ira priZastys del
kurios kalba lituwyszka Zemay-
cziüse, o dar didziaus Lituwoje
tayp nupüly, jög niejökiu puy-
kiu yr yszmyntyjngu rasztu,
ney graze yr täyke yszkalba
pasygyjrty ne gälyme.
taygy nöryme szelpty sawa
kalba surasty jos pamestus yr
Jey
= 461 —
bus olim gavisus est, acerrimo
studio quaerere debemus vete-
res libros lituanicos, et imitari
diligentiam operum quae apud
Lituanos Borussiae nascuntur.
Itaque nemo succensebit, nos
hanc lituanicam Grammaticam
latine scriptam, exactis nona-
ginta annis a prima ejus edi-
“ tione, iterum in lucem edidisse;
lectoribus quibus patrius sermo
cordi sit, placere et utilitatem
Quo
autem cumulatius id proposi-
aliguam afferre possit.
tum exsequeremur, non alienum
nobis videbatur commemorare
hie optimos libros, lituanicos,
quibus quasi exemplari in ad-
discendo sermone uteremur: hi
autem quo antiquiores, eo plu-
ris aestimandi sunt.
Primum locum et maximam
auctoritatem tribuimus Concio-
nibus Nicolai Dauksza?) liber
vetus et rarissimus, ut vix tria
exemplaria Vilnae reperiantur:
dignus sane, ut propter sermo-
nis praestantiam et christianam
doctrinam iterum excudatur.
uzmyrsztus zodzius, reyk müms
rüpesnyngay iszköty senowes
lituwyszku räsztu, o darbume
yr graZume därba jymty pa
wöyksta nu Lituwynynku Prüsu,
Todel ne büs peyktynas däyk-
tas, jög sze lituwyszka Gram-
matyka, totinyszkay raszita, po
dewiniü deszymtüu metu mu
pyrma jos yszspaudyma, naujey
yszdüdame, kury skaytitojams
miegstantyms katboje sawa, gäl
yotykty yr kokynörent jyjms
pelna atneszty. Bet idant rà-
sztasszysay naydyngesnysskay-
tantyms taptu, rödies mumus
ne pro szäly büsent, myniöty
czionay giariäuses knigas litu-
wyszkas ysz kuriü mökitise kal-
bos galyme; o tos jü senesnes,
tü wertesnes ira.
Pyrmiäuse wita yr dydziäuse
werczia düdame sakimams Dauk-
sza®), ira tay kniga labay sena
yr reta, tayp jög wos tyktay
trys Wyjlniuje rasty gali&jome:
werta tykray 1dant del kalbos
yr krykszeziönyszka pamöksta
ysz nauja späusdynta bütu. Po
Non minoris etiam gravitatis | Dauksza ne maZos werczios ira
°) Postilla Katolicka,
Tai est: Izguldimas Ewangeliu kiekwienos
Nedelos ir Szwentes per wisus metus. Per kuniga Mikaloju Dauksza, ka-
nonika Medniku. Wilniui. Anno Domini 1599. in folio. pp. 627.
— 462 —
sunt libri Constantini Szyrwid,
gquorum optimus: Materia Con-
_ cionum.*)
Secundum locum assignamus
scriptis Lituanorum Borussiae,
inter quos eminet doctissimus
vir D. L. J. Rhesa. Libri ab
eo editi et digni ut per totam
Lituaniam celebrentur, sunt se-
quentes: Biblia Sacra?) et qua-
tuor anni tempestates Donalıtu°)
cum inscriptionibus: veris amoe-
nitas, aestatis negotia, autumni
Alter
clarus vir et lituanici sermonis
peritissimus est Ch. Got. Mielcke:
cujus Liber Missae’) scribenti-
fructus, hiemis curae.
bus lituanice ad exemplar pro-
poni potest, Üeterum eximii
sunt hıbri: Zxplicatio Evange-
rasztay kuniga Seyrwida, tarp
kuriù ira Punktay Sakımu Diewo
Zodziot).
Antra wita düdame räsztams
Lituwinynku Prüsu tarp kuriü
pasyröda mökslyngas
D. L J. Rhesa. Knigas par
ji yszdütas yr wertas, idant nu
wysu Lituwynynku skaytomas
yr milymas butu, ira
wiras
Wysas
kiatu-
res däalys metu .Donaleyczia®)
szwentas Räsztas?) yr
su antraszays: Pawäsario Links-
mybes, Wäsarös Darbai, Ruddenio
Gerybes, Ziemös Rupeszcziei. An-
tras myniêtynas wiras yr katbos
lituwyszkas tykras Zynowas ira
Ch. Gott. 'Mielcke: Myszknigos")
gäl büty pawöykstu räszan-
tiems lituwyszkay. Prieg täm
*) Punkty kazal od Adwentu az do postu, litewskim iezykiem, z wy-
tiumaczeniem na polskie, przez Ksiedza Konstantego Szyrwida, Theologa
Societatis Jezu, z dozwoleniem starszych wydane w Wilnie MDOXXIX.
(1629) in 4to.
5) Biblia, Tai esti! Wissas Szwentas Rasztas Seno ir Naujo Testa-
mento, Lietuwiszkay perstattytas, isz naujo perweizdetas ir ketwirtg, Karta
iszspaustas. Tiläeje 1824.
6) Das Jahr in vier Gesängen — ein ländliches Epos aus dem Lit-
tauischen des Christian Donaleitis, genannt Donalitius, in gleichem Vers-
maass ins Deutsche übertragen von D.L. J. Rhesa, Prof. d. Theol. Königs-
berg 1818.
) Miszknygos kurrosa wissos Ewangälios per cz&la meta iszguldytos,
jeib nobaäni Gaspadorei ir su sawo namiszkeis Nammöj Diewui wertay
stuZit ir tikra Zinne apie wissa iszganimo dawadg igautu. Karalaucziuje
1808. in 4to.
; | Ä — 463 —
liorum®) et Novum Testamen- giäras ira Iszguldimas Ewange-
tum anno 1700 Regiomonti || lius) yr Nawjas Testamentas mò-
tüse 1701 Karaläucziuje späu-
stas’), kursai prawedy kiala
impressum,’) quod A. J. Prin-
ceps Giedroic, Episcopus Sa-
Naujäm Istätimuy Kunygayksz-
ezia Gedrayczia, Wiskupa Ze-
mogitiae, in edendo nuper ejus-
dem tituli libro, esse videtur.!?)
Tertium locum religuimus || maycziu?®).
scriptis Samogitarum qui olim Treczia wita palykome räsz-
docetrinam Calvini sequebantur, | tams Zemaycziu Kalwynynku,
qualia sunt: Biblia Sacra S. B. | tarp kuriü ira Räsztas szwen-
Chilinscii, non omnia, impressa | tas S B. Chylinskia, ne cielas,
Londoni anno 1660, quorum |) späustas Londone, staliczio Ang-
unum exemplar reperitur in | lyjas, metuse 1660, kurio wina
Bibliotheca Cesareae Universi- | tybtay mums pazystama kuniga,
tatis Vilnensis. Huc pertinet | randos Bibliotekoj' arba suryn-
liber,'!) continens preces chri- || kyme-knigu Üiesoryszkos Aka-
stianas, brevem ewplicationem || demyjos Wylniaus. — Czionay
Evangeliorum, et Psalmos Da- | prygül Kniga Nobaznistes '))
©) Trumpas ir prastas Iszguldimas wissu Nedeles ir Szwentu Dienu
Ewangeliu klausinıais ir atsakimais sutaisytas ir Pamokinnimui wissu lie-
tuwiszku Parapyu, Surinkimu ir Szuilu Prusu Karalistes, isz wokiszkos i
lietuwiszka kalba perstatytas, isz naujo perweizdötas ir per Drukka, isz-
duotas. Tilzeje 1820.
°) Naujas Testamentas Wieszpaties musu Jezaus Kristaus pirmg karta
ant Swieto Lietuwiszkoj’ kalboj, ant Isakimo Maloningiauso Karalaus
Prussa etc. etc etc. Su didziu dabojimu perguldijtas, o ant Garb&s Diewui,
Traicej] Szwentoj wienatijam, Lietuwos Zmonems ant iszganitingos naudos
iszspaustas. Karalaucziuj Metu MDCCI (1701).
ı) Naujas Istatimas Wieszpaties Musu Jezaus Christaus par Juzapa
Arnulpa Kunigaykszti Gedrayti, Zenklinika Szwento Stanistowo. Wilniuje1816.
1) Kniga NobaZnistes Krikscioniszkos, ant garbos Diewuy, Traycey
Szwentoy Wienatijam: ant wartoima Baznicioms dides Kunigistes Lietuwos
iszduota. O dabar antra karta perdrukawota, su priedu nekuriu giesmiu,
Ewangeliu ant pomietkos Szwentuju Diewa, teypag su priedu nekuriu
maidu. Kiedaynise drukawoja Joachimas Jurgis Rhetas, Meatu Pona 1653.
(Haksztu 272, ne roküjant priekalbos yr rejystra: atsyrand szycze Psolmay Do-
— 464 —
vidi, Cajoduno, oppido Samogi- || turenty sawie Maldas kryksz-
tiae, impressus anno 1653 in 4"- | czionyszkas, trumpa yszgul-
Quod si cognoscere velimus | dyma Ewangelyju yr Psälmus
totam amplitudinem et naturam || Döwrda, späusta Keydäyniüse,
lituanici sermonis, à legendis | miestelie Zemaysziu, metüse
his libris et tempore et regione | 1653 in 4to.
diversis, inciplendum est. Quo- Jey taygy nöryme paäynty
rum tametsi nullum adhuc in || wysa plotibe yr wysötyma ap-
dicendi genere proxime sequi | gymyma katbos lituwyszkas, nu
possimus, quandoquidem nullus || skaytima tü knigu, ne winame
eorum tam praestans et per- || ämziuje yr tülose szalyse zemes
fectus est, quod in rebus hu- | raszitu pradiöty mums reykia.
manis rarissime accidit, ut om- || Tira, jög niewina ysz tü räsztu
nis saeculi et ordinis homini- | ney räsztyniku ikandine sekty
bus lituanice loqui aut scribere | ne gälyme, kadang niewinas
volentibus, exemplo esse possit; || ysz jü niera tayp töbulas, kas
nihilominus tamen mirabimur | darbüse Zmogaus niekada ne
— —
tot res gestas, tot hymnos di- || randas, idant wysokiäm ämziuy
vinam gloriam praedicantes, yr koöna tfüma Zmonyjms litu-
tot praecepta sapientiae, claris- | wyszkay kalbiöty arba raszity
sime et optime lituanico ser- || norentyjms pawöykstu bütn.
mone exposita. Itaquo com- | Steb'&symies winök räde czio-
memorati libri sint nobis quasi | nay tik nusydawymu wysökiu,
wida yr Giesmes Krykszcsionyszkas tyktay, bei winkartu yszeje dar sekanczes
knigas.) in 4to.
Summa aba trumpas iszguldimas Ewangeliu szwentu per wisus
meatus, dienomis Nedelos, Baänieiose Krikscioniszkose skaytomu. O ant
garbos Wienam Diewuy, su wala Wiriasniuju del paZitka Wierniems didey
Kunigistey Lietuwos, ir del naminiku pabaZnu ant uziwojma namiszkia
iszduota: Kiedaynise, drukawoia Joachimas Jurgis Rhetas, Meatu Pona
1653. 4to 288 laksztu.
Maldos Krikscioniszko," Wisokiam meatuy ir reykalams bendriems
prigulincios: ant garbos Diewa Traycey Szwentoy wiena Tiewa, Sunaus ir
Dwasios S. O del naudos Baänicios jo, ant swieta iszlaystos. Kiedaynise
spaude Joachimas Jurgis Rhetas Meatu Pona 1653 in 4to, 76 laksztu. Tay-
pogy cze pryrlütas ira Katechizmas arba Pamokstas Krykssczionyszkas,
— 45 —
silvae aut arbores excelsse, ubi || tik gismiü puykiäusiu apey
quisque idoneam tibi materiam | garbe Diewa, tik yszmyntyjngu
quaerere et quodvis aedificium pamökslu szwisey yr äyszkey
kalboj’ lituwyszkoj apraszitu.
Pamyniötas taygy knigas, ira
del müsu kayp gyres kökias,
arba medey limemyjngy, kur
| koZnas reykaluy sawa, tam ty-
ı kra medegs rasty yr pagal sawa
| tyksia rüma surensty galiesy.
|
extruere poteris.
Vilnae. Anno 1827, mensis
Martit die 8.
Simon Staniewicz
Philosophiae Candidatus.
Raszita Wyjlniuje. Metüse
| 1827, Miönesie Köwas. Dieno 8.
| Stmonas Stanewicze.
Über Politit und Tendenz des Werkes, ſowie die heutzutage über-
band nehmende Moskalofobie der Litauer jchweigen wir. Das litauiſche
Schrifttum auch des 19. Sahrhundert3 verdient nähere Erforſchung, be-
ſonders der Zeiten, wo Alexander I., Nifolat und Ulerander II. Rußlands
Herrfcher waren, bejonders auch in Beziehung zu den polniſchen Litteratur-
ſtrömungen. Neue Gefichtspunfte werden fich erft dann auffinden Lafjen,
wenn Dowkont’s reicher Briefmechjel von feinen Enfeln in Kiwily
weiteren Kreifen zugänglich gemacht jein wird. Genauere Bejchreibung
gerade dieſes litterar-hiftorischen Matertal3 wird mit der Zeit wohl Herr
Dowoino-Silwestrowitsch geben, welcher ein Berzeichnt3 von Dowkont’s
Brieflade im Winter 1891 gemacht hat. Die fehlenden bibliographiichen
Details in dem angeführten Werfchen werden ſich in der zweiten Auf:
lage leicht einfügen lafjen. Bevor man die Namen der Sunglitauer
Burba, Basanowicz, Visztelevski, Sauerwein und anderer in Die
litauiſche Litteraturgefchichte einreiht, Jollte man die Zeitgenoſſen Dow-
kont's und Wolonczewskis noc näher beleuchten und würdigen.
Jedenfalls iſt aber eine litterar=hiftorische Skizze litauiſcher Schriftiteller
hüben und drüben, im PBreußenlande und in Rußland, ohne Anfehen der
Neligion, des Standes und der bürgerlichen Lebensſtellung, eine neıte,
ſehr intereffante Erjcheinung und bibliographiiche Novität.
St. Petersburg, 20. Suli — 1. Auguft 1892.
E. Wolter.
30
. 5 LT IN FL
= A:
30.
Saffenberiht über das XII. Jahr, Oftober 1890/91.
Einnahmen:
1. Übernahme vom Vorjahre in bar und Papier. . . 925,48 ME.
2. Beiträge infl. Nach- und Vorauszahlungen . . . 439,61 -
3. Erxtra-Einnahmen:
a) Binien . . . : A 2,93 =
b) Beihilfe des oftpreuf, Sanbtages, obrüglich Porto 299,70 =
c) Durch Berfauf von Schriften . . 2 2 2.2.2.7 9320 ⸗
Summa 1760,92 Mt. —
Ausgaben:
1. Verwaltung (Briefe, Schriftenverſand, Beſtellgeld,
Botenlöhne, Materialien, Annoncen, kleinere Druck—
ſachen) . ... ...... 240,11 Mi.
2. Bibliothek inkl. Buchbinderarbeiten u Gr 8155 >
. Honorare für willenjchaftliche Arbeiten . . . . . 58,00 =
4. Herausgabe von Schriften:
Mitteilungen, Heft XV, Rate HI . 88,79 ME.
⸗ .e XVl. . . . . 31130 =
Summa 779,75 ME,
Bilanz: Einnahmen: 1760,92 ME.
Ausgaben: 779,75 =
Beitand: 981,17 ME,
wovon 500 ME. als Ergebnis lebenslänglicher Beiträge noch als eijerner
Beitand auf der Sparfaffe; barer Beitand mithin 481,17 ME.
00
400,09 =
Tilſit, den 15. Oktober 1891.
Dr. F. Siemering,
Schagmeifter der Litauiſchen fitterariichen Geſellſchaft.
9 0 2 05
— 67 —
31
Zur Geſchichte der Geſellſchaft.
Das dreizehnte Geſchäftsjahr begann mit der Hauptverfammlung
am 15. Dftober 1891. Bunächft verlag der Schriftführer, Herr Real-
gymnaſiallehrer Kantel den Sahresbericht. Er teilte mit, Daß die Geſell—
ſchaft 194 Mitglieder zähle, darunter 3 Ehrenmitglieder und 7 korreſpon—
Dierende, gedachte auch der in dem letzten Sahre verftorbenen 9 Mit-
glieder; e3 jeien darunter Männer, deren Verluſt nicht nur unjere
Geſellſchaft, Sondern auch die Wiffenfchaft oder unfere Provinz zu beflagen
habe, nämlich:
1. der Oberpräfident der Provinz Dftpreußen Dr. v. Schliedmann,
. Brofefjor Bujack in Königsberg,
. Geheimrath Prof. Dr. v. Mitlofih) in Wien,
. Gutsbefiger Matthias-Grof-Brittannien,
. Zeutnant Freiherr v. Keudell-Demmin,
. Zandrichter Nifolaisfi-Tilfit,
. Hauptlehrer a. D. Nichter-Tilfit,
. Plarrer Sturies in Kaufehmen,
9. Seminarlehrer Skodlerrak-Ragnit.
Nachdem die Verſammlung das Andenken der Abgeſchiedenen in
üblicher Weiſe geehrt hatte, berichtete der Schriftführer über die Thätigkeit
und die Berhältniffe der Gejellichaft folgendes:
Wir haben ein Heft der Mitteilungen, das 16., 6*/a Bogen ſtark,
im Druck hergeſtellt, welches im Laufe des September den Mitgliedern
zugegangen iſt. Für das nun begonnene Jahr haben wir insbeſondere
zwei Unternehmungen im Auge: erſtlich die Herſtellung eines gedruckten
Kataloges unſerer Bibliothek, und zweitens die Herausgabe der Gieſmu
Balſai, der Sammlung der litauiſchen Choralmelodieen, der Frucht einer
jahrelangen fleißigen Arbeit unſeres früheren Vorſitzenden, des Herrn
Superintendenten Hoffheinz, welche in der Handſchrift faſt druckfertig
vorliegt, und die als geiſtliche Nationalgeſänge das Seitenſtück zu den
Dainu Balſai von Chriſtian Bartſch bilden. Es wird nur von den uns
30*
OO 1 OU DD MD
— 4685 —
zur Verfügung ftehenden Geldmitteln abhängen, ob beide Arbeiten im
nächften Sahre zum Drucd gelangen werden. Der Vorftand wird zu
dieſem Zweck ſich um eine Unterftügung an den Landtag unferer Pro—
binz') und an Se. Erzellenz den Herrn Minifter wenden und hofft, daß
beide Behörden uns das gleiche Wohlmwollen wie bisher bemeifen werden.
Unfere Bibliothef umfaßt zur Zeit 777 Bände unter 709 Nummern.
Der Zuwachs im Vereinsjahr 1890/91 beträgt 51 Bände; davon find
7 Bände als Gefchenfe, 11 dur Anfauf, 33 im Schriftenaustauich
binzugelommen. Ebenſo haben unfere Sammlungen eine beträchtliche
Bereicherung erhalten, teils durch Anfauf, noch mehr durch Geſchenke.
Allen dieſen Förderern unſerer Beftrebungen jprechen wir auch an dieſer
Stelle unjeren herzlichen Danf aus und fnüpfen daran die Bitte um
gütige Überweifung geeigneter Gegenstände; auch bitten wir, bei allen
Funden genau auf den Fundort und auf Nebenumftände zu achten, da
dieſe oft erjt den richtigen Maßſtab für die Wertfchäßung des Fundes
ergeben.
Hierauf hielt der VBorfigende, Prof. Preuß, den Vortrag über Die
Geſchichte der Wafferftraßen in der Memel-Niederung, welcher in dieſem
Heft in etwas erweiterter Gejtalt mitgeteilt iſt. Als die ſehr zahlreich
beſuchte Verſammlung ſodann zu der Neuwahl des Vorſtandes ſchritt,
erklärte der bisherige Schriftführer, Herr Kantel, daß er wegen Über-
lajtung mit Arbeit genötigt fei, eine Wiederwahl für feine Perſon abzu-
lehnen. Wenn auch die Verfammlung feinen Gründen ihre Zuftimmung
nicht verjagen fonnte, jo war doch das Bedauern über dieſe Notwendigfeit
groß und allgemein und in der That im höchſten Grade berechtigt. Wir
fünnen e3 daher auch an diefer Stelle nicht unbezeugt laffen, daß Herr
Kantel durch feine unermüdliche Arbeitskraft, Durch feine rajtloje Teil-
nahme an aller Arbeiten der Gejellichaft, durch feine gefchäftliche Um—
ficht und Erfahrung die Zwecke der Gejellichaft in muſtergültiger Weiſe
gefördert und die höchjte Anerkennung erworben hat. Wir fonnten aud)
1) Mittlerweile hat der Landtag der Gefellihaft für das Jahr 1892/98 eine
Unterftügung von 300 M. bewilligt.
— 469 —
nur hoffen, ihn zu erjeßen, weil er freiwillig fich bereit erklärte, Den
Borftand auch ferner, jo oft es begehrt würde, mit feinem Rat und
feiner Erfahrung zu unterftügen. Bei der jodann vorgenommenen Neu—
wahl wurden in den Vorstand gewählt: die beiden bisherigen auswärtigen
Mitglieder, Die Profefforen Dr. A. Bezzenberger und Dr. 8. Loh—
meyer in Königsberg, und die fünf Tilfiter Mitglieder: Prof. Preuß
(Borligender), Pfarrer Stein (Schriftführer), Realgymnaliallehrer Dr.
Siemering (Schagmeifter), Kreisihulinfpeftor Schwede (Bibliothefar)
und Eymnaſiallehrer Kurjchat.
Der nächſte Punkt der Tagesordnung, die Reviſion der Kaſſen—
rechnung und Entlaſtung des Schatzmeiſters, wurde wegen der vorge—
rücten Zeit auf die nächſte Verfammlung vertagt. Zum Schluß wies
Dr. Siemering, welcher die Sammlung der Altertümer unter feiner Auf-
ficht Hat, einige neue Yunde aus der Gegend von Coadjuthen dor, eine
Streitart von Bronze und einige Steinbeile, und gab dazu Erläuterungen.
Sn der nächſten Monat3-VBerfammlung, am 19. November 1891,
gab zunächſt Herr Baurat Schlichting einige danfenswerte Ergänzungen
zu dem früheren Vortrage (Geſch. der Waſſerſtraßen in der Memel-
Niederung), welche bei dem Abdrud verwertet worden find. Sodann
brachte Herr Kreisichulinipeftor Schwede eine Fortjegung früherer Vor—
träge „Zur Gejchichte der Kirchen im Kreife Tilfit”, und zwar als dritten
Teil eine Gejchichte des Kirchſpiels Piktupönen, auf Grund einer hand-
Ichriftlichen Chronif: Corpus bonorum oder Hauptbuch von 1724 bis
heute. Gegründet tft die Kirche im Jahre 1574; die Gemeinde umfaßte
26 Banerndörfer, von welchen feitdem manche gänzlich verjchollen find.
Außer dem jeßigen Kirchſpiel Piktupönen gehörte dazu noch ein Teil
des jebigen Kirchſpiels Nuden. Der erite Pfarrer war ein Schneider
ohne theologische Bildung, der hald nach) Rukland auswanderte. 1574
wurde die erſte Kirchen-Viſitation gehalten durch den befannten Ießten .
famländifchen Bifchof Tileman Heßhuſius. Erſt der zweite Pfarrer,
Andreas Patſchke, war ein Theologe Im Sahre 1678 wurde das
Kirchipiel von den Schweden ausgeplündert; 1690 ward eine Orgel für
— 40 —
700 Gulden angejchafft. Es wird in diefer Zeit öfter vom Konſiſtorium
eingejchärft, daß Pfarrer und Küfter nicht „auf Petition fahren“, d. 5.
nicht freiwillige Gaben aus der Gemeinde einfammeln jollen. Die litauifche
und deutſche Gemeinde waren damald ohne Zuſammenhang, hatten jede
bejondere Borfteher. Im fiebenjährigen Kriege, als die Kofafen plün-
derten (1758), famen 600 Menjchen um. Im Sahre 1766 wurde die
Filiale Tauroggen abgezweigt, welche feit 1701 zu Piltupönen eingepfarri
war. (Die litauifche Herrichaft Tauroggen, ein Befig der Familie Radzi-
will, Heute rujjiich, war von 1687—1793 preußiiches Gebiet.) — Im
Sahre 1807 war der Pfarrer Hafjenftein im Amt; er hat auch über
jeine Amtsführung berichtet, aber feider faſt nichts über die interefjantefte
Zeit, nämlich den Aufenthalt Friedrich Wilhelms und der Königin Luife
in dem Dorfe, wo auch Katjer Alexander und andere fürftliche Perſonen
damals öfter zu Beſuch erichienen. Vom Dezember 1812 wird das
Scharmüßel bei Piktupönen zwiſchen Ruſſen und Franzoſen erwähnt.
Ruſſiſche Gefangene, welche in die Kirche gejperrt waren, zerjtörten die
Orgel, welche exit 1820 wiederhergeftellt wurde. — Im Jahre 1830,
am 16. November, wurde der ganze Barbeftand der Kirche und Schule
geftohlen. Seit dem Jahre 1848 machen baptiftifche Sendlinge dem
Pfarrer viel Not. Auf Hafjenftein folgte der Pfarrer Müllner, welcher
vorher 16 Jahre Präzentor, dann Pfarrer in Schafuhnen gemejen war.
Auch er hatte viel über Störung durch die Baptijten zu flagen. 1853
wurde der Turm gebaut; bis dahin hatte die Kirche feinen. 1863, im
uni, bejuchte der Kronprinz Friedrich Wilhelm das Dorf und die Kirche,
wegen der Erinnerungen an den Aufenthalt feiner Großeltern dafelbft,
und gewann durch fein leutſeliges Wejen ganz und gar die Herzen der
Litauer, zumal als er fie Yitauifch anredete. Im Kriege 1866 ftarben
9 Angehörige des Kirchipield den Tod fürs Vaterland und 4 im Kriege
1870/71. — Eine ſchwere Zeit war das Notſtandsjahr 1867/68; aber
nie war der Schulbefuch regelmäßiger, weil die Kinder in den Schulen
beipeift wurden. Im Jahre 1880 ftarb der Pfarrer Müllner nad)
53jähriger Amtsthätigfeit. Ihm folgte der noch jet im Amt ſtehende
Pfarrer Hoffheinz (geb. 1837), der 15. im der Reihe. Unter ihm ijt
—
RR
\
— 41 —
viel gethan für die Verfchönerung der Kirche im Inneren. 1882 fand
in P. eine General-Siirchen- und Schul-Bifitation ftatt. 1883 wurden
die Reallaften abgelöft. Erwähnenswert ift noch, daß in älteren Seiten
dem Pfarrer und dem Präzentor zumetlen ganze Wiejen oder der „ver
ſchwunden“ find. — Zuletzt berichtete Herr Gymnaſiallehrer Kurjchat
über eine Schrift de Herrn Prof. Bezzenberger „Geologijches und
Ethnographifches aus dem Pillfaller Kreife” (ein Teil der „Statiftifchen
Beichreibung” dieſes Kreifes von Herrn Landrat Dr. Schnaubert). Ob
dDieje Gegend in altpreußiicher Zeit zu Nadrauen oder zu Schalauen
gehört Habe, ift zweifelhaft. Das Gebiet war jehr dünn bevölfert. Die
in den Wegeberichten vorkommenden Orte find nicht nachzumeilen.
Zwiſchen 1370 und 1380 fam das Land unter die Herrichaft des Ordens.
Die Hennenbergerſche Landtafel zeigt den größten Teil noch als einen
. geoßen Wald; außer Billfallen werden nur die Dörfer Schirwindt,
Lasdehnen und zwei andere angegeben. 1582 wurde die Kirche in Pill-
fallen erbaut, Diefer Drt wurde 1724 zur Stadt erklärt, Schirwindt
im Sahre 1725. Im Sahre 1736 zählte man im SKreife 369 deutfche
und 707 litauiſche Familien. Die Südgrenze des Kreijes ift zugleich
die Sprachgrenze zwilchen Süd-Litauen und Nord-Litauen. Weiterhin
berührte der Bericht die Erklärung des Namens PBillfallen (= Schloß—
berg), ſowie die Kirchen- und Schul-Einrichtungen. Zum Schluß wurde
bemerkt, daß „Geologiſches“ eigentlich in der Schrift nicht zu finden fei. —
Die nächſte Monats-Verſammlung am 10. Dezember 1891 wurde
in Ragnit gehalten; fie war zwar nur von wenigen Tilfitern, aber defto
zahlreicher von Mitgliedern und Gäften aus Ragnit befucht. Hier hielt
Herr Gymnaſiallehrer Lukas aus Tilfit einen Vortrag: „Ragnit unter
ruſſiſcher Herrſchaft“. Wir hatten mit diefer Sigung den gehofften Er-
folg, die Teilnahme für unſere Geſellſchaft auch in unferer Nachbarftadt
wiederum aufs neue anzuregen. —
Sm Sahre 1892 fand die erjte Berfammlung ani 25. Februar ftatt
und brachte einen Vortrag des Herrn Gymnaſiallehrer Kurſchat; er be-
richtete über das Buch von Aug. Leskien „Die Bildung der Nomina
im Litauiſchen“; danach \prad) Herr Dr. Siemering über „Bronzefunde
— 472 —
j
in Weftpreußen” auf Grund einer Arbeit des Herrn Dr. Liffauer-Danzig.
Es werden für Weftpreußen vier Perioden aufgeftellt: 1) die frühe
Bronzezeit, etwa 1450—1250 v. Chr, 2) die alte Bronzezeit, etwa
1250—900 v. Ehr., 3) die jüngere Bronzezeit, etwa 900—550 v. Chr.,
4) die jüngjte Bronzezeit, etwa 550—400 v. Chr. Um die lebte Zeit
beginnt das Eifen hervorzutreten. Die ſehr zahlreichen Funde in Weft-
preußen ermöglichen ſchon heute ein ziemlich deutliche® Bild von der
fortjchreitenden Bronze-Kultur. Bronzen find teil von Aſien hierher
gefommen, teils von Süden her, insbejondere durch den Handel mit den
Römern, teil auch von dem weftlichen Deutichland. Außerdem hat e3
aber eine fehr frühe Bronzezeit in Skandinavien gegeben, von wo viele
Gegenftände auf das Feſtland gelommen find. Allmählich fertigte man
auch im Lande jelbit Gegenftände an, Werkzeuge, Waffen, Schmuckſachen.
Sehr ſchöne Abbildungen illuſtrierten die einzelnen Perioden, während
der Hinweis auf Münzenfunde auch gewiſſe Zeitbeſtimmungen möglich
macht. Von großem Intereſſe iſt der immer deutlicher werdende Nach—
weis, daß in unſerem Norden der Menſch mindeſtens ſchon zweitauſend
Jahre v. Chr. gelebt hat. —
In der folgenden Verſammlung am 24. März gedachte der Vor—
ſitzende zuerſt eines kürzlich verſtorbenen Mitgliedes, des Apothekers
Settegaſt aus Heydekrug, welcher ſich eine bleibende dankbare Erinnerung
bei dem Verein erworben hat, indem er durch Teſtament ſeine wertvolle
Altertümerſammlung unſerer Geſellſchaft zugewieſen hat. Sodann hielt
Herr Oberlehrer Knaake einen Vortrag über die Geſchichte und Bedeu—
tung des Tugendbundes und im beſonderen über die Beziehungen der
Brüder Schenkendorf zu dieſem Verein. Gegründet iſt der Tugendbund
im Jahre 1808 zu Königsberg. Edle, vaterlandsliebende Männer traten
zuſammen, um durch Wort und Beiſpiel Humanität und Vaterlandsliebe
zu wecken und ebenſo der ſchrecklichen leiblichen Not der Armen, als der
verzweifelten oder gleichgültigen vaterlandsloſen Geſinnung der höheren
Stände entgegenzuwirken. Der Verein nannte ſich übrigens anfangs
nicht Tugendbund, ſondern Jugend-Verein oder Geſellſchaft zur Übung
öffentlicher Tugenden, oder auch Sittlich-wiſſenſchaftlicher Verein. Er
— 473 —
war fein geheimer Orden; ein Antrag, eim äußeres Ordenszeichen ein-
zuführen, verurjachte einen harten Zujammenftoß mit der Freimaurerloge,
der viele der Mitglieder angehörten; der Antrag wurde eben deshalb
und auch aus Rückſicht auf Napoleon abgewiefen. Der ſpätere Kriegs—
miniſter v. Boyen gehörte dem Bunde an; andere hochitehende Männer
gaben wenigſtens Zuftimmung und Unterftügung. Die Aufgaben waren:
Gelunde Erziehung der Jugend, Bolksbildung, Verbreitung einer gefunden
geiftigen Nahrung und Abhilfe der Leiblichen Not des Volkes. Dffent-
liche Belehrungen, maßvolle Beluftigungen, Scheiben und Freiſchießen,
Turnen, Schwimmen, Berbreitung guter Zeitſchriften, Speijeanitalten,
Arbeitsbeihaffung für die Armen follten die Mittel zur den vielerlei,
nach heutiger Erfahrung etwas zu vieljeitigen Zweden jein. Haupt—
und Nebenvereine wurden im ganzen Zande verbreitet. Als Preußen
durch feine Haltung im Sahre 1809 aufs neue Napoleons Zorn erregt
hatte und der König Urjache Hatte, den Argwohn des franzöftichen
Kaiſers auf jede Weiſe zu bejchwichtigen, wurde der Tugendbund durch)
föniglide Kabinettsordre aufgelöft. Merkwürdig war, insbefondere für
Königsberger, die Bemerkung, daß die noch Heute beitehende Deutiche
Neffource in Königsberg gewiffermaßen ein Kind jenes Bundes ilt;
denn dieſe Geſellſchaft it im Sahre 1810 von 22 ehemaligen Tugend»
bündlern fogleich nach der Auflöjung des Bundes gegründet worden. —
Was nun die Beziehungen SchenfendorfS zu dem Bunde betrifft, fo
findet man ihn in den meisten Lebensbeſchreibungen als einen der Gründer
oder der erjten Mitglieder genannt. Seine damalige Anweſenheit in
Königsberg, feine ganze Geiftesrichtung machten jeine Teilnahme wahr-
Iheinlich, und die Annahme fchien urkundlich betätigt zu werden durch)
eine in K. noch vorhandene Mitgliederliite, worin der Name „v. Schenfen-
dorf-Neſſelbeck“ ich findet. Aber nach der Unterfuchung des Vortragenden
ift eriwiejen, daß damit Karl v. Schenfendorf, der Bruder des Dichters,
Offizier in Königsberg, gemeint tft, der von Boyen für den Verein ge-
wonnen war, daß dagegen Max v. Sch. dem Bunde förmlich nicht an—
gehört hat; doch mag er, wie viele andere, außerhalb dafür gewirkt haben.
— Darauf teilte Herr Realgymnaſiallehrer Kantel ein (nur noch in
— 44 —
wenigen Abdrücken vorhandenes) Gedicht von Simon Dach mit, welches
in 244 Alexandrinern die Stadt Tilfit bei ihrem 100jährigen Jubiläum
im Sahre 1652 beglüdwünfcht und lobpreiſt. Das vorgelegte Exemplar
ift von dem Eigentümer, dem Tilfiter Kaufmann Herrn Gohl, der Biblio-
thek unferer Geſellſchaft als Geſchenk überwieſen worden.
In der letzten Verſammlung am 28. April berichtete zuerſt Herr
Profeſſor Gräter über die letzten Jahrgänge der „Meluſine“, der Pariſer
Zeitſchrift für Volkskunde. Dieſe Jahrgänge beſchäftigen ſich beſonders
mit den ſlaviſchen Volksſtämmen. Zwar das eigentliche Litauen ift darin
nur wenig berührt, nur in einer Kritif über das Buch des Dr. VBeden-
ftedt „Über zemaitifche Volfsfagen*. Im diefer Kritik (oder Replik auf
eine Verteidigung des Verfaſſers) urteilt unjer Mitglied Dr. Kartowicz-
Warſchau, der befannte Herausgeber der Beitjchrift „Wista“, über das
genannte Werk wiederholt jehr ungünjtig und weiſt dem Berf. Mangel,
an wifjenichaftlihem Berfahren und Unzuverläffigfeit nach (vgl. Mittel.
Heft 16, ©. 416). Sehr lobend werden dagegen die Arbeiten von
Meinhold in Berlin erwähnt. Den breitejten Raum nehmen eine Reihe
Auffäge ein über Fascination, d. h. den Glauben an Zauberei, woran
alle Völker, gebildete und ungebildete, alter und neuerer Zeit, bis heute
Anteil haben. Im Mittelalter waren bejonders die Finnländer als ge-
borene Zauberer berufen. Es werden dann berühmte Zauberer namhaft
gemacht von Abraham an: Orpheus, Ariſtoteles, Birgil, Simon Magus
bis auf Albertus Magnus, Fauſt und Caglioftro; desgleichen die Zau-
berinnen von Medea an. Eine andere Abhandlung behandelt die Sage
bon zwei ineinander verjchlungenen Bäumen, die al$ Die Seelen von
zwei unglädlichen Liebenden gedeutet werden; eine Sage, die jehr ſchön
von Gottfried von Straßburg in Triftan und Iſolde behandelt ift, Die
fi) aber ganz ähnlich in China und bei den Kufjen wiederfindet. Ferner
ift befprochen die Fraternifation, die Ceremonie des Brüderjchafttrinfeng,
die heute wohl noch bei den Studenten mit einer gewiljen Feierlichkeit
Brauch if. Diefe Sitte hat aber urjprünglich einen religiöfen Hinter—
grund und kommt als Blutbrüderjchaft in alten und neueren Zeiten vor;
fo nach; Herodot bei den Schthen, nach Tacitus bei den Völkern am
— 45 —
Kaukaſus, noch heute bei den Negern und bei den Ruſſen in den Kirchen
als eine Verbrüderung der Popen. Hier erinnert der Berfafjer an eine
Szene bei der befannten Begrüßung der franzöfifchen Marine-Dffiziere
in Kronftadt im Jahre 1890, wobei der Bürgermeifter die Verbrüderung
der ruffifchen und der franzöfifchen Nation mit ruſſiſchem Ceremoniell
feierte, eine Anfpielung, die von den Franzoſen zwar nicht ganz ber-
ftanden, doc mit Begeifterung aufgenommen wurde. Intereſſant iſt
endlich noch eine griechiiche, angeblich alte Weisfagung, welche bei der
Bermählung des griechichen Kronprinzen (1889) neu auflebte, nämlich
daß das Ende der Türfenherrichaft und die Wiedergeburt des griechijchen
Reiches bevorſtehe, wenn ein KRonftantin eine Sophia heiraten werde: —
Es folgte der zweite Vortrag von Herrn Gymnaftallehrer Naft „Über
die Eigentümlichkeit der litauiſchen Volksmuſik“. Auf Grund der Samm-
lung Dainu Balfat von Chriftian Bartſch (Heidelberg, Winter, 2 Bände
1886 und 1889) hatte der Vortragende eine jehr anjprechende muſika—
liihe Studie entworfen. Eigentümlich ijt den litauiichen Dainos erſtlich
die Seltenheit des Auftafts; es finden fich in der Sammlung nur
51 Lieder mit Auftakt gegen 247 ohne Auftakt. Die Urfache findet
der Redner in der geringen Zahl von einfilbigen Wörtern im Litauifchen,
während in der deutſchen wie in der franzöfiihen Sprache etwa ſechzig
Prozent aller Wörter einfilbige find. Alle neueren Sprachen neigen
zum Auftaft. Bekannt ift, wie in allen ſlaviſchen Sprachen, die Bevor-
zugung der Molltonart; die Zahl der Lieder in Moll zu denen in Dur
verhält fich wie 6 zu 1. Auch wechieln die Dainos fehr in der Tonart
und fchließen, ganz gegen die mufifaliiche Theorie, meiſt in einer anderen
Zonart, als fie anfangen. Zuweilen ift Entlehnung von den Nachbarn
merklich, von den Polen, von den Koſaken, einiges auch von den Deutichen.
Es jcheint, daß Chopin einige fehr eigenartige Weiſen, 3. B. das Früh—
ling3lied, von litautichen Dainos entnommen habe. Zum Schluß wurde
noch auf die glüdliche Bearbeitung einiger Dainos als Quartettgeſang
durch den Mufikdireftor Wolff in Tilfit hingewieſen. Der Vortrag
wurde in jehr amjprechender Weife durch Benutzung eines Klaviers und
durch Geſang belebt und erläutert. —
— 46 —
Zur Erledigung der‘ gejchäftlichen Angelegenheiten fanden in der
Beit dom 11. Dftober bis zum 18. Mat 1892 fieben Situngen des
Borftandes Statt. Prof. TH. Preuß.
a N ae ee ——
32.
Fitterafur-Beriht.”)
Litauiſche Zeitungen.
1. „Nuſidawimai apie Ewangelijos Braplatinimq” (Lit.
Miſſionsblatt), Königsberg (Oſtpr. Verlags-Druckerei), monatlich.
einmal. Red.: Pfarrer Penſchuck (Mehlauken).
2. „Lietuwißka Ceitunga“, Memel (Holz & Szernus) wöchent⸗
lich einmal. —
3. „Tilzes Keleiwis“, Tilſit Reyländer & Sohn), wöchenuch
zweimal. Red.: Pfarrer Stein.
4. „Konzerwatygwu Draugyſtes-Laißkas“, Prökuls (Trau—
ſchies),, wöchentlich einmal. Das Beiblatt führt den Namen
„Keleiwis“,
5. „Pakajaus Paſlas“ — „Sriedensbote", Memel (Siebert),
halb litauiſch, halb deutſch, wöchentlich einmal, Organ des ſogen.
„Oſtpr. Gebetsvereins“ (Chr. Kukat).
6. „Vienybe Lietuwniku“, 7. Jahrgang, Plymouth, Penn—
iylvanien, wöchentlich einmal. Red.: Milufe.
7. „Saule“, Mahanoy City, Pennſylvanien, 5. Jahrg. wöchentlich
einmal. Red.: Boczkauskas. |
8. „Varpas“, Tilftt, bisher M. Jankus, monatlich einmal, zuleßt
erschienen Nr. 6, 1892. An v. Mauderode übergegangen.
9. „Ukinikas“, Tilfit, bisher M. Jankus, monatlich einmal, zuleßt
erjchienen Nr. 7, 1892. An dv. Mauderode übergegangen.
19. „Apzvalga“, Tilfit (vd. Mauderode), monatlich zweimal.
*, Die mit W. oder S. unterzeichneten Bemerkungen find bon den Herren
Dr. €, Wolter: Petersburg bezw. J. Sembrzycki-⸗Memel.
As
11. „Rauja Lietumwi ßka Geitunga“, Zilfit (v. Mauderode),
wöchentlich zweimal.
12. „Alywu Lapai—, Tilfit (Neyländer & Sohn), wöchentlich einmal,
Red.: Pfarrer Strud (Wießen).
Akten, herausgegeben von der Wilnaer Archäographiichen Kommiffton.
Bd. 18. Aktenſtücke über das altlitauifche Kopengeriht. Wilna, 1891.
Die Einleitung über die altlitauifjhe küpa, kopa (nad) Szyrwid kupa,
küpa, Berfammlung) — füdruifiih gromada, nordruffiih vöce iſt von Joh.
Sprogis verfaßt. — Im ganzen werden 448 Aftenftüde über die Kopa mil-
geteilt. W.
Amelung, F. Die alt-livländ. Landvermeſſung mit Bezugnahme auf
die Agrarverhältniſſe der Ordenszeit. Sitzungsberichte der gel.
eſthn. Gef. z. Dorpat 1888. ©. 171—200.
Anderjon, Nicolai. Studien zur Vergleich. der ugrofinniichen und
indogermanischen Sprachen. Dortat 1891. Inaugural-Differtation.
Apgodoszona s. Weronika nustauc Wajgu Pestitojam.
Ohne Drt und Sahr (Krakau, 1891). 16°, 16 pg. 1 Iluftration.
Archiv für flaviiche Vhilologie, herausgegeben von V. Jagic.
Berlin. 14: Band, 1--3. 1891.
Dr I osef Horäk. Die Formen des Präſensſtammes der Verba
P ‚III. Slaffe, 2. Gruppe trupeti (jowie des Yitauifchen myliu, myleti). 1. Heft,
©. 152-155.
— A. Brückner. Mythologiſche Studien. III. (Heft 2) ©. 161—191.
Auf S. 179—180 ift Speziell von dem Kult der Hausfchlangen bei Slaven
und Litauern die Nede, auf ©. 187 von den Kaufen, während der übrige Teil
des Auffages vorzüglich von der ſlaviſchen Götterwelt und Diugosz Zeugnis
über den Götterglauben der Polen handelt. — Auf ©. 480 ift ein kurzer Ne—
krolog des ruſſiſchen Sprachforfchers und Ethnologen A. Potebnja zu finden. W.
Baltramaitis, Silvester. Sammlung von bibliographifchen Ma—
terialien zur Geographie, Ethnographie und Statiſtik Litanens.
Mit Hinzufügung eines Verzeichniſſes der litauifchen und altpreu—
ßiſchen Bücher von 1553 bis zum Sahre 1891. ©t. Petersburg,
1891. Sonderabdruf aus dem 21. Bande der Memoiren der.
Kaiſ. Ruf. Geogr. Gefellichaft, ethnograph. Abteilung.
Das Buch beiteht aus 2 Teilen, von denen jeder beionders paginiert ift.
Der erite Teil umfaßt folgende Abteilungen: I. Geographiiche Litteratur Lis
— 4718 —
tauens. S. 1—15. — II. Reifebefchreibungen und Karten, die fih auf Litauen
beziehen. ©. 16-80. — III Archäologie und Paläontologie Litauens.
©. 31—43. — IV. Die hiftorifcheethnographifche Litteratur. S. 43—124 und
243. — V. Ethnographie ©. 125—165 und 246. — VI, Litauiſche Sprache.
166—197 und 247, — VII Landwirtfhaft. ©. 198—206, — VIII. Statiftif
von Weitrußland. ©. 207—232. — IX. Ethnographiſch-hiſtoriſche Belletriftik.
©. 233—238. — Nachträge 238—247. — Indices. 238-247. — Die Bei—
lage, das Verzeichnis Titauifcher Schriften von 1553 bis 1891, ift dem Herrn
Geheimrat Af. Th, Byckow gewidmet, dem Akademiker und Direktor der kaiſer—
lichen öffentlichen Bibliothef zu St. Petersburg, welcher die Erforſchung des
litauiſchen Volkes in der Geographiſchen Geſellſchaft ſtets warm befürwortet und
unterftüßt hat. Baltramaitis’ Verzeichnis beiteht aus 1352 Nummern. Es ift
zu wünſchen, daß jemand es unternehme, ein Verzeichnis der litauiſchen Pſeudo—
nyme und Ochriftitelernamen zu verfertigen, wobei beſonders Rückſicht zu
nehmen märe auf die litauifchen Zeitungen und ihre Mitarbeiter. Manchen
guten Namen und tüchtigen Schriftiteller neuerer Zeit fucht man im alphabes
tiſchen Verzeichnis der Autoren und UÜberjeger auf ©. 95 und 96 vergeben?.
Antanas isz Bugnu, der, wie im lettiichen Konverſationslexikon von Draw-
neeks in Mitau ©. 297 mitgeteilt wird (vergl. aud) das über die Vienybe
Lietuvniku Gefagte), folgende Dorfgeichichten gefchrieben hat: Kiemo moks-
linycezia, Ugnis negesinoma iszsipleczia, Musu ponai, Iszpera, Baczkele,
Briczka, Kas kaltas u. |. w. und zu den beiten Erzählern neuerer Zeit ge=
hört, fehlt bei Baltramaitis. Ebenſo find die neueiten Arbeiten und Dich-
tungen bon W. Bewardis unerwähnt gelafjen, in Ar. 51 und 52 der Vienybe
erihienen auf ©. 607—612 und 618-622: „Kupiszkis ir kupiszkenai‘“,
ſowie früher die Dichtung „Rudeniop. Paveiksielis isz tèvynès budu“.
Bon Dowkont ift es bekannt, daß er abfichtlich verichiedene Pſeudonyme an-
nahm, um die Zahl der Yitauifchen Schriftfteller zu vermehren, und der Plan
hatte, eine Art Yitauifche Provinzial » Alademie zur Herausgabe litauifcher
Studien und nüglicher Volksichriften zu gründen. Endlid müßten noch Ver—
zeichniffe von litauiſchen Manuffripten veröffentlicht werden, welche in Litauen
und im weiten Rußland zerftreut fi) vorfinden; jo hat 3. 8. Baltramaitis
ſelbſt eine ſehr nützliche überſetzung von Butlerow’s ruſſiſchem Büchlein „Über
die Biere und ihr Leben“ verfaßt. — Leider giebt es zur Zeit noch fehr viel
Yitauifche Schweiger, welche, an verfchiedenen Orten lebend, ein und dasfelbe
Thema behandeln und ihre Arbeiten nicht an die Öffentlichkeit bringen. Außer:
dem fehlt in Baltramaitis Buch ein Index der anonymen Yitauifchen Schriften,
Zeitungen, Bücher und Periodica, die ohne Nennung des Herausgebers er-
Schienen, welde man unter den Stichwörtern Auszra, Apzvalga, Keleiwis,
Wadowas, Kwestorius, Elementorius u. ſ. w. fuchen fönnte, um eine Über-
fiht über die Schriftgattungen zu gewinnen, Mit Hilfe aller folcher Indices
könnte dann das Facit gezogen werden nad) folgenden Geſichtspunkten:
1. Wieviel Schriften erfchienen in jedem Sahrhundert?
2. Wieviel Schriften wurden mit gotifcher (deutſcher), lateiniſcher und ſlavo⸗
ruſſiſcher Schrift gedruckt?
3, Wieviel Periodica find überhaupt erſchienen?
— 479 —
4. Wieviel Schriften find weltlichen, mieviel geiftlichen Inhaltes?
5. Wieviel Nachdrude erfchtenen bis dato?
und endlic wären noch Nachrichten einzufammeln in wie großer Auflage die
berbreitetften litauifchen Bücher herausfanıen. Bei den bibliographiichen Selten-
heiten fehlt die fyftematifche Angabe, ob Unikum, zweifach, dreifach vorhanden
und wie groß alfo der Wert des Buches im Handel zu beftimmen fei. — Ge—
naue Angaben ftatiftifcher Art würden auch am beiten die Frage enticheiden
helfen, welches das Wolfsbebürfnis it, ob mehr gotifche oder lateiniſche
Bettern u. j. w. Verbreitung finden und dem ähnliche. Was den eriten Teil
des Werkes anbelangt, jo wären au bier Zählungen nicht ohne Wert, bejon=
ders deſſen, mas in litauifcher Sprache von Litauern felbit beobachtet worden,
oder was die Ruffen zur Erforſchung Litauens feit den 60er Jahren insbeſondere
gethan. Daß Nachträge und Berichtigungen fich leicht finden lafſen, verſteht ſich
bon ſelbſt. Sedenfalls ijt es eine erfreuliche Thatſache, daß unter den nicht
ruffiihen Völkern Rußlands (des Kaukaſus, der Wolgagegenden, des finnifchen
Nordens, der Oftfeeprovinzen u. |. m.) Litauen immer mehr Gegenftand von
Spezialitudien wird. Der ruffiihe Titel lautet: W.
Battramajtis,S. Sbornik bibliograficzeskij matierialow dla
gieografii, etnografii i statistiki Litwy (Sonder-Abdrud aus
„Zapisok imp. russk. gieogr. obazezestwa*, Bd. XXI). Peters-
burg, 1891 (1892), 8°, VIII, 289, IL, II, 96 pg. — 6 Rubel.
Barbasew,A. Skizzen zur litauiſch-ruſſiſchen Geſchichte des XV. Jahr—
hundert. Witowt — die letzten 25 Jahre feiner Herrſchaft 1410
bis 1430. St. Petersburg, 1891. VII + 340 + 1 nicht num.
Seite. Breig.3" Rubel.
Das Merk befteht aus einer Einleitung, 8 Kapiteln, 3 Beilagen und Index.
Einleitung: Abriß der Geſchichte Litauens bis zum Sahre 1410. ©. 1-33.
‚Rap. I: Die Schlaht am Tannegberge (9). ©. 34—71. — Kap. II: Der
. Frieden zu Thorn (1411). ©. 72—102. — Kap. III: Die Gorodel'ſche Union
— (des Jahres 1414). S 103—124, — Rap. IV: Die iſchechiſche Krone,
©. 125—161. — Kap. V: Uneinigkeit mit den Huſſiten. ©. 162—178. —
Sap. VI: Oſt-Rußland und Die Tataren. ©. 179—202. — Rap. VII: Der
Frieden beim Melino-See (im Sahre 1422). ©. 203-227. — Rap. VII:
Witowt’s Königskrone. S. 238-266. — Beilagen: I. Über die bon den
Nittern ins polnische Lager gefchicten Schwerter. S. 267—271. — II. Über
die Beziehungen der Cronica conflictus Wladislai regis Polonie cum
cruciferis anno Christi 1410 (Script. rer. pr. III 434 u. ff.) zu Dlugosz
(Hist. Polon. lib. XI, ©. 14 u. ff. nad der Ausgabe K. Przezdecki’s).
©. 272—284, — III. Die Chronifalen-Duellen zur Geſchichte Litauens im
Mittelalter. S. 284—8317. — Index der Perfonen- und Ortsnamen (zu=
jammengeftellt von M. J. Barbasev). Drudfehler. — Leider verfehlt und
ſchlecht kompiliert ift das EinleitungssKapitel, ebenfo jollte die Beilage biblio-
— 480 —
graphiſch genauer zuſammengeſtellt ſein. Nach den glänzenden Leiſtungen der |
Polen Hätte die Charakteriftit Witowt’s anziehender gefchrieben werden
können. Ww.
‚ Basanowicz, Apie senoves Lietuvos pylis. Tilfit 1891. Gr. 8%, 55 pg.
Beiträge zur Kunde Eſth-, Liv- und Kurlands, herausgeg. don der
ejthländ. Lit. Geſ. 4. Bd. 2. Heft. Reval. Kluge, 1889.
Bender, Sofeph. De jure et ratione dominationis Pontificum
Roman. in terram gentemque veter. Prutenor. Brunsb. Huye.
Berent, ©. Die Wafler- und Eisverhäftniffe der Memel bei Tiſſit.
(Brogramm des Realgymnafiums zu Tilfit 1892.)
BerSadski, 8. A., Prof. d. St. Petersb. Univ. Die gejellichaftliche
Organifation der Bauern im Groß-Fürftentum Litauen im X VI. Sahr-
Hundert. Mitteilung, gemacht am 24. April 1891 in der 21. all-
gem. Berfammlung der bei der St. Petersburger Univerfität (neu
begründeten) Hiftorischen Geſellſchaft. Ein kurzes Referat Diejer
Mitteilung ift abgedrudt im 3. Bande de „Sbornik's“ der Ge—
jellichaft, herausgegeben unter der Redaktion von Prof. N. Ka-
röjev, 2. Teil, Brotofollbeilage ©. 15—16.
Der ftaatlichen Organifation des Großfürftentumg Litauen waren die charaf-
teriftiichen Eigentümlichfeiten . des weſteuropäiſchen Feudalismus fremd. Die
Bauern waren in überiwiegender Anzahl direkte Unterthanen der Großfürften.
Bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts waren diefelben landbeſitzend wie auch
alle andern Bevölferungsflaffen, fie bezahlten Steuern und-verrihteten gewiſſe
Pflichtarbeiten, d. h. fie gaben 1) „djaklo“, 2) „stacia“ (fieferfen in ber
ſchiedene stany oder großfürftliche Hauptquartiere Fourage und Prodiant für
den Großfürften oder feine amtsgemäßen Vertreter) und waren 3) beihäftigt
mit der Remonte der Baläfte und Regierungsgebäude der joy. stany u ſ. w.
— Referat über die Alten zur Geſchichte der jüdischen Bevölferung
von Südweftrußland vom Ende des 18. Sahrhunderts, heraus—
gegeben von J. J. Kamanin. (Archiv des ſüdweſtlichen Rußlands
Band V, Teil 2. In 2 Lieferungen.)
Unter den von Kamanin veröffentlichten hebraifchen VBolfserzählungen ift die
vom Sahre 1764, nach der Meinung des Referenten, befonders wahrheitsgemäß.
Referent, befannt durch feine Arbeiten über die Gefchichte der Titauifchen
Hebräer und litauiſcher Kechtsgefchichte, fand Entgegnung don Seiten Mja-
kotin’s, der auf die Unrichtigfeiten der Hebräererzählungen hinwies. Auszüge
aus Neferat wie Entgegnung find zu finden in dem oben citierten Organ der-
jelben Gefellichaft, pag. 17—21. W.
— 481 —
Bezzenberger, Prof. Dr. Adalb. Vergleichendes Wörterbuch der
indogerman. Spr. von Aug. Fi. 4. Aufl. 1. Teil. Göttingen,
Vandenhöck & Ruprecht.
— Kritik über A. Leskien, Die Bildung der Nomina im Litauiſchen.
(D. Lit. Ztg. XIII, 6.)
Bielenſtein, Dr. A. Welches Volk hat an den Küſten des Rigiſchen
Meerb. und in Weſt-Kurland die hiſt. Priorität, die indogerman.
Letten oder die mongol. Finnen? (Balt. Mon. 36. Bd. ©. 87— 108.)
Bielinski, Jözef, Dr. Cesarskie Towarzystwo lekarskie wi-
lehskie, jego prace i wydawnictwa 1805—1864. (Sonder⸗
Abdrud aus „Pamietnik Towarzystwa lekarskiego warszaw-
skiego“; Warjhau 1890.) 8°, 119 pg.
Geſchichte des Wilnaer medizinischen Vereins, feiner Wirkſamkeit und Schriften,
die vieles für Litauen Wichtige enthalten. S.
Bötticher, Ad. Die Bau- und Kunftvenfmäler der Provinz Oſtpreußen.
Königsberg 1. Pr. Zeichert. Heft I. Das Samland. 1891.
Brjancow, P. Oczerk driewniej Litwy i zapadnoj Rossii.
Wilna, tipogr. A. Syrkina, 1891. 8°, 150 pg. — 60 Kopeken.
Brüdner, Prof. U. Lituanica. (Archiv für flav. Philologie XIII,
212—24, 311—14)
Chriſtiani, T. Beiträge zur Geſch. Livlands während der Regierung
—— XI. (Balt. Mutsſchr. herausgeg. von. Weiß, 38. Bd. 2. Heft.)
D arg gel, Dir. Mar. Bericht über die Feier des 5Ojähr. Jubiläums der
z Anftalt. (Brogr. des Königl. Realgymn. zu Tilfit 1890.)
Dedelew, A. Freien und Hochzeit bei den Litauern der Sesik’jchen
Woloſt' des Wilkomir'ſchen Kreiſes. (Kownoer Adreßbuch. A. Abt.
S. 182—186.)
Dowgird, Tadeusz. Wiadomoste o wyrobach z kamienia
giadzonigo, znalczionych na Zmudzi i Litwie (im „Pamietnik
fizyograficzuy‘“, Bd. X, Warſchau 1890).
Schägenswerte Arbeit über in Litauen und Zemaiten gefundene Steingeräte
(561 Nrn. im Wilnaer Mufeum), Perkuno kulkos, Laimes papai. — Rec.
im „Kwartalnik Historyczny‘‘, 1892, pg. 561 - 566.
31
sr AB
Dubiecki, M. Car Alexy Michajlowicz na Litwie, fragmer
dziejowy z XVII w. („Przeglad powszechny“, Srafau 189
Februar- und Märzheft.)
„Ktnografieskoje Obozrönije.“ Ethnographiſche Revue, be
ausgegeben von der ethnograph. Sektion der Moskauer Gejelljcha
der Liebhaber von Naturwiffenfchaften, Anthropologie und Ethnı
graphie unter der Redaktion des Sekretär NR. Jantſchuk.
Sie ift im Jahre 1891 programmgemäß viermal herausgelommen und zeichne
fich Durch reichen Inhalt aus. Sn Nr. 3, ©. 231-234, haben Mecislz
Dowoina-Silwestroviö und M, Boreisa litauiſche Legenden veröffentlich
1, Das Geld und der Cipcukas (— Kipsas, Teufel). 2. Der Aidvarı
(= Aitvaras) — beide aufgelchrieben im reife Ponevez von Herrn Si
westrvid. 3. Der Soldat und der Teufel. 4. Der Zar und die Richter. V
Faminzin, Al. Die Domrs und ihr verwandte Muſikinſtrumen
des ruſſiſchen Volkes: Balalajka, Kobsa, Bandura, Torban, ©
tare. Hiftorische Skizze mit zahlreichen Sluftrationen und Rote
beifpielen. St. Beteröburg, 1891.
Auf ©. 100-101 ift die Rede von der Verbreitung der Kobsä bei d
Litauern nach Bezzenberger und Juszkiewiez. — Szyrwid führt in feine
Lerifon kobsa — polnifd) pandora als Mufikinftrument auf, und bei Jus
kiewiez ift in den „Hochzeitebräuchen” bon dambrajs (dambra) = ruffil
domra die Rede, ——
Giedris, Kaip ingyti Piningus ir Turta. Tilſit 1891. 8°, 40 p;
Örottger, Arth. Lituania. Krakow 1889. (Fol. 6 Zeichn. ur
1 81. Text.) —
Gukowski, K. Alphabetiſches Verzeichnis der Grundbeſitzer di
Kownoer Gouvernements. Zweite verbefjerte und verbollftändig
Ausgabe. Kowno, 1889. Hein 8% 576 Seiten.
Die erfte Ausgabe, redigiert von Jaroslav Brenn im jahre 1882, w
längft vergriffen. Das neue vollftändige Verzeichnis enthält 7754 Yamiliei
und Gutönamen und liefert ein reiches authentifches onomaftifches Material. V
— Adreß-Kalender des Kownoer Gouvernement3 für dad Jahr 18%
Kowno, 1891.
Sn der 3. Abteilung find auf ©. 42--86 ftatiftifche Materialien zu finde
in der 4. Abteilung 2 Beilagen: 1. K. Gukowski, Der Kowno'ſche Kreis
phnfiographifcher, ethnographiſcher, wirtſchaftlicher und hiſtoriſcher Hinſich
(S. 87-102.) 2. ©. 105-110 enthalten einige Bemerkungen über Di
Kownoer Dialekt, dem Verfaffer zur Veröffentlichung übergeben von Profefli
.“
”
>
⸗
— 483 - —
Jaunys, der jomit dag Schweigen über die Refultate feiner vieljährigen Beob—
achtungen und Forſchungen gebrochen hat.
Einige Züge der Charafteriftif des Kownoer Dialekts feien bier hernorgehoben,
aber wegen der Details der Lefer auf das Kownoer Adreßbuch felbjt verwieſen,
das jährlich zu I Rubel zu haben ift. —
Betonung und Qualität der Vokale a und e: zum Unterſchied vom Tilſit'ſchen
werden die urſprünglich kurzen Vokale a und e, wenn fie betont find, mittel-
zeitig gefprochen und nicht Yang, 3. B. avi, Sakg, käsg ſtatt ävj, Säka, käsg
acc. s. don ävis, Sakä, kasa. — Sn morphologiiher Hinficht hebt Profefjor
Jaunys folgende 3 Momente hervor:
1) Der Dativ Dualis und Dat. pl. werden im weftlichen Teil des Kownoer
Kreijes promiscue, während im Oftlit. die Dualform ftatt der Pluralforın
gebraucht wird, im Tilſit'ſchen beide unterfchieden find. 2) Sm Sredniki-
Ihen Sirchipiel ſagt man vak (geftern) ftatt vakar, 3) Sm Rothhof'ſchen
(Cervonydvor) Firchfpiel werden die unbetonten Vokale in Silben, welche den
betonten borausgehen, verfürzt. Statt gem.-litauifh jüokai (Scherz) fagt man
hier jüukai; jtatt akdotai — aktıtai. Noch mehr Eigentümlichfeiten hat der
Kownoer Kreis in lerifalifcher Hinfiht aufzumeifen. Statt isdupa (Höhlung
im Baumftamme) jagt man in Kowno und Umgegend duoba; ftatt des Tilfiter
gendti (einen Baum äfteln) fagt man Sakas skabyti; ftatt des Tilfiter
guiniöju, niederlit, gainiöju, heißt es im Welion'ſchen ganioju und gai-
nioju; ſtatt maita (Nas) in Dobeiki, im Wilfomir’fchen muita, nieberlit.
striktas heißt e3 in Kowno und um Rothhof püolena. Statt nieberlit lia-
kimis (Wehre, Verzäunung im Fluſſe, um Fiſchkörbe zu befeftigen) heißt es
im Welionifhen persöda (cf. Kurſchat persedes); ftatt pirMgalis (Vorder⸗
ende) jagt man hier primgalis; ftatt ürvas fagt man vürvas, ftatt vöverö
(bei Kurjhat wowere) jagt man överi; ftatt momü, niederlii. mömune
(Scheitel, für wirsugalwis im Ponewöz’jdhen), fagt man im Rothhoffchen
Kirchſpiel mäumenas; vereinzelt find die Fälle des Gebrauches von m für n
in den Worten miezai (Kräße) ftatt niezai, delna miezti, ftatt niezti. W.
Hanftein, v. Drei Banner des Deutjchen Ordens. (Deutjcher Herold Nr. 2.)
Yarnad, D. Livland als Glied des Deutjchen Reiches vom 13. bis
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DOrdenszeit. (Beitjchrift für Ethnologie. 22. Jahrg. Berlin 1890.)
„Der Verfaſſer verjteht es, fi bon der Art der Dilettanten, ihrer Neigung,
fehlende Quellen durch Vermutungen zu ergänzen, frei zu erhalten.” Lohmeyer.
Horn. Die Verwaltung Dftpreußens feit der Säfularifation. 1525
big 1875. Königsberg i. Pr. 1890. Teichert.
Jacob, G. Welche Handelsartifel bezogen die Araber des M.-A. aus
den nordiſch-baltiſchen Ländern?
31*
— 44 — | .
Jankus, M. Trumpi nusidawimai Prusu Lietuwos. Tilfit 1891.
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Kalau dv. Hofe, C. Geſch. und Genealogie der Familie Kalaw, Kalau,
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von 1732 und deren Kolonieen in Ditpreußen. (Mitteil. der Gef.
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Keil, Gerichtsafjeffor Dr. Frdr. Die Landgemeinde in den öftlichen
Provinzen Preußens und die Verfuche, eine Landgemeindeordnung
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Koneczny, Felix, Dr. Walter von Plettenberg, landmistrz
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— Walther von Plettenberg, Snüdmeifterz von Livland, Verhältnis
zum Deutjchen Drden, zu Litauen und Moskau 1500—1525.
(Sonder-Abdrud aus „Anzeiger der Wiſſenſchaften zu Krakau”,
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literacki,* Lemberg 1892.) —
Köppen, Fed. v. Das alte Ordensland. Bilder aus der Geſch. des z
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3 80. Glogau, 1889.) | u
Lestien, U. Die Bildung der Nomina im Litauifchen. (Sonder-
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Lewicki, X. Die Politik Polens gegen die Nachbaritaaten im 3. 1432.
(Anzeiger der Akademie der Wifjenjchaften in Krakau 1891, April.)
.
*
*
—
⸗
4
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Lietuviszkas sziupinis. Antra laida (Konradas Vallen-
rodas). Tilſit 1891. 8°, 26 pg.
Lietuviszkieje Rasztai ir Rasztininkai. Tiljit, 1890.
8°, 234 pg. mit Slluftrationen.
Lohmeyer, Karl. Der Geburtötag des Herzogs Albrecht von Preußen.
(Altpreuß. Monatsſchrift, 27. Bd. ©. 176 ff.)
— Eine polit. Flugſchrift aus der erjten Beit des Herzogs Albrecht
von Preußen. (Königsberger Hartungſche Zeitung 1890, Nr. 257,
275, 276, 279 und 289.)
Königin Luiſe auf der Fahrt von Königsberg nach Memel. Mit 1 Abbild.
nach dem Gemälde v. Heydeck. (Zur gut. Stunde. 2. Jahrg. 44. Beil.)
Meinardus. Beiträge zur Geich. der Handelöpolitif des Gr. Kurfürſten
(bei Sybel u. Lehmann, Hijtor. Zeitjchrift, 1891, 30.80. 3. Heft).
Mierzyhski, Ant. Zrödta do mitologii litewskiej od Tacyta
do kohca XIUI w. (Mythologiae lituanicae monumenta).
Warſchau, 1892. 8°, 155 pg. — 1 Rubel 80 Kopek.
Mierzyhskiego, A. Co znaczy Sicco. Studyum Archeolo-
gitzno-literackie. Lemberg, 1891. 8°, 12 Seiten. Abdrud aus
dem „Przewodnik Naukowy i Literacki“.
Sieco, Signot wird hier mit litauifch Zigis, zigunas, äiginas zufammen-
gebracht. W.
Neumann, X. La Lithuanie et ses legendes (Bulletin polonais
litteraire, scientifique et artistique, no. 50; Paris 1891).
Pawlowski, 3. NR. Hiftor.=geogr. Karte vom alten Preußen und
PBommerellen während der Herrichaft des Deutjchen Ordens. Grau
denz. Gäbel, 1890.
In einer Kritik von K. Lohmeyer wegen vieler groben Verfehen und Fehler
als ganz unguverläffig bezeichnet.
Perlbah, Mar. Die Statuten des Deutjchen Ordens nach den älteften
Handfchriften. Halle a. ©. 1890. Niemeyer.
Zur fiebenten Säkularfeier des deutſchen Hofpitals zu Akkon. — Sehr —
fältige Ausgabe in vortrefflicher Ausſtattung.
Pölchau, Oberl. Dr. Arth. Die livländ. Geſchichtslitter. im J. 1889.
Riga. Kymmel.
= A
Prellwitz, Dr. W. Die deutfchen Beitandteile in den Iettifchen Sprachen.
1. Heft auch u. d. T.: Die deutjchen Lehnwörter im Preuß. und
Lit. Göttingen. Vandenhöck & Rupredt.
Richter. Lit. Märchen I—IU. (Zeitſchr. f. Völkerkunde, herausgeg.
von E. Bedenftedt. 1. Bd. 1889.)
Rozmowa Polaka z Litwinem r. 1564, wydat Dr. Jözef
Korzeniowski. (Biblioteka Pisarzöw Polskich, nr. 11;
Krafau, 1890.) 8°, VIII u. 91 pg.
Wichtige politiihe Streitichrift; cf. die Nezenfion von Prof. A. Brückner im
„Kwartalnik Historyczny“, Band V, 1891, pg. 856—857. S.
Schiemann, Theod. Zur Geſch. der preuß.srufi. Beziehungen in der
Epoche v. Tilſit. (Forſch. z. brandenb. u. preuß. Geſch. 2. Bd.
1. Hälfte ©. 267-268.) ;
— Rec. über Plaszycki, Bejchreib. der Bücher und Alten der lit.
Metrika. Petersburg 1887 (ruſſiſch). (Sybels Hiltor. Zeitſchrift,
27. Bd. ©. 3675371.)
Sembrzycki, J. Oſtpreußiſche Sprichwörter, Volksreime und Provin—
zialismen. (Am Ur-Quell. Monatsſchrift für Volkskunde, herausgeg.
von F. Krauß. 2. Bd., 2. Heft u. ff.
— Auffindung der alten Burg Oneda. (Altpreuß. Monatsfchrift von
N. Reicke und ©. Wichert. 28. Bd. 2. Heft.)
Zurüdweifung eines angeblichen Fundes, Sen die Norddeutſche Allgemeine
Zeitung ſich hatte aufbinden laſſen. =
Sylwestrowiez, Mieczysiaw Dowojno. " Wisdomos6 0.
$wieceniu luczywem w chatach wiejskich na Litwie. (Sonder-
Abdrud aus „Zbior wiadomosei do antropologii krajowéjs,
XV, 3; Rrafau 1890.) 8°, 2 pg.
Uber die Benntzung des Kiens als Beleuchtungsmaterial in Litauen. S.
Tiſchler, Otto. Oſtpreußiſche Grabhügel. Berlin. Friedländer. und
Königsberg i. Pr. Koch, 1890.
Tſchackert. Urkundenbuch zur preuß. Reformationzgeichichte. Leipzig
1890. Hirzel.
Ulanowska, Stefania. Zotysze Inflant polskich, & w szeze-
gölnosci z gminy wielohskiej powiatu rzezyckiego, obraz
= AT.
etnografiezny. (Sonder-Abdrud aus „Zbior wiadomoiei do
antropologii krajowej“, XV.) Krakau, 1891. 8°, 102 pg.
Ethnographiſche Schilderung der Leiten im ehemals poln. Linland. — Die
Mertlofigfeit der Arbeit dargethan durch eine vernichtende Kritik von Guſtav
Manteuffel im „Kwartalnik Historyezny“ 1892, pg. 591—602. S.
Uljanow, Georg. Bedeutung der Verbalitämme in der litwo—
ſlaviſchen Sprache. Erfter Teil. DVerbalftämme, welche zur Be-
zeichnung des Verbalgenus dienen. Warjchau, 1891. 8°, 360 +
10 + 6. Sonderabdrud aus dem „Ruſſiſchen Philologiſchen
Boten”. Preis 3 Rubel.
Dieſe Abhandlung zerfällt in 3 Kapitel und befteht aus 26 Paragraphen.
Rap. I handelt von den Stämmen (Themen) der baltifchen Spraden. ©. 2
bis 90. — Rap. II, Von den Stämmen der ſlaviſchen Spraden. .S. 91—215.
Rap. III. Die allgemeinen Rejultate über die Erforſchung des Verbalgenus
im Litauiſch-Slaviſchen — Diefe ausgezeichnete Abhandlung des Warfchauer
Profeſſors U. und Nachfolgers Mikucki’s auf dem Lehrſtuhle der Vergl.
Spradmifienihaft, eines Schüler des Moskauer Linguiften Fortunatow,
giebt zugleich eine quellenmäßige Bearbeitung des ſprachhiſtoriſchen Materials
des Litauifhen und ift daher Lituaniften wie Slaviften gleicherweife zu em—
pfehlen. W.
Vienybe Lietuvninku, Literaturos mokslo ir polytikos
nedelinis laikrasztis. Redomas Jüzo Andziulaiczio, o isz-
leidziamas Jüzo Paukszczio. Metas Szesztas. Plymouth
Luz. Co. A. U. S. America. 1891 m.
Diefe auf Koſten von Joseph Pauksztis herausgegebene Wochen-Zeitung
der amerifanischen Litauer Tam im Jahre 1891 beſonders dadurd in Aufſchwung,
daß alle Barteien, ſowohl die der „Intelligenten” wie die der Klerikalen“ ſich
in ihr einigten. Von Überjegungen kamen zum Abdrud Diewajtis, Roman der
Maria Radzewicz, Moironas bon Gui de Maupassant. Original-Produk-
tionen: a) Gedichte: Unter denſelben ift hervorzuheben Rudeniop von
‚ Bevardis; leider find feine Sonderabdrüde erfchienen. Die Verje zeichnen ſich
x durch ihre ergreifende Lebenswahrheit aus und Fennzeichnen den Dichter von
P4 Begabung. b) Belletriftif: Antanas isz Bugnu „Musu ponai“, eine launige
i Schilderung heutiger Gemeindeverhältniffe der Titauifchen Bauern nad der Be—
freiung von der Veibeigerfhaft, Szunprusis Szlapatis. Kodel Milkus
neapsipacziavo ©. 117; Burtininkas ©. 143; Uz kasni dünos ©. 178, 189.
Nicht minder reichheltig ift die Abteilung „Kritika bei bibliographija‘‘ Von
hiſtoriſchen Auffägen Tam Sim. Dowkont’s Lietuvos istorija bis zum Jahre
1234 zum Nbdrud. Biographisen wurden abgedrudt von folgenden Männern:
Schliemann, F. Miklosich, Simon Dowkont (Überjeßung meines Artikels in
deu Mitteilnugen, von J. Szliupas), Eduard Gijevius, Pius Vieloniszkis,
— 4858 —
Romuald Giedraitis und andern. Jedenfalls hat bis jet noch keine litauiſche
Zeitung eine Ähnliche Gediegenheit und Reichhaltigkeit des Inhalts aufzumeifen
gehabt. Die ausgezeichnete „Italpa“ in Nr. 1 vom Jahre 1892 orientiert den
Leſer vollfommen. W
Weber, Lothar. Neue Bilder aus Tilfits Vergangenheit. (Tilfiter
Beitung vom 25. und 29. Auguft 1889.)
Wisia. Geographiſch-ethnographiſche Monatsſchrift, in Warſchau unter
Zeitung des Dr. Jan Kartowicz erjcheinend. Bd. V (1891)
enthält: Nachrichten über einen Schloßberg bei Bubje im Kreife
Schaulen, pg. 165. — Sprachgrenze zwiſchen Litauern und Polen,
pg. 425. — Ziemie pötlnocne i zachodnie kraju
zudwiäskiego, von J.Sembrzycki, pg. 851—864, pol-
niſche Bearbeitung feiner in der Altpreuß. Monatsſchrift erjchienenen
Arbeit über die Jadwinger.
Wotyniak. Bazylianie na Zmudzi. (Sonder-Abdrud aus
„Przeglad powszechny“.) Krakau 1891. 8°, 35 pg.
„Zivaja Starina.“ Das lebendige Altertum. Periodiſche Ausgabe
der ethnographiichen Abtetlung der Kaiferlichen Ruſſiſchen Geogra—
phiſchen Gejellfchaft unter der Redaktion des Vorſitzenden der ethno-
graphiichen Sektion Wladimir Lamanski. 3. und 4. Heft.
St. Petersburg, 1891.
Heft 3 enthält auf S. 117—128. unter anderm etymologiſche Bemerkungen
des jüngſt veritorbenen Proſeſſors A. -Potebnja über das rujiihe bur-
tal’nik, Wahrſager, weiche das Heer begleiteten, vom lettilchen burtininkas,
Weisſager, u. ſ. wm; — auf S. 225—231 Beerdigungsgebräuche bei den
Reiten der Rofenhujen’ihen Gemeinde vor 40 Sahren von J. Sprogis. — In
beiden Heſten veröffentlicht Lamanski den Briefwechſel des Petersburger Sla—
viſten Preiß aus den Jahren 1836-46, unter onderm einen Brief vom
10. Auguft /28. Juli 1844 an Friedrich Kurſchat, welcher ſpezielles Intereſſe
für Oftpreußen und Litauen hat. Nachſtehend der Wortlaut des Briefe:
Nach langem, langem, zbar nicht zu entfchuldigendem, doch erflärbarem
Schweigen ergreife ich die Gelegenheit Ihnen, lieber Freund, wieder zu jchreiben.
Die Ferien machen eben die Gelegenheit aus. Ihren lieben Brief von Anno
1843 (horribile dictu) habe idy empfangen und danke Ihnen dafür herzlich. ..
Erfreulich war es mir zu erfahren, daß es mit Ihrer Gejundheit beffer Itehe;
Gott bewahre Sie don allen ſchweren Arbeiten! Ich fühle ſchon die guien
Folgen desjelben: vor einem Monath(e), nah vorher gegangenen heiligen
Kopiichmerzen, zeigten ſich bei mir die Hämorrhoiden verbunden mit Blutipeien.
Daher bin ich jegt verurtheilt zum Nichtsthun, vieler Bejorgung und firenger
Diäte. „Das Littauiiche, jagen Sie, liegt brach.“ Dieſe Nachricht war für
mih ein Schlag! Suden Sie wenigſtens in dem littauiſchen Seminar ein
neufe)8 Leben zu begründen. Ihr Eifer, für die Sache wird Vieles Teiften.
Eine littauiſche Phraſeologie der PBräpofitionen, die Sie deut(jc)h herausgegeben
— 489 —
baben, Tenne ih nur aus Ihrem Briefe. Auch die neue Ausgabe der Lieder
gelangte nicht hieher. — Über Bohlen’ Sammlung derjelben habe ich im
Jahre 1840 in Leipzig mit einem Buchhändler unterhandelt, — aber ohne
Erfolg und wie ih aus ihrem Briefe erjehe, zum Glüct ohne Erfolg.
Die Vocallehre und den littauiſchen Accent möchte ich in meinen Händen
haben. Wie groß ift die Abhandlung und wie biel möchte der Drud
derjelben zu jtehen fommen? Da mein Fach — Die Slavica — ein
ganz neuer Gegenſtand ift, fo Fönnen Sie ſich denken, wie viel die Vor—
bereitungen mir Zeit rauben und bon der Feder mich fern Halten. Sein
under, wenn ich fo felten jchreibe und jo oft Vorwürfe dafür bon meinen
Freunden befomme. Mit Ungeduld warte ich auf die Ankunft meiner Bücher,
die Sie die Güte hatten jo lange bei ſich aufzubewahren. Eine Frage, —
haben Sie aus Polen von dem Buchhändler Stefanski folgende Bücher er-
halten(‚) von denen ic} ihnen am 2te (sie) April 1840 füprieb. Hier folgt da
Verzeichniß. So weit war ich mit meinem Brief fertig, als ich den 24, Auguft
Shren erfreulihen Brief vom 31. Juli erhalten habe. SHerzlihen Dank dafür!
Sie beiz,ämen mid. Wie viel Freude haben Sie mir gebracht durch dieſen
Brief: Welche ihöne Nachrichten enthält er. — Nun darf das Littauifche
niht mehr brad liegen Dank ſei ed der großherzigen Fürſorge des
Königs! Sch theile mit ihnen die Freude über dieſe ſeine herrliche That und bitte
Sie von ihfn)en umftändlihe Nacyricht darüber. Meine Antwort auf ihre Fragen
lautet kurz: &eben fie heraus ein littauilches Volksblatt (enthaltend refpect.
Verfügungen der Regierung, Aufſätze religiöjen, moraliichen, hiſtoriſchen, dcono=
miſchen ꝛc. Inhalts, einmal wöchentlich, und gründen Sie: 2) eine littauiiche
Bejellihaft mit der Bedingung, daß dieſelbe ihre Verhandlungen
drude Das wird hinlänglid den von ihren Magazin er... Die Statuten And
nicht ſchwer auszuarbeiten. Preußen beſitzt jo viele literarifche Vereine. Suchen Sie
denn die Norm für die äußere Einrichtung. Der Zweck der Gejellihaft wird)
mie bei der ehſtniſchen Geſellſchaft fein: „die Kentniß der Vorzeit und Gegen—
wart des littauiſchen Volkes, jeiner Sprade und Literatur, jo wie des von
ihm bewohnten Landes zu fördern. Jedes Mitglied muß Arbeiten liefern und
beiftehen mit einem jährlihen Beytrage bon einigen Thalern.” Die außer
Preußen wohnenden Mitglieder zahlen ein für alle Mal emen gewiffen größeren
Beytrag; denn järlicye Beiträge für die Ausländer jind wegen der Poſt jehr
unbequem. Was meiter zu thun ift, wird die Erfahrung lehren — jek(t) läßt
ſich nicht alles voraus jehen. Nur müſſen die Statuten allgemein gehalten
werden, nicht zu tief in einzelne Beilimmungen eingehen. Noch habe ich zu
bemerfen: 1) So miel als möglich dahin zu ftreben das littauiſche nicht mit
deufichen, jondern mit lateiniſchen Lettern zu ſchreiben. Denn — mie
Grimm jagt — wer bie fogenannte deutſche Schrift braucht, Schreibt barbariich,
wer große Buditaben für den Anlaut der Subitantive fihreibt, pedantiſch.
(Sram. 3. Aul&)gabe, 1840. p. 29.) Mit der Zeit muß die jebige Ortho—
graphie modificiert werden. 2) Sie müſſen, jo bald als möglich nad PBreuß.-
Littauen einen Ausflug machen, um Mitarbeiter zu gewinnen und Material zu
4 ſammeln. 3) Dito polniſch lernen. 4) Eine littauiſche Sprachfarte für den
die
Preußiſchen Antheil des littauiſchen Volkes.
Dieſes alles mit der Zeit und zwor nach und nach. Die Verhandlungen
werden beſtehen in: 1) Sammlung bon topographiſchen Namen, tür welche
die Littauer eigene Benennungen haben. 2) Gram. -lexikaliſchen Aufſätzen.
3) Volksſagen, Liedern, Sprichwörtern und Gebräuchen. 4) Hiſtoriſch-geogra—
phiſchen Nachrichten und, Abhandlungen. 5) Bibliographiſchen Mittheilungen
und Correſpondenzen u. | mw.
Maurycy Stankiewicz, Buchhändler in Krakau, der fich um
litauiſche Bibliographie große Verdienste erworben hat (cf. Mit-
_
— 490 —
teilungen, Heft 16, pg. 420), ift im 35. Lebensjahre am 21. April 1892
zu Krakau verftorben. Ehre jeinem Andenfen!
Für die gütige und wirffame Unterftügung bei der Zujammenftellung
dieſes Berichts fei den Herren 3. Sembrzydi und Dr. €. Wolter
auch an dieſer Stelle unſer ergebenfter Dank ausgejprochen.
Brof. Th. Preuß, Vorfigender.
33.
Stanislaw Mikucki.
Geb. im Sahre 1814, geft. 25. Aug. 1890 zu Warjchau.
Stanislaus Pawlowi& Mikucki, unlängft verjtorben in Warſchau,
war jahrelang Dozent der vergleichenden Sprachwiſſenſchaft an der War—
ichauer Univerfität, an welche er im Jahre 1875/1876 berufen wurde,
um dank der Snitiafive des Rektors der Univerfität, des Geheimrats
Blagoweschtschenski, das Litautfche zu unterrichten, dieſes rpwtorurnov
der flavifchen Sprachen, in welchem fich die urjprünglichen „Formen der
letoflavischen Urjprache erhalten haben“, wie e3 in der AntrittSvorlejung
beißt. [Siehe Warſchauer Univ.-Nachrichten vom Sahre 1876, Nr. 1.]")
Sn den Sahren 1853—1854 wurde Mikucki fast zur felben Zeit, wo
Schleier von der Wiener Akademie nad) Preußiich-Litauen gejendet
war, von der St. Petersburger Akademie der Wiljenjichaften, und zwar
ſeitens der Slavoruffiichen Abteilung nach Ruſſiſch-Litauen delegirt zur
Erforſchung Weißrußlands und Litauens: -. _
Berichte über Mikucki’s Reifen erjchieneit in den Jahren 1855
bis 1857 in den „Nachrichten der Kaijerl. Akademie der Wiſſenſchaften,
Bd. II—V, worüber Schleichers Rezenfion in den Beiträgen zur Vergl.
Sprachw., Bd. I, p. 233 vom Jahre 1858 zu vergleichen ift und meine
Dauksza-Ausgabe vom Sahre 1887. — In Anjehung feiner Berdienfte
um die Erforjchung des Weißruſſiſchen und Litautfchen erhielt Mikucki
von der Moskauer Univerfität das Chrendiplom eines Doktors der‘
vergleichenden Sprachwifjenichaft. Wie kommt es aber, Daß troß aller
diefer Bemühungen 20 Jahre fpäter noch von 1853—1876 daß litauiſche
Bolf, feine Sprache und fein Land der flavoruffiichen gebildeten Welt
1) Die litauiſche Sprache, leſen wir ebendaſelbſt, iſt beſonders wichtig für die
ſlaviſchen Philologen und Altertumsforicher, Leider ift bis jegt, für Ruſſen wie für
Bolen, dag litauiſche Volk und feine Sprache eine terra incognita geblieben.
—
⸗
— 491 —
eine terra incognita bleibt? Die Lebensgeſchichte und die Lebens—
ſchickſale des Verftorbenen fünnen gerade auch nach diefer Richtung hin
manches DBelehrende bieten. —
Kurze Nefrologe über den Verſtorbenen erjchienen: 1) in dem
„Lebenden Altertum (Zivaja Starina) Heft I, ©. 24 (IV. Abteilung),
von W. Lamanski verfaßt; 2) in der Mosfauer „Ethnographiichen
Überficht“, von N. Jantschuk verfaßt, Jahrgang 1890, Heft 4, ©. 166
bis 168; 3) und 4) Charafteriftifen der Verdienfte des Verſtorbenen, von
Uljanow und Lavrowski zufammengeftellt, find abgedruckt im „Warfchauer
Boten” vom Jahre 1890, N. 188 u. 190. — Schriftenverzeichnifje finden
wir bei Jantschuk und bei Baltromajtis (1. c. an verichiedenen Stellen).
Mikucki war nach Lamanski ein geborener Litauer und ent»
ſtammte dem Bauernjtande,; er war feiner Zeit befannt als ausgezeich-
neter Kenner der litauichen Sprache und der flavijchen Idiome. Wiſſen—
Ichaftlich aber nicht genügend borgebildet, ließ er fich leider immer weiter
und weiter zu Wurzelforichungen hinreißen, welche fich feinerlei Aner-
fennung bon feiten der Mitforjcher erfreuen fonnten. Außerdem war er
eifriger ruffiicher Patriot; als jolcher ſchätzte er beſonders Hoch N. Mil-
jutin und feine Thätigfeit als Befreier des polniſchen Bauernftandes
von der Leibeigenschaft. Während des polnischen Aufftandes wurde er ”
aus Warſchau nach Wilna gefchiet zum Kurator Iw. Petrow. Kornilow
behufs Herausgabe litauiſcher Schulbücher und Ruffifizierung des Litauifchen
Schrifttums. Durch diefe praftifch - politiiche Thätigfeit wurde er den
Litauern durchaus unſympathiſch, welche in ihm den Bertreter der An—
fiht von der Notwendigkeit der Einführung ruſſiſcher Lettern in die
litauiſche Litteratur erblicten.*)
1) Nachdem der ſlaviſche Philolog Hilferding in Warihau, fowie Mikucki in
Wilna ihre Meinungen zu gunften der Anwendbarkeit ruſſiſcher Schrift auf die
litauiſche Sprache und Litteratur abgegeben hatten, begann man gleichzeitig in War—
ſchau wie in Wilna litauiihe Abe-Bücher, Kantiöken (Baltromajtis N. 661), Ka—
tehismen (N. 662) und Evangelienbücher (N. 659, 731) in ruffilder Schrift
erauszugeben. So erichienen im jahre 1864, von Mikucki verfaßt, die Abecele
zemajtiskai-lietuviszka, herausgegeben auf often des Generalgouverneurs N. Mu-
rawjew’s in ®ilna (cf. Baltromajtis N. 627), im Sahre 1865 in Warſchau ein
weiteres Abe-Buch (I. c. N. 658). In Wilna erfchienen dann nocd, von Johann
Kreöinski verfaßt, „Bukvars zemaitiskaj-rusiszkasis* (l. c. N. 656), litauifche
Ralender (1. c. N. 732, 733) u. f. w. Herausgegeben und gedrudt wurden dieje
ruſſiſch-litauiſchen Bücher bei Komm und Syrkin in Wilna, im Sabre 1865 im
ganzen 5 (N. 653, 656, 659, 661 und 662), im Sabre 1866 2 (N. 674 und 679),
im Sahre 1867 5 (N. 688, 689, 698, 699 und 708), im Sahre 1868 3 (N. 711,
718 und 719), im Sahre 1869 3 (N. 731—733), im Sabre 1870 2 (N. 748 und
757), im Sabre 1871 1 Bud (N. 767). In den Sahren 1872—1875 erichienen
feinerlei Bücher mit ruſſiſcher Schrift; im Jahre 1876 gab Mikucki eine litauiſche
— 492 —
Diefe Thätigfeit M.'s auf praftifch-politifchem Gebiete war recht
undankbar. Die Refultate der Einführungsbeftrebungen ruffifcher Schrift
find nicht nur bis heute wenig erfolgreich geblieben, fondern haben zur
indirekten Folge gehabt die Einjchmuggelung einer national-litanifch ge-
finnten Litteratur. Die geringe Anzahl der in Rußland erichienenen
litauiſchen Bücher, welche wir oben aufgezählt haben, konnte faum mit
Erfolg diejen neu- und jung-litauischen Beftrebungen entgegenwirken.
Daß Mikucki troß feiner unpopulären Beftrebungen das befte gewollt
hat, fteht außer Zweifel. Im Jahre 1882 jagte er im dritten Hefte
jeiner Materialien zu einem Wurzelwörterbuch der ruffiichen Sprache
und aller flaviichen Sdiome auf ©. 54 unter anderem Folgendes :
„Das litauiſche Volk fpielte eine hervorragende Rolle im Schid-
fale und in der Geſchichte des brüpderlichen ruffiichen Volkes. Die
litauiſche Sprache ift ungemein wichtig für ruſſiſche Philologen und
Altertumzforicher. Die ruffiiche Regierung könnte daher dem Zemaitijch-
Titauifchen Volke und feiner Sprache einige Zugeltändniffe machen. In
der Provinz, welche befiedelt ift vom zemaitiſch-litauiſchen Volke, jollten
Beamte eingejeßt werden, welche die Litauiihe Sprade be-
herrſchen. Ebenfo müßte man den Bauerngemeinden erlauben, ihre
Brotofolle und Beichlüffe in litauiſcher Sprache abzufafjen, damit das
arbeitfame litauiſche Volk, welches dem ruffiichen Kaiſer treu ergeben ift,
fich frei halten fünnte von Affairiſten und Schwindlern.“
Leider blieben diefe Wünſche Mikucki’s ungehört und unbeachtet.
Che wir es verfuchen, die pofitiven Nefultate von Mikucki’s
wiſſenſchaftlichen Beftrebungen auf dem Gebiete der litauiſchen Philologie
zufammenzufaffen, teilen wir einige Worte. aus dem Nachrufe feines
Nachfolgers auf dem Lehrftuhle der vergleichenden Sprachwiſſenſchaft in
Warſchau, Herrn G. Uljanow, mit, welche wir dem im „Warjchauer
Chrestomathie, abgedrudi in den Warſchauer Univerfitäts-Nachrichten, heraus, be—
ftehend aus einem Nachdruck von Szyrwid’s Punktaj sakimu mit pirmos nedelios
advento (l. c. N. 862). Im Jahre 1877 erſchien fein Bud, im Sabre 1878 2
(N. 897 und 908). In den Jahren 1879—1881 erjchienen Feinerlei Bücher, Im
Sahre 1882 erfchien 1 Buch (N. 965), in den Jahren 1883-1886 Tein Bud, im
Sahre 1887 1 Buch (N. 1138). Im Jahre 1888 erichien die erite weltliche Bro⸗
ſchüre „Islajdens ugni ne beuzgiasisi“. Im Ighre 1891 erſchienen 3 Bücher
(N. 1287, 1296 und 1306), bon denen eins eine Überſetzung bon Leo Tolstoj’s
„Der kaukaſiſche Gefangene”, ein anderes „Kur miaile, ten ir Dievas‘“ betitelt ift.
Sm ganzen erichienen alſo 31 Bücher mit ruffiichen Vettern gedrudt, von denen, erit
die letzten 3 wirkliche weltliche Vollsbildungszwecke verfolgen, ſoweit es die Über⸗
ſetzungs- und haarſträubenden Druckfehler erlauben. 2 oder 3 Werke find wiſſen⸗
Ichaftlihen Inhalts und geben Volkslieder und altlitauifche Terte wieder; alle andern
find Neligions- und Schulbücher.
a
—FR
— 493 —
Tagebuch N. 188 abgedruckten Nekrolog entnehmen. Der Nachruf Ul-
janow’s ift um fo bedeutender, als diefer felbft, ein Schüler Fortuna-
tow’s in Moskau, ebenfalls nicht bloß Linguift, jondern auch Lituanift
ift.!) Die erfte Bekanntſchaft M.’s machte Herr Uljanow in der Uni-
verfitätsbibliothef zu Warfchau. Er traf ihn einmal in Tränen und
Klagen darüber an, daß er in der Preſſe feinerlei Entgegnungen auf
feine Forfchungen finde — M. veröffentlichte in den Jahren 1869 bi3
1870 zunächſt philologiiche Bemerkungen I. über Die 3, j&- Partifel
und Präpofition in den jlavifchen Sprachen. II. Über G. Curtius’
Grundzüge der griehiichen Etymologie (2. Auflage von 1876). III. Uber
ariiche Worte in den finnischen Sprachen. IV. juchte er auf Grund
feiner Urwurzeltheorie nachzumeilen, daß die fogenannten „Nordiſchen“
oder Turanifchen Sprachen, al® Mandu, Mongoliih, Türkiſch und
Finnisch" nicht felbitändige Sprachenfamilien bilden, jondern Ableger
(Wurzelihößlinge) der Ariſch-Indoeuropäiſchen Sprachenfamilie Im
Sahre 1874 fam heraus die erite Lieferung feiner Beobachtungen und
Folgerungen auf dem Gebiete der arischen Sprachwifienichaft, im Jahre
1890 die zweite. Hier tft unter anderm die Nede über die Entjprechung
bon ai und in (e) als najale und fehlfopflautlihe Erweiterung des
i-Vokals; die Vorfilben ka, ku im Sanskrit und im Slaviichen und
verichiedene Bemerkungen (XX VII Sapitel) zur vergleichenden Etymo—
logie und Bedeutungsgeichichte arischer Worte. Heft 2 enthält Betrach—
tungen über die etymologiichen Beziehungen des Armeniichen (S. 4—76)
zu den andern ariichen Sprachen, ebenjo über grufiniiche Wörter (©. 76
bis 93), über die iberiſche Gruppe der Faufaftichen Sprachen (©. 94
bis 95), Wurzel und Wörter in den faufafiichen Sdiomen (©. 96 bis
102), seremiffiihe Wörter (S. 103—114), gotiiche Wörter (S. 115
bi8 129). Im den Sahren 1880—1883 erjchienen Materialien zu einem
erklärenden Wurzelwörterbuch der ruffifchen Sprache und der flaviichen
Idiome, im ganzen 4 Hefte. Heft 1 enthält verjchiedene Bemerkungen
über Neduplifation, Wortverfürzung in Rufmörtern, Ms Einjchiebjel-,
ABorichlag- und Partifeltheorie, Bemerkungen, die aber Doch auch manches
Material zum Lerifon des Weikruffiichen und Litauifchen bieten; Heft 2
vom Sahre 1880 enthält Bemerfungen zur 5. Auflage von Curtius’
1) Bis jegt find überhaupt nun in Moskau und in Dorpat afademifche Diſſer—
tationen jpeziel dem Litauifchen geividmet gemeien. In Moskau die Arbeiten von
Uljanow. in Dorpat die von Wiedemann über das litauifche Praeteritum und
bon Aleksandroff über Donalitius und die. litauifche nominale Zufammenfegung.
— 44 —
Grundzügen; Heft 3 Bemerkungen über den Urſprung der Sprache. In
Heft 4 find Ergänzungen zu I und II veröffentlicht u. ſ. w.')
Diefe und Ähnliche Forſchungen, weil auf verfehlter Methode be-
ruhend und mit ungenügender VBorbildung ausgeführt,. fonnten zu keinerlei
befriedigenden Reſultaten führen.
Waren aljo jeine Studien in der vergleichenden Sprachtwiffenichaft
bom Standpunfte heutiger Kritif negativer Art, fo giebt es nach Herrn
Uljanow's Meinung nur ein Gebiet, auf dem die Thätigfeit des Ver—
Ntorbenen eine erfprießliche war und zu pofitiven Refultaten führte, dies
waren feine Forſchungen auf dem Gebiete des Litauifchen, und ift eg Mi-
kucki’s bejonderes Verdienft, diejenigen Eigentümlichfeiten des Litauiſchen
aufgededt zu haben, welche das Litauische befonders für den ſlaviſchen
Philologen intereffant machen. —
Ohne Zweifel find ähnliche theoretifche Verirrungen, wie wir fie
bei Mikucki bemerfen, auch bei andern Iitauifchen Forſchern (3. B. Akie-
lewicz) zu fonftatieren. —
Daß eine ruffophile politische Thätigfeit einem Litauer wenig An-
erfennung von jeiten feiner Landsleute verjchafft, beweiſt Mikucki’s
Lebensgeichichte am beiten. Jedenfalls ift auch hier die uneigennüßige
Ehrlichkeit und Ausdauer des verftorbenen Sprachforjchers zu bewundern.
Ob fih in Mikucki’s Nachlaß etwa noch ungedrudte Spuren
jeiner pofitiven linguiftifchen Thätigfeit erhalten haben, weiß ich zur
Stunde nicht anzugeben. Gerüchtweije läßt fich nur mitteilen, daß manche
leritaliiche Materialien, von Dauksza, Gilus und andern gejammelt, fich
in den Händen Mikucki’s befunden haben follen. — Was aber hat
Mikucki über das Litauifche gefchrieben und iſt dasjelbe auch nad) Be—
») Die oben erwähnte Antritisvorlefung enthält unter anderm eine inierefjante
Etymologie des Völfernamens Jaéwa und der Jatwinger vom MWorie.jetis, Speer,
Speerjpige, jetininkas, nah Szyrwid LZanzenträger, und ein in der Nähe bon
Kowno aufgezeichneted Volkslied:
Kuninge Sudaitiu, Sudaiciu raiciu! Kaip man gaila kareliu:
Ispile tava pilele, As pilele supilsiu
Iskirta tava karelius! Dvejais, trejais meteliais,
Ko tav Kuninge daugiaus pagail&jo, | O karelius ne uZauginsiu
Ar pileles ar kareliu? Ir desimtais meteleis.
Ne taip man gaila pileles
Über ähnliche Lieder vergl. meinen Reiſebericht vom Jahre 1887 ©. 2—4. —
Bei den Litauern des Slonim’fchen Freies im Gouvernement Grodno (lit. Gar-
dinas — deutſch. Gartänen) wird das Dorf Jatwez noch heute Daipawà genannt.
Auf die befannten Worte in Mindowg’s Urkunde dom Jahre 1259 „Denove tota
quam etiam quidam Jetwesin vocant‘“ madt Mikucki 1. c. ebenfalls aufmerkjam.
Das Deinow’ihe Fürftentum im Lyda’fhen Kreife fiel jedenfalls in Fitauifches
Sprachgebiet.
— 495 —
endigung ſeiner Lebenslaufbahn, nach 15 jähriger Lehrthätigkeit für die
ruſſiſche Gejellichaft eine terra incognita geblieben oder nit? Die
deutiche Kritik kennt außer Schleicher® Bericht über Mikucki’s For-
ichungen noch das Urteil V. Jagic's im 3. Hefte des I. Bandes des
„Archivs für jlavishe Philologie“ auf ©. 505: „Eine ganz bejondere
Stellung nehmen die Forfchungen S. Mikuckij’s ein. Sein LieblingS-
thema ift die Lehre von den Wurzeln, aljo das Eiymologifieren. Nicht
Mangel an Sprachkenntniffen, jondern an jtrenger Methode der Forſchung
bringt es mit fich, daß wir uns beinahe gegen alles, was er aufitellt,
negativ verhalten müſſen. Es wäre jehr zu wünjchen, daß die ihm jest
gebotene Gelegenheit, durch mündlichen Vortrag feine Anfichten anderen
beizubringen, ihn in die Notwendigkeit verjegen möchte, ſich in feinen
Forſchungen zu beichränfen.“ Und daß fich in der Beichränfung der
Meifter zeigt, beweifen Mikucki’s furze Bemerkungen zu Narbett’s
lttauifcher Mythologie vom Sahre 1858, in der „Biblioteka War-
szawska*, Band I, ©. 443—449 über Praurime (= Prakurine,
Prakurime), Bezlea, Brekszta, Alcis, Wejdalotas im Sinne von
„wajdlajtis, zinis* u. a. m. welche noch big heute ihren kritiſch-lingui—
tiichen Wert nicht verloren haben. — Ebenjo wertvoll jind Mikucki's
Neifeberichte und Bemerfungen über litauiſche Familiennamen im Wilnaer
Boten“ von 1860, während feine von Ad. Pictet gebilligte idee de
ramener toutes les racines aux trois notions primitives de
‚mouvement, de lumiere et de son wenig fruchtbringend fich erwies.
Geiftige Bewegung, mehr Licht durch Volkabildung und den richtigen .
Ton läßt ſich für Litauen, jeine Sprache und jein Volk nur dann auf-
finden, wenn man jeine Gejchichte beachtet, jeine Sitten und mannig-
faltigen Lebenseigentümlichfeiten vorn heute wertſchätzt. Gerade Mikucki
aber war es, der fich und jeinen ruſſiſchen Leſern nicht wußte Rechen—
Ichaft zu geben über dasjenige, was für litauiſche Volksbildung auf dem
Wege einer Bolfslitteratur bereits feit dem 16. Sahrhundert gethan
worden, er war ed, der Dauksza, Szyrwid und von neueren die Ar-
“ beiten emfiger Sammler wie Sutkewicz durchaus nicht zu würdigen,
ebenjowenig das Lettiſche ſyſtematiſch zu vergleichen verjtand, daher
die in feinen erjten Berichten zerjtreuten wertvollen Bemerkungen über
altlitauifhe Texte und Schriftiteller nicht weiter auzzuarbeiten wußte
(vergl. meine Dauksza-Ausgabe ©. VIL, IX, XXV, XX VL LIlLu.f. f.).
— Bei den beiten Abfichten für das Gedeihen des Titauischen Volkes
(vergl. da® von Mikucki 1867 Gejagte in den Memoiren der Raiferl.
— 496 —
Ruſſ. Geogr. Gefellichaft, ethnographiſche Abteilung, Band I, ©. 563
im Aufſatz betitelt „Beobachtungen und Bemerkungen über die Iettifch-
ſlaviſchen und ihre Beziehungen zu den Übrigen arischen Sprachen) und den
tedlichiten Bemühungen, das Studium der vergleichenden Sprachwiſſen—
haft in Rußland zu fördern und anzuregen (vergl. hierüber N. Jant-
schuk’s Nefrolog), waren die Reſultate nur gering, mehr negativ ala
pofitiv, jeine Politik verfehlt und undankbar, weil unhiſtoriſch, jein Ety—
mologijieren und feine Wurzelableitung unerquidlich, weil der Methode
exakter linguiſtiſcher Forschung nicht entjpredjend. Da aber auch Ber:
irrungen belehrend fein fönnen, fo ift zu wünfchen, daß außer dem Ver-
zeichni3 bon Mikucki’s Schriften von den Herren Bibliographen auch
die Kritifen feiner Werfe gebucht würden (wa bei Baltromajtis 1. c.
fehlt). — Dem Xitauer fehlt die SelbiterfenntniS und die Selbft-Erfor-
hung; um Litauer zur fein und zu bleiben, müffen die gebildeten Litauer
mehr ihr eigenes Volk, ihre Sprache und die geiftigen Erzeugnifie des
dichtenden Volksgeiſtes (befonders im Vergleich mit dem Lettifchen) zu
ergründen juchen, nur dann wird es möglich jein, daS von den Vätern
Ererbte zu erhalten, zu würdigen, kulturell fortzubilden und zu vervoll-
fommnen. Mikucki ivar ſomit ein guter Litauer und Daher die pofitiven
linguiſtiſchen Reſultate auf dem Gebiete litauischer Sprache und Mytho—
(ogie, aber ein Schwacher Bhilolog und leider ein Schlechter Bolitifer, — weil
e3 in Rußland an fruchtbringender wiſſenſchaftlicher und gejellichaftlicher
Kritif nur allgufehr mangelt.) Wer aber einmal ein etymologiſches
Lexikon der litautfchen Sprache a la. Kluge, Meyer u. a. zufammenftellen:
twird, der wird in Mikucki’s Werfen manches kleine, vereinzelt Wert-
volle finden.
Ob aber das litauiſche Volk und feine —— in Weſtrußland
dem gebildeten Ruſſen eine terra incognita geblieben iſt oder nicht,
wer will das entjcheiden, hierüber Yagert ein Nebel der Laume (Wos
matos per dules kaip Laume atdulina); populär geworden find die
gelehrten Forſchungen über Ruſſiſch-Litauen in Rußland bis heute immer
noch nicht.
Petersburg, 6./18. Auguſt 1892.
E. Wolter.
?) Mikucki’s profession de foi, feine Beziehung zum Slaventum, Rußland
und den Deutichen ift am deutlichiten augeinandergefeßt in dem Auffabe über die
lettosflavische Sprache 1. c. ©. 562—564.
ee ——
Aus dem Statut
der Litauischen litterarischen Gesellschaft.
(Tilsit, den 27. Oktoner 1880).
$ 1. Die „Litauische !itterarische Gesellschaft‘“ bildet den
Mittelpunkt für die Bestrebungen, alles auf Litauen und die
Litauer Bezügliche, sei es sprachlicher, historischer, ethnographischer
und dergl. Art, durch Sammlung und Aufzeichnung für die Wissen-
schaft zu erhalten.
85. Der Jahresbeitrag jedes ordentlichen Mitgliedes
beträgt 3 Mark vorauszahlbar, welche bis zum 1. April an den
Schatzmeister eingezahlt sein müssen, wenn nicht die Einzahlung
durch Postvorschuss gewünscht wird. — Einmalige Zahlung von
50 Mark gilt als Beitrag für Lebenszeit.
Zu beziehen durch Carl W inter s ee - Buchhandlung
in Heidelberg:
Dainu Balsai.
Melodieen itauischer Volkslieder
gesammelt
und
mit Textübersetzung, Anmerkungen und Einleitung
im Auftrage der Litauischen litterarischen Gesellschaft
herausgegeben
von
Christian Bartsch.
— en
I. Teil XXXII u. 248 8, gr. 8° 1897. Preis: 5 Mark.
II. Teil XV u. 304 S., gr. 8° 1889, Preis: 6 Mark.
rn
— — — — — — ———
Uruck vo Otto v. Mauderode, Tilsit,
34,
Zur Geſchichte der Litauer in Oſtpreußen.
(Insbeſondere Statiftifches.)
Am 29. Dezember 1892 Hielt die Gejellichaft eine Monatsfigung in Memel
ab, in der ein Vortrag des Oberlehrers Kurſchat-Tilſit über vorfiehendes Thema
auf der Tagesordnung Stand. Den eriten Teil desjelben, betreffend die äußere Geſchichte
der LZitauer in Oftpreußen, geben wir hier nur in kurzem Auszuge wieder, während
der zweite Teil „zur Statiftif der Litauer in Oſtpreußen“ wörtlich referiert wird.
Die heutige Oft- und Nordoftgrenze der Provinz Oftpreußen befteht
jeit dem Sahre 1422, wo fie in dem Srieden am Melno-See zwiſchen
dem Deutſchen Nitterorden und dem litauiſchen Großfürjten Witowt
feftgeftellt wurde Sie berührt die alter preußiſchen Landichaften
Sudauen, Nadrauen und Schalauen. Aber während die beiden [ebt-
genannten Dem Drden im ganzen Umfange verblieben, behielt er von
Sudauen nach der gewöhnlichen Annahme nur den Eleineren Teil, die
heutigen Kreife Goldap und Stallupönen.*) Es iſt eine mehrfach auf-
geworjene Trage, ob Die Litauer, vie in "den Grenzen Nadrauens,
Schalauens und Sudauens wohnen, urjprüngliche Einwohner des Landes
jeien, oder ob diefe erjt vom Orden nach Ausrottung der urjprünglichen
(altpreußifchen) Bevölkerung aus Szameiten dorthin verpflanzt feiern.
Der Redner entjchted fich nach dem Vorgange Töppens dafür, dieſe
Landichaften als urſprünglich von Litauern bewohnt anzufehen, weil die
Bengniffe, welche für litauiſche Kolonifation im 14. Jahrhundert jprechen,
nicht ausreichend find, eine jo einheitliche und feſtgewurzelte Bevölkerung
zu erklären. Ebenſo find Die Litauer der Kreiſe Goldap, Stallupönen
und Darkehmen zum größten Teil wohl Nachkommen der alten Sudauer
*) Nach Joh. Sembrzycki (Mltpr. Mon. XXVIII S. 76 ff.) reichte allerdings
Sudauen gar nit mehr in das Heutige Oftpreußen hinüber, vielmehr habe fi
Nadrauen noch Über Die gegenwärtige oftpreußifche Oftgrenze in das jeßt polnifche
Gebiet erſtreckt.
32
— 498 —
oder Jadzwinger, wie es auch die Anficht Bezzenbergers ift. Die
„Wildnis“, von der zur Drdenszeit immer geiprocjen wird, ift nicht
al3 ein gänzlich menjchenleeres, fondern nur außerordentlich dünn be-
völfertes Gebiet zu erllären. Noc am Ende der Drdensherrichaft waren
die genannten Landſchaften Ipärlich bevölkert und Memel, das fchon im
Sabre 1254 eine „Hauptftadt” Heißt, die einzige Stadt in diefem Gebiet.
Allmählich erjtarkte die litauiſche Bevölkerung, die auch in dem dreizehn:
jährigen Kriege zwiſchen dem Drden einerjeit3 und dem König Kafimir
von Polen und den preußiichen Städten andrerjeits, 1453 —1466, ver-
hältnismäßig wenig zu leiden hatte, Landesväterliche Fürjorge wandten
ihr die Herzöge und Kurfürften aus dem Haufe Hohenzollern zu.
Herzog Albrecht, der die perjönliche LXeibeigenjchaft der Bauern auf-
gehoben hat, orönete auch art, daß von den 28 Alumnen, Die in dem, mit der
Umiverfität verbundenen, Alumnat auf fürjtliche Koften zu Geiftlichen
herangebildet wurden, acht von der Litauischen Nation fein follten. Einer
diefer Zöglinge war Mosvidius, der 1947 dem Katechismus Luthers in
Ittauifcher Sprache herausgab, „die erjte Schrift, welche unter dem
litauifchen Volfe zum Vorſchein kam.“ (Rheſa). Unter Albrecht Friedrichs
Regierung gab des Mosvidius Bruderjohn Willent, ebenfalls ein Zögling
des Alumnats, die Sonntags-Evangelien und Epilteln, die Leidensgeſchichte
und das 53. Kapitel des Sefaias in litauifcher Überjegung Heraus. (Die
erfte vollitändige litauiſche Bibelüberfegung in Preußen erjchten erſt
1735). Sodann erwähnte der Vortragende die Einteilung des Landes
in Hauptämter, die bis zum Jahre 1751 beitanden haben, wo an ihre
Stelle neun Juftizfollegien traten, die von Landräten verwaltet wurden.
(Die heutige Sreiseinteilung ift am 1. September 1818 eingeführt worden.)
Es wurden die Städte und Kirchfpiele der einzelnen Amter, nach ihrer
Sründungszeit geordnet, aufgeführt. "Schwere Jahre für Dftpreußen
und Speziell auch für Litauen waren die Kriegsjahre 1656—1657, mo der -
polnische Feldherr Gonfiewsfi mit 20000 Tataren in das Land einfiel
und e3 furchtbar verheerte. Die fruchtbarften Gegenden Litauens, be-
fonder8 auch des Inſterburger Sreijes, Hatten unter diefer Plage jchmwer
zu leiden. Noch ſchlimmer wütete die Peft in den Jahren 17081711
— 499 —
in Litauen, wo ca. 300000 Menschen von der Krankheit Hinweggerafft
fein follen. Der Hof Friedrich J. der damals unter dem Einfluß der
Wartenberg, Wartensleben und Wittgenftein ftand, gab feine Mittel her,
dem furchtbaren Elend zu fteuern. Dies geschah erft in wirkjamer und
wahrhaft Iandesväterlicher Weife durch König Friedrich Wilhelm L., deſſen
Fürſorge für Litauen zwar befannt ift, aber nicht genug gepriejen werden
kann. Seine Verdienfte berührte der Redner. Speziell zu leiden hatte
in den erften Sahren des fiebenjährigen Krieges die Memelgegend durch
den Einfall der Auffen unter Aprarin, der ſehr gemaltthätig auftrat und
Ragnit verbrennen ließ. — Sodann ging Redner auf die Zahl der
litauifhen Bevölferung in Dftpreußen im unjerm Jahr—
hundert und ihre örtlihe Verbreitung ein. Die Zahl der
Litauer in Dftpreußen betrug im Sahre 1831 125440 Köpfe. Die
Sejamtbenölferung der reife, in Denen damals überhaupt Kitauer
wohnten (Memel, Heydekrug, Niederung, Tilfit, Ragnit, Zabiau, Wehlau,
Inſterburg, Gumbinnen, Pillkallen, Stallupönen, Darfehmen und Goldap)
betrug 456 684 Einwohner, das Yitautfche Element bildete dort alſo
27 pCt.
Für die Sahre 1848 und 1878 Hat Marim. Völkel im 2. Bande
der Mitteilungen unjerer Gejellichaft über die Verbreitung der Litauer
den Bifitationsrezejjen der Kegiftratur des königlichen Konſiſtoriums zu
Königsberg Angaben entnommen. Diefen zufolge gab es in den 13 oben
genannten Diözefen im Sahre 1848: 150580 Litauer. Danach) hätte
deren Bahl in den 17 Sahren feit 1831 um 25 140 Seelen zugenommen.
An fich wäre dies nicht unmöglich. Aber die Angaben in den Pifitations-
vezejjen find jehr ungenau, nur für die Didzefe Niederung ift die Zahl
der Litauer in den einzelnen Kirchipielen bis auf die Einer angegeben,
in allen andern ift fie nur nach Hunderten, taufenden oder Bruchteilen
der fämtlichen Diözefanen abgeſchätzt.
Tür das Jahr 1878 bezeugt die Völkelſche Tabelle eine beträchtliche
Abnahme der Ritauer.
In der Didzefe Darkehmen, die 30 Jahre früher 310 bis
360 Litauer zählte, find 1878 nur noch 10 in Ballethen übrig geblieben,
32*
— 00 —
für die jonntäglich Titauifch gepredigt wurde. (Harnochs Kirchenchronif,
herausgegeben 1890, giebt die Zahl der dortigen Litauer auf 40 an).
Die Didzefe Goldap, die 1848 noch 2300 Litauer Hatte, weift
1878 nur ca. 1300 auf. -
Gumbinnen it von 505 im Jahre 1848 auf 52 im Sahre
1878 gefommen.
Hendefrug 1848: 26084, 1878: 25001.
Snfterburg 1848: 4540, 1878: 1050, alſo Rüdgang um 3/a.
Zabiau 1848: 14189, 1878: 12505.
Memel 1848: 23876, 1878: 25635; alfo Zunahme um circa
1800 Seelen.
Kiederung: E3 jchwanden die 18289 Litauer des Jahres 1848
auf 10475 im Jahre 1878.
Sehr merkwürdig fieht es in der Diözeje Pillfallen aus; dort
it die Zahl der Litauer von 7009 auf 9247 geftiegen, das ergiebt eine
Zunahme von ca. 25 pCt. Betrachtet man die einzelnen Kirchſpiele
diejer Diözeſe, fo findet man einen erheblichen Rückgang der Litauer in
Kuffen, Schiewindt und Willuhnen, während deren Zahl in Scillehnen
von 626 auf 1700, in Lasdehnen von 2000 auf 4500 geftiegen ift.
Ragnit 1848: 23152 Litauer, 1878: 20316.
Stallupönen 1848: 5102, 1878: 1871; es blieb aljo wenig
mehr al3 ein Drittel. |
Tilfit 1848: 25136, 1878: 23940.
Wehlau zählte gegen 89 Litauer im „Jahre 1848, 1878 nur
noch 13 Litauer.
Die Gefamtzahl der litauiſchen Angehörigen der 13 Diözeſen betrug
alfo 1878: 131415, mithin gegen 1848 um 19165 Köpfe weniger.
Diefe Angaben berüdfichtigen nicht die litauifchen Katholifen, Deren
Zahl in den Grenzbezirfen infolge Einwanderung aus dem ruffilchen .
Litauen langſam, aber jtetig wächſt.
Für die Gegenwart verdanfen wir Nachweije über die Zahl der
Litauer in den einzelnen reifen und Gemeinden Oſtpreußens der Güte
des Direktors des Gtatiftifchen Bureaus, Herrn Blend, der uns Die:
— 501 —
ſelben aus den Alten der Volfszählung vom 1. Dezember 1890 mit
Erlaubnis des Herrn Minifters zuftellen ließ. Dies Material ift um
io wertvoller, als hier die Frage nach der Nationalität nicht von dritten
Berfonen, die etwa ein Intereſſe an einer größeren oder geringeren
“ Bahlangabe haben könnten, fondern von den in Frage fommenden jelbit
beantwortet worden ilt. —
Nach der Zählung vom 1. Dezember 1890 betrug Die Gejamtzahl
der an diefem Termin zur litauiſchen Sprache ſich befennenden Berjonen
in Oſtpreußen 121265, nämlih im NRegierungsbe, * Königsberg
16420 Männer und 18478 Frauen; im Regierungsbezeck Gumbinnen
40440 Männer und 45927 rauen, zufammen 56860 Männer und
-64405 Frauen. „Innerhalb Der fitauifchen Bevölkerung Oſtpreußens
überwiegt Die Zahl der Frauen die der Männer um etwa 61/2 pCt.
Verglichen mit der vorhin angeführten Zahl vom Jahre 1878
ergiebt daS einen Rüdgang von 10150 Köpfen in 12 Jahren, eine Zahl,
Die aber noch zu niedrig gegriffen ift, da in der Zählung von 1878 nur
Evangelijche, in der von 1890 aber alle Litauer, ohne Unterjchied des
Befenntnifjes, 1878 nur die in 13 Diözejen anſäſſigen, 1890 auch die
ſporadiſch in anderen Gegenden Dftpreußens ſich aufhaltenden gezählt
worden jind.
Jene Zahl 121265 verteilt fich in folgender Weile auf die einzelnen
Kreiſe:
Im Kreiſe Memel bekennen ſich zur litauiſchen Mutterſprache
25 283 Perſonen; Rückgang gegen 1878 nur 352 Köpfe. Die Litauer
bilden 421/, pCt. der Geſamtbevölkerung des Kreiſes. Rechnet man die
Stadt Memel, in der die Litauer mit 782 Köpfen vertreten find, und
in der fie nur 4 pCt. der Bevölferung bilden, ab, fo fteigt innerhalb
der Bevölkerung der ländlichen Orte der Prozentſatz der Litauer auf
58%/a pCt.
Im Kreife Heydekrug beträgt die Gejamtzahl der Bevölkerung
42119; Davon find Litauer 25244 (Bunahme gegen 1878: + 243),
d. h. faft 60 (gemau 59,9) pCt. der Bevölkerung.
— 502 —
Der Kreis Niederung zählt unter 55609 Bewohnern
11888 Zitauer (Zunahme derjelben gegen 1878: + 1413 Köpfe). Sie
bilden hier 211/3 pCt. der Bevölferung. Einen vorwiegend litauiſchen
Charakter hat ſich Hier die Haffgegend bewahrt; in Inſe und Loye |
wohnen 453, in Tawe, Tawellningfen, Groß-Schaugften, Tamell und
Degimmen über 1000 Litauer beifammen. Eine Anzahl vorwiegend
litauifcher Dörfer Liegt dann wieder in dem Südzipfel des Kreiſes von
Petſchkehmen über Endrejen, Gr.-Wirwen bis Basnitfallen (ca. 900 Litauer)
und bon Berfteningten über Groß - Wannaglaufen bis Schillfofen.
Im Übrigen umzieht die Yitauifche Bevölkerung, dünn ausgeſät, die
größeren Drte, A
Der Kreis Tilfit zählt 71648 Einwohner, darunter 24965 Litauer
(Zunahme gegen 1878: 1025). Sie bilden 34,8 pCt. der Kreisbevölkerung.
In der Stadt Tilfit wurden am 1. Dezember 1890 946 Litauer gezählt,
welche in diefer 3,8 pCt. der Bevölferung ausmachen; betrachtet man
die ländlichen Drte allein, fo bilden in diefen die Litauer ziemlich genau
50 pCt. In dem Abfchnitt des Kreifes ſüdlich der Memel bilden Die
Orte an der Memel unterhalb der Stadt: Stolbeck, Alt-Weynothen,
Pokraken und Alt-Sägerijchfen die Site der Litauer; nördlich der Miemel
find fie das überwiegende Clement überall in den fleinen Dorfichaften,
während das Deutiche in den Kirchdörfern Plaſchken, Pidtupönen,
Coadjuthen jowie auf den Gütern und in den Drtjchaften herricht, Die
an den großen Verkehrsſtraßen, den Chauffeen, liegen.
Der Kreis Ragnit hat bei einer Gejfamtzahl von 54738 Be—
wohnern nur noch 13798 Litauer. Shre Zahl iſt in den lebten zwölf
Sahren um faft 7000 Köpfe, ein ganzes Drittel, heruntergegangen. Die
Litauer bilden jet dort 25 pCt. in der Stadt 5 pCt., in den ländlichen
Orten ohne die Stadt 26,7 p&t. Der Strich nördlich der Memel ift
(bis auf die Oberförfterei Jura mit Naujeningfen und das Gut Kaſſig—
fehmen) noch ſtark litauiſch. Im Süden der Memel jcheint das
ScheichuppetHal noch am meiften Litauifchen Charakter bewahrt zu haben.
Sntereffant ift in Sprachlicher Hinficht der Kreis Labiau. Dieler.
Ichließt im Norden und Dften an die ftarf litauiſche Bevölkerung ber
— 503 —
SHaffgegend des Kreiſes Niederung an; eine Fortfegung Diejer finden
wir im Gebiet de Labiauer FKreifes in den Orten Gilge mit 885,
Petricken mit 150, der Oberförfterei Demonien mit 2015, den Dörfern
Timber mit 452, Lauknen mit fat 500 Litauern. In geringerer Anzahl
finden fich diefe ferner in dem ganzen Strich bis zur Deime, jedoch ohne
diefe zu erreichen; die weitlichiten Dörfer, in denen fich noch einige
wenige litauiſche Familien finden. Kelladden, Gr.-Steindorf, die Ober—
förfterei Gertlaufen, find von der Deime ?/a bis 1 Meile entfernt. Ins—
gejamt beträgt die litautfche Bevölkerung des Kreiſes 8667 Seelen
oder 15 p&t. der Gejamtbevölferung (Rüdgang gegen 18978: 3838).
In der Stadt Labiau befannten ich 13 Perſonen zur litauiſchen
Nationalität. |
Noch geringer ift die Zahl der Litauer im Kreiſe Pillkallen.
In Diefem Leben unter 46682 Seelen der Gelamtbevölferung 6597 Litauer,
d. h. 14 pCt. (Nüdgang gegen 1878: 2650). Der größte Zeil gehört zu
den Kirchſpielen Lasdehnen und Schillehnen. Die Zahl der Land:
gemeinden diefes Kreiſes, in denen gar feine litauiſche Familie wohnt,
beträgt 80 von 247; in den 55 Gutsbezirken ift das Verhältnis fin
die Litauer noch ungünftiger; in etwa der Hälfte derſelben giebt es
feinen Litauer, in den übrigen jchwanft die Zahl bis Höchitens zu 20;
Kummetjchen tft der einzige GutSbezirk, in dem mehr als 20 Litauter
gezählt wurden. Nein deutſch ift die Gegend zwiſchen Billfallen und Schir—
windt in einem 1 Meile breiten Gürtel nördlich der Südgrenze des Kreiſes.
Soviel über die ſogenannten litauiſchen Kreiſe Oſtpreußens. Es
giebt nun freilich auch in den angrenzenden ſüdlicheren Kreiſen, in denen
das Volkstum der Litauer früher blühte, noch einzelne litauiſche Dörfer
und verjprengte Familien, nämlich:
Im Kreiſe Wehlau 130 Litauer (1878 wurden 13 angegeben).
Sm Freie Sniterburg 1462 Litauer (Zunahme gegen 1878;
412 Litauer).
Im Kreife Sumbinnen 174 Litauer (Angabe von 1878: 52).
Sm reife Stallupönen 1277 Litauer (Rückgang gegen
1878: 594).
— 54 —
Im Kreiſe Darkehmen 69 Litauer (Angabe von 1878: 10).
sm Kreife Goldap 694 Litauer (Nüdgang gegen 1878 ca. 606).
Während die Litauer Diejer Kreiſe wenigſtens zum Teil noch in
örtlichem Zuſammenhange mit ihren Landsleuten ſtehen, indem 3. ©.
die Goldaper und Stallupöner Litauer noch einen gewiſſen Rückhalt
an dem Litauertum jenjeitS der Grenze haben mögen, jo find die Litauer,
die Jich in andern Kreilen Oſtpreußens am 1. Dezember 1890 befanden,
port nicht als dauernd ſeßhaft anzujehen; fie mögen wohl jämtlich
Soldaten, Knechte und Mägde fein. Der Bollftändigfeit halber jeien
auch Ste aufgezählt. Es ergeben ih an Litauern:
Sm Kreiſe Fiihhaulen . . » . 61 Berjonen,
im Stadtkreiſe Königsberg . . . . 469 Berjonen,
im Landkreiſe Slönigöberg . . . . 58 Perſonen,
im Kreife Gerdauen . . . . . . 12 Berfonen,
im Seife Raltendbrg . . . . . 18 SBerfonen,
im Rreife Sridland . . . 2 . . 20 Berjonen,
im Kreiſe Pr.-Eylau. . . . ... 14 Berjonen,
im Kreiſe Heiligenbell . . . . . 22 Perjonen,
im reife Braunsberg . . . . . 18 !Berfonen,
im Kreiſe Heildberg . . . » . . 18 Berlonen,
im Kreiſe Röffel . . - 2.2. 8 Perſonen,
im Kreiſe Menftein . . - 2. ..°.32 Werjonen,
im Sreife Orteldburg . . » . . 13 Werjonen,
im Seife NReidenburg . » 2 2.83 Berfonen,
im Rreife Dfterode . . 2 20.20.29 Berfjonen,
im reife Mohrungen . . » . . 15 Berjonen,
im Kreiſe Br. Holand . . . . . 8 Perſonen,
im Kreiſe Angerburg. . . . . 16 Perſonen,
im Rreife Dieb. . » 2 2.0... 12 Berjonen,
im Kreiſe WE. . 2 2 202020228 Perſonen,
im Rreife Löben . . . 2 .20.0.89 Perfonen,
im Rreife Sendburg. . . 2... 5 Berjonen,
im Kreife Sohannisburg . . . . 52 Perjonen.
Be den 121265 Berfonen mit fitauifcher Mutterfprache haben
vigen@ 6351 (da3 find 5 pCt. der Gefamtzahl) neben der litauiſchen
auch die deutſche Sprache als Mutterfprache angegeben. Während die
Bevölkerung im preußifchen Staate anwächſt, nehmen die Litauer an
Bahl ab; nicht etwa, weil fie ausfterben oder in erheblicher Zahl aus—
“ wandern, fondern weil fie in dem deutfchen Bolfstum aufgehen. “Die
angeführte Vergleichung beweift dies unmiverleglih. Die Zerſtörung
des Litauertums jchreitet von Süden nach Norden vor; Gegenden, Die
j früher eine ftarfe litauiſche Bevölferung hatten, jind heute rein deutſch.
Die Kreiſe Darkehmen, Goldap und Stallupönen, Gumbinnen und
Inſterburg nebſt Wehlau mit ihren zuſammen 3806 Litauern ſind im
Laufe dieſes Jahrhunderts aus teilweiſe litauiſchem zu rein deutſchem
Gebiet geworden. Von Pillkallen, Ragnit, der Niederung, Labiau wird
man nach etwa zwölf weiteren Jahren wohl das Gleiche ſagen können.
Um ſo dringlicher wird für uns der Mahnruf, durch Beobachtung des
litauiſchen Volkstums und durch Überlieferung für die Wiffenichaft zu
erhalten, was erhalten werden kann. Unfere Provinz gehört zu den
ethnographiſch intereffanteften ; nugen wir Ddiefen Vorzug aus und be-
wahren wir unfern Nachkommen die Kenntnis des Volkes, das gegen-
wärtig ſchon fihtbar im Schwinden begriffen ift.
3, |
Litauiſche ZFeſtgebräuche.
Zuſammengeſtellt von ©. Dembowski-Tilſit. |
Bon den hauptfählichiten Gewährsmännern der folgenden Aus-
führungen ftammte der mit a bezeichnete aus Kuſſen im Kreife Billfallen,
der unter b angeführte aus dem Kreife Niederung aus der Gegend von
Keufirch, der Gewährsmann c aus Wilkiſchken im Kreife Tilfit.
Zum Weihnachtsfeſte: Derin Brofeffor Bezzenbergers litauiſchen
Forſchungen angeführte Name des Heiligen Abends: pastininke wakars
Icheint bier nicht befannt zu fein, wohl aber wußten a, b und c von
dem in Kurſchats Lexikon angeführtem Namen kocziü wakars. (Lerifon
von Kurichat Litauisch » Deutjch unter koczios). Eine dort hinzugefügte
— 506 —
Erzählung, die mir im Wefentlichen auch von a vier
und daher ein unter den Litauern befannter Volkswitz zu fein fchene
fann zur Erklärung dieſes Namens dienen. In der Weihnachtsnacht
werden im Stalle abgefochte Erben freuzweis in alle Eden geftrent,
indem dabei gerufen wird: Ka asz turiu, su tim’ metu. Eine Bamaitin
hatte anjtatt der Erbjen Haferbrei genommen und gerufen: Ne padywyk,
szwenta koczia, kim turiu, tüm drebiu {ich klecke). Danach jcheint
koczia ein Eigenname zu fein, der Name einer Herenart, die man fid)
am Weihnachtsabend umgehend dachte.
Bon dem fröhlichen Treiben, daS beim Bereiten der Weihnacht-
gaben und beim Schmüden des Weihnachtsbaumes in unfern Häuſern
fich geltend macht, finden wir bei den Litauern nichts, Nur in wenigen
Häufern iſt Diefe urgermaniſche Sitte, von der die Väter der Litauer
nicht3 wußten, um der Kinder willen angenommen worden. Wenn die
Kinder größer werden, hört man auch in dieſen Häufern damit auf.
Fromme Litauer weifen wohl gar dieſe Feitfreuden als etwas der
Heiligkeit des Feites nicht Angemeffenes ab. Wie zu allen großen Feten
(Dftern, Pfingſten 2.) wird auch zum Weihnachtsfefte Alaus bereitet.
Als ſpezifiſches Weihnachtögericht, daS bei diejem Feſte nicht fehlen darf,
gilt der Kiſelius (Haferbrei) (a), Wie der Name kocziü wakars e3
ausdrüdt, treiben am heiligen Abend viele Geijter ihr Unweſen, auch
fönnen an demjelben die Nachbaren, namentlich durch Gegenjtände, die
fie aus dem Haufe oder der Wirtichaft eines Beſitzers an diefem Abend
entwendet haben, deifen Vieh verheren oder ihm jonjt Schaden zufügen
(a, b und ec). Um Sich dagegen zu jehüßen, bleibt der Herr mit feinen
Knechten bis 12 Uhr nachts auf und wacht Darüber, daß niemand etwas
wegnehme Die Thüren merden alle verjchloffen, und da Die Geiſter
auch durch die Schlüffellöcher hindurchfönnen, werden Kreuze vor Die-
felben gemacht (a und b). Man giebt den Bettlern am heiligen Abende |
nichts. Alles Geliehene muß dann zurücgegeben werden (ce). ALS
Schugmittel hängt man über die Stallthüren Strohwiſche auf und achtet
beſonders darauf, daß dieſe nicht weggenommen werden (a). Die
Pferde können dadurch verhert werden, daß ihnen in der Weihnachtsnacht
— 507 —
Hermittel unter das Futter gemengt werden, darum werden fie vor
Sonnenuntergang abgefüttert, und die Krippen leer gemacht. Die in
vielen Gegenden befannten, als Schimmel, Bär ac. vermummten Ge—
ftalten, die um die Weihnachtszeit ihr Weſen treiben, jomie Die aus—
gepußten, Lieder fingenden Kinder kannte b und nannte eritere ilgi
krikszezei, leßtere bernelei. Der Name ilgi krikszezei — heilige
Chrifte beweift e3, daß dieje Sitte von den Deutjchen herübergenommen ift.
Zu dem befannten Glauben, daß in der Weihnachtsnacht die Tiere
iprechen, erzählte a folgende Geſchichte: Ein Bauer hatte wenig Futter.
In der Weihnachtsnacht wollte er hören, was jein Vieh dazu jage.
Da habe der 7jährige Bulle — das jet gerade das rechte Alter, in dem
das Vieh Sprechen könne — gefagt: Unfer Herr jammert, daß er uns
nicht wird durchhalten fünnen, aber fein Getreide iſt dieſes Jahr jo
Ichlecht gedrofchen, daß 30 Scheffel noch im Stroh find, das wird uns
nähren. Da babe der Bauer das Stroh noch einmal dreichen laſſen
und richtig 30 Scheffel Getreide herausbefommen. Aber daS Vieh jet
jeßt frepiert, weil e8 zu mageres Futter gehabt Habe. Dem entipricht
die von Profeffor Bezzenberger (a. a. D. ©. 78) angeführte Stelle aus
der Hartungjchen Zeitung, wo es heißt, daß das Vieh in der Weihnacht
Ipreche, Doch müſſe man fich hüten, dasjelbe fprechen zu hören, weil dem
Hörer viel Unglüd drohe. Gewährsmann b glaubte feit an dies Sprechen
des Viehs, wußte auch einen aus feiner Verwandtichaft, zu nennen, der
es gehört hätte, leider aber nicht anzugeben, was derjelbe vernommen.
Am Weihnachtsabend jchlägt man das Geſangbuch auf, trifft man
auf ein Sterbelied, jo ftirbt man im kommenden Sahre (a).
An den drei großen Kirchenfeiten werden bei den Litauern je Drei
Feiertage feitlich gefeiert. Jedoch iſt der erfte Feiertag der beiligfte.
Bei vielen wird an diejem Tage nichts gekocht, auch die Stuben dürfen
an ihm nicht gefegt werden (c). Auch Befuche werden an ihm nicht
gemacht. a hat als Knabe fich immer auf den zweiten Feiertag befonderg
gefreut, weil er alsdann erft feinen Onkel beiuchen durfte,
Viele Litauer feiern noch die Zeit nach Weihnachten bis Heilige
drei Könige (6. Januar) und vermeiden im Diefer Zeit die gewöhnliche
— 508 —
Arbeit. Andere jagen, daß in dieſer Zeit nichts gedreht werden dürfe,
auch feine Erbſen gekocht werden jollen, jonft würde man von Ge-
ſchwüren befallen (c). — Man fol auch an feinem Donnerstag etwas
drehen. Ein Deutjcher hatte am Donnerstag ſpinnen laffen, worauf alle
feine Schafe den Dreher befamen (a), Am Shylveſterabend bat b im
Elternhaufe mit aus Möhren geichnittenen Figuren Glück gegriffen,
An Pauli Belehrung (25. Januar) darf man Kartoffeln nicht
ichälen noch fochen, auch mit Roggen nicht hantieren, weil fonft beides
wurmftihig wird (ce). Das hängt vielleicht damit zufammen, daß, wie
Bezzenberger a. a. D. berichtet, der Litauer glaubt, daß an diefem Tage
die Inſekten zum Leben erwachen. Das Echlittenfahren am Faſtnachts—
tage, wodurch der Flachs lang wachſen joll (linus testi), ift ein be-
kannter und jchon oft befchriebener Brauch. — Nach ec geichieht dasselbe
erft am Ajchermittwoch, welchen Brauch a fatholijch nannte. — Sziupinys,
Schweinskopf oder Schweinefüge mit Erbfen, it das Faftnachtsgericht
der Litauer.
Am Tage Mariä Verkündigung (25. März) darf man fich nicht
kämmen, weil fonft die Hühner den Garten zerfraßen (c). Wenn es
an diefem Tage gefroren Hat, bleibt es noch 40 Nächte Talt (ce). —
Am PBalmfonntag werden die Birkenruten zum Schmadoftern gefchnitten.
Diefelben werden bis zum Felt im Stall in Dung geſteckt und jo zum
Sproſſen gebracht (ec). Glumsflinſen (Schalttnofen) find das Palm—
ſonntagsgericht (a, b und c).
Am Gründonnerstag follen die Myrten verjegt werden (c).
Am Charfreitag fasten viele, andere enthalten ſich des Fleiſches
und effen nur in Mil Gefochtes (a). |
Daß am DOftermorgen die aufgehende Sonne vor Freude hüpfe,
fcheint wie bei den Deutjchen, jo auch bei den Litauern ein berbreiteter
Slaube zu fein. Man fteht früh auf, um es zu fehen; a und b wollten
e3 jelbft allen Ernftes gejehen haben.
Dem am Oftermorgen gejchöpften Waller wird die Kraft zuge—
ichrieben, die Haut rein und ſchön zu machen (c). Am zweiten und
dritten Feiertag und in der Zeit nach Dftern vergnügen fich Die jungen
— 509 —
Leute mit Schaufeln, die in der Tenne aufgerichtet werden und jo ein-
gerichtet find, daß zwei zugleich, ein Mädchen und ein junger Mann,
im Stehen fi fchaufeln fünnen. Die Schaufeln werden von einem
Jahr zum andern aufbewahrt (a, b und c). Wer fchaufeln will, muß
ein buntes Dfterei bezahlen (b). AS recht ſchlechte hriftliche Deutung
für die viel ältere Sitte führte b am: Die Leute jagen, man jchwebe
dabei zivifchen Himmel und Erde, wie Chriftus nach feiner Auferjtehung.
Vom Schaufeln am Fohannistage (vergl. Bezzenberger a. a. O.) war
meinen Gemwährsleuten nicht3 befannt.
Am Tage St. Georgs (23. April) darf man nichts Abgemachtes
ejfen, jonft giebt e8 Schaden am Vieh. In einem Haufe wurde das
Efjen mit Eiern abgemacht. Die Strafe war, daß alle Keichel Fehler
hatten und ftarben. Zu einer anderen Familie, die jonft dieſes Gebot
ftrenge hielt, fam am St. Georgstage ein Gaſt. Man gab demjelben,
während die Familie jelbft Unabgemachtes ab, ein Stüd Sped. Auch
darüber war St. Georg zornig. Eine Sau brach an demjelben Tage
aus und wurde don einem Hunde zerfleiiht (a).
Der Himmelfahrtstag ift befonders Heilig zu halten. Wenn man
an ihm arbeitet, Schlägt der Bli ein. Dazu erzählte a, der feit Daran
glaubte und mir verficherte, daß viele Litauer noch heute diefen Glauben
haben, folgende Geſchichte: Ein Mann hatte am Himmelfahrtstage Weiden
geholt; nach zwei Tagen wurde fein Pferd vom Blitz erfchlagen. Bei
einem Beſitzer war am Himmelfahrtstage eine Kuh gefallen. Er jchidte
alle Leute zur Kirche und machte fich heimlich daran, die Kuh abzuziehen.
Der Blitz fchlug im fein Haus und das ganze Gehöft brannte ad. —
Zu dem fchon ſonſt bekannten Glauben, dab, wenn der Blitz einjchlägt,
ein Teufel todtgejchlagen werde, berigtet a als Kuriojum, daß ein alter
Bauer zu jeinem Nachbarn, deffen Haus durch Blitzſchlag angezündet
war und in Flammen ftand, als erſtes Wort gefagt habe: Gott jet
Danf, wieder ein Teufel tot.
Vom Pfingſtfeſte wußten meine Gewährsleute feine befonderen
Gebräuche zu berichten. Ebenſo wußten fie nichts Neues über die ſchon
oft beichriebenen Gebräuche des Johannistages anzugeben.
—. 510: 2
Intereſſant war es mir, wie b erzählte, daß er ſelbſt in feiner
Sugend bei einem demedis (Herbagel), (ein Strauch, der nie blühte,
von dem man aber glaubte, daß er in der Johannisnacht blühe, und,
daß feine Blüte den, der fie beſitzt, allwiffend mache, und der deshalb
in faft allen Gärten der Litauer angepflanzt wird), in der Sohannisnacht
zwiichen 11 und 12 Uhr auf die Blüte derfelben gewartet habe. Ein
weißes Tuch fer unter ihn gebreitet worden und der Wachende hätte jich
mit einem Gewehr, Säbel oder Knüttel bewaffnet, weil ein böfer Geift
fomme, um die Blüte zu rauben. Er babe dabei große Angft gehabt.
Am Beter-Paul-Tage (29. Juni) jagt man: Petras rugiü szaknis
pakert, d. h. Petrus haut die Wurzel des Roggens an, daß er nicht
weiter wächſt, jondern anfängt zu reifen (a und ce).
Am Tage Bartholomä (24. Auguft) jagt man: n’iera kartus ko-
püstai. (Der Kohl tft nicht mehr bitter.)
Bom Andreastag (30. November) erzählte c, daß an Diefem Tage
junge Mädchen dreimal Leinſaat vor ihr Bett ftreuen, und dann in ber
Nacht von ihrem Zufünftigen träumen. (Bezzenberger berichtet von
ähnlicher Sitte am Sylveſter-Abend.)
36.
Alexander Potebnja.
(geb. im Sahre 1835, gejt. 29. November 1891).
Alexander Afanasijevitsch Potebnjä, von einer Adelsfamilie des
Romny'ſchen Kreiſes (Gouv. Poltawa) abjtammend, erhielt feine wiffen-
Ichaftlicde Bildung in Charfow, wo er 1856 die Univerfität mit dem
Kandidatengrade verließ, und wurde dann im Sahre 1860 zum Magifter
der ſlaviſchen Sprache und im Sahre 1862 zum Profefforen - Adjuncten
befördert. Als folcher wurde er ins Ausland geichiekt, zuerft nach Berlin,
wo er bei Weber Sanskritſtudien trieb, dann nach Wien und Prag, in
welchen Städten er Vorleſungen bet F. Miklosic und M. Hattala hörte.
Sm Winterjemefter 1862—1863 bejchäftigte er ſich ausſchließlich mit
der Grammatif des Sanskrit, der Interpretation des Mahabharata und
anderer Texte, ohne Müllenhof und Gteinthal hören zu fünnen, da,
wie es in feinem offiziellen Nechenjchaftsbericht ans Weinifterium der
— 511 —
Bolksaufflärung heit, die Vorbereitungen zu Weber’s Sanskritkollegien
faft feine ganze Zeit in Anſpruch nahmen. In Wien madte er im
Sommer 1863 die Belanntichaft des Chorwaten MaZuranid, des feinen
Kenners des Safavifchen Dialekte, und trieb, von ihm angeregt, Aecent-
ſtudien, welche gleich wichtig wurden für Erforichung des ſlaviſchen mie
des Titauifchen Uraccents, der Tonqualität und des lituſlaviſchen Vollautes.
Sn feine kleinruſſiſche Heimat zurücdgefehrt, wurde er in Charkow
Dozent und Später Profeſſor für den Lehrituhl der ‚ruffiichen Sprade
und Litteratur, in welcher Eigenfchaft er 34 Sahre lang bis zu feinem,
im Sahre 1891 erfolgten, Tode höchſt fruchtbar gewirkt hat.
Sn allen feinen Werfen, welche nicht bloß dem Klein- und Groß—
ruſſiſchen und den ſſaviſchen Sprachen überhaupt gewidmet waren, jondern
jtet3 auch auf das Lettiſche und Litauifche vergleichend Bezug nahmen,
zeichnete fich Potebnjä durch ungemein reiche Belefenheit und feine philo-
jophiiche Bildung aus. Indem ich in Bezug auf die genaue Bibliographie
bon Potebnja’3 Werfen den Lejer auf ein von mir angefertigtes Schriften:
verzeichnis, welches in den Schriften der Petersburger Akademie (ruſſiſch)
erichienen ist, (unter dem Titel: A. A. Potebnjä 1835 10. September
(29. Nov.) 1891 Bibliograficeskije materialy deja biografiji Al. Af.
Potebnji gef. von E. A. Wolter 34 ©. in 8° Sonderabdrud aus dem
„Sbornik“ der Abteilung für ruſſ. Sprache u. Lit. Bd. 53), verweiſe,
will ich hier nur feiner Speziellen Beziehungen zum Litauiſchen, feiner
Forſchungen auf dem Gebiete der litauiſchen (lettiſchen) Lautlehre, Syntax
und Etymologie (Wurzelerflärung) einerfeit3 und der Erklärung volf3-
poetiicher Symbole andererjeit3 gedenten.*)
*) Mit den Werfen Potebnja’3 hat die europäische Wiſſenſchaft vor allem
J. Jagic, der bewährte Leiter der Jlapifchen Studien in Deutfchland und Defterreich,
befannt gemacht. — DBereit$ im Sahre 1875 weiſt Jagie in feiner befannten Fehde-
ſchrift gegen Johannes Schmidt „Über einige Erſcheinungen des ſlaviſchen Vokalismus“
(Archiv für ſlaviſche Philologie Bd. 1, Heft 3, ©. 841 u. a. a. Stellen) mehrfach
auf Potebnja3 Studien über den ruffiichen Volllaut aus den Sahren 1865, 1866
und 1874 Hin. Noch früher, im Jahre 1871, machte Jagic die Südſlaven, im
14. Bande des „Rad“ der füdſlaviſchen Akademie der Wiffenichaften, im Artikel
„Fortſchritt der ſlaviſchen Philologie in den lebten Jahren“ auf Seite 200 big 212
aufmerkſam auf Potebnja’s Wrbeiten zur ruſſiſchen Dialeftologie und über die
= 5519:
Potebnjä’s ErjtlingSarbeiten find der fogenannten niederen Mytho—
logie und der volfpoetiichen Symbolif gewidmet. — Im Jahre 1864
erichien eine kleine Abhandlung über die Beziehungen einiger
Sprachvorſtellungen zueinander, in welcher befondere Niückficht
genommen wird auf die litauischen Volkslieder der Neffelmann’schen
Sammlung. So werden kleinruſſiſche Analogien nachgewieſen zu folgenden
Liederphrajen:
Kök ant ruteliü zaliü lapelif,
Tek ant mano mergytös
Daug nevernü zodelit.
Grüne Blätter bedeuten Untreue und Falſchheit des Liebchens
(Seite 19) — oder zu:
Tek ner zyvaites raibü plunksnelit,
Kök mano meil&s Zodeliü — u. ſ. w.
Sm Sabre 1865 erichten eine größere Schrift über die Be: |
deutung einiger Gebräuche (befonders Weihnachtsgebräuche) und
abergläubijcher Boritellungen (über die Baba-Sagä, den Schlangen-
fultus, Wolfs- und Hexen-Glauben). Im Sabre 1867 fam in den
Schriften der Moskauer Archäologischen Gejellichaft eine noch jet nicht
veraltete Unterfuchung über die Slüdsgöttin der Kleinruſſen, die Dolja,
und verwandte ſlaviſche Bolfsvorftellungen zum Abdrud, wobei auch
der Beziehungen zum Feuer und Seelenfultus gedacht wird. — Eben
dajelbft finden wir einen Heinen Aufjag (vom Jahre 1867) über das
Sohannidfeuer und Sohannislieder nach den auch bei Litauern (3. ©.
im Gouvernement Sumalfi) vorfommenden KupolaisLiedern. Potebnjä’s
Lituflavifchen Svarabhakti-Erſcheinungen. Ebenſo ift in Jagié's „Bibliographifcher
Überficht der Erfcheinungen auf dem Gebiete der ſlaviſchen Philologie und Altertums-
funde jeit dem Sjahre 1870” von Potebnja’s Zeiltungen mehrfach (©. 491, 492, 505
506) die Rede. — Im 2. Bande des Ardivs für ſlaviſche Philologie (S. 164—168)
fehrt Jagie wiederum zu Potebnja’3 Xeiftungen und zwar auf dem Gebiete der
ſlaviſchen Syntax zurüd und faßt fein Endurteil über ihn in folgenden Worten zu—
ſammen: Alfe diefe Eigenschaften fichern dem Werke Potebnja’8 einen ehrenpollen
Platz in der ohnehin nicht jehr langen Neihe von Forfchungen auf dem Gebiete der
biftorifchsnergleihenden Syntar. innerhalb der jlavifchen fteht e8 der Syntax
Miklosi6’g („diefem imponirenden thesaurus syntaeticus” heißt e8 Band 1, ©. 416)
würdig zur Geite, auf welche auch durchweg Rücficht genommen ift. Im Sahre 1891
erfchitenen in Stodholm J. Lundels „Ptudes sur la prononeiation russe‘“, in welchen
76—91 Potebnj&’8 Werke zur ruffiichen Sprache und Phonologie gedacht wird.
— 513 —
Liederforfchungen werden immer umftändlicher und vollfommener und
gipfeln in dem bis jebt in Weſteuropa noch wenig gelejenen und ge-
würdigten zweibändigen Hauptmwerfe, betitelt „Erklärungen Elein-
ruſſiſcher und verwandter Volkslieder“, von denen Band 1
(268 + VIII + 10 Seiten) als Sonderabdrud aus dem Warjchauer
Philologifchen Boten im Sahre 1883, Band 2 (809 Seiten flarf) im
Sahre 1887 erichten. Band 2 ift ſpeziell Weihnachts- und Silveſter—
Liedern (Koljadki i Stedriwki) gewidmet. Die Einleitung zu diefem
Werk bilden die methodologischen Bemerkungen über das Volkslieder⸗
metrum und die Notwendigkeit einer Einteilung der Volkslieder nad)
formalen Prinzipien (nad) Metrum und Symbolik) und nicht bloß nach
dem Inhalt, welche im Jahre 1880 veröffentlicht wurden in den Schriften
der St. Petersburger Afademie, im einer kritifchen Anzeige von Golo—
wadi’s (in Wilna), in Moskau erjchtenener, Sammlung galizisch-ruffifcher
Bolkslieder. In dem ersten Bande des obengenannten Hauptwerfes fommen
als Hauptlategorien 1. kleinruſſiſche Frühlingslieder (vesnjanki), ſowie
die ihnen verwandten Peters- und Kupulolieder, 2. Hochzeit3- und Ernte-
lieder zur Beſprechung, an welche ſich die Charakteriſtik der Biederiymbole,
typiſcher Phrajen und Bilder der Volksſymbolik nicht bloß aus dem
Klein» und Großruſſiſchen, jondern ebenjo aus den übrigen flavifchen
Sprachen, dem Litauiſchen wie Lettiſchen anreiht. — Potebnjd’3 „Unter-
juhungen über ruſſiſche Hochzeitslieder“ find abgefakt im
Anſchluß an die Schrift von N. Sumzow über „Ruffiiche Hochzeits-
gebräuche“, welche im Jahre 1881 in Charkow ale Magifterdiffertation
erihien. Im Kapitel vom Did -Lado und Lelum-Polelum ſchafft
Potebnjä verichtedene mythologiſche Fälſchungen und erdachte Götter aus
der Welt und giebt auf Seite 23 in der Anmerkung 1 Andeutung darüber,
wie das lettiſche Lihgo, welches viele Jahrzehnte hindurch auf dem
fettiihen Olymp jeinen Platz als Göttin der Liebe behauptete, zu er-
klären jei. (Näheres hierüber habe ich entwidelt in meinem Artikel „Was
iſt Lihgo“, in Jagié's Archiv für flaviiche Philologie, Band 7, vom
Sahre 1884, auf Seite 629— 639 und neuerdings in meinen „Materialien
zur Ethnographie des Witepster Gouvernements“, ©, 44 ff.)
33
— 54 —
In der 3. Hauptabteilung dieſes Werkes über- die Heinrufftichen
wesnjanki fommen die lettifchen und litauiſchen Sonnenliederchen zur
Beſprechung und dienen zur Erweiterung und Verbollftändigung des be-
fannten Mannhardtichen Artikels über lettiſche Sonnenmythen. (DVergl.
bejonder3 Seite 58—126. Vergl. hierüber auch unfere „Mitteilungen“
Band 2, ©. 304 — 306).
In dem 2. Bande feines Hauptwerfes über das ruffifche Lied
werden die litauiſchen Lieder nicht bloß auf Grund von Neſſelmann's
Sammlungen, der Werfe Mannhardts zur VBergleichung benußt, fondern
ijt auch der reiche Liederthefaurug, welchen die Gebrüder Juskevid heraus-
gaben, jowie Lesften und Brugmann’3 Liederfjammlung u. a. zur Ver—
arbeitung und Wertihägung in poetilcher Beziehung gekommen. Dieſes
in 88 Sapitel zerfallende Werk über Weihnachts- und Silveiter - Xieder
behandelt einleitungsweiſe zunächſt das Metrum und ftellt die bezüglichen
Werfe von Zima über jlaviiche Metrik, Melgunow's Aufzeichnungen
rufliicher Lieder, Jowie R. Weſtfal's befannten Auffa über Das
ruſſiſche Volkslied u. a. in eine ganz neue Beleuchtung.
Sm 2. Kapitel ift von der falendarischen Begrenzung der Kaleden-
Lieder, von dem Owsen der Ruſſen und dem Uhsinsch der Xetten
die Rede.
Das dritte Kapitel Handelt von dem Grundcharakter diejer Lieder,
welche mit Ausnahme einiger chriftlicher. und fittlich belehrender Miotive
die lichte und erwünfchte Seite des Lebens darftellen. Die fröhliche
Weihnachtszeit mit ihrem Nätjel- Erraten, Wahrjagen und Zukunft
ergründen, die Zeit, wo die „Taulauninkai‘“ umhergehen, wird dann von
Kapitel 4 an charakterifiert nach den hauptjächlichen Kaledenliedermotiven,
aus deren langer Reihe wir hier nur Einzelnes hervorheben fünnen.
Sn Rapitel 14 ift die Rede von dem Motiv, wonach Sonne,
Mond und Regen (rejp. zwei Heilige und Gott) um ihre Kraft ftreiten.
Gleichwie im litauiſchen Liede Perfunas, erzürnt auf den Mond, den-
felben mit dem Schwert zerteilt, fo zerhieb in einer kleinruſſiſchen Legende
der heilige Onufrij im Streite mit dem Froſt (moroz) demfelben den
Kopf mit dem Beil, weshalb der Froſt frank blieb bis zum 16. Auguft,
— 55 —
daher find feine Fröſte vom 12. Juni (dem Onufrij-Tage) bis zum
16. Auguft. In verfchiedenen anderen Varianten und Bolfsliedermotiven
wird der Mond durch den Froſt vertreten u. ſ. w. Aus diefem Kapitel
heben wir hervor den Exkurs über baltas im Sinne von ſchön, gut,
lieb und anmutig in der Liederſprache, balta mergele, balti brolyczei,
balti zmones ehrliche Zeute, Yettijches balta mämulite das liebe Deütterchen,
ähnlih im Ruſſiſchen und Bulgariichen (©. 195 —199).
In Kapitel 29 wird das Motiv von der himmlischen, vornehmen
Berwandtichaft erklärt, wobei das befannte litauiſche Lied citiert wird
von dem Waifenfinde, das vater- und geichwilterlos himmliſche Schüßer
und Verwandte zur Hochzeit erhält:
Saul& mo£iute krajtialji kröv6,
M£nü teviälis daliale skyre,
Zvaigzdes sesiales vajnika pyne (nebſt Varianten)
Setyns brolialis tauküu lydeju.
(Bergleiche Seite 415 bis 417 und überhaupt Seite 402 bis 424).
Sm Kapitel 37 vom dreifachen Getränf und von dem Schenf-
mädchen (Seite 496 und folgende) wird auf Seite 500 das litauifche
Kalbesiwa kalbuzate,
Dumosiwa dumuzate,
Kur srowe giliausia,
Kur meile meiliausia (Neffelmann 3)
zufammengebracht mit dem altdeutichen Lied vom Meijter Trougmunt
(Uhland Alte ꝛc. Bolkslieder I, 5; Schriften zur Geſchichte der
Dichtung III, 192).
Und jag mir, Meifter Trougmunt,
Durch waz iſt der Rin fo tief?
Oder warumbe ſint frowen alſo Tiep?
Von manigem urſprunge iſt der Rin ſo tief,
Von hoher minnen ſint die frowen liep.
Sm Kapitel 38 „Das Mädchen ertrinkt“ (Seite 525— 531) werden
weitverbreitete litauiſche Dainos und lettiſche Sing’es vergleichend inter-
pretiert. DBater, Mutter, Schweiter und Bruder thut es leid, Ochien,
Kleider, Aing oder Sattel zum Auskauf der Schweiter herzugeben, der
Liebite aber opfert jein Roß und fauft das Mädchen los (cf. Juskevie's
Lietuviszkos dajnos N. 823). Varianten desjelben Themas find: das
33*
— 516 —
Liebchen fauft den Liebften aus der Gefangenfchaft Ios, don den
Soldaten u. ſ. w. Im Kapitel „Der Wind entführt den Brautkranz“
werden ebenfall® die Titauifchen und Tettifchen Entiprechungen nad
Juskevis, Leskien und Brugmann, Sprogis ufw. eingehend ber
handelt. Im Kapitel 48 endlich, welches von den Nätjeln handelt,
werden die befannten Rätſellieder aus Juskevie’3 Sammlung, fowie die
lettiſchen Rätſel nad) Bielenfteins Rätſel-Buch mit rufjifchen und fla-
piichen Parallelen verjehen. Nur das litauifche Rätjellied über Die Baum-
namen (Juskevic N. 1254) hat feine Analogie im ſlaviſchen Volkslied:
Aj bent pasakyk, jaunà merguzöle
Koks medialu vardialis? ..
Berzias Bernotas (Bernhard) alksnis Ignotas,
Serbenta (fhwarze Sohannisbeere) Petrundle.
Am nächſten fomme hier das lettiſche Lied, wonach die Waldes-
mutter am Sumpfrande einherjchreitend die Vögel zuſammenruft, die
Moorſchnepfe — Margarete, das TFeldhuhn — Maja (Maria), die
Wachtel — Magdalena, den Naben — Silis, den Specht — Pator
und die Fledermauz*) — Bartholomäus nennt. (Seite 585).
Wir brechen bier ab, da es unmöglich ift, den reichen Inhalt dieſes
wichtigen Werkes auch nur annähernd zu beitimmen. Wir jahen, daß
Potebnjä in feinen jämtlichen Werfen dem Litauifchen und Lettijchen
gerechte Würdigung widerfahren läßt, nicht bloß in fprachlicher, jondern
auch in volkspoetiſcher und ethnologifcher Hinfiht. Er gehört dabei zu
den wenigen ruffiichen Forſchern, welche fich frei halten von einer Unter-
ſchätzung alles Nichtruffiichen, welche das Litauiſche und Lettiſche zu
leſen und zu benugen wußten, ohne Interlinearüberfegung. Die Akademie
der Wiſſenſchaften beehrte den Verſtorbenen daher auch mit ſpeziellen
Aufträgen in Bezug auf die litauiſch-ruſſiſchen Wörterbücher der Gebrüder
Juſchkewitſch und des Herrn Gilus in Warſchau, über die er ſein
Urteil abgeben mußte. Dank Potebnjä entſchloß man ſich in Petersburg
zum Abdruck des Titauifch » polnisch » ruffischen Wörterbuch von Juſch—
*) Die Fledermaus unter den Vögeln! Ähnlich Fragt bei Uhland (Alte...
Volkslieder I, 3—4) Trougemund: „Was vogel fdiget fine junge? Die Fledermus
föiget ihre junger.”
— 517 —
kewitſchs und von ihm wurde die vom Biſchof Baranomwafi in Kowno
verfaßte Kritif des Gilus’schen Lexikons ſozuſagen entjchieden befür—
wortet und mehr oder weniger gebilligt.
Wir werden gleich fehen, daß der Verjtorbene außer einer Reihe
von Werfen und Abhandlungen zur Zautlehre, der jlavoruffiichen Syntax
und lituflavifchen Volkspoeſie und der volfspoetifchen Symbolif, ganz
beſonders fruchtbringend auf dem Gebiete der hiltorijchvergleichenden
Etymologie fowie lituſlaviſchen Wurzel» und Worterflärung zu arbeiten
verftand und zwar fo real-philologisch anregend und Hiftorifch vertieft,
dag manches hier an Jakob Grimms Rechtsaltertümer erinnert. —
Potebnjä, der fich, wie wir oben bereits erwähnten, in feinen Erjtling3-
werfen mit Mythologie und Volkspoeſie der Kleinruffen und Slaven
beichäftigt, im Sahre 1862 eine tüchtige philoſophiſche Arbeit über Die
Beziehungen von Denken und Sprache veröffentlicht Hat, wendete ich
feit 1864 lautlichen und Dialeftologiichen Fragen zu. Im Jahre 1870
erichienen wertvolle Bemerkungen über das Kleinruſſiſche, im Sahre
1873—1875 Bemerfungen zur hiftorischen Grammatik der ruffiichen
Sprache, welche wachgerufen wurden durch 2. Geitlers altbulgarifche
Tanologie und Koloſows Stizze einer Geſchichte der Laute und
Formen der ruffiichen Sprache vom 11. bis 16. Jahrhundert. Waren
Geitlers altbulgarifche LZautftudien in beftändiger Rückſicht auf das
Litauifche abgefaßt worden, jo find Potebnj&’3 fritiiche Bemerkungen zu
diejen Werken nicht bloß Bemerkungen zur Geſchichte der ruffiichen Sprache,
jondern wichtige Studien zur lituflaviihen Lautlehre überhaupt zu nennen.
Potebnjä und 3. Schmidt ftimmen in manchem überein, jo in betreff
ihrer Volllauts- und Sparabhaftiftudien, fo auch jpäter in betreff
einiger Tragen über das Genus und die Pluralfategorie. — Da aber
das Ruſſiſche (und das Litanifche) bei der Abſchätzung des Alters der
altjlovenijchen Formen in Svarabhakti und Bolllautsfragen eine fo her-
borragende Rolle fpielt, jo iſt biermit ſchon deutlich gemacht, wie es
fam, daß ſpeziell ein ruſſiſcher Philologe wie Potebnjä ſich jo fehr des
Litauifchen anzunehmen wußte, ohne Rückſicht auf alle Buchftabenpofitit
und Transſkriptionsweisheit, — Fragen, die ja gerade bei der Maffe der
— 518 —
jogenannten gebildeten Ruſſen, auch Gelehrten die Hauptrolle fpielen und
bis jegt zur Verkümmerung aller litauiſchen Studien führten (ich meine
bier beſonders ethnographifche Studien über Litauen, die feit 25—30
getrieben, zu feinen beachtenswerten Nefultaten und Veröffentlichungen
führten und führen fonnten).
Potebnja’3 weitere Zautjtudien find niedergelegt in einen Werf,
dad betitelt: „Zur Geſchichte der Laute der ruffiichen Sprache”, in
4 Bändchen erichten in den Jahren 1876 — I; 1879—1880 — II;
1881 — IH; 1883 — IV. Dieſe Studien find aber nicht ftreng
phonologijch gehalten (aus dem 2. Bändchen erfchienen 2 Abhandlungen
über den ſlaviſchen Balatalismus und dann über die Nafalvofale auch)
Deutſch im III Bande des Archivs für ſlaviſche Philologie), fondern
nehmen allmählich die Form von „Materialien zu einem etymologifchen
Wörterbuch der ruiftichen Sprache“ an. — Im 3. Bändchen haben wir
e3 jpeziell mit etymologiichen Bemerkungen zur ruſſiſchen Volkspoeſie
und Kulturgejchichte zu thun. Erflärt werden hier das lettiſche péc
aus kleinruſſiſch pek (lit. atpenez — ruſſ. opjat’) auf Seite 56—58;
die Spuren der lit. Sprache im Ruſſiſchen und Polniſchen ©. 99— 100; spir-
gas ©. 114; spurgas ©. 115— 116; jauja 135, lettiiche3 mesls Abgabe
und die litauifchen Entjprechungen bei Entjcheidung der Frage über das
ſlaviſche z nach r, 1 aus der spirans tenuis (Seite 1—13: vergl. lit.
szarmäa, ruff. seren Reiffroft u. a. m.) — Im 4. Bändchen, dag von
V. Jagie im Archiv für jlav. Ph. Band 7, Seite 483—486 näher be-
ſprochen worden, find folgende Lituanica behandelt: das ſlaviſche selo
hat urjprünglic) die Bedeutung ager dypsc dann erſt Dorf, ob daſſelbe
mitlateinifchem solium, litauiſchem sölas Bank, deutſchem Saal oder mit lit.
szalis, oder lit. sala zulammenzubringen, tjt zweifelhaft, intereflant
bleibt aber auch jet noch die von Potebnja dargeftellte hiſtoriſche Be—
deutungsentwidelung des Wortes selo im Ruſſiſchen. Derewnja Dorf,
ältefte Bedeutung „das Rod, angerodete Land“, wird mit lit. dirva
Acer, dirvinis, lett. driwa (druwa) Saatfeld verglichen. Das deutjche
Dorf hat zwiefache Bedeutung und ziwiefachen etymologiſchen Urſprung:
1) von turba, töpßn Menge, Dorf — Verſammlung, daher jchwäbiich-
— 519 —
ichweizeriih Dorf — Beſuch, Zufammenkunft, Dorfen, ze dorfe gehen
u. ſ. w. 2) von ſlav. treb-ez NRodeland, terebit’ ausroden, was zu
gotiſchem thaurp = der, Land, anord. thorp Heines Gehöft ftimmen
würde — Bei Kluge Etymol. Wörterbud) 4. Auflage, Seite 57, finde
ich feine vollftändigere Erklärung. Es wird noch auf das Keltiſche trbo
Dorf, cymriſch tref Dorf verwiefen. Angelſächſ. threp, thröp Dorf
bringt Kluge mit lit. troba Gebäude zufammen. — Auf ©. 40—42
wird lettifches pagasts (Made) und ruſſiſch pogost erflärt, im litauiſchen
Rußland entipricht demfelben stacya (im jfandin. Norden die Kilegunden),
sebras, lett. sebrs, ferbiih sebor u. |. w. ©. 28—29; lit. szauti,
szaunus adj. und ſlaviſches su-ti, sulica Wurfipieg S. 74—76. Auf
Seite 81 wird verjucht, das lettiſche postala calceus, deutſch Baftel,
Baltihuh aus * pad-talas * podtolos zu erklären. — Dieſe und ähnliche
etymologische Deutungsverjuchen werden nicht bloß Durch Wortzufammen-
jtelungen und Wurzelvergleiche illuftriert, fondern find ſtets von real-
phifologijchen Belegen aus Volksliedern und alten Aftenftüden begleitet.
Bejonders muftergültig find in Ddiefer Richtung zu bezeichnen der Aufſatz
über Selo, derevnja, Dorf, dorfeln im 4. Bändchen und die Erflärung
der juridifchen Termini techniei, welche fich auf Kauf, Lohn und Raub
beziehen: das litauiſche Wort rubyti plündern, rubikas Plünderer,
Räuber, ruba Plünderung (rubös bögk, ale rugiü sek) vergl. Kurichat
Lerifon, wird zujammengebracht mit dem rubeZ, rubosa von * rubsti der
Nigifch-Livländiihen und Nomwgorodiichen Akten. Litauisch und ruſſiſch
fommt wie das chorutanijche rubiti pfänden von altdeutichem rouben
rauben (polnischen raböwac) her. (Vergl. ©. 48—49 und überhaupt
43—54.) Nicht minder reichhaltig ift in demjelben Bändchen der Auffat
über die blinden Heſſen, Chatten, Welfen, Hundejühne und blinden
Mafuren auf Seite 68—-83.
Das legte gebrudte Werk Potebnja’s iſt fein Aufſatz „Etymologiſche
Bemerkungen“, mitgeteilt 1890 in Lamanski's Ethnologifcher Zeitfchrift
„Zävaja Starina“ (das lebende Altertum). Näher etymologiſch erläutert
werden hier burtal'nik Wahrjager der Pleskau'ſchen Chronik, was mit
dem lett.=litauifchen burtininkas, burwis u. f. w. zujammenhängt, und
— 520 —
dann Weißrußland, belaja Rus’ u. a. m. Sehr leſenswert find hier-
über noch Lamanski's hiftorifch-ethnologifche Bemerkungen über Weiß- und
Schwarz. Rußland, die Litauer, Gudden, Kriwen und Letten auf ©. 245 .
bi8 250 des 3. Heftes genannter Zeitſchrift. Diefe und ähnliche etymo-
logiſchen Zufammenftellungen Potebnjä’3 bleiben nicht nur wertvoll für
den Herausgeber eines etymologiſchen Wörterbuches der ruſſiſchen
Sprache, ſondern liefern auch nicht wenig Bauſteine zu einem hiſtoriſch—
vergleichenden Lexikon des Litauifchen und Lettiichen. Gerade um
Potebnjä zu verjtehen, lohnt es fich der Mühe, das Ruſſiſche zu erlernen,
was zu. thun, Mikuckis wegen, Schleicher abgeraten hatte. — Gerade
in bezug auf etymologijche Bearbeitung der ruſſiſchen Sprache hat der
Verſtorbene viel ungedrucktes Material Hinterlaffen, das jest der Ber-
öffentlihung harrt.
Dben war bereit3 von den hervorragenden Verdieniten Potebnjä’3
um die Erforſchung der Syntax der ſlaviſchen wie litauiſchen Sprachen
die Rede. — V. Jagic hat bereits im Sahre 1868 im Rad V, 227 big
228 gelegentlich der Beiprechung des 1. Heftes von Miklosic’3 Vergl.
Syntax der flaviihen Sprachen hervorgehoben, daß für eine durch—
greifende Neugeitaltung bier noch die wifjenjchaftlichen Vorarbeiten fehlen,
dag Schleicher, als er die Syntax der litauifchen Sprache jchrieb
ſogar ein Werk aus dem vorigen Sahrhundert fich zum Mufter nahm,
und Daß Eurtius die Schleicher'ſche lit. Grammatik Die erjprieglichen
Dienfte leitete u. |. w. Mikloſich teilte feine Syntar ganz einfach ein
in die Lehre von der Bedeutung einzelner Wortklafjen und in die Lehre
von der Bedeutung einzelner Wortformen (vergl. Archiv für flavijche
Philologie L, 3. Heft, ©. 417). Potebnj& hat dagegen bei feinen
Igntaftifchen Forichungen vom Sab den Ausgangspunkt genommen, er
hat den Satz an die Spitze gejtellt, und die einzelnen Sprachformen
werden nach ihrer Geltung als Beitandteile des Sabes der Prüfung
unterzogen. — Dieſes Werk erjchien in zwei Auflagen unter dem Titel
„Aus den Memoiren über die ruffiihe Grammatik” zuerit 1874. und
dann 1888—1889 und bildete in 2. Auflage einen 548 Seiten ftarfen
Band in 8°. Auf das Litanifche fpeziell beziehen jih ©. 220—227:
— 51 —
die lettiſch-litauiſchen Participia im Nominativ als Prädikat eines Neben:
fabes ohne Verbum finiti modi, durch ein Kelativwort mit dem Yaupt- -
fa verbunden, ©. 324 über Vertretung des Objektes in negativen
Sätzen durch den Genitiv. s
Nach Potebnjä’3 Anſicht beruht der Genitiv bei der Negation im
Litauiſchen und Slavifchen auf der Anfchauung der geiftigen Entfernung, 203-
jagung, Entbehrung — ift alfo nicht auf den genitivus partitivus, jondern
auf den Ablativus zurückzuführen (cf. ©. 326— 327); über Dativus abso-
lutus ©. 340; über den Snfinitivus in Süßen wie tai velnies — nei
isz vietos ir nei pasijudint (cf. Schleicher Leſeſuch 215) ©eite 373
bis 374, über den prädifativen Snftrumentalis im Litauifchen ©. 533
u. a. m. Wie wir eben fahen, zeichnet fich Potebnjä in der Behandlung
ſyntaktiſcher Fragen durch feine rein philofophijche und originelle Methode
aus. Bereit3 Jagie meint in feiner Belprechung der eriten Auflage
der Memoiren zur ruffiihen Grammatif, daß Potebnjä, auf der Höhe
“Der heutigen europäifchen Sprachwiffenichaft ftehend, mit den Werfen
europäischer Sprachforſcher und Denker, eine W. vd. Humboldt, Potts,
Steinthals, Miklosic’3, ©. Curtius, Mar Müllers u. a. innig vertraut,
bei der Beantwortung allgemeiner Kragen über daS Wort und feine
Bedeutſamkeit, die Wurzel und ihren Sinn, die grammatische Form u. ſ. w
eine ſolche Schärfe des Urteils bekundet, daß man auch den allgemeinen
Teil feiner Syntax nicht ohne vielfache Anregung durchlieft (vergl. Archiv
für jlav. Philologie IT. Band, ©. 164 und jest noch D. Owsjaniko-
Kulikowski, Potebnja als Sprachphiloſoph (jazykovedmyslitelj)
. Kijev 1893.) Recht lejenswert find feine Bemerkungen, jagt Jagi& weiter, über
pen öfters aufgeitellten Grundſatz, als wiejen die fleftierenden Sprachen im
Berlauf der uns zugefehrten Hijtorischen Zeithälfte ihres Lebens nichts ala
Ausfterben und Schwinden der Formen auf, wogegen Potebnjä richtig her-
borhebt, daß die lautliche Auswetzung einzelner Sprachformen noch keines—
wegs dem Untergang der Formbildung, der formalen Kraft in der Sprache,
gleichfommt. „Dabei erwähnt er das öfters geäußerte Bedauern über das
Eingehen einzelner Sprachformen und vergleicht eg mit dem naiven Glauben
an die ſchönen Zeiten des goldenen Zeitalters.“ Den Prozeß des lautlichen
— 522 —
Verfalls vergleicht Potebnja mit der befannten Erſcheinung, daß ein im Leſen
Ungeübter zum Verſtändnis jo jehr des Lautes bedarf, daß er entweder
garnicht anders als laut, oder wenn ſchon [autlos, jo artifuliert, durch
Bewegung der Lippen ꝛc. leſen kann, während der Geübte mit Blicken
die Seiten verjchlingt u. |. wm." Die 2, Auflage nimmt nod) genauer
auf Die neuere jprachtheoretiiche und philofophijche Litteratur, Pauls
Prinzipien u. a. Rüdjiht, und überhaupt ift es charafteriftiich, dag
Potebnja die jchwierigen Fragen der heutigen Sprachwiſſenſchaft, denen
im allgemeinen die heutigen Linguiften wenig Aufmerkjamfeit fchenfen,
wie die über Plural und Genusfategorien zu beantworten fucht, wobei
wie früher in den Sparabhaftifragen, er wiederum mit Johannes Schmidt
in manchen Materien ſich berührt. So behandelte ex bereits im Jahre 1876,
im eriten Bändchen jeines Werkes zur Geſchichte der Laute des Ruſſiſchen,
auf Seite 27 die Reſte des Neutrumg im Litauifchen. Obgleich man, fagt
er um die weiteren Schieljale der Endung — am zu verfolgen, am
wenigiten das Litauijche und Lettiiche befragen follte, welche doch kein
neutrale Genus direkt mehr zeigen, in erhielten fich Doch Nefte desjelben
in imperjonalem Gebrauch der Pajfivpariicipia der Gegenwart wie der
Vergangenheit, in Wendungen wie „todel sakoma“, „tai D&wo Zadeta‘“,
„tai prilikta buwo“, „jis rado swetimo buta“, „je rado daug isz-
wogta“. Bekanntlich fommt Joh. Schmidt in feinem Werke „Die
Pluralbildungen der indogermanijchen Neutra, Weimar 1889" auch) auf
dDiefe Fragen zurüd. — Der Pluralfategorie iſt gewidmet eine bejondere
Abhandlung Über Die Bedeutungen der Mehrzahl in der ruſſiſchen Sprache
Woronez 1888, in welcher folgende ſechs Gebrauchsarten unterfucht
werden: 1. die hyperboliſche; 2. der Plural zur Bezeichnung
pon Einzefdingen: lat. plaustra, deutjch Hofen, lit. durys, wartai,
rages, ratai, kelines, wargonai ꝛc. 3. der Plural der teilbaren Dinge
in diftributivem Gebrauch, z. B. litauiſch paszukos, pakulos, nükulos,
avizos, rugei, kwecziai, linai, javai, Zirnei, apwynei, samanos, pelai,
dulkes u. ſ. f. (©. 22 u. ff). 4. Der Plural des Orts, z. B. lett.
Andulaisii — Antonovidi, Jurgi, Pilupi zc. 5. Der Plural der Beit,
3. 8. lett. Usini der Georgstag, lit. kriksztynos, pirslybos, Ziedynos,
— 523 —
dalybos, Zvalgytuves, paZintuvös, pötus, in adverbialem Gebrauch, pétu-
mis, rytais, wakarais (Seite 59.) — 6. Der Plural des Zuſtandes
(vergl. ruf. w pot’mach ne vizu im Dunfeln jehe ich nicht.)
Sn allen den hier nachgewiefenen Beziehungen hat Potebnjä des
Litauiſchen gedacht, nicht bloß an leßter Stelle und nicht bloß um rein
theoretijch Die Iinguiftiiche Methode zu befolgen, jondern weil ſich ihm
bei der Fülle des in leßter Zeit in Rußland gebotenen litauiſchen Sprach—
itoffes die Litauifche Analogie in Laut und Wort, in Satz wie in poetiſchen
Phraſen und ſymboliſchen Wendungen von felbit aufdrängten. — Als
philofophijchem Denker und humaniftiich-gebildeten Manne war Potebnjä
Denationalilation zuwider. Wie ein Standpunft undenkbar ift, jagt er
in feinen Schriften, von dem aus alle Seiten der Dinge fichtbar find,
jo ift es unmöglich, von einer allumfafjenden, unbedingt beiten Nationalität
zu reden. Wenn eine Einigung der Menjchheit nah Sprache und
Nationalität überhaupt möglich wäre, jo wäre jolches verderblich für den
Fortſchritt des menjchlichen Denfens, gleichiwie wenn man die Mannig-
faltigfeit der Sinne etwa durch bloßes Taften oder Sehen allein zu
erſetzen ſuchte. Zur Exiftenz eines Menichen find andere nötig, zur
Exiſtenz eines Volkes ijt die Exijtenz anderer Bölfer Naturnotwendigfeit.
— Wie wenig man bis jeßt über das litauiſche Volkslied und feine
Stoffe weiß und zu jchreiben veriteht, zeigt Böhlings Auffak, in
deutſcher Sprache abgefaßt (ſ. Litteraturbericht vom 3. 1890). Gerade Die
Symbolif und Poetik des litauiſchen Volksliedes ift ebenfo mie fein
Metrum und die litauische Volksmuſik ein wenig. beobachtete und bear-
beitetes Gebiet. Bon der Syntax der litauiichen Sprache gilt nicht
minder heute dasjenige, was Mikloſich von den ſlaviſchen gejagt (ef.
Jagice Archiv I, ©. 415), und fann Hier mutatis mutandis noch nicht
von einem auf die lettiiche Sprache eindringenden Neueuropäismus die
Rede jein, jondern mehr vom Polonismus und Rujjismus einerfeitz,
jowie Germanismen und vielleicht auch Amerifanismen andererfeits.
Jedenfalls wächſt in der lettiſchen und der Titauifchen Sprache
ebenfalls „nicht alles von innen heraus". Wie jehr die Kanzelfprache von
polnijch-Tateinischen Handbüchern beeinflußt, die Sprache der Titanifchen
— 524 —
Sntelligenz von der polnischen und ruſſiſchen Litteraturiprache, wie ſehr
ſich der Litauer der ruſſiſchen Grenzdiſtrikte 2c. germanifiert, unterliegt feinem.
Zweifel. Zeitungen, Die unter fo jchwierigen Umftänden und Per:
hältniſſen erfchienen, wie Varpas, Apszwieta, Ukinikas u. a. m., fönnen
faum direkt ſich puriftiichen Beftrebungen widmen. Somit erwächſt für
den denfenden Nationallitauer Rußlands die Aufgabe, nachdem die
großartigen Leiltungen der Juſchkewitſch daS Lexikon und das Lied
dem wiſſenſchaftlichen Publikum zugänglich gemacht haben, zeitgemäß an
da Aufichreiben profaischer Texte — Märchen wie Legenden — wo:
möglich jtenographiich und dialektgetreu (nicht bloß in „intelligenter“
Wiedergabe) zu gehen. Die tieffinnigen und weitjchichtigen Forſchungen
Potebnjä’3 fönnten Helfen auch hier daS Neue vom Alten, das Litauifche
vom Neueuropäiſchen zu unterjcheiden, es von Polonismen, Ruſſismen und
Germanismen zu befreien. Wenn ich hier |peziell die Verdienste Potebnjä’3
um die Erforfhung des Litauifchen in Sprache und Lied — und gerade
in bezug auf das Lied Hatte man bis jebt wenig Nennenswertes
(Koftomaromw’3 Aufſatz über litauifche Volkspoeſie vom Jahre 1860,
Oskar Kolberg's Einleitung zu den lit. Volksliedern des Sumalftichen
Goudernement3 im 3. Bande de3 Zbior wiadomosei do antropolgii kra—
jowej in Krakau) aufzuweiſen — gedente, jo ſoll man nicht glauben, daß
derſelbe etwa Reiſen nach Litauen zur praftiichen Erlernung der Sprache
unternommen ꝛc. nein, derjelbe hat nur den in den legten Jahrzehnten von
der Akademie der Wiffenjchaften und in fonftigen Beröffentlichungen ge—
botenen litauiſchen Stoff in das ſlavo-ruſſiſche Gewebe herein zu verflechten
verftanden, was um fo lehrreicher ift, als umgefehrt bis jet gerade die
fettifchen und Litauifchen Studien in den Oſtſeeprovinzen Rußlands wie
Preußens zu wenig aufdas Slaviſche Bezug nehmen. Sahen wir bei Mikucki
eine einfeitige Parteinahme für Ruffififation der litauiſchen Schrift und
Berfümmerung der litauiſchen Studien in Folge verjchrobener Wurzel-
theorien, jo fehen wir bei Potebnjä umgefehrt ein Wachstum der
Yitanifchen Unterfuchungen, daffelbe wird zum erjten Mal in Lied, Wort
und Laut in die wiffenfchaftliche Sphäre der rufjiihen Philologie
eingeführt und von nun an das Litauifche wertvoll gemacht nicht bloß für
— 525 —
den Linguiſten überhaupt, ſondern nicht minder für ruſſiſche Slaviſten
und Ethnologen, für die ſogenannten Vertreter des Lehrſtuhls der
ruſſiſchen Sprache und Litteratur.
Damit iſt ein weiterer Schritt gethan, um die litauiſche Sprache
und ihre Volkspoeſie aus der allgemeinen Inorodzen-Maſſe (Inorodci
== Fremdvölker), dem nichtruſſiſchen minderbegünftigten vulgus heraus—
zuheben und den Litauer und feine Sprache mindeitend dem Weſt- oder
Süd-Slaven gleichzuitellen.
Sollte mar zum Schluß noch glauben, daß der Verſtorbene als
Spezialiſt für ruſſiſche Lautlehre, Grammatik, Syntax, Poetik und
Sprachphiloſophie in ruſſiſchen gebildeten Kreiſen weit und breit bekannt
war, ſo geht man irre, derſelbe wurde zunächſt geſchätzt, gewürdigt und
verſtanden von einigen wenigen Kollegen, ſeinen Schülern, ſeinen
Studenten und vielleicht ſeiner kleinruſſiſchen Heimat,“) dann im Kreiſe
von Spezialiſten (Sreznewski, Lamanski, Pypin u. a. m.) und, wie wir
lahen, war Jagic im Welten der erjte, der (faft gleichzeitig mit Der
Petersburger Akademie der Wiffenjchaften und Sreznewski's verfaßter
Kritit feiner Werke) Potebnjä’s Werke empfahl und kritiſch würdigte
Gerade in den 13 Bänden von Jagic’3 Archiv findet man den Namen
‚ Potebnjä’3 von 1876—1890 häufiger erwähnt als in der ruffifchen
fachwiffenfchaftlichen und gemeinbildenden Litteratur derjelben Zeit.
Freilich ift Dies zum nicht geringften Teile durch den Mangel einer
kritiſchen Litteraturzeitung (der einzige Verſuch dazu war feiner Zeit die
„Kritieeskoje obozrenije“ in Moskau, welche bald einging) zu erklären.
Wer ſich näher für den Fortjchritt des ruffiichen Denkens und Forfchens
interefjirt, der findet reiches Material zur Charakteriſtik des Verftorbenen
im 4. Bande des von der Charfomwer Hiftorifch-philologifchen Geſellſchaft
herausgegebenen Sammelbandes, vom Sahre 1892, in welchem dem An-
denfen Potebnjä’s eine Neihe von Artikeln ©. 1—90 gewidmet it. Aus
*) Die Charkower Hiſtoriſch-philologiſche Geſellſchaft Hat mit Alferhöchfter
Beftätigung im Jahre 1892 eine Potebnj&ä-PBrämie für Werke zur Geſchichte
der ruffifchen Sprache und Litteratur bei der dortigen Gefellichaft geftiftet. (Vergl.
N. A. Sumcow, ot‘et o paZertvovanijach na premiju imeni A. A. Potebnji.
Charfower Gouvernements-Zeitung Nr. 38, vom Sahre 1898).
ar Bin
dem Aufſatz Charciew's über den Nachlaß des Verstorbenen erfahren
wir, daß noch ein 3. Band der Syntax faft vollendet vorliegt, in welchem
u. a. Mitlofich jubjektlofe Sätze, die Subftantiv - Kategorien Nomina
agentis, actionis, acti ſowie das Genus einer näheren Unterfuchung
und Beſprechung unterworfen, von näheren fowie dem Plane diefes
3. Bandes ganz zu gefchweigen.
Leskien jagt im Vorwort feines neueften Werkes „Die Bildung
der Nomina im Litauiſchen, Leipzig 1891": Es (das Kitauifche) wird
immer zu denen gehören, die um ihrer jelbft willen jehr wenig Menfchen
lernen, da die Ritteratur nichts bietet, auch die oft gepriefene Volks—
Dichtung Durch einige anmutige Lieder nicht für den überaus
pürftigen Inhalt und die öde Einförmigfeit der übrigen
Tauſende entſchädigt.“
Dieſe Geringſchätzung des litauiſchen Volksliedes zeigt deutlich, wie
ungenießbar daſſelbe für Fernerſtehende noch iſt, wie wenig bekannt noch
die Volksmuſik, die bezüglichen Volksgebräuche und Sitten und die dem
Litauiſchen eigentümlichen Liederſtoffe, Liederphraſen und poetiſchen
Symbole. Daß die einſeitig idealiſirte Darſtellung der Eigentümlichkeit
litauiſcher Volksdichtung durch Koſtomarow vom Jahre 1860 kaum
genügen, um den Liebhaber ſlaviſcher Volkspoeſie in's Litauiſche ein—
zuführen, zumal da der ruſſ.litauiſche Liederſchatz bis da ungehoben
plieb, verfteht fich Hier von felbit; um auch für Terneritehende das
Yitauifche Lied intereffant erfcheinen zu laffen, ift eine ethnolegijch-
vergleichende Bearbeitung von nöten, fowie überhaupt die Wertichäßung
desjelben vom Standpunkte einer pſychologiſch und philofophijch ver—
tieften Lehre von der Boetif und Symbolif des flavifchen, litauiſchen
wie deutſchen Liedes erforderlih. Gerade in dieſer Beziehung Hat
Potebnja neue Bahnen gewiefen und dadurch überhaupt gelehrt, wie
man Volkslieder, feine Varianten, Eingangsſtellen und typiiche Wendungen
fammeln, ordnen und veröffentlichen ſolle. Sedenfall® werben in Diefen
Beziehungen nicht bloß Lituaniften und Slaviſten dem Verſtorbenen
Dank zollen, fondern ebenfofehr die Liebhaber vergleichender Bolfsfunde
und Völkerpſychologie.
15,/27. Auguſt 1892. E. Wolter.
— 527 —
Anmerkung. Unfere litauiſchen Studien nicht direft berührend, find Die
Studien des hochverdienten Verftorbenen auf dem Gebiete ruſſiſcher Litteratur und
Dichtkunſt, Arbeiten, welche größtenteils ungedruct blieben und ſich auf Doſtojewski,
Odojewski, Leo Tolftoj u. a. bezogen. Weitere Kreife intereffirend feine noch unge-
drudte Theorie der Poeſie, feine Bemerkungen zu Rüdiger’s Artikel in der Zeitichrift
für Völferpfgchologie über den Nationalismus, über Danilewski's „Rußland und
Europa” und das in 2. Auflage erfchienene Bud) „Denfen und Sprache” u. a. m. In
betreff feiner Zeiftungen fpeziel auf dem Gebiete der Slaviſtik verweife ich auf
Jagié's Archiv. Als Linguiften und Lautphyſiologen charakterifiert den Verftorbenen
Zundel J. c. pag. 90 am beiten mit folgenden Worten; La fonetique de P. est
souvent assez abstraite: on peut y voir un petit reste des manipulations
de lettres des grammairiens -- antiquaires, Mais c’est n&anmoins un ob-
servateur interesse, à l’oreille sensible. Il aime & s’occuper de la langue
parlee, vivante, de la langue populaire; sans negliger pour cela les vieux
documents... Il desapprouve la disposition de plusieurs savants de ne
vouloir voir qu’un declin dans l’&volution de ia langue à l’&poque historique.
Cependant 3’il declare qu’une loi fonetique est violee „au profit de intelli-
gibilite étymologique“ — ce n’est que sa facon de s’exprimer qui est en des-
accord avec nos habitudes. Les arbres gendalogigues & la Schleicher lui plai-
sent en peu, mais il a des idees bien nettes sur leur vraie signification.
En somme, si nous rangeons P. au nombre des grammairiens antiquaires,
c'est en partie les dates de ses ouvrages, plutöt que sa möthode et ses
gouts assez modernes, qui nous y conduisent. — Als Menſch wie als Ge—
ehrter, als afademifcher Lehrer wie als Sprahforfher und Denker ftand Potebnjä
gleich Hoch da; obgleich vielfach unterſchätzt als Buchſtabenkrämer und Kleinruſſe,
fonnte man ihm in Rußland dennoch nicht die Achtung vermehren, obgleich feine
Werke viel weniger gelefen worden find, als fie eg verdienten. Als felten Harmonifch,
künſtleriſch mie mwiflenfchaftlich gebildeter Menſch bekundete er in feinen Vorlefungen
und Werfen eine feinfinnige Originalität des Denkens und Selbftändigfeit der Welt-
anſchauung. Derſelbe.
37.
Zwei litauiſche Erzählungen.
Mitgeteilt von J. Koncewicz.
Der geehrte Einſender bemerkt: „Die erſte Erzählung hörte ich in Szadow
im Sommer 1878, die zweite wurde mir in meinen Kinderjahren öfters erzählt.
Vielleicht findet ſich etwas Ähnliches im Deutſchen zum Vergleich, wie „Das gläſerne
Herz“ für das erſte, und die Legende vom „Hufeiſen“ für das zweite.“
Sukietejusi Siirdis.
Kita kart büvo viens labai bagöts pöns ir laik6 pas savi
daktara. POns ir daktars sutikdava labai giarai, kad jie dau-
giausi draügi büdava, Snekedava ir gazetas ir knigas skaitidava.
O jü knigos ir gazetos büva n& bili kokios — vis &uksta möksla
— 528 —
ir 15 svetimt zemiu. Teip besiskaitidami jié viena kärta par-
skait6 gazetosi, äsunti PariZiuj’ labai gärsi daktarù kniga.
Tai-gi ji6 susira86 su knigoriu PariZiuj ir nusipirka saüı ta kniga.
Kaip tik jie suläuke knigos is Pariäios (Pariäiaus), thjos &mesi
ja skaititi ir rada, kad jei Zmögus unt tusciös Sirdes kasdien
po viena viStös kiausinj, gerai iSkiapta unt Zariju, välgis be
dünos ir b& drüskos, tai par menösi jà Sirdis sukietes, kai akmü,
ir Js numirs. „Tai navädnas däiktas! ar tai gäli büti?* kal-
bej& tarpu save pöns su däktaru. „Kad atsirästu toksai Zmo-
geélis,“ kalbej6 toliaus pöns, „su katriim mias gletumem t3 pa-
dariti, a5 düciu jam Simta rubliu“. Pons kalbeje teip ns unt
nieku, bet ttijos pradeje jie abudu*) su daktaru klausineti, ar
ns atsirastu toksai Zmogälis, kuris uZ Simta rübliu apsijimtu
kasdien unt tusciös Sirdes välgiti kiaptüs kiausiniüs bé dtinos
ir bö drüskos, o po mendsium reiksint jam mirti. |
Ne töli nu dvära, kür pöns givöna, büva södZius, o tami
sodZiuj atsirada sians inamelis, katräs tureje jò (jau) uzaugusi
sunu. Tas inamelis pasimislij6 sau, asäs sians ir reiksig jam
nö uZilga mirti; tai kas, kad jis kokeis miätais graiciau nu-
mirsias, uZtät paliksigs sünui Simtg rübliu. Teip ir apsijem6
sönälis uZ Simta rübliu par menäsj kasdien pas pöng valgiti unt
tusöjös Sirdes po vienga kiapta kiausinj b& dünos ir b& drüskos.
Sönilks sau välgs ir vis büva sveiks; tiktai kaip menösis pasi-
baigö, jis ir nimir6. Däktaras surövidavöjs numirelj ir rada
tikrai sukietejusig Sirdj, tartùm büves akmũ.
Sönilka sinus, gäves Simtg rübliu, präsô, kad jam atidütu
sukietejusia teva Sirdj. Pöns, pasiänskejes su däktaru, atidave.
Süunus, pasijemes sukietejusig teva Sirdi, parsiness ja namölios,
pavärt6 runkösi, paZiurejö i$ visù püsiu ir md mislitı, kaip
dabär jä velios atminkstinti. Jis mirk6 j& vandeni, ruksti, sü-
rimi ir kitüsi skistimüsi, bet vis nieks n& maöije. Tai-gi nu-
&jes j därig, iSröv& röpe, nülups jös Zieve ir stskut6 su peiliü;
*) auch abůdu.
— 529 —
süskustas röpes smülkmianas spalsdamas tarp pirStu, varvina
süultis unt sukietejusios Sirdes. Nu tü süldiu pradeje Sirdis atsi-
läisti, o paskü ir suvisüm palika mink$ta. Dabar jis ape t&
nieka nösakidams, ein pri pöna su däktaru ir präSasi, kad jam
dütu välgiti kiausiniüs us Simta rübliu, kaip ja teva nabäfnikui.
Pöns n& norej6 tä padariti, dabär tikrai Zinödams, kad jaunam
_ vaikiäsui reiks po menesium mirti. Böt vaikiäsas labai präss
ir pöns prisiläide. Unt ritöjos vaikiäsas pradej& valgiti pas
pöna unt tuScios Sirdes kiaptüs kiausiniüs b6 dünos ir bé drüs-
kos, kaip ir ja teva nabääniks buva däres; tiktais suvalges
kiausin]j, Sökdava i däarza, iSsiraudava röpe- ir, nullüpes Zi6ve
dünceis ir nagais, suvälgidava. Teip jis dar6 kasdien, par visa
menösi. Atejus paskutiniai menösia dienai, pöns su daktaru
tikösi, vaikiäsas numirsias, bet jis palika suvisum sveiks ir
givs, kaip ir büves. Tada pöns su daktaru, nusistöbeje, klaus6
ji, kaip Jis padäar6, kad islika givs. Tai-gi vaikiäsas pasaköje,
kokiü büdu jam pasisöke sukietejusi teva nabasnika Sirdis at-
minkstinti. Dabär pöns atidavs vaikiasui sudereta Untra Simta
rübliu, o däktars Zinöj6, kaip atgaivinti sukietejusig nu kiaptü
kiausiniu Sird). J. Koncewicz.
Das verhärtete Herz.
Es war einmal ein fehr reicher Gutsbefiter, der hielt bei fich
einen Arzt. Der Herr und der Arzt vertrugen fich fehr gut, jo daß
fie meijt zujammen waren, fich unterhielten und Zeitungen und Bücher
fafen. Sie Hatten nicht unbedeutende Bücher und Zeitungen, fondern
jolde von Hoher Willenichaft, bejonder® aus dem Auslande. Indem
fie mit dem Leſen ihre Zeit vertrieben, fanden fie einmal in den Zeitungen,
daß in Paris ein jehr berühmtes medizinisches Buch erfchienen jei. Sie
Ichrieben deshalb an einen Buchhändler in Paris und kauften fich das
Bud. Als fie es aus Paris erhalten hatten, machten fie fich gleich
daran, es zu leſen, und fanden dort folgende Mitteilung: Wenn ein
Menſch täglih ein auf Kohlen gehörig gebadenes Hühnerei auf den
34
ee 530:
nüchternen Magen ohne Brot und Salz genöffe, fo würde fich fein
Herz im Laufe eines Monats zu Stein verhärten und er felbft müßte
lterben. „Das tft jonderbar! ift das möglich?” fprachen der Gutsherr
und der Arzt zueinander. „Wenn ein Mensch fich finden ſollte,“ fuhr
der Herr fort, „mit dem wir fo etwas ausführen fünnten, jo würde ich
ihm Hundert Rubel geben.“ Der Herr fprad) das nicht jo zum Spaß,
jondern fie fingen alle beide an, herumzufragen, ob fich nicht fo ein
armer Teufel finden jollte, welcher für hundert Rubel darauf eingehen
würde, täglich ein gebadenes Hühnerei ohne Brot und Salz auf den
nüchternen Magen zu eſſen und nach einem Monat zu fterben.
Nicht weit von dem Hofe, in welchem der Gutsbeſitzer wohnte,
war ein Dorf, und in dem Dorfe Ichte ein alter Einwohner (zur Miete
in einer Hütte), welcher einen erwachlenen Sohn Hatte, Der reis
überlegte, er fei alt und würde nach furzer Beit fterben; was Liege
daran, wenn er auch etliche Sabre früher ftürbe, dafiir würde er feinem
Sohne hundert Rubel Hinterlafjen. Er ging alfo darauf ein, für Hundert
Rubel bei dem Gutsherrn im Laufe eines Monats täglich ein gebadenes
Ei ohne Brot und Salz auf den müchternen Magen zu ejjen. Der
Alte a alfo und war immer gefund; als aber der Monat zu Ende
ivar, Starb er. Der Arzt fezierte feinen Leichnam und fand wirklich das
Herz verhärtet, al3 ob es ein Stein wäre.
. Als der Sohn des Alten die Hundert Nubel erhalten Hatte, bat
er, daß man ihm das verhärtete Herz feines Vaters geben möchte,
Der Herr und der Arzt beiprachen fich darüber und gaben es ihm.
Der Sohn nahm das verhärtete Herz, brachte es nach Haufe, fehrte es
in den Händen hin und her, bejah es von allen Geiten und fing. an
Darüber nachzudenfen, wie er es wohl wieder weich machen könnte. Er
mweichte e8 in Waffer, in Säure, Salzlafe und in anderen Flüſſigkeiten,
aber alles half nicht. Dann ging er in den Gemüjegarten, zog eine
Rübe aus, fchälte fie ab und zerfchabte fie mit einem Mefjer: das
Kübenfchabjel preßte er zwifchen den Fingern und tröpfelte den Saft auf
das verhärtete Herz. Von dem Saft fing das Herz an nachzugeben
und fpäter wurde es auch ganz weich. Ohne etwas Darüber zu jagen,
= =
geht er nun zu dem Gutsherrn und dem Arzt und bittet, man möge
auc ihn für Hundert Rubel Eier effen laffen, wie feinen feligen Vater.
Der Gutsherr wollte e3 nicht thun, weil er ja ficher wußte, Daß Der
junge Burfche nach einem Monate würde fterben müfjen. Aber diejer
bat jehr, und der Gutsherr gab nad. Am nächften Tage begann der
Süngling bei dem Gutsheren gebadene Eier ohne Brot und Salz auf
den nüchternen Magen zu effen, wie es fein feliger Vater gethan hatte;
aber wenn er das Ei aufgegefjen hatte, fprang er in den Gemüjegarten,
z0g eine Rübe heraus, jchälte fie mit den Zähnen und Nägeln ab und
aß ſie auf. So that er's täglich den ganzen Monat. Als der letzte
Tag des Monats gekommen war, glaubten der Gutsherr und der Arzt,
daß der Burſche fterben würde, aber er blieb am Leben und ganz geſund,
wie zuvor. Da wunderten fich der Gutsherr und der Arzt und fragten
ihn, wie er es gemacht habe, daß er am Leben blieb. Der Burjche
erzählte, auf welche Art es ihm gelungen fei, das verhärtete Herz feines
feligen Vater wieder weich zu machen. Nun gab der Gutsherr dem
Süngling die bedungenen Hundert Rubel, und der Arzt wußte, wie man
ein durch gebadene Eier verhärtetes Herz wieder beleben könne.
J. K.
N6& reiki skatika (skatiko) niekinti.
Kita-kart büva jau pasönes karälius, su Zila bärzda. Jis
iSe]6 siki pasivaikscioti, o su jüm kartu büva daugiaüs pönu.
Teip sau besivaikStinejint karälius, pamätes unt kölia pininga,
pasilunke, pakela jj nu Zömes, pasiZiurejes rada, kad tai büva
tris skatikai, ir isideje ı kesöne. Jaunösniejie is palidu pradeje
Siopsötis, kad karälius ır dar teip sians, su Zila bärzda, lünkösi
del trijü skatiku. Karalius, vis-kg matidams ir gird&dams, ne
atsiliep& nei Zödzium; tiktai parejes namölios, prisak& kükoriui
iSvirti pietus suvisum b& drüskos. Susedus visiems pietu väl-
giti, visi välgei büva be drüskos; kas ka nei pajims, vis negärdu,
ir nieks n6 valga, visi sedZ pries sava välgi. Tadà karälius,
paSaukes vieng tärna, liep& sau padüti Zirklas, nukirpa tris
34*
— 532 —
plaukus is sava Zilös barzdos ir padave tärnui sakidams: „Eik
i krömg ir parniaök drüskos uZ tüs tris pläukus; o sakik, kad
tai plaüukai iS karäliaus bärzdos!“ Tärnas iseje drüskos pirkti,
kaip jam karälius büva prisäkes; bôt kur jis nei nudje, niekur
ns gäva drüskos uz tris barzdäaplaukius, nonts jis visür säke,
kad tai plaukai is karaliaus barzdos. Teip ir sugriöa be drüskos.
Tai-gi dabar karälius isträuke iS kesönes tris skatikus ir pädavs
tarnui drüskai nupirkti. Tärnas iä&j6. Ne ilgai trükus, jis pär-
nèôsô uz karäliaus rastüs tris skatikus tiek drüskos, kad visi
‚gärdiei pavälge ir dar lika kitäm kärtui.
J. Koncewicz.
Man foll den Heller nicht gering Jchäßen.
E3 war einmal ein König, Der war betagt und Hatte einen
grauen Bart. Einft ging er in Begleitung mehrerer Herren fpazieren.
Wie er jo ging, bemerkte der König auf dem Wege ein Geldftüd, bückte
fich, Hob es von der Erde auf, beſah es und fand, daß es drei Groſchen
wären, und ftedte e3 in die Taſche. Die Süngeren in dem ©efolge
fingen an zu jpötteln, daß ein König, und noch dazu jo ein alter mit
grauem Bart, fich wegen dreier Groſchen bücke. Der König ſah und hörte
alles, fagte aber fein Wort. Als er nach Hauje gefommen war, befahl
er dem Koch, das Mittagsmahl ganz ohne Salz zu bereiten. Als alle
fich zum Effen gejegt haben, find ſämtliche Speiſen ohne Salz: mas
nur einer nimmt, ſchmeckt nicht, und feiner ißt, alle fißen vor ihren
Speilen. Da rief der König einen Diener herbei, befahl ihm eine Schere
zu reichen, jchnitt drei Haare aus feinem grauen Bart und übergab fie
dem Diener, indem er jagte: „Geh' in den Laden und bringe Salz für
diefe drei Haare; jage aber, daß es Haare aus ded Königs Bart find!“
Der Diener ging Salz zu faufen, wie es der König ihm befohlen hatte,
aber wo er auch hinging, nirgends befam er Salz für die drei Bart»
haare, wenn er auch überall jagte, daß es Haare aus des Königs Dart
feien. Er fehrte alfo ohne Salz zurüd. Jetzt z0g der König die Drei
Groſchen aus der Tafche und übergab diefe dem Diener, daß er dafür
— 533 —
Salz faufe. Der Diener ging. Nach kurzer Zeit brachte er für Die
drei Grofchen, die der König gefunden hatte, jo viel Salz, daß alle mit
Wohlbehagen aßen, und davon auch noch zum nächſten Male übrig blieb.
i | J. K.
38.
Arſprung des Namens der Htadt „Libau“.
Den 21./9. März 1889 lag dem Diskutier-Abend des Riga'ſchen
Gewerbeverein die Frage vor, woher der Name „Libau“ ſtamme. Es
wurde angenommen, daß diefer Name altlitauiſch-ſlaviſchen Urjprungs
ſei und vom Worte lipa (jlav.), leepa (lett.), liepa (lit.) herfomme,
welche Annahme die Iettiiche Benennung der Stadt Leepava (lit.
Liepojus), Lindenftadt, und die Linde im Stadtwappen am beutlichiten
beitätigen ſollten.
Gegen diefe Annahme tritt Herr Dberlehrer J. Dörring (Mitar)
mit wohlbegründeten Beweiſen auf. Befanntlich bewohnten die Liven,
ein finniſches Volk, im XIII. Jahrhundert das weltliche und nördliche
Kurland, bevor die Leiten und Litauer bis dahin vorgedrungen waren;
die Reſte der Liven aber find noch gegenwärtig im nordweftlichen Kurland,
und zwar am Dondagenfchen und Popenſchen Strande anfällig. Die
Liven müffen aljo den Ort gegründet und ihm den Namen gegeben Haben.
In der altliviichen Sprache dürfte das Wort liwa Sand bedeutet
haben. Auch in der ejtnifchen Sprache, welche dem finnischen Haupt—
jtamme angehört, bedeutet noch heutzutage das Wort Iwa und liiw
Sand; der Name Liva würde aljo für die Gegend von Libau ziemlich
pafjend gewählt jein. Derjelbe Name kommt in der Form Lyva
(Lywa) auch in alten Urkunden vor, aus denen wir die Belege von
- Herrn Dörring nad) der „Beitung für Stadt und Land" Nr. 69 den
25. März (6. April) 1889 folgen laſſen.
„sm Sabre 1253 wird in einer Teilungsurfunde erwähnt „dat
dorp, dat die Lyva is genant“ und im lateinifchen Text „villa quae
dieitur Lyva“, ferner heißt e& in derjelben Urkunde „vortmeier die
see und die Lyva, went to tem mere, solen gemein und vri
— 334 —
syn. Also dat nyeman weir in die Lyva sal maken, ane van
der gomeinen volbort“ („Item stagnum et Lyva usque ad mare
erunt communia et expedita, ita quod nullus faciat in Lyva
gurgustia“ u. |. w.). In einer anderen Urkunde vom Sahre 1291
Durch welche fich der Ordensmeiſter Halt mit dem furländifchen Bifchof
vergleicht, wird das Land zwiſchen Lyva und der „Zareykenbecke“
dem Drden zugelprochen, „Lyva“ dagegen durch den Bartaufluß („Bar-
thowe*) bis zur litauifchen Grenze und das Land „Scoden“ bis zur
Mündung der „Lyva* ind Meer, dem Biſchof. Auch ein Schloß
(castrum) zu „Lyva“ Tommt in einer Urfunde vom Ende des 13. Jahr:
hundert? vor. (Bunge U. B. 1 Nr. 603). Im Sabre 1411 werden
die Söhne des „Grote Laurenti von der Lywa“ mit Land beim
heutigen Libau belehnt. Auch 1508 wird Die „Iywasche Beche“
urkundlich erwähnt. In der Stadtgerechtigfeits-Urkunde (dom 3. 1625)
wird der Drt bereit al3 „Lybaw“ und „Die Lybau“ aufgeführt, ebenjo
die „Lybawiſche See” und auf einer alten Karte von 1637 die „Libavfche
friiche Seeh“.
„Aus dem Angeführten geht wohl zur Genüge hervor, daß der
Name „Libau“ nichts mit der „Linde“ zu jchaffen hat.“
Riga, den 20./8. April 1889. J. Koncewicez.
39.
Drei Dainamelodieen.
T
Aus Birjen, Kreis RD:
BEER DR — — —
— — — — — =
Ui nea-rod’ nea - ro-da, — to - ar pa - ü6- =
—— —
Bere
nie -w&ö-na nie links-ma wa -sa-ras dö - na EN
(Die Fortiegung des Textes konnte ich ang Mangel an Zeit
nicht auffchreiben.)
— 555 —
II.
Aus Retingen bei Lußa, Kreis Telß.
kl — —
ee
— — — — ——
1. L6 - ke ge-re - we lö-ke ger - we - le
0 o oo o oo o o o
le-ke ger-wel 1 gi - re - Ile.
j
le-ke ger-wol' gi-re14.
2. Deda gereweéle kiauszslus. O u. s. w.
. Pere gerewäle waikélus. O u. s. w.
‚ Nesza gerewäle slöikelus!). O u. s. w.
. Pena”) gerewäle sau’?) waikelus.. O u. s. w.
. Iszpen’ gerewäle sau’ waik&lus. O u, s. w.
. Iszlek’ gerwewaikela.t; O u. s, w.
. Märgas plünksnas gerweäle’) O u. s. w.
DS OO 1 Qt DD
. Pläczes äkys gerwele. O u. s. w.
10. Dede?) galwa gerwels. O u. s. w.
11. Kümpö’) snäpu gerwele. O u. s. w.
12. Eigas köejes®) gerwele. O u. s. w.
13. Kumpe nagä?) gerwéls. O u. s. w.
Beim Singen werden die Strophen 7—13 wie Strophe 1 behandelt.
Das markierte Staccato der Melodie habe ich in Dainos font nie gehört.
Wenn nicht zu laut gefungen wird, ift es jehr wirkungsvoll.
') = slökelius, Regenwürmer. 2) De&da, péna find Formen des Geſangs.
pere, nèsza ſolche der Umgangsſprache. ) = sävo. *) Nom. Plur. 5) Dat.
Sing )=dids ) — kumpuù. 9% = ilgosköjos. ) — kumpi nagai
iR
Ehendaher.
. Asz nu-j6 - jau
N
— —
i Chra-i - ng,
e —
== 2
—
— —,
su-de -rö-jau
su Re-gyn‘., Tra laly le ra la la su - de- r&-jau
e—l—o— Er ee un ir Were ger
su Re-gyn’,
2. Asz parjöjau isz Chräyno, 8. Asz prijojau pr&ö darzelio:
atsiguliau j peryna.
Trala u. s. w.
. Prisapnawaü dywna sapna
aplink sawo Regynöle.
Trala u. s. w.
.Kelkit, kelkit meli brolei,
pabalntikit man zirgeli.
Trala u. s. w.
. Lekiü riszcza, zowadölems
ir sutinkü matuszöle.
Trala u. s. w.
.Läabas rytas, matuszöle,
ar där sweika Regynöle?
Trala u. s. w.
.Sweika, sweika BRegynöls?
gul Regyna ant lentelös.
Trala u. s. w.
10.
11.
12.
13.
smütnos rütos Regynälös
Trala u. s. w.
. Asz prijöjau pr& dwarelio:
gul Regyna ant lenteles.
Trala u. s. w.
Bälta suknia apwalkstyta,
zaliöms rütoms apkaiszyta.
Trala u. s. w.
Nörint dwära nutrötysiu,
stiklo graba iszprowysiu.
Trala u. s. w.
Ach matüszs, matuszöle,
kur ir gräbas Regynöles?
Trala u. s. w.
Szeszioslentos prö swirnelio,
ten büs grabas Regynölös.
Trala u. s. w.
537
14. Asz nujösiu i Zagära, 17. Ten ant kälno po beräelio,
pirksiu gräba Zaliü wariu. ten kawösim Regynäle.
Trala u. s. w. Trala u. s. w.
15. Asz nujösiu j Zakänczius, ! 18. Nöwerk, n&werk, zentulyte,
pirksiu gräba asztünkänczi. gausi kita panielyte.
Trala u. s. w. Trala u. s. w.
16. Ach matüszö, matuszele, 19. Gäute gäusiu grazumdliu,
| kur kawösim Regynele? bet ne tökiu razuméliu.
Trala u. s. w. Trala u. s. w.
Die Perfon, welche mir den Text diefer Daina Diftierte — zugleich
die Stimmführerin bei deren Geſange —, ift eine Bolin, die litauiſch
zwar jehr gut, aber doch nicht ganz rein ſpricht. Sch Habe ihn daher
hier nicht genau nach ihrem Vortrage wiedergegeben, jondern ihn nor=
maliliert.
Chraynas ijt ſchwerlich etwas andere als UWfraina Schon
deshalb ift es fraglich, ob diefe Daina echt litauiſch ift, und ihre Melodie
beſtärkt dieſen Zweifel, denn fie Klingt ganz weißruſſiſch.
Beim zweiltimmigen Dainafingen, das im ruſſiſchen Litauen ge-
wöhnlich ift, pflegt eine Sopran oder Tenoritimme den Geſang zu
leiten. Bei dieſer Daina fang dieſe leitende Stimme die beiden eriten
Taktteile jeder Strophe allein; beim dritten Taftteil ſetzte der Chor ein.
Anhangsmweije teile ich eine Daina mit, die ich in Kupſe bei Popiel
gehört habe — Teider jo flüchtig, daß ich auch fie nicht dialeftgemäß
wiedergeben kann.
1. Kelkis, mäno dukrele,
|
tu ilgai mögi. wisi pakaustyti.
|
4. Wisi szirmi zirgeleı,
2 Tu nözinaı neko, 5. Wisi müdrus raitelei.
kas yra kemely”. wisi Ziponöti?)
3. Raitelei prijôjo, 6. Uz kepuriü kwöetkelei
kalinely’') sustöjJo. ruteliu zalitju (so).
7. Pajüsti skusk&la
szilkeliu baltüju.
ı, — kalmelyje. ?) „mit einem zupan tefleidet.”
— 533 —
An dem Vortrage diefer Daina beteiligten ji ein Mann und
zwei Frauen, von welchen eine den Text nach einer monotonen, für mid)
aber nicht faßbaren Melodie faſt piano fang. Nach jeder Strophe
Ian alle drei forte: .
ne... == = — ee
Seas
Lin-ga-wa -de-la lin-sawa-de-la ta ta ta li-le
ee m ee en cn
Be
Ei ee es ne eu ee
ra -ti - la.
und mit diefem Refrain, welcher Eiieneriichen Lärm wiedergeben fol,
begleitete die zweite Srau allein pianissimo den Geſang der 2. bi
7. Strophe. Udalbert Bezzenberger.
40.
DHerihtigung einiger Anmerkungen zu dem Artikel:
„Hochzeitsbräuche der Wielonifden Litauer“.
(Mitteilmmgen Heft 16.)
Seite 332. Anmerkung 5: „Die Stelle ift unklar” u. ſ. w.
Sreilich ift die Stelle unklar, aber nur in der falfchen Überfegung. Im
Driginal lautet der bezügliche Paſſus: „kaip is batu autu sawu Sowe,
ir driezas atsiwertes i geguäe weizdeju.* Ins Deutiche übertragen
lauten die Säbe: Als man aus den (eigenen) Stiefelichächten ſchoß, und
die Eidechſe auf dem Rüden liegend den Kudud anblidte „Kaip is
batu autu sawu Sowe“ bezieht fich nicht auf den „Kuckucksruf“, fondern
ift eine Fortſetzung der vorher angeführten, wunderbaren Ereigniſſe.
„Atsiwertes“ bedeutet nicht „zurüchvendend”, fondern „auf dem Rücken
liegend“. Die Eidechje liegt befanntlich niemals auf dem Rüden; dieſe
Bezeichnung der Lage. foll eben etwas Wunderbares ausdrüden.
Seite 333 ad 3: „plikus rietus“ heißt nicht „Table Hoden“
fondern „kahle Oberſchenkel“.
Seite 334. Anmerfung 5: „Suwoksim tawu teisybe, kaip
is pecziaus kaktos Swiesybe“‘. Diefer Ausdrud bedeutet: Deine
— 539 —
Gerechtigkeit jucht man vergebens, wie das Licht im oberen Teil des
vorderen Badofens, (pecziaus kakta), Der gewöhnlich dunfel und ge-
ſchwärzt ift.
Seite 338 ad 1: „Bambizas“ bedeutet einen auffallend Heinen,
dabei aber gedrungenen, dicken Stnaben oder Mann. Bei Ddiejer Be—
zeichnung iſt e3 gleichgiltig, ob der „Bambizas“ ein litauiſcher Kalviniſt
oder Angehöriger einer andern Religionsgeſellſchaft iſt.“ Mizele ift
nicht abgeleitet von „Mizia“, jondern bedeutet Demin. fem. zu „mizius“
männliches Harnglied — bejonder3 beim Eber und Stier. Der Komik
wegen fteht im Gegenjab zu „Pizelis“ „Mizele“.
„Makalas“ ijt nicht von „Mikelis‘‘ abgeleitet, jondern fommt
her von „makaloti“ — rühren, mengen. „Makalas‘‘ bedeutet einen
Gegenitand zum Rühren (menturis) perjonifiziert, aljo einen Mann,
der fich überall mengt, wo er auch nicht Hingehört. (Allerweltsmenſch).
„v&pelis“ — von „vapsti“ — jchwagen. Jemand, der viel
dummes Zeug redet, alberner Schwäßer.
Seite 347. Anmerkung 2: Schwachen Lejern füllt es oft fchwer,
das Lejen aus der Mitte des Schriftftüds anzufangen. „Gerade in
der Mitte leſe ich“, ſoll heißen: Sch kann ganz fertig, kann überall Iefen
Seite 348 ad 2: ‚„traku“, (Gen. plur.) von „trakas“, plur.
„trakai“ — Überbleibfel eines größeren Waldes. Einzeln ftehende
Gehölze auf freiem Felde. „Praku“ (Gen. plur.) ift hier gleichbedeutend
mit „träkZoliu‘ (Gen. plur,), Nom. Sing. „trakzole“. „Trakzole“
nennt Der Litauer das Fingerkraut — Potentilla silvestris. Spaßes
halber ift diefe Pflanze als Pferdefutter bezeichnet.
Seite 350 ad 1: „rietar‘“ — Oberſchenkel.
Seite 353. Anmerfung 2: „Kasne paliku“ u. |. w. „paliku“
it ei Hrüdfehler, e8 muß heißen „patiku“. So wird die Stelle ver-
= kandlich, ſielautet: „Was nicht gefallen hat, das bitte ich mir zu verzeihen.
9 Bambizus heißt, was es auch urfprünglich bedeutet haben mag, im ruſſ.
Litauen nichts als „Neprmierter”, und niemand wird e& anders berftehen. Das
Wort wird von dem Namert eines der erſten reformierten Geiftlichen in Wilna her:
geleitet, der aber geſchichtlich nicht nachzuweiſen iſt. Eine litauiſche Ableitung von
bämba „Nabel“ kann es des z “wegen nicht ſein. Bezzenberger.
— 540 —
Seite 363. Anmerkung 1: „Kurin pergaleju‘ bezieht fich
auf den „überwundenen” Süngling, der den Rautenkranz gefendet. Der
Rantenfranz hat den Süngling überwunden durch die prächtigften, ihm
eigentümlichen Zeichen der Jungfernſchaft. Die richtige Überſetzung der
betreffenden Stelle würde lauten: Jener Züngling, der — — — — — —
nur mit diefem grünen Kautenfränzchen, (der Süngling), welcher über-
wunden wurde nicht durch die Heeresmenge, nicht durch die Feſtigkeit
der Mauern, nicht durch Kanonengetöfe, nicht Durch Kriegertapferfeit, fondern
nur durch jeine (des Kranzes) prächtigen Zeichen der Sungfernichaft.
Penezuks.
41.
Ein litauiſches Gediht zum 18. Januar 1704.
Mitgeteilt von U. Kurſchat.
Als Herr Stadtihulrat Dr. Krofta-Stettin im Jahre 1873 in
Königsberg ſich ‚mit Vorarbeiten zu einer Biographie Piſanski's be-
Ichäftigte, fand er in einem Folianten Piſanski'ſcher Schriften (der, wie
er gegenwärtig vermutet, ſich in der Bibliothek des Sneiphöfichen Gym—
nafiums in Königsberg befindet) ein litauiſches Gedicht, das in
Memel am 18. Januar 1704 in der öffentlichen Stadtſchule in einem
Schaufpiele gefungen worden ift. Er nahm Abſchrift davon und teilte
Diefe Friedrich Kurſchat in Königsberg mit. Aus dem Briefe Herrn
Dr. Kroſta's vom 19. Dezember 1873 teilen wir, mit deſſen gütiger
Erlaubnis, das Gedicht im Folgenden mit:
Hey/ sa/ sa/ sa/ fallala!
mums iszausza linksma dena),
kurr linksmauti ir paszauktı,
kurr mandrauti?) ir kryksztauti
mumus reik, hey sa sa/ fallala
Hey sa/ sa/ sa/ fallala/ * —
ant swaikattas musu pono v4 N
irgi zemmes wienwaldono ne
szokinekem irgi plenszkam?)
Hey sa/ sa/ sa/ fallala!
1) im Briefe: dema. 2) im Briefe: mardräuti; mandrauti = munter
fein. B. °) „tanzen“ cf. Beiträge zur Geſchichte ‚der litauifchen Sprache 315. B.
— —
HM OO O0 I 0 OO —-—
12.
13.
14.
15.
16.
— 541 —
Hey sa/ sa/ sa/ fallala!
dews iszlaike zemmes pona/
ir su jo mums dawe dona/
del to szirdis testow linksma.
Hey sa/ sa/ sa/ fallala!
Dewe dok jam ilga!) amza/
dok pakaju, waldzu?) gerra/
tad, miels Dewe, Taw bus garba‘),
tad ir wissad bus gedota.
Heysa/ sa/ sa/ fallala!
42.
Sechzehn litauiſche Sprichwörter.
‚ (Mitgeteilt von Herrn Lehrer Rezat-Wisborienen).
. Tylek, o Diswa mylek!
. Koke wiera, toke ir apiera.
. Skola ne rona, ne uZgys.
. Man miögelis, o taw darbelis!
. Didelis wargas, maZas pelnas.
. Koks püdelis, toks danglelıs.
. Kur laiba, cze ir trukst.
. Ankstybs sweczias ne nakwcoja.
. Ka iszgines, tai ganyk!
. Jü girtüklis, jü gilukis, jü kreiws medis, jü gers krukis.
. Wisi Gudai wisi dedes, wisos Gudes wis dedienes, wisi
Wokieczei wisi Fricai, wisi szunes wisi szpicai.
Pareis banda ne waroma.
Kiöno wale, to ir tiösa.
Suranda swodba rubus, o rabata graszius.
Pazad6ta, te be bus.
Sziluma kaulus ne lauzia.
) im Briefe fteht Hinter ilga ein Komma 2) „gutes Regiment“, B.
®) = garbö, Ehre. B.
(Die mit B. bezeichneten Anmerkungen find von Herrn Profeffor Ad. Bezzen-
berger gegeben.) —— A. Kurſchat.
==
er”
— 542 —
43,
Kritiſche Beſprechungen und Rleinere Mitteilungen.
Bon E. Wolter.
1. Eine litauiſche Daina über den Brudermord. Ein junger
ruſſiſcher Folkloriſt und jpezieller Kenner des großruſſiſchen Volksliedes,
Herr Woldemar Peretz, behandelt in einem bibliographiich = kritifchen
Aufjag über eine ungaricherufftiche Liederfammlung, betitelt „Ruskij
Solovej* (ruffiiche Nachtigall) und herausgegeben von M. Wrabelj in
Ungvar im Jahre 1890, das Lieder-Thema: die Schwefter ermordet
den Bruder, auf Seite 465 ff. in der „Kijevskaja Starina“, Band 37,
vom Jahre 1892. |
Dabei wird eine aus meinen handichriftlihen Sammlungen entlehnte Daina:
O ant kalno ant aukstojo Alenele linus rowe, Ir atjojo jenerolas, Jenerolas grazus
ponas, aufgejchrieben im Trokiſchen Kreife des Gouvernements Wilna und ebenfalls
im Suwalkiſchen Gouvernement befannt, von Herrn B. zum Vergleich herangezogen
und findet feine Entiprechung in einer großen Anzahl von ſlaviſchen Varianten.
2. Eine neue litauiſche Schulgrammatif. Litauiſche Grammatit.
(Litovskaja grammatika). Zufammengejtellt und heraußgegeben
auf Verfügung des Warfchauer Lehrbezirks. Warſchau 1891.
80, 2, a) Lehrfurfus für die älteren Schüler 268 + VIII Seiten.
b) Lehrkurſus für die unteren Slaffen (NB des Mariampol’fchen und
Suwalki'ſchen Gymnaſiums). 134 + IV Seiten.
Diefe für Lehrzwede von einem gewiffen Herrn Pajewski herausgegebenen
Kurſe der Litauifchen Grammatik find ohne Nennung des hierbei benußten Mufters
frei nach F. Kurschat’8 „Grammatik der Titanifchen Sprache” ins Ruſſiſche überlegt,
bearbeitet und verfürzt worden. Die Tranzffription ift natürlich die ruſſiſche, wobei
aber das Iateinifche j dem ruffifchelitauifchen Alphabet einverleibt wird und Die ſoge—
nannten Halboofale » und 3 (ü und 5) mweggelafjen jind. Gbenjomwenig fehlen die
Accentzeichen den ruffiichslitanifchen Buchltaben, Io daß die Litauer des Gouvernements
Suwalki hiernach richtig fihreiben und grammatilch regelrecht Tprechen lernen können.
Marum bis jeßt von Seiten der litauiſchen Preffe diefe Editionen totgeſchwiegen
wurden und unfritifiert blieben, ift unverftändlich. Als Beiſpiel der Art, wie Kurschat
bearbeitet worden, führen wir $ 1356, Geite 369 — 8 145, Seite 228 der Litows-
kaja grammatika in mörtlicher Überfegung an: „Das unvollendete Praeteritum
(die Gemwohnheitszeitform) auf — dawau dient zum Ausdruck gewöhnlichen Thurs oder
wiederholten Gefchehens in der Vergangenheit: mäno tövas sakydawo, mein Water
pflegte zu fagen. Zum Ausdrucd des Gemohnheitsthuns in Bezug auf die Gegen-
wart gebraucht man das Verbum liübiu, liubéjau, liubösiu, liubeti: äsz Lubiu
— 543 —
rytmeciais anksti költis” u. |. wm. Mit einem Worte, Regeln und Beifpiele find faſt
wörtlich überſetzt und, ohne Kurschat zu nennen, aus feiner Grammatif entlehnt worden.
3. Zur volkswirtſchaftlichen Statiftil Litauend. Trudy War-
Sawskago Statistiteskago Komiteta. Arbeiten des Warjchauer
ftatiftifchen Komitees. Band 3—8. 1890—1892. 8°. 6.
Die unter der Redaktion deg Herrn Prof. G. Simonenko erfcheinenden ſtatiſtiſchen
Unterfuhungen des Warſchauer Zentral-Komitées bieten reihe Materialien zur
litauifchen Emigrationsfrage und überhaupt zur Charakteriſtik der mirtichaftlichen
Berhältniffe Yitauifcher Zandbevölferung dar Band 5 GWarſchau 1891 erſchienen)
ift betitelt: „Die Erwerbsverhältniſſe des Bauernftandes und Die Auswanderung nad)
Amerifa in den Gouvernements des Zarentums Polen. Vergleichende Statiftif
der Zohnverhältniffe im Gouvernement Sumwalfi und die amerikaniſche Emigration”,
222 Seiten in 8°.
Diefe nach dem von Herrn Simonenko ausgearbeiteten Brogramm veranftaltete
Enquete enthält: a) Statijtifche Tabellen über ZLohnverhältniffe der Landbevölkerung,
ſowie über die Emigrationsbeftrebungen in den Jahren 1889— 1891 und folgende Kapitel:
I. Die Höhe des Arbeitzlohnes der Zandarbeiter; II. Preis der Jahreskoſt von
Tagelöhnern und Sahresarbeitern; IIL. Ernährungsmittel der qutsherrlichen Sahres-
arbeiter; IV. Quartier und Beheizung; V. Kleidung, Zandesnugnießung und Geld-
vergütung; VI Ergänzungsarbeiter; VII. Wochenlohn der Landarbeiter, VIII. Fuhr—
mann2arbeiten und andere Ermwerbäquellen; IX. Höhe des Arbeitälohnes der Land—
bemohner in Fabrifen; X. Fabrik- und Hausinduftrie;, XI. Außerheimatliche
Ermwerbszweige und Wrbeitslöhne, XII. Breile für die Pacht von Guts—
land und Viehweide. — Litanifhen Emigrationsverhältniffen find gewidmet Die
Kapitel: XIII. „Wodurch ift die brafilianiihe Auswanderungsbeivegung wachgerufen
und wovon hängt der Umfang diefer Bewegung in Polen im Vergleich zum übrigen
Nußland und den preußiichen Nachbarpropinzen ab?” XIV. Wodurd) ist die Verſchiedenheit
der Auswanderungsbewegung in den einzelnen reifen und Gemeinden des Gou—
vernement3 Sumalfi bedingt? Zum Schluß find Tabellen beigefügt 1. über die Korn—
preife, 2. über die Zahl der landloſen Bauern.
Diefe Warfchauer ftatiftifche Arbeit des Herrn Profeſſor Simonenko bietet
fozufagen ein Pendant zu den Arbeiten der finnifchen Statiſtiker, des Helfingiorfer
Zentralbureaus, welches der Auswanderungsfrage in den ftatiftifchen Unterfuhungen
des Herrn Odendahl (vergl. die in Riga erjcheinende Düna=geitung 1892, Nr. 178)
ebenfalls beſondere Aufmerkfamfeit geſchenkt hat. Darnach find in den Vereinigten
Staaten und Kanada gegen 80 000 Finnländer vorhanden. Der Schaden, heißt e8,
der Finnland aus der Auswanderung erwächlt, ift nur gering, während der materielle
und fittlige Vorteil einer Verbeſſerung der ſozialen Zuſtände dient. Dabei ift die
Auswanderung faft gar nicht mit einer KRapitalausfuhr verbunden. Die Mehrzahl
der Auswanderer verläßt Die Heimat keineswegs für immer, höchſtens 20—25 pGt.
der Gefamtzahl Kehren nicht nach Haufe zurück. — Ähnliche Verhältniffe walten auch,
in Litauen ob. — Nachdem über die reinpoinifche Auswanderungsbewegung nad
Brafilien aus Polen und dem Grodno’er Gouvernement jo viel geſchrieben und
lamentiert (ich vermweile nur auf das Buch von Ad. Dygasiüski), von der
litauiſchen mehr gejchwiegen morden ift, ift die Erhebung des Warſchauer
— 544 —
ſtatiſtiſchen Komitee's als die erjte Arbeit diefer Art anf das Wärmfte zu begrüßen
und zu empfehlen und nur zu wünſchen, daß ähnlihe Unterfuchungen angeftellt
werden würden in bezug auf die Zandbevölferung des Kownoer und Wilnaer
Goudernemente. — Solche ftatiftifche Erhebungen haben nicht nur polizeilich-ftaats-
und bolfswirtichaftlichen Wert, jondern nehmen auch das Intereſſe weiterer reife
in Sitauen, wie der Ethnographen und Anthropologen im fpeziellen in Anfprud.
Daß die Iitanifche Nationalität kaum der Amerifanifierung fich lange wird widerſetzen
können, liegt auf der Hand, eine langſame Ausfiedelung der Litauer (à la Irland)—
diefer friedlichen ruffiichen Unterthanen des ruffiichen Reiches, ift aber weder vom
nationalen noch bon reinruſſiſchem Standpunkte aus münfchenswert, Für bag in
der nationalen Volksbildung jo fehr zurücgebliebene Litauen hat aber dies Streben
in die weite liberjeeiiche Ferne feinen unableugbaren Wert. In Amerika überzeugt
fich der Litauer, daß litauiſch und katholiſch-polniſch nicht gleichbedeutende Begriffe
find, und daß jede Nation ohne Anfehen ihrer internationalen und ftaatlichen Stellung
ihre Eriftenzberechtigung hat. Sn Amerifa fommt der Litauer ohne den Vitauifchen
Juden fort, treibt felbft Handel und kommt zu Wohlhabenheit und Reichtum, nicht
bloß als Aderbauer, fondern ebenfo ſehr als Gewerker, Yabrifarbeiter und Handels:
mann. Für den landlofen Titauifchen Bauer ift bei der verhältnismäßigen Dichtigfeit
der Bevölkerung des Suwalkiſchen Gouvernements und den niederen Arbeitäpreifen
die amerikanische Emigration, und nicht eine ruffiihe Auswanderung der ‚natürliche
Ausweg aus der Not (ef. Simonenko ©. 202). Sn den Sahren 1882— 1889 beirug
die Zahl der hriftlichen Auswanderer 4183, der Hebräer 4584. Im Jahre 1890/91
1984 GChrijten und 824 Hebräer, auf 1000 Einwohner in den lebten Sahren fomit
3,6 Chriften und 7,6 Hebräer. (1. c. ©. 197.) Wie in Finnland, verläßt auch im
polnischen Litauen die Mehrzahl der Auswanderer feineswegs für immer die Heimat;
gemäß den offiziellen Erhebungen (cf. ©. 101) gehen 3. B. aus Berſniki im Seini'ſchen
Kreife, Dowipuda und Barylotwo im Auguftow’ihen und Simno im Kalwaria'ſchen
Kreife aus den beiden erſten ca. 100 Dann nad) Amerika, aus Barylowo ca, 70 und
aus Simno nur 40 jährlih auf Erwerb aus. Solide Arbeiter befommen 3 Dollar
in der Woche, 400 im Jahr, Weiber die Hälfte. Alle diefe zeitweiligen Auswanderer
bringen alfo von ihrer Wanderarbeit Geld ins Land zurüd; fo wurden aus Amerika
in die 6 preußiichen Grenzgoupernements vom 5. Dezember 1890 bis zum 15. Mat 1891
monatlic) 46000 R. eingefandt, auf die Gouvernements Suwalki und Lomſcha famen
datei für die ganze Zeit ca. 57000 Rubel. — Äußerlich find diefe Yitauifchen tie
polnischen Wanderarbeiter daran zu erfennen, daß fie ohne jegliche Bagage, gruppen-
weife (zu zehn Dann) unter einem befonderen Anführer und mit einer Köchin und
Verpflegerin, in der Regel einem älteren Weibe, reifen und ſich in die Vereinigten
Staaten begeben, wo fie „ſich von Schmweinefleijch und hartgebadenem Brote nährend“
bald reich werden und dem amerifanifchen WUrbeiter die größte Konkurrenz bieten
(vergl. 104—105). Spielt alfo bei der Fitauifchen Auswanderung die Landloſigkeit
die Hauptrolle, fo wird man auch in der ftatiftifchen Arbeit Herrn Simonenkos die Erklärung
derfelben fuchen müffen. Ungeachtet des nicht geringen Wohlftandes der Bauern
der nördlichen, d. i. reinlitauifchen Rreije des Gouvernements Suwalfi ift die Zahl
der Zandlofen eine bedeutende. Die Urfache diefer meitverbreiteten Yandlofigkeit liegt
1. darin, daß der reiche Bauer das Land feiner Schuldner aufzufaufen fucht (und fo
giebt es wohlhabende Litauer, welche big 300 und mehr Morgen Land befiken);
[8
— 545 —
2. find eine der Haupturfachen der Landlofigfeit die fogenannten Bauernmajorate.
Nach örtlicher Sitte erbt der ältefte Sohn den Landteil mit der Verpflichtung,
feinen jüngeren Brüdern ihren Anteil in Geld auszuzahlen. Sit der ältere Bruder
nicht gewandt genug in folchen Gelbangelegenheiten, jo fommt er oft in Schulden,
verfällt Suden und feinen landauffaufenden Landsleuten. Die jüngeren Brüder, wenn
fie in der Landwirtſchaft erfahren find, faufen fi) mandmal einige Morgen Landes
und gründen eine neue Wirtſchaft; in der Mehrzahl der Fälle wird das Erbteil ver-
geudet und fie müſſen dann in den Anechtsdienft bei Bauerniwirten treten. Da das
Land recht teuer ift, von 50—150 Rubel per Morgen Eoftet, jo fommt der jüngere Bruder
nur felten zu jelbftändiger Wirtfchaft, außer wenn er uskurys wird, d. h. ing
Haus einer reichen Wirtstochter ald Mann und Verwalter tritt, Da aber 3. die
Mitgift, die der Bauern-Wirt (oder Kolonift) feiner Tochter giebt, von 500 Rubel
bis auf 20C0 ſich erftredt, fo zieht die Sorge um die heiratsfähigen Töchter den
Bauern wiederum in Schulden.
Die große Anzahl jolcher landloſer Wirtsföhne führte früher zu Unordnungen,
Raub und Überfall. Diefe Jonai-vaikai (Simonenko ©. 21) ergaben ſich nicht felten
dem Zrunfe, wurden Wegelagerer und Räuber, welche die Gegend unficher machten
und ſich in rohejter Weile an ihren Opfern vergewaltigten. — Jetzt find diefe
Banden außgerottet. — Der nationalen Hausinduftrie dieſer Titauifchen Gegenden
ift, wie wir fahen, ein befonderes Kapitel gewidmet. Auf Seite 80 mird den
litauiſchen Weberinnen und Striderinnen das größte Lob geipendet und Stödels
Bud über die bäuerlichen Verhältniffe des Negierungsbezirts Gumbinnen (Leipzig
1883) zum Vergleid herangezogen.
Aus dem Angeführten ift zu erjehen, daß man in Rußland beginnt, Litauen
zu erforjchen, und nicht blos in linguiſtiſch-ethnographiſcher, Hiftorifch-archäologifcher Be—
ziehung, fondern auch ftatiftilch-volfswirtihaftlih demfelben feine Aufmerkſamkeit
ihenft. Die Arbeit Simonenko’3 ift durchaus vergleichendeftatiftilch gearbeitet, nimmt
bon den preußifchen und deutſchen Arbeiten, ſowie den amerifanifchen genaueite
Notiz und giebt vor allem neues Material über das Gouvernement Sumalli, das
auch für den preußiichen Statiftifer, bon den Yitauifchen Sournaliften nicht zu reden,
Be deutung bat.
Ähnliche Auswanderungsbewegungen find im Wilna'ſchen Gouvernement be-
merkbar, beſonders im Kreiſe Troki, im Sandlande des Olkeniki'ſchen, Merecz'ſchen
und anderer Kirchſpiele. Über die Urſachen der Auswanderung aus dem Kownoer
Gouvernement und ihren Umfang ijt uns bis jegt nichts ftatiftifch Beftimmtes be—
fannt geworden, da diefe Bewegungen hier fürs erfte nicht Gegenftand wiſſenſchaft—
licher Forſchung wurden, fondern nur Material zu Gerihtsprotofollen und admini-
ſtrativen Erkundigungen lieferten. Dem Warfchauer ftatiftifchen Komitee, welches
unter dem Borfige des General-Öouverneurs General Gurfo befteht, ift daher be—
jonderer Dank dafür zu zollen, daß dieſe Reſultate über die norbamerifanifche Aus—
wanderung der Suwalkiſchen Zandbevölferung weiteren Kreiſen zugänglich gemacht worden.
Band 4. Statiftit der bewohnten DOrtjchaften, im Zu—
jammenhang mit den Bedingungen der Wohlhabenheit der
Landbevölkerung, ist ausschlieglih dem Gomvernement Suwalfi
gewidmet und beiteht aus 278 -+ 36 Seiten in 8°,
35
— 546 —
Dies Buch in Warfchau, im Jahre 1891 erſchienen, ift dem Publikum fürs
erfte unzugänglid. Ein anderes Ortsnamen-VBerzeichnis, nach meinem ethnographiſch—
ſtatiſtiſchen Programm zuſammengeſtellt, erſcheint gegenwärtig als Sonderausgabe der
Akademie der Wiſſenſchaften zu St. Petersburg unter der bewährten Leitung des
Herrn Akademikers E. Kunik.
Band 8 enthält die Berichte der ſtatiſtiſchen Arbeiten und Er—
hebungen für die Jahre 1890 und 1891, ſowie auf Seite 108—145
Ergänzungen zu Band 5 in Anlaß verjchiedener Aezenfionen, welche in
der rujliichen und polnischen Preſſe erjchienen und in der Entgegnung
des Herrn Simonenko ihre wiffenschaftliche Abſchätzung erhalten.
Da eine Ginverleibung der Litauifchen und Heinruffifchen Teile Polens in das
Generalguberniat von Wilna reſp. Weftrußland*) als wahrſcheinlich beborfteht, fo Haben
dieje ftatiftiichen Zufammenftellungen für die Zukunft der Litauer befondere Bedeutung.
4. Jatwingiſche Altertümer. N. Jantschuk, Einige Worte
gelegentlich einer archäologiſch-ethnographiſchen Erfurjion in
das Gouvernement Siedlec im Jahre 1891. (N. Janduk. Nes-
kol’ko slovr po powodu archeologicesko - etnograficeskoj ekskursiji
w Siedleckuju guberniju w 1891 godu.) 32 Seiten in 16° mit acht
phototypiſchen Tabellen der bewährten Anftalt von Scherer & Nabholtz
in Moskau, abgedrudt in dem Adreßbuch (Pamiatnaja knizka) für das
Goupernement Stedlec vom Jahre 1892 auf Seite 223---255.
Diefer Auffag handelt von den fogen. polnifchen oder jatwingifchen Kleinruſſen
deg Gouvernement3 Siedlec, unterwirft die jatwingifhe Frage neuer Diskuſſion
und bietet auf Seite 247 ff. einen furzen Bericht über Ausgrabungen im Dorfe
Öekanowo. Die bon Herrn Jantschuk (dem Sekretär der ethnographiichen Seltion
der Moskauer geographiſchen Gefellichaft) beichriebenen Gräberfunde haben frappante
Ähnlichkeit mit den bekannten Gegenftänden, welde Herr Avenarius in Bjaloftof,
in jogen. Steinfiftengräbern, im Drogiein’fchen Gebiet, gefunden und in den Ausgaben
der Kaiſerlichen archäologiihen Kommiffion zu St. Peteräburg beichrieben hat,
Gräbertgpus und Beftattungsart fchreibt Avenarius jlavifchen Einwohnern zu, während
S. geneigt ift, die Sattwinger nicht ohne Spuren ihres zeitlichen Daſeins eriftieren zu
Yaffen und die jogen. Steingräber (kamennyja mogily) Podlachiens in den Gouver—
nements Grodno, Siedlec und Ljublin den Satwingern, alias Sudawiern und
Deinowern zuzufchreiben.
5. Zur zemaitiſchen Dialeftologie. Das Kownoer Adreßbuch
für 1893. (Pamjatnaja knizka Kowenskoj Guberniji.)
Kowno 1892.
Diefes von dem rührigen Sekretär des örtlichen ftatiftiichen Komitees, Herrn
Konftantin Gukowski, edierte Buch enthält wiederum, mie auch in den früheren
*) Vergl. den Wilnaer Boten Nr. 51 vom Jahre 1891.
— 547 —
Sahren, geographifcheftatiftifche Studien zur Befchreibung des Kownoer Litauens
und zwar bes Sreifes Roſſijeny auf Seite 91-222, welche einzeln zu haben ift
zum Preife von 50 Kopeken. Den Iinguiftifchen Teil behandelt Herr Magifter Kafimir
Jaunys, Exrprofeffor, zur Zeit Adminiftrator der katholiſchen Gemeinde in Kafanj.
Die von Herrn Jaunys abgefaßte Studie über den Roſſijener Dialelt (im Ganzen
35 Geiten in 8%) enthält unter anderem neue Beobachtungen und theoretiſche Schlüſſe
über den litauiſchen Accent. Die litauiſchen Worte find mit ruffiihen Buchſtaben
tranaffribiert. Seine Ausführungen begleitet der verehrte Verfaffer mit Hinweiſen
auf die Sprache N. Dauksza’g und des anonymen Verfafjerö der Universitas linguarum
magni ducatus Lituaniae fowie fritifchen GSeitenbliden auf die linguiſtiſchen Unter—
fuhungen von Wiedemann, Uljanow, Leskien u. a. Der bon Geitler zuerft
für die europäiſche Sprachwiſſenſchaft entdeckte Dialekt der Heimat von Herrn Jaunys
(Barochie Andrejewo) hat hiermit zuerft feine genauere wiſſenſchaftliche Erforfihung
und Bejchreibung gefunden. Zur Zeit exiftiert außerdem handfchriftlich eine Grammatik
der litauifchen Sprache, welche Jaunys in Kowno feiner Zeit den Zöglingen des
geiftlihen Seminars vortrug. Beſonders neu und intereflant find die Mitteilungen
5.8 über die jemaitifchen Najale im Gen. Pl., Acc. BI. der u-Deklination, den
naſalen Sufie im Präſens der Inchoativa u, ſ. w. Die Formen kylü, byrü, puwü,
gijü find aus * kinloo, * binroo, * punvoo * ginjoo abzuleiten, worauf folgende
Formen bei: Dauksza (Postilla vom Sahre 1599) hinweiſen: Zunwa, prazunwa,
Zunwame; rinie, prarinie (berichluden), apsiriniens; griunwa, pergriunwa; Zweiei
nuszänta (frigore laeduntur). Lebterer Form entiprechen dialektifche suulu in Kri-
niéin, Sölu in Linkowo, fowie bei Szyrwid szulu neben szalu (Seite 52). (Vergl.
zur najalinfigirenden Präſensklaſſe Prof. Ofthoff’s Vortrag „Eine nicht erfannte
Präfensftammbildung des Indogermaniſchen“ auf dem Münchener Bhilologentag). Auf
Seite 38—40 finden die befannten niederlitauifchen Wörter trinns, junns, ginsla
(Ader), minsli& (Rätſel) ihre Erklärung. Das Lautgejeß der Erhaltung des Nafals
in der Gen.-Endung DI. unter dem Einfluß des Haupttones wird auf ©. 40 näher
erläutert. Von Einzelheiten merken wir bier noch an: das niederlitauifche 1joubu
(*ljuobu) bat präteritale Bedeutung — solitus sum, soleo wird Miedergegeben durch
die Worte päderu oder sugiabu (Seite 45). — Das Wort zilvitis hat dreifache
Uccentuation ; im Chmeidanifchen kann zilvitis, Zivitis und Zilvitys ausgeſprochen
werden (29). Auf Seite 23 vergleiht J. die dialektiiche Färbung des i& in &i und
ij mit der Verjchiedenheit ferbifcher dialeftifcher Ausfprache e, ije, i und ſchlägt vor
zu unterjcheiden Litauer, Leitauer und Lietauer, was ja auch wohl entipräche der
pollstümlidhen Terminologie jis leicuoj, er fpricht wie ein Leitis, dem Litawa der
inflänt. Zeiten und ruſſiſch-polniſch Litwa, richtiger Litwa, zum Unterjchiede nom
gewöhnlichen Lißtuwa. Nieberlitauifche Formen eetü, edtam ich gehe, wir gehen,
meigtü, leiktü fieht J. richtig als Analsgiebildungen nach der 3. Verf. miegti, liegti.
Er vergleicht noch hochlitauiſches giestu ich finge, gelbtu ich helfe, als Analogie-
bildung noch gelbti, giesti (S. 50). Umgekehrt ruft bei den Litauern des Kreiſes
Oszmiany (Asmenà) die erfte Perſon (giemi, eimi) die Analogiebildung giemu,
mes giemam, jus giemat, gaidis giema hervor; saule eima (geht). Litauiſch
ſpricht man dort, nach meinen Beobadptungen, in den Gemeinden Lugomowiöe (Lugo-
m&nai), Juratiski, Baksty, Dieweniszki und Siedlieck.
35*
— 548 —
44,
Zur litauiſchen Bibliographie vom Jahre 18911892.
Bon E. Wolter.
T. Maretic. Der ſlaviſche Nominalaccent mit Rückſicht auf
Das Litauiſche, Griechiſche und Altindifche im „Nad“*) der
jüdflavischen Akademie der Wiffenfchaften zu Agram, Band 102
(31 der Hijtor.=philol. Kaffe) ©. 30-91. Auf ©. 77—91 find in
der Beilage 171 Worte nach dem flaviichen Alphabet geordnet in
Bezug auf den ecent verglichen.
Die Abhandlung befteht aus 6 Teilen: I. Das Springen des Nlavifchen
Jtominalaccents (cf. lit. &Zeras, ezerai) (31). — IL. der Xccent in der De-
fination der Subſtantivſtämme auf o und i. (89). III. der Accent bei den
Subftantiven neutr. generis der o-Deffinatiom (54). — IV, der Accent der
3-Deflination (aszaka, mergä, ranka (58). — V. ‚ner Adjeftiv-Wccent (63).
— VI. Rückblick auf den litauifchen Nominalaccent (72). — VII. Beilage
zur borftehenden Unterfuhung (75). Of. Die Bemerkungen Prof. Smirnow’s
im Warfhauer Philol. Boten, 1891, Nr. 3, ©. 154—155. Seiner Meinung
nad) iſt Maretic’8 Unterfuchung methodisch falſch angelegt, weil nur vergleichend
und nicht auch Biltorifch vorgenommen, und Archaismen und Neubildungen
im Ruſſiſchen, Serbifhen und Litauifchen nicht auseinandergehalten find.
Ebenſowenig find des Näheren die ruffiihen uud Titauifchen Dialelte berüd-
fichtigt worden; Herrn M. gilt das Weftlitauifhe für allgemeinlitautfch.
H. Brockhaus. Enchflopädifches Wörterbuch, herausgegeben
von Sefron in St. Petersburg unter der Redaktion von
Arjjenjew und Petruſchewski. 1892. Band 13—15. 8°. 3.
Diefer meitichichtige, ausführliche ruffiihe „Brodhaus” enthält, in dem
Yitterarhiftorifchen Teil, redigirt von ©. Wengerow, verjchiedene Originals
Anffäge über litauiſche Gefchichte, Litteratur und Mythologie, unter anderen
über M. Wolonezewski, Josef Arnulf und Melchior Gedroic, den Letten
Christian Waldemar, Dr. Jan Hanusz und Rich. Hausmann.
Dr. Maksym. Kawezynski. Dwie etymologie (Polniſch). Zwei
Etymologien: Was bedeutet Wista (Weichjel)? Was bedeutet Bug?
Sm Suniheft der Warfchauer Beitichrift „Ateneum“ 1892. T. II,
3. Seite 544— 550.
Ark. L(innice)nko. Anzeige von M. Stankiewicz's befannter
litauiſcher Bibliographie in der „Kijevskaja Starina“ 1892, Band 36,
Seite 170.
*) ferb. Rad bedeutet labor, Arbeit.
.
X
Herr 2. konſtatirt die Wichtigkeit einer ſpeziellen Behandlung Titauifcher
Zitteratur-Denfmäler und verweift noch auf die von Baltromajtis zufammen-
geftellten Ergänzungen zur Yitauifchen Bibliographie hin.
Russiskas Mokslas del Lietuviu. Herausgegeben auf Ber-
fügung des Warfchauer Lehrbezirfs. Warſchau 1892. 8°,
96 4 I Seiten.
Dies für Litauifche Volksſchulen bejtimmte Abe» und Leſebuch enthält unter
anderm ruffilche Leſeſtücke mit guter Litauifcher Überfegung. Die Transifription
ift natürlich eine ruffiiche mit Anwendung des lateinifchen „j“ und Weglaffung
der Halbuofale jer und jerj.
M. Dragomanof. Über die von der kaiſerl. rufjifhen geo-
graphiſchen Geſellſchaft im Jahre 1863 nad) Litauen
ausgerüftete Erpedition. In dem von dem bulgarifchen
‚ Unterrihtsminifterium zu Sofia herausgegebenen „Sbornik za
narodni umotworenija, nauka i kniZnina“ Band IV 1891. 2. Ab-
teilung Seite 9—10, bei Beipreung von Lamanski’s „Zävaja
Starina“.
Mir erfahren Hier, daß in den 60er Sahren Kostomarow und Hilferding
das Intereſſe für Litauen in der ruffiichen Geſellſchaft wachzurufen fuchten, daß
die „Geographiſche Geſellſchaft“ eine Expedition nad) Litauen ausrüſtete, an
welcher Herr Jul. Kuznecow thätig war, ohne daß dies eine nennenswerte
„Bublifation über Sitauen zur Folge gehabt hätte.
FA.Linnidenko. Die eriten Kanonen (buxen, bombardae)
in Litauen, reſp. Ruffiih-Litauen. (Kijevskaja Starina 1890.)
Am 8. November 1889 wurde in Rußland das 500jährige Jubiläum der
Artillerie gefeiert. Herr Linnicenko, ein .befannter Hein= und füdruffifcher
Hiftorifer, macht im 28. Bande der „Kijevskaja Starina“ (Kijev’fches Altertum)
darauf aufmerkſam 1. daß, nah Wigandt von Marburg’s Chronik, die Kreuz-
ritter bereit$ bei der Belagerung von Naupillen Kanonen angewandt hätten,
2. daß Die Litauer bereits im folgenden Sahre ebenfalls fih Kanonen zu er—
werben gemußt. So hatte Kejstut bereits bei der Belagerung von Jurgenborg
Kanonen im Jahre 1382: Post Pascha navigio per Mimilam descendit
Kynstut cum bombardis ante Jurgenborg vulgariter = Stem do zog könig
Kinftut in Preußen vor Snfterborg und brachte buxen mit. Seript. Rer.
Pruss. II, p. 613. Herr 2. meint, daß diefe Kanonen wohl von den Kreuz⸗
rittern erbeutete waren. — Weiter heißt e8 hei Wigandt, in der Erzählung
von der Belagerung Trofi’s, daß der Ordensmeiſter — Sagailo Kanonen
geſchenkt habe (ib. II, 618). Hieraus erfieht man, wie ſchnell die heidnifchen
Litauer fi Die neueften Erfolge der damaligen Kriegstechnik zu Nutze zu machen
beritanden. Jedenfalls kamen die Kanonen im Yitauifhen Rußland früher
im Gebraud, als im moskowitiſchen Oft-Rukland.
ee
— 550 —
45.
Sitanifde Büdier und Editionen.
Bon E. Wolter.
1. Istorija kataliky baznyczios paraszyta kuningo An-
tano Wapplero, perguldyta kuningo kanauninko V. Ply-
mouth, Pa. Spaustuv6je Jüzo Paukszezio 1892 m. 8°. 288 ©.
Einleitung und Schlußwort von A. Burba und B. Abromaitis.
Auf Seite 282-285 find lerifalifche Bemerkungen angebracht, mit Erklärungen
aus dem Bolnitchen ſowie aus dem Daufifchen Dialekt der Litauer des Gouvernements
Suwalli: „Iszreiszkimas ne visiems suprantamy Zodziy.“
2. Filiotea. Kelias i Maldinga gyvenima, paraszytas
Szv. Pranciszkaus Salezo, Vyskupo ir Daktaro Baäny-
czios. Vilniuje Kasztu Draugsanariu L. suny. Spaustu-
v3je J. Zavadskio, 1879. In Wahrheit im Jahre 1892 ediert in _
Tilſit. 8°. 268 Seiten.
Auf Seite 261-266 merden angeführt „Paaiszkinimas nekuriy naujy
zod2iy ir didei senoviszky. Das Vorwort „Skaitytojop“ ift unterfchrieben von B.K.
3.Mokslas Kataliky. Vilniuje, kasztu@. Neumano, 1859.
55 Geiten, im Sahre 1891 erjchienen.
Bergl. Apszvieta 1892, Seite 73.
4, Kas teisybe, tai ne melas. Aiszbes szeszios patai-
sytos ir naujai atspaudytos apysakeles. Vilninje, 1892.
68 Seiten. _
Bergl. Apszvieta Seite 73—74.
5. Aplinkrasztis j Vilniaus dZiakonystös kuningus
1870m. kuningo St. Petrovyceziaus. Iszverte kun. A. Burba.
1891. Kasztu Lietuvos pavargalio. 36 Seiten.
Vergl. ibid. 75—76.
6. Drama „Kowa po Grunwalda“, Paraszita 1892 m.
Chicage. Spausta kasztu K. Sawicko 1892. Chicage Illi-
nois. 42 ©eiten.
Diefe Ausgabe wimmelt von Drudfehlern. Dieſes Drama ift von den Litauern
in Chicago aufgeführt worden und hat großen Beifall gefunden. Dergleiche auch
Apszvieta, Seite 154—155.
7. Malda. O Marija! troksztu iszganyti savo dusziga, dük man
mylista, kad neparstocziau Taves garbinti par RoZandiy szwenta.
Amen. Tikras szaltinis roZaneziniy attaidy, kaipogi ir kryZiokinss
karunkales. 12°. 16 Seiten.
— 551 —
Wie es auf Seite 2 heißt: Lenkiszkai iszdüta kasztu kung. Jono Sied-
leckio Krokuvoje 1892 metüse, o lietuviszkai kasztu Pr. Paznokaiczio pacziüse
1892 m. Zu haben bei Noveski in Tilfit.
8. Metinis praneszimas „Lietuviu Mokslo Draugystes“
Baltimoreje, M. d. (U. S. of Amerika). (Pirmas Metas).
Spausdinta kasztais „L. M. Draugystes‘ Spaustuveje Jüzo Pauksz-
czio, Plymouth, Pa. 1891 m. 12°. 46 ©eiten. Erjchienen al® Supple-
ment to „Vienybe Liet.“
Der Sahresbericht derjelben Gefellihaft für 1892: Metinis Praneszimas
„Lietuviyg Mokslo Draugystes“ Amerikoje (Antras Metas). Geb. ibid.
1892 m. 8°%. 64 Ceiten. Auf Seite 63—64 akgedrudt der Verlags-Katalog von
Josef Pauksztys.
9. I. Parspsjimas apie szventa tiksjima, o jpatingai
apie Jezaus Kristaus BazZnyczia. Vilniuje, 1892,
II. Isz tamsybzs veda tiktai tiesos kelias. Pasaka.
— Lietuvos rauda kenstaicziu. 63 Seiten.
Eine würdige Abfertigung hat diefe Hlerifalspolitifche um antiruſſiſche Brofchüre
gefunden in der „Apszvieta“ Seite 157— 108.
10. Grieszninkas priverstas melavoties arba perJezaus
Kristaus kalba grieszninkas sugraZintas ant tikrojo kelio.
I lietuviszkg kalba iszvertö ung Peliksas Vereika.
__Yilniuje 1863. 44 Geiten.
Vergl. „Apszvieta‘“ Geite 159 —160.
11. Pirmutinis degtines varytojas. Komedija. Vilniuje.
Iszdasir spauda Jüzapo Zavadzkio. Mit dem ruffiichen Zenjur-
vermerkt vom 19. Februar 1864. Erſchienen 1892. 8°. 23 Seiten.
12. Apie Buwima Diewo arba ginklas priesz netikelu
Spaudimas pirmas. Wilniuje, 1860. 32 Seiten.
Eine Kontrafaltion des Jahres 1892. Glänzend abgefertigt in der „Apszvieta“
auf Seite 227—230.
13. Pajudinkime, vyrai, Zeme! apysaka. Parasza ven-
sriszkai Maurikis Jokai, o trumpai perpasakojo lietuvisz-
kaj A(ntanas) isz B(ugno). — „Epur si muove!“ Tilzeje,
Kasztu dvieju Lietuvos sunu 1892. 12°. 103 Geiten.
Beiprochen in der „Apszvieta“, Seite 487 und ſympathiſch begrüßt von der
Yitauifchen Preffe. über den Überſetzer und tefannten Autor von „Musu ponai“,
„Briezka‘ zc, vergl. Drawniaks lettilches STonverjationglerifon S. 297.
— 552 —
14. Budas Senov&s Lietuviy Kalneny ir Zemaieziy pa-
rasz& Simanas Daukantas Vilniaus Universiteto Philo-
zophijosMagistras. AntrasSpaudimas. Plymouth, Pa. Kasztais
„Susiyienyjimo Lietuviy katal. Amerikoje“. Spaustuv&je Jüzo Pauksz-
czio. 1892 m. 8°. 217 Seiten.
Mir erft im Sommer 1893 zugefandt. Dowkont umgemodelt nad der zeit—
genöſſiſchen Zeitungsorthographie, mit einer Beilage von Szernas „Priedas. Senoviszki
Lietuvos Piningai“ auf Seite 204-210. Leider ift Dowkont's Motto meggelaffen
Patrum instituts non temere deserenda. S. Basilius. 42 Seiten.
15. Lietuvos Mesijas. Paraszé lieturiams delprasiblai-
vinimo nu prietaru Nekuningas. Tilzeje. 1890. Kaszta
Lietuvos myletoju ir „Vytauto“ Draugystes. Gedrudt bei
U. Franke, Tilfit. 8%. 24 Geiten.
Dieſes antireligidfe Schriftchen wird energijch von fatholifchen Prieftern ver—
folgt und tft Daher jelten in Ruſſiſch-LZitauen anzutreffen. Kam mir erft im Sahre 1892
zu Händen.
16.Trumpa perZvalga lietuvystäösdarbyAmerikoje 1892
metüse. 16% 96. Seiten. Berfaßt von A. Burba, gedrucdt bei
Paukßtys in Plymouth Ba.
Eine Streitichrift contra Jonas Szliupas und feine Anhänger, die fogen,
„szliupiniai“.
17. Svieto pabanga. Preke 5 kapeikos. TilZeje 1891.
: Spauda M. Jankaus. 16°. 30 Seiten.
Bergl. „Apszvieta“, Seite 488-489.
18. Jükaunos dainos. Tevyniszkos dainos. Tiläaje.
Spauda M. Jankaus. 1892. 18 Seiten.
cf. ibid. 230—231. Vienybe. Geite 431.
19. Catalogue deslivres lithuaniens. Katalogas lietu-
viszku, knygy gaunamy per M. Noveski, Tilzeéje — Tiffit
(Dftprenßen) 1892. 16%. 16 Geiten.
Die sub Nr. 18 angeführten Tevyniszkos giösmes iszduotos per K. Zalvari
beftehen Hiernad) aus 23 Geiten in 8%, Im Jahre 1892 find außerdem erjchienen:
Naujos dainos. T. 80 Seiten. UZ ka mes Lenkams turime buti dekingi arba
nedekingi. T. 1892, 26 Seiten in 8° (— Nr. 114) mir nur aus dem „Varpas‘ befannt;
Aukso Altorius (Rr.130); Balsas Baland&les 16°. 650 Geiten (Ar. 132); Gyvenimas
Iszganytojaus svieto... Vilna 1875. 8°. 366 Seiten (Nr. 142); Kalba dviejy zmogy,
Kazimiero ir Antano, apie kataliky baZnyezios pamatg arba kataliky vienutini,
— 553 —
nuo Jezaus Kristaus jstatyta tikejimq. Parasze Rymo Zemaitis savo brolems.
Vilniuje 1862. 8%. 36 Seiten. (Rr. 154); K. L. 8. Lietuviszkas lementorius ..
Vilniuje 1892. 832 Seiten (Nr. 155) und K. Zalvarys. Katakizmai katalikiszi visu-
reikalingiausei del vaiky ir Zmoniy praszezioku, su lementoriu ir ministrantüru.
Vilniuju 1892. 8°. 56 Seiten. (= Nr. 201). Im Ganzen wären 24 Bücher oder Einzel-
ausgaben im Jahre 1892 erfchienen, ungerechnet die Kalender. Diejer Bücherfatalog
macht den erften nennenswerten Verſuch, das Jahr der abfichtlich falſch datirten
Sontrafaftionen zu beftimmen.
20. Karvesir pienas. Szia kningele iszleido ant naudos
Lietuvos gaspadoriy ir gaspadiniy Ramojis. Bitenai 1892.
Spauda. M. Jankaus. 8°. 31 ©etten.
21. American Edition 1892. Nr. 1—6. Metas pirmas.
Apszvieta Literaturos ir mokslo mänesinis laikrasztis. IszleidZiamas
„Lietuvigy Mokslo Draugystes Amerikoje“. Entered at Plymouth
Pa. Post Office as Secondclass matter. Tiläeje (Prusuose) ir
Plymouth Pa. re Re pas M. Janku, 1892. 8°.
492 Seiten.
Diefe unter Redaktion— des Dr. Sohn Szlupas in Plymouth, dann
in Shenandvad — erſcheinende Monatsſchrift zeichnet ſich durch populärwiſſen—
ſchaftlichen —— antiklerikale Tendenz und ihre reichen bibliographiſch-kritiſchen Bei—
träge aus. — Hervorzuheben find die Artifel über Thomas Münzer, G. Savonarola,
Erasmus“ von Rotterdam, Die „heilige römiſche Inquiſition, die Überjegung von
Hilferding’s Auffag „Litva i Zmud“ vom Sahre 1863, Szezedrin’g „Pasaka apie
tai, kaip vienas sodietis iszgelb6jo du generolu“ u.a. m. In Ir, 6, Seite 473—485
giebt Stanislaus Jurjeviczius eine Überficht der Lituanica in polnischer Sprade
t. y.: suraszymas nekuriy lenkiszky knjgu apie Lietuva, jos istorija, kalbg,
literaturg, ir tt. beitehend im Ganzen aus 158 Nummern. Die Rritif und Biblio-
graphie findet auf Seite 67, 154, 227, 217, 400 und 486 Raum. Leider fehlt ein
Index. Nr. 3 endet auf Seite 40, Nr. 4 beginnt wiederum mit Seite 161—220,
ſtatt 241—299, Nr. 5 mit Geite 301—404, Nr. 6 Seite 405-492. — Jedenfalls
Haben die Aufſätze von Szliupas AndZiulaitis im „heiligen Zemaitien” nicht wenig
Ärgernis und Verbruß hervorgerufen. Für eine vorurteilsfreie Kritik ift fomit unter
den Litauern von Szliupas zuerft der Weg angebahnt worden.
22. Vienybe Lietuvinjku. (Fol. 628 Oeiten).
Das befannte Literarifch » politifhe Wochenblatt der amerifanifhen Litauer
erfcheint das 7. Jahr im Verlage von Jos. Pauksztys und fährt fort, antipolnifchen,
litauiſch-nationalen Intereſſen, wenn auch mit exkluſiv Flerifaler Färbung, zu dienen.
Poeſie und Belletriftif fanden ungleih mehr Raum als Kritik und Bibliographie oder
gar wiſſenſchaftliche Popularifation. Charakteriftifch find unter anderm auch die
Hlerifalen Korreipondenzen aus St. Petersburg. Der Redakteur ift Anton Milukas
Dowkont’3 litauifche Geihichte fährt fort zu erfcheinen, ebenfo ward fein Budas
wieder abgedrudt. Anerkennenswert ift dag Intereſſe für bie Literatur der Letter,
— 554 —
welcher gewidmet find Yängere Auffäge von Zaltys: Latviy atsigaivinimas ©. 164 ff.,
Dr. J. Szl.: Garlibs Merkelis Seite 179, u. ſ. wm. Aug eine Komödie: Aukso
Verszis bon St. Dobrzanski aus dem Polniſchen überfegt von L. fam zur Der-
öffentlihung. Der fleißigſte Korrefpondent ift Zaltys, der regelmüßig Nachrichten
aus Lettland und Sitauen und nüßlihe Auszüge aus den Heimatlichen Zeitungs-
organen brachte. An neuen Beiträgen zur Heimatsfunde fehlt es immer noch in den
litauifchen Blättern, ebenjo wenig find nationalökonomiſch-ſtatiſtiſche Studien zu finden-
46,
Saffenberiht über das XIII. Jahr, Oktober 1891/92.
Ginnabmen:
1. Übernahme vom VBorjahre in bar und Vapier. . . 98117 Mit.
2. Beiträge infl. Nach» und Borauszahlungen. . . . 386,07 „
3. Extra-Einnahmen:
a) Zinſen . . 16,73 „
b) Beihülfe des ofipreuihhen Landis, eig
Bord . ... i * 299,60 „
c) Durch Verfauf von Schriften ae ea ALTO.
d) Vom Königl. Staatsminiſterium Beihilfe . >> 300,00
Summa 2095,27 TR
N
Außdgaben: Far
1. Berwaltung (Poſtſachen, Botenlöhne, Materialien,
Annoncen, Kleinere Druckſachen, Siäungsunfoften) . 239,08 ME.
2. Bibliothek int. Budbideri . . > 2 2 202. 8745 „
3. Honorar für mwijfenschaftlihe Arbeit . . . j 21.10: ;;
4. Drud der Gejellichafts-Arbeiten inkl. Katalog, Beftellgeld 360,85 „
Summa 71448 Mt.
Bilanz: Einnahmen: 2095,27 ME.
Ausgaben: 714,48 ME.
Beitand: 1380,79 ME.
wobon 500 Mark (Tebenslängliche Beiträge) als eiferner
Beitand auf der Sparkaffe; barer Beitand mithin. 880,79 ME.
Tilfit, den 18. Dftober 1892.
Dr. %. Siemering,
Schabmeifter der Lit. litt. Gefellichaft.
—
u
47.
Zur Geſchichte der Geſellſchaft.
Das vierzehnte Vereinsjahr begann mit der Hauptverſammlung am
20. Oktober 1892. Zunächſt verlas der Schriftführer, Pfarrer Stein,
den Jahresbericht. Er teilte mit, daß die Geſellſchaft 206 Mitglieder
zähle (12 mehr als im Jahre zuvor), darunter 3 Ehrenmitglieder und
8 korreſpondierende; gedachte auch der 4 Mitglieder, deren Verluſt die
Geſellſchaft zu beklagen Hatte; es ſtarben nämlich im Jahre 1891,92:
Apotheker Settegaſt, früher in Heydekrug; Rektor a. D. Friſchbier in
Königsberg; Gerichtsrat Guth in Tilſit; Fabrikbeſitzer Mickinn in Tilſit.
— Über die Thätigkeit und die Verhältniſſe der Geſellſchaft wurde ſodann
folgendes berichtet: Die vor einem Jahre angekündigten Arbeiten find
großenteil® abgejchlofien worden. Es iſt im Druck erſchienen: 1. Der
Katalog unjerer Bibliothek (im Dftober 1892: 861 Bände). 2. Das
17. Heft der Mitteilungen, 4l/s Bogen ftarf, welches zu Anfang des
Dftober den Mitgliedern zugegangen ift. 3. Der Drud der Giefmit Balfai
hat begonnen; diefe Sammlung litauiſcher Choralmelodieen fol im Lauf
dieſes Winters den Mitgliedern zugehen. — Dem Provinzial-Landtage
‚sn Oftpreußen und Sr. Exrzellenz dem Herrn Minifter der geistlichen
“Angelegenheiten, welche diefe Arbeiten durch Geldbeihilfen unterftüßt
haben, wird der jchuldige Danf ausgeſprochen. Endlih wird Mitteilung
gemacht über die Vermehrung der Altertümer-Sammlung. — Sodann
dielt der Vorjigende einen Vortrag über die Gitten der Litauer vor
100 Jahren. Nachdem in Kürze die wichtigſten Quellen zur Sitten—
ſchilderung der Litauer vom 15. bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts
angegeben und beurteilt waren, behandelte der Vortrag ausführlich die
Zeit am Ende des 18. Jahrhunderts, hauptſächlich auf Grund der zu
Königsberg 1795 anonym erjchienenen „Notizen von Preußen“, worin
der Verfaſſer (der Geheime Kriegsrat Gervais) „den Charakter und Die
Sitten des National-Lithauers“ aus eigner Beobachtung recht gründlich
behandelt. Sn der an den Vortrag ich anjchließenden Beiprechung
bemerfte Dr. Thimm, Daß es eine lohnende Aufgabe und Ergänzung
dieſes Vortrages wäre, durch Vergleihung mit den heutigen Zuſtänden
”
— 556 —
fejtzuftellen, inwiefern die Sitten des Volkes feit 100 Jahren fich
geändert haben, und wies außer neu anzuftellenden Beobachtungen auf
zwei neuere Schriftiteller Hin als Duellen zu dieſer Sittenschilderung,
nämlich auf eine jtatiftiiche Arbeit des Medizinalrats Weiß in Gum-
binnen (Die ſanitären Verhältniſſe des Regierungsbezirks Gumbinnen)
und auf Temmes litauiſche Erzählungen. Bu einem ſehr Iebhaften
Meinungsaustauſch führte jodann Die Trage, ob die Schilderung von
Gervais ganz getreu oder etwas zu günstig gefärbt fei. Die anmefenden
Surtiten waren, wie erflärlich, geneigt, die Schattenjeiten im Volks—
charafter hervorzuheben, während anderjeits3 Pfarrer Hammer aus Ragnit
bezeugte, daß der Charakter des Bolfes noch heute ſich da am beiten
zeige, wo die Litauer unvermiſcht mit anderen Beſtandteilen beiſammen
jüßen; daß aber von den Deutfchen im Verkehr mit den Sitauern viel
gefündigt, insbeſondere auch durch Mißgriffe der jtaatlichen und kirch—
lihen Behörden früher oft gejchadet ſei. Dberlehrer Kurjchat machte
dazu noch die Bemerfung, Daß Gervais allerdings deutlich beeinflußt
ericheine von der damals herrjchenden Rouſſeauſchen Anficht über Die
Vorzüge der ungebildeten Naturvölfer vor den Kulturmenichen. —
Nachdem jodann von dem Schagmeilter die Jahresrechnung vorgelegt.
und auf Grund der Prüfung die Entlaftung desfelben ausgejprochen
war, wurde zur Neuwahl des Vorſtandes gejchritten. Es wurden Die
alten Mitglieder wiedergewählt: die Herren Profefjoren Lohmeyer und
Bezzenberger in Königsberg, und aus Tilfit die Herren Profeffor Preuß, .
Pfarrer Stein, Kreisichulinjpeftor Schwede, Dr. Siemering und Ober—
lehrer Kurichat.
Sn der nächiten Monatsverfammlung, am 17. November, bielt
zuerft Herr Dr. Thimm einen Vortrag „über die Quellen und Be—
arbeitungen der Gejchichte von Tilſit“. Da diefer gründliche und für
die Zuhörer ſehr anziehende Vortrag jeitdem im Drud erjchienen iſt
(Quellen und Bearbeitungen der Geſchichte von Tilſit. Tilſit, 1892.
Lohauß), Jo gehen wir hier darüber hinweg. Nach diefem Vortrage gab
Herr Sembrzycki einen kurzen Bericht über eine recht gründliche neue
— 557 —
Arbeit von Mierzynski: Monumenta mythologiae Lituanicae (in
polnifcher Sprache). Der Verfaſſer hat hier alles gejammelt, was feit
Tacitus und Caſſiodorus über die Anwohner des baltiichen Meeres
aufbehalten it.
Die folgende Verfammlung fand am 29. Dezember in der Nachbar:
ftadt Memel ftatt, wohin die Mitglieder des Vorſtandes fich begeben
und die dortigen Mitglieder und Freunde des Vereins um jich ver—
fammelt hatten. Der Vorfigende begrüßte die zahlreiche Verjammlung,
indem er darauf hinwies, daß die Gefelljchaft in Memel nicht fremd fei;
habe fie doc) mit von hier aus ihren Anfang genommen; denn ihr
erfter Vorfigender jei der Pfarrer Jacoby-Memel gewejen, der fich um
deren Begründung und erſte Leitung die größten Verdienſte ermorben
babe. Sodann erteilte er dem Schriftführer, Herrn Oberlehrer Kurjchat-
Tilfit, das Wort zu dem VBortrage, welcher oben ausführlich mitgeteilt ift.
Die VBerfammlung am 26. Januar 1893 eröffnete der Vorſitzende
mit einem kurzen Hinweis auf Kaiſers Geburtstag; jodann gab Herr
Noguette, Prediger der reformierten Gemeinde in Tiljit, einen Abriß der
Geſchichte jeiner Gemeinde. Er begann mit der Bemerkung, daß die
Kirchen-Akten weder. vollftändig noch ausführlich genug feien, um daraus
eine zufammenhängende Darftellung zu gewinnen; daher er häufig auf
die befannten umfaffenderen Arbeiten habe zurückgehn müffen, namentlich
Herings Geſchichte der reformierten Gemeinden in Preußen und Rheſas
Presbyterologie. — Der langjährige Aufenthalt des Hofes in Königsberg
während des Dreißigjährigen Krieges gab den bis dahin vereinzelten
Keformierten Schuß und Zuwachs. Auch mehrere Familien vom land-
jäffigen Adel gehörten dieſem Bekenntnis an, 3. B. die Grafen Truchfep
v. Waldburg, 8 Grafen Dohna u. a. Bald kamen Einwanderer aus
Frankreich, Schottland und England dazu. Sie hatten Die bittere
Feindſchaft der herrjchenden Inthertjchen Kirche zu erleiden; auch der
Große Kurfürft konnte feinen Olaubensgenofjen unbefchränfte Religions—
übung nicht verjchaffen; er mußte fogar die Bedingung unterzeichnen,
dag nicht mehr als Drei reformierte Kirchen in Dftpreußen geduldet
— 558 —
werden follten. In Zilfit entjtand die reformierte Gemeinde im Jahre 1667;
zunächſt als eine religiöfe Brüderſchaft. Cigentlicher Gottesdienft begann
aber erjt 1669 in einem Saal auf dem herzoglichen Echloffe (mo jpäter
dag Kreisgericht war) ; jedoch nur dann, wenn ein Prediger aus Königsberg
oder Memel herfam. Der Kaufmann Ritjch erlangte durd) eine Audienz
beim Kurfürften die Erlaubnis, für die Gemeinde einen eigenen Prediger
zu berufen. Der erjte bier angeftellte Geiftliche war Alerander Dennis,
ein Schotte. Dei jeiner erften Predigt hatte er eine Zuhörerſchaft von
22 Männern und 5 Frauen. Bald kamen aus dem Lande Kommuni-
fanten zu Gaſt, Jogar bis von Goldap und Lyck, meist Engländer oder
Schotten, jpäter aud) Bremer und Schweizer. In dem Verzeichnis der
Kommuntlanten finden wir nur 2 deutſche Namen und 2 franzöfiiche:
Kicole de Meſſieurs (aus Ragnit) und Bon; alle übrigen waren Schotten
und Engländer: Krighton, Irving, David, Barclay, Walter, Henderjon,
Arnout, Palfer, Murray, Dijon, Gordon, Kemper, Fraſer, Maclean ꝛc.
Sie ſelbſt oder ihre Väter mögen wohl Presbyterianer gemwejen jein, Die
im Bürgerfriege oder unter Cromwell's harter Herrichaft aus der Heimat
geflohen waren. Der Prediger Dennis, welcher mehrmal3 im Jahre
auch Inſterburg und Lyck zu befuchen pflegte, ftarb 1699. Unter ihm
wurde die reformierte Schule erbaut, da, wo jetzt die reformierte Kirche
ſteht. Durch Gejchenfe und Sammlungen in der Gemeinde und Provinz
brachte man 1300 Gulden zujfammen; die fehlenden Koſten gab aus
jeinem Vermögen ein Mann, den die Gemeinde immer al3 ihren Vater
verehrte, Soh. Irving. Bon ihm wurde im Sahre 1703 die Schule =
amt der Präzentor-Wohnung unter Dach gebracht. Das obere Stock—
werf enthielt einen großen Saal, und dahin wurde 1707 der Gottesdienſt
aus dem Schloß verlegt, wogegen der Lutherifche Landtag vergeblich
protejtierte. Die Belt in den Sahren 1709 und 1710 forderte auch
aus der reformierten Gemeinde ftarfe Dpfer; es ftarben 70 Mitglieder.
Der jchwerfte Verluft dabei war der Tod des bortrefflichen Pfarrers
Irving (1710). Nach der Peſt zogen viele neue Familien aus Dem
Auslande an, unter anderen 1710 Muttray, 1722 Rump. In allen
Dörfern bis 5 Meilen von Tilfit gab es einzelne Pteformierte. Der
—
— 559 —
1. Dezember 1713 wurde auf königlichen Befehl als Gedächtnistag
gefeiert, wegen des Übertritts des Kurfürſten Sohann Sigismund zum
reformierten Bekenntnis (1613). Aus einem Legat von oh. Irving
wurde unter anderem die Drgel angeſchafft. Im Sahre 1735 trat der
Enfel des alten Irving als Adjuntt, und nad) dem Tode feines Vor—
gänger3 in demfelben Jahre als Prediger in das Amt, da3 er fünfzig
Sabre hindurch verwaltete, Die Zahl der Gemeinde betrug damals
etwa fünf- bis jechshundert. Irving war ein vortrefflicher Seeljorger,
aber den weltlichen Geſchäften, der Kafjenverwaltung und dem äußeren
Regiment nicht recht gewachfen. Die Gemeinde war genötigt, im Lauf
diefer Sahre viele Grunditüde, die fie in der Stadt bejaß, zu veräußern.
Große Koften verurfachte die Schule, eine Armenſchule, die nicht nur
fein Schulgeld erhob, fondern vielen Kindern obendrein Kleidung gewährte.
Sm Sahre 1758 mußte die Gemeinde 3000 Gulden Kriegsſteuer an die
Ruſſen bezahlen. Irving ftarb 1788. Nach ihm machte fich Die
rattonaliftiihe Strömung der Zeit auch in der reformierten Gemeinde
merfbar; jchon 1785 war ein modernifiertes Gejangbuch eingeführt
worden, und diefer Richtung gehörte auch der folgende Prediger Lauwitz
an (1785—1798), der an der Form des Gottesdienftes viel änderte,
Die Gemeinde zählte damals zwilchen fieben- und achthundert Seelen.
2, war unverheiratet und jeßte bei jeinem Tode Die Gemeinde zum
Erben ein, "Sein Nachfolger war David Reinhold Behr (1778—1803);
danır folgte Conſtantin Wilh. Behr, Sohn eines Memeler Kaufmanns,
Vorher Prediger in Schleſien und Südpreußen; in Tilſit von 1804 bis
1820. Die Gemeinde nahm in dieſen Sahren zu bis auf 1500 Seelen.
Sn feine Beit fällt die Union. Am 31. Dftober 1817 wurde auch in
der reformierten Kirche das Andenken der Reformation gefeiert; manche
reformierte Gemeinden in der Provinz gingen auch auf die Union ein,
3. B. Göritten und Judſchen. Auch Behr war perjönlich der Union
‚nicht abgeneigt, wollte aber nichts thun gegen die Neigung jeiner Ge-
meinde, welche entjchieden dagegen war. Es folgte ihm 1820 Lambert,
ein glänzender Kanzelredner, milde und freundlich gegen geringe Leute,
daher jehr beliebt, von der entjchiedeniten rationaliftiichen Richtung. Um
— 560 —
jo mehr war feine Kirche gefüllt, teils weil feine Gemeinde wuchs, teils
durch viele Zuhörer aus anderen Gemeinden; und um jo weniger reichte
der Raum der Kirche aus. Daher jeit 1822 daS Verlangen nach einer
Vergrößerung. Im der Cholerazeit befahl die Regierung, den Gottes—
dienft in der litauiſchen Kirche zu halten, wogegen die litauiſche Gemeinde
heftig und erfolgreich proteftierte. Es folgte im Dftober 1842 Albert
Wilh. Behr, vorher in Elbing. Das Leben, das Wirken und die Ver-
diente dieſes ſeines Vorgängers ausführlich zu jchildern, verfagte fich
der Vortragende; zumal da den meiften der Zuhörer die Perſon des
genannten, mit der Stadt engverwachjenen und in allen Freien hoch-
verehrten Geiltlichen wohlbefannt fei. „Bei ihm war die Frömmigfeit
nicht eine Eigenjchaft neben anderen, fondern der durchgehende Grundzug
feines Weſens“; und niemand hörte ihn reden, ohne im Snnerften er-
griffen zu jein von der Wahrhaftigkeit eines reinen Herzens, deſſen Wort
zum Herzen drang, weil es aus der Fülle des Herzens kam. Unter
ihm wurde Die neue Agende eingeführt (1856), zum Teil in Anlehnung
an das ältere Kormular ; in demjelben Sinne folgte die Einführung des
neuen Geſangbuchs. Im Jahre 1868 erhielt er als Superintendent Die
Snipeftion über alle reformierten Gemeinden in Dft- und Weftpreußen.
Dies Amt legte er 1883 nieder, und 1887 erbat er auch den Abjchied
von jeinem Wrediger-Amt, furz vor dem Tage des fünfzigjährigen
Jubiläums. Doc Hat er auch in der Vakanz noch öfter gepredigt.
Er ftarb am 12. März 1888 und wurde am 16. bejtattet. — "Bei der
dieſem Vortrage folgenden Beiprechung machte der Vorfigende auf eine
joeben im Druck erfchienene Arbeit eines unjerer Mitglieder aufmerkam, ”
welche als Hülfsmittel bei dem eben vernommenen geichichtlichen Abriß
wohl zu beachten wäre; nämlich von Joh. Sembraydi war Ende 1891
herausgegeben: „Die Schotten und Engländer in Oftpreußen und Die
Brüderſchaft Groß-Britannijcher Nation zu Königsberg” (Separatabdrud
aus der Altpreußifchen Monatsjchrift, Band XXIX., Heft 3 und 4).
— Zum Schluß diefer DVerfammlung teilte der eben genannte Herr
Sembrzuycki eine handichriftliche Sammlung mit über Aberglauben in
Litauen. Den breiteften Raum nimmt hier noch immer der Glaube —
— 561 —
an Beherung oder „Bezanzelung” des Viehes ein; auch der Kinder, —
teils durch böswillige Zauberfünfte, teil durch zu vieles Loben; des—
gleichen die Mittel, den Zauber zu vereiteln, wobei natürlich alte Eluge
Weiber die Hauptrolle jpielen. Man erfieht daraus, wie viel Aberglauben
hier zu Lande noch immer im Schwange geht. Die Schilderung ftammt
aus den 70er Sahren.
Die folgende Berfammlung am 16. März bot zwei Vorträge über
die Sitten der Litauer. Der Gegenstand fchien eine bejondere Anziehungs—
fraft gehabt zu haben, denn e& hatten fich unerwartet zahlreiche Zuhörer,
darunter auch National-Litauer, ſonſt jehr jeltene Gäſte, eingefunden.
Der erite Vortrag, von Herrn Prediger Dembowski über die litauiſchen
Feſtgebräuche, nach der Reihenfolge des Kirchenjahrez geordnet, ijt oben
ausführlich zum Abdrud gebracht. Nachdem von mehreren Mitgliedern
ergänzende Bemerkungen zu diejem VBortrage gegeben waren, verlas Herr
Sembrzycki die Schilderung einer litauiſchen Hochzeit vor 50 Jahren.
Unter Litauen im engeren Sinne verfteht man heute meift nur Die
Gegend zwiichen Memel und Ragnit. Jedoch auch jüdlich des Memel-
ſtroms bis in das Pregelthal find" noch heute beachtenswerte Reſte echt
Ittauifcher Bevölkerung und Sitte, 3. B. im Gebiete von Norlitten, noch
mehr in der Gegend’ von Zabiau, und dahin, in ein Dorf des Kirchſpiels
Laukiſchken, führte die Schilderung. Das genannte Kirchipiel zählte vor
50 Jahren noch zu */o Litauer, jet noch 2/s der Geſamtbevölkerung. Aus
der jehr anfchaulichen und eingehenden Echilderung erfuhr man manches,
was als allgemeiner Titauiicher Brauch auch ſonſt und aus amderen
Gegenden befannt ift, aber auch anderes Cigentümliche, ven Zuhörern
Neue. Eine Hauptrolle bei der Hochzeitsfeier ſpielt der Platzmeiſter, der in
altertümlichem Auspug auf feinem Pferde in die Stube reitet und da
vom Pferde herab jeine Einladung in endlos langen Sprüchen -und
Berjen vorbringt; dieſe wurde in verkürzter überſetzung mitgeteilt. Der
Plagmeifter wird mit vielerlei Tüchern beſchenkt. Es folgt die Übergabe
der Hochzeitsgejchente der. Eingeladenen in dem Hochzeitshaufe, jchon
acht Tage vor der Hochzeit; denn dieſe Geichenfe beftehen nur aus
36
— 562 —
Lebensmitteln, Gänfen und allerlei Fleiſch, Mehl, Schmalz, Butter.
Dann wurde die umftändliche Bereitung des volfstümlichen Seftgetränfes,
des Alus, ausführlich befchrieben. Am Hochzeitztage jelbft, immer einem
Sreitage, ift Das ftehende Mittageffen Reis, damals noch als Delifateffe
geltend, und gefochtes Fleiſch. Bei der Fahrt zur Kirche erblickte man
dann die 28 Vorreiter, welche in tollem Jagen wetteifern, zuerft am
Biel anzufommen und fodann die nachfommenden vielen Wagen zu be-
grüßen. Ähnlich die Rückfahrt, wobei noch größeres Getümmel mit
unabläjfigem Schreien und Kreifchen der Männer und Weiber einen
Hauptteil der Feftfreude bildet. Bei dem Hochzeitsmahl bedient fi
jeder zum Zerteilen des Fleiſches feines mitgeführten Mefjers. — Zum
Schluß teilte der VBorfigende mit, daß Herr Sembraydi leider in furzem
Tilfit wieder verlaffen werde; erinnerte daran, daß die Gejellichaft an
ihm einen treuen Mitarbeiter gehabt habe, von dem regelmäßige Beiträge
in den gedrudten Mitteilungen erjchienen feien; der dann an den
Monatsſitzungen häufig durch Vorträge ſich Dank verdient Habe, und
ſprach die Hoffnung aus, daß er auch künftig der Gefellihaft durd)
Ichriftlichen Verkehr ein treues Mitglied bleiben werde; worauf die Ver—
jammlung durch Erheben von den Sigen ihm den Scheidegruß darbrachte.
Die lebte Sigung des Bereinsjahres am 22. April eröffnete der
Borfibende mit einem ehrenden Nachruf für ein kürzlich verſtorbenes
Mitglied, den Pfarrer Laudien in Szillen, einen Geiſtlichen, der ſich
auch durch ſprachwiſſenſchaftliche Studien an den Arbeiten des Vereins
beteiligt hat. Sodann ergriff das Wort Herr Profeſſor Lohmeyer aus
Königsberg, der, ſelbſt ein langjähriges Mitglied des Vorſtandes, auf
die Bitte desſelben herübergekommen war, um der zahlreichen Ver—
ſammlung ein für unſere engere Heimat intereſſantes Ergebnis ſeiner
neueſten Studien in den Archiven in Berlin und Königsberg vorzutragen.
Man lernte aus diefem Bortrage das Leben umd die Bedeutung eines
bisher faum dem Namen nach befannten Staatsmannes aus dem 16. Jahr:
Hundert kennen, des Kaſpar v. Noſtitz, der, aus Schlefien gebürtig und
durch gründliche Univerfitätsftudien und ſtaatswirtſchaftliche Thätigfeit
im Auslande vorgebildet, der Damals neuen volfswirtfchaftlichen Schule
— 563 —
angehörig, als Kammerrat in Dienſten des Herzogs Albrecht in Preußen
und der nachfolgenden Regierung bis zu ſeinem Tode thätig war
(+ 1588 in Königsberg); eines Mannes, der durch feine Verdienſte um
Acer: und Forftwirtichaft, um die Herftellung der fisfalifchen Mühlen,
bejonders durch feine für jene Zeiten ſtaunenswerte Fürforge für Die
Waſſerwirtſchaft und künſtliche Fifchzucht, für Räumung und Sciffbar-
machung der Flüffe im Oberlande und in Litauen eine hohe Bedeutung
für unfere Heimat gehabt hat. Genauer auf den Inhalt des im Höchiten
Grade neuen und anziehenden Vortrages einzugehen, ift an di.,er Stelle
überflüffig, da dieſe Studien jeitdem in ausführlicher Darftellung im
Druck erjchtenen find unter dem Titel: Kaſpars dv. Noſtitz' Haushaltungs-
buch des Fürſtentums Preußen 1578. Ein Uuellenbeitrag zur politiichen
und Wirtichaftsgeihichte Preußens. Im Auftrage des Vereins für die
Geſchichte von Dft- und Weftpreußen, herausgegeben von K. Lohmeyer.
Leipzig. Dunder & Humblot 1893.
Bor feinem Abſchied von Tilfit ftellte der Herr Profeſſor bei dem
Borftande noch den Antrag, daß die Gejellichaft mit der Nedaktion des
Unzeiger3 der Afademie in Krakau in Berbindung treten möge zum
Zweck des wifjenichaftlichen Verkehrs und Schriftenaustaufches.
Zur Erledigung der geſchäftlichen Angelegenheiten fanden in der
Zeit dom 25. Dftober 1892 bis 31. Mai 1893 fieben Sigungen des
Borftandes ftatt. Prof. TH. Preuß.
x” 48,
* Uutteratur-Wericht.)
Litauiſche Zeitungen.
1. „Nuſidawimai apie Ewangelijos Praplatinima" (itauiſches
Miſſionsblatt), Königsberg (Oſtpr. Verlags-Druckerei), monatlich
einmal. Red.: Pfarrer Penſchuck (Mehlauken).
2. „Lietuwißka Ceitunga“, Memel (Holz & Szernus), wöchentlich.
3. „Tilzes Keleiwis“, Tilſit (Reyländer & Sohn), wöchentlich zweimal,
mit einer wöchentlich einmal erſcheinenden Predigtbeilage. Ned.:
Arnaſchus.
—
+
*) Die mit W. unterzeichneten Bemerkungen find von Hertn Dr. &. Wolter:
Petersburg; die mit S. bon Heren J. Sembrzycki-Memel.
» 36*
— 564 —
4. „Konzerwatywu Draugyſtes-Laißkas“, Prökuls (Traufchies),
wöchentlich einmal. Das Beiblatt führt den Namen „Keleiwis“.
5. „Pakajaus Baflas" — „Friedensbote“, Memel (Siebert),
Halb litauiſch, Halb deutjch, wöchentlich einmal, Drgan des fogen.
„Oſtpreußiſchen Gebetvereins“ (Chr. Kufat).
6. „Nauja Lietuwißka Ceitunga“, Tilſit, (v. Mauderode),
wöchentlich zweimal.
7. „Apzvalga“, Tilſit, (v. Mauderode), monatlich zweimal.
8. „Ukinikas“, Tilſit, (v. Mauderode), monatlich einmal.
9. „Varpas“, Tiljit, (v. Mauderode), monatlich einmal.
0. „Saule“, Mahanoy City, Pennſylvanien, 6. Sahrg., wöchentlic)
einmal. Red.: Boczkauskas.
11. „Vienybe Lietuwniku“, 7. Jahrgang, Plymouth, Penn—
ſylvanien, wöchentlich einmal. Red.: Miluks.
Ateneum, Zeitſchrift für Wiſſenſchaft und Litteratur. Warſchau.
Enthielt 1891 eine Arbeit von Al. Jablonowski über „Die Beſiedelung der
Ukraine in der litauiſchen Epoche”. Rec: Kwartalnik Historyczny VI,
S.
pag. 865.
Auning, R. Über den Iettifchen Drachen- Mythus, ein Beitrag zur
lettiſchen Mythologie. Mitau und Riga, A. Stieda, 1892. 8°,
128 pag. 3 Marf.
Bartholomae, Chr. Ariſches und Linguiftiiches. Sonderabdrud aus
den Beiträgen zur Kunde der indogermanijchen Sprachen 15. und
17. Band. Göttingen, 1891. Bandenhöd & Ruprecht.
Bechtel, Frit. Die Hauptprobleme der indogerranifchen Lautlehre
feit Schleicher. Göttingen, 1892. Vandenhöck & Ruprecht.
Der Berfaffer hat fich die dankbare Aufgabe geftellt, die wichtigſten der zahl—
reichen Entdeckungen, die in den beiden legten Jahrzehnten auf dem Gebiet
der indogermaniſchen Lautlehre gemacht find, in ihrem hiftoriichen Zufammere
hange darzulegen. Diefe Aufgabe hat er in ebenfo befonnener wie umfichtiger ”
Weiſe gelöſt Doc ift die Konfonantlehre ftiefmütterlich behandelt gegenüber
dem Vofalismus. Zwar ift Bezzenberger-Oſthoff's Entdedung der indogerman.
dritten Guttural-Neihe verwertet, aber an der Entdedung Bezzenberger’s, daß
der jchleifende und der geftoßene Accent ſchon der Urſprache angehört, hätte der
Verfaſſer nicht fo raſch vorübergehen follen. “
Beckherrn, C. Die Wappen der Städte Alt-Preußens. Mit
15 Tafeln. Königsberg, 1892. 8°, 68 pag. Sonderabdruck aus
der „Altpr. Monatsichrift”.
Benfey, Theod. Kleinere Schriften. Ausgewählt und herausgegeben
von Ad. Bezzenberger. Berlin, 1892. Reuther. 2 Bände,
Enthält Studien zur indogermanifchen Sprachwiſſenſchaft und in Band II
Beiträge zur vergleichenden Sagen: und Märchenkunde.
= 1,6
Bezzenberger, A. Zum baltiſchen Vofalismus. Beiträge zur Kunde
der indogermanifchen Sprachen. X VI, Seite 213 ff. (1891).
— Beiträge zur Kunde der indogermanifchen Sprachen. Herausgegeben
bon ..... Band XVIII. 1. und 2. Heft. Göttingen, 1892.
Bandenhöd & Nuprecdt.
Bielenftein, Dr. U. Die Grenzen des lettiſchen Volksſtammes und
der lettiichen Sprache in der Gegenwart und im 13. Jahrhundert.
Mit einem Atlas von 7 Blättern. St. Petersburg, 1892. (Ge—
druckt auf Befehl der Katjerl. Akademie der Wiſſenſchaft).
Brückner. Derlitauifch-polnische Katehismus vom Jahre 1598. (Archiv
für jlavifche Philologie. XIII, pag. 557 ff. (1891).
PBrugmann, Karl, Brof. Grundriß der vergleichenden Grammatik der
indogerman. Sprachen. (Altindiſch, Iraniſch, Armeniſch, Griechtich,
Lateinisch, Umbr., Samn., Iriſch, Gotiſch, Althochdeutſch, Litauiſch,
Altkirchenſlaviſch), Straßburg, 1892. Trübner. (14 M.) —
(2. Band. Der 1. erſchien 1886).
Catalogue de livres lithuaniens. Katalogas lietuviszku knygu,
gaunamu per M. Noveski. Tilzeje, 1892. 16°,-165.
Diefer Katalog umfaßt im Ganzen 202 Nummern litauifcher oder iiber
Litauen handelnder Drude, welche in drei Gruppen geteilt find: Zeitichriften
(Nr. I— 10), Bücher wiffenfhaftlid slitterariihen Snhalt (Nr. 11—124) a»
religiöfe Werte ae
Czarnowski, ©. 3. Anſichten von Wilna und Umgegend. Barieian
und Krakau 1892. (Zehn Photographien Cabinet). 10 Marf,
Ewangeliszkoses Kalendros ant 1892 nü J. Trauszio,
Prökuls. 80. 72 und 32 Seiten.
Friſchbier, 9. Dftpreußifcher Alltagglaube und Brauch. (Am Urguell.
Monatzichrift für Volkskunde. Herausgegeben von Krauß. 3. Bd.
8. Heft).
Halling, Direktor in Memel. Aus Memels großer Zeit. In „Zeit—
Ihrift für weibliche Bildung“ und „Memeler Dampfboot“ 1892,
Nr. 112 (Beilage).
Behandelt den Aufenthalt der Königl. Familie in Memel 1807-1808 und
die damit verbundenen Erinnerungen und Andenken, 8.
Koneczny, F. Dr. Jagielo ı Witold I. Podezas uni kre-
wskiéj, 1382—1392 (S.-A. a. d. „Przewodnik naukowy i lite-
racki‘). Lemberg, Oelbitverlag, 1893. 8%, 212 Seiten.
Zandesfundliche Litteratur der Provinzen Dft- und Weft-
preugen. Herausgegeben von der Königsberger Gengraphifchen
— 566 —
Geſellſchaft. I. Allgemeine Darjtellungen und allgemeine Karten.
Königsberg, 1892. 8°. V und 71 pag. 2 Marf.
Nec.: „Altpreuß. Monatsfhrift” XXIX, pag. 451—453, von J. Sembraydi.
Latkowski, 3. Mendog, König von Litauen. (Anzeiger der Akademie
der Wiſſenſchaften in Krafau, 1892, März).
Lewicki, Anatol, Dr. Prof. Powstanie Swidrygiely (Der Auf—
ftand des Smidrigello, ein Abfchnitt aus der Geſchichte der
Bereinigung Litauens mit Polen). ©.-U. aus Band XXIX der
Abhandlungen der Hiftoriich-phrlof. Abteilung der Afademie der
Wiſſenſchaft zu Krafau, 1892. ©r 8°, pag. 389.
Die Arbeit erhielt von der polnijchen Hiftorifch -litterarifchen aim zu
Paris den eriten Preis.
Lohmeyer, Prof. 8. Kafpars v. Noſtitz Haushaltungsbuch des Fürften-
tums Preußen 1578. Ein Quellenbeitrag zur politiichen und
Wirtſchaftsgeſchichte Altpreußend. Im Auftrage Des Bereins für
die Gefhichte von Oſt- und Weſtpreußen herausgegeben Xeipzig,
Dunder & Humblot 1893.
Medalje, J. Ohmeverftand, ein litauiſches Märchen. (Zeitſchrift für
Volkskunde I, 1 £. (1888).
Moſcheik, C., Prediger. Geichichte der Stadt Stallupönen. Stallu-
pönen, 1892. 8°, 45 pag. — 1 Mark.
Nast, Louis. Die Volkslieder der Litauer inhaltlih und muſikaliſch.
Wiffenjchaftliche Beilage zum Bericht des Königl. Gymnaſiums zu
Tilſit, 1893.
Sn einer Anzeige von H. Draheim, Wochenſchrift für Elaff. Philologie 1893,
Spalte 844 ff. heißt es darüber: „Die fleißige Arbeit empfiehlt fich ebenſo
durch den Gegenstand mie durch die Behandlung. Naſt's Definition des Auf-
taftes ift angreifdar, wie auch die Behauptung, dag in rhythmifcher Beziehung
völlige Negellofigleit herrſche, weil 2= oder 4zteilige Taftphrafen mit 3eteiligen
abwechjeln. Ein Verdienit ift, daß N. die Möglichfeit andeutet, in den Me='\
Iodieen die griechifchen Tonarten nachzuweiſen. Möchte er dieſen Gedanken
weiter verfolgen.”
Prellwitz, Dr. W. Die deutjchen Beftandteile in den lettiichen Sprachen.
1. Heft: Die deutſchen Lehnmwörter im Preußiſchen und Lautlehre
der deutichen Lehnwörter im Litauifchen. Vandenhöck & Ruprecht.
Göttingen, 1890.
— Etymologiſches Wörterbuch der griechiihen Sprache. Göttingen.
Vandenhöck & Ruprecht 1892.
Sembrzydi, J. Oſtpreußiſche Sprichwörter, Volfsreime und Pro-
pinztalismen. (Am Urquell, Monatsſchrift für Volkskunde. 3. Bd.
3. Heft).
— 567 —
— Die Schotten und Engländer in Dftpreußgen und die Brüderichaft
Groß-Britannifcher Nation zu Königsberg. Altpreußiiche Monats-
ſchrift XXIX, pag. 228— 247,
— Hermann Friichbier, Nefrolog. Ebenda, XX VIII, pag. 658—661.
— Die polnischen Neformierten und Unitarier in Preußen. Nach ge-
drudten und ungedrudten Quellen. Cbenda, XXX, pag. 1-96.
Auch als bejondere Brofchüre: 1 BL. 100 pag.
— Hundert oftpreußiiche Volkslieder in Hochdeutfcher Sprache. Ge-
fammelt und mit Anmerkungen verjehen von 9. Friſchbier und aus
deffen Nachlaß Herausgegeben von 3. Sembrzycki. Leipzig, 1893.
Carl Reißner. 8°, VIII und 152 pag.
Seraphim, A. Über Auswanderungen Iettifcher Bauern aus Kurland
nach Oſtpreußen im 17. Jahrhundert. (Altpreußiiche Monatsichrift,
herausgegeben von Neide & Wiechert. 29. Band, Heft 5).
Skirmuntt, Konstancya. Z najstarszych czasöw plemienia
lit@wskiego I. (Aus den älteiten Zeiten des litauiſchen Stammes 1.)
Krakau, 1892. Gebethner & Co. 8°, 163 Seiten, 1 arte.
Stownik Geograficzny Krölestwa Polskiego (Geographiiches
Lexikon des Königreich Polen [und der angrenzenden Länder]).
Band XII, Heft 141, Warihau 1893.
Enthält auf Seite 702 und 703 die ausführlichen Artitel „Tilſit“, „Tilſit—
Preußen“ und „Kreis Tilſit“ von J. Sembrzycki. Werner ift daraus
zu erjehen, daß es auch in Zemajten, im Schaulenſchen SKreife, ein Dorf
Tylze giebt.
Sochaczewer, Ludwig. Aus vergangenen Tagen. Memeler Er-
innerungen aus binterlafjenen Tagebuchblättern zujammengeftellt.
Sonntaga-Beilage des „Memeler Dampfboot” 1892, Nr. 15—40.
Umfaßt die Jahre 1848 bis Ende 1855 und enthält auch manche beachtens-
werte Notizen zur Charakteriſtik der Litauer jener Gegend. S.
Wista, geographiich - ethnographiiche Heitjchrift, unter Leitung des
Dr..J. Kartowicez, Warſchau, 1892. Band VI.
Heft I, pag. 228: Pilkalnie: pag. 230: Anwendung des Mohns in
Zemajten, von M. Domojna = Sylmeitromwicz. — Heft IL, pag. 423: Kurze
Notiz über Sammlungen von Pflanzen, die von den Litauern als Heilmittel
und zu abergläubifchen Gebräuchen angewendet werden, von M. Domojna-
Sylmeftrowiez. — pag. 433—434: Pilkalnie (intereffante Notizen) von
Jastrzebowski. pag. 444: Mina-Kalnas — Heft IL, pag. 673-675:
Beitrag über Bilderfhriit und Ahnlides in Zemajten,, von
M. Domojna-Sylweftromicz (unter anderem Schmiedemarfen auf Ixten ;
Steine mit Abdrüden eines Menſchenfußes: Lajmes peda, Laumes
akmtü; Zeichnungen von Vögeln und aus Holz geichnikte Vögel auf Grab—
freuzen jehr häufig — cf. Mittheilungen der fit. litt. Gef, IL, 882), Sn
demfelben Hefte pag. 734 „Litautihe Wagen aus dem Kowno'ſchen“,
von Alfred Römer, mit Abbildung.
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Thimm, Dr. R. Hiſtoriſches Tagebuch der Stadt Tilfe vom De-
zember 1812 bis Auguſt 1814, geführt von dem Stadtjefretär
Salchow. Tilfit, 1893. W. Lohauf.
— Duellen und Bearbeitungen der Gefchichte von Tilſit. Zilfit 1893.
Berlag von W. Lohauß. (Bortrag in der Ritauifch Titterarifchen
Serellidaft am 17. November 1892).
UZ ka mes Lenkams turime buti dekingi arba nedekingi?
(Wofür ſollen wir den Polen gegenüber dankbar oder undanfbar
jein?) ©.-U. aus der Zeitichrift „Varpas“. Tilftt, 1892. 8",
pag. 26.
-Weryho,Wt. Podania totewskie (Xettilche Sagen). Biblioteka
Wisty X. Warſchau, 1892. DM. Aret. SL. 8°. 227 pag. 65 Kop.
MWeitphal, Audolf. Allgemeine Metrit der indogermanifchen und
jemitiichen Völker auf Grundlage der Sprachwiſſenſchaft. Berlin.
Calvary 1893.
Sn 8 61 unter dem Titel „Accentuierende Verſe der Litauer“ geile 311
bis 316) weiſt Verfaſſer nad, daß in den litauiſchen Dainos, mie in der
ruffiihen Volkspoeſie, die Versbetonung unabhängig ift vom Wort⸗ ⸗Accent, daß
das Metrum alſo nur mit Hülfe der Melodie zu beſtimmen iſt, und ſomit das
litauiſche Volkslied gänzlich auf dem Boden der altiraniſchen Poeſie fteht.
Als Beiſpiele giebt W. aus Neſſelmanns Sammlung Pr. 2, 123 und 141,
letzteres Lied mit Melodie.
Wiedemann, Oskar. Zu den litauischen Auslautgeſetzen. Zeitſchrift
für vergleichende Sprachforſchung XXXII. Seite 109 ff. (1891).
Zielinska, M. PBranka litewska (Die litauiſche kriegs—
gefangene Sklavin) Erzählung auf hiſtoriſcher Grundlage für
die Jugend. 2. Auflage. Lemberg, 1891).
Für die gütige und wertvolle Unterftügung bei der Zuſammen—
ftellung dieſes Berichts fei den Herren 3. Cembraydi, Dr. E&. Wolter _
und Heren stud. phil. 9. Reinhold in Berlin auch an bief jer Stelle
unfer ergebenfter Dank ausgelprochen.
Brof. Th. Breuß.
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Aus dem Statut
der Litauischen ltterarischen Gesellschaft.
(Tilsit, den 27. Oktober 1880).
$ 1. Die „Litauische litterarische Gesellschaft“ bildet den
Mittelpunkt für die Bestrebungen, alles auf Litauen und die Litauer
Bezügliche, sei es sprachlicher, historischer, ethnographischer und
dergl. „srt, durch Sammlung und Aufzeichnung für die Wissenschaft
zu erhalten.
85. Der Jahresbeitrag jedes ordentlichen Mitgliedes
beträgt 3 Mark vorauszahlbar, welche bis zum 1. April an den
Schatzmeister eingezahlt sein müssen, wenn nicht die Einziehung
durch Postvorschuss gewünscht wird. — Einmalige Zahluug von
50 Mark gilt als Beitrag für Lebenszeit.
Zu beziehen durch Carl Winters Universitäts- uni
in ————
Jolocleen tausche — **
gesammelt
und
mit Tortühesetzuig, Anmerkungen und Einleitung
im Auftrage der Litauischen literarischen Gesellschaft
herausgegeben
( von
Christian Bartsch.
— — — *
I. Teil NXXII und 248 8., gr. 8° 1887. Preis: 5 Mark.
II. Teil NV und 304 8., gr. 8° 1889. Preis: 6 Mark.
"gedruckt bei Otto v. Maudeıode, Tilsit.